Skip to main content
Internet Archive's 25th Anniversary Logo

Full text of "Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur"

See other formats


Google 



This is a digital copy of a book that was prcscrvod for gcncrations on library shclvcs bcforc it was carcfully scannod by Google as pari of a projcct 

to make the world's books discoverablc online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 

to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 

are our gateways to the past, representing a wealth of history, cultuie and knowledge that's often difficult to discover. 

Marks, notations and other maiginalia present in the original volume will appear in this flle - a reminder of this book's long journcy from the 

publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prcvcnt abuse by commercial parties, including placing lechnical restrictions on automated querying. 
We also ask that you: 

+ Make non-commercial use ofthefiles We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain fivm automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machinc 
translation, optical character recognition or other areas where access to a laige amount of text is helpful, please contact us. We encouragc the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attributionTht GoogXt "watermark" you see on each flle is essential for informingpcoplcabout this projcct and hclping them lind 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are lesponsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can'l offer guidance on whether any speciflc use of 
any speciflc book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search mcans it can bc used in any manner 
anywhere in the world. Copyright infringement liabili^ can be quite severe. 

Äbout Google Book Search 

Google's mission is to organizc the world's Information and to make it univcrsally accessible and uscful. Google Book Search hclps rcadcrs 
discover the world's books while hclping authors and publishers rcach ncw audicnccs. You can search through the füll icxi of ihis book on the web 

at |http: //books. google .com/l 



Google 



IJber dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Realen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfugbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 
Das Buch hat das Uiheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nu tzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in Partnerschaft lieber Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nie htsdesto trotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu veihindem. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 
Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche Tür Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials fürdieseZwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google-MarkenelementenDas "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser We lt zu entdecken, und unterstützt Au toren und Verleger dabei, neue Zielgruppcn zu erreichen. 
Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter |http: //books . google .coiril durchsuchen. 



BEITRÄGE 

ZUR 

GESCHICHTE DER DEUTSCHEN SPRACHE 

UND LITERATUR. 



UNTER MITWIRKUNG VON 
HERMANN PAUL UND WILHELM BRAUNE 

HERAUSGEGEBEN 

VON 

EDUARD SIEYERS. 



XYII. BAND. 



HALLE A. S. 

MAX NIEMEYBR. 
1898. 



INHALT. 



Seite 

Die sttdmark der Oermanen. Von R. Mach 1 

Die Germanen am Niederrhein. Von demselben 137 

Goten and Ingvaeonen. Von demselben 178 

Berichtigangen and nachtrage. Von demselben 221 

Zar gesohichte der verbindangen eines s bez. $ch mit einem con- 

sonanten im nenhochdentschen. Von 0. Aron 225 

Grammatisches. Von W. vanHelten 272 

(XVIII. Zar geschichte der den got. -ds^ -ömy -dn and -d ent- 
sprechenden endsilbenvocale in den andren altgerm. dialekten 
and verwantes: s. 272. — XIX. Zar geschichte des -ati(-) im 
altgerm.: s. 285. — XX. Ueber die erhaltang des -u in drei- 
and viersilbigen formen im ahd., as. and aonfrk.: s. 288. — 
XXI. Ueber die entsprechnngen von altem *-nassuz, *'X^it5uz, 
*'Skapi: s. 297. — Nachträge: s. 802). 
Za y. Richthofens Altfriesischem wOrterbach. Von 0. Bremer 803 
Die Bistritzer mnndart verglichen mit der moselfränkischen. Von 

G. Kisch 347 

Eine vermeintliche ausnähme von der i-amlantsregel im altnordischen. 

Von E. Wadstein 412 

Etymologisches. Von C. C. Uhlenbeck 435 

Die reiserechnangen des bisohofs Wolfger von Passan. Von A. H f e r 441 

Grammatisches. Von W. van Helten 550 

(XXII. Zn den comparativsaffixen der adjectiva and adverbia 
im germanischen : s. 550. — XXIII. Die westgerm. endangen 
der 2. sg. praet. ind. starker flexion and der 2. sg. praes. and 
praet opt: s. 554. — XXIV. Ueber die synkope des thema- 
vocals in den ags. and afr. endungen für die 2. und 8. sg. 
praes. ind.: s. 556. — XXV. Zar flexion der verba gehen and 
sieheni s. 557. — XXVI. Noch einmal zur geschieht von -öwj- 
und -dwi{') in den germ. dialekten: s. 563. — XXVII. Got. 
bauan u. s. w. : s. 566. — XXVIII. Die behandlung von un- 
gedecktem -e im urgerm.: s. 567. — XXiy^ Die got endung -^ 
'S des gen. plur. : s. 570). ^ 

Aldius. Von W. Brückner 573 

Blond und flävus. Von G. E. Karsten 576 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 

Aus uDgetrübten geschichtlichen quellen schöpfen wir die 
künde, dass dereinst ganz Süddeutschland von keltischen stammen 
besetzt war. Mit den Zeugnissen der alten gewährsmänner stimmt 
das der Ortsnamen überein; ja das letztere verrät uns kel- 
tische spuren selbst im südwestlichen teile Norddeutschlands. 
Doch war hier die Kheingrenze früher und, wie sich noch zeigen 
wird, überall schon von den Germanen erreicht worden, bevor 
sie auch südwärts vom Main und dem nordrande von Böhmen 
und Mähren festen fuss fassten. 

In der mitte der alten keltischen Stellung in Süddeutschland 
liegt, durch einen umlaufenden gebirgswall geschützt und gleich 
einem bollwerk nach norden vorspringend, das land Böhmen. 
Sein name, der nichts anderes als der dat. plur. des seinerseits 
widerum aus dem landesnamen Beheim (= Boiohaemum, ßoihae- 
mum, Bovlaifiov) gebildeten volksnamens ahd. Biheima (»- BaZ/ioi, 
Bai[v]oxatfiai) ist, bewahrt uns mittelbar die germanische be- 
Zeichnung des alten Boierlandes bis auf unsere tage, so dass 
wir über dessen läge schon nicht mehr im zweifei sein können. 
Auf germanischer seite wird uns der name der Boier auch 
noch in dem der landschaft Baias, eines teiles der patria Mbis 
beim geographen von Bavenna, überliefert, ferner in dem der 
aus Böhmen stammenden Baioarii Baiem, endlich in Beomnida, 
einer deutschen bezeichnung der Tschechen im mittelalter. Alles 
weist also hier auf dieselbe örtlichkeit hin. 

Unmittelbar bezeugt sind die Boier in Deutschland nur 
durch drei antike quellen. Nach Strabo p. 293, der sich dabei 
auf Posidonius beruft, sassen sie zur zeit des Kimberneinfalles 
noch am erkynischen walde: ^riol 61 xal (o Ilooeiöciviog) Bolovg 
Tov ^Eqxvvcov 6(fvfi6p olxelv jiqoxbqov ' xovg öh EUfißgovg oq- 

Beiträge sur geiohiohte der deatsohen spraohe. XVII. \ 



2 MÜCH 

(lifiavraq knl xov xonov tovrov, cbtoxQovöd'ivTag vjto t(5v 
Boltop ijtl tov "lOTQOtf xal xovg SxoQÖiöxovq FaXazag xara- 
ßrjvai, Caesar nennt da, wo er von den gallischen nieder- 
lassungen in Germanien spricht, die Boier nicht mehr, wusste 
aber doch, dass sie ehemals dort gewohnt hatten. Boiosque, 
qui trans Rhenum incoluerant et in agrvm Noricum trans- 
ierant, Noreiamque oppugnarant, receplos ad se socios sibi ad- 
sciscunt heisst es BG. 1, 5 von den auswandernden Elvetiern. 
Tacitus endlich versichert uns Germ. 28, nachdem er von der 
einstigen ausbreitung der Gallier ttber den Rhein im allgemeinen 
gesprochen hat: igitur tnter Hercyniam silvam Rhenumque et 
Moenum amnes Uelvetii, ulteriara Boii, Gallica uiraque gens, tenuere. 
Darin kommen also alle drei berichte überein, dass sie von der 
ansässigkeit der Boier in Deutschland als von etwas vergangenem 
sprechen. Gegen Süden dürften Boier bis hinab zur Donau ge- 
reicht, ja selbst noch eine art brückenkopf auf dem rechten 
Stromufer besessen haben, Boiodurum an der mündung des Inn, 
gegenüber von Passau, d. i. seinem namen nach die Boierfeste, 
wie Batavodurum diejenige der Bataver. Dass ihre sitze das 
heutige 'Böhmen und Baiern' gewesen seien, wie Mommsen KG. 
2<^, 166. 3^,244 vermutet, ist freilich so haltlos, dass es nicht 
erst widerlegt zu werden braucht; man vgl. übrigens Müllenhoff 
DA. 2, 267. 

In den westen von Boihaemum bis zum Main und Rhein 
kommen nach der oben ausgehobenen stelle aus Tacitus Germ. 28 
in vorgeschichtlicher zeit die Elvetier zu stehen, und noch bei 
Ptolemaeus 2, 11,6 begegnet uns nördlich von der rauhen Alb 
die 'einöde der Elvetier', tj tc5v "EXovtjtIcdv egr/fiog: Zeugnisse, 
deren wert freilich Müllenhoff mit dem hinweis auf das nicht- 
wissen Caesars und dessen bestimmte aussage über den Rhein 
als grenze der Elvetier zu erschüttern gesucht hat. Der aus- 
druck iQfj^og brauche nicht notwendig ein von den bewohnern 
verlassenes land zu bezeichnen, sondern könne auch aus der 
beschaffenheit desselben erklärt werden; und so hätte auch ein 
strich im norden der Elvetier ^EXovfjrltop igf/fiog genannt werden 
können, ohne dass man sich dieser noch als seiner ehemaligen 
bewohner erinnerte. Was uns Tacitus von den sitzen derselben 
berichtet, sei auf ein misverst&ndnis jenes ausdruckes zurück- 



y 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. ö 

zufdhreD. — Es ist aber nicht recht einzusehen, warum für ein 
gebiet, in dem Elvetier gar nicht selbst sesshaft waren, der 
name deserta Helvetiorum — so lautete er offenbar auf latei- 
nisch — aufgekommen sein soll. Dafür gibt es auch keine 
seitenstttcke; denn die deserta Boiorum ebenso wie die xcov 
FstSv igTjfila haben ihre namen nach ihren bewohnern. Und 
wie soll ferner, wenn jene bezeichnung deserta Helvetiorum — 
das appellativ im sinne von *wildnis' oder ^haide' genommen — 
immer nur am Albgebirge gehaftet hätte und aus der be- 
schaffenheit dieser örtlichkeit zu erklären wäre, bei Tacitus 
die Vorstellung von der ehemaligen ausbreitung der Elvetier 
bis zum Main und erkynischen walde entstanden sein? Seiner 
behauptung wird man also die berechtigung doch nicht so leicht 
absprechen dürfen. Als deserta Helvetiorum mochte man seiner- 
zeit alles land im Süden des Mains bis an die Rheinbeuge be- 
zeichnen, und vielleicht entstammt der entsprechende ausdruck 
bei Ptolemaeus nur geschichtlicher Überlieferung und ist in seine 
karte neben jüngeren in demselben bereich aufgekommenen 
namen eingetragen. Er kann aber auch einem bis auf die zeit 
des Ptolsfemaeus oder vielmehr seines gewährsmannes noch 
nicht oder nur spärlich neubesiedelten teil des alten ager Hel- 
vetiorum zukommen. 

Gegenüber der bestimmten behauptung des Tacitus fällt 
Caesars ^nichtwissen' nicht so schwer ins gewicht; jedenfalls 
hat ihm Tacitus selbst, der doch Caesars bellum Gallicum recht 
wohl kannte, keine so grosse bedeutung beigelegt als den 
gründen, die ihn zu seiner eigenen aussage bestimmten. Was 
die Römer' nach anderthalbhundertjähriger herschaft über die 
Elvetier von deren Vorgeschichte erfahren hatten, brauchte 
Caesar bei seinem kriegerischen zusammenstoss mit ihnen noch 
nicht notwendig gehört zu haben. Und wenn, so lag doch für ihn 
kein anlass vor, es zu berichten, vielleicht sogar ein grund, es 
zu verschweigen. In der tat verschweigt er uns auch die wahre 
Ursache des elvetischen auswanderungsversuches , dem er ent- 
gegentrat, den umstand nämlich, dass diesem stamme die nachbar- 
schaft der Germanen zu gefährlich und unbequem geworden war: 
er sucht ihre Unternehmung vielmehr als eine durchaus abenteuer- 
liche hinzustellen, sei es um seine einmischung in sie und die 
gallischen händel besser begründet erscheinen zu lassen, sei es 

1* 



4 MUCH 

weil sein sieg nicht so glänzend erschienen wäre, wenn er von 
dem gegner, dessen tapferkeit er widerholt und mit recht 
hervorhebt, berichtet hätte, dass derselbe auch den Germanen 
nicht habe stand halten können. An und für sich hätte die er- 
zählung von dem ersten zurückweichen der Elvetier dem ruf 
ihrer kriegstttchtigkeit eintrag getan, zugleich aber auch den 
wahren beweggrund ihres zweiten aufbruches enthüllt. Beides 
mochte Caesar bestimmen, von ihren ehemaligen nördlicheren 
Wohnsitzen uns nichts mitzuteilen. Und was soll es gar gegen 
diese beweisen, wenn er den Rhein als ihre grenze angibt? 
Können denn nicht 50 oder 100 jähre vorher die dinge ganz 
anders gelegen haben? Dass zu Caesars zeit noch Elvetier 
nördlich vom Bodensee sassen, wird ja von Tacitus gar nicht 
behauptet und war, wie sich leicht erweisen lässt, auch nicht 
der fall. Dazumal begegnen uns dort an ihrer statt bereits 
die Markomannen, die zuerst Caesar BG. 1,51 unter den hilfs- 
völkern Ariovists nennt, und die in ihren alten sitzen nach 
Florus 4, 12 noch mit Drusus einen kämpf zu bestehen haben. 
Als einen teil der alten MaQxofiawlg muss man die Agri De- 
cumates jedenfalls betrachten, wenn das land ausserhalb der- 
selben bis zur Donau von Dio Cassius in einer stelle, die noch 
ausführlicher besprochen werden soll, als ein teil des Marko- 
mannenlandes, fitQog T^c; MaQxofiavvlöog, nicht als das Marko- 
mannenland schlechtweg bezeichnet wird. Dass auch in dem 
Winkel zwischen Bhein und Donau der name 'mark' haftet, 
von dem der der Markomannen sich herleitet, zeigt die be- 
Zeichnung silva Marciana für den Schwarzwald, die keltische 
Abnoba\ s. Zeuss, Die Deutschen 10. Endlich tut 'Caesar, so 
oft er von dem lande jenseits des Oberrheins spricht, immer 
auch der Germanen als seiner bewohner erwähnung, so BG. 1,1: 
proximi sunt (IJelvetii) Germanis, qui trans Rhenum incohmt, qui- 
buscum continenter bellum gerunt .... fere quotidianis proeliis 
cum Germanis contendunt, quum aut suis ftnibus eos prohibent, 
aut ipsi in eorum finibus bellum gerunt, BG. 1,2: Helvetii con- 
tinentur: una ex parte fhimine Rheno, latissimo atque altissimo, 
qui agrum Ilelveliorum a Germanis dividit, BG. 1,27: nocte ca- 
stris Helveiiorum egressi ad Rhenum finesque Germanorum con- 
tenderunt, BG. 1,28: Id ea maxime ratiane fecit, quod noluit 
cum locum unde Helvetii discesserant vacare, ne propter bom- 



X 



DIE SUDMAKK DER GERMANEN. 5 

taiem agrorum Germani, qui trans Rhenum incolunt, e suis finibics 
in Helvetiorum ftnes transirent. 

Der aufenthalt der Markomannen im Südwesten Deutsch- 
lands war indes nicht von langer dauer, und auch während 
sie herren des landes waren, kann neben ihnen geradesogut 
ein rest der alten keltischen bevölkerung fortbestanden haben, 
wie später in den ostdeutschen marken, in denen uns widerum 
der name Marcomanni entgegentritt, ein teil der slavischen. 

Einen unbestreitbar keltischen stammnamen nennt uns ein 
zu Miltenberg am Main gefundener grenzstein. Und zwar — 
merkwürdig genug — den namen Toutoni, also eine völlig gleich- 
wertige nebenform zu Teutoni, da hier das ou nicht etwa als 
ablaut zu eu, sondern als eine im gallischen vielfach auftretende? 
aber noch nicht allgemein durchgeführte entwicklung aus diesem 
laute aufzufassen ist; ebenso stehen sich Touiates und Teutates, 
Loucetius und Leucetius gegenüber; vgl. ßrugmann, Grundr. 1, 57. 
Kossinna, der dies zuerst richtig erkannte, hat aus dieser namens- 
gleichheit (Westd. zs. 9, 213) den schluss gezogen, dass wir es 
bei den Teutonen des Miltenberger Steines mit einem in der 
heimat zurückgebliebenen rest der Teutonen zu tun und dass 
wir diese als Kelten zu betrachten haben. Es ist sofort klar, \ 
von welcher tragweite diese aufstellung ist, wenn sie sich als 
stichhaltig erweist, ja dass sie mit allem was unmittelbar aus 
ihr sich ergibt, einen fortschritt in der erkenntnis der vor- 
ge8chichte Deutschlands bedeuten würde, wie uns seit Zeuss 
keiner mehr geglückt ist. 

Mit der früher besprochenen nachricht des Tacitus über 
die ehemalige ausbreitung der Elvetier stehen Teutonen im 
Süden des Mains nicht in Widerspruch; nur wird man diesen 
stamm, der wie Mommsen im Korrespondenzblatt des gesamt- 
vereines der deutschen geschichts- und altertumsvereine 187S, 
85 f. bemerkt, ausserhalb des römischen limes zu denken ist, 
für eine Unterabteilung der Elvetier zu halten haben, die, 
während die Markomannen im lande waren, diesen unterworfen 
war und nach deren abzug wider selbständig hervortrat. 

Die einschränkung der Elvetier auf die Schweiz und die 
ausbreitung der Germanen vom Main bis zur Donau ist eine 
so gewaltige Umwälzung, dass wir uns wundern müssten, wenn 
der Süden von ihr und von der Völkerbewegung, deren ergebnis 






\ 



6 MüCH 

jene besitzveränderung war, nichts verspürt hätte. Und wenn 
Elvetier an der seite der Kimbern in Gallien und in Italien 
auftreten, wird ihr zurtlckweichen im norden leicht mit ihren 
wanderzQgen im gefolge dieser Germanen in Verbindung zu 
bringen sein. Doch lässt sich der grosse gebietsverlust den 
sie erleiden, aus ihrer beteiligung an den kimbrischen feldzügen 
noch nicht erklären, falls von ihnen wirklich nur der stamm 
der Tigurinen ausgewandert war, von dem wir wissen, dass er 
ohne schaden zu leiden wider in die heimat zurückgekehrt ist 
Allein Strabo erzählt uns p. 293 unter ausdrücklicher be- 
rufung auf Posidonius, dass von den Elvetiern ausser den Ti- 
gurinen die Toygenen den Kimbern sich angeschlossen hätten ; 
und vorher schon, p. 193, berichtet er, dass von drei el vetischen 
Stämmen im Kimbemkriege zwei zu gründe gegangen seien, 
wobei er wider an die Tigurinen und Toygenen denken wird, 
sicher aber an die letzteren, da er p. 183 berichtet, dass Marius 
den Massalioten den von ihm angelegten Khonekanal als 
oQiörelov xazä rov JtQog !A/ißQa)vag xal Tcovyevovg JtoXsfiov 
übergeben habe, die Toygenen also unter die gegner der Römer 
bei Aquae Sextiae rechnet. Tanr/evovg ist indes hier sicherlich 
nur Verderbnis. Denn bei Aquae Sextiae standen dem Marius, 
soviel wir aus allen anderen quellen wissen, lediglich die Teu- 
tonen und Ambronen gegenüber, und jedenfalls kam, auch wenn 
andere noch dabeigewesen wären, den Teutonen eine solche 
bedeutung zu, dass sie nicht übergangen werden durften. Selbst 
Müllenhoff, der für die Toygenen eine lanze einlegt, muss darum 
DA. 2, 296 zugeben, dass p. 1 83 wenigstens Strabo sich ver- 
schrieben oder verlesen habe und dass dort Tevrovovg das richtige 
sei. Damit ist aber die lesart Tcovytvot auch an der anderen 
stelle aufs tiefste erschüttert. Kein anderer gewährsmann kennt 
einen stamm dieses namens und umgekehrt Strabo in seinem 
bericht über die Kimbernzüge keine Teutonen ! Er nennt diesen 
namen überhaupt nur einmal, p. 196, wobei unbestritten Caesar 
seine quelle ist ; vgl. DA. 2, 296. An und für sich schon verlangt 
die andere stelle, an der uns der name der Tmvyivoh begegnet 
(p. 293), die änderung desselben in TevrovoL Denn wenn dort, 
nachdem bis dahin immer nur von Kimbern allein die rede 

war, fortgefahren wird: g>fjal dh {Oooeiömviog) rovg 

^EXovfixxlovg IjtaQd^fjvai, /ddkiöxa ö^avräv TiyvQlvovg xt xal 



DIE sCDMAKK der GERMANEN. 7 

laycyevovg, Sg tb xal övve^oQ/i^Oai. jtavxBg (iivxoi xareXvd-ijCav 
vjto tc5v ^Ptofialcov avrol rt ol Klfißgot xal ol avpagd/ievoi 
TOVTOig, ol fikv vjtBQßaXovTsg rag "liXjtsig elg ri}v ^IraXlav ol 
6*B§(D TCDv'AXjtecov — so können die owagafiBvoi nur die mit- 
ausgewanderten Elvetier sein; und dass Strabo sie in bausch 
und bogen zu gründe gehen lässt, ohne sich übrigens dabei 
noch auf Posidonius zu berufen, ist jedenfalls ein irrtum oder 
eine flüchtigkeit. Ein kern von Wahrheit muss aber wohl in der 
Sache sein; das ist jedoch nur dann der fall, wenn die ausser- 
halb der Alpen vernichteten Toygenen für die Teutonen zu 
nehmen sind. Das Verderbnis von TEYT^NOI in TEYFQNOI 
und das weitere, vielleicht einem etymologisierenden besserungs- 
versuch entsprungene in TQYrENOI ist begreiflich genug. 
Zeuss ist nach all dem im vollen rechte, wenn er, nicht wie 
Hüllenhoflf nur an 6iner, sondern (s. 143. 147.225) an beiden 
stellen die^Toygenen in Teutonen bessert, und auch im rechte, 
wenn er (s. 225) behauptet, dass Posidonius den namen Teu- 
tonen unter die Elvetier gestellt habe. Nur geschah dies nicht 
irrtümlich, wie er meint. Denn da — falls die Teutonen El- 
vetier sind — die deserta Helveiiorum aus ihrer auswanderung 
sich erklären und die entvölkerung ihrer heimat zum eindringen 
der Markomannen anlass gab, gerade wie Caesar nach der 
zweiten auswanderung der Elvetier ein weiteres vordringen der 
Germanen befürchtet (BG. 1, 28), so sind die Teutonen ohne 
zweifei aus dem lande im Süden des Mains herzuleiten. Das 
Zeugnis des Posidonius besagt also dasselbe wie das von ihm 
völlig unabhängige des Miltenberger Steines, und wenn jemals 
der rechtsspruch geltung hat: 'durch zweier zeugen mund wird 
alle Wahrheit kund', so ist es hier der fall. 

Dass der name Teutoni mit einem keltischen worte buch-/ 
stäblich übereinkommt, wird auch durch die personennamen 
Touto, Touionius, Toiitona (Glück, Die kelt. Namen 64 f.) i) be- 
wiesen, und dass er in der überlieferten gestalt kein deutscher 
sein kann, hat Müllenhoif s. 113 f. gezeigt. Allerdings könnte 
auch germ. *Peuponez oder *Peudonez den Römern in keltisierter 



^) Dieses buch wird im folgenden als Glück schlechtweg bezeichnet, 
ebenso Mtillenhoff DA. 2 und Zeuss, Die Deutschen als Müllenhoff und 
Zeuss. 



V 



8 MUCH 

gOBtalt als Teuiones und selbst Teuioni zu ohren gekommen sein; 
allein ein solches germanisches wort ist, wenn auch möglieb, 
so doch nicht belegt; die Wahrscheinlichkeit, dass wir es dabei 
mit einem von haus aus keltischen werte zu tun haben, besteht 
also auch schon ohne rücksicht auf die Miltenberger Toutonen. 
Müllenhoff bat denn auch s. 115 Teutoni fQr gallisch ge- 
nommen und zwar fttr eine altgallische benennung der Nordsee- 
völker. Sonst aber pflegen uns wandernde Germanenstämme 
immer stammweise und unter ihren stammnamen entgegenzu- 
IQ treten. Auch die Ambronen sind durchaus nicht ein teil der 
Teutonen, wofür sie Mttllenhoff s. 114 ausgibt, und bei Plutarch, 
Marius 19 gar nicht als das, sondern als xäv noXeiilov ro 
/laxificirarov fiiQog bezeichnet, ebenso sonst bei ihm und in 
allen anderen quellen von jenen auseinandergehalten. Und was 
in aller weit sollte die Gallier veranlasst haben, die Nordsee- 
völker durch einen besonderen zusammenfassenden namen von 
den übrigen Germanen zu unterscheiden? Ausserdem kamen 
doch auch die Kimbern vom meere, da es von ihnen gerade 
berichtet wird und sich ein rest von ihnen später n^ch dort 
vorfindet nach Zeugnissen, deren wert ich am gehörigen orte 
zu prüfen beabsichtige, die man aber keineswegs einfach deshalb 
bei Seite schieben darf, weil man den gedanken nicht aufgeben 
will, dass der name Teutonen schon die Nordseevölker im 
allgemeinen bezeichne, also auch die Kimbern einschliessen 
mttsste, wenn sie meeranwohner waren. Eher noch wäre — 
vor dem fund des Miltenberger Steines — zu erwägen gewesen, 
ob Teutoni nicht ein alter gallischer name für die gesamtheit 
der Germanen sei ; aber freilich hätte auch dieser gedanke ab- 
gewiesen werden müssen eben wegen der Kimbern und Am- 
I bronen. Teutones, Teutoni kann also nur der name eines be- 
sonderen Stammes gewesen sein. 

Dass dieser aber noch von den Römern in Deutschland 
angetroffen worden sei, wird nach MüUenhoffs eigenen aus- 
führungen s. 115. 283 — 289 kein einsichtiger mehr behaupten. 
Alle versuche sie zu lokalisieren, von Mela bis Ptolemaeus, 
beweisen nur, dass es in der in betracht kommenden zeit gang 
und gäbe war, die Teutonen als Deutsche von der meeresküste 
zu betrachten: eine ansieht, die leicht genug aufkommen konnte, 
da man gewohnt war, sie mit den Kimbern zusammen zu nennen, 



I 



DIE SUDMARK DER GERMANEN. 9 

diese aber in der tat von der Nordsee gekommen waren und 
ein zurückgebliebener teil desselben voIkes dort sich forterhielt. 
Gegenüber den Miltenberger Teutonen und den elvetischen Teu- 
tonen des Posidonius fallen die erdichteten Teutonen in Deutsch- 
land sehr wenig ins gewicht. Was endlich die angeblichen 
Teutonen des Pytheas betrifft, so erheben sich auch gegen sie 
einwände in fülle, und man wird gewis einmal Kossinna recht 
geben, der uns Westd. zs. 9, 214 den beweis in aussieht stellt, 
*dass Plinius die beiden völkernamen (Gutonen und Teutonen), 
von denen Pytheas nichts erfahren hat, aus seiner eigenen 
kenntnis heraus in den bericht eingeschwärzt hat\ Uebrigens 
hat schon Hugo Berger (Lit. centralblatt 1888, 331 f.) die Teu- 
tonen bei Pytheas deshalb angezweifelt, weil Posidonius — 
was auch Mttllenhofi' aufgefallen ist — obwohl er Pytheas 
kannte, ihrer gelegentlich seiner ausführungen über die herkunft 
der Kimbern nicht erwähnung tut 

Da die Teutonen sich als stamm der Elvetier erwiesen 
haben, so wird man auch dem Germanentum der Ambronen |^^ 
nicht ohne mistrauen entgegentreten. Wenn Strabo p. 193 von 
3 Stämmen der Elvetier berichtet, von denen 2 zu gründe ge- 
gangen seien, so könnte man dabei ausser an die Toygenen 
Teutonen an die Ambronen denken, sie also ebenfalls als El- 
vetier ansehen, und den dritten, dem Verhängnis entronnenen, für 
die Tigurinen nehmen, die ja tatsächlich mit heiler haut davon- 
kamen. Doch war letzteres, wie p. 293. 294 lehrt, nicht Strabos 
meinung, da er hier auch die Tigurinen untergehen lässt : man 
muss also mit Zeuss s. 225 und Müllenhoff s. 152 jene beiden 
angeblich vernichteten stamme für die Tigurinen und Teutonen, 
die dritte abteilung für die daheim zurückgebliebenen Elvetier 
halten. Und da Strabo andernfalls p. 293 Ambronen neben 
Tigurinen und Toygenen hätte namhaft machen sollen, rechnete 
sie Posidonius kaum zu den Elvetiern. Auch ihr name schliesst 
zwar keltischen Ursprung nicht aus, lässt aber auf deutscher 
Seite nicht nur ankuüpfung an personennamen wie Ambri und 
Ambrico, sondern auch an den ingvaeonischen volksnamen der 
Ymbre und den inselnamen Amrum, älter Ambrum, zu; ja letzterer 
scheint nichts anderes als der dativ des namens der Ambronen 
zu sein; s. Möller, Ae. volksepos 89. Da von ihnen überdies 
ausdrücklich die flutsage erzählt wird, werden sie mit den 



/ 



10 MÜCH 

Kimbern vereint von der Nordsee gekommen sein. Wie sich 
Germanen im allgemeinen gegenüber den Kelten durch grossere 
tapferkeit auszeichnen, werden auch sie unter den gegnern des 
Mari US von Plutarch 19 als die kriegstüchtigsten — ro fiaxi- 
ficiratov fiigog — bezeichnet und ebendort der sieg über Mailius 
und Caepio ihnen zugeschrieben. Bemerkenswert ist, dass zu- 
letzt die Kelten sowohl als die Germanen sich trennen und 
Teutonen und Ambronen auf der einen, Tigurinen und Kimbern 
auf der anderen seite in Italien einzudringen suchen. Auch 
über den ganzen verlauf ihrer Wanderungen sind wir nun, nach- 
dem sich herausgestellt hat, wo die Teutonen den Kimbern 
sich zugesellt haben, weit mehr im klaren, als es bisher der 
fall war, was einer weiteren ausführung nicht bedarf. 

Das was sich uns bisher über den südwestlichen winkel 
Germaniens und seine Vorgeschichte ergeben hat, ist mittelbar 
auch von belang für die entscheidung der frage, wo die Yolcap 
Teetosa ges Caesars hingehören. Müllenhoff nimmt von diesen 
8. 265. 277. 300 an, dass sie, vom Maine und aus Hessen, ihrer 
älteren heimat, durch die Sveben nach Böhmen vertrieben, 
dieses land nach dem abzug der Boier bewohnt hätten. Dass 
aber im jähre 58 die auswandernden Elvetier noch von den 
Boiern, qui irans Rhenum incoluerant et in agrum Noricum trans- 
ierani, Noreiamque oppugnarant (Caesar BG. 1, 5), zuzug erhalten 
konnten, beweist, dass letztere damals noch nicht zur ruhe ge- 
kommen waren. Sie können also erst kurz vor Caesars ankunft 
in Gallien ihre heimat verlassen haben. Zu gleicher zeitstellung 
der räumung Böhmens gelangt ja auch Müllenhoff s. 265. Die 
Maingegend und Hessen ist aber offenbar viel frtther von Ger- 
manen besetzt worden. Denn wenn ihre niederlassung in der 
^mark^ den Markomannen zu Caesars zeit bereits einen namen 
eingetragen hatte, so hat dies zur Voraussetzung, dass die Ger- 
manen am Oberrhein nicht eben erst eingewandert waren; und 
nördlich vom Maine erfolgte der vorstoss nicht später: denn 
wie hätten die Germanen ein land 'mark' nennen können, das 
mit ihren geschlossenen sitzen gar nicht zusammenhieng? 

Die Yolcae Teetosages können also vor dem abzug der 
Boier nach Noricum nicht westlich von diesen gesessen haben. 
Aber auch nachher nicht in Böhmen. Caesar berichtet uns 



DIE SÜDMARR DER GERMANEN. 11 

nämlich BG. 4, 3 von einem grossen unbewohnten lande an der 
rückseite der Sveben : itaque una ex parte a Suebis circiter milia 
passuum sexcenta agri vacare dicuntur. Ad alteram partem suc- 
cedunt übii . .; auf eben diese einöden wird BG. 6, 23 angespielt: 
civitatibiis maxima laus est, quam latissime circum se vastatis 
finibus solitudines habere. Hoc proprium virtutis existimant, ex- 
pulsos agris ftnitimos cedere neque quemquam prope audere con- 
sistere; simul hoc se fore tutiores arbitrantur repentinae incursi- 
onis timore subiato. Mit den Verhältnissen unmittelbar tlber 
dem Rhein, dessen ufer er im Oberelsass selbst erreicht hatte, 
war Caesar nicht so wenig vertraut, dass er sich bei ihrer dar- 
stellung auf das hörensagen berufen und einen ausdruck wie 
vacare dicuntur gebraucht hätte. Und dort wusste er über- 
dies, wie schon oben ausgeführt wurde, Germanen ansässig. 
Unter den solitudines und agri vacantes ist also unmöglich etwas 
anderes als Böhmen zu verstehen. Und dieses land lag zum 
grössten teil noch Öde, als Maroboduus seine Markomannen 
dort ansiedelte. Wäre deren niederlassung erst nach Über- 
windung eines volkes von der bedeutung der Volcae Tectosages 
Caesars erfolgt, so hätte das den Römern nicht entgehen können, 
die damals schon an der Donau standen. Tacitus min- 
destens, der den Markomannen den rühm der einstigen aus- 
treibung der Boier zugesteht, hätte uns davon etwas erzählen 
müssen. Von den Volcae Tectosages in Deutschland hört aber 
mit Caesar überhaupt jede künde auf. Endlich geht aus dem 
was dieser unser einziger gewährsmann über sie berichtet, klar 
hervor, dass er sie noch ebendort ansässig weiss, wo sie sich 
nach ihrer auswanderung nach Germanien, d. i. dem Sigovesus- 
zuge des Livius, niedergelassen hätten. Ac fuit antea tempus, 
heisst es BG. 6, 24, quum Germanos Galli virtute superarent, ultra 
bella inferrent, propter hominum multitudinem agrique inopiam 
Irans Rhenum colonias milterent. Itaque ea, quae fertilissima 
Germaniae sunt, loca circum ffercyniam silvam .... Volcae 
Tectosages occupaverunt atque ibi consederunt ; quae gens ad hoc 
tempus his sedibus sese continet summamque habet iustHiae 
et belUcae laudis opinionem. Mit Böhmen haben also die Volken 
gewis nichts zu tun. 

Es bleiben uns eigentlich nur noch die striche weiter im 
Osten für sie übrig. Und wenn Caesar über ihre sitze sagti 



12 MUCH 

daB8 sie am erkynischen walde liegen und die fruchtbarste 
'gegend Deutschlands seien, so passt dies ohnedies auch auf 
kein land so gut als auf Mähren. Ehe die Quaden sich dieses 
landes bemächtigten, wird dort, weil noch weiter im osten kel- 
tische Kotinen stehen, ein keltisches volk gesessen haben, und 
dies wohl noch während Caesar in Gallien stand. Denn da der 
svebische stamm der Quaden nicht von dem vandilischen hinter- 
lande Mährens, sondern nur von den Ermunduren oder Sem- 
nonen oder deren Umgebung sich abgelöst haben kann, so hat 
sein vordringen nach Mähren die räumung Böhmens durch die 
Boier, die, wovon schon die rede war, ums jähr 60 v. Chr. 
erst erfolgt ist, zur Voraussetzung. Weder von dem ein- 
dringen der Quaden in Mähren noch von dem Untergang der 
Yolken ist uns etwas überliefert, und dies müsste eigentlich 
schon zur Vermutung führen, dass zwischen beiden ereignissen 
ein Zusammenhang besteht. Mindestens müssen beide sich 
zugetragen haben, bevor die Römer Noricum und Pannonien 
ihrem reiche einverleibt hatten, da sie ihnen andernfalls 
nicht unbekannt geblieben sein könnten, am wenigsten dann, 
wenn damit der übertritt der nordungarischen Kvxvoi und 
noch anderer keltischer scharen vom linken auf das rechte 
Donau ufer verbunden war. Ja man möchte sogar glauben, 
dass dieser übertritt vor dem sieg des Dakenkönigs Burvista 
über Noriker und Boier — über dessen zeitstellung man 
Müllenhoff s. 266 vergleiche — erfolgt sei. Denn nachdem 
es sich einmal gezeigt hatte, dass letztere durch ihre Über- 
siedlung nach Pannonien recht eigentlich aus dem regen in die 
traufe gekommen waren, wird die Versuchung für andere Kelten- 
stämme, ihnen dahin nachzufolgen, keine grosse gewesen sein, 
es sei denn widerum nach Burvistas tode. 

Man wird fragen, was mit den Volken geschehen sei. Die 
Kotinen darf man kaum als reste von ihnen betrachten, weil, 
wie Müllenhoff s. 324 fif. 337 erwiesen hat, deren sitze nicht in 
Mähren, sondern im oberen Grantal zu suchen sind, die Kvrvoi 
in Pannonien aber, ein losgesprengter teil desselben Stammes, 
gerade südlich von dem durch Vannius begründeten reiche das 
rechte Donauufer besetzt halten, also vor ihrem übertritt zu- 
sammenhängend mit dem zurückgebliebenen teil des Stammes 
und gegenüber ihren späteren sitzen die ebene und die tal- 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 13 

mttndungen von den kleinen Karpathen bis zu den Ösen an 
der Eipel bewohnt haben werden. Eher könnte man denken, 
dass hinter den bloss nach den sitzen am Bakonyerwalde be- 
nannten Hercuniates "EQxovvtdzsg die Volken verborgen sind. 
Vielleicht ist aber gar kein nennenswerter teil von ihnen dem 
Verhängnis entronnen. Die Boier, welche die Überlegenheit der 
svebischen waffen wohl mehr als einmal gefühlt hatten, werden 
bei Zeiten zur erkenntnis gelangt sein, dass sie der verknechtung 
verfallen würden, falls Germanen in ihr land einbrächen in der 
absieht, es dauernd zu besetzen, und entzogen sich diesem ge- 
schick durch die auswanderung. Dass dagegen die Volken, die 
an die Sveben nirgends angrenzten und, ehe die entscheidung 
fiel, durch die Boier gedeckt, kaum jemals viel mit ihnen zu 
tun hatten, sich rechtzeitig der gefahr von dieser seite versahen, 
ist nicht wahrscheinlich. Die Quaden, die nun in ihrer durch 
den abzug der Boier entblössten flanke erschienen, waren nicht 
nur ein feindliches beer, sondern ein mit weib und kind heran- 
ziehendes Volk, das aber, sei es, dass es Böhmen bereits für 
das eigen eines bruderstammes hielt oder weil es durch die 
reicheren mährischen gefilde angelockt ward, gleich in diese 
vordrang. Ohne zweifei setzten sich die Tektosagen zur wehr 
und wurden geschlagen. Wenn aber die Germanen sofort in 
dem eroberten lande sich niederliessen, gab es für dessen be- 
wohner als volk nicht mehr die möglichkeit der flucht und ihr 
los war hörigkeit oder sonst eine form der Unfreiheit Ein 
grosser teil mag im kämpfe selbst erlegen sein. 

An der west- oder südwestseite der Germanen könnten 
die Volken nach all dem nur vor dem Sigovesuszuge gesucht 
werden. Aber auch für diese fernere vorzeit fehlt uns der 
grund, sie gerade dorthin zu stellen. Dass die Germanen die 
Kelten als *Walhöz bezeichneten, hat nicht zur notwendigen 
Voraussetzung, dass die Volken die einzigen Kelten waren, mit 
denen sie zu schaffen hatten und an die sie grenzten, sondern 
nur, dass die Volken sich ihnen besonders bemerkbar machten. 
Und das taten sie ja gerade in Mähren, da über dieses land 
schon in vorgeschichtlicher zeit — s. Undset, Jernaldereus be- 
gyndelse 53. 70. 102. 292 — der wichtigste Verkehrsweg nach 
dem norden führte, während rechts und links schwerübersteig- 
bare gebirge sich vorschoben. Die gallischen handelsleute, die 



\ 



14 MUCH 

in das innere Deutschlands vordrangen, mögen darum zumeist 
Volken gewesen sein. Aber auch zu kriegerischen zusammen- 
stössen war bei dem mangel geographischer hindernisse leichter 
gelegenheit und anlass und die reiche Marchniederung verlockte 
zu einfallen. Es ist somit sehr wahrscheinlich, dass das germ. 
*Wdlhüz erst von den üolkoi in Mähren seinen ausgang nimmt. 

Der fall der Volken scheuchte einen der nachbarstämme 
auf. Wir sehen die Eotinen (Eutnen), ausgenommen einen teil 
des Volkes im Grantal, der unmittelbarer gefahr nicht so aus- 
gesetzt war, vielleicht auch im gebirge sich leichter halten zu 
können hoffte und wegen der erzlager, die er ausbeutete, von 
dem boden, der sie barg, sich nicht wird haben trennen wollen, 
auf dem anderen Donauufer schütz suchen, so dass ihr land 
geraume zeit, bis die Sveben des Vannius sich hier ansiedelten, 
brach lag, gerade wie Böhmen. Wenn aber schon die unter 
den kleinen Karpathen ansässigen Kelten zur auswanderung ver- 
anlassung fühlten, darf man solches umsomehr bei den bewohnern 
des nach Mähren hin offenen Niederösterreich voraussetzen. 
Dass die Volken auch durch dieses land bis zum Donaustrom 
binabreichten, ist nicht gerade wahrscheinlich, kann aber auch 
nicht bestimmt in abrede gestellt werden. Auf die frage, ob 
wir in den Kafijtoi und den ^Fäxarglai ^Paxdtai Kelten- 
reste zu erkennen haben oder nicht, soll später eingegangen 
werden. 

Wenn Caesar B6. 6, 24 nur die Volken und nicht auch die 
Kotinen als Kelten in Germanien aufführt, so geht daraus 
nicht hervor, dass er von ihnen nichts gewusst hat, da es viel- 
mehr sehr wahrscheinlich ist, dass er die ostgrenze Germaniens 
von der Weichselquelle zur Donau nicht so weit östlich sich 
verlaufend dachte, dass sie einen teil Oberungarns noch ein- 
geschlossen hätte, wie denn noch Plinius 4 § 80 das confinium 
der Germanen nach älterer Vorstellung von der March und der 
gegend von Carnuntum beginnen lässt. Ebenso wird man 
daraus, dass Caesar die Anarten, die er gelegentlich als an- 
anwohner der Hercvnia nennt, nicht als Kelten in Germanien 
bezeichnet, nicht schliessen dürfen, dass sie keine Kelten waren. 
Dass sie Caesar neben den Daken zu einer zeit, wo diese unter 
Burvista eine grossmachtstellung einnahmen, als ein selbständiges 



DIE SÜDMAKK DER GEUMANEN. 15 

voIk erwähnt, brachte Müllenhoff 8. 82 dahin, sie fQr ein von 
den Daken stammverschiedenes element und zwar, der panno- 
nischen Ösen an der Eipel wegen, für Pannonier zu halten, 
wofür er s. 83 auch die bei Ptolemaeus neben den üivagrot auf- 
tretenden TbvqIcxoi nimmt. Der name der letzteren ist zweifellos 
ganz derselbe wie die alte benennung der Noriker TsvqIoxoi neben 
TsvQiarat, Tavgioxoi, TavQlarai und könnte nach Müllenhoff 
von einem schon vor den Kelten zu beiden selten der Donau 
verbreiteten werte herstammen, das hoher gebirgszug oder 
gebirgsübergang bedeuten mochte. Allein wenn die einen Teu- 
risken Kelten sind, werden wir mit Tomaschek, 66 A. 1888, 
300, auch die anderen am ehesten für Kelten halten. Zudem 
tragen auch die Anarten einen keltischen namen, der sogar 
verständlich genug ist. Wenn sie bei Caesar Anaries, bei Ptole- 
maeus üivaQTOi heissen, so vergleicht sich dies dem schwanken 
des auslautes in keltischen namen wie Santones : Santoni, Ten- 
tones : Teutoni, Caletes : Caleii, Vaiocasses : Veliocassi u. a. m. — 
vgl. 61ück s. 37 f. 1 14. Müllenhoff s. 115 — und wie hier überall 
die form mit o-suffix die jüngere ist, haben wir auch Anartes 
gegenüber "ÄvaQXoi für das ursprünglichere zu halten. Den . 
gallischen Caletes d. i. 'duri' nach ir. caiath, bret. caiet (6Iück | v 
8.44), unserem held (Kluge, EW.* 138), stehen britannische An- ' 
calites bei Caesar B6. 5, 21 gegenüber, deren name, da kurz e 
im keltischen allgemein mit i wechselt, soviel als An-caleies 
und weil idg. 9 im britannischen und gallischen regelmässig 
als an und nur ganz ausnahmsweise als en auftritt, unbedenk- 
lich mit Mnduri' zu übersetzen ist Ebenso ist dann An-artes = 
lat. in-ertes und mhd. unarte, mehrzahl von un-arl ^misratener 
oder ungezogener mensch'. Freilich weiss ich nicht anzugeben, 
ob nicht auch die pannonische entsprechung zu lat. inertes an- 
arles gelautet hätte, und schliesslich könnte auch, zumal es 
sich um einen von nachbarn beigelegten Spottnamen handelt, 
eine gallische bezeichuung für einen pannonischen stamm vor- 
liegen. Doch kommt eine solche möglichkeit nicht weiter in 
betracht, da Ptolemaeus genau an die nordgreuze der üivagroi 
und TsvqIoxoi einen ort KaQQoöovvov stellt, dessen name 
deutlich ein keltischer ist und noch dreimal in anderen kel- 
tischen oder vormals keltischen gegenden sich widerbolt. Wenn 
übrigens Anarten, Teurisken und Koistoboken bei Ptolemaeus f 



1 



16 MUCH 

im norden bis an den Tyras reichen, so gehört dies mit zu den 
vielen fehlem seiner karte von Sarmatien und Dakien. Vom 
Tyras sind alle diese stamme zu trennen, und man wird dann 
auch das von Ptolemaeus an den Tyras versetzte KaQQoöovvov 
mit ihnen nach dem Süden, nicht mit diesem flusse weiter 
nach norden rücken. 

Dass der name Anartes, wie MüUenhoff glaubt, von Caesar 
coUectivisch gebraucht wird, ist nach all dem immer noch mög- 
lich, und die üivagroi des Ptolemaeus, der ja alle namen, die 
ihm zukommen, nebeneinander auf seine karte setzt, stehen dem 
nicht im wege. Nur hätten wir es dann nicht mit einem um- 
fassenden namen für eine mehrheit pannoniscber, sondern mit 
dem für die keltischen Völker des nördlichea Ungarn zu tun ; 
als ihre abteilungen hätten wir die Kotinen und Teurisken zu 
erkennen, und vielleicht stehen die 'trägen' Anarten und die 
'raschen' Volken noch in einem besonderen gegensatze. Seit 
Caesars zeit haben diese nordungarischen Kelten gewaltige 
einbussen erlitten: auf der einen seite durch die in die 
Karpathen eindringenden Germanen, auf der anderen, wenn 
nicht auch durch die Daken Burvistas, so doch gewis später 
durch die sarmatischen Jazygen, die bis an die nach ihnen 
benannten 'sarmatischen berge' und bis in den rücken der Ko- 
tinen sich verschoben und dort, im nördlichsten teil ihres ge- 
bietes, wie schon aus dem namen des ortes BoQfiavov — ver- 
glichen mit den gallischen orts- und götternamen Borma, Bormo, 
Bormani, Bormamis, Bormana (s. Becker, Bonn, jahrb. h. 33 u. 
34, s. 15fif. h. 42, s. 90fif.) — hervorgebt, auf altkeltischem boden 
stehen. Wenn darum Ptolemaeus die Anarten noch ein zweites 
mal als ÄvaQTOtpQaxxot uns vorführt, so wird diese hybride 
form aus einem unverstandenen Anarti fracti entsprungen sein. 

Etwa auch die Koistoboken den Anarten beizuzählen, ver- 
wehren die auf einer Inschrift (CIL. 6,1801) erhaltenen koisto- 
bokischen personennamen Pieporus, Matoporus und Drilgisa. 
Das zweite compositionsglied der beiden männlichen namen 
ist nämlich deutlich dasselbe wie griech. -jtOQoq in EvjcoQog, 
OeojtoQog: usw. (Fick, Die griech. personenn. 133) und germ. 
^faraz, fem. *farö in ahd. einfar 'solivagus', got. Sende fara, 
Theuäifara (Wrede, Spr. d. Ostg. 134) und könnte im keltischen 
sein anlautendes p unmöglich erhalten haben. Auch für -gisa, 



DIE SÜDMARK DER GERMANEK. 17 

den zweiten teil des weiblichen namens, die entsprechung zu 
mnd. nrh. gis, gise ^obses, vades' und *gtsaz, *fftsö in germ. 
namen wie Witegxs u. a., würde man im keltischen -gesa er- 
warten; vgl. Volu-gesus, Fijco-öovvov, Gesalia, Gesariacum (Gl^ok 
s. 28). Dass Pieporus in seiner ersten hälfte mit dem dakischen 
volksnamen nUq)iyoi sich deckt, hat bereits Mttllexihoflf s. 87 
bemerkt; ich erinnere noch an die niavylTaL 

Dass die Ösen Pannonier sind, wird sich gegenüber den 
bestimmten äusserungen des Tacitus, Germ. 28. 43 nicht be- 
streiten lassen, und wenn ihr name auch aus dem keltischen 
als positiv zu dem superlativischen gallischen volksnamen 
Osismi und nach dem kymr. Zeitwert osi und osiaw 'conari, '\f 
moliri, andere' -(Glttck s. 14t) als 'audaces' sich deuten lässt, 
so können sie, wie später den namen OvioßovQyioi durch die 
Germanen, so früher einen keltischen durch ihre keltische Um- 
gebung erhalten haben ; es kann sich aber auch, wofür das von 
Müllenhoff s. 326 verglichene pannonische Osones und Oseriates 
spricht, um ein Kelten und Pannoniem gemeinsames wort handeln. 
Anschliessend an die Ösen gegen westen mit Müllenhoff noch 
einen pannonischen stamm der ^Poxcccglai anzusetzen, geht, von 
anderen zwingenden gründen vorläufig abgesehen, darum schon 
nicht an, weil dort vor ihrem übertritt über die Donau die 
KvTvoi gesessen haben müssen, da sie sonst mit den Kotinen 
im oberen Grantal nicht in Zusammenhang gestanden hätten. 

Dass auf dem linken ufer des Oberrheines vor dem ein- 
dringen der Vangionen, Nemeter und Triboken in geschlossener 
reihe gallische Völker wohnten, steht ohnedies fest. Und jetzt 
schon zu untersuchen, welche stamme im besonderen auf diesem 
schauplatze in betracht kommen, wird um so weniger von nöten 
sein, als es sich Air uns nur um einen allgemeinen überblick 
über die alte keltische Stellung im Süden der Deutschen handelt. 

Auf germanischer seite stehen in der nördlichen ecke 
zwischen Rhein und Main zu Caesars zeit die Ubier, und zwar 
schon seit langem, da sie bereits durch die läge ihrer Wohn- 
sitze in ihrem wesen beeinflusst erscheinen und von ihnen 
BG. 4,3 gesagt wird: et paulo, quam sunt eiusdem generis, et 
ceterü hunumiores, propterea, quod Rhenum attingunt, rmdtumque 

B«itKAge BOT gMohiohta dar deatMh«B ipnobe. XVII. 2 



18 MÜCH 

ad eos mercatores ventitant, et ipsi propter propinquitatem Gal- 
ileis sunt morihus assuefacti. 

Im rücken der Ubier und mit ihnen verfeindet haust ein 
mächtiger Svebenstamm, von Caesar immer Suehi schlechtweg 
genannt. Ueber diese Sveben Caesars herschen noch immer 
so unrichtige Vorstellungen, dass es schon nötig ist, etwas 
länger bei ihnen zu verweilen. Miillenhoff scheint sie s. 277 
fQr die Markomannen zu nehmen; dagegen ist s. 278 von Sveben 
in Hessen die rede, und s. 300 heisst es, dass die Yolcae Tee- 
tosages vom Maine und aus Hessen zu Caesars zeit durch die 
Sveben verdrängt und an ihre stelle Chatten und Markomannen 
getreten seien: 'beides hochdeutache Völker, die sich nur von 
den Hermunduren und Semnen an der mittleren Elbe jenseits 
des Urwaldes abgesondert haben' könnten. Damit ist den 
^ \ Chatten svebische abkunft zugesprochen, wenn auch nicht aus- 
drücklich gesagt, dass sie zu den Sveben Caesars gehören, denen 
sie Zeuss s. 94, J. Grimm 6DS. 569 und andere zurechnen oder 
geradezu gleichstellen. Es bat allerdings auch an Widerspruch 
nicht gefehlt, so von seiten Baumstarks (Völkerschaftl. teil 
d. Germ. 48), der sich dabei auf Watterich und Wietersheim 
beruft. Letzterer zumal hat, Zur vorgesch. deutscher nation 80 fif., 
eingehend die Sonderstellung der Chatten vertreten; aber nicht 
mit den besten gründen, die sich daf&r vorbringen Hessen, 
und ohne sich recht darüber klar zu werden, was dann mit 
den Sveben Caesars selber anzufangen sei und wohin sie ge- 
hören. Aehnliches gilt von einer arbeit Rieses 'Die Sueben' 
im Rhein, museum 44, 331 ff. Hier sind die Chatten nicht nur 
von den Sveben Caesars auseinandergehalten, sondern, wie ich 
denke, mit recht als ein diesen zinsbares volk erklärt. Die 
Sveben selbst aber macht Riese zum gegenstände neuer, jeden 
haltes entbehrender wagschlüsse. 

Wie die ansieht, dass die Sveben Caesars die Chatten 
seien, aufkommen und durchgreifen konnte, ist eigentlich nicht 
gut einzusehen. Denn nirgends werden die Sveben bei Caesar 
auf nachmals chattischem boden erwähnt. Die Chatten hingegen 
sind später nirgends als Sveben bezeichnet, im gegenteil von 
Tacitus, Germ. 38 diesen ausdrücklich entgegengestellt, ebenso 
von Strabo p. 290 im gegensatz zu den Sveben den kleineren 
geimanischen Völkern zugerechnet. Neben Sveben stehen sie 



DIE SUDMARK DER GERMANEN. 19 

auch bei Florus \, 12: missus in eam provinciam primos domuit 
Usipetes: inde Tenctheros percurrit ei Chattos. Nam Marco- 
mannorum spoliis insignüms quendam editum tumuium in tropaei 
modum excoluit, Inde validissimas nationes Cheruscos Suevosque 
et Sugambros pariter aggressus est. Desgleichen bei Dio Cassius 
55, 1, wo es von Drusus heisst: eq xb x5ji> Xaxxaov igeßaXe xal 
jtQo^X&e liixQi xTJg Uovrjßlag, Als Nichtsveben kennzeichnen 
sich die Chatten ferner durch ihre von der svebischen grund- 
verschiedene haartracht; vgl. Tacitus, Germ. 31 u. 38: ein um- 
stand, auf den Baumstark a. a. o. 58 f mit recht nachdruck 
gelegt hat. 

Von besonderem belang sind die Zeugnisse des Florus und 
Dio Cassius und zwar deshalb, weil diese beiden gewährsmänner 
den namen Sveben genau in demselben engbegrenzten sinne 
gebrauchen wie Caesar selbst, nämlich zur bezeichnung eines 
besonderen Stammes, einer politischen einheit So stehen bei 
Florus a. a. o. Sveben neben Markomannen, die doch sicher auch 
svebischer abkunft sind, und ebenso werden von Caesar B6. 1,51 
in der Schlachtaufstellung des Ariovist Sveben nicht allein von 
den Eudusiem und Haruden, sondern auch von den Marko- 
mannen und Vangionen, Nemetern und Triboken unterschieden. 
Sichtbariich haben wir es dabei mit einer hilfsschar zu tun, die 
von den Sveben — • in Caesars sinne — dem Ariovist zu- 
gekommen war, und ähnlich sind die Markomannen hier auf- 
zufassen. Caesar nennt auch den Ariovist niemals rex Sue- 
borutn, sondern rex Germanomm im gegensatz zu Plinius HN. 2 
§ 07, wo ein rex Sueborum erwähnt wird, der dem Metellus 
Celer während er als proconsul Gallien verwaltete (62 v. Chr.), 
etliche Inder, die an die germanische kiiste verschlagen worden 
seien, zum geschenk gemacht habe, und der kein anderer als 
Ariovist sein kann. Dies hat freilich Uiese, Rhein, mus. 44, 345 f. 
bestritten mit dem hinweis darauf, dass in der quelle, aus der 
Plinius jene erzählung mitteilt, bei Mola 3, 45, dieselbe person 
rex botorum genannt werde, was am einfachsten in Boiorum 
geändert werden könnte. Letzteres ist zuzugeben. Es stehen 
sich dann aber immer noch Sueborum und Boiorum als gleich 
gut bezeugt gegenüber, und welches davon den Vorzug verdient, 
kann nicht zweifelhaft sein, wenn man das damalige freund- 
Bchaftliche Verhältnis Ariovists zu den Römern , die geringe 



20 MÜCH 

entfernung seines gebietes und machtbereiches von der narbo- 
nensischen provinz einerseits bedenkt, andrerseits die abgelegen- 
heit der Boier in Böhmen, den mangel nachweisbarer beziehungeu 
derselben zu den Römern und endlich ihre läge im jähre 62 v.Chr. 
in anschlag bringt. Wieso Ariovist rex Sueborum genannt werden 
konnte, soll später noch gezeigt werden. 

Von den Sveben, deren Florus und Dio Cassius beim bericht 
über die germanischen kriege des Drusus erwähnung tun, kann 
es als ausgemacht gelten, dass sie die nachmaligen Ermunduren 
sind. Aus dieser tatsache Hesse sich auch schon auf die Suebi 
Caesars zurückschliessen. Doch kann deren gleichung mit den 
Ermunduren ebensowohl unmittelbar als richtig erwiesen werden. 

Die grenzen seiner Sveben hat uns Caesar nach drei rieh- 
tungen hin angegeben, vgl. B6. 4, 3 : itaque una ex parte a 
Suehis circiter milia passuum sexcenta agri vacare dicuniur. 
Ad alter am partem succedunt übii . . ., und B6. 6, 10: referunt: 
Suehos omnes . . . penitus ad extremos ftnes se recepisse; silvam 
esse ibi infinita magnitudine, quae appeüatur Bacenis; hanclonge 
introrsus pertmere et pro nativo muro obiectam Cheruscos a Suebis 
Suebosque a Cheruscis iniuriis incursionibusque prohibere. 

Unter den agri vacantes, auf die auch B6. 6, 23 hingedeutet 
wird, ist, wie schon früher nachgewiesen wurde, nichts anderes 
als das damals ödliegende Boiobaemum zu verstehen. Die süd- 
ostgrenze der Suebi Caesars fällt also mit derjenigen der spä- 
teren Ermunduren zusammen. 

Im Westen reichten sie nirgends bis an den Rhein, sondern 
grenzten hier, wie oben erwähnt wurde, an die Ubier. In 
welcher gegend, lässt sich aus Caesar allerdings nicht genau 
feststellen. Aber das gebiet der Ubier muss sich doch ziemlich 
weit landeinwärts erstreckt haben, da Caesar, der zweimal 
bei ihnen weilt, niemals seinen fuss auf svebischen boden zu 
setzen in die läge kommt Nach der Verpflanzung der Ubier 
auf die linke Rheinseite wird das land das sie bis dahin inne 
hatten, von den Römern den Chatten überlassen nach Dio Cassius 
54, 36; vgl 54, 33, wo Chatten am Rheine erwähnt werden. 
Später entwickelt sich aus diesen chattischen ansiedlem am 
Rheinufer der selbständige stamm der Mattiaci, während die 
vom Strome entfernteren teile des ehedem ubischen gebietes 
wohl mit dem hauptvolk der Chatten in fester Verbindung 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 21 

blieben. Den späteren grenzen der Chatten und Ermunduren 
am Maine können ganz gut die älteren der Ubier und Sveben 
entsprechen. Man gelangt dabei ins gebiet der fränkischen 
Saale, wenn wir es bei dieser, was weitaus das wahrschein- 
lichste ist, mit dem salzfluss zu tun haben, um dessen besitz 
nach Tacitus, Ann. 13, 57 Chatten und Ermunduren im streite 
lagen. 

Das gebirge endlich, das nach B6. 6, 10 wie eine natür- 
liche mauer Sveben und Cherusken trennt, ist der Harz, wofttr 
es auch Zeuss s. 11. 94 genommen hat. Jedenfalls gibt es keinen 
anderen gebirgszug an der seite der Cherusken, der eine natür- 
liche ausgedehnte den verkehr erschwerende grenze bildete, von 
dem also Caesars worte gelten könnten : silvam esse ibi infinita 
magnitudine, hanc lange introrsus pertinere et pro nativo muro 
obiectam Cheruscos ah Suebis Suebosque ab Cheruscis iniuriis in- 
cttrsionibusque prohibere ; auf den Harz aber passen diese an- 
gaben vollständig. Auffallend ist nur der name Bacenis, denn 
dieser, germ. ^ßäkent, ist bis auf den belanglosen vocalwechsel ^ 
in der ableitungssilbe, für den es seitenstücke genug gibt, — 
8. Kluge, Nom. stammbild. § 39 ff. — genaue ältere entsprechung 
zu jüngerem Buochunna, ßoconia, Buconia, d. i. Rhön und 
Vogelsberg; s. Zeuss s. 9. Förstemann DN. 2^,289. Natürlich 
aber kann die Buconia nicht die grenze eines Volkes gegen die 
Cherusken sein, und ebensowenig hätten sich die Sveben, wenn 
sie an der Buconia sich aufstellten, bis an ihre äusserste grenze 
an die extremi fines, zurückgezogen. Alt ist der name Buconia 
doch wohl, da auch die Bucinobantes auf dieselben buchen- 
wälder hinweisen; und es ist nicht wahrscheinlich, dass zwei 
gebirge aus der nachbarschaft desselben Svebenstammes den 
gleichen eigennamen führten. So manches spricht zudem dafür, 
dass es gar nicht eine entfernte örtlichkeit und nicht die 
Cheruskengrenze war, an der die Sveben Caesar erwarteten. 
Denn wenn er nach BG. 6, 10, als er von der Vereinigung des 
suebischen heerbannes erfährt, ein festes lager bezieht und die 
Ubier beauftragt, ihr vieh zu bergen und ihre sämmtliche habe 
in die festen platze zu bringen, um den feind durch mangel an 
lebensmitteln zu einer schlacht auf ungünstigem boden — ge- 
meint ist wohl vor allem zu einem stürme auf sein lager — zu 
bewegen, so beweist das, dass er einen feindlichen angriff erwartet; 



22 MÜCH 

während nach dem ersten Rheinübergang keine von diesen 
Yorsichtsmassregeln eingeleitet wird. Mass nicht darnach das 
zweite mal die haltung der Sveben eine drohendere gewesen 
sein, ihre heeresmacht näher gestanden haben? Als Caesar 
das erste mal bei den Ubiern weilte, erfuhr er, dass die mann- 
Schaft der Sveben in der mitte ihres gebietes sich sammle und 
ihm dort die Schlacht anbieten wolle; s. B6. 4, 19; wenn er 
damals schon sich ttber die grenze nicht vorgewagt hatte und 
jetzt, nach seinem zweiten Rheinübergang, überdies verteidigungs- 
massregeln ergriff, lag für seine gegner nicht der geringste grund 
vor, von dem orte ihrer heeresversammlung an das äusserste 
ende ihres landes zurückzuweichen. Damit hätten sie die Römer 
und Ubier geradezu zu plünderungszügen herausgefordert. Und 
andrerseits sollte Caesar diese gelegenheit nicht benützt und sein 
beer über den Rhein zurückgeführt haben, ohne das Svebenland 
auch nur gesehen zu haben? Alles würde aber begreiflich, 
wenn die Germanen nicht an der cheruskischen, sondern an 
der ubischen grenze, an der Buconia, sich aufstellten und ihm 
dadurch den weg in ihr land verlegten. Dass Caesars com- 
mentarien weder genau noch unparteiisch genug abgefasst seien, 
hat ihm schon Asinius Pollio nach Suetonius, Caesar 56 vor- 
geworfen. 

Immerhin haben wir den Harz, ob er nun in Wahrheit den 
Germanen *Bäkent hiess und an ihm das Svebenheer im jähre 
53 V. Chr. Stellung nahm oder nicht, als grenze der Suebi kennen 
gelernt, ja mehr noch, als ihre äusserste grenze, exiremi ftnes, 
von Caesars Standpunkte aus. Dieser ausdruck ist deshalb be- 
sonders wertvoll, weil er beweist, dass nicht noch andere stamme 
ausser den Ermunduren, etwa Semnonen und Langobarden, unter 
dem Svebenvolke, dem Caesar gegenüberstand, mitbegriffen 
sind. Gleiche zahl der gaue bei zwei gcrmanenstämmen ist 
nichts so sehr auffälliges, dass wir versucht sein könnten, das 
was Tacitus, Germ. 39 von der stärke der Semnonen berichtet, 
auf ein misverständnis dieses gewährsmannes zurückzuführen. 
Dass unter den pagi mehr eine stammeseiuteilung als eine 
landschaftliche gemeint ist, erhellt schon aus dem ausdrucke: 
'pagos centum Sueborum ad ripam Rheni consedisse, qui Rhenwn 
transire conarentur\ der von Caesar BG. 1, 37 gebraucht ist. 
Wenn nach BG. 4, 1 jeder einzelne gau über 2 mal 1000 waffen- 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 23 

fähige mäDoer verfügt, so gibt dies für hundert gaue 240000 
oder 200000, je nachdem dabei das germanische grosshundert 
gemeint ist oder nicht. Auf die frage, wie sich die zahl der 
waffenfähigen zur gesammtzahl eines volkes verhalte, findet 
sich erwünschter aufschluss bei Caesar, B6. 1,29, wo die 
stärke der Elvetier samt ihren verbündeten nach ihren eigenen 
Zählungen und aufzeichnungen auf ungefähr 368000 angegeben 
wird, wovon gegen 92000 mann, also gerade ein viertel, waffen- 
fähige waren. Bei den auf ähnlicher sittigungsstufe stehenden 
Germanen werden wir ein gleiches Verhältnis voraussetzen 
dürfen. Der fehler ist also gewis nicht beträchtlich, wenn wir 
die volle volkszahl der Sveben Caesars, wobei natürlich nur die 
freien gerechnet sind, auf 960000, beziehungsweise 800000 ver- 
anschlagen: eine zahl, die freilich denen, die noch in dem wahne 
befangen sind, dass die Germanen halbe nomaden gewesen 
seien, absonderlich gross vorkommen wird, ^oferne sie diejenige 
der Ermunduren allein sein soll. Doch kann sie uns nicht in 
erstaunen setzen, wenn wir bedenken, dass die Usipeten und 
Tenktern, welche den Sveben hatten weichen müssen und sich 
mit ihnen nicht zu vergleichen wagten, nach Caesar BG. 4, 15, 
430000 Köpfe stark waren, und wenn wir den nachhaltigen 
widerstand erwägen, den nachmals die Cherusken unter Ar- 
miuius und deren verbündete einem der gewaltigsten römischen 
machtaufgebote entgegenzustellen vermochten. 

Für die Chatten bleibt zwischen Sugambern, Ubiern, Sve- 
ben und Cherusken noch räum genug übrig. Sie haben zu 
Caesars zeit sicher schon an der Eder und Fulda gehaust, nur 
reichten sie natürlich damals, als die Ubier noch ihre alten 
sitze inne hatten, nicht bis zum Rhein und Main, und Caesar 
hatte somit auch keine Ursache, sie zu nennen. Wenn es nicht 
gestattet ist, daraus dass er der Bruktern und Friesen nicht 
erwähnung tut, zu schliessen, dass es diese namen zu seiner 
zeit noch nicht gegeben hat, so wird dasselbe auch von dem 
der Chatten gelten. Diese sind doch wohl unter jenen nicht 
namentlich angeführten überrheiniscben nationes mitinbegriffen, 
die nach dem belgischen feldzuge (BG. 2,52), oder unter den 
civitates, die nach seinem ersten ßheinübergang, als er ins 
Sugambernland einfällt (BG. 4, 18), gesante an ihn schicken, 
das erste mal angeblich auch, um geisein zu versprechen 



24 MTCH 

während er ihnen das zweite mal selbst solche zu stellen aaf- 
trigt. Auf dieselben Verhandlungen scheint er sich B6. 7, 65 
za berufen, wenn er erzählt: Caesar .... trans RhemoH in Ger- 
wumiam mittit ad eas caitaies^ quas superioribus annis pacarerat, 
equiiesque ab his arcessit et levis armaturae pedites, qui inter 
eos proeiiari cansuerant. Doch waren diese reiter auch ohne 
Torher angeknüpfte freundschaftliche beziehungen mit den 
Stämmen, denen sie angehörten, sogar von Sugambem oder 
Sveben — von den nach Tacitus' zeugnis im fusskampf aus- 
gezeichneten Chatten kamen sie doch kaum — ftlr sold immer 
zu haben, und von einer tatsächlichen Unterwerfung von Ger- 
manen ausser den Ubiern hätte uns Caesar sicher ausführlich 
berichtet Von denen die das erste mal gesante an ihn ge- 
schickt hatten, stellten doch einzig die L'bier (B6. 4, 16) wirk- 
lich geiseln, und nach seinem zweiten Rheinübergang kommen 
selbst gesante an ihn nur noch von den Ubiern ;B6. 6, 9). 
Den nachbarstämmen war es damals um Caesars gewogenheit 
nicht mehr zu tun. Dagegen geschieht zur selben zeit (BG. 6, 10) 
solcher Völker erwähnung, die von den Sveben abhängig oder 
ihre bundesgenossen waren: Interim paucis post diebus fit ah 
Ubiis ceriior Suebos omnes in unum locum copias cogere atque 
üs nationibus, quae sub eorum sifU imperio, detiuntiare, ut aiirüia 
pedidaitts equitatusque mutant. Wir dürfen also die Chatten 
am ehesten unter dem anhang der Sveben suchen, von denen 
sie so abhängig gewesen sein werden wie die Ubier (^vgl. BG. 
4, 3), bevor sich Caesar ihrer annahm. Schon ihres weniger 
ausgedehnten gebietes halber werden die Chatten damals nicht 
so mächtig gewesen sein wie später. Dass es zu Caesars 
zeit schon ein volk der Chatten gegeben hat. folgt mittelbar 
auch aus seiner erwähnung der ifisula Batavorum BG. 4, 10. 
Denn von den Batavern erzählt Tacitus widerholt (Germ. 20 
und Bist. 4, 12) — und es ist kein grund vorbanden, seinen 
mitteilungen zu mistrauen — dass sie von den Chatten aus- 
gegangen seien. 

Von den germanischen stammen im osten der Ermunduren 
berichtet uns Caesar nichts, da er mit ihnen nicht unmittelbar 
zu schaffen hatte. Man wird aber nicht fehl gehen, wenn man 
zu seiner zeit und früher schon Semnopen und Lugier der haupt- 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 25 

Sache nach in denselben sitzen sucht, in denen sie uns nachmals 
entgegentreten. Von den Semnonen ist es ja durch Tacitus, 
Germ. 39 ausdrücklich bezeugt, dass sie für das stammvolk der 
Sveben, veiustissimi Sueborum, galten und dass bei ihnen und 
in dem svebischen Stammheiligtum, das in ihrem bereiche lag, 
die initia gentis gesucht wurden. 

So wie der Semnonenhain des mittelpunkt der sve- 
bischen, war der altheilige hain {antiquae religionis lucus) der 
Nah(an)arvali, von dem Tacitus, Germ. 43 erzählt, der des 
vandilischen kultverbandes, und beide heiligtttmer können nur 
in altererbter heimat, nicht auf neugewonnenem boden gelegen 
haben. 

lieber die Wohnsitze der Nah(an)arvali ist aus Tacitus 
selbst kein näherer aufschluss zu gewinnen, wohl aber aus einer 
vergleichung seiner nachrichten über die Lugier mit denen an- 
derer gewährsmänner, vor allem des Ptolemaeus. Tacitus ftthrt, 
allerdings mit der bemerkung, dass er nur die wichtigsten nam- 
haft mache, fünf lugische Unterabteilungen an, ungerechnet die 
im Süden der Hercynia angesiedelten Buren und Marsingen, die 
er beide nicht als Lugier bezeichnet, obwohl erstere wegen des 
Zeugnisses des Ptolemaeus, letztere aus anderen gründen, auf 
die später noch näher eingegangen werden soll, als solche gelten 
dürfen. Es ist immerhin beachtenswert, dass uns bei Ptolemaeus 
ebensoriele namen zur Verfügung stehen als bei Tacitus, und 
da seine quelle, wenn es wirklich noch mehr lugische stamme 
gab, sich ebenfalls an die namhafteren wird gehalten haben, 
so ist es gar nicht ausgeschlossen, dass bei Tacitus und Ptole- 
maeus dieselben stamme erwähnt sind. Mindestens aber wird 
letzterer den wichtigsten von allen, die um das bundesheiligtum 
sesshaften Nah(an)arvali nicht übergangen haben : es fragt sich 
nur, unter welchem namen sie bei ihm auftreten. 

Deutlich ein und dasselbe sind die Helvecones des Tacitus 
und die AlXovalcovec des Ptolemaeus, ohne dass es deshalb 
nötig oder auch nur gestattet wäre, jene namen form in Ehiae- 
ones zu ändern, wie Müllenhoff, Zs. fda. 9, 249 und Germ, ant 
40 getan hat, zumal die bildung *elwekaz 'gelblich' neben 
*elwaz (ahd. elo, elawer, mhd. el, elrver 'gelb*) in den adjectiven, 
aufweiche ahd. rutichin * rötlich sein' und mndl. graken ^grauen' 



26 MÜCH 

zurückweisen (s. Kluge, Nom. stammbild. § 213) seitenstücke 
besitzt Man wird also weit eher umgekehrt bei Ptolemaeus 
AlZovalxwvsg, d. i. ^JXovixwveg herzustellen haben. — Auch der 
keltische name der Elvetier, den man hier ebenso wie den der 
Elven oder Elvier (s. Zeuss s. 209) zum vergleich wird beizieben 
dürfen, ist, wie es scheint, mit einem deminutivsuffix gebildet; 
denn keltischem -etio- — so und nicht als -eiio- ist das sufGx 
in Ilelvetii wegen der Schreibung 'EXovi^tioi bei Ptolemaeus, 
Plutarch und Dio Cassius, 'EXovijttioi bei Strabo anzusetzen — 
entspricht vorkeltisches -eitio- (vgl. Brugmann, Grundr. 1, 56), 
eine grundform also, mit der germanische deminutivbildungen 
wie hhd.ßingidi n. 'junges von tieren', mhd. vingeride n. u.a.m. 
bei Kluge, Nom. stammbild. § 60, sichtbarlich aufs engste ver- 
want sind. — Eine- nebenform zum volksnamen * Elrvekonez, 
nämlich *Elwonez ohne weitere ableitung, also — abgesehen 
von der schwachen adjectivendung — genaue entsprechung zu 
keltisch 'EXovol, Helvi bei Strabo und Plinius, lassen die 
Schreibungen AtXovcovsg in der hs. G, ^EXovcoveg in M, und 
Eluones im cod. lat 4803 des Ptolemaeus erschliessen. 

Auch die namen Manimi bei Tacitus und 'O/iavol bei 
Ptolemaeus klingen an einander an. Mit dem gleichen werte 
haben wir es aber bei ihnen gewis nicht zu tun, und ob 
sie zu einander in beziehung stehen und in welcher, bleibt 
erst noch aufzuklären. Mit Manimi vergleicht sich der form 
nach nur alts. wanum 'schön' (ahd. rotam ^rot'? s. Kluge, Nom. 
stammbild. § 184); die ableitung -mo- mit mittelvocal ist also 
im germanischen — von Superlativ bildungen abgesehen — nur 
noch in resten vertreten, wogegen besonders das griechische 
reich ist an hierhergehörenden bildungen; vgl. Brugmann, Grundr. 
2,163. Ob gerade ein germanischer name *Manimöz anzu- 
setzen ist, bleibt übrigens fraglich, da das / leicht durch an- 
gleichung an lat animus, optimus u. dgl. an stelle eines anderen 
germanischen lautes getreten sein kann: eine erwägung, die 
indes für die deutung des wertes ganz belanglos ist "Öfiavol 
auf der andern seite scheint dieselbe wurzel mit einfacher o- 
ableitung zu enthalten; dafür jedoch ein präfix, das kaum ein 
anderes sein kann als das germanische un. Denn für u konnte 
hier, wenn dessen kürze feststand, ebenso griechisch o geschrieben 
werden, wie in AoylcDveg bei Zosimus, Eviiot'öoQoi bei Strabo 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 27 

und anderen germ. namen bei griechischen Schriftstellern; in 
welch grossem umfang dasselbe zeichen auch zur widergabe 
von lateinisch ü verwendet wird, hat Dittenberger im Hermes 
6, 280 ff. gezeigt. Eine lautverbindung v/i aber war im grie- 
chischen unzulässig, so dass t>fiavol als Vertretung von germ. 
*UYunanöz oder *Unmanai ganz in der Ordnung ist. Zur er- 
klärung des namens wird man nicht gut etwa an mhd. unman 
' Unmensch' anknüpfen; denn wenn dieser sinn auch annehmbar 
wäre, so doch nicht der, den wir dann in Manimi suchen 
müssten ; dies würde nämlich, da das wort man den nebensinn 
'held' im urgermanischen nicht hatte, einfach den begriff 'mensch' 
oder eine Steigerung desselben enthalten, und nur als 'die mensch- 
lichen', als 'humani', wird sich ein germanisches volk kaum be- 
zeichnet baben. Ich denke deshalb, dass wir es mit einem 
sonst im germanischen verlorenen werte zu tun haben und ver- 
gleiche griech. (iovifiog ' bleibend, beständig, stand haltend, aus- 
dauernd, beharrlich, fest, treu' und ift-fiovog 'darin oder dabei 
bleibend, ausdauernd, beständig'. Ins griechische übersetzt wären 
somit die Manimi Movifioi und die 'Ofiavol *jl(fi)fiovoi. Sich 
'die beständigen' zu nennen hatte aber ein volk dann beson- 
deren anlass, wenn es zum stamme der Vandalen, d. i. 'der 
wandelbaren' gehörte. Nachbarliche eifersucht hat freilich den 
ehrennamen Manimi in sein gegenteil verkehrt, ein Vorgang, 
zu dem sich im folgenden merkwürdige seitenstücke bieten 
werden. 

Es stehen sich also noch die Helisii, Mh{an)arvali, Harii 
einerseits und die SiXlyyai, BovQyovvreg und Aiöovvot andrer- 
seits gegenüber. Dass die BovQyovvreg bei Ptolemaeus nicht 
ausdrücklich alsLugier bezeichnet werden, beweist natürlich nicht, 
dass sie von diesen auszuschliessen sind, da ja bei demselben 
gewährsmanne auch die Utklyyai und AlXovalcoveg nicht als 
Aovyiot aufgeführt werden und ebensowenig der gesammtname 
UovTjßoi jedem einzelnen der svebischen stammnamen vorgesetzt 
erscheint. Jedenfalls aber haben sich die Burgunden und viel- 
leicht mit ihnen und in ihnen aufgehend die Elvekonen nach- 
mals durch ihre Wanderung in die Maingegend von der gemein- 
schaft der lugischen Völker abgelöst, und sie sind sicher auch 
ein anderer stamm als derjenige der Hasdingen, der unter den 
übrigen Vandalen die fühiung übernimmt und durch seinen mit 



28 MÜCH 

den gottesdienstlichen gebrauchen im alten stammesheiligtum 
in unmittelbarer beziebung stehenden namen, wie Mtillenhoff, 
Zs. fda. 12, 347 dargetan hat, als das gleiche volk wie die 
Nah(an)arvali sich erweist. Bei Plinius HN. 4 § 99 werden 
Charini als eine abteilung der Vandili namhaft gemacht, ein 
volk, das von den Harii des Tacitus nicht verschieden ist, ob 
man nun J. Grimms auffassung dieses namens als got. harjos 
'legionen' (6DS. 714) und Müllenhoifs erklärung des ersteren 
(s. 117) als die *pltinderer, verheerer* billigt oder nicht. Be- 
denklich scheint mir bei dieser deutung nur die anknüpfung an 
aisl. hemabr und der ansatz eines gotischen *harin6ps oder *Äar/- 
nodus, da schon der umlaut in hemabr zeigt, dass wir es hierbei 
mit einer jungen analogiebildung zu tun haben und die er- 
Weiterung des suffixes dp{u) durch n eine besonders nord. und engl, 
entwicklung ist; s. Kluge, Nom. stammb. § 136. Deshalb brauchte 
man Müllenhofifs etymologie noch nicht ganz fallen zu lassen. 
Doch möchte ich ffarii lieber mit mhd. herge, einer ablautenden 
nebenform zu huore (s. Kluge EW. ^150) vergleichen, ohne 
dass deshalb dabei notwendig ein übler sinn vorliegen muss, 
der ja auch in diesen germ. appellativen gegenttber dem ver- 
wandten lat. cärus *lieb', altir. cara *freund*, caraim 'ich liebe' 
jüngeren Ursprunges ist Die Harii sind einfach *die freunde', 
gerade wie die thrakischen Priantae, für deren namen J. Grimm 
6DS. 201 durch vergleichung mit got. frijönds eine erklärung 
gefunden hat, wie die *Caranies, das sind die in der letzten 
Römerzeit wider selbständig gewordenen keltischen Norici oder 
Nori, die dann mit eingedrungenen Wenden vermischt und 
slavisiert als Carant-ane auftreten, oder wie die pannonischen 
Amantes bei Plinius. Es fügt sich, dass letztere von Ptolemaeus 
als kfiavTivol aufgeführt werden, so dass wir für die hypo- 
koristische nebenform Charini, germ. ^Hartnöz, neben Harii, 
^Harjüz in einem gleichbedeutenden volksnamen selbst ein seiten- 
stttck besitzen und nicht erst auf ital. carino neben caro oder den 
gall. namen Caraniinus neben Carantus uns zu berufen brauchen. 
Dann sind aber die Burgunden, die bei Plinius a.a.O. neben 
den Charinen als vandilischer stamm aufgeführt werden, auch 
von den Hariern des Tacitus zu trennen, und wenn man nicht 
voraussetzen will, dass sie dieser ganz und gar übergangen 
hat und umgekehrt der stamm der Helmi bei Ptolemaeus nicht 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 29 

vertreten ist, wird man die Uelisii und die BovgyovvTsg Burgun- 
diones einander gleichsetzen müssen. Da ferner dieSilingen später 
als ein selbständiger stamm neben den Hasdingen (= Nab[an]- 
aryalen) auftreten, so bleiben zum vergleich mit den letzteren 
einzig die Aiöovvoi Übrig. Diese stehen auf der karte des 
PtolemaeuB unmittelbar über dem kaxißovQyiov oqoq, westlich 
von der Weichselquelle: ein ansatz, der durch die läge der 
DünheiÖr in nordischer aus langobardischer quelle entspringender 
sage bestätigung findet; vgl. Zs. fda. 33, 8. Damit ist das lu- 
gische Stammesheiligtum in unmittelbarer nachbarschaft des 
erkynischen waldes oder in diesem selbst nachgewiesen: wir 
werden uns also die Lugier als alte anwohner desselben vor- 
zustellen haben. Wegen Dunheibr in der Hervararsaga und 
ZOYMOYi: bei Strabo p. 290, das am ehesten aus AOYNOYS 
verderbt ist, braucht man übrigens Aiöovvoi bei Ptolemaeus 
noch nicht, wie es geschehen ist, als eine verderbte lesart zu 
betrachten; vielmehr wird sich *IHdündz zu ^Dünöz gerade so 
verhalten wie ahd. wirvint zu mint und ahd. fifaltra zu nhd. 
falter. Der name, der in seiner kürzeren form ein und der- 
selbe ist wie der der thrakischeu Bvvol, ist mit rücksicht auf 
griech. d^veiv *sich heftig bewegen, einherstürmen', d-vei 'er 
wütet, er tobt', ^rog Impetus, cursus, bellum', sAünd. dhünäuii 
oder dhünuiai 'er schüttelt, er bewegt rasch hin und her', nhd. 
iümon, tümalan 'rotari, circumire' und andere bildungen aus 
einer idg. wurzel dhü 'heftig bewegen, stürmen, toben' als 'die 
stürmischen' zu erklären. 

Damit sind indes die uamen des vornehmsten der van- 
dilischen stamme noch nicht einmal erschöpft, denn auch die 
Victovalen, die zuerst unter den Völkern des Markomannen- 
krieges und später auf dem boden des vorher römischen Dakieus 
auftreten, sind für dasselbe wie die Hasdingen zu nehmen; s. 
MüllenhoflF, Zs. fda. 9, 134. 12, 346 f. DA. 2, 82.324. Dass Vic 
tovali vor allen anderen mannigfach wechselnden Schreibungen 
desselben namens den Vorzug verdient, ist leicht zu zeigen. 
Denn Victobali, die gemeine lesart bei Ammianus Marcellinus, 
— 8. MüUenhoff, Zs. fda. 9, 133 — ist schon a. a. o. mit anderen 
namen zusammengestellt, in denen dieser schriftsteiler, ein 
Antiochener von geburt, germanisch tv in griechischer weise 
durch b widergibt, und zu den dort angeführten belegen wird 



30 MÜCH 

man noch Bälchobauäes (von Dietrich, Ausspr. d. got. 56 zu- 
trefifend als Valchobaudes erklärt) stellen dürfen. Auf Viciovali 
weist auch das Viciophali bei Eutropius, das durch den einfiuss 
des vorhergehenden Taiphali verderbt ist; s. Zeuss s. 460. 
Müllenhofif a. a. o. Wenn uns aber bei anderen Schriftstellern 
formen wie Victuali, BixroaXoi begegnen, so sind diese mit 
jenem Victovali ganz gut vereinbar, da hier ebensogut wie in 
Chasuarii, Caiualda, XaxxovaQioi und öfters der Stammauslaut 
des ersten vor anlautendem w des zweiten compositionsgliedes 
synkopiert sein kann. Der vorliegende name hätte also in go- 
tischer lautgebung * Waikt{<i)rvalds, urgerm. ^Wihtawalöz gelautet. 
Da umgekehrt aus älterem Victuali die nebenform Victovali 
schlechterdings nicht zu erklären wäre, so kann von Müllen- 
hofifs annähme (Zs. fda. 9, 133), dass der name ein abge- 
leiteter sei und ein verlorenes subst. '(got. vaihtv? sacrificium?)' 
voraussetze, nicht mehr die rede sein, obzwar auch DA. 2 
die Schreibung Victuali, die übrigens an sich keine falsche 
ist, noch beibehalten wird. — Dass Victo- nichts anderes sein 
wird als das Wtoht-, Wiki- angelsächsischer namen, denen auch 
ein langobardischer Wectari bei Paulus Diaconus 5, 23. 24 
(s. Zeuss s. 460) und ein deutscher Wihto zur seite stehen, ist 
wahrscheinlich genug. Wir besitzen in neuhochdeutscher spräche 
ausser wicht, got. waihts, das /- stamm ist, also hier nicht un- 
mittelbar in betracht kommt^ noch zwei verschiedene -tvicht 
in Zusammensetzung mit ge- : ein gewicht, das zu wiegen gehört 
und daher mittelbar zu dem vorgenannten werte, und ein ge- 
wicht, das eine nebenform zu geweih und somit eine ableitung 
von der altgerm. wurzel wig * kämpfen* ist; s. Kluge EW.* 114. 
Ob aisl. vett- in vettvangr ^ort, wo ein kämpf stattgefunden hat\ 
auf ^wihta- oder ^wehta zurückgeht, bleibt ungewiss, da im alt- 
nordischen auch vega, d. i. unser wiegen und wegen (in bewegen) j 
lat. vehere u. s. w. die bedeutung ^kämpfen' angenommen hat. 
So weit reichen wir mit dem germanischen zur erklärung des 
namens Victovali ganz gut aus; auch ein germanisches adjec- 
tivum *walaz wäre, wenn wir ein solches ansetzen dürften, 
durch anknüpfung an die germ. wurzel wal in walten oder 
an jene von wähl, wofU und wollen so weit verständlich, dass 
wir in Victovali den sinn 'die kampftüchtigen' oder einen ganz 
ähnlichen suchen müssten. Für jenes adjectivum fehlt es in- 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 31 

dessen ganz und gar an belegen, wogegen es im keltischen 
gerade als zweites compositionsglied in namen mehrfach ver- 
treten ist; 8. Glück 8. 48. 65. 90. Ja es findet sich sogar ein 
kymr. name Gueithgual, dessen erstes glied von Glück s. 88 aus 
kymr. gueUh, grveith, jetzt gwaiih 'opus, labor, opificium, pugna' 
erklärt wird und der gallisch Ueklo-, oder (da das e im gallischen 
zu t hinOberschwankt und in der tat gall. Convictoiitavis belegt 
ist) Uiktoualos, latinisiert Victovalus lauten würde. Da aber 
neben kymr. Gueithgual, arm. Tülwal {=*Toutouaios)^ gall. inschr. 
Nertovalus namen wie kymr. Huwel (= *Suuelos) sich finden, 
erscheint das a in kelt. *ualos gerade wie in Vailaunus neben 
Vellaunus, Garmani neben Germani, xagvov neben Cemunnos, 
Nafiavoarig und NafiavOarixaßo neben Nemausus, Trigaranus 
neben griech. ysQavog, jiQxvvla neben Hercynia als eine mund- 
artliche Verschiebung von ursprünglichem e, so dass die laut- 
gesetzliche entsprechung zu gallischem *Uikioualoi got. ^lVaiht{a)' 
tvilös, nicht *fVaihi{a)wal6s lauten würde, der name Victovali 
also, wenn man sein zweites compositionsglied nicht als eine 
ablautende nebenform zu dem in GueUhguai betrachten will, den 
eindruck eines keltischen lehnwortes macht. Wir hätten es 
dabei mit einem seitenstück zu TrihocU Usipetes, Nemeies und 
zugleich mit einem sprachlichen beleg für die alte nachbarschaft 
der Lugier und Kelten zu tun. 

Da die Victovali dasselbe volk sind wie die Nah{an)arvali, 
so ist man auch versucht, von den gleich gut beglaubigten 
formen dieses namens, Nahanarvali (oder Nachanarvali) und 
Naharvali (Nacharvali), die letzteren vorzuziehen und Nahar-, 
Nachar-vali abzuteilen. Den ersten teil, einen r-stamm oder 
einen vocalischen mit synkope wie oben in Vicluati, weiss 
ich allerdings nicht zu deuten, und an dem überlieferten zu 
ändern, wäre schon ein wagnis. Indes ist auch für Nahanarvali 
noch keine halbwegs befriedigende erklärung gegeben worden. 
Detters deutung dieses namens als 'totendränger' (Zs. fda. 31,207) 
— das erste glied als modale bestimmung genommen — auf 
welche der genannte selbst kein gewicht mehr legt, scheint mir 
von anderem abgesehen schon darum bedenklich, weil man bei 
Tacitus als stammauslaut von o-stämmen o, nicht a zu erwarten 
hat, also Nahan-arvali abteilen müsste. Auch wird man sich 
auf die eigentümliche kämpf weise der Harier, von der uns 



32 MUCH 

Tacitus berichtet, nicht berufen dürfen, wenn es sich darum 
handelt, den namen eines nachbarstammes zu erklären. Für 
keltisch wird aber Naharvali nicht gut gelten können, es sei 
denn, dass die aufnähme des wertes bereits vor der germanischen 
lautverschiebung erfolgt ist, und haben wir es dabei mit einer 
einheimischen bildung zu tun, so wird damit freilich auch die 
annähme keltischen Ursprunges von Viciovali zu einer minder 
zuversichtlichen werden. Ganz aufzugeben braucht man sie 
deshalb noch nicht, da -*ualos in folge seines anklanges an 
verwante germanische werte so leicht verstanden werden konnte, 
dass es auch zu neubildungen verwendbar war. 

Ein sicheres Zeugnis für die alte nachbarschaft der Van- 
dalen und Kelten ist aber der name der ersteren selbst, sei es 
nun dass er seine träger (wie Scherer, Bist zs. n. f. 1, 160 wollte) 
als die 'beweglichen', oder dass er sie als die ^wandelbaren' 
bezeichnet, was sich mir nicht minder zu empfehlen scheint, 
da wir es dann mit einem noch schärfer ausgeprägten gegen- 
stück zu dem Spottnamen Sttebi, *Swcebiz zu tun haben. Ja 
die Vandalen mussten sich noch ein anderes Scheltwort gefallen 
lassen, den namen Lugier nämlich. Was dessen form anbelangt, 
lässt die griechische Schreibung Avyioi, Aoylcopsg ebenso wie 
die durch griechische vorlagen erklärbare lateinische Lygii, 
Ligii neben Lugü — vgl. MüUenhoff, Zs. fda. 9, 253. 23, 26 — 
über die quantität des stammvocales keinen zweifei übrig. Der 
auslaut des namens bei Strabo, Tacitus, Ptolemaeus, Dio Cassius 
deutet einstimmig auf einen^a-stamm, also gemeingerm. ^Zu^y^z ; 
Aoyi(DVBq bei Zosimus aber und das für Lugiones verschriebene 
Luptones der Tab. Peut auf einen n-stamm, also germ. *Zu^- 
jonez. Schon wegen dieser doppelform möchte man an ein zu 
gründe liegendes substantiviertes adjectiv denken, und dieses 
ist dann kein anderes als alts. luggi, ahd. luggi, lucci, lukki, 
lucki, amhd. lugge, lukke, mhd. lugge, luge, lüge lügnerisch', 
neben dem überdies ein urverwantes slavisches lüzt aus {*lügß) 
steht, so dass an der altertümlichkeit des wertes nicht zu zweifeln 
ist. Die Lugier sind somit die 'lügnerischen', also auch in der 
rede wie als Vandalen im handeln unzuverlässig. Das ist 
natürlich freundnachbarliche Übertreibung ; doch müssen immer- 
hin gewisse eigentümlichkeiten ihres wesens zu solchen be- 
Zeichnungen anlass gegeben haben, und diese können sich nur 



DIE SÜDMARK DER OERMANEN. ''U> 

uDter dem einfiusse des lebhafteren Verkehres mit dem Süden 
herausgebildet haben. Wir müssen ihnen also den platz an- 
weisen, wo sie den fremden culturströmungen am meisten aus- 
gesetzt waren. 

Ebenso hat ja auch den Ubiern ihre hingäbe au gallische 
einflüsse ihren namen eingetragen. Dieser ist, wie MuUenhoff 
schon Zs. fda. 9, 130 f. gezeigt hat, buchstäblich dasselbe wort wie 
ahd. tibbi (aus germ. *ubjaz). Dieses bedeutet *maleficus\ und wir 
werden auch für den volksnamen denselben sinn voraussetzen 
dürfen, eher als wie (MüUenhoflfa. a. o. und DA. 2, 301 vorschlägt) 
den der 'üppigen, reichen', zu dem man nur durch beiziehung 
anderer verwanter worte gelangen könnte, wogegen er für 
jenes ubbi selbst, dem auch noch das sinnverwante übel — 
s. Kluge EW. 4 363 — zur seite steht, nicht nachweisbar ist. 
Sicher ist auch den Ubiern ihr name von ihren feinden, den 
Sveben, beigelegt worden, und es ist kein zufall, dass die namen 
von deren ost- und westnachbarn auch in ihrer bildung einander 
verwant sind und an einander anklingen. 

Für die vorgeschichtlichen engen beziehungen der Goten- 
Vandalen zu den Kelten legt endlich die gotische spräche 
Zeugnis ab. Es sei hier an got. keiikn erinnert, das auf 
gall. keliknon zurückgeht (vgl. KBeitr. 2, 108. Kluge in Pauls 
Gruudr. 1,\03), aber, da das wort den westgermanischen sprachen 
fehlt, durch Vermittlung der Lugier den Goten zugekommen 
sein wird. Und ähnlich verhält es sich wohl mit got. siponeis 
^Schüler, jünger', das innerhalb des germanischen ganz ver- 
einsamt dasteht, aber, entlehnung aus dem keltischen voraus- 
gesetzt, aus der gallobritischen wurzel sep, ir. sec (vgl. air. 
sechem * folgen, befolgen', do-seich * sequi tur', sochuide *S()cietas, 
copia') = idg. seq 'folgen' ungezwungen sich erklären lässt 
Auch got. peikabagms halte ich in seinem ersten teil für ein 
zunächst aus dem keltischen übernommenes wort, das aber 
weiter auf lat. ficus zurückgeht; da das keltische den laut f 
nicht besass, musste es ihn durch /; ersetzen, geradeso wie der 
gleiche laut von Slaven und Aisten in lehnworten aus dem 
germanischen durch p wiedergegeben wird: s. Kluge in Pauls 
Grundr. 1,321. Möller, Ae. volksep. 54. Dass peikabagms der 
palmbaum ist, steht dem nicht im wege; denn dass man die 
feigen mit datteln verwechselte oder doch auf dattelpalmen 

beitrüge xur goschichto der doutschen spradie. XVII. ^ 



34 MUCH 

wachsen liess, ist nicht bo unerklärlich und jedenfalls verständ- 
licher als jene ältere Verwechslung in folge deren got. germ. 
ulbandus ^kamel' bedeutet. In gleicher weise erklärt sich got. 
alew %V durch keltische Vermittlung. Unmittelbar aus lat. 
otivum 'öl, salbör — oleum kommt hier von vornherein nicht 
in betracht — kann das gotische wort nicht entsprungen sein, 
weil das o in entlehnungen aus dem lateinischen auf ger- 
manischer Seite nicht mehr zu a gewandelt wird und lat. t auch 
durch germ. t wiedergegeben worden wäre. Aus älterem lat. 
*oleivom musste aber bei frühzeitiger Übernahme ins keltische 
in dieser spräche lautgesetzlich *oleu(m werden (s. Brugmann, 
Grundr. 1, 56), woraus im germanischen durchaus regelmässig 
*oIervo{n), jünger *alewa{n), got. alew entstand. 

Wenn wir noch über die Lugier hinaus im osten der oberen 
Weichsel germanischeu spuren nachgehen, so kommen als gegen- 
ständ unserer Untersuchung einzig die Bastamen in betracht. 
Damit ist aber nicht nur die frage nach ort und zeit ihrer 
ausbreitung und die nach ihrer einteilung aufgeworfen, sondern 
auch und zwar vorerst die, ob wir sie wirklich als Germanen 
zu betrachten haben oder nicht. 

Wenn alle die gewährsmänner, die einer zeit angehören, 
in der man Germanen von Kelten zu scheiden gelernt hatte, 
die Bastarnen für Germanen halten und Tacitus ihnen Germ. 46 
ausdrücklich germanische spräche zuschreibt, wenn ferner ihre 
erhaltenen eigennamen mindestens nicht gegen das deutsch- 
tum des volkes sprechen und ebenso ihre sonstigen eigentümlich- 
keiten zwar solche sind, die uns auch bei Kelten wie bei Ger- 
manen, aber bei jenen doch nirgends mehr in solcher frische 
und ursprünglichkeit entgegentreten, so scheint das ergebnis zu 
dem MüUenhofif in der Bastarnenfrage gelangt ist (s. 105 ff.) 
völlig gesichert zu sein. Es ist aber neuerdings wider er- 
schüttert worden durch den hinweis auf ausgesprochen gallische 
Ortsnamen am Tyras und an der Donaumttndung. Tomaschek, 
der in den GGA. 1888, 300 auf diese aufmerksam macht, ge- 
langt durch sie zu dem Schlüsse, dass die Bastarnen als ein 
keltisch -germanisches mischvolk mit überwiegend keltischem 
Charakter zu betrachten seien. 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 35 

Die namen, auf die es hier ankommt, sind, soweit sie 
Tomaschek aufführt, am Tyras KagQoöovpov, OvußavxavoQiov 
und an der Donaumündung ^AXioßgi^ im gebiet der BgiroXccyai. 
Dazu kommt noch auf dem rechten Donauufer in der heutigen 
Dobrudscha gerade gegenüber von JiXioßgi^ ein Novioöovvov, 
das ausser von Ptolemaeus auch sonst noch mehrfach erwähnt 
wird. Auch bei dieser gallischen 'Neuenburg' werden wir es 
mit einer ansiedlung der BQiroXdyai zu tun haben, und hart 
an deren nordgrenze, keineswegs aber zu den llevxtvot, kommt 
den grundangaben nach OvißavravaQiov zu stehen. Da über- 
dies der name Bgirokayai selbst — vgl. kymr. breith, ir. brii 
'varius, versicolor*, akelt. Britones, Briiovius u. a. m. — ganz 
den eindruck eines keltischen macht und sogar, da -Xayai ein 
mit unserem laken urverwantes wort sein kann, sein sinn ^die 
buntmänter sich erraten lässt, so werden wir an dem Relten- 
tum dieses Stammes wenigstens nicht mehr zweifeln dürfen. 
Aber für die Bastarnen wäre aus dem was für die Britolagen 
gilt doch nur dann ein schluss zu ziehen, wenn diese ein teil 
von ihnen sind. Als solcher sind sie aber nirgends bezeugt 
und dass sie es trotzdem sind, ist nicht wahrscheinlich; denn 
wenn die Römer ausser den Peucini auf dem Donaudelta in 
deren unmittelbarer uachbarschaft noch einen anderen bastar- 
nischen stamm kennen gelernt hätten, wären sie doch kaum 
dazugekommen, den namen Peucini jemals für etwas anderes 
zu nehmen als den einer bastarnischen Unterabteilung, und 
hätten ihn nicht auf den weiter nordöstlich über den Karpathen 
ansässigen teil der Bastarnen übertragen. Das galatische dement 
im norden der Donaumündung ist also wohl ein vom bastar- 
nischen verschiedenes, selbständiges, und damit fällt nun gleich 
ein neues licht auf die Galater, die mit Skiren im bunde nach 
dem Zeugnisse einer inschrift aus Olbia (CI6. 2058) diese Stadt 
bedrängten. Denn wenn schon zugegeben werden muss, dass 
die Griechen auch Germanen, ehe sich über diese genauere 
künde verbreitete, als Galater bezeichnen konnten, so wäre 
doch, falls hier derartiges vorläge, nicht begreiflich, wie dann 
von Galatern und Skiren die rede sein könnte, da doch auch 
diese sicher Germanen waren. 

Haben die BQvtoXayai nicht mehr als Bastarnen zu gelten, 
so könnte die ansieht, dass die Bastarnen Kelten seien, nur 



36 MüCit 

noch an dem namen Kaggodowov eine stütze findeD, den 
Ptolemaeus an den obersten Tyras setzt. Dieser name be- 
gegnet uns noch etliche male in anderen gegenden, so in einem 
ehedem keltischen teile Germaniens unterhalb des AoxißovQyiov 
oQog, ferner in Vindelikie^ und endlich in Pannonien, so dass 
er nahezu appellativen Charakter zu haben scheint; um so eher 
Hesse er sich einfach als. der einer Station keltischer kaufleute 
auffassen, die vielleicht bei der umgebenden bevölkerung ganz 
anders hiess. Doch ist dies nicht einmal nötig, da wir bereits 
bei den keltischen Anarten — Teurisken, an deren grenze Ptole- 
maeus den ort Kaggodowov stellt, für ihn ein unterkommen 
gefunden haben; s. oben s. 15. Dass Kaggodowov ein bastar- 
nischer name ist, lässt sich jedenfalls nicht erweisen, nicht 
einmal, dass er einem orte ihres gebietes zukommt. 

Auf der andern seite erhält die annähme germanischen 
Ursprunges der Bastarnen so kräftige neue stützen, dass sie 
nicht mehr zu erschüttern sein wird. Zunächst sei auf den 
namen fl{umen) AgcUingus hingewiesen, den die Tab. Peut., die 
in jenem bereich noch keine Goten kennt, an den oberlauf des 
Dniester setzt: eine sicher germanische Wortbildung, mit der 
sich die flussnamen Elbing in Ostpreussen (das wäre in römisch- 
germanischer form Alb'mgus)^ tfing Vaf)>ni?5nismäl 16, Gilling 
S£. 1, 577, 3 u. a. m. vergleichen lassen. 

Auch "Axiiovoi , der name eines bastarnenstammes nach 
Strabo p. 306, dort mit Sidoveq und üsvxtvoi zusammen an- 
geführt, lässt sich aus dem germanischen und zwar als eine 
ähnliche bildung wie germ. *ermuna' (in Bermun-duri und aisl. 
jormun-) neben ^ermana-, *ermena' (^ermina-), also als ein er- 
haltenes passiv- oder medialparticipium erklären. Eine verbal- 
wurzel a( findet sich in ags. aiol, eatol 'schrecklich', aisl. atall 
'tierce*, von Kluge, Nom. stammbild. § 190 mit lat. odi zu- 
sammengestellt. Germ. *Atmunöz, wofür Strabo ebenso "ATfiovoi 
schreiben konnte, wie er *Ermuyiduröz durch Ev(i6v6oqoi wider- 
gibt (mit griechisch volksetymologiscber Umgestaltung statt 
'EQfiovöoQoi , soferu diese nicht erst auf rechuung der Über- 
lieferung zu setzen ist), können 'die verhassten, die furchtbaren', 
vielleicht auch 'die hässliohen' sein, mit demselben bedeutungs- 
übergang wie bei diesem worte. Weshalb MüUenhoff s. 109 
jiriiovoi für verderbt hält, ist nicht recht einzusehen. 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. -^7 

Viel Wichtiger und auch verständlicher ist der name Ba- 
siamae Bastemae selbst. Bast bedeutet im mengl. 'ungesetz- 
liche ehe', im afrz. fils de hast 'unehelicher söhn', und hierher 
gehört auch unser bastard, frz. bätard, bastard : s. Kluge EW. ^20. 
Man pflegt diese werte vom mlat. bastum, ital. span. basto, frz. 
bat 'packsattel, saumsattel' (das übrigens auch aus dem ger- 
manischen stammt) abzuleiten, da die maultiei*treiber ihre sättel 
als betten benützten. Aber bastarde sind söhne vornehmer 
Väter. Und gesetzt auch, dass jenes bast zur erklärung von 
bastard genügte (wofür das deutsche bankert, bänkling sprechen 
könnte), ist es doch schwer einzusehen, wie bast selbst die 
bedeutung 'ungesetzliche ehe V angenommen haben soll. Welchen 
sinn übrigens dieses wort ursprünglich gehabt hat, ist hier nicht 
von belang, denn ein aus dem lateinischen stammender bestand- 
teil des romanischen ist es gewiss nicht, und wenn eine junge 
ableitung davon 'kebskind' 'bedeutet, kann dies auch bei einer 
anderen, älteren der fall gewesen sein. Und nichts ist der 
deutung des namens Bastarnae Bastemae als 'blendlinge' so 
günstig als gerade sein suffix. Denn unter den wenigen be- 
legen für dasselbe die wir besitzen, sind einige aus denen sich 
eine bestimmte bedeutung desselben erkennen lässt. Ist got. 
widurvaima (das sogar in seiner schwachen form genau zu 
Basterna stimmt) 'der verweiste', eigentlich 'der witwensohn', 
und dime, got. *piwaim6 'knechtstochter, die tochter eines un- 
freien, die daher selber unfrei, d. h. dienerin ist* (Kluge EW.4 55), 
so ist hier beidemale ein abstammungsverhältnis bezeichnet, dem 
nebenbei ein gewisser makel anhaftet. Und abd. zwitarn be- 
deutet vollends einen 'zwitter, bastard, mischling aus zwei 
Völkern'. Der name Bastarnen ist also ein Spottname, und bei 
seiner bedeutung ist es begreiflich, warum der berichterstatter 
des Tacitus diesem stamme trotz seiner anerkannt germanischen 
spräche und sitte nicht den vollen adel germanischer art zu- 
gestehen will; ja wenn von ihnen Germ. 46 geradezu gesagt 
wird: connubiis mixtis noymihii In Sarmatarum häbitum foe- 
dantur, so ist damit nur eine nicht gerade wohlwollende Über- 
setzung und Umschreibung ihres namens gegeben, und deutlich 
verrät sich hier wie anderwärts die germanische quelle, aus 
der Tacitus mittelbar oder unmittelbar geschöpft hat. 

Der name Peucini üevxlvoi begegnet in zwiefacher ver- 



38 MUCH 

wenduDg. Ursprünglich bezeichnet er (worauf schon seine etymo- 
logie führen müsste) den bastarnischen stamm der die insel 
IlevxTj, also das Donaudelta, besetzt hielt. Nur in diesem sinne 
gebraucht den namen der älteste gewährsmann für die Peukinen, 
Strabo, p. 305 f., und auch Ptolemaeus (3, 10, 4. 7) kennt in 
der gleichen läge in Niedermoesien den stamm der Lfevxivol, 
setzt aber freilich (3, 5, 7) und zwar, weil er immer jeden be- 
sonderen namen für ein besonderes volk nimmt, sogar Ilevxivol 
neben den BaCxiQvai auch in Sarmatien und bei ihnen ein 
gebirge Ilevxri (3, 5, 5) oder Ilsvxlva oqti (3, 5, 9) an, das kein 
anderes als die Alpes Basiamicae der Tab. Peut. sein kann, 
und Tacitus, Germ. 46, wohl auch Plinius HN. 4 § 99 gebrauchen 
beide namen als gleichbedeutend. Wenn die Bastarnen an der 
Donau, die Peukinen also, mit denen doch die Römer anfänglich 
allein zu tun hatten, eine andere abteilung weiter im nordwesten 
als stammverwant bezeichneten und von ihr sich herleiteten, 
so ist es nicht auiTällig, dass man auch diese unter dem namen 
der Peukinen mit einzubegreifen anfieng; giebt es doch für 
eine solche Verallgemeinerung eines Stammnamens seitenstücke 
in fülle. 

Die Wohnsitze der nordwestlichen Bastamengruppe, die 
von den Peukinen durch eine reihe fremder stamme getrennt 
st, sind noch näher bestimmbar. Fürs erste müssen sie, 
wenn ein teil der Earpathen nach ihnen Alpes Basiamicae 
qeisst, bis ans gebirge hinanreichen, und wegen des namens 
fl{umen) Agalingus wohl auch bis zum oberen Dniester. Wenn 
sie ferner bei Strabo p. 306 als sowohl den Tyregeten als den 
Germanen benachbart {xolq TvQByixaiq o/zogoi xal regfiaifotg) 
bezeichnet werden, und wenn nach Plinius HN. 4 § 80 sie und 
darnach andere Germanen vom confinium der Germanen an die 
Qversa ^die abgekehrten äusseren gegen nordest und norden 
zu gekehrten gegenden' (Müllenhoff s. 322) besetzt halten, so 
werden sie an der oberen Weichsel mit den lugischen stammen 
sich berührt haben. Es kann damit auch jetzt schon als er- 
wiesen gelten, dass die ^JlöoaveQ des Ptolemaeus von den 
JSidovsg des Strabo nicht verschieden sind. Sie sind ein 
bastarnischer stamm, der von norden her über das gebirge 
vorgedrungen ist, gerade wie auf der anderen seite der Weichsel 
der lugisehe stamm der Buren. 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 30 

PÜDius HN. 4 § 99 nennt Peucini Bastemae als eine baupt- 
abteilung der Germanen, und Strabo p. 306 versichert von ihnen 
ausdrücklich, dass sie in mehrere stamme {elq nXelm g)vXa) 
zerfallen, führt auch einige davon namentlich an. Es ist darum 
aussieht vorhanden, aus der Sarmatia Europaea des Ptolemaeus 
über sie noch mehr als ihren gesammtnamen zu erfahren. In 
der tat findet sich dort eine specialdiatbese ihrer zwischen 
Weichsel und Earpathen sesshaften hauptabteilung, ein umstand, 
den man bisher unbegreiflicher weise übersehen hat. Unter 
den nur in folge eines misverständnisses an die Weichsel ver- 
setzten ^Ivvoi führt Ptolemaeus 3, 3,8 folgende Völker an: 
2!ovX<oveg' vg/ ovq ^QOvyovvöltDVBq, sha Avagirol xaga rrjv 
XB^ajiijv TOv OiiOTOvXa Jtorafiov' vq>' ovq "Ofi^QtDt^eq , sha 
kpaQToq)QäxToi, sha BovQylcovsg. Alles das sind, wenn wir 
von den kvaQTog)QaxToi absehen, die deutlich mit den 3, 8, 3 
im nordosten der provinz Dakien genannten "Avagroi zusammen- 
gehören (s. oben s. 16), durchaus germanische namen. 

SovXoiVsq zunächst gehört zu got. bisautjan fiialvsiv, bisaul- 
nan fdcalvsad'ai, alts. sulj'an, ahd. bisulen, mhd. suln, süln, md. 
stäwen, ags. syllan, sylian ^besudeln*, ahd. solön, mhd. solen, 
soln, ags. solian 'besudelt werden', ahd. mhd. sol st. n. m. 'kot- 
lache', ahd. solagön, mhd. solgen ^sich im kote wälzen, mit kot 
beschmutzen' und wohl auch ahd. salo, salawer 'dunkelfarbig, 
schmutzig' sammt seinen entsprechungen in den anderen ger- 
manischen sprachen. Die 2k)vXa)veg sind also klar und deutlich 
'die schmutzigen' oder *die unsauberen'. Das ist gewiss ein 
unfeiner name, den man aber verstehen und in diesem sinne 
gelten lassen wird, wenn man in erwägung zieht, dass nach 
Tacitus (Germ. 46), bei dem wir schon eine paraphrase des 
namens Bastarnae entdeckt haben, bei den Bastarnen sordes 
omnium beobachtet wurde. Gesetzt auch das» Tacitus damit 
nicht so sehr unreinlichkeit als ärmlich keit im gegensatz zu 
niior und splendor bezeichnen und keinen von den germanischen 
eigentümlich keiten abweichenden zug angeben wollte (s. Baum- 
stark, Völkersch. teil d. Germ. 310 ff.), so muss wohl, wenn er 
sich zu einer betonung der sordes der Bastarnen berechtigt 
glaubte, schon sein gewährsmann einen ähnlichen ausdruck ge- 
braucht haben, und da sich uns die letzte quelle seiner künde 
gerade über die Bastarnen bereits als eine germanische dar- 



40 MÜCH 

gestellt hat, so muss doch auch anderen Giermanen die sordes 
der Bastamen aufgefallen sein. Wenn Baumstark selbst die 
möglichkeit zugibt, dass wir im torpor procerum, von dem zu- 
gleich mit der sordes omnium die rede ist, eine bastarnische 
Steigerung erblicken dürfen, so gilt ein gleiches jedenfalls auch 
von dem damit geparten ausdrucke. 

Zur erklärung des namens ^Qovyovpölcoveg suchten Möller, 
Ae. volksepos 27 und MüUenhoif s. 80 durch die annähme zu 
gelangen, dass es der in eine andere Umgebung versetzte name 
der Burgunden sei; und letzterer wollte auch in den Avagipol 
oder Aßagivol die Varinen erkennen, deren namen Marinus zu- 
sammen mit dem der Burgunden 'dreist genug auf das andere 
ufer der Weichsel brachte, um hier dem mangel an detail ab- 
zuhelfen'. Als begründung hiefflr wird geltend gemacht, dass 
auch Plinius HN. 4 § 99 auf die Burgundiones Varini {uarinne 
nach den hss.) folgen lasse. Allein an einer fülle von namen 
im Osten der weichsei fehlte es dem Marinus ohnedies nicht, 
so dass er es nicht nötig hatte, in so gewaltsamer weise neue 
herbeizuschaffen. Je mehr dreistigkeit man ihm zumutet, desto 
gewagter wird diese Zumutung selbst. Was jene stelle des 
des Plinius betrifft, so ist dort von den ^VandilV die rede, 
' Quorum pars Burgundiones uarinne Charini Guiones'. Die 
Charini sind dabei, wie bereits s. 28 dargetan wurde, die Harii 
des TacitQs. Die Varini aber, das nachbarvolk der Angeln, 
mit denen zusammen sie zu den Nerthusvölkern gehören und 
so wie bei Tacitus auch noch in der lex Angloruin et Werino- 
rum gepart vorkommen, konnte Plinius nicht unter den Vandilen 
aufgezählt haben; in uarinne steckt also wohl der durch an- 
gleichung an den folgenden entstellte name eines anderen van- 
dilischen Stammes; ist es aber doch ftlr Varini zu nehmen, so 
wird es nur eine spätere in den text geratene glosse zu dem 
sonst nicht vorkommenden Charini sein. Der name Varnen 
könnte sich indessen in einem anderen local widerholen. Daran 
dachte Zeuss s. 133, und er musste eigentlich auf diesen ge- 
danken kommen, da er auch die AvaQjtoi, welche Ptolemaeus 
2,11,9 zwischen den Faradinen und Svebeu (d. i. hier den 
Semnonen) aufstellt, fllr die Varnen hält: freilich selbst wider 
ohne ausreichenden grund, denn auch sie stehen bei Ptolemaeus 
au ganz anderem orte als die Varini des Tacitus und könnten 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 41 

dahin nur durch einen irrtum geraten sein. Ebenso könnte 
av als widergabe des germanischen w einzig aus einem zu- 
fälligen fehler erklärt werden, denn das angebliche Avilfa bei 
Gassiodor, Variar. 5, 20, auf das sich Zeuss a. a. o. beruft, ist 
eine unform und auch schon beseitigt : wie Wrede, Spr. d. Ost- 
got 107 versichert, schreibt Cassiodor IVilia 1, 18; 5, 18. 19. 20; 
9, 13. Dass av und germ. w grundverschiedenen lautwert haben, 
muss doch auch bedacht werden, wenn es sich um die frage 
handelt, ob eines durch das andere widergegeben werden konnte. 
Den eindruck eines germanischen wortes macht aber der name 
AvaQivol auch dann, wenn er nicht als dasselbe wie Varini auf- 
zufassen ist. Was freilich *Awartndz oder *Abarinüz — welche 
von beiden formen vorauszusetzen ist, bleibt fraglich — be- 
deutet habe, ist schwer zu sagen, weil dabei verschiedene 
möglichkeiten sich die wage halten. 

Der wagschluss, dass ^Qovyovv6l(Dveg und BovQyovv6l(ovt(; 
zusammengehören, entbehrt somit jeder anderen stütze, als der 
die ihm etwa die ähnlichkeit beider namen selbst bieten könnte. 
Wenn Möller der meinung ist, dass ^römisches f durch griech. 
^ widergegeben, die widergabe eines statt der anlautenden 
media in germ. mundarten noch vorhandenen Spiranten, des 
lautes nnl. v gewesen sein' könne, so ist zu erwidern, dass 
weder der vorausgesetzte lautwert des germ. anlautenden h 
für die in betracht kommende zeit auch nur einigermassen 
wahrscheinlich ist, noch weniger aber eine widergabe dieses 
lautes durch lat. f, da sich schon bei Caesar Batavi, Bacenis 
findet und die lat. Umschrift deutscher namen überhaupt an 
bestimmte regeln gebunden ist. Auch das — sicher noch 
spirantische — inlautende germ. b wird im lateinischen durch 
b und V umschrieben: neben Suebi und Suevi aber ist eine 
form Suefi ganz unerhört. Wäre also b im anlaut germanischer 
Worte noch als spirant erklungen, so hätten die Römer höchstens 
gelegentlich v dafür setzen dürfen. Wir werden daher den 
gedanken an einen Zusammenhang von Bnrgunäiones und 
^QOvyovvölwvBq aufzugeben und uns für jeden dieser namen 
um eine besondere etymologie umzusehen haben. 

Für den ersteren ist diese eigentlich schon von Kluge in 
Pauls Grundr. 1, 305 durch die Zusammenstellung mit dem der 
keltischen Brigantes gegeben, soferne kelt. brigant- seinerseits 



4 2 MUCH 

bereits als entsprechung zu altind. brhänl-, brhat-, avest. ber^zant- 
'erhaben, hoch, gross' erkannt ist; vgl. Thurneysen, KZ. 28, 146. 
Genau wQrde keltischem Briganies je nach der Stellung des 
accentes germ. *Burgundez oder ^Burgunpez entsprechen. Auf 
letztere form, der vorgerm. Bhrghntes vorausliegt, wird das 
BovQfovvxmv bei Ptolemaeus zurückweisen. Burgundiones , 
*Burgundjonez zeigt schwache adjectivform und verhält sich 
zu *Burgundez wie ahd. nerrendeo zu alts. neriand, got. nasjands] 
man vgl das völlig gleichartig gebildete got. nShrundja 'proxi- 
mus' und bisunjanS 'ringsumher' (aus *bisundjan£, s. Kluge, 
Beitr. 10, 444). Ausser im volksnamen ist gerro. *burgund' noch 
in dem schönen Ortsnamen Burgunthar t (FöY^temsiuu DN. 2,2 366), 
d. i. 'ragender wald, hochwald' erhalten, vor allem aber in 
mehreren nordischen localnamen ; so in dem der dänischen insel 
Borren, alt Borghund (s. Bugge, Arkiv f. n. f, G, 244), dann dem 
der insel Borgund in Norwegen (SE. 2, 492) und dem der nor- 
wegischen Stadt Borgund (Heimskringla 2, 308. 309). Im namen 
der insel Bomholm, alt Borgundarholmr, ist der erste teil der 
gen. eines personennamens. Da ff leset/ nach dem riesen Hier 
benannt ist und Sdmsey nach *Sdmr (d. i. unter einfacherem, 
gleichbedeutendem namen derselben wie Scemingr, der söhn des 
05inn und der SkaÖi), so darf man auch bei Borgundarholmr 
an benennung nach einer gottheit denken; und dies wird sich 
umsomehr empfehlen, als es eine keltische göttin und nach- 
malige heilige Brigantia Brigila gibt, deren genaueste ent- 
sprechung eine germanische *Burgundt, gotische *Baurgundi, 
altnordische *Borgund{r) wäre. Die gleiche ältere form, die 
nichts anderes ist als das femininum zu Hurgund-, gerade wie 
altind. brhati-, avest. ber^zaitt das zu altind. brhdnl- brhat-, 
avest ber^zant' (s. Brugmann, Grundr. 2, 317), liegt auch jenem 
Stadt- und inselnamen Borgund zu gründe ; man vgl. damit das 
ebenso gebildete got. hulundi 'höhle' und aisl. nänd (= got. 
^nehundi) 'neighbourhood, nearness, proximity'. 

Sofern Kluge die gleichung Brigantes — Burgundi(pnes) und 
Chaiti — Cassi darauf zurQckfdhren will, dass die Germanen 
gebiete occupierten, auf denen zuvor Kelten sesshaft waren, 
kann ich ihm freilich nicht beipflichten; ebensowenig seiner 
Übersetzung von Brigantes Burgundi(pnes) durch 'monticolae'. 
Jedenfalls passt ein name dieses siunes auf die Burgunden in 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 43 

der ostdeutschen tiefebene nicht : sie könnten ihn nur aus einer 
älteren heimat mitgebracht haben, und dann selbst wäre es 
nicht recht erklärlich, warum er nicht durch einen andern er- 
setzt wurde. ^Burgundionez heisst wörtlich nur ^die ragenden,/ 
hohen', dasselbe also wie Chauci, germ. *Hauhöz\ und auch 
den germanischen Chauken stehen widerum in Wahrheit völlig 
gleichbenannte keltische Kavxoi (Ptolemaeus 2, 2, 5) gegenüber. 
Alle diese namen könnten sich auf die körpergrösse beziehen 
(vgl. den Burgunäio septipes bei Sidonius Apollinaris, Epp. 8, 9. 
Carm. 12, 11): wahrscheinlicher aber sind es in übertragenem 
sinne auszeichnende beinamen: man denke nur an den heah 
Uealfdene in Beowulf. Auch die göttin Brigantia ist ^die er- 
hobene, erlauchte', nicht Mie bergbewohnende'. 

Damit sind wir aber von unserem wege schon allzuweit 
abgekommen. Für die ^QOvyovvölcDvec, um die es sich uns 
hier zunächst handelt, ist das eben vorgebrachte doch nur in- 
sofeme von belang, als dadurch die deutschbeit auch ihres 
namens erwiesen wird. Vielleicht gehört dieser mit unserem 
furcht zusammen, bedeutet also g)oߣQol. Auch als 'die bunten' 
könnte man ihn verstehen : man vgl., was die ableitung betrifft;, 
altind. pfsani- 'gefleckt' und mit seiner Stammsilbe ahd. for- 
hana ^forelle', altind. pfcni ^gesprenkelt' und griech. ütBQxvoq 
,bunt, schwärzlich, dunkel'. Damit sind die möglichkeiten nicht 
einmal erschöpft, so dass es nicht leicht fällt, sich fttr eine 
bestimmte deutung zu entscheiden. In ^ovQyovvölcovsg braucht 
man ^^Qovyovvölmveg nicht zu ändern, da germ. ur und ru 
etymologisch so gut wie gleichwertig sind. 

Der name ''OfißgcovEg gibt um so sicherer germ. *ümbronez 
wider, als auch die italischen Umbri bei den Griechen 'Ofißgixoi 
heissen. *Umbro7iez aber ist eine ablautende nebenform zu 
*Ambronez, die sich sogar, vom auslaut abgesehen, noch vor- 
findet und zwar im volksnamen Vmbre im WidsiÖlied 32 und 
in dem namen, mit welchem die bewobner von Amrum {Ambrum 
im Liber census Daniae) sich bezeichnen und der in alter form 
^Ymbringar lautete, wie Möller, Ae. volksepos 89 versichert- 
Ambrones ist von Th. R. v. Grienberger im Salzburger Kyflfhäuser 
mit altind. ämbh-as n. *gewalt, furch tbarkeit', ambhr-nä- * ge- 
waltig, schrecklich' zusammengestellt worden: eine etymologie, 
durch die uns, wenn sie das richtige trifl*t, auch *fjmbronez 



44 MÜCH 

verständlich wird. Und zwar würde dies dasselbe bedeuten 
wie *Atmundz, so dass man die V/ißgcopsg des Ptolemaeus und 
die järfiovoi des Strabo für ein und dasselbe volk zu nehmen 
sich versucht fflhlt. 

Der name BovQylcaveq endlieh findet aus got. baurgjans 
jtoXlxai eine tre£fliche erklärung. Er bezeichnet augenscheinlich 
einen in befestigten platzen — vielleicht im gebiet einer zins- 
pflichtigen fremden bevölkerung — sesshaften Germanenstamm. 
Dass wir es dabei nur mit einer deutschen benennung der in 
ihren natürlichen vesten wohlbehaltenen bergbewohner zu tun 
haben, wie MüUenhofi^ s. 81 voraussetzt, liegt doch sehr ferne; 
denn überall verbindet sich im germanischen mit dem worte 
bürg schon der feste begrifi^ einer künstlich angelegten befesti- 
gung. Neben got. bat^gjans käme allerdings noch ein anderes 
völlig gleichlautendes wort in betracht, unser bürge, mhd. bürge, 
ahd. burigo; wie könnte aber ein volksstamm 'die bürgen' 
heissen ? 

Natürlich haben nicht all die genannten stamme, und noch 
weniger auch die in derselben reihe von den Burgionen ab 
aufgezählten dakischen, an der ostgrenze Germaniens platz. 
Ptolemaeus (oder der ältere geograph, dessen karte er benützt) 
hat hier wie anderwärts namen unter einander gesetzt, die 
neben einander stehen sollten. Und wenn die unter den 
''OfißQcovsg aufgeführten }ivaQToq)Q<ixTOt mit den in der nordwest- 
ecke Dakiens genannten "/Ivagtoi zusammengehören, so ergibt 
sich daraus schon, dass die folgenden namen in der richtung 
von west nach ost anzuordnen sind. Man wird dann natürlich 
nicht mehr wagen dürfen, aus den nach den BovgyltDVBq er- 
wähnten }iQöv^Tai ^Qom/rai zu machen und diese an die Arwa 
zu stellen, auch wenn dort noch platz übrig wäre, was nicht 
mehr der fall ist. Wenn Ptolemaeus die läge der Avagivol 
durch die Weichselquelle bestimmt, so ist das möglicherweise 
erst von seiner karte abgelesen. Vielleicht war aber diese be- 
stimmuug doch schon in der ersten nachricht mitenthalten, die 
ihm oder seinem Vorgänger über sie zukam. Denn wenn wir 
ihren namen wirklich an die rechte seite der oberen Weichsel 
stellen, so kommen dann iieVfißgcorsq südwestlich von ihnen, 
westlich von den ^löcoveg zwischen die ^gov/owölcoreg und 
die 'laQvyfg Meravaöxai zu stehen; und diese anordnung scheint 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 15 

die richtige zu sein, da wir von der stelle, wo wir die Vfißgcoveg 
angesetzt haben, gegen osten vorschreitend mit dem namen 
^paQToq)QdxTot an die nordweste^ke Dakiens geraten, wohin 
Ptolemaeus in seiner Dacia die ^vaQzoi stellt. Die BovQflcovBq 
wird man sich am oberen Tyras zu denken haben. Dem 
römischen gesichtskreis am nächsten lagen darnach von der 
nördlichen Bastarnengruppe nächst den Sidonen die Ombronen : 
ein neuer grund für uns, hinter den Si66vb<; und /irfiovoi des 
iStrabo die 2!lä(DV6g und "OfißQ(X}veg des Ptolemaeus zu vermuten. 
Einen germanischeu volksnamen enthält auch noch die zweite 
östlichere sarmatische volkerreihe bei Ptolemaeus 3, T), 9, die 
folgendermassen lautet: Tq)v öl tlQtjfitvcop tloXv araroXixcizsQoi 
vjto fihv Tovg Ovbviäag i^JtaXiv) FaXlvöai xal Uovdivol xäi 
2JzavaPol (lixQ^ ^^^ yiXapcov v^d' ovg 'lyvXXlwveg , dxa Kot- 
CToßmxoi xal TgarOfiovravoi fiixQf^ ^^^ Ilavxivcov OQicov, Hier 
stehen die Wenden sicher nicht am rechten platze, und von 
ihnen ist jedenfalls abzusehen. Sind die Übrigen namen auf 
ein und dieselbe eintragung zurückzuführen, so müssen wir, um 
die Verbindung von den aistiscben Galinden und Sudinen zu 
den Koistoboken herzustellen (die ins nördliche Ungarn gehören, 
8. MüUenhoff s. 83 ff.), die Stavanen für die Slaven oder doch 
eine abteilung von ihnen nehmen und 'lyvXXlcovsg für einen 
namen der gesammten Bastarnen oder für den eines bastar- 
nischen Stammes, der uns etwa gar schon in der westlicheren sar- 
matischen völkerreihe unter anderem namen begegnet ist. Alle 
Vermutungen bleiben hier natürlich sehr unsicher, da uns ander- 
weitige nachrichten fehlen, auf grund deren wir die vorliegenden 
angaben des Ptolemaeus nachprüfen könnten. Was für ein 
germanischer name aber hinter dem Verderbnis 'lyvXXlcoveg 
sich verbirgt, ist noch wohl zu erraten. Denn gerade wie bei 
Zosimus p. 59 ein Burgunde oder Wandile 'lylXXog {IFIÄAOS), 
in einer hs. noch llyylXXog {imAAOi:) heisst statt imAAOS, 
got. ^Jn-gilds, ebenso musstc aus irrYAAIS2NE2 d. i. got. 
^In-gtUdjcms durch nachlässigkeit der abschreiber fast notwendig 
IVYAAIQNES werden. In- ist hier Verstärkungspartikel wie 
beispielsweise in nhd. ingrimmig, nihd. inguol, ags. infröd, aisl. 
igromn (vgl. J. Grimm, Gramm. 2, 758 ff. Dietrich, Zs. fda. 10, 
313.11,413. Germ. 10,264. Höfer, Germ. 15,61 ff. Wrede, Spr. 
d. Ostg. 103 f.) und *'guldjonez eine zu gellen und seiner sippe 



4G MUCH 

gehörige Wortbildung. *Ingtädjonez wird 'die hochangesehenen* 
oder etwas ähnliches bedeutet haben. 

Je reicher aber der namenbestand ist den die Sarmatia 
des Ptolemaeus enthält, und je sorgfältiger dieser die Völker 
der östlichen Umgebung der Weichsel verzeichnet, mit um so 
mehr recht findet es Zeuss s. 156 auffällig, dass dabei der 
Skiren keine erwähuung geschieht. Wo diese sassen, ergibt 
sich aus der aussage des Plinius HN. 4 § 97, dass zufolge der 
meinung einiger von osten her bis zur Weichsel Sarmaten, 
Veneden und Skiren wohnen. Aber hinter den ^Ivvoi, die 
Ptolemaeus an diesen fluss unterhalb der riß-coveg ansetzt, 
können sich die Skiren nicht verbergen, wie Zeuss a. a. o. ver- 
mutet. Wie sollte ^Ivvoi aus SxIqoi verderbt sein? Auch 
darf man die ^Ivvoi aus der Sarmatia des Ptolemaeus gar 
nicht ganz beseitigen: sie gehören dahin als nordostuachbarn 
der Wenden und sind nur aufs geratewol und darum an 
falscher stelle angesetzt, weil sie dem ptolemaeischen karto- 
graphen in einer generaldiathese mit Wenden und Goten zu- 
sammen als Völker des ostens genannt worden waren, doch 
ohne dass ihre gegenseitige Stellung aus der nachricht Über sie 
klar wurde. So wird es auch begreiflich, warum Goten und 
Wenden auf seiner karte die platze getauscht haben. 

Die einfachste erklärung für die nichterwähnnng der Skiren 
bei Ptolemaeus ist die, dass dieses volk ein stamm der Ba- 
stamen ist und bei ihm unter anderem namen auftritt. Und 
zwar geschieht dies, denke ich, unter dem der J^ovXcovsg, d. i. 
der 'sordidi*, gerade weil Sciri, germ. Sklröz, wie man längst 
erkannt hat (vgl. Zeuss s. 156. J. Grimm GDS. 466), 'nitidi' 
splendid i' bedeutet. Wir haben es hier mit einem ganz ähn- 
lichen falle wie bei den Manimi 'Ofiavoi zu tun, die noch dazu 
gerade gegenüber den Sdri UovXcovsg auf dem linken Weichsel- 
ufer sessbaft sind. Man hat also gleiches mit gleichem ver- 
golten und ist auf keiner seite den schimpf schuldig geblieben. 
Nur wird man, wie meist in solchen fällen, nachträglich nicht 
gut entscheiden können, wer dsunit angefangen hat. 

Wenn die Skiren ein stamm und zwar der hauptstamm 
der Bastarnen waren, so wird nun auch das rätselhafte ver- 
schwinden der letzteren erklärt. Denn durch den übertritt von 
100000 Bastarnen auf römischen boden und ihre ansiedlung 



DIE SÜDMARK DER OERMANEN. 47 

in Thrakien durch Kaiser Probus (s. Zeuss s. 442) hat doch 
nicht das ganze volk zu bestehen aufgehört. Es ist überdies 
wahrscheinlich , dass es der stamm der Peucini im engeren 
sinne ist, um den es sich hier handelt. Dieser war ja seit dem 
vordringen der Goten an der unteren Donau wider selbständig 
hervorgetreten, nachdem er eine zeit lang der römischen provinz 
Niedermoesien einverleibt war: Peucini ab insttia Peuce, quae 
ostio Danubii Ponto mergenti adiacet, treten nach Jordanes c. 16 
unter den bundesgenossen Ostrogotas auf und Peucini nach 
Trebellius PoUio, Glaud. 6, ÜBvxai nach Zosimus 1, 42 unter 
den während der regierung des Claudius auf seeraub aus- 
ziehenden Goten ; s. Zeuss s. 442. 

Aber auch auf die Skiren der olbischen inschrift fällt nun 
ein neues licht. Wenn einmal ein teil des Skirenstammes bis 
in die nähe von Olbia vorgerückt war und nach dem Zeugnisse 
jenes denkmals sogar für den winter einen handstreich auf 
diese stadt plante (was doch schon auf eine art ansässigkeit 
in ihrer nähe hindeutet), so ist es nicht wahrscheinlich, dass 
er dem reichen und fruchtbaren süden widerum den rücken 
gekehrt habe. Sind die Galater in der gesellschaft der Skiren 
die BQixoXayai, so sind sie selbst niemand anders als die 
Ilevxlvoi; ohnedies fehlt uns für diese noch der alte sonder- 
name neben der nilgemeinen bezeichnung Bastarnen; denn 
Ilevxlvoi kann nicht als solcher gelten, da er ein localname 
ist, der erst nach längerer anwesenheit in der neuen heimat 
entstanden sein kann und in der tat erst von Strabo ab er- 
wähnt wird. Diese lücke wird durch die 2!xlQot jener inschrift 
ausgefüllt. Dass der name später an der Donau in Vergessen- 
heit geriet, ist eben durch das aufkommen des namens Ilsvxlvoi 
erklärt. 

Veranlassung zur bezeichnung einer abteilung der Germanen 
als Bastarnen gab jedenfalls erst deren niederlassung auf ur- 
sprünglich fremdsprachigem boden. Und wenn nun 'nicht all- 
zulange vor dem jähre 182' (MüUenhoff s. 104) weiter nach 
dem Süden vorgedrungene bastarnische auswanderer sich bereits 
selbst Bastarnen nennen, so hat dies schon zur Voraussetzung, 
dass der name nicht mehr als Spottname gefühlt wurde oder 
dass man sich doch mit ihm schon abgefunden hatte, ähnlich 
wie ja auch der name der Sveben oder Ubier und vieler anderen 



48 MUCM 

mit Bpottnamen benannten Völker zuletzt von diesen selbst ge- 
braucht wird. Nur wird derartiges nicht schon kurze zeit nach 
dem aufkommen eines solchen namens geschehen sein. Man 
sieht, in welch früher zeit bereits der vorstoss der Germanen 
tlber die obere Weichsel erfolgt sein muss. 

Von all den Völkern und Völkergruppen die wir als alte 
nordnachbarn der Kelten kennen gelernt haben, verdienen mit 
rücksicht auf ihre spätere rolle vor allem die Sveben unsere 
aufmerksamkeit. 

Zs. fda. 32, 407 f. ist der name Suebi aus dem germanischen 
verbaladjectiv ^swäbiz, aisl. svcefr erklärt worden : eine deutung, 
die übrigens schon Wackernagel, Zs. fda. 6, 260 in ihrem sinne 
getroffen hat. Dass sie die richtige ist, bestätigt der gegensatz, 
der sich im namen der Yandalen ausdrückt, mag man diesen 
als ^die wandelbaren' oder als 'die beweglichen' verstehen. 
Aus diesem gegenstück, das nach dem osten weist, geht auch 
hervor, dass es nicht tunlich ist, das aufkommen des Sveben- 
namens mit der ausbreitung der Germanen gerade über ur- 
sprünglich keltisches gebiet in beziehung zu setzen, wie dies 
Zs. fda. 32, 408 ff. geschehen ist. Wohl aber werden sie in ihrer 
alten heimat weniger als andere Germanenstämme dem verkehr 
mit der fremde ausgesetzt gewesen sein, und notwendig gieng 
aus solcher abgeschiedenheit ihr nachweisbar zäheres festhalten 
an hergebrachten sitten und anschauungen hervor, vielleicht 
auch eine gewisse Schwerfälligkeit und spätreife, wie wir denn 
auch jetzt noch vom Schwabenalter sprechen; vgl. Kossinna, 
Westd. zs. 9, 109. Der Svebenstamm gleicht ganz jenen ge- 
stalten im germanischen märchen und mythus, die in ihrer 
Jugend träge und stumpf und gering geschätzt sind, bis bei 
einem besonderen anlasse ihre angeborene heldenart zum durch- 
bruche kommt. Ganz Süddeutschland ist nachmals so gut 
wie ausschliesslich durch die Sveben dem Germanentume ge- 
wonnen worden: eine tatsache, die ja bereits als ausgemacht 
gelten kann. 

Ehe wir aber ihre weiteren wege und Schicksale verfolgen, 
wird es sich empfehlen, uns erst über ihre älteste heimat und 
über ihre ausbreitung in Norddeutschland zu unterrichten, und 
zu diesem zwecke gilt ed zunächst darüber ins klare zu kommen. 



Die südmark der Germanen. 41) 

welchen von den norddeutschen stammen der Svebenname wirk- 
lich gebtlhrt. 

Unter den alten gewährsmännern nimmt bekanntlich in 
bezug auf die Sveben Tacitas eine ganz eigene Stellung ein. 
Ausser den Semnonen und Langobarden und ausser den süd- 
deutschen Stämmen zwischen den agri Decumates einerseits und 
den Ösen und Eotinen andrerseits gelten ihm auch noch die 
Nerthusvölker als Sveben, wenn nach ihrer aufzählung Germ. 40 
im folgenden cap. fortgefahren wird: et haec quidem pars Sue- 
borum in secretiora Germayiiae porrigitur] Sveben sind ihm ferner 
die Lugier nach Germ. 43: dirimit enim scinditque Suebiam con- 
tinuum mantium iugum^ Vitra quod plurimae gentes agunt ex 
quäms latissime patet Lygiorum nomen\ auch die germanischen 
grenznachbam der Aisten, da er diesen selbst noch Germ. 45 
ritus hMtusque Sueborum zuspricht; ja selbst die be wohner 
Skadinaviens, nach deren erwähnung es erst heisst: hie Suebiae 
finis. Dementsprechend wird auch die Ostsee Germ. 45 Suebi- 
cum mare genannt. 

Dagegen greift bei anderen gewährsmännern/abgesehen von 
den Sowjßoi jiyyeiXol des Ptolemaeus, der Svebenname in das 
ingvaeonische gebiet nirgends hinüber, and ebensowenig werden 
anderswo nordgermanische oder vandilische stamme den Sveben 
zugerechnet. Auch die namen ^Swcebiz und *fFandalöz (oder 
*WandiWz *Wandulöz; vgl. Wrede, Spr. d. Wand. 39) drücken 
schon einen sich wechselseitig ausschliessenden gegensatz aus. 

Um so auffallender noch ist der taciteische gebrauch des 
SvebennamenSy als wir gerade der Germania die wichtigsten 
belege dafür danken, dass wir es bei den Sveben mit einer 
stammesgenossenschaft zu tun haben. Nicht nur von ihrer 
eigentümlichen, sie von anderen unterscheidenden tracht und 
ihrem gemeinsamen gottesdienst erfahren wir durch diese quelle, 
sondern auch geradezu von ihrer gemeinsamen abstammung: 
nur unter der Voraussetzung dieser sind im cap. 39 die aus- 
drücke 'vetustissimos se Sueborum Semnones memoranV, 

* omnes eiusdem sanguinis populi\ ^inde initia gentis^ verständlich. 
Das was uns Tacitus vom svebischen gottesdienst berichtet 
(den MttUenhoff, Schmidts Zs. f. gesch. 8, 241 ff. als den dienst 
des allgottes Tiwaz erwiesen hat), kann aber in Wahrheit von 
der gesammtheit der taoiteischen Sveben nicht gegolten haben, 

Btitrigt rar gMohiohto dtr dtattoheD spnoho. XVII. 4 



5Ö MUCH 

da unter diesen, wie wir gesehen haben, auch der ingvaeonische 
und lugische cultverband mit einbegri£fen ist Ganz deutlich 
gerät schliesslich Tacitus, wie Kossinna, Westd. zs. 9, 202 richtig 
bemerkt, mit sich selbst in widersprach, da er Germ.- 2 ebenso 
wie Plinius die Vandalen den Sveben gegenüberstellt, indem 
er Marsos Gambrivios Suebos Vandilios neben einander aufzählt. 
Darnach steht es kaum mehr in frage, auf welcher seite das 
ursprüngliche und richtige gelegen ist, und auch Baumstarks 
grobheiten (Völkerschaftl. teil d. Germ. 140 ff.) gegen Schweizer, 
Usinger, Waitz, Sybel und MUllenhoff, die alle am taciteischen 
gebrauch des Svebennamens anstoss genommen haben, können 
die entscheidung gegen Tacitus nicht abwehren. Aufzuklären 
bleibt nur noch, wieso dieser dazu gekommen sein kann, auch 
die ingvaeonischen Völker und die ganzen Nord- und Ostger- 
roanen unter den Sveben mit einzubegreifen. 

Das nichtsvebische Germanien bei Täcitus deckt sich völlig 
mit dem gebiet, welches die Kömer vor der erhebung unter 
Arminius als ihren besitz betrachteten. Im osten grenzte dieser 
an den machtbereich des Maroboduus. Zu diesem müssen wir 
während der rachekriege des Germanicus zunächst die Ermun- 
duren rechnen wegen ihrer durchaus teilnahmlosen Stellung 
gegenüber den Kömern und Arminius. Der Langobarden frühere 
Zugehörigkeit zum anhange des Maroboduus wird durch die 
nachricht von ihrem abfall von ihm (Tacitus, Ann. 2, 45) voraus- 
gesetzt, ohne dass es sich freilich feststellen liesse, zu welcher 
zeit ihr anschluss an ihn erfolgt ist. Wahrscheinlich mussten 
die Kömer Maroboduus' vorherschaft über Langobarden und 
Ermunduren in dem ruhmlosen frieden anerkennen, den sie im 
jähre 6 n. Chr. abzuschliessen genötigt waren. Und wenn man 
vor dem kriege dieses jahres ihm von römischer seite nach 
Velleius Paterculus % 109 zum vorwürfe machte, dass ganze 
Völker bei ihm Zuflucht fänden, die von den Kömern abfielen, 
so ist das damals kaum auf etwas anderes zu beziehen als 
auf die aufnähme der Langobarden und Ermunduren in seinen 
Völkerbund, und beide stamme waren wohl in einem bericht 
namentlich bezeichnet, den Strabo benützte; nur hat dieser einen 
ausdruck, wie den von Velleius gebrauchten : gentibus hominibus- 
que a nobis descisceniibus erat ad cum perfugium wörtlich ge- 
nommen, und er erzählt daher p. 291 von einer flucht und aus- 



DIE sCdmark der GERMANEK. 51 

Wanderung der EvfiovöoQot und AayxooaQyoi über die Elbe 
(vüi'l 6h rskicog elg rrjv jrsQalav ovrol ys ixjtsjtrdxaoi ^Bvyovreq), 
die tatsächlich niemals stattgefunden haben kann. Dass die 
Langobarden im jähre 16 n. Chr. wahrscheinlich dem Arminius 
gegen die Römer beistehen, spricht nicht gegen ihre damalige 
Zugehörigkeit zum machtgebiete des Maroboduus, dessen gefüge 
doch gewiss so locker war, dass es ihnen die beteiligung an 
jenen kämpfen auf eigene faust gestattete, und vielleicht ist 
dieselbe auch der erste schritt ihres völligen Übertrittes zu Ar- 
minius. Sonst gehörten zum reiche des Maroboduus, ausser den 
Markomannen selbst, die Semnonen nach dem Zeugnisse des 
Tacitus, Ann. 2, 45 und des Strabo p. 290; dieser macht uns 
überdies noch Aovlovg, Zovfiovg, Bovrovaq, MovylXcDvag, Ui- 
ßlvovg unter seinem aiihang namhaft: namen, unter denen man 
den ersten sicher mit recht in den der Lugier, den dritten und 
den fünften mit weniger gewähr in den der Gutonen und 
Sidinen hergestellt hat Z0YM0¥2 steht weit eher für AOF- 
N0¥2: als für B0YP0Y2\ vgl. Zs. fda. 33, 8. MovyiXmvag 
dagegen, aus dem man gewaltsam genug die Burgundionen 
herauslesen wollte, macht nicht gerade den eindruck des 
verderbnisses und bedeutet wohl 'die mächtigen, starken'. 
Zu dem gleichbedeutenden ags. meagol wird sich *Mugiionez 
verhalten wie ahd. mugan zu magan; doch kann ein ablauts- 
verhältnis zu diesem ags. werte auch bestehen, wenn es mit 
Sievers, Beitr. 5, 79 anm. und Kluge, Nom. stammbild. § 190 
als meagol aufzufassen ist; in letzterem falle wäre für den 
volksnamen auch länge des stammvocales in anschlag zu 
bringen. Ein besonderes und im übrigen unbekanntes volk 
werden aber die Mugilonen nicht gewesen sein, vielmehr ein 
solches, das sonst unter anderem namen auftritt. Dass dabei 
ein bestimmter stamm von den Ostseeinseln näher in betracht 
kommt, wollen wir vorläufig unerörtert lassen. Gewiss aber darf 
man die von Strabo aufgezählten namen (schon deshalb, weil da- 
runter die der Langobarden und Ermunduren fehlen) nicht als das 
vollständige Verzeichnis der Völker des Maroboduus betrachten; 
es steht also der Vermutung nichts im wege, dass auch die 
Nerthusvölker zu den durch vertrage von ihm abhängigen gehört 
haben, von denen Velleius 2, 108 spricht. Denn durch das er- 
scheinen einer römischen flotte an der küste Kordjütlands war 

4* 



52 MüCH 

ihnen, ja sogar den Skadmayiern, die von den Römern dro- 
hende gefahr vor äugen gerückt — weit näher selbst, als etwa 
den Goten — und damit anlass gegeben, sich dem schütz- und 
trutzbttndnis gegen die eroberer anzuschliessen. Ihr Verhältnis 
zu diesem und seinem hochbegabten schöpfer braucht man sich 
dabei nicht als ein viel festeres vorzustellen als das befreun- 
deter Germanenfürsten zum Ostgotenkönige Theoderik. 

Was lag unter solchen umständen für die Römer, als sie 
das westliche Germanien noch besetzt hielten, näher, als die 
freien Germanen nach dem führenden volke Sttebi, ihr land 
Suebia zu nennen? Standen doch über den grenzen des rö- 
mischen machtbereiches im inneren Deutschland sowohl als an 
der Donau von den Langobarden bis zu den Quaden aus- 
schliesslich oder so gut wie ausschliesslich echte Sveben, und 
schon darnach hatten sie mehr veranlassung zu einer ausdehnung 
des begriffes Suebia auch über das ganze von Germanen be- 
wohnte hinterland, als die Franzosen, von Allemagne im sinne 
von * Deutschland' zu sprechen. Hätten die Ueberrheiner die 
fremdherschaft nicht abgeschüttelt, oder hätte die Schöpfung des 
Maroboduus sich länger forterhalten, so hätte der Svebenname 
allgemein den sinn angenommen, in dem er uns bei Tacitus 
begegnet, und in dem auch die UovfjßoikYyeiXol bei Ptolemaeus 
2, 11,8 zu verstehen sind. Dass dies die erst auf der ptole- 
maeischen karte an die Elbe gerückten Angeln der kimbrischen 
halbinsel sind, beweist der umstand, dass anschliessend an sie, 
aber gleichfalls aus ihrer richtigen läge nach Südwesten ver- 
schoben, die Langobarden genannt werden: T<3v 6h kvroq xdi 
fjisooyelcov Id^vcov fityiOTa (lir loxi x6 te rcov Eoviißoov xcöv 
kyyHkcor, oi tlöiv avaxoXixcjxBQOt x(3p AayyoßaQÖcov (xt^axel- 
popxeg jTQog xag aQxxovq l^^XQ^ ^^'^ fiiöcov xov "liXßiog jcoxafiot 
xal xd xaiv ^ovi^ßcov xc5v 2!efjiv6t*a}r. Die Vorstellung von 
der nordöstlichen Stellung der MyyetXoi gegenüber den Aayyo- 
ßagöoc entspricht dabei ganz der antiken anschauung von der 
läge der kimbrischen halbinsel, die man sich gegen osten 
hinübergezogen dachte: ihre östlichste spitze — gemeint ist 
Fornäs — fällt bei Ptolemaeus sogar noch um ein gutes stück 
weiter nach osten als die JSov^ßog- d. i. die Odermündung. 
Wirkliche Sveben (wofür sie noch von MüllenhofiF s. 288 an- 
gesehen werden) können die Angeln und ihre nachbarstämme 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 53 

schon als iDgvaeonen nicht gewesen sein. Wenn sich die 
En^le im WidsiSliede 44 selbst den Swwfe gegenüberstellen, hat 
dies freilich nicht mehr zu bedeuten, als wenn in derselben zeit 
Baiern neben Schwaben genannt werden; das heisst, wir könnten 
es mit einer jüngeren einschränkung des begriffes Suebi zu tun 
haben. 

Koromen die liyysiXoi trotz des bei^atzes Uovrjßoi bei 
Ptolemaeus in der tat nicht als solche in betracbt, so sind 
andrerseits die meisten svebischen stamme bei diesem gewährs- 
manne nicht ausdrücklich als Sveben bezeichnet. Es ist deshalb 
wohl möglich, dass von den Völkern die er uns im norden der 
Semnonen namhaft macht, also von den TevrovtcQioi, OvIqovvoi, 
Avagjtoi und ^aQaösivol (von den Tevrortg ist natürlich ab- 
zusehen), das eine oder das andere, oder dass sie sämmtlich 
Sveben sind. Aber die blosse nachbarschaft der Semnonen ist 
doch nicht ausreichend, aus dieser möglichkeit eine Wahrschein- 
lichkeit zu machen, und an anderen nachrichten über jene 
Stämme fehlt es uns völlig. 

Viel eher wäre bei den Kaovhcoi des Strabo, KaXovxmveq 
des Ptolemaeus der läge ihrer Wohnsitze halber an Sveben zu 
denken. Jedenfalls ist der von Müllenhoff, Zs. fda. 9, 231 ver- 
suchte naehweis, dass Kalukonen und Ampsivarier Unter- 
abteilungen (gauvölker) der Angrivarier seien, nicht als ge- 
lungen zu betrachten. Ja das einzig wesentliche, das sich zur 
begründung dieser aufstellung beibringen Hess, beschränkt sich 
eigentlich darauf, dass von Strabo bei erwähn ung der von 
Germanicus im triumph aufgeführten gefangenen verschiedener 
germanischer stamme Angrivarier nicht, dafür aber KaovXxoi 
xai Kafiipiavol genannt werden, und an einer andern stelle (die 
übrigens die namen zum grossen teile aus jener aufzählung 
der gefangenen herübernimmt) in gleicher Zusammenstellung 
der Ka&vXxcov (1. KaovXxcov) xai l4(i\fäv(ov gedacht wird. Dass 
aber gefangene Angrivarier nicht erwähnt werden, findet die 
einfachste erklärung darin, dass die Römer keine gehabt haben, 
oder richtiger, dass sie die welche sie gehabt hatten, gegen 
die römischen in den bänden der Angrivarier ausgetauscht haben 
werden. Diese sollen sich während des letzten feldzuges des 
Germanicus nach widerholter empörung wider unterworfen 
haben ; für die Römer gewiss kein grund, ihnen ihre gefangenen 



54 iiüCH 

ohne gegengabe zurttckzustelleD. Aber solche Römerfreunde 
waren sie auf keinen fall über nacht geworden, dass sie die 
schiffbrüchigen und gefangenen Römer, die sie um ihr geld von 
den ferner wohnenden gekauft hatten (Tacitus, Ann. 2,24: 
mulios Angrivarü nuper in fidem accepti redempios ab interioribus 
reddidere) ohne entschädigung ausgeliefert hätten: befanden 
sich aber noch Angrivarier in römischer gefangenschaft, so be- 
stand die entschädigung naturgemäss in deren freilassung. 

Der name der Ampsivarii, um vorerst von diesen zu handeln, 
ist schon seiner bildung nach demjenigen der Angrivarü zu 
gleichartig, um eine Unterabteilung dieser zu bezeichnen. Wären 
sie dies, gehörten sie also zu den bewohnern des angers, so 
begreift es sich schwer, wieso sie Müllenhoff (a. a. o. s. 238) an 
die Weserberge stellen konnte. Allzuheftig eifert er auch 
(s. 239 f.) gegen die deutung des namens Ampsivarii als 'Ems- 
anwohner\ Denn seiner bemerkung: 'man wird auoh wohl 
kein beispiel beibringen können einer composition des -varii 
mit einem flussnamen' ist der hin weis auf die vom flusse Nith 
benannten Picti, qui Mduari vocantur bei Beda in der Vita 
S. Cuthberti, Boll. Mart. 3, 103 (Zeuss s. 573), ferner auf die Mar" 
harii Mährer (Zeuss s. 600. 640) d. i. 'Marchan wohner' entgegen- 
zustellen, aber auch auf die Chasuarii, gegen deren beziehung 
auf die Hase MttUenboff selbst DA. 2,217 nichts mehr einzu- 
wenden hat. Das p in Ampsivarii ist sicher euphonisch (Müllen- 
hoff, Zs. fda. 9, 239) und auf rechnung des lateinischen zu setzen: 
man vgl. dempsi für demsi, prompsi für promsi, sumpsio für sumsio 
und den namen der bruttiscben Stadt Tempsa, die auch Temesa 
Temese hiess. Im übrigen trage ich gar kein bedenken, auf 
germanischer seite synkopierung aus älterem *Amisjawarjöz an- 
zunehmen, obwohl im flussnamen selbst und in anderen werten 
mit gleichem quantitätsverbältnis in urgerm. zeit synkope nicht 
eintritt; denn in Zusammensetzungen gelten doch für die ein- 
zelnen bestandteile sichtbarlich andere betonungsgesetze , als 
wenn sie allein stehen, und niemand wird behaupten wollen, 
dass für den zweiten vocal in ^Amisjawarjöz dieselbe tonfüUe 
zur Verfügung stand, wie im einfachen ^Amisi. Auf Emisgowe 
aber darf man sich zur begründung einer gegenteiligen meinung 
nicht berufen, da dies eine junge bildung, oder Emis- aus dem 
liub^namen widerhergestellt sein kann. Dass Ampsivarier nach 



DIE SUDMARK DER GERMANEN. Od 

Tacitus, Add. 13, 55 von den Chauken aus ihrem lande ver- 
trieben werden, ist sehr wohl begreiflich, wenn sie an der 
unteren Ems, nicht aber, wenn sie an den Weserbergen sassen. 
Sind die Ampsianen nicht mehr als ein teil der Angriva- 
rier zu betrachten, so entfällt damit schon jeder grund, warum 
die Kalukonen für einen solchen gelten sollten. Wenn gefangene 
vom stamme der KaovXxot von Germanicus im triumph auf- 
geführt werden konnten, so war dies volk an dem freiheitskampfe 
der Germanen mit beteiligt und ist wohl mit unter die nicht 
namentlich bezeichneten nationes zu rechnen, die nach Tacitus, 
Ann. 2, 12 in der silva Herculi sacra heerversammlung hielten. 
Und wenn Ptolemaeus 2, 11, 10 die KaXovxcovsg zu beiden Seiten 
der Elbe sesshaft weiss, so können sie nur zwischen den Er- 
munduren und Langobarden gesessen haben, die selbst den 
genannten ström berührten. Auf den ersten blick befremdend 
ist es freilich, wenn er sie über den Chernsken, und noch auf- 
falliger und notwendigerweise irrtümlich, wenn er sie über den 
Silingen ansetzt. Betrachtet man aber die ganze namenreihe: 
ndXtp vno fihv xovg ^Jsfivovag olxovai UiXlyyai .... vjto öh 
Tovg SiXlyyaq KaXovxoveq i(p txarsQa rov yiXßioc JiOTafiov, 
vg)^ ovq XaiQOvOxol xal Kafiavo) liixQi rov MtXißoxov ogovq 
— so ergibt sich leicht, dass hier aus dem neben- ein unter- 
einander gemacht ist; nur konnte der geograph die Silingen 
zu Oberst nicht brauchen, weil ihm in anderen quellen als der- 
derjenigen, aus welcher die vorliegende aufzählung geflossen 
ist, verschiedene nordnachbarn der Semnonen: TevtovoQiot, 
OvIqovvoi, Tevrovec, AvuQjtoi oder doch ein par von diesen 
namhaft gemacht waren. Deshalb Hess er Semnonen und Silingen 
ihre platze tauschen. Wenn Chamaver als nachbarn der Gherus- 
ken, und ebenso, wenn sie später als solche der Chatten und 
Tubanten genannt werden (Ptolemaeus 2, 11, 11: vjto de rovg 
Kafiavovg Xaxrai xal TovßavroiX so ist das nur möglich, wenn 
man sich ihren machtbereich über das land der Bruktern aus- 
gedehnt dachte, gerade so wie dies bei Tacitus, Germ. 33 der 
fall ist. Man beachte auch, dass gerade von den Ghamavern 
wegen des CHAMAVI QVI EL PRANCI der Tab. Peut. der 
bund und name der Franken auszugehen scheint. Das MtXl- 
ßoxov oQog an ihrer seite ist natürlich dahin nur auf der karte 
des Ptolemaeus geraten, auf die es aus einer anderen quelle 



56 MUCH 

eingetragen ist. Somit stehen die Kalovxanfsg, nachdem die 
namen richtig geordnet und in gehörige richtung gebracht sind, 
zwischen Semnonen im osten und Gherusken im westen, was 
sich ohnedies auch aus ihrer bereits erschlossenen Stellung 
zwischen Langobarden im norden und Ermunduren im sttden 
hätte folgern lassen. Wir werden sie nun keinesfalls mehr mit 
Zeuss (s. 112) nordwestlich von den Gherusken ansetzen, noch 
weniger übrigens mit ihm (s. 113) lediglich darum, weil sie von 
Strabo mit den Ampsianen zusammen genannt werden und 
Germanicus mit ihnen zu schaffen hatte, voraussetzen, dass sie 
erst neben diesen gewohnt hätten und dann an die Mittelelbe 
gezogen seien. 

Der schluss aus ihren nach drei selten hin von Sveben 
umgebenen und auf das rechte Eibufer hinttberreichenden Wohn- 
sitzen auf das Svebentum der Kalukonen ist indes durchaus 
nicht zwingend, und er muss wol unterbleiben, da Strabo p.291 die 
KaovXxoi unter den kleineren nichtsvebischen Germanenstämmen 
aufzählt Und noch aus einem anderen gründe. Bekanntlich 
berichtet uns Tacitus, Germ. 36 von einem in das Schicksal der 
Gherusken mit hineingezogenen nachbarvolk derselben, den Fosen. 
Da die Gherusken im norden nach Tacitus, Ann. 2, 19 durch 
einen grenzwall von den Angrivariem geschieden waren, im 
Süden nach Caesar B6. 6, 10 durch den Harz von dem Sveben- 
stamme den wir als die Ermunduren erkannt haben, und auch 
im Westen zwischen ihren auf dem linken Weserufer liegenden 
gauen und den Bruktern und Ghatten weder räum genug für 
einen andern stamm vorhanden ist, noch ein solcher in diesen 
gegenden, die so oft kriegsschauplatz waren, gewohnt haben 
kann, ohne widerholt genannt zu werden, so können die Fosi 
nur in der östlichen Umgebung des Gheruskenlandes gesessen 
haben. Da ferner Tacitus den namen Galucones oder Gaulei 
nicht kennt und umgekehrt Ptolemaeus und Strabo keine ^ckfoi 
(obgleich dieser bei beschreibung des triumphes des Germanicus 
anlass gehabt hätte, sie unter den kampfgenossen der Gherusken 
aufzuzählen, und jener uns im übrigen weit mehr namen über- 
liefert als Tacitus), so sind wir fast genötigt, Fosi und KaXov- 
xcDveg KaovXxoi für dasselbe volk zu halten. 

Da X auch bei den Griechen durchaus nicht die häufigere 
widergabe von germ. h ist, so fragt es sich, ob Mttllenhoffs 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 57 

zusammenstellong der KaXovxcoveg KaovXxoi, deren name in 
den zwei von einander unabhängigen quellen, die ihn über- 
liefern, nur mit K anlautet, mit dem ahd. und alts. personen- 
namen Haluhho, Haiuco (Zs. fda. 9, 236) das richtige trifft. Auch 
dass eine der beiden namensformen eine verderbte sei, scheint 
mir nicht erweislich. Denn da bei Strabo an einer stelle 
KaovXxoi steht, an der anderen Ka&vXxcav, wobei aber O 
auf zurückweist (s. Müllenhoff, Zs. fda. 9, 236), so dass auch 
hier KaovXxcov das ursprüngliche ist, kann eine Umstellung aus 
KaXovxoi nicht auf rechnung der Überlieferung gesetzt werden; 
und germ. *i^auik'öz könnte sich zu *Kaluk-onez grade so ver- 
halten wie aisl. mjolk (aus *meiUk) zu got. miiuks (aus *melukz). 
Da es ausserdem noch eine germ. wurzel meik gibt (in melken, 
melk, (liXxa bei Galen 10 p. 46S (s. Kluge in Pauls Grundr. 
1, 307), so Hesse sich neben kaulk und kaluk auch eine wurzel 
kalk denken, und wir gelangten auf diesem wege zu got. kalkjö 
(oder kalki?) 'hure' und kalkinassus 'hurerei'. Ein Spottname 
mit dem sinne, der aus diesen gotischen beziehungen deutlich 
wird, ist der in rede stehende name um so eher, als Fosi, d. i. 
germ. *Fösüz oder besser *Föstz — vgl. verbaladjectiva wie ahd. 
chuoni, got gadofs, aisl. igr u. a. m. bei Kluge, Nom. stamm- 
bild. § 231 und die bairischen Jlösi Jluosi — mit rücksicht auf 
vAiA. feseüg, amhd. fesil * fruchtbar', ahd. fasel, ags. /i^^/ 'foetus 
prbles, soboles^ aisl. fosuU *a brood', mhd. vasel 'männliches 
Zuchttier' als 'foecundi' zu verstehen sein wird. Der eine name 
scheint also den begriff des anderen in üblem sinne fortzuent- 
wickeln. Uebrigens sind die anderen gründe für die gleich- 
setzung der Fosi und KaXovxovsg KaovXxoi bereits so aus- 
reichend, dass es nicht mehr darauf ankommt, ob auch die 
vorgetragene deutung ihrer namen zutreffend ist und ein Zu- 
sammenhang derselben besteht oder nicht. Und jedenfalls sind 
die Fosen kein svebisches volk ; das beweist, abgesehen davon, 
dass sie nicht einmal Tacitus den Sveben zurechnet, ihre enge 
Verbindung mit den Cherusken. 

Aber selbst das Svebentum der Langobarden ist nicht ganz 
einwandfrei. Dass Tacitus diesen stamm unter die Sveben 
rechnet, ist belanglos. Auch die JSovtjßoi AayyoßaQÖoi des 
Ptolemaeus fallen wenig oder gar nicht ins gewicht, wenn da- 
neben Sovfißoi kyyeiXoi stehen. Und gegen das Zeugnis des 



5S MUCH 

Strabo köDDte man darauf verweisen, dass im Widsi51ied 32 
den Langobarden ein urkönig Sc^afa zugesprochen wird, der 
kein anderer ist als Sc^af und "^Ingwaz: s. MüUenbofT, Beo- 
Yulf 10. Doch wird das besser aus späterem einfluss ihrer 
ingvaeonischen Umgebung erklärt werden. Und wenn andrer- 
seits ihre eigene stammsage von einem kämpfe mit den Van- 
dalen berichtet, der in der urzeit des volkes stattgefunden haben 
soll, für den in geschichtlicher zeit auch jeder anlass fehlte, so 
ist das nur zu verstehen, wenn sie wirklich Sveben waren. 
Nur als solche und in der svebischen Urheimat im lande der 
Semnoneu können sie mit den Vandalen aneinandergeraten sein. 

Von den svebischen stammen Norddeutschlands stehen die 
Semnonen am weitesten im osten, und dieser umstand schon 
könnte uns bestimmen, sie für das ältere volk zu halten, auch 
wenn Tacitus dies nicht ausdrücklich berichtete. Wann und 
auf wessen kosten von ihnen aus die ausbreitung gegen westen 
erfolgte, enthüllt sich uns durch eine reihe von Schlüssen, die 
sich an den namen TsvQioxatfiai anknüpfen. Unter dieser be- 
zeichnung begegnen uns bei Ptolemaeus 2, 11, 11 die nord- 
anwohner der 2jov6tjta iigtj, d.i. des Erzgebirges: eine Unter- 
abteilung der Ermnnduren also, die wir uns im übrigen bis zum 
Harz und vom Thüringerwalde bis zur Elbe ausgebreitet denken 
dürfen, da ihr name auf ein geographisch geschlossenes gebiet 
hinweist. TtvQioxcttfiat ist ganz so zu verstehen wie Bai{v)o' 
Xatfiai] und so wenig man die Boier schon *BaJahaimöz zu 
nennen Ursache hatte, so wenig werden die TevQioxaT/iai das- 
selbe volk sein wie die Teurier selbst, vielmehr dasjenige, 
welches deren gebiet nach ihnen in besitz nahm, und somit ist 
es schon wahrscheinlich, dass wir es bei den Teuriern mit 
einem vorermundurischen, und wohl gar wie bei den Boiern 
mit einem keltischen stamme zu tun haben. Es fragt sich, ob 
ihr name uns nicht näheren aufschluss über sie gewährt. 

Ueber die form des germanischen wortes, das Ptolemaeus 
als TtvQioxaTfjiai widergibt, sind wir insoferne von vornherein 
noch nicht ganz im klaren, als die antike Umschrift germanisches 
p von t nicht gut sondert: vgl. Wrede, Spr. d. Ostg. 170. Ptole- 
maeus im besonderen schreibt nur einmal ^ in einem germa- 
nischen namen, nämlich in rvd-(ovhc (3, 5, 8), wo aber gerade 
rtrong das richtige wäre, sonst immer nur r, und zwar in 



DIB SÜDMAKK DER GERMANEN. 59 

BovQyovvTov und etlichen anderen fällen, die alle bei gelegen- 
heit besprochen werden sollen, sicher für germ. />. Die Tsv- 
QioxaZfiai können darnach ganz gut bei den Germanen ^Peur- 
jahaitnöz geheissen haben. Der erste compositionsteil ihres 
namens erkläi-t sich dann alsya-ableitung aus dem germ. werte 
*peuraz, aisl. pjdrr * stier', das mit aslov. turu 'taurus, auer- 
ochs' und preuss. tcmris 'wisent' zusammen auf eine gemein- 
same grundform *ieuros zurückweist; und wir werden nicht 
fehl gehen, wenn wir auch hier wie in aisl. kit5 'zicklein\ fyl 
'füllen' und anderweitig (s. Kluge, Nom. stammbild. §58) das 
>a-8uffix als deminutivbildend, die Teuiier also als 'die jungen 
stiere' vielleicht auch als 'die jungen auerstiere' oder 'die jungen 
Wisente' verstehen. 

Ganz das gleiche bedeutet aber der keltische stammname 
Teurisci TevQloxot , der uns ausser in Noricum auch schon 
in Oberungarn begegnet ist. Wenn die norischen Teurisken 
in der regel Taurisci TavQloxot heissen, so ist dabei nur ihr 
ursprünglicher name durch einen anderen gleichbedeutenden 
ersetzt, und zwar von seite der Römer und Griechen, für die 
es besonders dann nahe lag, den keltischen volksnamen zu 
uostrificieren, wenn er ihnen in der jüngeren form *Touriskoi 
zu obren kam. An taurus ravQog * stier' wird man dabei um 
so eher gedacht haben, als TavQioxoQ auch als griechischer 
eigenname vorkommt und als solcher sicher deminutivum von 
ravQog ist; man vgl. griech. namen wie Kvvlöxog, Aaylaxa, 
Atovrloxog, Neßglöxog. 

Taurisci heissen übrigens gelegentlich auch die Taurini, 
ein ligurischer aber keltisch benannter stamm, und wider wird 
man dabei an latinisierung von kelt*Touriskoi,*Tounnoi denken 
müssen. Ja wenn nach Steph. Byz. 608, 3 Mein, die Taurini 
bei Eratosthenes angeblich TsqIöxoi hiessen, ist dies sicher nur 
Verderbnis für TevQlaxoi, also auch hier die jüngerem *7bwmX:oe 
vorausliegende keltische namenform *Teuriskoi noch nachweis- 
bar. An Zusammenhang des namens der Taurisken mit dem 
der Tauern ist schon wegen des auftretens desselben volks- 
namens in anderen örtlichkeiten nicht zu denken, und selbst 
für die norischen Taurisken wäre eine bezeichnung als 'Tauern- 
anwohner' wenig passend, da an den gebirgsübergängen dieses 
namens und in deren nähe doch nur der ullerkleinste teil von 



CO BfUCH 

ihnen ansässig war. Deutlich ist auch TaurJni eine deminutiv- 
bildungy und zwar eine nach art von 9,hA. fulin, geizzin, ziktdn 
und anderem bei Kluge, Nom. stammbild. § 57; und wenn die 
Taunni auch Taurisci hiessen, also hier ein deminutivsuffix das 
andere vertreten konnte, wird man unbedenklich auch TevgiO' 
(das zu TeuriskO' sich verhält wie griech. xaiölov zu jtaiöloxog) 
fttr einen anderen namen der keltischen Teurisken nehmen. 
Und vielleicht bestand die nebenform nur in der germanischen 
Zusammensetzung mit 'hama(n) und -haimöz, da sie sich hier 
als die kürzere empfahl und schon deshalb (wenn sie überhaupt 
möglich war) fast von selbst eintreten musste, weil damit der 
parallelismus mit *BaJahama{n\ *Bajahaimöz hergestellt wurde. 
Wie im sttden des Harzes vor alters die Teurisken, so sitzen 
im norden dieses gebirges noch in geschichtlicher zeit die 
Cherusken. Beide stamme und ihre namen gehören deutlich 
zusammen; denn wie jene 'die jungen stiere* sind diese Mie 
jungen hirsche'. Gegenüber Xsqovoxoi bei Dio Cassius und 
XatQovoxol bei Ptolemaeus kommt die Schreibung XrjQovaxoi 
bei Strabo schon mit rücksicht auf die unzuverlässigkeit dieses 
gewährsmannes in der Überlieferung germanischer volksnamen 
nicht weiter in betracht. Der name ist als germ. *Berusköz^) 
anzusetzen, und dies kann nicht gut etwas anderes sein als 



^) Bremer freilich gibt Beitr. 11,3 der Schreibung Strabos den Vorzug 
und hebt, um dieser mehr ansehen zu gehen, hervor, dass Strabo richtig 
SeylfjiTjiwg gegen Srjyififit)04 bei Dio Cassius schreibe, als ob wir nicht 
die gesammtheit der germanischen namen, die uns beide überliefern, ver- 
gleichen müssten, um ein urteil zu gewinnen, wer von ihnen mehr glauben 
verdient. Zudem liegt in ^tjyifisQog deutlich nur eine vertauschung der 
stammvocale vor, ^syiftrKwc aber findet sich bei Strabo gar nicht, statt 
dessen vielmehr (der gen.) Alyi^i)(jov(; oder Alytut'iQov, jedoch nach aus- 
lautendem q des vorausgehenden wortes, so dass ^aiyiixriQOi herzustellen 
ist. Ebenso schreibt Strabo an einer stelle i2L)atyt(7Trjq, Ptolemaeus 
Aikovatiüveg und ra)Miyia, Dio Cassius rai{o)(i6fia(ttK, wo überall «/ 
für germ. ? steht; vgl. Zs. fda. 35, 369; — und doch weiss Bremer über das 
«/ in X(a(toiaxoi nichts besseres zu sagen, als dass man es fttr den 
offenen r-laut geltend machen könnte. Am auffallendsten ist es aber, 
wenn Bremer als grund, weshalb wir in Cherusci kein kurzes (also ge- 
schlossenes), sondern ein langes (also offenes) e anzunehmen hätten, den 
umstand anführt, dass die römischen und griechischen schriftsteiler in den 
ältesten deutschen eigennamen anlautendes germ. h nur vor a, au, ai 
durch ch, bez. ;r widcrgogeben hätten, dagegen vor e durch /i, bez. spi- 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 61 

eine ableitnng von ^herut- 'hirsch*, was unabhängig von mir 
und gleichzeitig auch Edward Schröder erkannt hat. Es bleibt 
nur noch zu erwSgen, ob *Herut'köz oder *Herut'Sküz zu gründe 
liegt. Beides würde zu *tiertisköz führen und beides ist möglich. 
Und zwar würde sich ersteres bildungen wie ags. buihic ^junger 
ochse' neben aisl. boli 'ochse', aisl. maökr neben got. tnapa 
'made' und anderem der art bei Kluge, Nom. stammbild. § 61 
an die seito stellen. Und ist unter den germ. tiernamen mit 
Ar-suffix zufällig keiner ohne mittelvocal gebildet — denn schwed. 
mask, von dem Noreen, Urgerm. judl. s. 57 dies voraussetzt^ ist 
wohl erst eine junge schwedische entwicklung aus mapker — 
so kann man sich darauf berufen, dass sonst im germanischen 
Ar-ableitungen auch ohne mittelvocal vorkommen. ^Herut-sköz 
dagegen stünde dem namen *Teuriskoi ^Peurisköz auch seiner 
form nach näher und verdient wohl deshalb schon den Vorzug. 
Ein Seitenstück dazu ist frosch, ahd. frosk, ags. farsc, aisl froskr, 
das wegen des gleichbedeutenden ags. frogga von Brugmann, 
Grundr. 2, 260 auf fruh-ska-, von Kluge EW. * 97 auf fruh-sga- 
zurückgeführt wird. Und hieher gehört auch der name Oiscmgas, 
den nach Beda das geschlecht des Hengest, und der zuname 
Oisc, den (Eric, dessen söhn, führte, sofern Heinzel, Anz. fda. 
16,274 mit recht vermutet, dass darin, sowie in (Eric selbst 



ritns aspcr. Der Überlieferung eine so haarfeine Unterscheidung zuzu- 
trauen, ja diese geradezu wie eine bekannte tatsache und als ausgangs- 
punkt einer folgerung hinzustellen, ist um so unzulässiger, als einerseits 
die widergabe vor germ. h auch vor dunkeln lauten keine gleichartige 
ist — schon Caesar schreibt Harudes^ Tacitus Vahalis, Harii — andrer- 
seits ausser Cherusci nicht ein völlig sicherer alter beleg ifUr germ. 
h vor e oder t vorhanden ist und spätere Schreibungen wie ChUperi- 
cus, Brunichildis doch auch ihre tradition haben. Warum Bremer 
jene so haltlose behauptung aufstellte, ist übrigens klar. Die Che- 
rusken waren ihm einmal *die haarigen' und das musste nun bewiesen 
werden. Die herleitung ihres namens von got. Aarrf/5* seh wert' ist gewis 
nicht ansprechend, zumal seit der gott Heru sich als ein phantasie- 
gebilde erwiesen hat. Wenn aber Bremer sie verwirft, weil sie, wie 
er meint, das einzige beispiel einer sk- oder Mj/r-ableitung wäre, und 
deshalb Cherus-ci abteilt, so mUsste er doch folgerichtig seinerseits andere 
beispiele solcher Ar-ableitungen aus ^-stammen anführen. So ist es also 
mit der besseren methode bestellt, deren Bremer im vergleich mit Mttllen- 
hoff — 8. Litteratnrblatt f. germ. und rom. phil. 9 , 443 f. — sich be- 
rühmte. 



62 MüCH 

das wort eoh stecke, wodureli sich diese namen sehr gut an 
Mengest und Uorsa aDSchliesscn würden. 

Dadurch dass wir die filtere heimat der Teurisken, die 
ja doch in die Alpen sowohl als in die Karpathen erst in 
verhältnismässig später zeit eingedrungen sind, in Norddeutsch- 
land nachweisen können, bestätigt sich Müllenhoffs annähme, 
dass das vordringen der Germanen in Deutschland mit den 
grossen Kelten Wanderungen nach dem Süden und osten in Zu- 
sammenhang steht. Vor diesen, vor dem Sigovesus- und Belle- 
vesuszuge, also im 5. jh. v. Chr., lief die grenze beider Völker 
über den Harz, wenn, wie es ihr name fordert, die Cherusken 
nachbarn der Teurisken in *Peurjahaima(n) waren. Im übrigen 
fiel die Germanengrenze damals mit der nachmaligen grenze 
der Semnonen gegen Ermunduren und Markomannen zusammen, 
wurde also durch die Mittelelbe bis hinauf zu ihrem durchbruch 
durch das böhmische randgebirge, dann weiter gegen osten 
durch dieses selbst gebildet; auch die Lugier mögen damals 
schon bis ans gebirge gereicht haben. Standen aber die Che- 
rusken bereits wesentlich in dem bereich, in dem sie nachmals 
ihre geschichtliche rolle spielen (nur vielleicht noch nicht so 
weit nach westen und etwas weiter nach osten reichend), so 
müssen zu gleicher zeit die Istvaeonen schon im westlichen 
Norddeutschland ausgebreitet gewesen sein; denn dass sie sich 
später erst zwischen den Cherusken und der Nordsee nach 
Westen vorgeschoben haben, ist nicht gut denkbar, und schon 
ihre ganze eigenart weist darauf hin, dass sie nicht später als 
die Erminonen mit den Kelten in berührung gekommen sind. 
Ja es scheint gar nicht ausgeschlossen, dass sie im 5.jh. schon 
den Rhein an seinem unterlaufe erreicht hatten. Mindestens 
aber geschah dies schon vor dem eintritt der germanischen 
lautverschiebuDg, da der linke mündungsarm des Rheines bei 
Caesar mit keltischem namen als Vacaius (s. Glück s. 160) be- 
zeichnet ist, bei Tacitus hingegen als Vahalis, bei Sidonins 
Appollinaris als Vachalis, also mit deutscher lautgebung, die ja 
auch der jetzt üblichen namenform Waal zu gründe liegt. 

Als die Sveben nach der auswanderung der Teurisken über 
die Elbe vordrangen, war übrigens die germanische lautver- 
schiebung noch nicht vollzogen, wenn anders der bergname 
Finne auf kelt penn *kopf zurückgeht, wie MfiUenhoff s. 234 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 63 

ansprechend vermutet. Die fluBsnamen auf -apa, -ipa, -vpa 
stehen dem nicht in wege, da sie, wenn sie keltischen Ursprunges 
sind, in ihrem grundbestande doch nur auf keltische mit b- 
suflGx gebildete zurückgeführt werden können. Jedenfalls ver- 
dienen die norddeutschen localoamen keltischen Ursprunges 
erneute beachtung, da ihre behandlung durch die Germanen 
einen terminus für die lautverschiebung aufzustellen gestattet. 
Auch zwischen den namen *Walhöz und *Uolkoi liegt die laut- 
verschiebung mitten inne, und soferne Caesar von den Volcae 
Tectosages mit recht erzählt, dass sie durch die grosse 
Keltenwanderung nach Germanien und an den erkynischen wald 
geraten seien, so bestätigt gich damit, dass jenes germanische 
spracbgesetz nach dem Sigovesuszuge in kraft getreten ist. 
Man beachte auch, dass der germanische name des hanfes, 
ahd. hanaf, ags. hoenep, aisl. hanpr, gegenüber griech. xdvvaßig 
durchaus verschobenen laut zeigt. Diese pflanze wurde den 
Griechen von Skythien her (von wo aus sich ihre cultur über 
Europa ausbreitete) erst im 5. jh. bekannt: Herodot 4,74 be- 
schreibt ihre Verwendung seinen lesern noch als- etwas neues. 
Kaum früher aber als die Griechen, die mit der nordküste des 
Schwarzen meeres von alters her durch ihre pontischen pflanz- 
städte in lebhaften beziehungen standen, lernten die Germanen 
sie kennen. — Auf der anderen seite weist der name der 
Kimbern, wofür ich mir den nachweis für bessere gelegenheit 
spare, schon verschobenen laut auf. Und aus dem um das jähr 
lOU V. Chr. entlehnten namen der Donau, kelt. *Dänuuios, ist 
schon germ. *Dönarvt, ahd. Tuonauua, nicht *TönawJ, *Zuonauua 
entsprungen. Vielleicht in noch früherer, sicher aber in vor- 
römischer zeit, ist das ebenfalls nicht weiter verschobene got. 
peika-, kelikn, sipöneis — s. oben s. 33 — aus dem keltischen 
herübergenommen worden. Die lautverschiebung dürfte darnach 
im dritten jh. v. Chr. oder wenig früher oder später erfolgt sein. 

Der erste schritt nach westen führt die Sveben schon auf 
keltischen boden. Und im zusammenhange mit dem vordringen 
anderer Germanen in das alte Keltenland mag auch der Eib- 
übergang der Langobarden stehen, die dabei an die stelle einer 
weiter nach westen abrückenden Germanenabteilung, etwa der 
Chatten, getreten sein mögen. 



64 MUCH 

Ein einbruch in das keltische Suddeutschland erfolgte aber 
erst, nachdem die Emnunduren längs des nordrandes von Böhmen 
und über diesen hinaus bis an den oberen Main sieh vorge- 
schoben hatten. Dort endlich war eine stelle erreicht, an der kein 
natürliches hindernis das vordringen nach dem Süden aufhielt. 

lieber die zeit der erwerbung der elvetischen mark sind 
wir jetzt, nach Kossinnas die Teutonen betreffender entdeckung, 
so sehr im klaren, dass man sicher um kein volles Jahrzehnt 
fehlgreifen würde, wenn man im jähre 1900 den 2000jährigen 
gedenktag dieses ereignisses begienge, mit dem der marko- 
mannisch-bairische stamm, wo nicht seinen Ursprung, so doch 
seinen ersten mächtigen aufschwung nimmt 

Ob die Germanen welche an die stelle der ausgewanderten 
Teutonen traten und deren zurückgebliebene reste unterwarfen, 
als geschlossener stamm eingerückt, oder ob sie bloss ermun- 
durische und andere svebische freischaaren gewesen sind, wird 
sich schwer entscheiden lassen. Markomannen heissen sie erst 
nach ihrer niederlassung in der 'mark', sie scheinen aber da- 
neben doch ursprünglich noch einen anderen eigentlichen stamm- 
namen geführt zu haben. 

Als die Elvetier im jähre 58 v. Chr. den nachher von Caesar 
vereitelten aus wanderungs versuch unternahmen, schlössen sich 
ihnen nach B6. 1,5 ausser einer boischen abteilung drei nachbar- 
Stämme an, die Rauraci, Ttüingi und Laiovici. Davon sind die 
erstgenannten auch später noch bekannt und um Augusta 
Rauracorum, d. i. Äugst bei Basel, ansässig (s. Zeuss s. 220), 
die namen der beiden anderen aber sind nachmals verschollen. 
Doch gewährt die bedeutung von Laiovici, d. i. 'locis lutosis s. 
stagnosis habitantes' (s. Glück s. 115) einen anhaltspunkt, da 
in der nachbarschaft der Elvetier — jene drei stamme sind 
BG. 1,5 als finitimi derselben bezeichnet — nur das Rheintal 
südlich vom Bodensee oder allenfalls das Bodenseeufer selbst an- 
lass zu einer solchen bezeichnung gegeben haben kann. Zwischen 
Rauraken und Latoviken wird man dann die Tulingen zu suchen 
haben. Aber am linken ufer des Rheines haben sie, da dieser 
Strom nach BG. 1, 2 die grenze der Elvetier selbst gegen die 
Germanen bildet, nicht platz. Auf die rechte Rheinseite ver- 
weist zudem ihr name, dessen snffix im keltischen nicht nach- 
weisbar, im deutschen dagegen eines der geläufigsten ist und 



DTE SLDMAUK DER GKUMAXEN. 65 

gerade in einer fttlle von alten volksnamen Verwendung ge- 
funden hat. 

Diese werden freilich so ziemlich alle noch nicht richtig 
verstanden, da man von dem verurteil befangen ist, dass es 
sich dabei um patronymika handele. Dass wir aber mit solchen 
nicht ausreichen, zeigt deutlich der name Thuringi', denn es ist 
nicht einzusehen, warum sich dieser stamm nicht nur als *J^ti- 
ronez oder *Ermunduröz, sondern auch als deren nachkommen 
bezeichnet haben soll. Die richtige erklärung des namens 
Thuringi ergibt einzig seine Zusammenstellung mit den Über- 
aus zahlreichen, in allen germanischen sprachen vertretenen ab- 
leitungen anf -/n^a-, denen eigenschaftsbezeichnungen, adjectiva 
und abstracta, zu gründe liegen; man vgl. ahd. muoding, arming, 
mahling, ags. höring, IfjlUng, aisl. vitringr, veslingr, sniiiingr u. a. m. 
bei Kluge, Nom. stammbild. § 24. Hj. Falk, Arkiv 4, 352 be- 
zeichnet diese bildungen als intensiva^ und in der tat scheinen 
sie zum teil den begriff zu verstärken; aber meist haben sie 
nur die bedeutung substantivierter adjectiva. Eben darum 
stehen hftufig in volksnamen einfache Substantivierungen und 
tn^a-ableitungen neben einander: ich erinnere hier ausser an 
die Düringe an die Flamen oder die Fläminge und an die Bd- 
ningas im WidsiSlied v. 19, die dort den Burgendan zur seite 
stehen, deren neben Burgundaib gelegenes land aber im prolog 
des Edictum Rotharis Baynaib Bainaib heisst, woraus man einen 
volksnamen got *Bainds — vgl. aisl. beinn in der bedeutung 
^hospitalis', Gleasby-Vigfüsson 56 — erschliessen kann. Nur 
beiläufig sei hier bemerkt, dass man ganz mit unrecht die nor- 
dische sagenüberlieferung allgemein eines irrtumes zeiht, weil 
sie Sigmunds vater Fglsungr nennt, während im Beowulf Sig- 
mund IVcelses eafera heisst. Viflsungr braucht ja gar nicht söhn 
des ^Tais, sondern kann ganz das gleiche wie *Vals selbst 
ausdrucken. 

Um auf die Tulingi zurttckzukommen, so dürfen wir ihren 
namen, da ihn Caesar aus elvetischem munde, also mit kel- 
tischem lautersatz vornahm, unbedenklich als germ. *Pulingöz 
ansetzen. Wie die *Puringöz 'die wagenden' sind sie 'die tragen- 
den', 'die geduldigen' oder *die ausdauernden'; wie der eine 
name mit aisl. pora und seiner sippe — vgl. Zeuss s. 103. 
Henning, Runendenkmäler 98. Wrede, Spr. d. Ostg. 77 — ge- 

B«iiräge aur geiohlohte der deuttohen ipraohe. XVII. 5 



66 MUCH 

hört der andere mit aisl. pola, got. pulan, ahd. dolin, agg. 
polian zusammeDy zunächst aber zu ahd. mhd. dole, dol stf. 
4eiden', aisl. pol d. 'patience, endurance'. Somit ist nicht allein 
die deutschheit des namens Tulingi einleuchtend, sondern auch 
seine besondere eignung, den nachbarstamm dA* Thuringi zu 
bezeichnen. Die Tulingen sind also kaum etwas anderes als 
die Markomannen. Und dass auch Ton deren seite den Elvetiern 
eine freischaar sich anschloss, darf uns nicht wundern, wenn 
nur aussieht auf land- und beutegewinn Tofhanden war; hatten 
doch umgekehrt seinerzeit elvetische Teutonen und Tigurinen 
den wandernden germanischen Kimbern und Ambronen sich 
zugesellt. 

Ein nachbarTolk der Markomannen sind die Varisten. 
Aber ob mehr als das, bleibt fraglich. Dass sie 'ohne zweifer 
eine abteilung Ton ihnen seien, die in den alten sitzen zurück- 
blieb, lässt sich jedenfalls nicht mit fug behaupten. Niemals 
werden sie mit unter die Markomannen gerechnet, und da diese 
als Bai waren Böhmen yerliesseUf war ihr erstes, die Varisten 
zu verdrängen; doch darüber im folgenden. Genau besehen 
wissen wir nicht einmal, ob sie Sveben sind, da darauf, dass 
Tacitus sie diesen zuzählt, in anbetracht des Sinnes, den er 
mit diesem namen verbindet, nichts zu geben ist. Wir wissen 
aber auch nicht, ob sie schon vor der einwanderung der Marko- 
mannen in Böhmen dort standen, wo wir sie später antreffen, 
oder ob sie unter die stamme zu rechnen sind, die nach Strabo 
p. 290 Maroboduus ausser den Markomannen im Süden der Her- 
cynia ansiedelte. 

Ihre sitze hat man bisher aus der folge der namen bei 
Ptolemaeus 2, 11, 11 zu bestimmen gesucht, wo es heisst: . . . xal 
vjthg ra Sovörira oQti TevQioxcitfiai, vjto dh ra oqtj Ovagiörol' 
sha fj raßQ7jTa vkfj ' vjto öe rf/p Faßgr/Tav vXrjv MaQxofiavol, 
vq> ovq Sovöivoi, xal fdixQ^ "^ov Aavovßlov Jtorafiov olMöQaßai- 
xdfiJtoi. 

Da von den Varisten so viel auf jeden fall feststand, dass 
sie nicht innerhalb der böhmischen randgebirge anzusetzen sind, 
wollte Zeuss ihre läge unter den JSovöfira oqtj durch die annähme 
erklären, dass dieser name ein das Erzgebirge, den Franken- 
und Thüringer wald umfassender sei (s. 8), so dass sie, wenn 
er sie (s. 117) an das Fichtelgebirge und die fränkischen höhen 



DIE SIDMARK DER GERMANEN. 67 

stellt, immer noch unter die Hovörjza oqt] zu stehen kommen. 
Und in gleicher läge dachte sie sieh siehtbarlieh auch Mttllen- 
hoff, da er s. 302 von Varisten am Fichtelgebirge redet. 

Soviel ist aber sofort klar, dass, wenn auch die von Zeuss 
versuchte ausdehnung des begriffes JSovdrjza oqij und seine 
ansetzung der Varisten richtig wären, durch diese seine auf- 
fassung die oben ausgehobene stelle des Ptolemaeus nicht 
wesentlich verständlicher würde. Denn die raßQ7jTa vXri ist 
nach dem was Strabo p. 292 von ihr sagt, unzweifelhaft der 
Böhmerwald, wofür sie ja auch Zeuss immer nimmt. Wie 
kommt aber der Böhmerwald unter, das ist — in der von den 
Sovötjxa 0Q7} zur Donau herablaufenden reihe — südlich von den 
Varisten zu stehen? Und wie kommen dann noch unter ihn 
die in Wahrheit nordlich von ihm sesshaften Markomannen, 
unter diese endlich die Sudinen, die doch deutlich mit den 
^ovörfta oQfj zusammengehören? Der fehler des Ptolemaeus 
ist aber nicht schwer zu erkennen und zu verbessern: er be- 
steht darin, dass die ganze namenreihe zwischen den üovdTjTa 
oQTj und den Kämpen in verkehrter Ordnung auf die karte ge- 
setzt ist. Um dies anschaulich zu machen, seien hier die namen 
in der Ordnung des Ptolemaeus und in der berichtigten neben 
einandergestellt : 

TevQioxalfiai TevQtoxcclfdat 

^ovör/ra oQtj 2!ov6t]xa oq?] 

OvaQiöToi Uovdipoi 

FaßQfjra vXrj MaQxofiavol 

MaQxofiavol Faßgr^ra vXri 

^ovdivoi OvaQLöTol 

jiÖQaßaixafiJtoi JiögaßaixaiiJtoi 

Dass Ptolemaeus diese Umstellung einer namenreihe vor- 
nehmen konnte, war aber nur möglich, wenn er über ihre 
richtung im unklaren, ihr Zusammenhang mit dem ström im 
Süden, dem gebirge im norden in der quelle aus der er sie 
schöpfte, nicht gegeben war. Wäre ihm oder wer es sonst ist, 
von dem der betreffende teil der ptolemaeischen karte herrührt 
— eine einschränkung, die auch im folgenden immer zu gelten 



68 Mucii 

hat, wenn von PtolemaeuB die rede ist — der name der 
köQaßaixdfijtoi, die er in bestimmten, werten ans Donauufer 
stellt, zugleich mit den übrigen zugekommen, so hätte ein zweifei 
darüber, wie die namen einzutragen seien, in ihm nicht auf- 
kommen können, und sein Irrtum — denn nur um einen solchen 
kann es sich hier handeln — wäre unmöglich gewesen. Inso- 
ferne fördert dieser Irrtum sogar unsere erkenntnis. Denn 
stünden jene vier namen in der gehörigen Ordnung, so könnten 
wir nicht ermitteln, was nun klar wird: dass der name köga- 
ßaixccfijtoi aus einer anderen einzelnachricht als die über ihm 
stehenden auf die ptolemaeische karte geraten ist. Und da die 
namen der beiden Kampenstämme sicherlich zusammen über- 
liefert sind, 60 gilt dasselbe auch von dem der IlaQfiaixdfijtoi 
im Verhältnis zu der durch ihn abgeschlossenen namenreihe. 

Die Kampen reichen in der Germania des Ptolemaeus bis 
zur 'EjLoüjjtIcov egtifioc und den kXjtela oqtj: eine erstreckung, 
die von vornherein unglaublich ist bei einem volke das gar 
keine geschichtliche rolle spielt, gegen die aber die eben er- 
wiesene tatsache zeugnis ablegt, dass sie mit den auf der karte 
hinter ihnen eingetragenen namen in den quellen des Ptole- 
maeus nicht zusammen genannt wurden. Ein schon von Müllen- 
hoff 8. 325 gekennzeichneter fehler der plolemaeischen karte 
besonders in ihrem südlichen teile ist die starre anordnung der 
namen in reihen von norden nach Süden : ein verfahren, in folge 
dessen, wie a. a. o. gezeigt ist, die ostnachbarn der Quaden in 
deren rücken zu stehen kommen. Wir haben oben ähnliches 
in der Bastarnendiathese und in der reihe die den namen 
KaXovxoDveg enthält, beobachtet. Schon die im Verhältnis zu 
der nord-südlichen zu geringe ausdehnung des ptolemaeischen 
Germaniens in der richtung von west nach ost musste dazu 
verleiten, nach möglichkeit aus dem neben- ein übereinander 
zu machen; und dazu kam, dass namen untereinander ge- 
schrieben viel mehr platz fanden als neben einander. Durch 
die namen Balfioi, ^PaxaxQiai, ^Paxaxai, kÖQaßatxdfixoi und 
IIccQfiatxdfijtoi war der räum am Donauufer schon vollständig 
in anspruch genommen, und wie im osten die OvtoßovQyioi sammt 
ihren hintermännern, so mussten auch westliche stamme mit 
rückwärtigen platzen sich begnügen, obwohl sie auf die vordersten 
ein anrecht gehabt hätten. Wie weit wir aber, um diesem 



DIE SÜDMAKK DER GERMANEN. 69 

uDsererseitB widernm geltubg zu verscbafifen, die Kämpen gegen 
Osten zurflckschieben müssen, ergibt sich aus den sitzen der 
Yaristen selbst, wenn sich diese bestimmen lassen und gezeigt 
werden ksnn, dass sie bis zur Donau herabreiehten. 

Taeitus nennt uns Germ. 42 die Naristi unter den Völkern 
an der 'stirne' Germaniens, ^quatenus Danuhio peragitur\ Nach 
der nunmehr berichtigten stelle des Ptolemaeus, oder besser 
gesagt nach der Vorstellung seines gewährsmannes, sitzen sie 
unter der raßgr/ta vXtj, unter dem Böhmerwalde. Dieser lässt 
aber bis zur Donau nur einen so schmalen streifen bewohnbaren 
laudes übrig, dass es ganz unglaublich ist, dass hier zwei ver- 
schiedene Stämme hinter einander gesessen haben. Es ist auch 
folgendes zu erwägen. Jene namenreihe: Ovagicrol, raßQrira,MaQ- 
xofiavol, Sovötvol enthält die angäbe eines römischen reisenden 
oder germanischen gewährsmannes, oder das was in Regino, 
Boiodurum oder sonst einer Donaustation derselben gegend über 
die nordnachbarn allgemein bekannt und zu erfahren war. 
Dass die Verbindung jener namen mit den JSovöijra oqtj und 
den Teuriochaimen erst von Ptoleroaeus hergestellt werden 
musste — andernfalls wäre ja die umkehrung der reihe nicht 
möglich gewesen — ist einfach damit erklärt, dass die 
kundschafc des gewährsmannes nicht über die nordgrenzen 
Böhmens hinausreichte, oder damit, dass er gar nicht die ab- 
sieht hatte, in seiner aufzählung weiter fortzufahren, die an 
jener grenze einen natürlichen abschluss fand. Aber ganz un- 
begreiflieh wäre es, wenn er zwischen der Donau und den 
Varisten eine lücke gelassen hätte. 

Die wichtigste nachricht über das in rede stehende volk 
ist indes die zuerst von Zeuss s. 585 auf sie bezogene stelle 
in Engilbertß vita s. Ermenfredi (Boll. Sept. 7, 117), die von 
der herkunft der Warasci am Jura folgendes meldet: {Eustasius) 
progrediens Warescos ad fidem converiit, qui olim de pago qui 
dicitur Siadevanga, qui siius est circa Regnum flumen, parlibus 
orieniis fuerant eiecti, quique contra Burgundiones pugnam ini- 
erunt, sed a primo ceriamine terga vertentes dehinc advenerunt, 
atque in pugnam reversi, viciores quoque effecti, in eodem pago 
Warescorum consederunt, Dass die eine lesart, Regnum, nicht 
die andere, Rhenum, die richtige ist, ergibt sich aus dem be- 
stimmenden Zusatz pariibus orieniis, der auf den Rhein nicht 



70 MUCH 

zuträfe. Abgesehen davon ist es nur zu verstehen, wenn ein 
abschreiber einen ungeläufigen durch einen bekannten namen 
ersetzt, nicht aber das umgekehrte. Das flumen Regnus ist, 
wofür es Zeuss s. 585 nimmt, der Regen, Regan beim Geo- 
graphen von Ravenna, ein fluss, der, beiläufig bemerkt, ger- 
manisch benannt ist: sein name ist dasselbe wie das appella- 
tivum regen, eine etymologie, die schon im mittelalter geläufig 
war, als man den Regen in Ymber, Regensburg in Imbripolis, 
Hiatopolis (s. Förstemann DN. 2 2, 1233. 1235) antikisierte. Für 
das hohe alter der benennung zeugt das Regino der Tab. Peut. 
an der stelle Regensburgs, ein name, der nichts anderes als 
der flussname selbst ist, gerade wie ^XriovfA, NavaXia, k/iiaia, 
Aovxjtla, kXxifAoevvlg in der Germania des Ptolemaeus oder 
die Römerorte Abusina, Aliso, ArrabOy Arelape, Trigisamo, Guntia 
u. a. m. Wenn aber die alte heimat der Warasci Siadevanga 
genannt wird, das ist 'ufergefild', so kann das, wo die ripa 
Banuvii in der nähe lag, nicht mehr auf das ufer des Regen 
abzielen. Unter dem gestade schlechtweg muss in jener gegend 
das der Donau selbst gemeint sein. Siadevanga hiess der gau 
natürlich nicht vom Standpunkte anderer Donauanwohner, son- 
von dem der nördlicheren Germanenstämme aus. 

Zeuss s. 585 möchte die Warasci am liebsten von den nach 
Dio Gassius 71,21 während des Markomannenkrieges auf rö- 
mischem boden angesiedelten 3000 Naristen herleiten. Wie 
aber hätten diese so lange ihren namen, ihre nationalen er- 
innerungen und ihr heidentum bewahren können? Da die 
Burgunden, ehe sie den Rhein überschritten, am Maine sassen, 
so vermutet MüUenhoff, Zs. fda. 9, 132, dass ihnen von dort die 
benachbarten Varisten nach Gallien gefolgt seien. Hätten sie 
sich aber so früh schon den Burgunden angeschlossen und schon 
deren Schicksale vor deren niederiassung in Sapaudia geteilt, 
so wären sie in ihnen spurlos aufgegangen. Und überdies be- 
richtet ja die vita s. Ermenfredi in bestimmtester form etwas 
ganz anderes von ihnen, wovon wir ohne not nicht umgang 
nehmen dürfen; um so weniger, als ihre austreibung aus Stade- 
vanga in dem Übergang der Markomannen-Baiern über den 
Nordwald die natürlichste erklärung findet, an die auch Zeuss 
s. 585 gedacht hat, ohne indes diesen gedanken festzuhalten. 
Wenn er daran anstoss nimmt, dass eine kleine abteilung im 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 71 

kämpfe gegen die mächtigen Burgunden das feld behauptet 
haben soll, bo ist dagegen einzuwenden, dasB wir ja die macht 
der einwandernden Warasken (denen überdies, wie später dar- 
gethan werden soll, die Skudingen zur seite standen), gar nicht 
abzumessen in der läge sind, dass wir auch nicht wissen, ob 
ihnen der gesammte heerbann der Burgunden gegenüberstand, 
und dass es schliesslich nicht die Unterwerfung der Burgunden 
ist, die sie erzwangen, sondern ihr eigener anschluss an die- 
selben und die abtretung eines landstriches zur besiedlung. 

Der name der Varisten stellt an uns eine frage, deren be- 
antwortung wir um so mehr Torsuchen sollten, als uns dies für 
spätere Untersuchungen zu statten kommen kann. Die Über- 
lieferung schwankt in der widergabe seines anlautes zwischen 
V und N derart, dass beides so ziemlich gleich gut beglaubigt 
ist, und MuUenhoff entscheidet sich Zs. fda. 9, 131f. für Varisti 
hauptsächlich aus dem gründe, weil dies leicht eine etymologie 
zulässt. Nach Baumstark, Völkerschaftl. teil d. Germ. 201 
hätte sogar schon 1841 Tross 'bewiesen', dass statt des hand- 
schriftlichen Naristi oder Narisci Varisti zu lesen sei. Dass 
man aber Naristi nicht verwerfen darf, zeigt ein denkstein aus 
Carnuntum (CIL. 3, 4500) mit der Inschrift : D. M, Naevio Pri- 
migenio domo Maris to ann. LXXV filia Creusa parenti pientissimo 
et Aaevia coniunx posuerunt et ceteri sui. Das denkmal ist, wie 
Mommsen a. a. o. richtig bemerkt, einem der nach Dio Cassins 
71, 21 auf römischem boden angesiedelten Naristen gewidmet. 
Wenn aber Mommsen dieser Inschrift wegen widerum die form 
Vctristi für verderbt erklärt, so erheben dagegen schon die 
späteren Warasci einspräche. Es bleibt nichts übrig, als uns 
mit beiden formen des namens abzufinden. Dass sie etymo- 
logisch nichts mit einander zu tun haben, ist dabei von vorn- 
herein klar, aber sicher ist es nicht ohne bedeutung, dass sie 
an einander anklingen. 

Müllenhoff erklärte Varisti Zs. fda. 9, 132 als eine Superlativ- 
bildung von got. wars ^behutsam' (ahd. gawar ^providus, vigi- 
lans'), womit warjan 'defendere' und wahrscheinlich tvamdn 
'prospicere, instruere' zusammenhänge, und wollte darin eine 
kriegerische bedeutung suchen, wie denn auch Zeuss s. 117 
ähnlich die Varisten als die 'wehrischen von warjan^ auffasst. 
Allein gerade dieses wort muss ganz aus dem spiele bleiben 



72 MUCii 

da es mit got. wars kaum verwant ist (b. Kluge EW. ^378), 
und damit auch die kriegerische bedeutuug, es sei denn, dass 
man diesen ausdruck als eine vox media gebraucht Ist doch 
aisL varr an mancher stelle geradezu als 'fugax, timidus, timens' 
zu verstehen: vgl. vib tdg varastr Lokasenna 13 u.a.m. bei 
Egilsson 853. Beim sufßx aber wird man allerdings an das 
des Superlativs zu denken haben, das ja auch in personen- 
namen wie Neosta, Pezzisla, Liebesta, Hirosta (s. Förstemann 
DN. 1, 1119) vorliegt; wäre es doch, wenn wir es mit einer 
adjectivbildung nach art von Segestes zu tun hätten, unerklärlich, 
warum uns nicht Varesti, immer nur Varisti, überliefert wird. 

Das Suffix in Naristi ist dann natürlich dasselbe. Den zu 
gründe liegenden stamm dieser namenform aber wird man — 
eine andere möglichkeit besteht ohnedies nicht — zu idg. *ner 
'mann' zu stellen haben, für das Brugmann, Grundr. 2,358 
aind. n-dr-, gr. av-i^g gen. avög-og 'mann', ÖQ-anp 'mensch' 
(Hesych) aus *vQ', umbr. ner-f- acc. *proceres', ner-tis 
'proceribus' als belege anf&hrt Dasselbe wort ist aber auch 
innerhalb des germanischen wenigstens i) in einigen ab- 
leitungen erhalten ; so in dem nur noch der poetischen spräche 
angehörigen aisl. adj. nchr 'fortis, strenuus', das got *nSrets, 
oder *nirs (vgl. aisl. mthr, got. mSrs in vailamir Phil. 4, 8), germ. 
*naTjaz lauten würde und uns auch noch in einem volksnamen 
begegnen wird ; femer in dem merkwürdigen ags. neorxna wong 
'paradisus'; denn liegt hier wirklich, wie Grein, Sprachsch. 2,291 
vermutete, metathese von sc zu es vor, gleichwie in betwux 
und vielfach sonst im ags. (vgl. Sievers, Ags. gr. § 205, 3), so 
können wir auf älteres *neorscena wong zurückschliessen, worin 
ein germ. adj. ^ner-skaz 'fortis, strenuus' fortlebt Neorxtia 
wong sind 'die himmelsauu, da heldenväter niederschaun', das 
'pratum virorum fortium'. Vielleicht gehört hierher auch der 
name der altnordischen göttin Ajgrun, der sich dann mit dem 
der Nerio, der gemahlin des Mars bei den Sabinern (s. Preller, 
Rom. myth. 1^, 341 ff.) und der aus Inschriften bekannten galli- 
schen Naria berühren wird; ja vielleicht gar auch gall. nerto-, 



*) Die stehende formel Nitfutfr niara dröttmn Volkv. 6. 13. 18, die 
sehr an das homerische ava^ avögwv kyafiifivcjv gemahnt, muss wol aus 
dem spiele bleiben, da das metram die form njdra oder niara verlangt. 



DIE SÜDMAUK DER GERMANEN. 73 

air. nert, kymr. nerih 'kraft, macht, mannheit' <» aisl. njarö- 
in zusammeDsetzuDgen wie njartSldss, njart5gjgr)5 und die tu- 
ableitung Nerthus, Njort^r: Wortbildungen, die freilich nur unter 
der Voraussetzung verständlich sind, dass ner von haus aus 
eine verbalwurzel ist. Was jene gallische Naria betrifll, ist ihr 
name nicht etwa unmittelbar mit Narisii zusammenzustellen, 
sondern für eine keltische sonderentwickelung aus *Neria ähn- 
lich den s. 31 besprochenen zu nehmen und weist ebenso wie 
der lateinische gentilname Nerius, altind. narya, avest. nairya 
'mannhaft, mann', auf ein idg. adj. *nerios zurUck. Jenes germ. 
*nSrjaz, aisl. ndrr steht dazu in demselben ablautsverhältnis 
wie dvijQ zu hom. avags^:. Damit sind aber die möglichen 
äblautstufen noch nicht erschöpft, wie, von dvögog abgesehen, 
^yijvcoQ -ijvoQog und TJvoQtrj 'mannheit' zeigen. Es werden 
also auch ahd. I^drigaud, Mriher, Norinc, Nuorinc u. a. m. bei 
Förstemann DN. 1, 963, Nürnberg Nuormberg, d. i. berg des 
Nuoro, möglicherweise auf dieselbe wurzel zurückzuführen 
sein, und ebenso wird uns ein idg. *norios, germ. hiarjaz be- 
greiflich. 

Zweifellos sind also die NarisH 'die tapfersten', die Varisti 
'die feigsten'. Dabei ist, was die umkehrung des begriffes in 
sein gegenteil anbelangt, an die Manimi t)(/avol und die ^i;- 
Xcoveg Sciri zu erinnera. Dass sich dabei der eine name in 
seiner äusseren gestalt eng an den anderen anschliesst, gemahnt 
an die gotischen *Gibid6s, d. i. 'die freigebigen', die daneben 
*Gipid6s oder *Gipidam 'maulaffen' hiessen. Eine superlativ- 
bildung wie NarisH ist der keltische volksname Osismi, der 
zudem das gleiche, nämlich 'audacissimi' bedeutet: s. oben s. 17. 
Da Qbrigens Varisti später durch Warasci verdrängt erscheint, 
dessen suffix sich mit dem im namen des batavischen See- 
räubers Gaymascus (Tacitus, Ann. 11, 18. 19) vergleicht, wird 
man auch die lesart Narisci nicht sofort bei seite schieben 
dürfen; vielleicht geht sie auf eine weitere nebenform des 
namens, germ. *Narisköz, zurück. 

Genau dasselbe wie Narisii bedeutet der name einer Völker- 
schaft, die uns Ptolemaeus zwischen Semnonen und ISachsen 
namhaft macht, nämlich der der *TsvTovaQiot oder ^TtvrovdQoi, 
Statt der hier angesetzten formen ist allerdings Tevrovoagot 
die gemeine lesart, neben der BDEMZJ Temovoagoi, GH^V 



74 MÜCH 

Arg. TevTovooQol, A Tevrovodgioi bietOD; im cod. lat 4803 
aber steht Teutonari, ebenso in der ed. Ulm., in der ed. Rom. 
vollends Teutonarii. Was das Verderbnis betrifft, so lässt sich 
dabei an eine dittographie denken, vergleichbar mit der in 
Fafiaßgiowot statt Fafißgiomoi bei Strabo p. 291 oder Faio- 
ßofiagog bei Dio Cassius 77, 20 statt FaißofiaQog ahd. *Geba' 
mär (s. Kossinna, Zs. fda. 29, 268). Dass TevTovooQiot, wie 
MüUenhoff s. 287 meint, ein name ist, 'den die Römer nur nach 
analogie von Afu/rivarii, Chasuarü u. a. erfunden haben können 
um ein coUectivum ftir mehrere kleinere Völker oder gemeinden 
im norden der Semnonen zu haben', glaube ihm, wer es über 
sich bringt Wollte man den Römern oder Ptolemaeus schon 
eine solche fälschung zutrauen (was doch nur auf grund von 
ander weitig festgestellten fällen geschehen dttrfte), so ist hier doch 
ein verdacht deshalb schon unbegründet, weil es an namen im 
norden der Semnonen ohnedies nicht gebrach und weil Ptole- 
maeus regelmässig germanisches w durch ov widergibt, Tevto- 
vooQLoi Tbvxovoolqoi also gar nicht als Umschrift von lat. Teu- 
ianovarii betrachtet werden kann. Teutonarii Teutonari, an 
dem also festzuhalten ist, zeigt in seinem ersten teile keltische 
lautgebung wie Teutoburgiensis {saltus), TevToßovQytov oder Teuti- 
burgium in Fannonien, Teutomeres bei Ammianus Marcellinus 
und ist zu verstehen wie mhd. dietdegen, dietzage, ags. peodwiga, 
peodwundor, aM, pjöbdrengr, pjdbhagr und zahlreiche ähnliche 
ausdrücke, in denen dem ersten teil lediglich die aufgäbe zu- 
fällt, den begriff des zweiten zu verstärken. Dasselbe ist ja 
anerkanntermassen bei dem namen der Hermunduri d. i. *Ermun'' 
duröz der fall. Ob der zweite teil besser -vcigoi oder -voQiot 
geschrieben wird, ist bei dem schwanken der Überlieferung 
schwer entscheidbar. Beides ist möglich, nur würde in ersterem 
falle das substantivum selbst, nicht erst das abgeleitete ad- 
jectiv vorliegen; man vgl. dazu den skyth. mannsnamen Xov- 
vagoq (Fick, Die griech. personennamen LXXVI), der mit 
TevTO'VaQoi auch insoferne übereinkommt, als sein anfangs- 
glied Xov' d. i. avest. hu-, idg. su-, germ. su- (in Su-gambri, 
Su'leviae, s. Zs. fda. 35, 319) zur Verstärkung des gmndbegriffes 
dient — Vielleicht sind also die Teutonarier ein in älterer 
heimat zurückgebliebener rest der Naristen. Doch kann ein 
solcher name, der eine eigenschaft hervorhebt, die so ziemlich 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 75 

jeder (xermanenstamm zu besitzen beansprucht haben wird, leicht 
auch zufällig sich widerholen. 

Sicher dasselbe voIk wie die Naristen — aber unter an- 
derem namen — sind dagegen die Artnalausi, da sie die Tab. 
Peut zwischen den namen Alemannia und Marcomanni einträgt, 
die Naristen Yaristen aber, die wir gerade dort suchen mQssten, 
nicht kennt. Auch die Notitia gentium (Müllenhoffs Germ. ant. 
157) nennt uns Armilausini zwischen den namen Jotungi und 
Marcomanni und die Excerpta des Julius Honorins (Germ. ant. 
162) erwähnen Armilausini (mit den Varianten amilaismi, armi- 
lausiones, armeiausi) zwischen den Burgunäiones und den Mar- 
comanni. Ihr name ist von at^melausa, der bezeichnung eines 
kriegsgewandes nach Isidor von Hispalis Origg. 19, 22, abzu- 
leiten. Dies hat schon Zeuss erkannt; er hielt jedoch den 
namen des kleidungsstflckes für keltisch und fasste im Zu- 
sammenhang damit s. 309 Armalausi als eine gesammtbenennung 
der angeblich keltischen KovQlcovag und Xairovcogoi auf, deren 
deutschheit aber im folgenden ebenso nachgewiesen werden 
soll wie ihre Zugehörigkeit zu den Alamannen, so dass ein 
zweiter gesammtname für sie nicht nötig ist und am wenigsten 
in dem neben Alemamiia aufgeführten Armalausi gesucht werden 
darf. Dass armelausa selbst deutsch ist, zeigte J. Grimm 6DS. 
500 durch den hinweis auf aisl. ermalaus und ermalaust fat. 
Genauer übrigens als diese uneigentlichen composita stimmt 
das aisl. adj. ermlauss 'armless, sleeveless' (Cleasby-Vigfüsson 
133), aus germ. *armjalausaz. Die armelausa, germ. *armjalaiisö 
(sc *paidö?) war darnach ein ärmelloses kleid, und leute die 
ein solches trugen, konnten auch selbst tropisch *Armjalausöz, 
später mit synkope in der compositionsfuge *Armilansöz heissen. 
Auch Armilausini und Armilausiones haben als berechtigte neben- 
formen zu gelten; dagegen ist Armalausi auf der Tab. Peut 
Verderbnis für Armialausi oder Armilausi, 

Ein teil des alten Markomannenlandes, der bis zur Donau 
hinabreichte, wurde kurz nachdem die Markomannen nach 
Boiohaemum abgezogen waren, von den Römern ermundu- 
rischen auswanderern überlassen. Darüber meldet Dio Cassius 
55, 10a (ed. Dindorf 3, 166) folgendes: o yaQ AoiiItioq jiq&vsqop 
[liv, icoq hl TGJv jtQog TftJ Tforpco xmglwv rjQXf^, rovq re ^Qfiovp- 



76 Mucii 

dovQOvg hc rijq olxslag ovx ol^ ojccog igavaCravtag xal xata 
^fjxrjCtP trigag yijg jtXavo/itvovg tijtoXaß(6v kv [iigei rijg Mag- 
xofjiavvlöog xaroixtöe. 

Diese stelle kam Zeuss, der sie kennt und s. 105 aushebt, 
natürlich sehr ungelegen. Da ihm, wie schon erwähnt wurde, 
die 2k)v6f]ra oqtj der Inbegriff des Erzgebirges, Franken- und 
ThQringerwaldes sind, da er ferner die TtvQioxalfiai für die 
gesammten Ermunduren nimmt, Ptoleraaeus aber die Tevgio- 
Xatfiai im Süden durch die 2!ovöfjTa oqtj begrenzt, kann er nur 
schliessen, dass von den durch Domitius Ahenobarbus ange- 
siedelten Ermunduren später keine spur mehr vorhandeir sei. 
Dass sie sich ihm gerade unter die Markomannen, ^ neben denen 
sie sitze erhielten', verloren zu haben scheinen, lässt erkennen, 
dass er die MoQxofAawig nicht für die ältere heimat der Marko- 
mannen, sondern fQr Boiobaemum hielt, das indes weder bis 
zur Donau herabreicht noch von Domitius Ahenobarbus jemals 
beherscht wurde, also in obiger stelle des Dio Cassius nicht 
gemeint sein kann. Nur insofeme verdient dessen nachricht 
von einer gebietsabtretung an die Ermunduren eine ein- 
schränkung, als nur ein teil derselben neue Wohnsitze gesucht 
und erbalten haben kann ; doch ist ein derartiges misverständnis 
reicht genug begreiflich, da der ausdruck Jlermunduri in 
seiner lateinischen quelle als 'Ermunduren' oder als 'die 
Ermunduren' verstanden werden konnte, also wohl nur ein 
Übersetzungsfehler vorliegt. Von der landanweisung an sie 
wusste aber merkwürdigerweise noch Procopius, denn auf ein 
anderes ereignis kann es sich gar nicht beziehen, wenn er De 
b. Goth. 1, 12 meldet, dass im osten von den Franken die 
Thüringer das ihnen von kaiser Augustus geschenkte land be- 
wohnten : fisrä 6h avtovg ig rä jrgog avlöxovra ijXtov OoQiyYOi 
i^agßaQOi, öovrog Avyovoxov Jigoirov ßaötkiog, lögvoarro. 
Procop selbst oder sein gewährsmann muss sich darnach des 
Zusammenhanges der Thüringer mit den Ermunduren bewusst 
gewesen sein, und trifft nur darin nicht das richtige, dass jene 
Ermuuduren, denen Augustus einen landstrich einräumen Hess, 
zu Procops zeit längst ihren namen und ihre Wohnsitze ver- 
ändert hatten. Sie waren Alamannen geworden und als solche 
gegen Südwesten vorgedrungen^ dafttr aber waren andere 



DIE sCjdmakk der oermanen. 77 

Thüringer aus der alten heimat des Tolkes teilweise an ihre 
stelle nachgerückt. 

Zunächst freilich reicht der name der Ermunduren noch 
eine zeit lang bis zur Donau herab, und so noch bei Tacitus. 
Das geht schon aus der stelle hervor, die er ihnen Germ. 42 
neben den übrigen Donauvölkern anweist, wenn er sagt: iuxla 
Hermunduros Varisli ac deinde Marcomanni et Quadi agunt; 
ferner daraus, dass er uns sonst ein anderes voIk zwischen den 
Naristen und dem limes nennen müsste. Vor allem aber aus 
Germ. 41, wo es heisst: propior (ui, quomodo paulo ante Bhenum, 
sie nunc Danuvium sequar) I/ermundurorum civilas, fida Romanos : 
eoque solis Germanofnim non in ripa commercium, sed penilus 
atque in splendidissima Raetiae provinciae colonia. Passim sine 
custode transeunt; et cum ceteris gentibus arma modo castraque 
nostra ostendamus, his domos villasque patefecimus non coyicu- 
piscentibus, Dass Zenss s. 104 sogar trotz dieser stelle, die 
wahrlich einer glosse nicht bedarf, es bestreiten konnte, dass 
Tacitus von Donau-Ermunduren etwas wisse, ist unbegreiflich 
genug. Aber auch hier war wider das Vorurteil, dass die 
2!ov6rjra oqtj sich durch Thüringen hindurcherstreckten, der 
anlass aller irrungen. 

Wenn Tacitus von Ermunduren an der Donau redet, so 
nennt er damit das volk bei seinem gesammtnamen, der aber 
das Vorhandensein von Unterabteilungen unter besonderen namen 
nicht ausschliesst. Aufschluss über solche dürfen wir bei diesem 
gewährsmanne, der sich zumeist, und zumal an der Donau, 
damit begnügt, uns eine allgemeine Übersicht zu geben, nicht 
erwarten. Doch werden seine angaben auch hier in will- 
kommener weise durch die des Ptolemaeus ergänzt. Und zwar 
geschieht dies vor allem durch das folgende Völkerverzeichnis 
in dessen Germania (2, 11,11): IläXiv an avaxoXSw ptv xdjv 
'4ßpoßalo}tf OQBcov olxovöLV vjto Tovg ^vrißovq Kaoavagoi, sha 
NsQTegeai'ol, eha Aavöovxoi, v(p* ovq Tovq<dvol xai Magovip- 

yot xai vjio ptv xovq MaQovlryovg Kovglopsg , eha 

Xaixova}QOi, xai pixQi rov Japovßlov jtozapov ol Uagpai- 
xdpjcoi. Dabei haben wir es allerdings £it zwei gruppen von 
namen zu tun, von denen es von vornherein noch gar nicht 
feststeht, dass sie in diesem gegenseitigen zusammenhange auch 
schon in der quelle des Ptolemaeus gestanden haben. Ob sie 



78 MUCH 

erat von ihm aneiDandergeschweisst uod wo etwa sonst noch 
jüngere fugen anzunehmen sind, wird jedenfalls nur eine ein- 
gehende Untersuchung des ganzen Verzeichnisses lehren. 

Die Syeben, die darin zu oberst stehen, sind die irrtümlich 
bis an den Rhein vorgeschobenen Sovfßoi AayyoßaQÖoi und 
sSovfjßoi kyyeiXol, d. i. Langobarden und Angeln, die auch sonst 
in dem nordwestlichen teile der ptolemaeischen Germania die 
grösste Verwirrung anrichten. Von ihnen ist jedenfalls ganz 
abzusehen. In den Kacovagoi jedoch gewinnen wir einen festen 
ausgangspunkt. Die bestimmung ihrer Wohnsitze ermöglicht 
vor allem Tacitus, Germ. 34, wo es heisst: Angrivarios et Cha- 
mavos a tergo Dulguhini et Chasuarii ciudunt aliaeque gentes 
haud periTide memoratae. Da nun die Dulgubnier jedenfalls an 
die ostseite der Angrivarier zu stehen kommen — auch Ptole- 
maeus setzt die AovXyovfiviot unter den Aaxxoßagöoi Lango- 
barden an — so sind im rUcken der Chamaver, das heisst 
auf ihrer dem Rhein abgewanten seite, die Chasuarier zu 
denken, worauf auch die reibenfolge der aufzählung führt. Zieht 
man noch in betracht, dass Tacitus sich das gebiet der Cha- 
maver auf kosten der Bruktern erweitert vorstellt, so sind die 
Chasuarier, da weiter östlich und sQdlich die Bruktern von den 
Chemsken begrenzt werden, kaum anderswo zu suchen als 
dort, wo später das Hasagowe liegt. Von Zeuss s. 11 3 ist bereits 
die möglichkeit erwogen, ihren namen als 'Haseanwohner' zu 
erklären, wie sie denn auch von J. Grimm GDS. 588 aufgefasst 
wurden. 

Auf den der Chasuarier folgen zwei nirgend sonst belegte 
namen. Ganz deutlich ist dagegen der dritte. Dass ein von 
der Hase durch ganz Deutschland herabfUhrendes, im westen 
von Böhmen die Donau erreichendes Völkerverzeichnis auch 
die Ermunduren enthalten wird, ist leicht begreiflich, und so 
sind denn auch die Tovqwvoc unbedenklich für diese zu nehmen. 
Wenn Müllenhoff s. 115 behauptet, dass in lateinisch-griechischer 
Umschrift nie deutsche, sondern nur gallische namen zwischen 
consonantischem un^ vocalischem suffix schwanken, so ist das 
durch den hinweis auf ^avovai und Aevcovoi bei Ptolemaeus 
zu widerlegen; überdies könnte Tovqcovoi dem vorbild der in 
der tat völlig gleichbenannten gallischen Turoni oder Turones 
seinen auslaut verdanken. Im anlaut scheidet den germanischen 



DIE SLDMARK 1>EK GERMANEN. 79 

von diesem urverwanteD keltischen nameD die lautTerschiebung 
des / zu 1>, dessen genaue widergabe aber nach dem s. 58 
bemerkten bei Ptolemaeus nicht zu erwarten ist. Tovqwvol 
kann also für gerra. *Puronez genommen werden. Dieses aber 
ist um so eher nur ein anderer name der Ermunduren, als 
diese später auch als Thuringi Düringe auftreten, und *Puringöz 
und *Puronez ganz und gar gleichbedeutende bildungen sind. 

Haben wir für die TovQmvoi einmal Unterkunft gefunden, 
so bleibt für die NsQXBQBavol und Aavöovxoi nur noch ein 
geringer Spielraum übrig. Zu den Tacitus, Germ. 34 erwähnten 
aUae gentes haud perinde memoratae wird man aber nicht Zu- 
flucht nehmen dürfen, um sie los zu werden; denn unter diesen 
sind wohl nur die in der Germania nicht genannten Ampsi- 
varier, Tubanten und Chattuarier (Marsen) zu verstehen. Wie 
wäre es auch möglich, durch zwei kleine völkchen eine brücke 
zwischen Chasuariern und Thüringern herzustellen? 

Südlich Ton den Chasuariern sitzen die Bruktem, und zwar 
die sogenannten grösseren Bruktem, und es muss darum zu- 
nächst versucht werden, an diese anzuknüpfen. Das Enterigowe, 
an das Zeuss s. 113 denkt, ist aber ganz ans dem spiele zu 
lassen, weil ein gemeingermanisches Sprachgesetz verletzt wäre, 
falls hier nicht dem anlautenden e älteres a vorausliegt. Auch 
J. Grimms hinweis auf die Nerthus (GDS. 623) eröffnet keinen 
ausweg. Ueberdies kennzeichnet sich unser name eigentlich 
sofort ebenso wie i4fitpavol {K)a(itpiavol bei Strabo, dem lat. 
*Ampsiani zu gründe liegt, als ungermanisch in seiner endung, 
und wie in diesem falle werden wir es auch bei *Nertereäni 
mit einem localbegriffe zu tun haben. Ebendahin führt die 
betrachtung des wortstammes, der mit dem in griech. pigtsgog 
'unten, weiter unten befindlich' und umbr. nertro Hinks' sich 
deckt. Wir müssen ihn deshalb entweder für ein diesen werfen 
genau entsprechendes germ. "^nerpera- (oder jünger *nerpra') 
nehmen, desseo p ebenso wie das in *Purones durch / wider- 
gegeben werden konnte, oder wir haben es mit dem dazu in 
ablautsverhältnis stehenden germ. ^nurpera- aisl. noriir n. 'der 
norden' zu tun, das in der lat. Umschrift oder gar erst bei der 
Umschrift des namens ins griechische angleichung an jenes 
viQxsQoq erfahren hat. äo wie sich zu dem germ. lat. Austria 
ein Austriani bilden Hesse, so mochte es ein germ. *Nurperja{n) 



so MrcH 

D. 'Dordland' geben, latinisiert *Xurlerea, *Xerterea, wenn die 
/s-ableitoDg wie in framea behandelt wurde, und ansebliessend 
daran ^Nurteream, *\erteream. Vielleicht liegt aber in iVcprc- 
Qsarol ein fehler der Qberlieferang Tor, oder ein solcher, der 
bei der Qbertragnng ins grieehisehe sieh eingestellt hat, und 
es ist wohl gar lat. ^yurieränei oder *Serteränei Torauszusetzen, 
eine unter dem einflusse Ton tat. exiräneus entstandene Um- 
gestaltung eines germ. wortes, das uns als ahd. nordroni, ags. 
norSeme, aisl. norrchm erhalten ist. Im nordischen bezeichnet 
norratnir auch die Norweger, das wort ist also sichtbarlich ge- 
eignet einen volksnamen abzugeben. Die ytqixiQiaroi werden 
somit bewohner eines norderlandes oder nordergaues sein oder 
die nördliche abteilung eines Tolkes: und letzteres sind die 
grösseren Bruktem in der tat. Es tritt noch hinzu, dass 
im gebiet der kleineren Bruktem, am linken ufer der oberen 
Eros also, im uro kreis Ton Monster, später ein Süder go sich 
findet, dero aber kein Sorder- noch auch ein öster- oder 
IVestergo zur seite steht: ergänzte roan es durch ein Sordergo, 
so wQrde dieses in das land der grösseren Bruktem und unter 
das Ilasagowe fallen. 

Die Aat'dovtoi, die zu den Turonen hinüber die Verbindung 
herstellen sollen, können nun nicht gut mehr etwas anderes 
sein als die den Bruktem benachbarten Cherusken unter einem 
anderen namen. Zeuss s. 113 stellt zu Aavöovroi die alts. 
mannsnamen Dando, Dendi. ahd. Tanio] vgl. mehreres bei Forste- 
mann DN. 1,332 f. 2-, 451 f. Mit diesen namen gehört aber 
auch unser tand zusammen, und dass wir es nicht nur mit 
einem hd. stamme tant zu tun haben (Kluge EW. ^350), zeigt 
eine fülle von bildungen aus der wurzel dand auch ausserhalb 
des deutschen, die man am vollständigsten bei Skeat ED. 152 
zusammengestellt findet. Alle diese belege weisen für die wurzel 
auf eine grundbedeutung 'eitel, nichtig, unbedeutend' hin; die 
daraus abgeleiteten verba, meist intensiva, drücken dann ur- 
sprünglich aus: derartiges tun oder sprechen oder damit sich 
abgeben. Um den volksnamen ganz zu verstehen, müssen wir 
aber auch auf das suffix rOcksicht nehmen. Doch dieses gibt, 
wie es überliefert ist, zu gerechten bedenken anlass, und schon 
Müllenhoff brachte deshalb Zs. fda. 9, 236 in verschlag, Javdovxoi 
zu schreiben, den KaovXxoi des Strabo, KaXovxa>pe(; des 



niK Si'DMARK DKR GKUMANEK. 81 

Ptolemaeus zu liebe. Allein deren nähere beziehung zu den 
/tapöovTOi ist nicht erweisbar und entstellung von griech. K 
zu T durchaus nicht wahrscheinlich. Wenn schon verderbt, ist 
griech. T am ehesten aus r entstanden : ein fehler, der sich in 
den handschriften des Ptolemaeus in einer unzahl von fällen 
wiederholt, üie änderung in Aavdovyot ist also unbedenklich 
gestattet, aber auch nur diese. Wir gelangen so zu engl, dandy, 
aus ags. *dondig, urgerm. *dandugaz, und dass wir das rechte 
treflFen, wenn wir die Aav6ov{y)oL für ^dandies' nehmen, findet 
sofort bestätigung. 

Die Cherusken, um die es sich ja dabei handelt, hatten 
zu Tacitus' zeit ihre rolle so sehr ausgespielt, dass dieser von 
ihnen Germ. 36 berichten konnte: in laiere Chaucomm Chatto- 
rumque Cherusci nimiam ac marcentem diu paccm inlacessiti 
nutrierunt idque iucundius quam tutius fuit, quia inter inpotentes 
et validos falso quiescas; uhi manu agitur, modestia ac probitas 
nomina superioris sunt. Ua qui oiim honi aequique Cherusci, nunc 
inertes ac stulti vocantur; Chatds victoribus fortuna in sapien- 
tiam cessit. Zum schaden hatten also die besiegten auch noch 
den spott, und sein ausdrnck erinnert auffallend an das Uole 
sint Uualha, spähe sint Peigira' der Casseler glossen. Und gab 
es nach der mitteiiung des Tacitus einen zu seiner zeit üblichen 
Spottnamen für die Cherusken des sinnes 'inertes ac stulti' oder 
'dandies^ was dasselbe ist, so mochte er auch schon statt des 
alten volksnamens selbst gebraucht werden. Sucht man andrer- 
seits nach dem. worte das die Chatten als 'sapientes' kenn- 
zeichnete, so kommt vor allem dasjenige in betracht, mit wel- 
chem die älteste germanische sprachquelle diesen begriff wider- 
gibt, nämlich got. handugs, das bei Wulfila, da wo es vorkommt, 
immer griech. ootpoc übersetzt; selbst begegnet es allerdings 
nur an zwei stellen, dafür aber 18 mal das abstractum handugei 
und zwar in allen fällen gegenüber griech. oorpla. Dazu halte 
man noch asl. chqdogü 'erfahren', ein lehn wort aus dem ger- 
manischen (s. C. Hofmann, Germ. 8, 5 und Kluge in Pauls Grundr. 
1, 321). Wir können also hier ein altes Wortspiel erraten: wie 
die Cherusken 'dandugai' hiessen die Chatten ^handugai\ Nur 
zeigt sich gar keine spur davon, dass auch dieser beiname 
jemals den hergebrachten stammnamen ersetzt hätte. Die 
nachbarschaft wird überhaupt für Spottnamen immer empfäng- 

Beitrüge zur gesjhichte der doutachen iproche. XVII. (^ 



S2 Mucii 

lieber gewesen sein und sie fester gehalten haben als rQbmende; 
und 80 sind denn auch ans den 'weisen' Chatten schliesslich 
'blinde' Hessen geworden. 

Wir stehen nun wieder bei den Turonen. Dass sie die 
TbOringer sind, kann jetzt noch zuTersichtlicher behauptet 
werden als zuTor. Es fragt sich nur, ob der name in einem 
engeren sinne, oder in dem weiteren wie bei Tacitus Ilermunr 
duri gebraucht wird. In letzterem falle wQrden die Turonen selbst 
sich schon bis an die Donau erstrecken, und wenn uns unterhalb 
Ton ihnen noch andere stamme genannt werden, so hätten wir 
es dabei mit einem anderen selbständigen Verzeichnisse zu tun, 
das erst von Ptolemaeus mit ihnen TerknQpft wurde. Da dieser 
sonst, was sich noch zeigen wird, aus älteren quellen schöpft 
als Tacitus, so ist es nicht wahrscheinlich, dass die Donau- 
ermunduren bei ihm ihre sondernamen bereits zu dem der 
Turonen in gegensatz stellten. Zu einem entscheidenden urteil 
fuhrt uns aber der name der MaQovivyoi, der bei Ptolemaeus 
mit dem der Tovqcovoi gepart erscheint. 

Er ist nämlich wesentlich derselbe wie der vielumstrittene 
name Mauringa. Mit diesem ist er schon von Müllenhoff, Nordalb. 
stud. 1,141 (aber nicht mehr DA. 2) und von Möller, Ae. volks- 
epos 28 f zusammengestellt worden ; immer aber stand der 
richtigen erkenntnis hindernd im wege, dass man auch die ags. 
Myrgmgas, die in Wahrheit anders benannt und ein ganz anderes 
Volk sind, mit ins spiel zog. Auch hätte Möller die verwant- 
Schaft von *Mauringöz * Maurungöz und *MarningDz nicht durch 
den hinweis auf hd. Oreniil, dessen erster teil gar nicht aus 
arwa- entstanden ist, begründen sollen, sondern durch den auf 
aisl. meyrr, norw. m^yr (Aasen 522) gegenüber dem gleich- 
bedeutenden ahd. marani und auf norw. maur 'forknyt, forsagt, 
asngstlig' auch 'smaalig, karrig', maur-egg 'skjorhed i eggen' 
gegenüber ahd. maro\ vgl. noch die norw. ableitungen mauren 
'sprod, som lettelig brister eller sloves', maurast oder maura 
seg (ar) *blive skj«>r eller sprod' (Aasen 484) und Maur- Mar- 
in germ. personennamen, darunter schon westgot. Maureco und 
Maurila, ostgot. vielleicht Morra mit hypokoristischer consonant- 
dehnung nach Wrede, Sp. d. Ostgot. 105. * Mai^wingöz und 
*Mauringöz ^Mnuruftgöz sind also nur mundartliche neben- 



DIE SUDMARK DER GERMANEN. 83 

formen ein und desselben namens. Und was dieser bedeutet 
haben wir eigentlich auch schon gefunden. 

Bei Paulus Diaconus 1, 12. 13 heisst Mauringa eine land- 
schaft, in der die Langobarden wohnten, bevor sie nach Golaida 
und weiter nach Antaib, Bainaih, Burgundaih gelangten, und es 
kann damit, da zu der zeit, um die es sich bandelt, Böhmen 
und Mähren noch von Germanen besetzt war, nur ein teil der 
norddeutschen ebene rechts von der Elbe gemeint sein. Doch 
kommt dabei die gegend im sUden der Eider, die immer in 
den bänden den Sachsen verblieb, nicht weiter in betracht. 
Sicher jüngeren Ursprungs ist die anwendung des namens Mau- 
rungani beim Geographen von Ravenna 1, 11 (verstümmelt 
**ungani 4, 18), wenn er damit die ganze 'patria Albis' be- 
zeichnet. Ja die von ihm überlieferte namensform zeigt bereits 
slavische Umformung, ' wie Heinzel, Ostg. heldens. 23 ff. (WSB. 
99) dargetan hat, und verhält sich zu dem zu gründe liegenden 
deutschen stammnamen geradeso wie Slezane zu Siiingi: ein 
beweis mehr dafür, dass die einwandernden Wenden noch 
starke reste der älteren germanischen bevölkerung in den ost- 
landen vorfanden und slavisierten; anders ist es wohl nicht 
erklärlich, wenn germanische volksnamen bei ihnen fortbestehen. 
Dass dies bei dem der Silingen und dem der Maurungen der 
fall war, schliesst es eigentlich schon aus, dass beide an der- 
selben örtlichkeit hafteten. Es bleibt uns somit nichts andres 
übrig, als Mauringa für das land der Semnonen zu nehmen. 
Und wenn dort Slaven zuerst die Elbe erreichten und sich 
Maurungane nannten, so ist es begreiflich, wieso gerade dieser 
name alsbald — erst von den Deutschen und dann wohl auch 
von ihnen selbst — auf die gesammtheit der Eibslaven be- 
zogen werden konnte, ja auf die der Slaven überhaupt — 
denn auch von dieser Übertragung hat Heinzel (a. a. o.) eine spur 
entdeckt. 

Die hauptmasse der Semnonen hatte sich aber bereits zu 
ende des 3. jh. n. Chr. nach dem Süden gezogen und an der 
Seite der Älamannen, die ihrerseits in die agri Decumates vor- 
rückten, eine neue heimat gefunden, in der sie allmählig mit 
den genannten zu einem einheitlichen volke verschmolzen. 

Von dieser Wanderung der Semnonen berichtet uns aller- 
dings keine einzige quelle. Wir müssen aber doch an sie 

6* 



S4 liüCH 

» 

glauben, erstlich weil wir sonst, wie das schon ron verschiedener 
Seite betont wurde, nicht wttssten, wo sie hingekommen seien, 
und weil es auch wohl noch möglich ist, ihre sparen im sQd- 
Westen aufzufinden. 

Ob in den zahlreichen berichten aus späterer zeit, in 
denen Sveben neben Älamannen namhaft gemacht werden, unter 
den ersteren mit Zeuss s. 315 ff. immer die zugewanderten 
Semnonen zu verstehen seien, mQsste freilich erst im einzelnen 
untersucht werden. Tatsache ist, dass später die Älamannen 
auch Schwaben heissen, und das konnten sie auch soweit sie 
nicht gerade semnonischer, wenn sie nur im allgemeinen sve- 
bischer abkunft waren. Ausgegangen ist jedoch der name viel 
eher von einem bestandteil des volkes, der unmittelbar von den 
vetustissimV und ^nobiiissimi Sueborum^ herstammte: umgekehrt 
konnte auch der name Älamannen seiner bedeutung wegen 
leicht auf irgend ein der Vereinigung neu beitretendes element 
Qbertragen werden. 

Vielleicht war aber auch der name Semnones für die 
Schwaben noch nicht ganz verschollen. Denn Zeuss fQhrt s. 317 
unter den belegen für die nachmalige doppelnamigkeit der Äla- 
mannen auch den folgenden an: ot keyofif^voi FtQuavoi {^Qoyyoi), 
oV dfig^l roj' ^PF^rov jtoxa^ov eloiv, oi xaTt&eov r/Jr yFjr tojv 

Fragm. ap. Suid. ed. Küster. 2, 294. Weshalb man aber den 
namen Schwaben durch I^rjrcortg widei^egeben hätte, ist nicht 
recht begreiflich. Dagegen wird der name Semnones schon von 
Velleius mit angleichung an den des bekannten gallischen und 
oberitalischen Keltenstammes Senones geschrieben, um so leichter 
antikisierend von einem späteren Griechen. Durch 2i)v(ove^ 
statt 2^trorig gibt den namen des keltischen Stammes Polybius 
2, 17 wider, so dass auch fUr das jy der Stammsilbe ein vorbild 
vorhanden ist. 

Weitaus bedeutsamer ist das auftauchen des namens Zi- 
waren für die Schwaben. Denn wem anders konnte er ur- 
sprünglich zukommen, als den Semnonen mit ihrem heiligtunie 
des 'regnator omnium'? So hat ihn denn auch Müllenhoff auf- 
gefasst. Nur ist er nicht Zm-uarii zu schreiben und in seinem 
zweiten teil nicht dasselbe wie die volksnamen auf -varii. Die 
Wessobrunner handschrift, die ihn überliefert, schreibt ihn 



DIE sCDMARK der GERMANEN. 85 

Cyuuari, nicht Cyuuarii, das auch gar keinen sinn geben würde. 
Er ist zu den personennamen auf idg. -uoros, germ. -waraz, 
griecb. -oqo(: zu stellen und hat in griech. BicoQog und ags. 
Freawaru (Beowulf 2022) bemerkenswerte seitenstlicke. Seine 
deutung: ^Verehrer des Zio' ist übrigens die richtige. 

Wenn ein teil der Alamannen semnonischer abkunft ist, so 
sind es die Juthungen. Denn diese gerade stehen unter ihnen 
zu weitest im osten, und auch die rolle die sie spielen ist zu 
bedeutend und vor allem zu selbständig für eine Unterabteilung 
der Alamannen, die das von anfang an gewesen wäre. Endlich 
gestattet ihr name in ihrer alamannischen Umgebung keine an- 
knüpfung, erklärt sich aber leicht bei annähme ihres Ursprunges 
von den Semnonen. Freilich sind sie weder dasselbe volk wie 
die Eudusii, wofür sie MüUenhoff Zs. fda. 10, 564 — später 
aber wohl selbst nicht mehr — hielt, noch bedeutet ihr name 
die 'echten, nächsten abkömmlinge des gottes* d. i. des *Txivaz. 
Dass seine ältere germanische gestalt *Eupungöz war, ist jetzt 
durch einen den {mai)rihus Suebis Euthungabus errichteten altar 
(Rhein, museum n. f. 45, 6Ii9. Westd. zs. 9 Corr.-bl. n. 147) über 
allen zweifei sichergestellt. Er wird also allerdings richtig von 
MüUenhoff, Zs. fda. 10, 562 und J. Grimm GDS. 500 aus aisl.>(>Ö 
'proles, infans, filius' gedeutet. Aber fasste man das suffix 
auch als patronymisch, so hätte man es doch nur mit 'nach- 
kommen der Jugend, des sohnes oder der söhne' zu tun. Wir 
werden es indes nicht anders zu beurteilen haben als in den 
bisher schon besprochenen fällen. Dann ist *eupungaz einer, 
der die eigenschaften des ßb besitzt; das wort besagt also 
dasselbe wie aisl. jö^ligr d. i. 'blooming like a baby' (Cleasby- 
Vigfüsson 326), 'perfecta sanitate Üoridus' (Egilsson 453); vgl. 
sveimi bceöi mikill ok joÖiigr, meybarn ba.tii mikit ok j6<5ligi. 
Und *Eupungöz 'floridi* verhält sich zu *Martvingöz *Maurungöz 
Mauringöz 'languidi, marcidi' gerade so wie yarisWz 'fortissimi' 
zu *lfarisiöz 'ignavissimi* oder *Sktröz 'nitidi' zu *Sulonez 
'sordidi' oder *Manimöz 'constantes' zu ^Unmanöz 'inconstantes*, 
wobei der voranstehende name immer der ist, den das betreifeude 
Volk sich selbst beilegte, wogegen ihm den anderen von ent- 
gegengesetzter bedeutung die nachbarn aufgebracht haben 
werden. 

Dass die Maurungen dasselbe volk wie die Semnonen sind, 



86 MÜCH 

kann nun vollends für sichergestellt gelten. Die namen Tov- 
Qcovoi xal MüQOvlvyoi sind also offenbar als die von nachbar- 
Völkern zusammen in die ptolemaeiscbe karte eingetragen 
worden. Damit sind wir aber am ende der mit den Cbasua- 
riern beginnenden namenreibe angelangt, und wenn diese bei 
Ptolemaeus später eine Fortsetzung findet, die westlich von 
Böhmen zur Donau hinabführt, so knüpft er dabei nur eine 
namengruppe an, die auf seiner karte zufällig unter die Mar- 
vingen geraten war, aber aus einer andern quelle stammen muss. 

Da wir aber auch die Kampen bereits aus guten gründen 
von den über ihnen namhaft gemachten stammen abgesondert 
und an die ostseite der Varisten gerückt haben, so bleiben uns 
als deren westnachbarn nur noch an der Donau die XaiTova>Qoi 
und hinter diesen die KovQlcoveg übrig. 

Kelten, wofür Zeuss s. 121. 309 sie nahm, können diese 
Stämme schon aus dem gründe nicht gewesen sein, weil sie 
abteilungen der Ermundnren des Tacitus sein müssen. Dass Xac- 
TovoQoi ein keltisches wort sei, konnte Zeuss wohl nur zu einer 
zeit für möglich halten, die seinen keltischen Studien vorauslag. 
Auch beim namen KovqIwvbq reicht der anklang an Curiosolites, 
Tricorü, Curia nicht aus, die Vermutung, dass er keltisch sei, zu 
begründen, und noch weniger darf man ihn gar, wie Brugmann, 
Grundr. 2, 339 tut, unbedenklich als beispiel eines keltischen 
Völkerschaftsnamens anführen. In Wahrheit ist er mit dem 
got. adj. kaürus und dem zeitworte kaürjan zusammenzuhalten. 
Urgerm. ^Kurjonez, got. *Kaurjans kann als schwache form zu 
jenem adj. oder als nom. ag. zum verbum aufgefasst werden; 
seine bedeutung würde im erstereu falle 'die beschwerlichen, 
lästigen' sein, im letzteren 'die belästiger, bedrücker, bedränger', 
was, verglichen mit dem sinne und der Verwendung von ahd. 
scaiho, ags. sceada, nicht einmal etwas ehrenrühriges auszusagen 
braucht; vgl. Caesar BG. 6,23: latrocinia nullam habent infa- 
miatn, quae exira ftnes cuiusque civitatis ftunt, 

XaiTovcoQoi zeigt synkope in der compositionsfuge vor an- 
lautendem w des zweiten teiles gerade wie Catualda, Chasuarii, 
Chattuarii, und ist sicher in Xait- und -ovcoqol zu zerlegen. 
Man wird dabei an Zusammensetzungen mit germ. *haita- 'heiss' 
wie ags. hdtheort, ahd. heizmuotig, mhd. heizweiiic, heizsühtig, 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 87 

heizgrimme erinnert. Der zweite teil des namens lässt sich mit 
ahd. wuorag 'berauscht^ alts. wbrig w6rag, ags. it^eW^'ermQdet' 
zusammenbringen ; denn dazu kann es leicht ein primäres, ohne 
die ^a-ableituug gebildetes adjectivum nach art der bei Kluge, 
Nom. Stammbild. § 206 besprochenen fälle gegeben haben; ja 
dieses liegt wohl vor in aisl. cerr 'wahnsinnig, wütend', das 
sehr gut gotischem *wdrs entsprechen kann : das weitergebildete 
norw. ffren bedeutet sogar auch *beruset, drukken' (s. Aasen 960). 
Die bedeutung aber die uns im altisländischen entgegentritt 
(vgl. übrigens auch norw. ftr zumal in dem sinne 'yderst hidsig 
el. heftig af graadighed eller deslige^ Aasen 960) und aus der 
sich der begriff 'berauscht' und 'müde' sehr leicht entwickelt 
haben kann, lässt eine Verstärkung durch Zusammensetzung 
mit *haUa bereits zu. Sind also die Xairovmgoi, germ. *Hait- 
wöriz, älter *IIaUawöriz, soviel als 'die heisswütigen'? Dabei 
wäre natürlich an die kampfwut, den bekannten 'furor teuto- 
nicus', zu denken. Germanisch benannt sind sie auf jeden fall; 
das beweist schon der anlaut ihres namens. 

Noch fehlt uns aber eine Vorstellung, wie weit Kurionen 
und Chaitvoren gegen westen sich erstreckten, und schon deshalb 
mUssteu wir das Verzeichnis der Rheinvölker bei Ptolemaeus 
2, 11,6 genauer in betracht ziehen. Dasselbe, das sich sofort 
als durchaus zusammenhängend darstellt, lautet folgendermassen : 
KaztxovOi de rijg FtQ^iaviaq xa fiev jcaga xov^PJiVov jtozafidv 
itQXO/jiii'ou djt' agxTcoi^ oY Tt BQOvxrtgoi oi fiiXQol xal ol ^v- 
yafißQOi, vff' ovg ol 2üovrißoi ol AayyoßaQÖoi ' tha TivxeQOi 
xai I}*fjQi(DVu fitra^v rov re. P/jvov xal tcov Jißvoßalwi^ ogtop 
xal tri ^IvTovegyoi xat Ovagylcüvtc xal Kagltavoi, v(p ovq 
OviöJtol xal /y Tcoi? 'KXovrjxlcDV sgi/fio;: (^^XQ^ ^^'^^' tlgtjfitvcop 
'AXjtdcov ogiwv. Letztere sind, was gleich hier bemerkt werden 
soll, die rauhe Alb, da Ptolemaeus früher ihre läge über den 
Donauquellen ausdrücklich angibt, indem er sie als xa ofiaivvfta 
xolg ^4Xjt€loig xal ovxa vxlg xtjv xtq^aXfjV xov Aavovßiov jco- 
xafiov bezeichnet, und da auch die gradangaben für ihre end- 
punkte ebendorthin führen ; vgl. Zeuss s. 7. MüUenhoff s. 268. 

Dass die /IXntla 6g?j bei Ptolemaeus als ein gebirge inner- 
halb der regfiarla gelten, dass auch die Elvetieröde daneben 
erwähnung findet, und dass in der untersten zone seiner 
reg/iavla fieydXi] die orte Tagoöovpov und ßmfiol ^Xdßioi auf- 



S8 MITH 

geführt werdeu, beweist, dass er auch die agri Decumates iu 
diese mit einbezieht. Dadurch kennzeichnen sich seine quellen 
für den südwestlichen winkel seiner karte von Grossgermanien 
als sehr alte, und es ist schon darum nicht gestattet, aus dem 
ansatz der Oiiojiol unmittelbar über der Elvetieröde mit Zeuss 
8. 90. 305 auf Völkerverschiebungen zu schliessen, die auf jeden 
fall erst nach Tacitus stattgefunden haben könnten. 

Die Ociojroi stehen bei Ftolemaeus unmöglich an der stelle 
die ihnen gebührt. Denn iu folge der Verpflanzung der Su- 
gambern nach Germania inferior hatten Usipier und Tenktern 
räum genug sich auszubreiten und sich zu entfalten, und keinen 
anlas» sich weiter nach Süden zu drängen, wo auf römischer 
Seite Verlust der Unabhängigkeit drohte, auf germanischer aber 
kein fleck erde mehr zu vergeben war. Die Tenktern und die 
Tubanten stehen auch bei Ptolemaeus noch am alten platze; 
nur ihre treuen waü'engefährten sollten diesmal ganz ihre 
eigenen woge gegangen sein? Doppelt unwahrscheinlich ist, 
dass gerade der nördlicher wohnende der beiden bruderstämme 
sich abgelöst haben sollte, um durch das land des andern nach 
dem Süden zu ziehen. 

Die Stellung der üsipier, Tenktern und Tubanten innerhalb 
des alten Sugambernlandes, in ihren späteren sitzen also, ist 
noch wohl zu bestimmen. Die Tubanten sassen jedenfalls 
landeinwärts an der seite der Chatten, denn als deren nachbarn 
nennt sie uns Ptolemaeus, und in gleicher läge begegnen sie 
uns bei Tacitus, Ann. 13,56. Hier wird uns erzählt, dass sich 
die heimatflüchtigen Ampsivaricr von den Usipiern zu ihnen 
und weiterhin erst zu den Chatten und dann zu den Cherusken 
zurückziehen: Ampsivariorum gens refro ad f'sipos et Tuhantes 
cancessiL quorxim terris exacti cum Chattos, dein Cheruscos petissent 
u. 8. w. Wenn aber von den im norden der Lippe gelegenen 
*agri vacantes* aus, in welche die Ampsivarier damals ein- 
gedrungen waren, der übertritt in das gebiet der Usipier er- 
folgen konnte, so müssen diese den nördlicheren teil der Su- 
gambria innegehabt haben. Am selben orte berichtet uns 
Tacitus von den Tenktern, sie hätten miene gemacht, für die 
Ampsivarier zu den watJ'en zu greifen. Deshalb habe der 
Statthalter von Niedergermanien Dubius Avitus den legaten des 
heeres der oberen provinz Curtilius Mancia schriftlich aufge- 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 89 

fordert, über den Rhein zu gehen und mit einem angriff vom 
rücken aus zu drohen, während er selbst die legionen in ihr 
gebiet hinüberftthrte. An der südlicheren tage der Tenktern 
darf darnach nicht gezweifelt werden. Für die nördliche der 
Usipier kann man noch anfuhren, dass sie mit Tubanten und 
Bruktern im vereine nach Tacitus, Ann. 1, 51 die waldhöhen 
besetzen, durch die Germanicus von seinem ersten raubzuge 
gegen die Marsen zurückkehi-t. Doch sind hier die Tenktern 
von Tacitus möglicherweise nur darum nicht erwähnt, weil es 
von selbst verständlich ist, dass mit dem einen der beiden 
Stämme auch der andere mittut. Aber sicher noch weniger ist 
es gestattet, daraus, dass Usipier um das jähr 70 n. Chr. mit 
Chatten und Mattiaken vereint (nach Tacitus, Hist. 4, 37) Mainz 
belagern, einen schluss auf ihre sitze zu ziehen; denn abgesehen 
davon, dass hier ebenfalls eine Synekdoche vorliegen kann, war 
ein solches unternehmen ihrem heerbann auch auf weitere ent- 
fernung hin möglich. 

Man sollte also erwarten, dass uns auch Ptolemaeus die 
Oviöjcol vor den TivxsQoi nenne. Und über diesen wird wirklich 
ein platz für sie frei, wenn man nur die Zovrjßoi ol Aayyo- 
ßaQÖoi, die in folge einer falschen Vorstellung über ihre sitze 
hier eingeflickt sind, wie es ihnen gebührt, hinausweist. Aber 
auch die IJvyafißQoi sind zu streichen, denn sie verdanken nur 
geschichtlicher Überlieferung ihre stelle ; vgl. MüUenhoff, Zs. fda. 
23, 33 f. An und für sich schon bot der nördlichere teil des 
Kheinlandes eine grössere namenfülle als die gegend im Süden 
vom Main innerhalb des nachmaligen römischen limes. Auf 
dem oberen teil der karte standen also die namen viel dichter 
beisammen als auf dem unteren: sollten nun noch zwei dort 
eingeschoben werden, so war dies ein anlass^ das misverhältnis 
auszugleichen. Man machte für sie platz, indem man oben 
einen der namen hinauswarf, und verwendete diesen, um weiter 
unten eine lücke auszufüllen. Dermassen berichtigt ergibt 
das Verzeichnis der Rheinvölker bei Ptolemaeus die folgende 
reihe : 

B(tOVXTt(fOl Ol IHlX(*oi 

Ov 10710 i 
Tevxe(Joi 



90 MUCH 

^Ivtovt(tyoi 
(PvaQyiüßVf-g 
KaQixavoi 
'tJAOvTjriiov t^tfjuog 
!i?.7T tTa «>(>// 

Zeugnisse, aus denen unmittelbar erhellt, wie weit Usipier 
und Tenktern stromaufwärts reichten, besitzen wir nicht. Da 
ihnen aber das verödete land der Sugambern zugefallen war, 
so wird ihre südgrenze mit der ehemaligen sugambrischen zu- 
sammengefallen sein. Völlig genau ist auch diese nicht anzu- 
geben; aber man wird nicht fehlgehen, wenn man die Sugambern 
gegenüber den Eburonen und ihre südnachbarn zu Caesars zeit, 
die Ubier, gegenüber den Trevern ansetzt. Doi*thin stellt 
letztere Strabo p. 194, und den Trevern gegenüber und zugleich 
auf ubischem boden lagern nach Caesar B6. 1, 37. 54 die hundert 
gaue der Sveben unter Masua {.Xasua d. hss.) und Cimberius- 
Nach B6. 6, 29 führt die brücke, die Caesar vor seinem zweiten 
Rheinübergaug schlagen Hess, auf ubisches gebiet hinüber. 
Eben diese brücke ist aber nach B6. 6, 9 vom lande der Trevern 
aus angelegt und nach B6. 6, 29 im Süden der Arduenna, da 
Caesar von der brücke aus erst durch diesen wald ziehen muss, 
um die Eburonen zu überfallen, was hier gegen Zeuss s. 83. 84 
bemerkt sei, der die stelle des Rbeinüberganges im norden des 
Waldes in der gegend von Bonn sucht. Dreissigtausend passus 
unterhalb der brücke gehen aber nach B6. 6, 35 zweitausend 
sugambrische reiter über den Rhein, um an der ausplünderung 
des Eburonenlandes teil zu nehmen, gewiss schon auf sugam- 
brischem gebiet, weil ein übertritt auf ubisches sie von ihrem 
ziele nur abgelenkt halte. Die grenze beider stamme muss 
mithin zwischen jene Übergangsstelle und die ältere brücke 
fallen, die sich nach BG. 6, 9 ein wenig unterhalb der zweiten 
befand, wie es scheint hart an der grenze der Sugambern, gegen 
welche der erste Rheinübergaug hauptsächlich gerichtet war. 
So wie das sugambrische — und früher schon — war das 
ubische land durch Überführung seiner bewohner auf die linke 
Rheinseite herrenlos geworden, und wie dort Usipier und 
Tenktern, waren hier chattische ansiedier eingezogen, aus denen 
ein besonderer stamm hervorgieng, der mit einem keltischen 
namen Maitiaci genannt wurde. Vielleicht stammte er aus der 
gegend von Mattium, der hauptstadt der Chatten. 



DIE SÜDMARK DEK GERMANEN. 91 

Den nördlichen teil des mattiakischen gebietes umfasst im 
mittelalter der Eng er sg au, und da für iv7jQl(DV£Q auch 'lyyQLWVBq 
geschrieben wird, so ist es begreiflich, wenn Zeuss s. 99 sich 
versucht fühlte, dieser lesart den vorzug zu geben und den gau- 
namen mit dem volksnamen in Verbindung zu bringen. Be- 
stünde aber hier eine beziehung, so müsste notwendig ^yyQlwvsq 
hergestellt werden, denn es ist offenbar ganz unzulässig, um- 
gekehrt einer vereinzelt vorkommenden form Ingerisgowe zu 
liebe die häufig begegnende alte Schreibung Angerisgowe zu 
verwerfen, wie Zeuss a. a. o. es tut. Auch das bei Förstemann 
DN. 2^,83 aus einer grösseren anzahl von quellen belegte 
Engerisgofve Engrisgowe sammt ähnlichen formen mit anlauten- 
dem e ebenso wie das heute gangbare Engers fällt nur zu 
gunsten der annähme ins gewicht, dass a der ursprüngliche 
anlaut des namens ist. Und dem widerspricht jenes Ingeris- 
gowe eigentlich gar nicht, da hier das i ebenso wie in Ilamor- 
biki, Alfstidi und vielen anderen Ortsnamen eine widergabe des 
geschlossenen e, des Umlautes von a, ist. *Angrionez wären 
bewohner des angers, urgerm. ^angraz, oder gleich den Ängri- 
variern solche des angerlandes, urgerm. *angrja{n). Ausser in 
dem letztgenannten völkerschaftsnamen , den man fälschlich 
immer unmittelbar zu a?iger stellt, ist uns dieses coUectivum, 
eine bildnug gleich aisl. pymi 'dorngebüsch', ahd. weppi ^ge- 
webe' und mehr derart bei Kluge, Nom. stammbild. § 65, auch 
im namen der Stadt Enger nordwestlich von Herford in West- 
falen, die einst Angari Angeri hiess, in dem eines zweiten 
Enger nordwestlich von Warburg ebenfalls in Westfalen, alt 
Emjeri (Förstemann DN. 2 \ 82 f.), und in dem von Batenengre 
(bei Dronke, TrF.c. 41,53) erhalten. Und eben dieses wort 
scheint jauch in der Zusammensetzung Engersgau vorzuliegen. 
Doch nur auf den ersten blick. Denn wenn darin, was ja an 
und für sich schon auffallen müsste, der erste teil ein genitiv 
wäre, wie könnte dann die hauptstadt des gaues Engers schlecht- 
weg heissen ? Nur von dieser hat der gau selbst seinen namen ; 
und das befriedigt um so mehr, als seine beschaffenheit gar 
nicht eine solche ist, dass er der 'gau des angerlandes' genannt 
werden könnte. 

Wir müssen dem namen 'ivriglcoveg schon auf einem anderen 
wege beizukommen trachten, wenden uns aber lieber vorläufig 



92 Mucii 

dem der Ivxovsqyoi zu. Ersatz des r durch p darf man sich 
in ihm gerade wie früher bei Toigcavoi, *BovQyovvrfc und 
TevQtoxoifiai unbedenklich gestatten: er darf also als germ. 
*In-p/vergöz angesetzt werden; denn so und nicht anders ist 
abzuteilen. Davon ist der zweite teil das deutsche zwerch oder 
quer, jedoch in einer durch ursprüngliche Suffixbetonung ver- 
änderten form, urgerm. *pwergaz, für die auch sonst noch be- 
lege genug vorhanden sind. So ist den Wörterbüchern zu ent- 
nehmen: krum unde znnrg [.gehirg] (Ls. 1, 375, 17), Der vor was 
knecht, der wart nun herr, ye lenger er was ije zwerger (Mich. 
Beham. 113,2), zwergaxi, zwergagsl = twerchackes 'bipellis, bi- 
pennis', quergpfeiff (Eselkönig 1625) d. i. zwerchpfeiffe; ferner 
twerge d. I. twerhe stf. *quere' im reim mit berge (Jer. 23677) 
und ein intransitives zeit wort twergen 'quer oder schief gehen, 
irren': ob ich an der wärheil iht twerge [: berge] (Schoneb. 9463). 
Man vgl. den grammatischen Wechsel in mhd. schelch und aisl. 
skjalgr. Was die bedeutung von *pwerga: anbelangt, so ist jeden- 
falls die auch dem vervvanten lat. torquere (aus *tuerkuere) zu- 
kommende die ursprüngliche. Im volksuamen ist aber eine 
übertragene anzunehmen, und eine solche liegt in got. pwairhs 
ogylko^, d{fYiOO^elg und pwairhei oQytj, l^vpo^, ?()/-:, aber auch 
in 2^9>. pweorh 'perversus, pravus' in der tat vor. In- ist dann 
die germanische Verstärkungspartikel in, die uns bereits im 
volksuamen *Ingu/dJonez — s. oben s. 45 — begegnet ist. 7r- 
Tovsgyoi betleutet mithin entweder 'perversi, pravi' oder *furiosi, 
furibundi'. Ist letzteres der fall, so darf man an den keltischen 
volksnamen Ambibarii erinnern, der ganz das gleiche besagt: 
s. Glück s. 20 f. 

Statt "frfjQiiürt^, um nun wider zu diesen zurückzukehren, 
hat Müller in seiner Ptolemaeusausgabe s. 255 Vrx(>u»re^* in 
den text gesetzt und verzeichnet dazu in der anmerkung folgende 
andere lesarten: 'irxQiorej: X, lyxQioivt^ F.\, ^/yxitioreg Sü-'*, 
Vrz/p/wi'fj BEGZ^^^P, ed. Arg., Inerones ed. Vic: oi i\(fi(orec 
(sie) DZJ, OiyxQicjrt^ MO; ^lyyQivn'h^ VUa, ^lyyxitltortz PFi, 
loxQiionj: z, MiTgit'jvt^ A, Mtriones edd. Korn, et Ulm. Dar- 
nach würde allerdings die mehrzahl der handschriften gegen 
die form 7iv/(i/wrf^' entscheiden. Es begreift sich aber leicht, 
dass man irerade an dieser anstoss nahm, eine Verderbnis in 
7i7(>ie>r(c oder IrxQtort^ ist deshalb verständlicher als es der 



DIE SUDMARK DER GERMANEN. 93 

umgekehrte Vorgang wäre. Aus diesem gründe schon mUssten 
wir MüUenhoff zustimmen, wenn er Germ. ant. 126 irjjQl(ov€s: 
bevorzugte. Und da wir nunmehr in dem unmittelbar folgenden 
namen eine Zusammensetzung mit der Verstärkungspartikel in 
erkannt haben, werden wir dieselbe auch hier suchen; eine 
abteilung 'iv-yglcDveg oder 'iv-xQlcoveg ist aber unmöglich. 
Freilich ftlhrt auch 'iv-TjQimvsQ noch zu keinem ergebnis. Allein 
so sehr die widergabe germanischer namen bei Ptolemaeus im 
allgemeinen alles lobes würdig ist (trotz allem, was man darüber 
aus eigenem Unvermögen, diesen quell auszuschöpfen, gesagt 
hat), so werden wir doch von ihm nicht erwarten, dass er 
doppelte liquida immer als solche richtig zum ausdruck bringe; 
ja gleich bei der aufnähme des namens durch die Römer konnte 
aus ^In-nrerjonez Ineriones werden. Und nun ist uns der name 
sofort verständlich, nachdem wir früher schon (s. 72) ein germ. 
adj. *nwrjaz, aisl. ncbT 'fortis, strenuus' kennen gelernt haben. 
^Innärjonez bedeutet genau dasselbe wie das auch etymologisch 
verwante *Peuda-narjöz und *Naristöz, 

Die Innerionen sind als nachbarn der Tenktern zweifellos 
Mattiaken; aber wahrscheinlich nur der eine teil von diesen, 
während die Intvergen der andere sind. Denn beide namen 
bilden ein par, und das mattiakische land wird durch den 
Taunus in zwei hälften geschieden. Davon haben wir die nörd- 
liche an der Lahn als das gebiet der Innerionen, die südliche, 
vom Main begrenzte als den sitz der Intvergen zu betrachten. 
Den geweckteren mut der Mattiaken im vergleich zu den Ba- 
tavern hebt Tacitus, Germ. 29 hervor: ceiera similes Baiavis, 
räsi quod ipso adhuc terrae suae solo ac caelo acrius animantur. 
Gewiss gab ihre grössere leidenschaftlichkeit anlass zu ihrer 
bezeichnung als Wielktthne' und 'ingrimmige*; und als letzteres, 
nicht etwa als 'perversi', werden wir nun 'ivrovtQfot mit recht 
verstehen. Es ist nur die frage, ob wir es bei Tacitus mit 
einem selbständigen Zeugnisse für die mattiakische eigenart zu 
tun haben, oder ob seine worte widerum auf die bemerkung 
eines germanischen gewährsmannes zurückgehen, zu der sich 
dieser erst durch jene namen veranlasst sah, geradeso wie der- 
selbe oder ein anderer von den Bastarnen erzählte, dass sie 
mischlinge seien. 

Mit den folgenden namen geraten wir schon über die 



94 MUCH 

MaiDÜDie. Unter der 'EXovrjrlcov sQfjfiog nördlich vom Alb- 
gebirge können dann unmöglich die ganzen sogenannten agri 
Decumates gemeint sein, es sei denn, dass der name ebenso 
wie Jener der Sugambem nur geschichtlicher Überlieferung seine 
eintragung in die karte verdankt. Viel eher aber bezeichnet er 
einen kleineren noch öde liegenden landstrich am Albgebirge, 
dessen umkreis jedenfalls am spätesten widerum eine dichtere 
bevölkerung erhielt. FQr die ansetzung der Ovagylcoveg und 
KaQlxavoi ist es übrigens so ziemlich belanglos, fdr welche 
dieser beiden möglichkeiten wir uns entscheiden. 

Von diesen beiden volksnamen, die uns noch übrig sind, 
lautet der zweite in gemeiner lesart KaQirvol, der Codex Va- 
ticanus aber, derselbe der allein BovQyovvzcov und 2kXlyyai 
richtig überliefert, schreibt für das KaQirvol der anderen band- 
Schriften KaQlxavoi, und das verdient so sehr den Vorzug, dass 
Zeuss' versuch s. 99, den namen als 'Chartini aus hart, harz, 
wald' zu erklären, von anderen gründen abgesehen, nicht mehr 
in betracht kommt. Der name macht durchaus nicht den ein- 
druck eines deutschen und wird um so eher als keltisch anzu- 
sprechen sein, als es auch britannische KoQixavol gibt nach 
Ptolemaeus 2, 3, 11. Kar kann eine keltische mundartliche form 
ttix her sein, und dieses würde zu kor in ablautsverhältnis stehen; 
ein gleiches wäre auch der fall, wenn kar aus idg. kf ent- 
standen sein sollte: vgl. kelt. Arduenna, lat. arduos, gr. oQd-oc:, 
idg. *fdhuö$ (Brugmann, Grundr. 1, 243). Da aber unmittelbar 
vor den KoQixavol KoQvaovioi genannt werden, ist vielleicht 
auch hier KaQixavol das ursprüngliche und die überlieferte 
form mit o ein ergebnis der angleichung an den vorausgehenden 
namen. Ein keltisch benannter und wohl auch wirklich kel- 
tischer stamm innerhalb der agri Decumates wird uns nicht 
in erstaunen setzen nach dem was wir aus Tacitus, Germ. 29 
über deren bevölkerung erfahren. Aber wenn die Karilanen 
bis an den Main gereicht hätten, so wäre zwischen ihnen und 
den Intvergen kein platz für einen dritten stamm, für die Var- 
gionen nämlich, übrig. 

Wo diese hingehören, lehrt ihr name. Zeuss s. 99 dachte bei 
ihm an ableitung von warg, wargus lex Sal. Kip., aisl. vargr, 
und in der tat wäre ein germ. adj. *war^>zr Svölfisch, räuberisch', 
wovon *ff'argjonez die substantivierte schwache form sein könnte, 



DIE SÜDMARK DEK GERMANEN. 95 

recht gut möglich. Ein nom. ag. zu got. gawargjan, ahd. vor- 
jvergen 'TerdammeD, verfluchen ' kann der volksname deshalb 
nicht Bein, weil dabei kein befriedigender sinn herauskommt 
und auch auf die partikel ga- oder vor- nicht gut rerzichtet 
werden kann. Dagegen empfiehlt es sich, an ein anderes 
^wargjan anzuknüpfen. Ein solches wort ist nämlich als neben- 
form zu ahd. wtirgen, älter *ivurgjan, got. *waurgjan 'würgen* 
immer möglich und auch wirklich belegt in mhd. tvergen (Griesh. 
pred. 1, 56) 'reissen*, eigentlich 'würgen machen', causativum 
zu tvergan: s. Schade AW. 2 1128. Ob übrigens die Vargionen 
'die Würger' und die Kurionen 'die dränger' oder jene 'die 
wölfischen, räuberischen', diese 'die lästigen' sind, ist von ge- 
ringem belang. Der Charakter der namen bleibt doch in beiden 
fällen der gleiche, und in beiden stehen sie zu einander in 
deutlicher beziehung. Ein solcher Zusammenhang besteht aber 
auch nach der andern seite hin, denn dort sitzen über dem 
Rheine die Vangionen und im anklang an deren namen ist 
ohne zweifei der der Vargionen gebildet. Stand einmal auch 
dieser fest, so stellte sich für deren hintermänner leicht die 
bezeichnung Kurionen ein. Die Stellung die Ptolemaeus den 
Vargionen gibt, ist also wohl die richtige. Deshalb brauchen 
sie in der nähe des Rheines nicht in grösserer zahl gewohnt 
zu haben, jedenfalls aber reichte ihr machtgebiet bis zu diesem 
Strom, und wie früher zu den Markomannen werden die Teu- 
tonen jetzt zu ihnen in einem abhängigkeitsverhältnisse ge- 
standen haben, etwa so wie die Grudii, Geidumni und andere 
Völkchen nach Caesar BG. 5, 39 zu den Nerviern. So mag es 
sich erklären, dass Ptolemaeus nichts von Teutonen weiss, und 
so erklärt es sich wohl auch, dass die römischen und grie- 
chischen autoren überhaupt von ihnen nichts erfahren haben. 
Als dann der limes gezogen wurde, der gerade im norden viel 
näher dem Rheine verlief als weiter im Süden, mögen sich die 
bis in die Stromniederung vorgedrungenen Germanen wider 
landeinwärts zurückgezogen haben, so dass nun Tacitus, Germ. 
29 nur noch von gallischen ansiedlern auf dem boden der agri 
Decumates zu berichten hatte. 

Und nun erst ist uns über die Ermunduren bei Ptolemaeus 
ein abschliessendes urteil gestattet Sie treten uns einmal als 
gesammtvolk unter dem namen Tovgovoi entgegen, daneben 



96 MUCH 

in vier stamme gesondert, als TevQtoxcctfiai, Kovglopsg, Ovag- 
ylcDvtq und Xairovcogoi, Davon sitzen die erstgenannten nörd- 
lich vom Erzgebirge, den ^kyröy/ra oq?j — man wird sie sich 
im übrigen als von der Elbe, vom Harz und vom Thüringer- 
wald begrenzt denken dUrfen — , südlich vom Thüringerwald 
die Kurionen, und von ihnen aus gegen den Rhein hin die Var- 
gionen, bis zur Donau die Chaitvoren. Zwischen ihnen allen 
besteht zu Tacitus zeit noch eine feste Verbindung. Doch muss 
sich diese bald darauf gelockert haben, und die folge davon 
war, dass die gesammtnamen des volkes nur noch an dem 
teil desselben der den ältesten Stammsitz innehatte, an den 
Teuriochaimen, haften blieben; und da diese in ihrer abgeschie- 
denen läge hinter dem Waldgebirge und weit entfernt vom 
limes mit den Römern nichts zu schaffen hatten, so scheinen die 
Ermunduren überhaupt aus der geschichte verschwunden zu 
sein, bis sie — nach ein par Jahrhunderten — als Thüringer 
wider hervortreten. 

Die loslösung der südlichen Ermundurenabteilungen von 
ihrem stammvolke legte den grund für eine neue entwicklung. 
Der kämpf mit dem Römerreiche, besonders seit der anlegung 
des limes, drängte zu einer widervereinigung der kräfte, als 
deren ergebnis bund und volk der Alamannen zu gelten hat. 
Den älteren kern desselben bilden Vargionen, Kurionen und 
Chaitvoren, und es ist vielleicht kein zufall, dass uns nachmals 
widerum drei alamannische stamme, die /Jucinobantes, Brisigavi 
und Leyitienses namhaft gemacht werden. Die Juthungen (Sveben) 
dagegen haben sich erst nachträglich angeschlossen. 

Was alles bisher über die herkunft der Alamannen vor- 
getragen wurde, findet man bei Baumanu in den Forschungen 
zur deutschen geschichte XVI zusammengestellt. Am bekann- 
testen davon ist wohl die von Zeuss s. 90. 305 vertretene, von 
J. Grimm aber mit recht verworfene annähme, dass die Usipier 
und Tenktern den grundstock derselben abgegeben haben. Sie 
stutzt sich auf die Stellung der Usipier in der Germania des 
Ptolemaeus und hat nach dem was sich uns über diese bereits 
ergeben hat, jedweden halt verloren. Was anderswo vorgebracht 
wurde, verdient kaum eine Widerlegung. Dass wir es bei den 
Alamannen mit einem Völkerverein, nicht mit einem einheit- 
lichen neuzugewanderten stamme zu tun haben, sagt schon ihr 



DIE SÜDMARK DER OERMANEN. 97 

name selbst. Nur darf man ihn nicht wie J. Grimm 6DS. 
348 verstehen, dem, obwohl er das got. alamans beizieht, 
dennoch Alaman, das ebenso als ahd. mannsname erscheine, 
fUr einen ^ausgezeichneten mann oder beiden' gilt. In jenem 
got. alamans (Skeireins 51, 17: in allaim alamannam, 43, 17: 
alamanne kuni\ das 'alle menschen' bedeutet, liegt aber dieser 
sinn sicher nicht vor. Auch der aisl. gen. plur. almanna- in 
zahlreichen Zusammensetzungen (s. Cleasby-Vigfiisson 17) be- 
deutet 'general, common, universal', lässt also für das verlorene 
almenn (= got. alamans) die bedeutung 'alle menschen' er- 
schliessen; dazu stimmen die ableitungen almoini n. 'the people, 
public', almenniligr 'general, common', almenning L aimenningr 
m. 'fundus communis, common land' und aimennr 'common, 
public'. Zeuss s. 306 hat also den Alamannennamen richtig 
erklärt, wenn er in ihm den begriff des gesammtvolkes findet, 
und nur seine ansetzung eines bundesnamens Alamannida ist 
zu verwerfen : vgl. Kluge EW. * unter Almende. Ja schon Asi- 
nius Quadratus (nach Agathias, Histor. 1,6; vgl. Zeuss s. 305) 
hat nicht ganz unrecht, wenn er *4Xa(iavol als ^vyxXvöeg av- 
^Qcojtoi xal (iiyaötQ deutet. Urgerm. *alamannez 'alle männer, 
alle menschen' war gewis anfangs ein nur im plural gebräuch- 
liches wort; aber dass es Skeireins 51,17 m allaim alamannam 
heisst, nicht in alamannam schlechtweg, zeigt schon eine 
Schwächung seines begriifes; und ganz ebenso wird das durch- 
aus jenem got. alamans gleichbedeutende alts. irminman Heliand 
1298 schon in der Verbindung mit all gebraucht und 3503 gar 
in der einzahl, wobei es nur 'einen aus der gesammtheit der 
menschen' bedeuten kann. Als *Alamannez zum volksnamen 
geworden war, konnte um so eher auch von einem einzelnen 
*Alamanz die rede sein ; und vom volksnamen, nicht unmittelbar 
vom appellativum aus ist das wort endlich auch zum personen- 
namen geworden. Wenn man eingewendet hat, dass ein volk sich 
nicht als 'alle menschen' bezeichnen könne, so bedenke man, 
dass eine ähnliche hyperbel in den beigezogenen nordischen aus- 
drücken vorliegt, und dass auch, wenn wir das wort 'allgemein' 
gebrauchen, dabei nur an eine allgemeinheit innerhalb gewisser 
selbstverständlicher grenzen gedacht wird. Das eine aber ist 
klar, dass der name nicht im gegensatz zu anderen aussen- 
stehenden gemeinwesen aufgekommen sein kann, sondern nur 

Beitrüge zur gGMchicbte der deutschen spräche. XVU. 7 



98 MUC?H 

im gegensatz zu den bestandteilen die er umfasste; er ist nur 
als name eines Völkerbundes verständlich. 

Dass die später hinzutretenden Juthungen die Semnonen 
sind, hat sich uns allerdings als richtig erwiesen; aber gerade 
darum können nicht auch die anderen Alamannenstämme 
Semnonen sein. Was wäre auch aus der älteren germanischen 
bevölkerung im nordosten der agri Decumates geworden, wenn 
nicht aus ihr die Alamannen hervorgiengen? Dass es sich aber 
bei diesen nur um nachkommen der südlichen Ermunduren- 
abteilungen, der Vargionen, Kurionen und Chaitvoren handeln 
kann, erweist sich schon daraus, dass deren nächste nachbarn, 
die Varisten und die Chatten, nach wie vor unter ihren alten 
namen fortbestanden. Die Alamannenfrage kann damit als 
erledigt gelten. 

Die bei den Deutschen zu allen zeiten häufige reisläuferei 
ist abgesehen von anererbter abenteuer- und kämpf lust ans dem 
ttberfluss an beschäftigungsloser wehrhafter Jugend zu erklären. 
Die zeitweilig eintretende Übervölkerung ihrer heimat macht 
sich bei den Germanen nicht immer sofort in auswanderungs- 
versuchen bemerkbar, sondern oft schon, bevor solche erfolgen, 
in vorübergehenden einfallen und beutezügen in benachbartes 
gebiet, sowie im aufsuchen von kriegsdiensten im auslande. 
Dieselben Ursachen aber, die anfänglich nur zum auszug kriegs- 
lustiger schaaren nach rühm, sold und beute führten, mussten, 
da sie nachhaltig weiterwirkten, später den aufbruch ganzer 
volksteile veranlassen. So sind denn solddienste geradezu als 
Vorläufer und Wegweiser der auswanderungen aufzufassen. 
Beispiele hiefdr Hessen sich aus der zeit des Verfalles der 
Römerherschaft genug anführen. Es genügt hier, auf den 
bergang der eroberung Britanniens durch Hengist und Horsa 
hinzuweisen. Ganz ähnlich vollzieht sich auch die festsetzung 
der Germanen in Gallien am linken ufer des Mittelrheines. 
Der zu kriegerischer hilfe herbeigerufene fürst, zuerst durch 
landanteil entschädigt, verstärkt sich durch stetige nachschübe 
aus der heimat und bringt schliesslich seine früheren dienst- 
geber unter seine herschaft. 

Einen gedanken von Wilhelm Kitzsch aufnehmend, hat 
Müllenhoff Zs. fda. 10,553 versucht, die 120000 Germanen des 



DIE SÖDMARK DER GERMANEN. 99 

Ariovist unmittelbar mit den Sveben Caesars in Zusammenhang 
zu bringen, indem er sie für das aufgebet der 100 Svebengaue 
nahm, deren jeder 1000 mann, die also zusammen, das hundert 
als germanisches grosshundert gerechnet, ebenfalls 120 000 
krieger aufbringen konnten. Da die hundert gaue der Sveben 
neben der macht Ariovists ausdrücklich erwähnung finden, als 
sie, um diesem zu hilfe zu kommen, bei den Trevern den Rhein 
zu überschreiten suchen (B6. 1, 37. 54), so mussten diese als das 
nachrückende zweite aufgebet erklärt werden. Aber wenn es 
sich in der tat so verhalten hätte, so hätte Caesar gerade 
a. a. 0. den Zusammenhang der Sveben mit dem beere Ariovists 
nicht verschweigen dürfen. Dass er in der Schlachtaufstellung 
der Germanen die Suebi neben den übrigen stammen als etwas 
besonderes aufTUhrt, bestätigt nur, dass die anderen keine an- 
gehörigen des Svebenreiches gewesen sein können. Oder Caesar 
wäre selbst nicht gut unterrichtet gewesen. 

Jener gleichstellung, die übrigens Müllenhoff später selbst 
nicht mehr zu vertreten scheint, stehen auch andere gewichtige 
gründe entgegen. Es ist doch nicht daran zu zweifeln, dass 
die jährliche aussendung der hälfte aller waffenfähigen zu 
kriegszügen über die grenze eben kriegszeiten voraussetzt und, 
da Caesar von diesem Vorgang wie von etwas regelmässigem 
erzählt, lange und schwere kriege der Sveben in der zeit, bevor 
Caesar mit ihnen bekannt wurde. Wem ihre angriffe galten, 
erfahren wir B6. 4, 3, wo von den Ubiern erwähnt wird, dass 
sie von jenen oft bekriegt und zinsbar gemacht worden seien, 
und aus B6. 1,4, wo berichtet wird, dass die Usipeten und 
Tenktern vor ihnen weichend ihre heimat verlassen hätten. 
Weit mehr noch kommen aber die Boier hier in betracht. Denn 
gerade in die zeit, bevor Caesar nach Gallien kam, fällt ja 
deren austreibung aus Böhmen, und wenn es BG. 4, 3 von den 
Sveben heisst, sie betrachteten es als ehrensache fttr ein volk, 
von möglichst ausgedehnten einöden umgeben zu sein, und wenn 
dann von der grossen ödmark die rede ist, die sich uns als 
das verlassene land der Boier dargestellt hat, so wird es deut- 
lich, dass die Boier durch die Sveben Caesars, d. i. die Ermun- 
duren, vertrieben wurden, wobei es allerdings nicht ausgeschlossen, 
sondern wahrscheinlich ist, dass auch ihre verwanten, die Marko- 
mannen wacker mithalfen. Müllenhoff geht also wohl zu weit, 

7* 



100 MUCH 

wenn er s. 265 die behauptung des Tacitus (Germ. 42), daes 
die Markomannen die Boier aus Böhmen vertrieben hätten, ein- 
fach fdr falsch erklärt; einer einschränkung bedarf sie freilich. 
Jedenfalls wichen die Boier, der grösste und tapferste Kelten- 
stamm, der selbst den Kimbern erfolgreichen widerstand ge- 
leistet hatte, nicht gutwillig dem auf sie ausgeübten drucke, 
und durch den kämpf mit ihnen waren die Sveben (Ermunduren) 
sicherlich so sehr in anspruch genommen, dass sie nicht in der 
läge waren, ihr stehendes beer indessen im solde der Sequaner 
und Arvemer in Gallien zu lassen. 

Und hätte Cäsar im jähre 58 v. Chr. wirklich das heer 
der Sveben aufs haupt geschlagen, so wäre es unerklärlich, 
wie 3 jähre später die heimatflüchtigen Usipeten und Tenktem 
ihm gegenüber hätten aussprechen künnen: sese unis Suebis 
concedere, quibus ne du quidem immortäles pares esse possint, 
reliquuum quidem in terris esse neminem, quem non superare 
possini (BG. 4, 7), unerklärlich auch, weshalb Caesar später es 
nicht recht wagt, mit den Sveben anzubinden. 

Ob man endlich Ursache hat, die angäbe, dass Ariovists 
macht ungefähr 120000 mann betrage (was überdies Caesar 
nur als äusserung des Aeduers Divitiacus mitteilt, s. BG. 1, 31), 
für völlig zuverlässig zu halten, ist auch erst die frage. Denn 
die aufs haupt geschlagenen Aeduer hatten grund genug, die 
macht ihrer feinde so gross und so gefährlich als möglich dar- 
zustellen. Nimmt man aber den bericht des Divitiacus für volle 
Wahrheit, so geht aus demselben doch hervor, dass Ariovists 
heer ganz zufällig jene stärke erreicht hatte. Anfangs heisst 
es, hätten nur 15000 Germanen den Rhein überschritten, später 
seien mehr und mehr herübergekommen: nunc esse in Gallia 
ad centum et XX milium numerum. 

Und ausdrücklich wird gesagt, dass Ariovist für seine 
schaaren teils landsitze erhalten hatte (BG. 1, 31. 44), teils für 
neue ankömmlinge solche verlangte (BG. 1, 31). Wenn eine 
solche ansiedlung nicht wirklich erfolgt wäre, so wttssten wir 
nicht, wie die Vangionen, Nemeter und Triboken ans linke Rhein- 
ufer gekommen wären. Das aufgebet der Sveben dagegen, von 
dem BG. 4, 4 die rede ist, kehrt alle jähre — zu winterbeginn 
natürlich — nach hause zurtick, um im nächsten sommer durch 
ein anderes ersetzt zu werden. 



DIE SÜDMAUK DER GERMANEN. 101 

Dass die auBiedlung der drei obergermanischen stamme 
erst durch Ariovist erfolgt sei, ist freilieh von Zeuss s. 217 f. 
bestritten worden, obwohl nicht recht einzusehen ist, warum 
Caesar, wie dieser forscher voraussetzte, in der behandlung 
früher und später angesiedelter Germanen einen unterschied 
gemacht haben sollte. Mit recht hat auch Mommsen R6. 3 <^, 
258 darauf hingewiesen, dass Caesar Ariovist gegenüber sich 
bereit erklärte, die in Gallien bereits ansässigen Deutschen zu 
dulden (BG. 1, 35. 43). Wenn aber Mommsen lediglich deshalb 
annimmt, dass jene Völker nicht schon vor Ariovist in Gallien sich 
niederliessen, 'weil sie in seinem beer fechten und früher nicht 
vorkommen', so kann sein schluss allerdings zufällig zu einem 
richtigen ergebnis führen, um stichhaltige gründe für dasselbe 
werden wir uns aber erst umzusehen haben. Denn dass Van- 
gionen, Nemeter und Triboken früher nicht vorkommen, ist so 
selbstverständlich wie nur etwas. Ist doch Caesar sogar der 
erste, der uns den namen des Rheines überliefert, wenn derselbe 
auch wohl schon in einer älteren uns verlorenen griechischen 
quelle gestanden hat Und dass sie im beere Ariovists fechten, 
hat für sich allein auch keine bedeutung, allerdings aber im 
zusammenhält damit, dass dessen gesammte macht BG. 1, 31 
auf Zuzüge aus Germanien selbst zurückgeführt wird, wenn 
es heisst: Horum {Germanorum) primo circiter milia XV Rhenum 
(ransisse: posteaquam agros et culium et copias Gallorum ho- 
mines feri ac barbari adamassent, tradtwtos plvres: nunc esse 
in Gallia ad centwn et ÄX müium immerum. 

Uebrigens lässt sich auch nachweisen, dass das dem Ario- 
vist von den Sequanern überlassene land sich völlig deckt mit 
der späteren Germania superior, mit den sitzen der Vangionen, 
Nemeter und Triboken also. Hätten diese vor seiner ankunft 
schon in Gallien gewohnt, so müsste das an ihn abgetretene 
gebiet ausserhalb des ihrigen liegen. 

Nach BG. 1,31 könnte man freilich vermuten, dass Ariovist 
ein drittel des Sequanerlandes selbst in besitz genommen habe, 
und zwar ein drittel jeder einzelnen feldmark, nicht einen zu- 
sammenhängenden strich landes : quod Ariovistus, rex Germano- 
rum, m eorum ftnibus consedisset tertiamque partem agri Sequani, 
qui esset optimus totius Galliae, occupavisset . . — Dazu würde 
es stimmen, dass den Sequanern die möglichkeit der flucht 



102 Mucn 

abgesprochen wird, da sie den Ariovist in ihr land aufgenommen 
hätten und alle ihre städte in seinen händen seien : . . reliquis 
. . fugae facultas dareiur, Sequanis vero, qui intra ftnes suos 
Arioüisitan recepissent, quorum oppida ornnia in potestate eins 
essent, onuies cruciaius essent perferendi (B6. 1, 32). 

Doch wird man schon genötigt, in Caesars darstellung 
mindestens starke Übertreibungen anzunehmen, wenn man be- 
denkt, dass die Sequaner, wie aus B6. 1,3 und 9, aus 6, 12, 
aber auch aus 1,31. 35 (wo der in ihren bänden befindlichen 
geisein der Aeduer gedacht wird) zur genüge erhellt, ihre staat- 
liche Selbständigkeit bewahrt hatten. Dadurch erscheint es aus- 
geschlossen, dass Ariovist mit seiner gesammten macht bei 
ihnen gelegen habe und dass seine leute über das ganze land 
zerstreut siedelten. Denn dann hätten wir es hier mit einem 
germanischen reiche, nicht mehr mit dem der Sequaner zu tun. 
Höchstens könnte man BG. 1, 32 so verstehen, dass in den 
sequanischen Städten germanische besatzungen verteilt gewesen 
seien. Auch die äusserung Ariovists: neque (se) exercitnm sine 
magno commeatu in uniun loco contrahere posse (B6. 1, 34) könnte 
in diesem sinne gedeutet werden. Doch ist sie auch ohne die 
Voraussetzung weithin zerstreuter besatzungen verständlich, da 
seine leute, soweit sie bereits mit landbesitz bedacht worden 
waren, in ihren dörfern gelebt haben werden, wenn sie nicht 
zur heerversammlung entboten waren. 

Hätten aber auch germanische abteilungen die städte der 
Sequaner besetzt gehalten, so waren sie doch ganz gewiss schon 
zurückgezogen, als Caesar zum angriffe gegen Ariovist vor- 
rückte. Im ganzen Sequanerlande befand sich zu dieser zeit 
kein einziger Germane. Dieser umstand wäre aber sehr be- 
fremdend, wenn die Völker Ariovists dieses land selbst bewohnt 
hätten; denn dann hätte sich sein beer auch hier und zwar 
gerade in Vesontio, auf dessen besitz der könig grossen wert 
legte (vgl. BG. 1, 38) zusammengezogen, da man als Sammel- 
platz einen in der mitte der zerstreuten teile gelegenen ort zu 
wählen pflegt. 

Ist es somit wahrscheinlich, dass das dem Ariovist an- 
gewiesene land ausserhalb des Sequanerlandes lag, so wird 
dies zur vollen gewissheit dadurch, dass BG. 1, 38 das gebiet 
{fines) Ariovists ausdrücklich erwähnung findet in einem zu- 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 103 

sammenhange; der es sogar ermöglicht, seine läge mit einiger 
genauigkeit zu bestimmen. An sich wird es schon aus «dem 
ausdrucke fhies klar, dass es sich nicht um landgüter, die 
zwischen den gallischen zerstreut lagen, sondern wirklich um 
ein geschlossenes gebiet handelt 

Da nach B6. 1, 40 neben den Sequanern Leuken und 
Lingonen für Caesars beer getreide liefern sollen, so muss deren 
land ebenfalls von Germanen frei gewesen sein. Es bleibt 
also nur der strich nordöstlich von diesen beiden stammen 
zwischen Wasgenwald und Rhein übrig. Hier kommt aber der 
südliche teil des Elsass nicht in betracht, weil Ariovists gebiet 
nicht in unmittelbarer nähe Vesontios gelegen haben kann, wenn 
Caesar ei*st nach ununterbrochenem siebentägigen, allerdings 
auf einem umwege führenden marsche (B6. 1, 41) auf seine 
feinde stösst, obwohl auch diese unterdessen, wenn auch des 
grossen trosses halber in langsamem zuge, gegen Vesontio zu 
weiter vorgegangen sein werden; denn bereits früher hatte 
Caesar erfahren, dass Ariovist von seinem gebiete aus in der 
richtung auf diese Stadt drei tagemärsche vorgerückt sei(B6. 1,38). 
Und zwar müssen die Germanen im Rheinthale hinaufgezogen 
sein, denn in diesem und in geringer entfernung vom ströme 
selbst fiel die entscheidung nach Caesar BG. 1,53: neque prius 
fugere destUerunt, quam ad flumen Rhenum milia passuum ex eo 
loco circiter quinque pervetieruni. Quinquaginia, wie Nipperdey 
nach Orosius 6, 7 und Plutarch, Caesar 19 in den text auf- 
genommen hat, ist sicher falsch, weil man sich eine so lang 
andauernde ununterbrochene flucht nicht vorstellen kann. Sie 
wäre überhaupt in einem tage nicht möglich, selbst wenn nicht 
schon ein teil desselben durch die schlacht in anspruch ge- 
nommen worden wäre; es müsste also des eintrittes der nacht 
als einer Unterbrechung mindestens der Verfolgung erwähnung 
geschehen, während doch aus Caesars ganzer darstellung hervor- 
geht, dass der Rhein erst diese aufhielt; vgl. Mommsen 
RG. 3«,256. 

War aber Ariovists gebiet die spätere Germania superior, 
das land der Vangionen, Nemeter und Triboken also, so folgt 
daraus nicht allein, dass diese stamme erst durch ihn an- 
gesiedelt wurden, sondern es erweist sich nun auch, dass die 
Sveben und Markomannen, die in seinem beere genannt werden, 



101 MrCH 

DQr eriDiuidctrucLe and nurikomanniscbe failfstrappeo sind, wa« 
wir ja fchon Ton Tornherein als das wahrscheinlichste angenommen 
haben, and endlich, dase die Eodasier noch so wenig als die Ha- 
roden landsitze erhalten hatten, also offenbar erst in deren 
gesellschaft aus jQtland gekommen waren. Denn andernfalls 
mOssten sie ans später noch gerade wie Vangionen« Demeter 
and Triboken in Germania saperior b^egnen, was nicht der 
fall ist Dass für die Haruden erst landanweisong verlangt 
wnrde, ist B6. 1.31 aasdrttcklieh gesagt 

Woher das urspr&ngliche heer and rolk konig ArioTists 
gekommen ist, Usst sich schwer ausmachen. Sveben waren 
es gewiss. Das ergibt sich schon aus Plinins HN. 2 § 170, wo 
ein rex Sueborum genannt wiid, der, wie ja schon s. 19 erdrtert 
wurde, kein anderer als Ariovistus der rejc Germcmomm sein 
kann. Wahrscheinlich waren es auch Sf eben im sinne Caesars, 
Ermunduren also. Aus dem umstände, dass Ariorists erste 
gemahlin, die er aus seiner heimat mitbrachte (quam domo secum 
duxerat, BG. 1, 53) Sueha natione genannt wird, also eine Er- 
mundurin war, lässt sich f&r ihn selbst freilich noch nichts 
sicheres entnehmen, da er auch aus einem fremden stamme 
seine frau wählen konnte. Nur sollte man dann fast eine be- 
merkung Caesars erwarten, dass der könig selbst nicht svebischer 
herkunft war, da doch sonst ein misverständnis allzu nahe lag. 
Auch der rege anteil, den das Ermundurenreich später an seinem 
Schicksale nimmt, indem es ihn mit dem aufgebot seiner hundert 
gaue zu unterstQtzen trachtet (BG. 1,37. 54), ist am ehesten ver- 
ständlich, wenn er selbst aus diesem stammt. Sicher ist es, 
dass er daheim schon macht und ansehen besessen hat; sonst 
wäre der ruf der Arvemer und Sequaner an ihn nicht ergangen; 
und nur durch grosse Versprechungen war er bewogen worden, 
diesem folge zu leisten; vgl. BG. 1,44: Trafisisse Rhenum sese 
non sua sponte, sed rogatum ei arcessitum a Gailis und BG. 6, 12: 
Germanos atque Ariovistum sibi adiunxerant eosque ad se moffnis 
iaciuris poUicitat^onibusque perduxerani. Trotzdem scheint er 
doch nicht mit einem geschlossenen, frQher schon ihm unter- 
gebenen stamme nach Gallien gekommen zu sein, sondern an 
der spitze von freischaaren, da sonst gewiss auch alle seine 
verwanten mitgezogen wären, von denen er doch (BG. 1, 44) 
sagt, dass er sie verlassen habe: non sine magna spe, magnis" 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 105 

que praemiis domttm propinquosque reliquisse. Freilich weiss 
uiaii nicht, wie weit man sich auf Caesars berichterstattung 
verlassen darf, auch dort, wo es nicht gerade in seinem inter- 
esse lag, die Wahrheit zu verdunkeln. 

Sicher derselben herkunft wie Ariovist selbst sind eigentlich 
nur seine ersten geleitschaaren : jene 15 tausend, die nach der 
aussage des Divitiacus (B6. 1,31) zuerst den Rhein Überschritten. 
Dass aus dieser abteilung der stamm der Vangionen hervor- 
gegangen sei, lässt sich daraus folgern, dass dieser gerade den 
fruchtbarsten teil des zugewiesenen landes besetzte, und dass 
er, wenn anders die aufzählung der stamme bei Caesar B6. 1,51 
in richtiger Ordnung erfolgt, in der Schlachtaufstellung d^n kern 
des mitteltreffens bildet, bei dem sich wohl auch der könig 
selbst befunden haben wird. Wann derselbe mit seinen ersten 
genossen nach Gallien hinübergegangen ist, erhellt aus seinen 
eigenen werten, da er im jähre 58 v. Chr. in seiner antwort 
auf Caesars botschaft erklärt, dass seine Germanen 14 jähre 
lang unter kein dach gekommen seien (BG. 1,36). An etwaige 
frühere kämpfe ausserhalb Galliens ist dabei nicht zu denken, 
weil er nach einer anderen, früher schon erwähnten aussage 
(BG. 1,44) heimat und verwante verlassen musste, als er nach 
Gallien gieng. 

Da die Stadt Worms in der Kot. imp. und bei Ammianus 
Marcellinus Vangiones genannt wird und in den deutschen 
kaiserurkunden und bei den Chronisten bald Wormatia, Vurma" 
da, Varmacia heisst, bald Waiigionum civitas (vgl. Zeuss s. 219, 
J. Grimm CDS. 497. Förstemann DN. 2 2, 1550), so kann dagegen 
dass die Vangionen von den drei in betracht kommenden 
Germanenstämmen am nördlichsten wohnen, ein zweifei nicht 
aufkommen. 

Die aufstellung der Nemeter und Triboken lässt Müllenho£f 
8. 301 unentschieden. Und sie bereitet in der tat ernste 
Schwierigkeiten, so lange man sich bemüht, sie aus den nach- 
richten der alten zu ermitteln. Vor allem der bericht des 
Ptolemaeus (2, 9, 9) über sie und ihre städte ist so heillos ver- 
derbt oder von aufang an irrtümlich, dass auch nach Zeuss' 
besserungsversuchen (s. 221) noch immer BQevxofiayoq (Brumat) 
südlich von lAQytvtoQcttov zu stehen kommt. Die angaben des 
ptolemaeus sind also ganz ungeeignet, Schlüsse daraus zu 



10t> Mucn 

ziehen. Aber auch Caesar lässt uns im stich, da er BG. 4, 10 
einzig die Triboken unter den Kheinanwohnern aufführt, der 
Vangionen und Nemeter aber dabei ganz gescbweigt. Und 
ihm schliesst sich Strabos zeugnis p. 193 allzu deutlich an, als 
dass es von wert sein könnte; vgl. Zeuss S.-220. Bei Plinius 
HN. 4 § 106 und Tacitus, Germ. 28 — vielleicht geht hier Tacitus 
auf Plinius zurück — nehmen die Triboken die mittlere stelle 
ein, weshalb sie auch Zeuss s. 219 nicht so weit nach Süden 
reichen lässt als die Nemeter. Dabei konnte er sich zudem 
auf Caesar BG. 6, 25 berufen, wo von den finibus Heloetiorwn 
et Aemelum ei Batu^acorum die rede ist Streng genommen 
müssten dann freilich die Nemeter zwischen den Elvetiem und 
Kauraken gesessen haben, was gewiss nicht der fall war. 

Wenn aber Noviomcu/iis (Speier) bei Ammianus und in der 
Not imp. Nemetes Nemetae heisst (Zeuss s. 219) und wenn aus 
Altrip und aus dem Bienwalde bei Rheinzabern inschriftliche 
denkmäler stammen, die von der Colonia oder Civitas Nenietum 
errichtet wurden (Brambach GIRh. 194S — 1951. 1952), und wenn 
in Brumat und etwa 12 meilen nördlich von dieser Stadt in der 
richtung gegen Selz je eine von der Civitas Trihocorwn ge- 
widmete inschrift gefunden wurde (CIRh. 1954. 1953), so ist es 
klar, dass die Nemeter ungefähr in das Spiragowe und die 
Triboken in das elsässische Aortgowe zu stehen kommen. Dass 
auch Argentoratum den letzteren zugehört, wird noch einmal 
durch inschrifcfunde erwiesen werden. Uebrigens ist so wenig 
wie der name der Vangionen auch jener der Nemeter im mittel- 
alter vergessen; und zwar muss er im sinne von Spira oder 
Spiragowe gebraucht worden sein, wenn der chronist Hermannus 
Contractus (Pertz, Scr. V p. 67 11*.) zum jähre 1034 erzählen 
konnte, kaiser Konrad II. habe aus seiner feste Limburg, 
zwischen Nemetern und Vangionen gelegen, ein kloster gemacht: 
ex Castro suo Limpuryo inter Nemeles et Vangiones sito mona- 
sterium fecisse. Die trümmer der genannten bürg und nach- 
maligen abtei finden sich ganz in der nähe der bairisch-pfälzischen 
Stadt Isenach, hart an der grenze der alten gaue Wormazfelt 
und Spiragowe, 

Wenn Plinius und weiter Tacitus die Nemeter und Triboken 
ihre platze tauschen lassen, so sind sie dazu vielleicht durch 
Caesar verleitet, der, wie oben erwähnt wurde, BG. 6, 25 die 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 107 

Nemeter in gcBclIschaft der Elvetier und Kauraken, die Triboken 
dagegen B6. 4, 10 in der der Mediomatriker und Treveru 
aufführt. Caesar aber, der niemals selbst das germanische 
Uheinland betreten hat, wie das deutlich aus seinen commen- 
tarien hervorgeht, war für seine angaben über dieses ganz auf 
die berichte der Gallier angewiesen. Und gleichwie man wohl 
heute in Frankreich gelegentlich von Elsass und Lothringen 
so wie von teilen dieses Staates spricht, so nannte man auch 
Caesar die Mediomatriker noch als Rheinanwohner (B6. 4, 10, 
Strabo p. 193); vgl. MüUenhofif s. 301. Immerhin aber hat diese 
gallische anmassung für uns einigen wert, weil wir durch sie 
erfahren, dass den Germanen Ariovists nicht etwa nur sequa- 
nisches land — wie es nach BG. 1, 31 scheinen könnte — 
sondern auch solches des Mediomatriker abgetreten wurde; 
diesen wird ehedem der nördlichste der drei Germanengaue 
gehört haben. 

Aber auffällig ist es, dass in derselben nachricht, in der 
Mediomatriker noch als Kheinanwohner, Vangionen und Nemeter 
aber nicht genannt sind, die Triboken bereits erwähnung finden. 
Dadurch könnte die Vermutung, dass die Vangionen der erst- 
angesiedelte stamm sind, leicht ins waiken kommen. Aber 
vielleicht ist der name Triboken gar älter als die germanischen 
niederlassungen im Elsass und kam etwa ursprünglich einem 
kleinen keltischen nachbarvolk der Sequaner oder einer ab- 
teilung von ihnen selbst zu« Als sich Germanen im gebiete 
älterer keltischer Triboken niederliessen, wird deren name auf 
sie übergegangen sein. Jedenfalls erhielten sie sowohl als die 
Nemeter ihre namen von den keltischen nachbaru beigelegt 
und nannten sich vielleicht selbst anders, bevor sie keltisiert 
und romanisiert waren. 

Sicher germanisch ist dagegen Vangiones. Ob aber die 
übliche ableitung dieses namens aus dem germ. werte *wayiyaz, 
got. waygs JtaQdäeiOog, ahd. alts. ags. waiig, aisl. vangr ^ ebene, 
feld' das richtige trifft, scheint mir doch sehr zweifelhaft. Was 
die form betrifft, so lässt sich dagegen freilich nichts einwenden. 
Allein ein name ^/fan^/on^z 'gefildbewohner' passt schlecht zu 
allen den germanischen stammnamen der Umgebung, zu *In- 
ndrjonez, *lnpfvergöz , ^Wargjonez , ^ Kur Jone z u. s. w., die 
sämmtlich persönlich charakterisieren. Vor allem dächte man, 



108 MUCH 

dsuM die Damen der nachbarstämnie ^If'fuigjonez und *ff'arg- 
jonez, die sogar an einander ankiin^n, auch derselben wort- 
Uldungg- und bedeutungskategorie angehören. Die *Wargjonez 
haben wir bereits als 'die Würger' oder 'die wölfischen' erkannt; die 
^H'angjimez aber denke ich sind 'die schlechten'; konnte doch 
neben germ. *wanhaz, got. wdhs (in win:ähs\ alts. tväh, ags. woh 
'krumm, verkehrt, schlecht' leicht eine nebenform ^M^an^'az be- 
stehen. Aufs engste mit ^ ffangj'onez verwant ist dann der name 
der JVoingcu, die im WidsiSIied 30 ([/r^o/d] IVald ff^'dipigum, Wod 
Pyringum) genannt werden; denn die /ra^a-ableitung ist hier 
sicher nur substantivierend, gerade wie in Pyringßs Thuringi 
Düritige, neben dem wir schon ein einfacheres *Puronez kennen 
gelernt haben : vgl. oben s. 65 und s. 78 f. Ja da die Woingas 
gerade mit den Pyringas — den Sveben Caesars — gepaart 
auftreten, sind sie wohl niemand anders als die Wangionen 
selbst. Ist doch das Völkerverzeichnis des WidsiS ans stttcken 
verschiedensten alters zusammengesetzt 

Als die Markomannen von Böhmen besitz ergriffen, waren 
etwa 50 jähre verstrichen, seit dieses land von den Boiem 
geräumt worden war. Es ist nicht anders möglich, als dass 
während dieser zeit bereits eine von den anstossenden ger- 
manischen gebieten aus allmählich vorschreitende besiedlung des 
brachliegenden landes erfolgte. Daher dürfte es uns gar nicht 
wundern, wenn uns später in Boiohaemum neben den Marko- 
mannen noch andere stamme begegneten, und zwar müssen wir 
solche gerade im norden, am fusse des Erz- und Riesengebirges 
erwarten. Und sie finden sich dort in der tat. Sind uns doch 
in einem in die Germania des Ptolemaeus verarbeiteten völker- 
verzeichnisse, von dem früher (s. 06 ff.) schon die rede war, die 
!^vdivol begegnet, die dort ursprünglich über den Markomannen, 
unterhalb den ^^ovöfjra oqtj gestanden haben müssen. Dazu 
kommen noch namen aus einem anderen, in seinem ganzen 
zusammenhange deutlich aus einer quelle stammenden völker- 
verzeichnisse bei Ptolemaeus 2, 11, 10, das folgendermassen 
lautet: . . . jitQl zov ^X^hi^ jiozafjoi^ Baivoxcclfiai, vjttQ ovc 

VattlVo] , Xld (:Tl VJttQ TOVTOVg l\TO tfiß liöXtßoVQyiq} OQti 

KoQxoj^To) xal Aovyioi Bovqol fJtxQi^ t/)^* xs^aXijg tov OviCzovXa 



niK SrOMAKK DKK (iKKMAXKN. 109 

norajiov * vJto dt rovrovq jiqcötoi ^^Idortg, tha Kotvoi hha 
Ovio^ovQyioi vjr6Q ror 'ÜQxvvtor (V(>r//oi\ 

Es ist klar, dans diese aufzählung die ursprünglich ein- 
geschlagene nördliche richtung gegen die östliche vei-tauscht, 
also in einem bogen sich bewegt, weil sonst die unter den 
Buren namhaft gemachten stamme wider in das gebiet der vor 
ihnen genannten fallen mttssten. Wenn Ptolemaeus die Buren 
unter das jlaxißovQytov oqoq stellt und bis zur Weichselquelle 
reichen lässt, so gehören sie in den norden von Mähren: ein 
ansatz, der sich auch später bei eingehender Untersuchung 
als der richtige erweisen wird. Die KoqxovxoI, die ebenfalls 
unter dem köxißovgyiov oqoc stehen, das allerdings eigentlich 
nur das gesenke ist (s. Zs. fda. 33, 1 ff.), aber bei Ptolemaeus 
den ganzen gebirgszug im norden von Böhmen und Mähren 
umfasst, sind dann notwendig an wohner des randgebirges im 
nordosten von Böhmen. An sie anschliessend gegen westen 
hin wird man sich die Batinen zu denken haben, so dass sie 
sich an der Elbe mit den Sudinen berührt haben werden. 
Denn Batinen und Sudinen sind doch wohl nachbarstämme. 

Freilich ist noch eine andere aufTassung möglich. Der 
name BaL{v)oxctliiai selbst bezeichnet nämlich an unserer stelle 
die Markomannen, eine Verengerung seines umfanges, die sich 
vom Standpunkte des südlicheren beobachters aus erklären wird, 
dem als bewohner Böhmens zunächst Markomannen bekannt 
wurden ; ausserdem waren ja diese bei weitem das grösste und 
mächtigste volk in dem genannten lande, so dass, wenn von 
Baiochaimen die rede war, es in der regel ihnen gegolten haben 
wird und daher beide namen als synonyma aufgefasst werden 
konnten. Sind aber die Bai{v)oxaTiiaL des einen Völkerverzeich- 
nisses die Magxofiavol des anderen, so könnten auch die Ba- 
TBivoi dasselbe volk sein wie die 2^ov6ivoL Wären die ^ov- 
öfjTn 6q7j, wie MüUenhoff, Zs. fda. 7, 526 wollte, wirklich nach 
den warmen quellen im nordwestlichen Böhmen benannt, so 
wären die Sudinen *die im bereich der warmen brunnen woh- 
nenden ' und der name Bareivol dann offenbar als germ. *^a- 
pJnöz und als ableitung von bad, germ. *bapa{n), das ja in 
seinem ursprünglichsten sinne schon 'warmbad* bedeutet, zu 
verstehen. Die ^t^ovöijra 6q7] sind aber deutlich das Erzgebirge 



HO MroH 

und in diesem selbst sind die böhmischen bäder gar nicht 
gelegen. 

Recht ansprechend ist andrerseits, was Zeuss s. 100 über 
den namen Batfirol vermutet; denn als ableitung aus der 
germ. wurzel bat würde sich *Batinöz 'die trefflichen' bildungen 
wie got. sunjeins, ahd. wärin und ähnlichen bei Kluge, Nom. 
Stammbild. § 199 an die seite stellen. Als sicher freilich 
kann auch diese erklärung nicht gelten, so lange Sovdiroi und 
Sovö^ra jedem deutungsversuch widerstrebt. Beiläufig sei hier 
an die aistischen 2!ovdivol bei Ptolemaeus 3, 5, 9 erinnert. 

Ihrer herkunft nach dürften die Sudinen Ermunduren sein, 
die aber naturgemäss in Böhmen an die Markomannen sich 
anschliessen mussten und später wohl in diesen aufgiengen. 
Wenn die Batinen ein besonderer stamm sind, werden sie von 
den Semnonen ausgehen. Die KoqxovtoI endlich mögen van- 
dilischen Ursprunges sein. Alle drei nördlichen nachbarstämme 
Böhmens scheinen dahin ihre Vorposten vorgeschoben zu haben. 

lieber die KoqxovtoI sind wir übrigens besser unterrichtet. 
Sie begegnen uns nämlich auch bei Tacitus, wenngleich nicht 
unter demselben namen, sondern als Marsignu Um die Stellung 
dieses Stammes zu ermitteln, haben wir von Tacitus, Germ. 43 
auszugehen, wo uns berichtet wird : Retro Marsigni, Cotini, Ost, 
Buri terga Marcomanorum Quadorumque ciaudunt. Da hier die 
Markomannen vor den Quaden den vortritt haben, wird wohl 
auch mit den stammen auf ihrer rückseite, nicht auf der der 
Quaden, begonnen worden sein, und deshalb schon möchte man 
die Marsigni am ehesten an den nordrand Böhmens setzen. 
Notwendigerweise aber muss dies geschehen, da Coiini, Ost und 
Buri sämmtlich unzweifelhaft nur an die Quaden sich an- 
schliessen, also für die nachbarscbaft der Markomannen nur 
die Marsigni übrig bleiben. Wo die terga zu suchen sind, er- 
gibt sich deutlich daraus, dass im vorausgehenden cap. (42) von 
der frofis Germaniae, quatenus Danubio peragitur, die rede war; 
sie liegen demnach auf der von der Donau abgekehrten seite. 
Dabei jedoch nach westen bis über die Elbe zu rücken, ver- 
bietet das retro, da von den Germanen in dieser richtung früher 
schon die rede war: vgl. Baumstark, Völkersch. teil d. Germ. 21 6 f. 
Schon grösstenteils ins gebirge selbst aber fallen die Marsigni, 
da auch von ihnen, wie von den anderen mit ihnen genannten 



DTE SÜDMAUK DER OERMANEN. 111 

Stämmen Germ. 43 bemerkt wird: omnesque hi poptäi saUtis et 
vertices monfium mgumque insedenmt. Dass die Marsigni des 
Tacitus genau dorthin gehören, wo die KoqxovtoI des Ptole- 
maeus stehen, kann demnach als völlig gesichert gelten. Es 
wird aber auch hier gut sein, noch auf die namen unser augen- 
merk zu richten. 

Der beliebten Zusammenstellung des namens KoQxovtoi 
mit cech. Krkonose 'Riesengebirge' widerspricht MUllenhoff s. 373 
aufs entschiedenste mit dem hinweis, dass der böhmische name, 
wie Zeuss s. 123 gezeigt habe, aus dem slavischen selbst er- 
klärbar und der deutsche auf keinen fall unverderbt überliefert 
sei, im anlaut gewiss kein K, im suffix kein r gehabt habe. 
Woher aber könnten wir das, soweit es sich um den anlaut 
handelt, von vornherein so genau wissen ? An einer Verbindung 
nt im sufBx müssen wir allerdings anstoss nehmen, weil sie 
innerhalb des germanischen allzu einsam dastünde. Wie zu 
bessern sein wird, ist bald entschieden nach massgabe dessen, was 
wir früher schon über das Verhältnis von T und F in den hand- 
Bchriften feststellen konnten. Wenn cod. A*^ der beste also, an 
einer stelle Magovii^roi, an einer anderen der cod. ff^. Magovlv- 
Tovg schreibt, wenn in allen handschriften STQ^ovivra oder 
JSrQeovivrla steht, wo es doch StQsovivya oder SxQhOvivyla 
heissen muss, so ist offenbar auch in dem überlieferten KOP- 
KONTO l KAI AOYTIOl BOYPOl nicht nur der zweite name 
zu berichtigen, sondern KOPKONFOI KAI AOmOI BOYPOl 
herzustellen. *KoQxovyol steht für lat. *Curcungi, germ. *Kur' 
kungöz. Dieses aber lässt sich mit rücksicht auf neuisl. korka f. 
'a pining or wasting away' in der Verbindung: pati er korka 
i honutn, korkulegr 'pining' und korhia, aö *to d windle away* 
(Cleasby-Vigfüsson 351) als 'die schwächlichen' oder 'die 
schwindsüchtigen' verstehen: eine deutung, die freilich in dem- 
selben masse mit vorbehält gegeben werden muss, als der an- 
spruch dieser neuisländischen worte, aus einer urgermanischen 
Wurzel kurk abzustammen, ein unsicherer ist. 

Marsigni ist, wie längst erkannt, taciteische Schreibung 
für Marsingi, gleichwie Reudigni fUr Reudingi, beides wohl nach 
dem vorbilde des samnitischen stammnamens der Peligni oder 
lateinischer worte wie privignus, beyiignus. Dasselbe element, 



112 MICH 

das in Marsigni durch ableituDg weitergebildet ist, erscheint 
noch in dem namen der istvaeonischen Marsi und der Marsaci, 
oder wie diese sonst noch heissen, im späteren gaue Marsiun. 
Zeuss s. 86 vorgleicht ausserdem noch Marsihurc, Marsana, altn. 
Mjors (dessen stammvocal freilich nicht a ist) und den ahd. 
mannsnamen Marso, Auch Marsus bei Förstemann DN. 1, 916 
und Märsingen, MB. a. 1040 (XIII 310), gehören hieher. 

Eine deutung dieser namen hat Scherer versucht, indem 
er Hist. zs. n. f. 1, 160 von den 'schlimmen' Marsen redet, wo- 
bei ihm offenbar got. marzjan oxavdaXlC,uv vorschwebt. Ein 
blick in ein got. Wörterbuch hätte ihn indessen überzeugen 
mQssen, dass dieses got wort unmöglich die grundbedeutung 
'schlimm machen' gehabt haben kann. Wie könnte es sonst 
ausser 'ärgemis geben' auch 'hindern' bedeuten, und wie Hesse 
sich sonst frapja-marztms 'betörung' verstehen? Ahd. marren, 
merren, mhd. merren bedeutet gar 'aufhalten, behindern, be- 
festigen, anbinden'. Ganz im gleichen sinne wird auch mhd. 
merwen (got *marwjan) gebraucht (s. Schade AW.^ 594. Lexer 
MW. 1,2115), und das müsste uns schon auf den gedanken 
führen, dass *marsaz *marzaz und *manvaz Synonyma waren. 
Besitzen wir doch immer noch eine nebenform jenes wortes in 
unserem morsch, germ. *mursaz, die sich in ihrem Stammvokal 
dazu verhält wie ahd. muruwi zu maro und marawi und das- 
selbe wie mürbe bedeutet; man vgl. die ableitungen mhd. zer- 
mürsen ' zerdrttcken ' und mörser, ahd. morsäfi. Morsch sowohl 
als mürbe sammt ihrer sippe gehen gemeinsam auf eine wurzcl 
mar, mr zurück, zu der mit Kluge EW. * 240 griech. fiagalvoj 
'lasse verwelken', aind. mld 'welken' und altir. meirb 'weich' 
zu stellen ist, aber wohl auch altir. marb, nkymr. marw 'tot' gehört, 
dessen üblicher herleitung aus der wurzel mer 'sterben' grössere 
lautliche Schwierigkeiten im wege stehen. Die bedeutungen 
'welk' und 'leblos' stehen sich nicht so ferne, dass ein Über- 
gang aus der einen in die andere ausgeschlossen wäre. Ebenso 
konnte sich die des 'unbeweglichen' — daher merren, merwen 
'befestigen, anbinden' — sowie die des 'schwachen, schlaffen, 
mürben, morschen' leicht entwickeln. Und auch die Übertragung 
auf ein sittliches gebiet, die in got marzjan im sinne von 
'ärgernis geben' vorliegt, wird man sich unschwer erklären 
können, wenn man von der bedeutung 'verstricken' ausgeht 



DTE sCdMARK der GERMANEN. 113 

Mit recht bemerkt Franck EW. 614: 'De germ. stam mars moet 
eene bet. als ^roerloos, talmend, verward" hebben'. So wie 
morsch zu mürbe, 80 wie mhd. merren zu merwen verhält sich 
demnach der uame der MarsiDgen zu dem der Marvingen, und 
zwar was form und inhalt betrifft: beide bedeuten sie 'die 
Schwächlinge'. Dazu dass die *KoQxovyol, die auch vermutlich 
' Schwächlinge' heissen, und die Marsigni dasselbe volk sind, 
stimmt dies vortrefflich. 

Auch für die istvaeonischen Marsen bewährt sich die deu- 
tung ihres namens als 'marcidi', da ihnen Sugambri oder Garn- 
hrivii, d. i. 'strenui' gegentlberstehen. Zeuss sowohl (s. 86) als 
auch MttUenhoff (Zs. fda. 23, 33; vgl. DA. 2, 190) haben sogar 
dafür gehalten, dass die Marsen nur unter anderem namen ein 
teil der alten Sugambem sind. FQr diese meinung scheint der 
umstand zu sprechen, dass bei Tacitus in seinem berichte über 
die feldzüge des Germanicus in Deutschland widerholt der 
Marsen, bei Strabo p. 292 aber, wo er den triumphzug dieses 
feldherrn beschreibt, des Asvöogig, eines sugambrischen fürsten, 
gedacht wird, nicht aber der Marsen. Diese pflegt man aller- 
dings nach dem vorgange Cluvers in den text zu setzen anstatt 
des handschriftlichen Aav6mv\ doch daraus hat Groskurd rich- 
tiger Aavyoß&QÖmv hergestellt. Langobarden sind ja auch dem 
Germanicus, wenn nicht früher, so doch in der Schlacht am 
Engrerwall gegenübergestanden, nach der er sich des sieges 
über die Völker zwischer Rhein und Elbe berühmt: debellatis 
inter Rhenum Albimque nationibus (Tacitus, Ann. 2, 22), sowie 
er später über Cherusken, Chatten, quaeque aiiae nationes tis- 
fjue ad Albim colunt (Ann. 2, 41) triumphierte. 

Allein dass Marsen, ^eren eine grosse zahl den Römern 
in die bände gefallen sein muss, von Strabo unter den ge- 
fangenen d^s Germanicus nicht genannt werden, bliebe trotz 
jenes einen Deudorix, der als Sugamber bezeichnet wird, noch 
immer auffällig, da doch auch neben den vornehmen gefangenen 
chattischen und cheruskischen Stammes der übrigen menge der 
gefangenen aus diesen beiden Völkern noch besonders gedacht 
wird. Die Marsen müssen sich also doch hinter einem anderen 
der bei IStrabo p. 292 verzeichneten namen verbergen, wenn 
auch nicht hinter Aavömv. Dass in Wahrheit bei den Xax- 
Tovagioi an sie zu denken ist, geht schon aus der Verbindung 

B«itrftge sar geaohiohte der deatsohen ipraohe. XVII. ^ 



114 MCCH 

der namen Fafißgiovioi xal Xatrovagioi bei Strabo p. 291, 
verglichen mit Marsos Gambrivios bei Tacitus, Germ. 2, hervor. 
Mit den Chattaariem ist aueh schlechterdings nichts anzufangen, 
wenn sie nicht dasselbe wie die Marsen sind. Zeuss s. 100 
hat sie freilich fUr die Bataver und Kanninefaten genommen 
oder fbr die ersteren allein; dazu verleitet ihn aber nur die 
von Tacitus bezeugte chattische abstammung dieser beiden 
Völker und der anklang der namen Chatti und Chattuarii, in 
denen aber das tt der lateinischen Umschrift ganz verschiedene 
germanische laute widergibt, wie aus dem späteren HcLssi, 
Hassianes u. s. w. einerseits, aus Hattuaria, Hazzoarii, ags. Hcel- 
wäre andrerseits erhellt und längst erkannt ist Die Bataver 
sind auch nicht erst von Tiberius unterworfen, so dass sie 
nicht gemeint sein können, wenn Velleius Paterculus 2, 105 von 
diesem berichtet: intrata proiinus Germania: subacii (komme fates, 
Atluarü, Bructeri; recepii Chemsci. Vor allem aber können 
die Bataver, die treuesten und wertvollsten bundesgenossen der 
Römer in ihren kriegen mit Arminius, unmöglich von Germa- 
nicus im triumphe aufgeführt worden sein. Endlich ist es nicht 
wahrscheinlich, dass die Bataver als ein selbständiger ger- 
manischer stamm in die fränkische zeit hinüberreichen, und 
wenn das treibst der fall wäre, so könnte nicht ein teil von 
ihnen entgegen der fränkischen Volksbewegung, die nach Gallien 
sich richtete, über den Rhein zurQck an die Ruhr in den gau 
Hatterun verschlagen worden sein. Dagegen erklärt sich die 
besiedlung dieses gaues und ebenso die von Hattuaria im sQden 
der Waal von dem östlicheren lande der Marsen aus ganz 
einfach aus dem vordringen der Germanen gegen westen und 
ihrem einströmen in die benachbarten teile des Römerreiches. 
Wohin wären auch die Marsen gekommen, wenn sie nicht in 
den Chattuariem fortleben? 

Wir müssen es freilich auch erwägen, ob wir nicht daneben 
gar in den Marsingen abkömmlinge von ihnen zu erkennen 
haben. Dass man es dem Maroboduus zum vorwürfe machte, 
dass er einzelnen, ja selbst ganzen Völkern, die von Rom ab- 
fielen, einen Zufluchtsort gewährte, bezeugt Velleius Paterculus 
2, 109. Doch wird dies eher so zu verstehen sein, dass er 
nachbarvölker durch aufnähme in den von ihm gegründeten 
Völkerbund zu sich herüber und den herschaftsansprüchen der 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 115 

Römer entzog. Jedenfalk» können unter jenen Völkern noch 
nicht die eret später hervortretenden und gegen Varus und 
Germanicus kämpfenden Marsen gemeint sein. Eher liesse sich 
auf sie bezieben, dass nach Strabo p. 290 Maroboduus ausser 
den Markomannen noch andere {aXZovq jtXelovg) im sttden des 
erkynischen waldes ansiedelte. Seine bereitwilligkeit , durch 
solche ansiedlungen seine macht zu vermehren, wird man auf 
keinen fall bestreiten. An ihr zweifelten auch die Cberusken 
nicht, als sie nach der unglücklichen schlacht auf Idistaviso 
eine zeit lang, da sie den widerstand fUr aussichtslos hielten, 
den gedanken an Unterwerfung aber ihr heldensinn nicht zu- 
liess, tlber die Elbe auszuwandern beabsichtigten : abire sedibus, 
irans Alhim consedere parabant (Tacitus, Ann. 2, 19). Gerade 
dieses beispiel der Cberusken zeigt auch, dass auf der anderen 
Seite, ausserhalb des machtbereiches des Maroboduus, grund 
genug zur auswanderung und auch der gedanke an eine solche 
vorhanden war. Und mehr noch als bei ihnen sicherlich bei 
den Marsen, die durch die römischen rachekriege weitaus am 
härtesten heimgesucht wurden. Diesen gilt wie der erste, so 
noch der letzte einfall des Germanicus, der sie, die allein furcht- 
barer Übermacht entgegenstanden, völlig zur Verzweiflung brachte: 
8. Tacitus, Ann. 2, 25. Für die annähme, dass das schwergeprüfte 
Volk kurz darauf wirklich ausgewandert sei, könnte man sich 
schliesslich auf Strabo p. 290 berufen, wo es heisst : TavTfjg de 
(z^Q Jiorafilag) xa ytev elg xijv KsXTixrjv iihrii'fayov ^Ptofiatoi, 
rä ä* lipB^j (leraötdvra elg xi]V Iv ßdd-si xoigav, xaihajteg Müq- 
öol' XoiJTol ö'elöiv oXiyoi xai xmv ^Jotr/dfißQcov fiigog. So wie 
Zeuss s. 86 will, der dies so versteht, dass die hauptmasse der 
Sugambem sich vom ströme und der nachbarschaft der Römer 
in die östlichen waldhöben zurückgezogen habe, ist diese stelle 
jedenfalls nicht auszulegen, man müsste denn nicht nur die 
gleichung der Marsen und Sugambern, der aber hier gerade 
Strabo widersprechen würde, voraussetzen, sondern auch, dass 
die Sugambem am Rheine schon den Römern als Marsen be- 
kannt geworden seien. Was konnte es auch den Sugambern 
helfen, wenn sie ein par stunden weiter von der grenze entfernt 
wohnten, und was sollte ihre bintersassen veranlasst haben, 
ihnen land zur neuansiedlung abzutreten? Da wo sie Ger- 
manicus antrifft, hinter der silva Caesia in der gegend um 

8" 



116 Mucn 

das Tafanaheiligtum standen die Marsen sieber auf alteigenem 
boden. Und nicht dahin erst, nur von dort könnten sie aus- 
gewandert sein. 

Allein die sacbe verhält sieh wohl ganz anders. Denn 
wenn selbst noch ein anderer stamm von Rheine weg vor den 
Römern ins innere Deutschlands sich zurückgezogen hätte, hatte 
doch keiner annähernd die bedeutung der Markomannen. Und 
wenn uns nur ein name eines solchen ausgewanderten Stammes 
genannt wird, so muss es der der Markomannen sein. Diese 
konnte man auch, da sie von der Mainmttndung bis zum Boden- 
see den Rhein berührt hatten, viel eher zu den bewohnem der 
xoTüfiia rechnen, als es bei den Marsen der fall war. Und hätte 
Strabo an unserer stelle von diesen gesprochen, so hätte er 
sie gerade so gut wie die Sugambern nachher p. 291 unter den 
kleineren, nichtsvebischen Völkern Germaniens aufzählen müssen; 
er kennt sie aber dort nur unter dem namen Xatrovägtot ebenso 
wie p. 292. Um so zuversichtlicher darf man annehmen, dass 
MitQOoi p. 290 erst aus einem Verderbnis des namens MaQxo- 
Itaroiy das sich zu diesem ähnlich verhielt wie Accvddr zu 
JavyoßaQdtov, hergestellt worden ist; und unbedenklich dürfen 
wir widerum MaQxogiavoi daf&r einsetzen. 

Was die .l/or^^i *KoQxoiYoi betrifft, so werden wir am 
besten auf unsere ursprüngliche Vermutung zurückgreifen, dass 
bereits vor der einwanderung der Markomannen in Böhmen 
von dem benachbarten geschlossenen germanischen Stammes- 
gebiete ans eine besiedlung dieses landes begonnen hatte. Sie 
wären demnach für lente vandilischer herkunft zu halten, und 
dazu stimmt es. dass das gebirge an dem sie wohnen tob 
Dio Cassius 55. l Ovat'daltxa oQf^ genannt wird. Es niQsste 
uns nur« da die Verschiedenheit der abstammung ihr aufgehen 
in den Markomannen jedenfalls er^ichwerte, wundern, wenn wir 
späterhin nichts mehr von ihnen erfahren sollten. Wie die an- 
deren vandilischen stamme werden auch sie sich allmählich gegen 
t^ten und in die Umgebung der römischen provinz Dakien ge- 
lten haben. Und dann sind sie wohl dieselben, die dort 
unter dem namen Lakringen auftreten. Diese werden Ton 
Capitolinu^ M. Antoninus T2 unter den völkem des marko- 
mannischen krieges. von Petras Patricius^ £xc. legatt. ed. Bonn, 
p. 124 als bundesgeno«een des kaisers Marens Aorelins» ron 



DIE SÜDMAUK DEK GERMANEN. 117 

Diu Cassius 71, 12 als feinde der Hasdingen genannt. Für 
ihren nanien, der trotz der schwankenden Überlieferung mit 
Sicherheit als AaxQiyyol (germ. *Lakringüz) angesetzt werden 
darf (vgl. MQllenhoff, Zs. fda. 9, 133), lässt sich durch vergleich 
mit griech. XayaQoq 'schlaff', aisl. lakra Uo lag behind\ engl. 
lacker-hai 'der schlaffe, unzugerichtete hut' ebenfalls die be- 
deutung ' Weichlinge' erschliessen. 

Im anschlusse an die Markomannen ist wohl der beste 
ort, auch über die stamme im heutigen Ober- und Nieder- 
österreich zu handeln, so weit diese länder zu Germanien ge- 
hörten. Denn wenn auch die Markomannen im engeren sinne 
nur einen teil Böhmens inne hatten, so erstreckte sich ihr macht- 
gebiet doch bis zur Donau; das geht schon aus Tacitus, Germ. 
42 hervor, wo Markomannen neben Naristen und Quaden als 
Donauanwohner aufgezählt sind. Die kleineren stamme zwischen 
den Naristen und dem machtgebiet der Quaden, deren namen 
wir aus Ptolemaeus kennen lernen, werden wir deshalb zu dem 
anhange der Markomannen rechnen müssen. 

Es sind dies die ^ naQfiaixafiJtoi^ die ^kÖQaßaixd/iJtoi' und 
die "^Pccxavai oder ^PüxatQiai, Denn dass die ^Faxarglai nicht 
an die ostseite der Balfioi gehören, wohin sie Müllenhoff s. 330 
stellen wollte, dass wir sie vielmehr für dasselbe volk halten 
müssen wie die 'JVzxaTar, hat Kossinna im Anz. fda. 16, 59 über- 
zeugend dargetan. 1) Dass die ostgrenze der ^Paxarai an der 
March zu suchen ist, wohin sie ja auch Müllenhoff s. 330 ver- 
legt hat, soll später im zusammenhange mit dem was über die 
Batfioi zu sagen ist, begründet werden. 

Was die sogenannten '46Qaßaixa(ijtoi und IlaQiAaLxaiijtoi 
betrifft, so ist zunächst zu bemerken, dass kögaßat Kdfijioi 
und IlaQfiat Kdfijtoi die einzig richtige Schreibung ihrer namen 
ist Auf sie führt schon der umstand, dass Ptolemaeus einmal 
von Kampen {Kd/iJioi) allein spricht; geradezu zwingend zur 
auffassung von 'iÖQaßai und ÜdQiiai als namen von Unter- 
abteilungen des gesammtvolkes der KdfiJtoi ist aber die tat- 

Die ganz und gar wertloBen ausfUhrungen PniowerB Über die 
Paxaj(iiai (im anhange zu MUUenhoffs DA. 2, s. 335 ff.) sind von Kossinna 
im Anz. fda. IC, 56 ff. darchaus nicht zu strenge beurteilt worden und 
brauchen hier nicht nochmals widerlegt zu werden. 



1 IS MUCH 

Bache, dasB weder das keltische noch das germanische einen 
compositionsTocal ai kennt, von Zusammensetzungen also hier 
nicht die rede sein kann, wogegen JiÖQaßat und Üagiiat als 
vollständige volksnamen gefasst ihres auslautes wegen umso- 
weniger auffallen können, wenn neben ihnen ^Paxaxai oder 
^PaxaxQlai stehen. Damit sind, hoffe ich, die kdQaßaixaiiJtoi 
und üaQfiaixdfijt Ol, gebilde, die gerade so ungeheuerlich sind 
als Sov^ßoiXayyoßoQÖot oder AovyiolßovQoi es wären, ein für 
alle mal abgetan. 

Zur erklärung von IldQfiai, das er noch als compositions- 
teil auffasste, hat Zeuss s. 121 an lat. parma 'schild' und bei 
jiÖQaßai an avögaßdrat erinnert, das Lydus p. 80 durch xard- 
g)QaxToi erklärt. Da es griech. worte mit dvöga- als erstem 
compositionsglied gibt, abgesehen von solchen mit dvÖQo-, unter 
denen sogar ein ganz anklingendes avÖQoßatrjq 'paederast' vor- 
kommt, so kann das v leicht durch deren einfluss in oben- 
stehendes wort gekommen sein; dögaßdrai aber, wenn man 
so herstellen darf, muss sich ebenso zu einem *adräba (oder 
'OS -on?) verhalten, wie raiodtoi zu yaZaog, UaQfiai und 
kÖQaßca sind also 'die schilde' — oder besser 'die rundschilde' 
— und 'die panzer', namen, die in tropischer anwendung volks- 
namen werden konnten, geradeso wie derjenige der benach- 
barten Armilausi oder jener der Bardi, Langobardi. Jenes 
d(v)ÖQaßaTai macht ganz den eindruck keltischer herkunft, und 
für lat. parma lässt sich der von Zeuss s. 121 vermutete Ur- 
sprung aus dem keltischen daraus als wahrscheinlich erweisen, 
dass dieses wort sichtbarlich mit aisl. hvarmr 'augenlid' ur- 
verwant, sein p also aus ku entstanden ist, ein lautQbergang, 
der im lateinischen nicht stattfindet (s. Brugmann, Grundr. 1, 
321 f.), wohl aber im gallisch-brittischen regel ist (s. Grundr. 
1, 326 f.), freilich auch im umbrisch-samnitischen (s. Grundr. 1, 
321). Aber zugegeben, dass die beiden in betracht stehenden 
volksnamen worte keltischen Ursprunges sind, so folgt daraus 
noch gar nicht unbedingt das Keltentum dieser stamme selbst Sie 
können ja von dem sttdufer der Donau aus benannt sein, ent- 
weder von der noch keltisch redenden provinzialbevölkerung 
oder auch von den Soldaten der römischen garnisonsorte; denn 
wenn schon feststeht, dass die ihren namen zu gründe liegenden 
ausdrücke nicht ursprünglich lat. sind, so steht doch auf der 



DIE SÜDMAKK DEK GERMANEN. 119 

andern seite auch fest, dass das lateinische sie als lehnworte 
aufgenommen hatte: das gilt auch von a(v)ÖQaßdTai, da dieses 
wort sonst niemals Lydus hätte zu ohren kommen können. 

Wären schon keltische stamme nördlich der Donau in Ober- 
und Niederösterreich zurückgeblieben, als sich Boier und nach- 
her Kytnen über den ström südwärts zogen, so ist es der staats- 
männischen befähignng des Maroboduus nicht zuzutrauen, dass 
er die pforten seines reiches solchen unzuverlässigen dementen 
anvertraut habe. Wenn irgendwo, so haben wir in den Donau- 
völkern südlich von den Markomannen jene anderen von Ma- 
roboduus angesiedelten Germanenstämme zu erkennen, auf die 
Strabo anspielt, wenn er p. 290 vom lande im Süden der Her- 
cynia sagt: slg ov Ixtlvog xojiov aXXovq zt fieTaviöTJjOe JiXsl- 
ovg xäi ÖTj xal rovg Ofioeß-vtlg tavrw MaQxofifidvovg. Denn 
anderswo haben wir für sie nirgends Unterkunft gefunden. 
Nehmen wir sie für jene Donauvölker, so würde sich uns auch 
gleich deren enge Verbindung mit den Markomannen erklären, 
die es Tacitus gestattete, sie unter diesen mitzubegreifen. 

Dazu kommt, dass sich von den HaQiiai wenigstens zeigen 
lässt, dass sie auch einen deutschen namen hatten, und zwar 
einen solchen, von dem Uagfiai nur die Übersetzung ist Die 
Farmen sind in ihren sitzen an der Donau nachbarn der Va- 
risten, von denen wir in erfahrung gebracht haben, dass sie 
durch die aus Böhmen nach Südwesten vordringenden Baivaren 
aus ihrer heimat am Regen und in Stadevanga verdrängt bei 
den Burgunden am Jura sich niederliessen : s. oben s. 69 ff. 
Wenn nun dort neben ihnen, neben den Warasci, ein stamm der 
Scudingi sitzt (s. Zeuss s. 584 f.), für den sich sonst nirgends 
eine beziehung findet, so liegt nichts näher, als diese für die 
alten ostnachbarn der Varisten zu halten, die ja ebenso der 
stoss der Baivaren treffen und zur auswanderung nötigen musste. 
Scudingi hat einen alamannischen Scudilo (Ammianus Marc. 
14, 11) zur Seite, und wenn es schon ein blosser znfall sein 
sollte, dass dieser ein scutariorum iribunus ist und als solcher 
bezeichnet wird, so müssten wir dabei doch auf den gedanken 
kommen, dass seinem namen ein mit griech. oxvxoq und lat. 
scütum 'haut, leder' oder 'mit leder überzogener schild' ver- 
wantes und später verlorenes germ. wort zu gründe liegt. Auf 
die gleiche idg. wurzel sku ' bedecken, beschützen ' geht übrigens 



120 MUCH 

auch aisl. skaunn 'schild* zurück: h. Kluge EW. ^299. Was die 
Wortbildung Scudingi *Skudingöz anbelangt, so sind seitenstüeke 
wie aisl. hymingr ^hornträger', mhd. bertinc 'langbart, kloster- 
bruder' oder der volksname Hasdingi, aisl. Haddingjar, ags. 
Ileardingas, mhd. Hartwige, eine ableitung von got. *hazds, aisl. 
haddr, ags. heord Hanges, weibliches haar' (s. J. Grimm GDS. 
448. MüUenhoff, Zs. fda. 12, 347. Wrede, Spr. d. Wand. 42 f.), 
vor allem aber der name der Rondingas, WidsiS 24, = ahd. 
Rantingä, d. i. 'schildmänner' (MüUenhoff, Zs. fda. 11,281) zu 
vergleichen. 

Hiessen aber die Farmen von haus aus *Skudingüz, so 
liegt wohl auch dem namen ^ÖQaßai eine germanische be- 
zeichnung voraus ; und zwar ist diese vermutlich als ^Bruningöz 
anzusetzen. Aeusserlich käme damit ahd. Brunningas, Brünning 
bei Palling zwischen Alz und Salzach überein, das Förste- 
mann DN. 2^^333 irrtümlich statt zu ahd. brunna ^brünne' 
zu brCtn stellt; doch wird hier eine patronymische bildung vor- 
liegen. 

Und nun können wir auch ohne die vorgefasste meinung, 
dass wir es dabei notwendig mit einem keltischen namen zu 
tun haben, an den der KdfiJioi herantreten. Zeuss s. 121 hat 
eine spur von ihnen in dem Ortsnamen Cham, alt Chambe, marcha 
Chambe, finden wollen, und MüUenhoff s. 330 bringt sie ebenfalls 
mit Champrtche und mit dem niederösterreichischen flusse Kamp 
in Verbindung. Allein der ort Cham und ebenso der gau Champ- 
rtche in seiner Umgebung hat gewis erst von dem nebenfluss 
des Regen, der Chamb heisst, den namen; es kommen also 
eigentlich nur zwei flüsse namens Chamb und A'amp in betracht. 
Beide können ehedem nur Camb geheissen haben und CatrUms 
für den niederösterreichischen Kamp findet sich in der tat bei 
Einhart, Ann. ad a. 791 (Pertz 1, 177). Dies ist aber nichts 
anderes als keltisch ^kambos (s. Glück s. 34), ein wort, dessen 
bedeutung 'curvus' gerade auf die in rede stehenden flüsse voll- 
kommen zutreffend ist. 

Nach dem was über die Varisten sich ermitteln Hess, sassen 
diese um den Regen zwischen Böhmerwald und Donau; daher 
sicher auch am bairischen Chamb, mit dem also die Kampen 
gar nichts zu tun haben können. Ob sie den niederöster- 
reicbischen Kamp noch berührten, ist ungewiss, da wir keinen 



DIE 8LDMARK DER GERMANEN. 121 

anhaltHpunkt dafür besitzen, wie weit die Rakatrier gegen westen 
reichten. Aber gesetzt auch, dass diese nur das linke ufer des 
flusses besetzt hielten und das rechte schon den Kampen ge- 
hörte, so konnte doch ein stamm, der an einem flusse Cambus 
wohnte, nicht nach diesem schlechtweg Kd/utoi benannt werden. 
Dabei übersehe man auch nicht die Verschiedenheit der laute. 
Kelt kambos ist allerdings mit griech. xafijtrj, xafiX'tog, got. 
hcmfs verwant und aus idg. *kampos entsprungen, aber nicht 
unmittelbar; vielmehr muss hier schon in einer vor- oder doch 
urkeltischen periode, wohl durch einfluss des nasals — vgl. 
Zimmer, QF. 13,287 — aus der tenuis/? die media b geworden 
sein. Dass aber der volksname erst durch lateinische Volks- 
etymologie an camptis angeglichen worden sei, ursprünglich also 
*Kamboi gelautet habe (was auch dann noch mit dem fluss- 
namen nichts zu tun hätte, sondern selbständigen Ursprunges 
wäre und allenfalls 'perversi' bedeutet haben könnte), ist nicht 
wahrscheinlich, denn selbst dort wo solche volksetymologische 
umdeutung und Umgestaltung wirklich nahe lag, nämlich in Orts- 
namen oder von solchen abgeleiteten volksnamen, ist sie doch 
nur durch eine schlechte lesart Campodunum im Itin. Ant zu 
belegen, während die besten handschriften an zwei stellen 
Cambodunvm haben und ebenso Cambonum, Cambiacum, Combo- 
lectri, Cambiovicenses u. s. w. geschrieben wird : s. Glück s. 34. 
Mit der keltischen etymologie des namens Kdfijtoi ist es 
also recht schlimm bestellt und wir werden uns um so mehr 
auf germanischer seite um eine erklärung für ihn umsehen 
müssen. Da hierbei von lehn werten wie AraiTi/?/' 'certamen' oder 
kamp 'eingehegtes stück feldV natürlich abzusehen ist, so wüsste 
ich nur an aisl. kanpr kampr, ags. cfnep, altfries. kenep 'knebel- 
bart', mndl. kanefbeen ' Wangenbein' anzuknüpfen. Allerdings 
weisen diese werte auf germ. ^kanipa- zurück (s. Kluge EW.* 177 
unter knebel) oder sonst auf eine form mit mittel vocal ; daneben 
war aber wohl, so wie bei anderen ableitungen, so auch hier 
eine form ohne solchen möglich. Die Kampen könnten also 
'die knebelbärte' sein, wobei widerum an die Bardi, Langobardi 
zu erinnern ist, vor allem aber daran, dass auch die Unter- 
abteilungen der Kampen, die Farmen und Adraben, sowie die 
benachbarten Armilausen nach äusserlichkeiten der tracht be* 
papnt sind. 



122 Mücii 

Und vielleicht ist dies auch bei den Rakaten der fall. 
Wieso Ptolemaeus oder sein Vorgänger dieses volk zweimal 
auf seine karte gesetzt hat (s. Kossinna, Anz. fda. 16, 59), ist 
leicht zu erraten. Einmal erfuhr er tfus einer quelle, die von 
einer der oberen Donaustationen ihren Ursprung nahm, von 
einem volke der ^Paxdzai unterhalb der Kampen; ein ander- 
mal durch eine mitteilung, die wahrscheinlich aus Carnuntum 
stammte, von den ^Fäxatgiai an der seite der Batiioi\ und so 
wenig er die AayyoßccQÖoi und Aaxxoßdgöot als dasselbe volk 
erkannte, so wenig kam ihm hier der gedaiike, dass es sich 
nur um verschiedene formen eines und desselben namens handle. 
Sind aber die ^PaxazQlai von den ^Paxazai nicht verschieden 
und nicht an die seite der Ösen, sondern zwischen die Kampen 
und Baimen, also an die Westseite der March zu stellen, so 
werden wir es bei ihnen schon gar nicht mit Pannoniern zu 
tun haben. Dass in den beiden nördlichen vierteln Nieder- 
östen*eichs die den Germanen vorausgehende bevölkerung keine 
pannonische, sondern eine keltische war, beweist der bereits 
besprochene name des Kampflusses und der ort MtöioXaviov 
mit den gradbestimmungen Xt]' fi^ g' (bei Ptolemaeus 2, 11, 15), 
der sicher in das gebiet der "^Paxdtai fällt Und vielleicht ge- 
hört in dieses auch noch das gleichfalls keltisch benannte TüßovQo- 
öovpov {XG' n'q), Dass die Rakaten selbst Kelten waren, ist 
durch diese namen, die gerade so gut wie so viel anderes kel- 
tisches sprachgut in allen teilen des südlichen und westlichen 
Deutschlands von zurückgebliebenen resten der vorgermanischen 
bevölkerung übernommen sein können, natürlich nicht bewiesen 
und wäre es noch nicht einmal, wenn ihr eigener name als 
keltisch zu gelten hätte. 

Waiiim eigentlich der name 'PaxatQlai durchaus nicht nach 
einem keltischen aussehen soll (Müllenhoff s. 330), ist mir voll- 
ständig unbegreiflich. Eine wurzel rak wird es in den ver- 
schiedensten sprachen geben. Aus dem keltischen vgl. man den 
inschriftlich überlieferten namen Raconius, Racconim (Zeuss- 
Ebel GC. 773) und gael. racaid ^a noise, disturbance', ir. racan 
'noise, riot' (Skeat ED. 487 unter rackei). Was das suffix be- 
trifft, so stimmt es genau zu dem in den namen Aratritis und 
Aralria, die aus Aquileja, Venedig und Monfalcone inschriftlich 
bezeugt sind, aber freilich wird man diese nicht so unbedenklich 



DIB SÜDMAUK DKK GKRMANEN. 123 

wie es Holder, Altkeit. Sprachschatz 277 tut, als keltisch be- 
trachten dürfen. Ein altir. arathar (= lat. arairum) gibt es 
aber in der tat und daneben eine reihe ähnlicher /ro-ableitungen, 
von denen aus mit i'o-suffix neue Wortbildungen möglich waren, 
gerade so wie aus einem ^/Aro-stamme *keredhron, jünger ^kere- 
dron (= lat. cerebnm, urital. *kerefrom, idg. ^kereähroml) der 
name des Galaterführers KaQi&Qiog (d. i. ^cerebrosus'?) bei 
Pausanias 10, 19, 4 entsprungen ist 

Auch auf germanischer seite ist eine wurzel rek : rak durch 
mehrere bildungeu und in verschiedenen bedeutungsentwicklungen 
vertreten: s. Kluge EW.* unter rechen, rechnen, recken. Aber 
nicht leicht findet sich etwas darunter, woraus sich ein völker- 
schaftsname ableiten Hesse, es sei denn aisl. raka, schwed. 
raka, dän. rage in der bedeutung 'rasieren', rakstr 'sharing', 
rakstr-maör 'a barber' (Cleasby-Vigfüsson 482). Besonders 
dieses ro/r^/r, das umordisch Vo/ra^ /raz heissen würde, ist hier von 
belang. Denn dazu würde sich eine ableitung *rakastrj{u 'ra- 
sierer' gerade so verhalten wie got {gup-)bldstreis * opferer* 
zu blöstr 'opfer' oder ags. bcecestre * bäckerin' zu aisL bakstr 
'das backen'. Ob wir deshalb den volksnamen als germ. 
*Rakas(rjöz anzusetzen haben, ist freilich noch die frage, da 
im ersten Jahrhundert n. Chr. vielleicht das germ. />ra-sufGx 
in bildungen mit mittelvocal noch nicht völlig verdrängt war. 
Und um. so schwerer wird es halten, über seine germanische 
gestalt völlig ins reine zu kommen, als die formen ^PäTcaxQlai 
und ^Poxiirai leicht auf keltischer mit umdeutung verbundener 
nostrificierung des namens beruhen können. 

Eine dritte nebenform desselben scheint das cech. RakoiLsy 
' Oesterreich ' , Rakidane ' Oesterreicher ' vorauszusetzen , falls 
diese worte hiehergehören, was mir wahrscheinlicher dünkt, 
als der von Heinzel, Ostgot. heldens. 29 (WSB. 1889) vermutete 
Ursprung derselben aus *Hrapaguians, ^Hradagoza, Denn von 
diesem namen, der die Goten des Hradagais bezeichnen soll, 
ist es doch, auch wenn er gebräuchlich war, sehr fraglich, ob 
er jemals in Niederösterreich haftete. Andrerseits fällt, nachdem 
sich gezeigt hat, dass die annähme pannonischer nationalität 
fUr die Rakatrier jedes grundes entbehrt, auch MüUenhoffs be- 
denken (s. 331) dagegen hinweg, dass der volksname selbst 
sich über die völkerwanderungszeit hinaus erhalten konnte. 



1!24 MUCH 

So gut wie die Scudingen (IldQiiai) diese überdauern, werden 
sich auch reste der Rakatrier, zumal im niederösterreichischen 
Waldviertel, erhalten haben, und Müllenhoffs ansetzung eines 
orts- oder landschaftsnamens Racosia, Racosium oder Rncusia, 
RaktAsium zur Vermittlung zwischen ^Paxaxai und Raku§ane ist 
darum unnötig und umsoweniger gut zu heissen, als ein solcher 
localname als bildung aus dem volksnamen doch nicht ver- 
ständlich wäre und uns die nötigung, eine neben form desselben 
anzusetzen, nicht erspart bliebe. Rakuäane ist seiner bildung 
nach mit den schon besprochenen namen Carcaitayü, Maürungani 
(s. Heinzel a.a.O. 23 ff.), Slezane zu vergleichen; ferner mit 
Merane (Heinzel a. a. o. 20 ff.), mit Guduscani und mit Boemani, 
ßehemmii (Förstemann DN. 2^, 29S), Beheimare (Zeuss p. 641 
nach der St. Emmeramer descriptio civitatum), letzteres offenbar 
statt Beheimane verschrieben oder verlesen. In allen diesen 
fällen haben die Slaven durch anfügüng des in ihren eigenen 
volksnamen sehr verbreiteten Suffixes -an stammnamen der be- 
völkerung, die sie bei ihrer einwanderung vorfanden, sich an- 
geeignet. 

Wie die Kampen, d. i. 'die knebelbärte' den Rakatriern, 
Rakaten, oder wie sie sonst noch hiessen, d. i. ^deu rasierern' 
oder 'rasierten*, so stehen auch die norddeutschen Langobarden 
den 'geschorenen' gegenüber. In der langobardischen stamm- 
sage ist die Vorstellung von der ältesten heimat des Volkes in 
Scadinavia mit der von ihren sitzen an der Elbe zusammen- 
gefallen. Das erste land, in das sie von dort auswandernd 
gelangen, ist dann Scoringa, und da diesem namen als nächster 
Mauringa zur seite steht, werden wir die gleiche bedeutung 
des Suffixes wie in diesem vorauszusetzen, also nicht mit Müllen- 
hoff, Nordalb. Studien 1, 141 und DA. 2,97 an ableitung aus 
engl, shore, ndd. schare, schare 'küste' zu denken haben. Es 
wird vielmehr Scüringa zu lesen und dies aus schür, mhd. 
schuor, zur Wurzel sktr : skor gehörig, zu erklären sein. 

Allerdings ist es nicht ganz unbedenklich, wenn zur erklärung 
eines namens aus dem südlichsten germanischen bereich, wie es 
der der Rakatrier ist, die lediglich im norden vorhandene bedeu- 
tung eines Wortes beigezogen wird. Da indess das germanische 
altertuni der körperpflege im allgemeinen und der von hart 
und haar im besonderen weit mehr aufmerksamkeit widmete, 



DTE sCdmark der oermanen. 125 

als spätere zeiteu, so dürfen wir für dasselbe auch eine reichere 
fülle von ausdrücken voraussetzen, die diesem begriffskreise 
angehören. Und gerade eine so zutreffende bezeichnung des 
^bartschabens', wie das nordische raka es ist, hat leicht anspruch 
auf ursprünglich weitere Verbreitung. Doch ist es auch gar nicht 
ausgeschlossen, dass die Völker zwischen den Markomannen 
und der Donau aus höherem norden zugewandert sind. Wenn 
Maroboduus sie ansiedelte, so können sie deshalb doch ganz 
oder zum teil aus sehr entfernten gegenden Germaniens seinem 
rufe oder der aussieht auf landerwerb gefolgt sein, gerade wie 
Ariovistus von den Eudusiern und Haruden aus Nordjütland 
zuzug erhält oder Alboin von den Sachsen. Dass gerade über 
der Donau Völker von sehr verschiedenem Ursprünge neben 
einander sassen, beweisen schon die unterschiede ihrer tracht, 
die in ihren namen — auch abgesehen von dem der Rnkatrier — 
hervortreten. Die Farmen Skudingen insbesondere erinnern an 
das was Tacitus, Germ. 43 nach erwähnung der Goten, Rugier 
und Lemovier bemerkt: omniumque heuiim gentium insigiie ro- 
Innda scuta . . . 

Ja, an jene Harudes und Eudusii Ariovists ist vielleicht 
nicht nur als an ein seitenstück zu erinnern. Wir haben von 
denselben bereits in erfahrung gebracht, dass sie im gebiet des 
Ariovist noch nicht angesiedelt waren, und es fragt sich, was 
denn nach dessen niederlage gegen Caesar mit ihnen geschehen 
sei. Vernichtet waren beide stamme doch gerade so wenig als 
die Vangionen, Nemeter und Triboken, die nachmals die be- 
völkerung der Germania superior ausmachen. Sie werden also 
wahrscheinlich über dem Rheine bei den Markomannen schütz 
gefunden haben. Dass sie aber in ihnen aufgiengen, ist nicht 
wahrscheinlich : man denke, wie zähe z. b. die Rügen unter den 
Ostgoten oder die Sachsen unter den Langobarden in Italien 
an ihrer Sonderstellung festhielten. Der gegensatz zwischen 
Markomannen und Haruden -Eudusiern war aber sicher noch 
grösser als der zwischen den vorgenannten stammen. Es darf 
nach all dem mindestens als eine in betracht kommende möglich- 
keit gelten, dass unter den anderen, die nach Strabo Maroboduus 
ausser seinen stammesgenossen ansiedelte, Eudusier und Ha- 
ruden gemeint seien. 



120 MUCH 

Ueber zeit nnd umstände des vordringeDS der Qnaden ist 
oben 8. 12 f. schon gebandelt worden. Es bleibt nur nachzutragen, 
dass sie sich ihre sitze im Marchlande yermutlich unter einem 
könige namens Tudrus erkämpft haben. Denn Tacitus be- 
leiehnet Germ. 42 die königsgesehlechter der Markomannen und 
Quaden als nobile Marobodui et Tiidri genus. Bei der bedeutung, 
welche für den Quadenstamm der siegreiche kämpf mit den 
kriegstttchtigen Volken und die eroberung des fruchtbarsten 
landes im sQden des erkyniscben waldes haben musste, kann 
nur derjenige ftlrst als der berühmteste in seiner Qberlieferung 
genannt worden sein, der während jener ereignisse sein führer 
war. Ebenso sind die Markomannen unter fOhrung und auf 
den rat des Maroboduus, dem hier Tudrus gegenQbersteht, in 
Böhmen eingezogen. Dass sonst von jenem Tudrus jede künde 
fehlt, bestätigt nur, dass er keiner späteren zeit angehört Der 
sinn seines namens, der als ein beiname zu verstehen ist, er- 
gibt sich aus ags. iydre 'zart'. 

Woher die Quaden gekommen sind, bleibt auch noch zu 
untersuchen. Aus »Schlesien nicht, weil wir als alte nördliche 
nachbam der Volken bereits die Vandilen kennen gelernt haben, 
und an dem Svebentum der Quaden doch nicht gezweifelt werden 
darf (Tgl. Kossinna, Westd. zs. 9, 207 f.); auch schon deshalb 
nicht, weil ihre spräche im gegensatze zu der der Goten und 
Vandalen frühzeitig ^ in a wandelt. Ein beleg hieflir ist der 
name des königs FatoßofiaQog d. i. FaißofiaQog = ahd. *Geba- 
mar (Kossinna, Zs. fda. 29,268) aus dem jähre 216 n. Chr. (bei 
Dio Cassius 77,20), wie denn auch bei den Markomannen ein 
Marcomams (Aurelius Victor, De Caes. 16) und ein Baklofidgiog 
(Petrus Patricius, Exe. leg. ed. Bonn. p. 124) begegnen: s. Mflllen- 
hoff, Zs. fda. 7, 528 f. Wann dieser lautwandel erfolgt ist, sind 
wir nicht im stände zu ermitteln, da uns bei beiden stammen, 
übrigens auch bei Alamannen und Semnouen belege für erhaltenes 
& völlig fehlen. Um so eher wird man auch für den namen 
der Quaden selbst länge des stammvocales voraussetzen dürfen, 
wie schon J. Grimm GDS. 507 getan hat. Allerdings wäre auch 
eine bildung *kwada2 als nom. ag. zu *kTvepana{n) 'sprechen' 
denkbar; aber belegt ist ein solches wort nicht, und für den 
namen eines Stammes passt eine bedeutung ^die Sprecher' 
oder ^die sprechenden' nicht gut. Auf das seitenstück des 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 127 

SlaveDnamens wird mao sich jedenfalls nicht berufen dürfen, 
auch wenn dessen ableitung von slovo 'wort' (die Miklosich EW. 
308 abweist) feststünde, da es allenfalls begreiflich ist, wenn 
ein Volk von fremden Völkern, nicht aber, wenn ein stamiü 
von gleichsprachigen stammen als sprachbegabt sich unter- 
scheidet. Der üble sinn von md. quät, nndl. kwaad 'böse, hässlich, 
verderbt', mengl. crved 'schlimm' wird uns dagegen nach dem 
was sich uns über die germanischen volksnamen im allgemeinen 
schon ergeben hat, nicht abhalten können, gerade aus diesem 
Worte denjenigen der Qnaden zu erklären, der sich dann ganz 
dem der Ubier an die seite stellt. Ja die "Oßtoi des Petrus 
Patricius (Exe. leg. ed. Bonn. p. 124), d. i. lat Ubii, germ, *Ub' 
joz in griech. Schreibung, die mit Markomannen und Lango- 
barden zusammen im Markomannenkriege auftreten, sind wohl 
nichts anderes als die Quaden selbst unter einem anderen 
gleichbedeutenden namen. Sind uns doch auch die Marsingen 
noch als ^Kurkungen und als Lakringen begegnet Dass die 
"Oßioi mit den Aviones des Tacitus nicht verknüpft werden 
dürfen, liegt klar zu tage: beide namen haben nichts weiter 
als ein j der ableitung gemein. 

Da die Markomannen ebenso wie die Sveben des Ariovist 
der hauptsache nach von den Ermunduren ausgegangen zu sein 
scheinen, und von eben diesen später ein teil des verlassenen 
Markomannenlandes neu besiedelt wurde, so ist derselbe stamm 
kaum im stände gewesen, innerhalb desselben Jahrhunderts auch 
noch eine so starke abteilung wie die Quaden, die man schon 
bei ihrem einbruch in Mähren auf etliche hunderttausend köpfe 
schätzen muss, auszusenden. Eher möchte man an herkunft 
von den Semnonen denken, die ja nach der räumung Böhmens 
ungehindert eine abteilung zum kämpf mit den Volken vor- 
schieben konnten. Und es verdient beachtung, dass die Quaden 
in einer zeit der äussersten bedrängnis durch die Römer (um 
178 n. Ch.) gerade zu den Semnonen auswandern wollten, fierava- 
oxTjvai jTQog £efir6vag, wie Dio Cassius (Excerpt. Xiphilin. 71, 
20) berichtet. Eine semnonische freischaar, die erst in Mähren 
zu einem neuen selbständigen stamme erwuchs, waren sie indes 
nicht. Denn da sie im Südosten Deutschlands die ersten und, 
als die Römer die Donaugrenze erreichten, noch die einzigen 
auf dem plane waren, so müssen diese ihren namen von ihnen 



1 28 MUCH 

selbst gelernt haben. Und wenn sich ein volk so sehr an einen 
scheltnamen gewöhnt hatte, dass es sich schon selbst damit 
bezeichnete, so kann dieser nicht erst vor kurzem aufgekommen 
sein. Die Quaden müssen also bereits in einer älteren heimat 
so geheissen haben; und das konnten sie entweder als eine 
geschlossene Unterabteilung oder als ein nachbarvolk der Sem- 
nonen. 

Der erste, welcher den namen der Quaden, allerdings in 
ganz verderbter gestalt als KoXöovoi überliefert, ist Strabo. 
Er nennt sie p. 290 als einen der Svebenstämme ivrog tov 
ÖQVfiov, und zwar jenes ÖQVfiog, der unmittelbar vorher als 
^Qxvpiog ÖQVfiog bezeichnet wurde. Man sieht daraus, wie 
Ptolemaeus dazu kommen konnte, über seinen Kovaöol einen 
"ÖQxvviog ÖQVfiog anzusetzen, und dass dabei gar nicht die Vor- 
stellung von einem gebirge, das der mährischen höhe entspricht, 
mitspielt, wie Zeuss s. 6 und Müllenho£f s. 324 ohne rechten 
grund voraussetzen. Dass das gebirge im norden von Mähren 
noch ein zweites mal, aber viel weiter nach norden hinaufgerttckt, 
als jioxißovQyiov ogog vorkommt, hindert gar nicht, den t>(»- 
xvpiog ÖQvnog für die Hereynia zu nehmen, da uns doch auch 
eine reihe von Völkern auf der ptolemaeischen karte zweimal 
begegnet ist. 

Es dürfte uns eigentlich nicht wundern, wenn dies ge- 
legentlich noch öfter geschehen wäre, sofern nur genügend viele 
verschiedene oder anscheinend verschiedene namen eines volkes 
zur Verfügung standen. Und wenn deshalb vermutet wurde, 
dass die Bal/ioi (d. i. Balaifioi *Baehaemi: s. MüUenhoff s. 328), 
die auf der ptolemaeischen karte unterhalb der Quaden zu 
stehen kommen, dasselbe volk seien, wie die Baivoxcclfiai und 
die MaQxofjtavol, so ist dies nicht von vornherein abzuweisen. 
Aber was hätte Ptolemaeus veranlassen sollen, böhmische Balfiot 
an die Donau hinabzurücken, in eine gegend wo ihm ohnedies 
der räum zu eng wird, so dass er genötigt ist, die beiden fiügel 
in der aufstellung der Donaugermanen zurückzuziehen, also die 
OviaßovQyioi hinter die Quaden, die OvaQioxol und XaixovcoQoi 
hinter die Kaiinoi zu stellen? 

Es bleibt also das was Zeuss s. 119 und MüUenhoff s. 328 ff. 
annahmen, zu recht bestehen: die Bal/ioi haben für die aus 
Boiohaemum stammenden Sveben des Vannius zu gelton. Dass 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 129 

diese, nach Tacitus, Add. 2, 63 ursprünglich das geleite der 
könige Maroboduus und Catualda, nicht etwa nur ihr ^coniita- 
tas ' im sinne germanischer gefolgschaften, sondern ganze heere 
waren, geht doch aus der befllrchtung der Römer hervor: ne 
guietas provincicis immixti iurbarent, was von ein par hundert 
leuten inmitte einer ihnen fremden bevölkerung nie zu besorgen 
gewesen wäre. Von so wenigen hätte auch nicht berichtet 
werden können, dass ihnen ein könig gegeben wurde. 

Dazu kommt die zweifellos nicht geringe bedeutung des 
Vannianischen Svebenreiches, die aus allem erhellt, was Tacitus, 
Ann. 12, 29 f. über dasselbe und seinen könig berichtet Freilich 
mag Vannius auch angehörige seines eigenen Stammes, des 
quadiscben also, in seinem lande angesiedelt haben, und dadurch 
wird das nachmalige aufgehen der Balfioi in den Quaden er- 
leichtert worden sein, dessen hauptursache indes die politische 
Vereinigung beider stamme war, die vielleicht schon durch 
Sido und Vangio, die schwestersöhne des Vannius und seine 
nachfolger in der herschaft, zu wege kam. Dass uns Ptole- 
maeus noch den namen Balfioi überliefert, den die Germania 
des Tacitus nicht mehr kennt, zeugt für das hohe alter der 
nachrichten, auf grnnd deren die ein tragungen auch im süd- 
östlichen teil seiner karte erfolgt sind. 

Von den Sveben des Vannius steht es fest, dass der Marus, 
d. i. die March, ihre westgrenze war, da sie nach Tacitus, Ann. 
2, 63 inter Marum et Cusum angesiedelt wurden. Doch wird 
dies nur von der mündung dieses fiusses gegenüber von Car- 
nuntum gelten, wo die letzten ausläufer der kleinen Karpathen 
unmittelbar an ihn herantreten ; weiter gegen norden aber muss 
das gebirge allein die grenze gebildet haben. Denn was hätte 
die Quaden veranlassen sollen, bei ihrer einwanderung in Mähren 
nur das rechte Marchnfer zu besetzen, da doch erst die Kar- 
pathen ihrer ausbreitung den natürlichen nächsten abschlnss 
gaben? Dass wirklich die kleinen Karpathen Quaden und 
Balfioi schieden, ergibt sich aus der läge der Aovva vkrj. 

Diesen namen hat Müllenhoff s. 324. 327. 373, übrigens 
nicht ohne Vorgänger, auf den niederösterreichischen ^ManharV 
bezogen. Aber einen solchen gibt es in Wahrheit gar nicht; 
man kennt hierzulande nur den namen Mannhardsberg und 
versteht darunter in volkstümlichem gebrauche lediglich einen 

lieitrigo snr geiahioht« der deatoohen ipraobe. XVII. 9 



130 MUCH 

einzelnen berg. Da dies die höchste, indes immer noch nicht 
bedeutende erhebnng des höhenznges ist, Ober den die grenze 
der beiden nördlichen niederösterreichischen viertel verläuft, 
pflegt man diese als das Viertel ober'm Maimhardsberg (ge- 
wöhnlich Waldviertel genannt) nnd das Viertel unterm Matm- 
hardsherg zu unterscheiden ; und erst wieder von diesen namen 
aus stammt die durchaus nicht volkstQmliche tibertragung der 
bezeichnung Mannhardsherg auf den ganzen grenzhöhenzug. 
Dieser macht femer gar nicht den eindruck eines waldrQckens 
und ist nicht nur heutzutage ein . gut bebauter teil des krön- 
landes, sondern war dies schon in vorgeschichtlicher zeit. 
Nirgends sonst in Niederösterreich als gerade auf dem Mann- 
hardsberge (im weiteren sinne) findet man so dicht, nahezu 
auf schritt und tritt, die spuren alter besiedlung von der jQngeren 
Steinzeit bis herab in die germanische periode. Schon aus 
diesem gründe sollte man die Aovva vXrj hier nicht suchen. 
Der name Mannhardsherg hat zudem in Niederösterreich ein 
Gross- und ein Klein- Mannhards, ein Mannhardsbrtmn, ein Mamn' 
hardsschlag und ein Mannhardsdarf zur seite, und wenn ein 
bairisches Mannhartshofen bei Dietramszell im 11. jh. Megenhart- 
hova, ein Mannhartshausen an der Einzig im 8. jh. Meginhartes- 
husir heisst, so kann es als ausgemacht gelten, dass wir es 
auch beim Mannhardsherg mit dem berge eines Megmhart zu 
tun haben, wofür ihn denn auch Heinzel immer genommen hat. 
Andrerseits geht Aovva vlrj allerdings auf lat Luna silva zurflek; 
aber wie sollte ein name von solchem aussehen Übersetzung 
eines germanischen wertes, das'mondwald' bedeutet, sein können? 
Und wie könnte von dem flusse, dessen mündung in die Donau 
nach den gradangaben bei Ptolemaeus etwas unterhalb von 
Camuntum zu suchen ist, bei dem wir es also zweifellos und 
anerkanntermassen mit der March zu tun haben, gesagt sein, 
dass er von norden her am ZuTza-walde, jtoQa r^r Aovvar 
vJlijr (Ptolemaeus 2, 11,3), vorbeifliesse? Dass dieser fluss die 
March mit der Taya sei (MüIIenhoff s. 330), ist nichts weniger 
als ^ofienbar*; und selbst von der Taya könnte es nicht heissen, 
dass sie am Mannhardsberge vorbeifliesse. Wer dagegen je- 
mals auf einem kahne die March befahren hat, weiss, dass man 
von derselben die aussieht auf die kleinen Karpathen geniesst 
bis hinab zu ihrer mtlndung. Diese also müssen unter der 



DIE SÜDMARK DER OERMAKEK. 131 

Aovva vXtj gemeint sein. Ohnedies würde es befremden, wenn 
uns für einen so augenfälligen gebirgszug, der noch dazu in 
unmittelbarer nähe von Gamuntum abbricht, kein alter name 
erhalten wäre. Zeuss mit seinem ansatz der Aovva vXrj (s. 4. 
118) erscheint also vollständig gerechtfertigt. 

Wenn aber Ptolemaeus auch die SiöfjQcoQvxsta im sHden 
der Quaden nennt, so beweist dies gar nicht, dass derselbe 
Zusammenhang schon in seiner quelle vorhanden war, sondern 
nur, dass auf seiner karte, von der die angaben in seiner 
Germania abgelesen sind, die SiäijQCDQvxBta ebenso wie die 
Aovpa vXrj zwischen die Quaden im norden und die Baimen 
im Süden gestellt waren. Dabei ist die Verschiebung der beiden 
Völker noch eine verhältnismässig geringe verglichen mit der 
von Ptolemaeus sonst mehrfach vorgenommenen änderung der 
neben- in eine ttberordnung. So sind z. b., worauf auch schon 
hingewiesen wurde, die OvioßavQyioi in den rücken der Quaden 
geraten und dadurch erst und erst auf der ptolemaeischen 
karte in beziehung zum 'OQxvviog ÖQVfiog gekommen, mit dem 
sie in Wahrheit nichts zu tun haben. Geradeso verdanken es 
die Quaden lediglich ihrer Verschiebung aus dem nordwesten 
in den norden der Balfioi, dass sie im Süden durch die Siötiq- 
coQvxsTa begrenzt erscheinen, während letztere, die eisengruben 
der Kotinen im oberen Grantal (Müllenhoff s. 324), in der quelle, 
aus der die eintragung in die ptolemaeische karte erfolgte, nur 
an der nordgrenze der Bal/ioi genannt worden sein können. 

Die Batfioi reichen also von der Marchmündung und den 
kleinen Karpathen über die ganze nordungarische ebene bis 
mindestens zur Gran und wahrscheinlich sogar bis zur Eipel. 
Denn der fluss Cusus, den Tacitus, Ann. 2, 63 als die ostgrenze 
der Sveben des Vannius nennt, ist, wie Mflllenho£f s. 323 mit 
ansprechenden gründen dargetan hat, am ehesten fllr die Eipel 
zu nehmen. Auch die stelle, in der Plinius des vannianischen 
reiches gedenkt (HN. 4 § 80. 81), hat erst durch Müllenhoff 
s. 322 ff. die richtige auslegung erfahren. Ein zweifei bleibt 
dabei nur bestehen bezüglich der Duria, welche Plinius — sich 
gewissermassen selbst berichtigend — als die grenze der Sveben 
angibt, nachdem er früher den Mctms als solche namhaft ge- 
macht hat (a Maro, sive Duria est a Suebis regnoqtie Varmiano 
dirimens eos . . .). Die er wähnung der March, zu der es stimmt, 

9* 



132 MUCH 

dass Plinius unmittelbar vorher vom conftnium Germanorum bei 
Garnuntum gesprochen hat, findet aus der älteren grenze der 
Germanen vor begrUndung des vannianischen reiches ihre er- 
klärung: s. Mttllenho£f s. 324. Dass aber Plinius, als ihm dieses 
reich einfiel, aufs geratewol den nächsten bedeutenden neben- 
fiuss der Donau, die Wag, genannt habe, ist nicht recht glaublich. 
Viel eher wird Duria ein anderer name fttr die Gran sein, die 
in ihrem untersten laufe ganz nahe mit der Eipel zusammentritt, 
so dass eine begrenzung durch Duria im sinne von Gran oder 
durch Cums Eipel wesentlich dasselbe besagen und der unter- 
schied sich leicht aus grösserer oder geringerer genauigkeit der 
angäbe oder verschiedenen Stadien der ausbreitung der Batfiot 
erklären wttrde. Dass wir dabei neben dem, wie es scheint, 
germanischen namen Gran, FQavovaq bei Marcus Aurelius, noch 
einen zweiten, fremden fttr denselben fluss annehmen mtlssten, 
kann in einer gegend, wo Germanen, Reiten und Pannonier 
sich ineinanderschoben, nicht zu bedenken anlass geben, und 
der nötignng an eine doppelte benennung zu denken, entgehen 
wir auch gar nicht, wenn wir die Duria mit Mttllenhoff fQr 
die Wag nehmen. Denn der name Wag, der nicht gerade das 
germ. appellativum masc. generis ahd. alts. wäg, ags. w&g, got. 
wigs 'woge, Auf ist, sondern unmittelbar dem auch diesem 
Worte zu gründe liegenden verbaladjectiv *wägiz 'beweglich, 
bewegt' entspringt, reicht sicher in die quadisch-baimische zeit 
hinauf und ist nur zufällig nicht belegt 

Betreffs der sitze der keltischen Kotinen und der pannonischen 
Ösen, von denen erstere im oberen Grantal, letztere im tal der 
Eipel zu suchen sind, haben Mflllenboffs Untersuchungen s. 324 ff. 
32 f. 324. 326 als abschliessend zu gelten. Auch der grund für 
seinen ansatz der OvioßovQyioi (s. 326) ist ein zwingender, und es 
erübrigt nur noch die frage zu entscheiden, ob wir es bei ihnen 
mit den gesammten Ösen oder nur mit einem teile von ihnen zu tun 
haben. Da uns Ptolemaeus in letzterem falle auch noch den 
namen des anderen teiles nicht gut hätte verschweigen können, 
von einem solchen aber weder bei ihm noch anderwärts eine spur 
sich findet, scheint die erstere annähme von vornherein die wahr- 
scheinlichere, und MüUenhoffs schwanken hat offenbar nur darin 
seinen grund, dass er die OviaßovQyioi gleich Zeuss s. 123 nach 
einem orte namens Wisburg benannt dachte, also nicht gut fDr 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 133 

eiDOD grö88eren stamm halten konnte , eher für die abteilung 
eines solchen. Ihr name ist aber nichts anderes als germ. 
*ffes(u)burf/jöz *die in guten bürgen wohnenden' oder 'die gute 
bürgen besitzenden*. Die synkope in der compositionsfuge, der 
hier gewis auch die natur der folgenden laute günstig war, hat 
in Aovjtg)ovQ6ov, in dem inschriftlichen Mati'onennamen 5a//- 
chamims Saithamiabus und vor allem in dem völkerschaftsnamen 
I/ermunduri alte seitenstücke. Und Ovio- statt zu erwartendem 
Ovea- darf um so eher mit ahd. Wisu-ijn&r) verglichen werden, 
als Ptolemaeus auch schon ^Ivvoi, Velleius Paterculus Sigimerus 
schreibt. Aber idg. *uesu- 'gut', aind. väsu-, avest. vohu-, das 
von Tomaschek BB. 9, 93 in einem illyrischen eigeunamen Ves- 
cleves und von Kögel, Litteraturbl. 8, 108 in deutschen und 
keltischen namen nachgewiesen wurde, hat auch in letzteren 
in lat transscription die gestalt Vesu- und Visu-, was uns hier 
nicht befremdet, weil e im keltischen vielfach zu i hinüber- 
schwankt. Man könnte also die Schreibung OvioßovQyioi auch 
aus dem einflusse anklingender und verwanter keltischer namen 
auf die Orthographie des Ptolemaeus oder aus keltischer Ver- 
mittlung erklären. Und jedenfalls ist die vorgeschlagene än- 
derung eine so geringfügige, dass wir sie uns schon gestatten 
dürfen, vorausgesetzt dass sie sich sonst empfiehlt 

Im rücken der Baimen und Quadeir haben wir die Sidonen 
und Buren zu suchen. Letztere sind nach Ptolemaeus Lugier, 
eine angäbe, an deren richtigkeit wir nicht zweifeln dürfen. 
Ihr name könnte sie als die ausgewanderte junge mannschaft 
anderer stamme bezeichnet haben, denn Buri Bovqol ist — da 
es ein ahd. bür 'incola', das Zeuss s. 126 vergleicht, nicht gibt 
— sicherlich nichts anderes als got. haur, ags. byre, aisl. burr 
'filins'. Wahrscheinlich aber liegt im volksnamen nicht mehr 
diese ursprüngliche, sondern die bedeutung 'mann, held' vor, 
die leicht aus dem begri£f 'junger mann' hervorgeht. Man vgl. 
die bedeutungsentwicklung von mhd. degen, engl, thane, mhd. 
kneht, ags. cniht, ags. ma^o, nhd. junker, vor allem aber die 
von altgerm. baro (mit den nebenformen barro, boro, borro, auch 
barus) 'mann, held, königsdegen, halbfreier', mhd. bar 'mann' 
und ags. beom (ahd. bem in namen) 'held, fllrst'. Denn trotz 
Kögel, Zs. fda. 33, 22 bin ich geneigt, diese worte als wurzel- 
very?ant mit got. baur zu betrachten: jenes mhd. bar 'mann' 



134 XüCH 

^vim man. docb tihi mbd. b*jnr 'sohn* omi jcn» ag&. ^om ^beld' 
-Tvi« Ji: iermu 'kaabe (p6CCBidi> kacritt', fett, bemas 'kind' 
aicttt aramoi woOcii. — Wc^eck 9<^>rr9 koimte sragar die achra- 
Moe BaiQi^iu bei Dio Caan» a^rpruek asf beacktiiiig erbebeD : 
yigflcidit weiiC iie auf ^cmu ^Airr'Tr. dem em stamm ^brno- 
2a jnmde läg^ xnrlck. Dem ^ari. A^rpoc entsprickt dagegen 



Weaa PfenkflUMtia die oaaMa BoinfOi^ ^idcjn^i, Korvoi, 
Oiui^0iii^ioi in eine reihe unteranandenteUt so deutet das 
hodufieaa danmf hin. daas sie in seiner qaeUe im lasammen- 
kaag genannt waroi: deshalb sind wir aber nicht bemOssigt, 
flir die Boren wirklieh onterkunft im norden da- Sidonen sa 
soehen. Das» sie Ptolemaeua nnter das Jtoti^r^/for offo^ an- 
setzt and bis znr WeiehaelqiieUe reichen lisst, ist aber kaum 
gaax bedeotnngakw. Man wire also nicht abgeneigt, sie in den 
norden Ton Mlhren nnd nach oeterreichisch Schlesien sa stellen, 
nnd dies aoeh schon daninu weil sie dort mit den übrigen 
Logiem, Ton denen sie herstaaunen, noch in anmittelbarem 
znaammenhange stünden. MoUaihoff hat dagegen aus dem 
nmstande, dasa sie immer innerhalb des Karpathenlandes auf- 
treten, 'so schon znr zeit Trajans als bundesgenossen der Daken 
and später nicht anders', schliessen wollen, dass sie unterhalb 
des Jabinnkapasses in den tilem der oberen Wag ansässig 
waren. Dahin mögoi sie später in der tat rorgedmugen sein, 
wie denn die Vandalen überhaupt die Quaden umgehend gegen 
oad in die römische proTinz Dakien Torrückten, und wenn die 
rHdonen in der zeit nach Ptolemaeus und schon in der hier 
wider auf jüngere quellen zurückgehenden Germania des Ta- 
eitns nicht mehr genannt werden, so lässt sich das aus dem 
verloste ihrer Unabhängigkeit an die Buren oder ihrer Ver- 
drängung durch diese erkläreu. Wird doch den Buren selbst 
später durch die nachrückenden übrigen Vandalenstämme ein 
ähnliches Schicksal bereitet, da sie entweder in diesen auf- 
gegangen oder durch sie noch weiter nach osten geschoben 
worden sein müssen, und letzteres zu vermuten könnten uns die 
in gesellschaft der Goten, Karpen und Urugunden auftretenden 
BoQavol des Zosimus (2^uss s. 694 f) veranlassen, deren name 
zu Buri sich verbalten kann, wie got baurans zu baur. 

Für die Sidonen des Ptolemaeus bleibt dann, falls seine 



DIE SÜDMARK DER GERMANEN. 135 

Buren noch ins nördliche Mähren fallen, kein anderer platz 
übrig als der den Mttllenho£f den letzteren zuweist Und 
umgekehrt müssen die Buren des Ptolemaeus noch ausserhalb 
der Karpathen angesetzt werden, wenn von den Sidonen sich 
zeigen lässt, dass ihnen der platz unter dem Jablunkapass und 
weiter aufwärts an der Wag und Arwa gebührt. 

Müllenhoff sieht s. 325 in üldooveg einen landschaftlichen 
namen, der einen teil der Quaden, etwa die im heutigen Neu- 
traer comitat ansässigen, als die 'abwärts wohnenden' bezeichne, 
sei es nun im Verhältnisse zu den Buren oder zu den mährischen 
Quaden. Als beleg hiefür werden die namen der beiden 
schwestersöhne des Vannius, Vangio und Sido, angeführt, die 
beide von landschaftlicher und ethnischer bedeutung seien und 
von denen der erste auf die ebenen über der Donau deute. 
Warum aber nicht auf die rheinischen Vangionen, die sieger 
von Magetobriga, deren name doch den schwägern des Quaden 
Vannius sicherlich nicht unbekannt war, ist nicht einzusehen; 
ebensowenig, warum der name Sido nicht nach dem namen 
eines nachbarvolkcs gewählt sein soll, das vielleicht den Quaden 
befreundet und bei dem Verstoss gegen die Kelten mit ihm 
verbündet, dessen herscherhaus vielleicht mit dem quadischen 
verschwägert war. Waren beide namen wirklich ethnisch, was 
übrigens sehr fraglich ist, so ist sogar anzunehmen, dass sie 
nicht unter leuten aufgekommen sind, die alle selbst Sidonen 
oder Vangionen waren, weil sie sonst gar nicht charakterisiert 
hätten; ebensowenig wird der volksname Franke öder Sachse 
in Franken oder Sachsen selbst zu einem mannsnamen geworden 
sein. Aus jenen beiden quadischen namen und aus ihnen allein 
gerade auf einen Quadenstamm der Sidoties zu schliessen ist 
jedenfalls mehr als gewagt. 

Dazu kommt, dass von Strabo p. 306 Uidopsg als eine ab- 
teilung der Bastarnen genannt werden und dass auch Valerius 
Flaccus, Argon. 6, 95 an einer stelle, wo von Bastarnen die rede 
ist, den ausdruck Sidonicae habenae gebraucht; vgl. Müllenhoflf 
8. 105. Von diesen bastarnischen Sidonen wird man die Si- 
donen des Ptolemaeus umsoweniger trennen dürfen, als sich, 
wie wir s. 38 ff. bereits erkannt haben, unmittelbar über den Kar- 
pathen östlich von der Weichsel die übrigen Bastarnen an- 
schliessen. Und nun kann es auch keinem zweifei mehr unter- 



136 MUCH 

liegen, dass uns Ptolemaeus mit recht die Weichselquelle als 
die ostgrenze der Buren namhaft macht. Letztere mit Müllen- 
hoff weiter nach osten und die Sidonen unter sie zu stellen ist 
deshalb nicht gestattet, weil diesen dadurch der Zusammenhang 
mit den anderen Bastarnen abgeschnitten würde. Dass Tacitus 
die Sidonen nicht mehr nennt, braucht nicht notwendig darauf 
gedeutet werden, dass sie zu seiner zeit schon vom schau- 
platze verschwunden waren. Denn anschliessend an die Marko- 
mannen und Quaden schon von den Bastarnen zu sprechen 
verstiess gegen den ganzen plan seiner Germania, und in eine 
aufzfthlung einzelner bastainischer stamme sich einzulassen war 
wohl auch von anfang au nicht seine absieht. 

Wenn Sidanes ^die herabreichenden, abwärts wohnenden' be- 
deutete, so stünde das mit der Stellung, die wir ihnen einräumen, 
freilich in Widerspruch. Aber eine solche deutung eines ger- 
manischen namens ist ja von vornherein schon nichts weniger 
als ansprechend. Vielleicht ist Sfdones gar aus dem keltischen 
zu erklären ; wenigstens klingt daran der keltische mannsname 
Stdomus, der selbst ein einfacheres Stdo voraussetzt, auffallend 
an. Diesen vergleicht Zeuss-Ebel 6C. 20 mit altir. sid, siid 
'pax'. Sind also die Sidones 'die friedfertigen'? Ein keltischer 
name bei einem an die Kelten ursprünglich, ja an die keltischen 
Kotinen auch später noch angrenzenden stamme darf uns nicht 
wunder nehmen und wird nach dem s. 38 ff. vorgebrachten 
nicht mehr gegen das germanische Volkstum der Bastamen 
entscheiden können. Zudem könnte es sich bei jenem sid, so- 
fern es nur auf vorkeltisches *sJdh' zurückgeht, um ein Kelten 
und Germanen gemeinsames wort handeln, das den letzteren 
später verloren gieng. Sido und Vangio Hesse sich dann als 
'der friedfertige' und 'der schlimme' verstehen; mit beinamen 
haben wir es dabei ja sicherlich zu tun. 

WIEN im mai 1891. RUDOLF MUCH. 



DIE GERMANEN AM NIEDERRHEIN. 

Aus dem umstände das» bereits im 5. vorcbristlichen Jahr- 
hundert die Gherusken an der nordseite des Harzes stehen, war 
uns der schluss gestattet, dass zur selben zeit die Istvaeonen 
im nordwestlichen Deutschland gegen den Rhein hin ausgebreitet 
waren. Dass die Germanen diesen ström schon vor eintritt der 
lautverschiebung en*eicht hatten, liess sich aus dem Verhältnisse 
der namen Vacalus einerseits und Vahalis Waal andrerseits ent- 
nehmen. 

lieber die Stellung der einzelnen stamme in der nordwest- 
lichen ecke Germaniens reicht indes unsere kenntnis bisher 
nicht über die römische kaiserzeit zurttck. Vor Caesars auf- 
treten müssen aber die dinge dort noch ganz anders gelegen 
haben, weil damals noch die Usipeten und Tenktern irgendwo 
auf der rechten Rheinseite ein ihrer grossen volkszahl ent- 
sprechendes ausgedehntes gebiet inne hatten. Nach ihrer aus- 
wanderung musste dasselbe ganz oder teilweise ihren nachbarn 
zufallen; diese treten uns demnach zu der zeit, wo wir zuerst 
nachricht über sie erhalten, nicht mehr in ihrer ursprünglichen 
aufstellung entgegen. 

Damit ist der punkt gegeben, wo wir mit unserer Unter- 
suchung einzusetzen haben. Gelingt es uns, die herkunfc der 
Usipeten und Tenktern zu erkunden, so wissen wir zunächst, 
wo eine Verschiebung stattgefunden hat, und vielleicht lässt sich 
dann auch art und umfang derselben ermitteln. 

Aus Cäsars dürftigen angaben ist freilich nicht zu er- 
raten, woher die genannten stamme gekommen sind ; er hat es 
wohl auch selbst nicht gewusst. Wenn dagegen Müllenhoff s. 
301 bemerkt, dass vielleicht der name Vsipii oder Usipetes ver- 
rate, dass diese schon ehedem nachbarn der Gallier waren, so 
ist damit eine spur gefunden, die zum ziele führen kann. Dass 



138 MÜCH 

Mülleuhoff selbst ihr nicht weiter uachgieng und nicht bestimmter 
sich ausdrückte, bat wohl nur darin seinen grjund, dass ihm 
jener volksname zwar aus allgemeinen gründen keltisch zu sein 
schien (vgl. s. 230), ohne dass ihm indes eine bestimmte etymo- 
l(^gie vorschwebte. 

Der name, um den es sich handelt, ist in drei verschiedenen 
formen anzusetzen. Bei Caesar und an einer stelle, Ann. 1,51, 
bei Tacitus steht Csipetes] dazu gehört auch OvCutirat bei 
Dio Cassius 39, 47. 54, 20. 32 und bei Appian, Celt. 1, 18; Usipii 
begegnet uns bei Tacitus, Agr. 28 und Martialis 6, 60; Usipi endlich 
widerholt bei Tacitus; dazu stellt sich NovciJtot bei Strabo 
p. 292, wo das N aus dem voranstchenden BQovxxtQmv an- 
geschleift ist (s. J. Grimm GDS. 534), Ovoljtat bei Plutarch, 
Caesar 22 und OviOJtol bei Ptolemaeus 2, 11, 6, falls dies aus 
Ovoutoi umgestellt ist. 

Usipeies ist ohne zweifei ein consonantischer stamm, dessen 
nom. sing, im lateinischen als Usipes anzusetzen wäre. Unter 
diesen umständen ist es schon nicht geraten, ip- noch als ab- 
leitung zu betrachten; und damit entfällt eigentlich der grund, 
der Müllenhoff s. 230 veranlasst hat, das wort für keltisch zu 
halten. Doch auch wenn man dasselbe als zusammengesetzt, 
also als Us'ipetes, Us-ipii, Vs-ipi auffasst, so ist es aus dem ger- 
manischen nicht deutbar. Wir müssen also doch zum keltischen 
unsere Zuflucht nehmen. 

Ein Clement tis- ist gerade in gallischen Wörtern widerholt 
vertreten. So in Usuernum auf der Tab. Peut, üssubium (statt 
Usubium) im Itin. Ant., ovoovßlovp (herba lactago, lauriola Gallis) 
bei Dioscorides 4, 147, Ovaßiop (statt Ovoovßior) bei Ptole- 
maeus 2, 11, 15. Davon scheint der erste name eine Zusammen- 
setzung mit vemum, kymr.ffuern, sliw fem 'alnus' zn sein; vgl. 
den kymrischen Ortsnamen Peniigrvern, Glück s. 35. Die übrigen 
weisen auf ein abgeleitetes keltisches wort *usubio7i, das aus 
*uesvblon entstanden ist, wie schon daraus hervorgeht, dass 
derselbe ort, den das Itin. Ant* Üssubium nennt, in der Tab. 
Peut. als Vesubio vorkommt. Ebenso lautete der localname, 
von dem der keltische volksname der Vesubiani abgeleitet ist. 
Der gleiche Übergang von ue^ iii in u begegnet übrigens noch 
mehrfach im keltischen; so in Viielli neben Venelli, übisci neben 
Vibisci, überi neben Viberi, Urbigenus neben Verbigenus, Die 



DIE GERMANEN AM NIEDERRHEIN. 139 

ableituQg in *Usublon, *Uesubion ist dieselbe wie in Mandubü, 
Esubii, Vidt^iim, OvsQovßlovfi (axQOv): 8. Glflck s. 91; und wie 
diesen bildungen durchaus u-stämnie zu gründe liegen — vgl. 
die Zusammensetzungen Afandu-bratius, Esu-nerius, Vidu-casses, 
VerU'Cloetm — so ist auch aus jenen ein stamm ^usu-^ ^iienir 
zu erschliessen, der nichts anderes ist als das idg. *uesu 'gut', 
das wir bereits im germanischen volksnamen der OvtößovQyioi 
kennen gelernt haben; s. oben s. 133. Vor vocalischem anlaut 
des zweiten gliedes tritt in der Zusammensetzung natttrlich früh- 
zeitig Synkope ein. Den zweiten teil des namens Usipi wird 
man unbedenklich mit epo- (nom. sing. *epos) gleichsetzen dürfen, 
d. i. mit der gallischen entsprechung zu urkelt. *ekuos, idg. *ekuos 
'pferd', da die Vertretung von idg. e durch l oder wechselnd e 
und / in keltischen worten eine ganz gewöhnliche erscheinung 
ist (s. Glück s. 90. Zeuss-Ebel 6G. 100 ff. Windisch in Gröbers 
Grundr. 1, 304), die sich durch eine fülle von beispielen be- 
legen lässt. -ipetes in Us-ipetes ist dann genau dasselbe wie 
lat. equites, nur dass letzteres, das ursprünglich equeies geheissen 
haben muss, an composita wie com-i-t-es angeglichen ist: s. 
Brugmann, Grundr. 2, 369 ; etwas ferner steht griech. ijtjtöra. 
'ipii endlich in Us-ipü ist dasselbe wie griech. ütmog; auch als 
keltischer eigenname ist *Epios zu erschliessen aus dem britan- 
nischen Städtenamen "EJjtiaxop bei Ptolemaeus 2, 3, 10: s. Glück 
s. 42. Us^ipetes, Usipii, Usipi entspricht also urgallischem *lJes(uy 
epetes, *Ues{u)epioi, *Ues{u)epoi, urkeltischem *Ues{u)ekueies, 
*Ues{u)ekuioi, *Ues{u)ekuoi; zu der letzteren form vgl. man be- 
sonders griech. evutJtoq und den vandalischen namen Wistmar, 
das wäre wulfilanisch got. *fVimmarhs. Die bedeutnng von 
Usipetes ist -' die guten reiter' oder 'die wohlberittenen*; Vdpii, 
Usipi kann dasselbe, mindestens aber das letztere bedeuten. 
Auf die germanisch benannten OviaßovQyioi, die 'gute bürgen 
besitzenden oder bewohnenden' ist als auf ein seitenstOck schon 
hingewiesen worden. 

Dass wir es hier mit einer durchaus zutreffenden bezeich- 
nung zu tun haben, geht aus dem hervor, was Tacitus, Germ. 
32 berichtet. Proximi Chattis — heisst es dort — certtun iam 
alveo Rhenum quique ierminus esse sufficiat Usipi ac Tencteri 
colunt. Tencteri super solitum bellorum dectis equesiris discipli- 
nae arte praecelltmt, nee maior apud Chaitos peditum laus quam 



140 Mucn 

Tencteris cquiltun . Sic bislUuere maiores; posier i imiUmlur . Hi 
liwis infantium, haec iuvenum aemiUatio ; perseverant senes . ItUcr 
famUiani etpenales et iura successionum equi traduntur: excipUfilitis 
non ut cetera mcutimus natu, sed prout ferox hello et melior. Natür- 
lich gilt all das auch von den Usipeten, deren namen Tacitus 
nur der kttrze halber nicht widerholt. Ihre tflchtigkeit im reiter- 
kämpf zeigten beide Völker auch als sie Caesar gegenüber- 
standen und 800 von ihnen 5000 römische reiter schlugen und 
in schmählicher flucht vor sich hei-trieben: s. B6. 4,12. 

Dass der name der Usipeten, wie sich eben herausgestellt 
hat, keltisch ist, zwingt uns dazu, ihre alten sitze, aus denen 
sie im jähre 59 auswanderten, unmittelbar an der grenze der 
Kelten und Germanen zu suchen. Diese ist aber zu Caesars 
zeit und o£fenbar schon länger durch andere stamme fast ganz 
besetzt; den Rhein abwärts folgen auf die Markomannen die 
Ubier, auf diese die Sugambern; auch die Bataver im Rhein- 
delta sind Caesar (B6. 4, 10) bereits bekannt. Lediglich zwischen 
den beiden zuletzt genannten stammen ist noch eine lücke offen, 
und einzig dort sind also die Usipeten anzusetzen. Dass sie 
dort nicht unmittelbare nachbarn der Sveben waren, steht mit 
Caesars mitteilung, dass sie von diesen vertrieben worden seien 
(B6. 4, 4. 7), nicht in Widerspruch, sondern beweist nur, dass 
die Sveben über ihre nachbarvölker damals eine vorherschaft 
ausübten und über mobilere auch ferner wohnende eine solche 
anstrebten. Zu ersteren werden wir jetzt mit grösserer Zuver- 
sicht als oben s. 24 die Chatten rechnen. Zu letzteren gehörten 
die Usipeten und Tenktern, die sich der abhängigkeit durch 
auswanderung zu entziehen trachteten. Dass diese nicht sofort 
nach Gallien sich bewegte, hat wohl darin seinen grund, dass 
im jähre 59 im eigentlichen Gallien Ariovist massgebend war, 
vor dessen macht die beiden stamme sich ebenso hätten beugen 
müssen, wie daheim vor der der Sveben. Auf kosten der da- 
mals noch ungeschwächten kriegstüchtigon Beigen aber war 
schwer etwas auszurichten. Wo sie sich während der ersten 
drei jähre nach ihrer auswanderung in Germanien aufhielten, 
und wo sie sich niederzulassen dachten oder schon nieder- 
gelassen hatten, ist schwer zu sagen. Vielleicht waren die 
lücken damals noch nicht ganz geschlossen, welche der auszug 
der Kimbern und Ambronen hinterlassen hatte. Dass sie aber 



DIE GERMANEN AM NIEDERRIIEIK. 141 

nach drei jähren an den Rhein zurückkehrten und nun doch nach 
Gallien übersetzten, ist offenbar durch die veränderte läge der 
dinge in diesem lande verursacht. Caesar erzählt B6. 4, 6, dass 
bei den Usipeten und Tenktern, die soeben den Rhein über- 
schritten hatten, gesante gallischer Staaten erschienen, um sie 
zu weiterem vormarsche aufzumuntern und ihnen für diesen 
fall alle mögliche Vorschubleistung zuzusagen ; man wollte sich 
also der Germanen gegen Caesar und die Römer bedienen, 
deren gefährliche herschaftsgelüste man bereits durchschaut 
hatte. Solche gallische abordnungen mochten aber schon zu 
ihnen gekommen sein, als sie noch in Germanien standen. 
Mindestens werden sie von den zu ihren gunsten veränderten 
Verhältnissen Galliens erfahren haben und dadurch zu ihrem 
einfall in dieses land veranlasst worden sein. 

Und nun wird sich auch die rätselhafte tatsache leicht 
erklären lassen, dass zu der zeit, wo Usipeten und Tenktem 
den Rhein überschritten, also im herbste des Jahres 56 (s. Caesar 
BG. 4, 15), an der stelle ihres Überganges nach BG. 4,4 die kel- 
tischen Menapier auch auf der rechten seite des Stromes einen "^ 
streifen landes innehatten. Es war dies offenbar ein teil des 
alten Usipetenlandes, den die Menapier erst nach dem jähre 
59, nach der auswanderung seiner ursprünglichen besitzer, als 
herrenloses gut sich angeeignet hatten und wohl nur deshalb 
eine zeit lang halten konnten, weil auch das hinterland damals 
noch brach lag. Dass von alters her Menapier am rechten 
Rheinufer sesshaft gewesen sind und einen landstrich mitten 
unter den Germanen behauptet haben, ist ganz undenkbar, v 
weil auch die gesammtheit der Menapier (die nach Caesar BG. 
2, 4 am aufgebet der Beigen mit nur 7000 mann sich beteiligen), 
geschweige denn jener Uberrheinische teil derselben, keinem 
der germanischen nachbarstämme gewachsen war, der nächste 
krieg also ihren besitz in Germanien ihnen hätte entreissen 
müssen. Nur wenn auch die germanischen stamme in der Um- 
gebung eben erst eingerückt wären, Hesse sich ein politisch 
selbständiger rest der alten keltischen bevölkerung neben ihnen 
begreifen, nicht aber konnte ein solcher durch Jahrhunderte 
fortbestehen. 

Dass übrigens die Lippe, die später nach Dio Cassius 54, 33 
(s. Zeuss s. 84) die nach ihrem verunglückten auswanderungs- 



142 MUCH 

versuch DeuaDgesiedelteD reste der Usipeten vod den Sugambem 
trcDDte, auch vor dem jähre 59 schon die nordgrenze der letz- 
teren bildete, lässt sich bezweifeln. Möglich ist es ja, dass 
auch dieser stamm ein stQck des nachbarlandes sich zu der 
zeit zulegte, wo es von seinen alten bewohnem verlassen war. 
Wollte man aber den Usipeten auch noch einen strich im sQden 
der Lippe zuweisen, so ist damit noch immer kein unterkommen 
fttr die Tenktem gefunden; und fflr beide stamme zusammen, 
fttr ein volk von 430000 köpfen (s. Caesar B6. 4,15), ist so 
leicht nicht räum geschafft. 

Kommen die Usipeten, wie es ihr name verlangt, unmittelbar 
an die Keltengrenze, also an den Rhein, zu stehen, so sind die 
Tenktern, die doch schon vor der auswanderung ihre nachbam 
gewesen sein werden, weiter landeinwärts in ihrem rQcken zu 
denken, also an der seite der Bruktem und auf einem boden, 
der später der hauptsache nach eben diesen zufiel. Wahr- 
scheinlich hat sich die sQdwestliche kleinere abteilung dieses 
Stammes, die Bqovxtbqoi iXXaTTOveg (Strabo p. 291) oder fiixQol 
(Ptolemaeus 2, 11,6) erst aus brukterisehen ansiedlem auf alt- 
tenkterischem boden herausgebildet. Dass wir aber die ur- 
sprQnglichen sitze der Tenktern neben denen der Bruktem zu 
suchen haben, lässt sich schon aus den namen selbst folgern, 
und bestätigt damit zugleich, dass auch die Usipeten dorthin 
gehören, wohin wir sie bereits aus anderen grQnden gestellt 
haben. 

J. Grimms versuch (6DS. 532 f.), die namen Tencteri und 
Bructeri als Zusammensetzungen mit 'beer' gleich den Personen- 
namen auf ahd. heri, got. harjis zu erklären, war schon zu 
seiner zeit nicht gut zu rechtfertigen. Aber auch die möglichkeit 
einer anderen Zusammensetzung erscheint hier ausgeschlossen, 
so dass einzig mit Zeuss s. 89. 92 an ableitungen gedacht werden 
kann. Es ist nur die frage ob Bruct-eri, Tenct-eri oder ob 
Bruc'teri, Tenc-teri abzuteilen ist. Ist letzteres der fall, so haben 
wir es dann wohl mit ursprünglichen /r-stämmen zu tun, als 
deren reste im germanischen im übrigen — ausser den ver- 
wantschaftsnamen — vielleicht mit Kluge, Nom. stammbild. 
§ 30 ags. ealdor, bealdor, aisl. baidr zu betrachten sind; und 
wie in diesen fällen, sofeme sie hierher gehören, wäre auch in 
den beiden volksnamen bereits Obertritt zu vocalischer declination 



DIE QEKMANEN AM NIEDERRHEIK. 143 

erfolgt Besser aber wird man ßruct-eri, Tenct-eri abteilen und 
an adjectivische ro-ableitangen denken. Der mittelvocal e beim 
ro-RufGx, der ausserhalb des germanischen^ zumal im griechischen 
recht oft beobachtet wird, ist im germanischen selbst freilich 
nur noch in etlichen wenigen spuren wie ahd. weigir neben 
weigar und ags. stdger 'steil' vertreten (s. Kluge, Nom. stamm- 
bild. § 196), wird aber in älteren Sprachperioden häufiger ge- 
wesen sein. Sicher ohne ihn sind die alts. eigennamen Borhter, 
der gauname Borahtra und Ortsname Borähiride (s. Zeuss s. 92. 
352) gebildet, und auch das Burcturi der Tab. Peut. weist kaum 
auf vorgerm. ^Bhrkiro- zurück, dürfte vielmehr vor dem r der j 
ableitung jüngeren secundärvocal entwickelt haben. Wir sind 
daher genötigt, anzunehmen, dass nach analogie der zahlreichen 
germ. ro- (ra-) ableitungen ohne mittelvocal vereinsamtes *Bruh' 
ieröz, *Tenhteröz frühzeitig durch *Bruhtröz,*Tenhtrdz verdrängt 
wurde, es sei denn, dass wir den einschub des e der antiken 
Umschrift zuschreiben wollen, also von vornherein die formen 
germ. *Bruhiröz, *Tenhiröz zu recht bestehen lassen. Auf jeden 
fall haben wir es mit ganz eigentümlichen Wortbildungen zu 
tun, zumal wegen des der ableitung vorausgehenden /; wir 
dürfen darum mit Sicherheit voraussetzen, dass die beiden volks- 
namen nicht unabhängig von einander entstanden sind, sondern 
zu einander in beziehung stehen. 

Was den Wechsel von ru und ur in dem gewohnlichen 
Bructeri einerseits und in Burcturi, Borhter, Borahtra, Borah- 
tride andrerseits betrifft, so bietet derselbe keine Schwierigkeit; 
man vgl. das s. 43 über ^QovyovvdlcovsQ bemerkte. Aus der 
annähme Kluges in Pauls Grundr. 1,352, dass ur in derartigen 
fällen die lautgesetzlich entwickelte form sei, wogegen die Um- 
stellung in ru auf analogie von mittel- und hochstufe derselben \j 
Wurzel beruhe und deshalb besonders im ablautsystem der verba 
vertreten sei, würde sieh die form Bructeri erklären lassen, 
falls man den namen mit brechen, got. brikan brak brikum 
brukans zusammenbringt. An die ursprüngliche sinnliche be- 
deutung dieses wertes wird im volksnamen nicht zu denken sein. 
So wie in nhd. Verbrecher oder mhd. ordenbreche, vridebreche, 
ags. rvitierbreca, lat. frangere fidem, foedus, in got. brak ja 'kämpf 
in md. bruch bei Jeroschin 65°. 141^ 'wortbrüchigkeit, untreue' 
mhd. brilchic auch 'wort-, treubrüchig' (Lexer MW. 362) oder 



be- I 
)in. I 



/ 



1 



144 MÜCH 

in uDserem mit jemandem brechen überall eine übertragene be- 
deutung vorliegt, darf man eine solche auch im namen Bruc- 
teri voraussetzen. Aber, als ro- ableitung gefasst, ist dieser 
offenbar nicht ganz unmittelbar zu brechen zu stellen, setzt viel- 
mehr bereits ein an die einfache wurzel angetretenes suffixales 
/ voraus und steht also wohl mit ahd. braht, mhd. braht, alts. 
braht Märm', davon abgeleitetem brahten brehten ^\^vmtii\ alts. 
brahtum 'lärm, lärmende menget ags. breahtm 'lärm' und vor 
allem mit ahd. uuidarpruht 'obstinatio, repugnantia', uuidhar- 
bruhiic 'rebellis' (Graff 3, 270 f.), mhd. rviderbruht stf. 'Wider- 
setzlichkeit, trotz', rviderbruht, widerbrühtic 'widersetzlich, un- 
gehorsam' in näherer verwantschaft. Braht verhält sich in 
seiner bedeutung zu brechen wie lat fragor zu fraa\gere\ s. 
Schade AW.^82. Der begriff 'lärm' kann aber leicht in den 
von 'aufruhr' übergehen, wofür itaL rumore ein beispiel 
ist; aus dem begriffe 'aufruhr' hinwiderum kann sich der 
der 'Widersetzlichkeit' entwickeln. Auch einfaches brüht 'wider- 
stand' bei Frauenlob und brühtic bei J. Grimm, Weistümer 4,25 
(Lexer MW. 1, 365) im sinne von rviderbruht und widerbrühtic 
wird darum kaum erst aus diesem abgespalten sein, auch wenn 
man für brüht als gr und bedeutung die von braht voraussetzt 
und nicht vielmehr an eine andere von brechen ausgehende 
selbständige bedeutungsentwicklung denkt. Die Bructeri scheinen 
mir darnach die 'aufrührerischen' oder 'die wideraetzlichen, ab- 
trünnigen' zu sein. 

Dass in Tencteri das anlautende T für Th geschrieben ist, 
also germ. p vertritt, ist nicht wahrscheinlich, da der name in 
verschiedenen von einander unabhängigen quellen, aber niemals 
mit Th im anlaut vorkommt. Caesar vor allen hätte germ. p 
sicher durch th widergegeben, wenn er selbst die ihm fremde 
consonantengruppe germ. ht durch chth, das ist die ihm aus dem 
griechischen geläufige lautverbindung x^, bezeichnet, also Tench- 
theri schreibt, wodurch wir wenigstens eine gewähr dafür be- 
sitzen, dass wir es mit einem germanischen, nicht mit einem 
keltischen namen zu tun haben. Ueber Tencteri bei Tacitus 
und TsyxrrjQol bei Dio Cassius ist weiter nichts zu . bemerken. 
In TivxBQOi bei Ptolemaeus und Tayxgiai Tar/xctQ^cn bei Ap- 
pian, Gall. 4, 18 ist das inlautende t zum zwecke bequemerer 
ausspräche beseitigt Das a des Stammes in Tcc/xQ^cn Tayx^ifi^^ 



DIE GERMANEN AM NIEDEKKHEIN. 145 

ist aber kaum aus einem Verderbnis zu erklären, wird vielmehr 
als ein beleg für eine anders abgestufte nebenform des ger- 
manischen namens selbst aufzufassen sein. Gänzlich abzuweisen 
ist natürlich J. Grimms versuch (GDS. 532), Tencteri unmittelbar 
mit aisl. tengbr Werwantschaftlich verbunden, verschwägert' 
iengbir stf. pl. Werwantschaftliche Verbindung, schwägerschaft' 
tengtiafatiir 'Schwiegervater', tengtiamdtiir 'Schwiegermutter', 
tengtiasysiir 'halbsch wester', iengöamenn 'verwante' zusammen- 
zubringen. Denn aisL tengör ist part zu tengja und hätte 
germ. zweifellos gatangidaz gelautet. Auch ahd. Zenhtheri, Zanh- 
theri, das J. Grimm a. a. o. ansetzt, ist ebenso wie ein ahd. adj. 
zenht bei Zeuss s. S9 lautgesetzlich unmöglich. Die Tencteri 
würden got. *Teihtrds, aisl. *Tet{t)rar, alts. *T%htrös, ags. ♦TKä- 
tras, ahd. *Z%htra, nhd. die *Zeichtern heissen. Mittelbar wird 
der name mit jenem iengtir allerdings zusammengehören. Denn 
aisl. tengja setzt ein adj. germ. ^tangjaz voraus, dasselbe das 
uns in ags. getenge 'nahe befindlich, verwant' und alts. hitengi 
'verbunden, drückend' erhalten ist und in zäh, ahd. zähl, ags. 
töh einen nächsten verwanten besitzt Neben germ. tanh tang 
kann es aber sehr gut noch eine andere abstufung derselben 
Wurzel gegeben haben. Und eine solche, vermehrt um ab- 
leitendes to-, scheint im englischen tight, mengl. tiht fortzu- 
leben, das, wenn es nicht aus germ. *tenhtaz hervorgegangen, 
sondern dasselbe wort wäre wie unser dicht (aus *penhtaz: 
Kluge EW. 4 53), *thight, *ihiht lauten mUsste. Wenn uns im 
mengl. wirklich auch noch thiht, in neueugl. mundart heute 
noch thihte begegnet, so ist das in der tat entsprechung zu 
unserem dicht, hat sich aber im kämpf ums dasein mit dem 
formell ähnlichen und gleichbedeutenden, aber unverwanten ttht, 
soweit es sich um das scbriftenglische handelt, nicht behaupten 
können. Wäre engl, tight aus dem skandinavischen entlehnt, 
wie man gemeiniglich annimmt, so wäre entweder sein anlaut 
oder sein vocal unerklärlich, da im nordischen zu einer zeit 
da ht noch bestand hatte, nirgends p bereits zur tenuis ge- 
worden war. Neben engl, tight kennt übrigens die engl, see- 
mannsspraehe auch noch ein gleichbedeutendes taut, das, viel- 
leicht auf ^lanhtaz zurückgebt und in diesem falle die Schreibung 
des Volksnamens mit a statt des gewöhnlichen e als berechtigte 
nebenform bestätigen würde. Germ, tanh sammt seinen neben- 

Beiträge cur ge^hichte der deutschen ipraohe. XVII. |0 



1 46 Mücn 

formen enthält den begriff des festen Zusammenhaltens. ^Tenh- 
i{e)röz mag also leicht 'die treuen' oder etwas ähnliches be- 
deutet haben. Der gegensatz, der in den namen Bructeri, Teno- 
ieri zum ausdrucke kommt, hat offenbar in ereignissen seinen 
grund, die sich noch im dunkel der vorzeit abspielten. Bei 
ihrem eintritt in die geschichte und später stehen die Tenktem 
in einem engen bundesverhältnis zu den Usipeten, so dass sich 
die Vermutung aufdrängt, dass von diesen die namengebung 
ausgegangen sei. Demselben bunde mttssten dann einmal auch 
die Bruktern angehört, diesen namen aber erst nach ihrem ab- 
fall von ihm empfangen haben. 

Auch die reste der Usipeten und Tenktern, die von der 
katastrophe im jähre 55 v. Ch. übrig geblieben waren und nicht 
einmal gering an zahl gewesen sein können, weil sie schon dem 
Drusus wider als selbständige Völker entgegentreten, haben zu- 
nächst einen teil ihrer alten sitze inne. Die ersteren stehen 
näher am Rheine, weiter landeinwäi*ts die anderen nach Florus 
4, 12: Drusus primos domuit Usipetes, inde Tencteros percurrit 
ei Caltos; vgl. Zeuss s. 89. Von den Sugambern sind die Usi- 
peten jetzt durch die Lippe getrennt nach Dio Cassius 54, 33 : 
/iQOvoog .... Tov re Pfjrov IjregaKDd?] xal rovg OvOixixa^ 
xaTeöTQty)aTO * rov re Aovjtlav e^ei^^e xai lg rrjv tqjv J^vydfi- 

ßQcov jtQOhxcoQf}OBv \ v^l. Zcuss s. 84. Dass nach der 

Übersiedelung der letzteren auf das linke Rheinufer deren land 
im Süden von den Tenktem, weiter nördlich von den Usipeten 
und hinter diesen im osten von den Tubanten besetzt wurde, 
ist 8. 88 ff. gezeigt worden, ebenso dass von einer weiteren süd- 
wanderung dieser drei Völker keine rede sein kann. Nun erst 
hatten die Bruktern völlig freien Spielraum, sich die Lippe ab- 
wärts an deren rechtem ufer vorzuschieben, bis sie mit den 
von Westen vordringenden Chamavern zusammentrafen, mit 
denen sie nachmals in einen verhängnisvollen streit geraten 
sollten. Vorübergehend, ehe sie hinter den Usipiern Stellung 
nehmen, treten die Tubanten am Rheinufer nördlich von der 
Lippe in den nachmaligen agri vacui ei müitum usui sepositi 
auf, in denen nach Tacitus, Ann. 13, 54 nach einander Cha- 
maver, Tubanten und Usipier gewohnt haben sollen, wobei aber 
die namen in der umgekehrten reihenfolge mitgeteilt werden. 

Wo wir die Tubanten vor dem jähre 55 suchen müssen^ 



DIE GERMANEN AM NIEDERRUEIN. 147 

wird auch nicht schwer zu entscheiden sein. Nicht anderswo 
nämlich als in TweiUe. Denn wenn auch beide namen nicht 
unmittelbar zusammengehören, wie J. Grimm 6DS. 593 noch 
meinte, so treffen sie doch in ihrer bedeutung zusammen. 
Twente, ein name, für den wir jetzt durch das cives Tvihanii 
auf den Tbingsussteinen belege aus dem beginne des 3. Jahr- 
hunderts besitzen, bedeutet (wenn auch der zweite teil des 
wertes noch etymologisch dunkel ist) sicher ein aus zwei gauen. 
bestehendes land, sowie das benachbarte Drenlhe, im 9. jh. 
Thrianta (Förstemann DN. 2 ^, 48u), eine landschaft von drei 
gauen. Die Tuhantes andrerseits sind *die an zwei banten woh- 
nenden', gerade wie die Bucinohantes ^die im buchenbant hei- 
mischen': s. J. Grimm CDS. 593 f. Wie Tu- zu erklären ist,) 
da man doch Tvi- erwarten sollte, ist freilich fraglich. Zu ver- 
gleichen ist nhd. zvber zoher, mhd. zuher zoher, ahd. zubar neben 
zwibar öltfQoq, aisl. tutiugu 'zwanzig', aber auch lat. du-plus, 
dU'plex, du-centi, umbr. du-pursus 'bipedibus', formen, die 
Brugmann, Grundr. 2,46Sf. nicht ganz befriedigend aus der ein-| 
Wirkung von quadru- zu erklären sucht. 

Die Frisen dürften in der zeit vor Caesar die Vecht und 
die Yssel noch nirgends überschritten haben, denn auch in der 
Veluwe, wo nachmals die Frisii minores oder Frisiavones stehen, 
ist dazumal noch nicht platz für sie, weil wir dahin die später 
ganz in das verlassene Usipierland übergetretenen Chamaver 
stellen müssen. Dazu veranlasst uns, abgesehen davon, dass 
eine andere wähl kaum übrig bleil^t, auch der name Chamavi 
selbst, der sich am besten erklärt, wenn die träger des- 
selben ursprünglich nachbarn der Batavi waren, also ihnen 
gegenüber auf der rechten Rheinseite sassen. Wir haben es 
hier wider mit einem ähnlichen namenpar zu tun wie bei den 
Tenktern und Bruktern. Das suffix ist auch wider ein ganz 
ungewöhnliches, ja es ist, von volksnamen abgesehen, im ger- 
manischen Wortschatz in genau derselben gestalt überhaupt 
nicht nachweisbar. Im keltischen begegnet es dagegen sehr 
häufig: s. Zeuss-Ebel GC. 783; doch beweist der anlaut von i 
Chamavi zur genüge, dass hier nicht etwa ein keltischer name 
vorliegt. Dass das a der ableitung kurz ist, obwohl es etliche 
mal von dichtem auch als länge verwendet wird, folgt schon 
daraus, dass das germanische zu beginn der römerzeit ein 

10* 



148 MüCH 

langes a überhaupt nicht kannte. Seinen ausgang scheint das 
Suffix Ton alten nebenformen von t< -stammen wie griech. ra- 
va(/)6q neben rar-v-, lat grav-i-s neben aind. a-gr-u, aind. 
prthiV'i neben prth-ü- (s. Brugmann, Orundr. 2, 293) genommen 
zu haben. Aus dem keltischen vergleiche man bildungen wie 
air. tana, körn, tanotv, bret. ianav 'dünn\ akymr. genau, körn. 
genau 'mund', gall. Genava und air. giun (aus *genus = griech. 
jivvq)j gall. Litavia und Litu-gena (= aind. prthivt und 
prthü). 
\, Die Wurzel in Batavi hat Zeuss s. 100 als dieselbe wie in 

got. batiza und hatnan erkannt; s. über diese Kluge EW. ^27. 
Von eigennamen gehört hierher der Bat-wins des gotischen 
kalenders und wahrscheinlich Baza, Batzas (Wrede, Spr. d. 
Ostg. 121, 7). Die Batavi, germ. *Baiawöz, sind also die 'tüch- 
tigen, trefflichen'. Ganz dasselbe bedeutet der gallische volks- 
name Vellavü oder Vellavi, dem kymr. gwell 'melior' zur seite 
steht: s. Glück s. 164 f. Da wohl auch Übertragung des Suffixes 
-aw' auf andere als ursprüngliche u-stämme stattgefunden hat, 
ist natürlich der schluss auf ein der form Haiawaz paralleles 
Haiuz als positiv zu got. batiza kein zwingender. Jener name 
Baza indessen, der als zuname überliefert ist — auch Batzas 
kann ein solcher gewesen sein — , erklärt sich am besten als 
got. Hatja 'der treffliche', was zu *batus die regelrechte schwache 
form wäre wie hardja die zu hardus. 

Mit grösserer Sicherheit noch lässt sich ein t<-stamm *^a- 
muz neben Chamavus, ^hamcLwaz erschliesscn. Das Zeitwert 
hemmen, mhd. hemmen, harnen, aisl. hemja 'aufhalten, hindern, 
hemmen', das durch ein daraus gebildetes nom. ag., den matronen- 
namen Sait-chamiae Sait-hamiae, auch für das urgerm. belegt 
ist (s. Zs. fda. 35, 315 ff.), ist, wie man vermuten darf, von 
einem adjectiv abgeleitet, gerade wie es bei got. marzjan, mhd. 
merren oder bei mhd. merwe^i der fall ist. Wenn im schwäbisch- 
bairischen hemmen die bedeutung hat 'weidende pferde an- 
binden', so erinnert dies ganz an mhd. merren und merwen im 
sinne von 'anbinden, anschirren'. Dies führt uns schon auf die 
Vermutung, dass Chamavi und Marsi, Marsigni, Magovlvyoi Sy- 
nonyma sind. Hemmen, germ. *hamjana{n), heisst ursprünglich 
jedenfalls 'bewirken, dass etwas kraftlos, unbeweglich' ist Und 
setzen wir das zu gründe liegende adjectiv als *hamuz an, so 



DIE GERMANEN AM XIEDERKHKIN 149 

lässt sich aus dieser gmndform die gemiDation in ahd. harn 
hammer Mahm, gichtbrfichig' geradeso erklären wie in mami, 
dünn (aisl. unumgelautet punnr) oder got kinnus (vgl. Kluge in 
Pauls Grundr. 1, 335), wogegen im verbum und in ahd. hamal 
'verstümmelt, hammel', altdän. kam 'hammel', ebenso in den 
hierhergehörenden altisländischen eigennamen Hamr, Hemingr, 
Hamall der einfache laut vorliegt. Für Hamaland findet sich 
gelegentlich Hammoland geschrieben ; auch Hamuland (s. Förste- 
mann DN. 2 ^, 393), worauf man indes nicht so viel gewicht 
legen wird. Bedeutungsvoller ist, dass neben Chamavi eine form | 
Ilamii fllr den volksnamen vorausgesetzt werden muss, die 
geradeso zu einem nom. sing. *Namuz^ gehören kann, wie im 
gotischen der plur. hardjai zu hardus. Denn nach wem sonst 
als Ghamavern soll die nach dem Zeugnisse mehrerer Inschriften 

(CIL. 7,748. 758. 774. 1110. 1195; vgl. 750: Dee Hammi ) 

in Britannien stehende cohors I Uamiorum (sagittariorum) und 
die nach CIL. 8, 10654 in Afrika verwendete coh. II Amiorum 
benannt sein ? Dass der name hier einmal ohne das anlautende 
H geschrieben wird, hat keine bedeutung den 5 oder 6 fällen 
gegenüber, in denen er mit H belegt ist. Auch die rätselhaften 
Xatfiai, die Ptolemaeus 2, 11,9 unter den BQovxrtQoi ol (iti- 
^ovg anführt, von Müller, Ptolemaeus 259 f. bereits für die 
Chamaver erklärt, werden nun um so unbedenklicher für diese 
genommen werden dürfen, als von *Xdfiioi oder *Xa(iiai aus sehr 
leicht angleichung an -xaT/iai in Tivgioxalfiai, Bai{v)oxc(Tfiai 
möglich war. Ihre Stellung aber stimmt zu der Vorstellung des 
Tacitus von der ausbreitung der Chamaver auf kosten der 
Bruktern und ebenso dazu, dass die Ka/iavol an einer anderen 
stelle bei Ptolemaeus (2, U, 10) mit den Xaigovoxol zusammen 
genannt werden. '^ 

Freilich begegnet auch im namen der Frisiavones Frisiavi 
Frisavi (so auf einem matronensteine ? s. M. Ihm, Der mütter- 
oder matronenkultus, Bonn, jahrbb. h. 83 n. 329) dasselbe ab- 
leitende element -aw-. Aber wenn diesem stamme, den Frisii 
minores des Tacitus, die Frisii maiores oder Frisii Frisiones 
schlechtweg gegenüberstehen, so sind diese einfacheren zweifellos 
die älteren namen, und Frisiavones Frisiavi (Frisavi) wohl erst 
nach dem vorbilde von Batavi, Chamavi gebildet, um die in die 



150 MUCU 

Dachbarschaft dieser stamme eingetretene abteilung der Friesen 
von den Altfriesen zu unterscheiden. 

Der sinn des Friesennamens ist durch die von J. Grimm 
Gr. 1, 3, 4Ö8 gegebene (GDS. 669 aber wider verworfene) er- 
klärung bereits getroffen worden. Wenn Zeuss s. 136 und 
neuerdings Siebs in Pauls Grund r. 1, 723 ihn aus der in got. 
fraisan erhaltenen Wurzel herleiten, so ist das schon darum be- 
denklich, weil diese sonst in keiner abgeläuteten form vertreten 
ist. Siebs' Übersetzung von Frisan- Frisjan- durch *der in ge- 
fahr schwebende' ist übrigens, auch wenn man Zusammenhang 
mit fraisan voraussetzen wollte, nicht besonders einleuchtend, 
und ein volksname dieses sinnes, der auf die gefahren der see 
hinweisen soll, passt nicht gut zu den übrigen auf persönliche 
kennzeiohnung abzielenden germanischen volksnamen. Durch 
Sturmfluten gefährdet waren zudem auch die Ghauken und eine 
ganze reihe anderer stamme. 

Im zusammenhält mit unserem aus franz. frise rückent- 
lehnten fries und seiner sippe erklärt sich dagegen der volks- 
name ganz einfach. Frisii und Frisiones sind offenbar aus der 
starken und schwachen form eines adj. V'*^^/^^ 'kraus' hervor- 
gegangen, von dem es allerdings sehr zweifelhaft ist, ob es 
auch im ags. frysan wife Gn. Ex. 96 noch vorliegt. Für die 
länge des stammvocales sprechen ^Qsioioi bei Dio Cassius, 
aisl. Frisar und ags. Fnjsan Frisan (s. Sievers, Beitr. 10, 272. 
500); neben Ffis- ist aber wegen ags. Frisan, ahd. Frieson, mhd. 
und mndl. Vriesen eine nebenform Fres- anzusetzen, die sich 
dazu verhält wie beispielsweise ahd. zeri zu alts. Ar, ags. tir, 
aisl. tirr oder ahd. wera wiara zu ags. wir, aisl. virr. Dass 
daneben die fries. formen des volksnamens noch eine ablaut- 
stufe frtS' erweisen, scheint mir nicht wahrscheinlich ; jedenfalls 
sind sie auf die Quantität ihres vocales noch nicht gehörig ge- 
prüft. Die länge desselben tut übrigens der vorgetragenen ety- 
mologie keinen eintrag, zumal auch in franz. frise und den 
zugehörigen roman. lehnwörtern (s. z. b. Skeat ED. unter frieze, 
friz, frizzle) das erhaltene i eher auf germ. i als auf i zurück- 
weist, worauf mich Sievers aufmerksam macht. Zu dem in 
frise fortlebenden germ. Substantiv, das ^locke' oder ^kraushaar' 
bedeutete, wird sich *frtsjaz, *fresjaz verhalten haben wie lat 
aureus, igneus zu aurum, ignis oder got. aleweis (Mc. 11, 1. Luc 



DIE GERMANEN AM NIEDERRHEIN. 151 

19, 29) ZU alitv, Ist diese erkläruDg richtig, 8o ist natQrlich 
die möglichkeit, dass das Dach dem j auftretende -aw- in Fri- 
siavi Frisiavones eine, organische entwicklung sei, umsomehr 
ausgeschlossen. Schon gar den namen einer mischform verdient 
das CIL. 6, 3260 Überlieferte Frisaevo, das, wenn es nicht etwa 
Verderbnis ist, nur aus der Verschmelzung einer nach art 
Von Ingvaeoyies, Istvaeones gebildeten form Frisaeo mit gewöhn- 
lichem Frisiavo entstanden sein kann. 

Der bereich, den die Friesen — im weitesten sinne — 
während der römischen kaiserzeit einnehmen, ist jedenfalls ein 
so wenig geographisch geschlossener, dass wir ihn schon deshalb 
nicht als denjenigen betrachten können, in dem sich der stamm 
als eine besonderheit und einheit herausbildete. Dem gange 
der ausbreitung der Rheingermanen entspricht es aber, dass 
die erweiterung des Stammesgebietes in der richtung nach 
Westen hin erfolgt ist. Auch diese erwägung wird uns mit- 
bestimmen, im lande nördlich der Vecht bei den Frisii maiores 
die älteste heimat des gesammtvolkes zu suchen. Geradeso 
haben wir das land der grösseren Bruktem als die wiege dieses 
Stammes kennen gelernt. Und es ist wohl kein zufall, dass auch 
von den beiden stammen der Chauken bei Ptolemaeus der west- 
liche Kavxoi ol fiiXQoi, der östliche Kavxot ol (lel^ovg heisst 
Auch hier wird die ausbreitung von ost nach west erfolgt sein; 
und vielleicht bedeuteten die dem griech. (lelCpvq und /hxqoI, 
lateinischem maiores und minores zu gründe liegenden germa- 
nischen ausdrücke gar nicht so sehr 'grösser' und 'kleiner' als 
vielmehr 'älter' und 'jünger', so dass wir es mit namen nach 
art von ags. Ealdseaxan zu tun hätten. Wenn Zeuss s. 139 f. 
vermutet, dass entgegen der angäbe des Ptolemaeus in Wahrheit 
die westlichen Chauken die maiores gewesen seien, weil nach 
Tacitus, Ann. 11,19 Corbulo, der eben die Friesen zur bot- 
mässigkeit gebracht, auch die grösseren Chauken zur Unter- 
werfung bewegen will, so ist dem entgegenzuhalten, dass die 
Römer, die damals dem von den Chauken zum führer er- 
korenen Kannenefaten Gannascus feindlich gegenüberstanden, 
durch ihre sendlinge {missis, qui maiores Chaucos ad deditionem 
pellicerent) sehr wohl versucht haben können, eine abteilung 
im rücken ihres gegners zum abfall von ihm zu bestimmen. 

Da schon Caesar BG. 4, 10 die Bataver im norden der 



1 52 MUCH 

Waal ansässig weiss, so wird man sich auch die Kannenefaten 
damals bereits in denselben sitzen zu denken haben wie zur zeit 
des Plinius und später; ebenso die Marsakier und Sturier. Dass 
auch diese beiden stamme Germanen sind, ergibt sich aus dem 
Zeugnisse des Plinius, der sie HN. 4 § 101 neben anderen Völker- 
schaften als bewohner der inseln zwischen Scheide und Fliestrom 
auffahrt, wenig später aber mit berufung auf diese aufzählung 
die Völker auf den Rheininseln (quos in insulis diximm Rheni) 
fbr Germanen erklärt, wie er denn auch schon 4 § 98 das land 
bis zur Scheide von germanischen stammen besetzt weiss. Dass 
diesen auch noch die westlichste der Scheideinsein, Walcheren, 
gehörte, zeigen die daselbst so zahlreichen einer göttin mit dem 
N*u unbestreitbar germanischen namen Nehalennia (s. Zs. fda. 35, 
324 ff.) errichteten altäre. Germanisch sind endlich auch die 
namen der beiden in rede stehenden stamme selbst. Marsaci, 

i woneben auch Marsacii und Marsaquii vorkommt — letzteres 
CIL. 6, 3263 — , bedeutet jedenfalls wesentlich dasselbe^ wie 
Marsi, also 'die kraftlosen, hinfälligen'; s. oben s. 112 f. Das 
Suffix, um welches der zu gründe liegende adjectivstamm hier 
vermehrt erscheint, hat vielleicht deminutiven Charakter und 
wohl nur den zweck, die Marsakier von den nicht allzufemen 
binnenländischen Marsen zu unterscheiden. Dass auch erstere 
daneben *Marsöz schlechtweg genannt wurden, zeigt der mittel- 
alterliche gauname Marsum, — Die Sturii, germ. *S(ürjöz, sind 
'die starken' oder * die stattlichen' — vgl. siM.sfüri, siiuri 'be- 
deutend durch kraft, menge oder ansehen'^ aisl. störr — und 
sicherlich im gegensatz zu ihren nachbarn so benannt. 

Auch fQr den namen der Kannenefaten ist die deutung 
noch ausständig, aber keineswegs unerreichbar. Man pflegt ihn 
neuerer zeit gewöhnlich Caninefates zu schreiben, also mit ein- 
fachem n ; allein ganz mit unrecht, da der doppellaut nicht nur 
in seiner literarischen Überlieferung das häufigere ist, sondern 
auch durch die inschriften volle bestätigung findet. Von diesen 
gewähren zwei, CIL. 3, 4391 und D. XXXVI bloss die ersten buch- 
staben des namens, nämlich Cann, CIL. 3, D. IX bietet Cannene- 
fatium : Cannenefaiium. Auch auf dem Mainzer inschriftstein 
bei Brambach CIRh. 96S steht Cannen(e)fatium, jedenfalls nicht 
Cannena/atium, wie meistens gelesen wird. Weitere belege sind 
Cannan : Cannanef CIL. 3, D. XXXIX, Cananivaü {Porciilae Ve- 



DIE GKRMANEN AM NIKDEKRHEIN. 153 

siinae Cananivaii) Gruter 1003, 3, Canafaüum CIL. 5, 5006, Can- 
nunefaium Wilmanns, Exempl. 2091, Canonefas CIL. 6, 3203. 
Unter den drei belegen fQr einfaches n bringen also zwei den 
namen auch sonst entstellt, denn das v in Cananivaii ist allzu 
vereinzelt, als dass man es als Umschrift von germanisch h und 
als grammatischen Wechsel zu f auffassen könnte. Was den 
roittelvocal betrifft, so ist bekanntlich / in den handschriften das 
bestbeglaubigte; es findet sich im cod. med. bei Tacitus, Hist 
4, 15. 16, Ann. 4,73. 11, 18 wogegen Hist. 4,32. 56. 79. 85 Can- 
{n)enefa1es geschrieben steht und auf den inschriften niemals 
/ vorkommt. Zu inschriftlichem Cannunefates stellt sich Cannen- 
ufates bei Plinius, wo der zweite und dritte vocal des namens 
sichtbarlich ihre platze vertauscht haben. Der zweite ist also 
als a, e, i, o und u belegt. Die möglichkeit, Canna-, Canne- 
u. s. w. als erstes compositionsglied aufzufassen, ist dadurch 
schon ausgeschlossen, da man doch nicht annehmen wird, dass 
ein germanisches wort zu gleicher zeit a-, i- und t/-stamm ge- 
wesen sei; ein compositionsvocal e ist vollends unerklärlich. 
Aber auch die abteilung Cannane-fates, Cannene-fates u. s. w. 
ist nicht zu rechtfertigen; denn hier könnte der erste bestand- 
teil nur ein gen. plur. sein, wie denn in der tat Kluge in 
Pauls Grundr. I, 318. 360 f. 398 und bereits Uoltztnann, Bonn, 
jahrbb. h. 36, 16 an einen solchen dachte. Aber diese annähme 
verbietet sich schon mit rQcksicht darauf, dass dabei ein für 
einen volksnamen passender sinn sogut wie ausgeschlossen 
wäre. Auch -fates Hesse sich nicht aus got. faps, pl. fadeis 
erklären, wofür es Zeuss s. 102 und J. Grimm GDS. 586, ebenso 
von anderen nicht zu reden, MUllenhoff, Zs. fda. 7, 526 und 
Kluge in Pauls Grundr. 1,318, genommen haben, da sonst der 
name in lat. Umschrift -fadi, oder mindestens -fades lauten 
würde; vgl. thiuphadus in der lex Visigotorum. In Cannenefates 
ist die Schreibung mit t eine so ausnahmslose, dass man auch 
für das germanische nur die tennis t, nicht die spirans p, ge- 
schweige denn d voraussetzen darf. Es bleibt somit nur noch 
die möglichkeit, Cannen-efates abzuteilen. Dabei wird das erste ' 
glied vor vocalisch anlautendem zweiten seinen stammauslaut 
eingebüsst haben, so dass es als germ. ^kannena- angesetzt 
werden darf. Die formen mit anderem mittelvocal sind nun 
gar nicht mehr auffällig: man vergleiche Ermen-, irmin-, Er- 



1 



1 



154 MüCii 

tnanarik, ^E(q)(i6v6oqoi, Jyrmunrekr oder aisl. (fiinn, alts. ffödan, 
aschw. Opon, Opwi und mehr derart bei Noreen, Urgerm. judl. 
§ 21, 12. Auch die bedeutung von ^kannena- vfird, obzwar das 
wort dem germaniechen verloren gegangen ist, noch zu er- 
schliessen sein, da wir es dabei jedenfalls mit einer ableitung 
aus der verbalwurzel kann zu tun haben. Der zweite teil -efaies 
lässt auf germ. *efaiez schliessen, einen consonantischen stamm, 
wie wir uns ähnliche als den verben auf got. -atjan zu gründe 
liegend vorstellen müssen. Im griechischen entsprechen bildungen 
auf 'dg, 'döog, neben denen verba SLut-d^Hv ^ den germanischen 
auf -atjanain) (s. Kögel, Beitr. 7, 183. Kluge in Pauls Grundr. 1, 
381) einhergehen. Ja -efaies ist wohl dasselbe wort wie griech. 
Ijtjtdg, pl. htxaötg, wobei das f gegenüber got. aihwa, alts. ehu, 
ags. eoh, aisl. jör nicht besonders auffällt, da derselbe spiranten- 
wechsel in einer fülle von beispielen — s. Noreen, Urgernu 
judl. § 34, 1 — belegt ist. ^Ijtjidg wird als fem. adjeotiv neben 
IjtjtLxog gebraucht; als Substantiv bezeichnet es klasse oder 
stand des ritter; IjtndC^eöd-ai bedeutet 'rosse lenken, fahren, 
reiten*. * Kannen-, ^Kannan-, *Kannun-efaiez sind somit 'die 
erfahrenen, kühnen' oder, wenn etwa der erste teil passivisch 
zu verstehen ist 'die erprobten reiter\ Wir haben es also mit 
einem germanischen seitenstück zum keltischen namen der 
Usipeies zu tun, ohne dass sich übrigens gall. -ipetes und germ. 
^-efaiez völlig entspricht. Formell näher steht letzterem ein 
kelt. stamm epid-, der um die /o-ableitung vermehrt im namen 
der britannischen 'EjiIöioi bei Ptolemaeus 2, 3, 8 vorliegt und 
mit griech. Injnö- in den mannsnamen KaXkiJtjrlÖ7jc, KaXXtJcmdag 
und wohl auch im namen des hellenisch-skythischen Volkes der 
KaXXijtlöai (oberhalb der Stadt Olbia) sich deckt. Epid- Inniö- 
und efat' ijtjtaö- verhalten sich zu einander wie die verba auf 
-/^o zu denen auf -d^o). 

Dass die Kannenefaten wirklich treffliche reiter waren, 
kann man daraus schliessen, dass sie bei Tacitus, Eist 4, 15 
als origine lingua vir tute par Batavis bezeichnet werden, die 
Bataver aber als die vorzüglichsten reiter gelten : vgl. Plutarch, 
Otho c. 12: iitifiayhv Ovagog jlX^ij%fog rovg xaXov/iivovg Ba- 
rdßovg ' alol dt FtQuapow ijtjtslg dgiöroi und Dio Gassius 55,24: 
^ivoi TB ijtjtstg ijtiXsxTol, olg ro rcov Baraovcov . . . ovopa, ort 
dt] xQdriOTOc IjiJtBVhiv tiöl, xslrai (Zeuss s. 102). Widerholt 



DIE GERMANEN AM NIEDERRHEIN. 155 

werden uns von den Batavern auch proben dieser tüchtigkeit 
im reiterkampfe berichtet. 

Jedenfalls aber hat sich diese kunst bei Batavern und 
Kannenefaten erst in ihren sitzen auf den ebenen Rheininseln 
entwickelt, denn der binnenländische Germanenstamm der 
Chatten, von dem jene nach Tacitus, Germ. 29 und Hist. 4, 12 
ausgegangen sind, ist nach Germ. 30. 32 gerade wegen seines 
trefflichen fussvolkes berühmt, wie dies auch der natur ihres 
landes besser entspricht. Und noch jtlnger als die fertigkeit selbst 
wird ein name wie *Ä'annenefatez sein, der diese schon voraussetzt. 
Aber auch die namen Baiavi : Chamavi, Tencteri : Brucleri sind 
wegen ihrer Wechselbeziehung nicht schon aus einer älteren 
heimat mitgebracht; ebensowenig Tubantes und üsipetes, weil 
ersteres in Twente, letzteres an der grenze der Kelten auf- 
gekommen ist. All das sind schwerwiegende gründe dafür, 
dass die Germanen schon lange zeit, bevor das licht der ge- 
schichte über jene gegenden heraufzudämmern beginnt, den 
Niederrhein erreicht hatten. Zu dem aus dem Verhältnis von \l 
Vahaiis Waal zu Vacalus gezogenen Schlüsse stimmt dies vor- 
trefflich. 

Dass die namenform Vahaiis schon von Tacitus gebraucht 
wird, beweist übrigens, dass zu seiner zeit auch das linke ufer 
der Waal bereits von Germanen besetzt war, und damit steht x 
auch im einklange, dass derselbe gewährsmann die Bataver 
nicht allein auf dem Rheindelta, sondern auch in einem ufer- 
strich auf der linken seite des Stromes ansässig weiss; vgl. 
Germ. 29: viriuie praecipui Batavi non mulium ex ripa, sed 
insulam Rheni amnis co1uni\ ferner Hist. 4, 12: Baiavi, donec Irans 
Rhenvm agehant, pars Chattorum, seditione domesiica pulst, ex- 
trema Gallicae orae vacua cultoribus, simulque insviani 
int er vada sitam occupavere. Nach Hist. 5, 19 lag sogar der 
hauptort der Bataver, das oppidum Batavorum, im folgenden 
cap. Batavodurum genannt, auf dem linken Rheinufer. Und 
gar so schmal kann das germanische gebiet an der küste Galliens 
nicht gewesen sein, wenn noch in Groot Zundert an der Aa, 
südlich von Breda, wie eine daselbst gefundene inschrift (Bram- 
bach CIRh. 132: Deae Sandraudigae cultores templi) bezeugt, ein* 
tempel der germanischen göttin Sandraudiga, d. i. Nerthus, stand : 
8. Zs. fda. 35 s. 327 f., zum namen : Th. v. Grienberger ebenda 



156 Mucii 

8. 390 f. Dai(8 die Bataver sofort bei ihrer ansiedlung am 
Niederrhein auch schon auf dessen linkem ufer fuss gefasst 
haben, wäre eigentlich aus Tacitus, Hist. 4, 12 zu folgern. Min- 
destens spricht die keltische form des namens der Waal, die 
uns Caesar überliefert, nicht dagegen, weil sie ihm auch von 
weiter landeinwärts wohnenden Kelten, die den ström doch 
auch kannten und nannten, oder von keltischen kaufleuten zu- 
gekommen sein kann. 

Bei Plinius HN. 4 § 106 begegnet uns neben den Mena- 
piem und Morinen ein stamm der Texuandri {pluribus nominibus\ 
dessen name von Kern in seiner abhandlung Germaansche 
woorden in Latijnsche opschriften aan den Beneden-Rijn. (Ver- 
slagen en mededeelingen der k. akad. van wetenschappen. 
Afdeeling letterkunde. Tweede reeks. Tweede deel p. 304 — 
336, Amsterdam 1872, »- Revue celtique 2, 172 ff.) als ableitung 
von got. taihswa (germ. ^tehswa-) im sinne von ^südlich' erklärt 
und als batavische gesammtbenennung aller oder des grössten 
teiles der belgischen Germanen aufgefasst wird. Allein der 
letzteren annähme steht es schon im wege, dass uns in einer 
Inschrift (Eph. ep. 3 p. 134 n. 103, vgl. 5 p. 243) Texand{ri) et 
Sunic(t) vex{illarii) cohor. II Nervior. genannt werden, und auch, 
dass die im mittelalter Texandria, Taxandria zubenannte land- 
schaft, die im sQden der Waal nach westen bis an die Scheide 
sich erstreckt, aber sowohl den pagits iVenapiscus als auch das 
gebiet der Tungern ausschliesst (s. Zeuss s. 211) und einmal 
sogar in einer Urkunde vom jähre S15 (Codex Laureshamensis 
1, p. 163), worauf sich Kern zur stütze seiner etymologie mit 
recht beruft, mit dem Testarbani gleichgestellt wird, spricht da- 
für, dass wir es bei den Texuandri des Plinius nicht mit einem 
Sammelnamen, sondern mit dem eines besonderen volksstammes 
zu tun haben. Und zwar dürfte er eben der südlichen auf 
dem festland ansässigen und allmählich sich weiter ausbreitenden 
abteilung der Bataver zukommen. Eine andere möglichkeit bleibt 
ohnedies kaum übrig. 

Stromaufwärts schliessen sich an die Texuandri die Ctigenü 
au, von Plinius HN. 4 § 106 als Germanen bezeugt. Für ihr 
deutsches Volkstum spricht es wohl auch, dass bürger einer 
Stadt in ihrem bereich, cives Traianetises, im jähre 187 n.Chr. 
der germanischen göttin Uariasa einen altar errichten: s. 



DIK GERMANEN AM NIEÜEKKIIEIN. 157 

Brambacb, CIRh. 314. Caesar kennt sie noch nicht, weiss viel- 
mehr in der gegend, wo wir sie später antreffen, noch Menapier 
ansässig. Dies spricht für ihre späte einwanderung und mit 
recht erklärt sie darum Zeuss s. 85 und schon Gluver 410 ff. 
für die durch Tiberius an das linke Rbeinufer verpflanzten 
"^Sugambern, von denen wir ohnedies sonst nicht wüssten, was V 
aus ihnen geworden sei. 

Ihr name ist uns bei Tacitus in der form Gugerni über- 
liefert, woneben Bist. 5, 16. 18 auch Cugerni vorkommt, das sich 
durch die Zeugnisse der inschriften (CIL. 3,2712, 7, 1085. 1193. 
1195) als das richtigere erweist PUnius HN. 4, § 106 dagegen 
schreibt Gubemi und eine inschrift aus der alten Station Proco- 
litia am Hadrianswall in Schottland, besprochen von Hübner, 
Hermes 12, 262, coh, 1 Cuhemorum, wodurch eine andere form 
des namens, Cuhemi, neben Cugerni sichergestellt wird. Jenes 
Gubemi bei Plinius könnte der angleichung an gübernare^ also 
lateinischer Volksetymologie, seinen Anlaut verdanken und 
kommt, was diesen betriffl, jedenfalls dem inschriftlichen be- 
lege gegenüber nicht in betracht Von allen etymologien 
namens, die sich noch an Gubemi, Gugerni halten, ist jetzt 
natürlich ganz abzusehen. Dies tat bereits Mttllenhoff, der im 
Hermes 12, 272 einen neuen deutungsversuch unternahm, bei 
dem er eine grundform *Quevema *Ouivema ansetzt und für 
eine ableitung von got. kwius (gen. kwiwis) nimmt; Cuberni stünde 
für Cuvemi\ das g in Cugerni scheint er sich, wiewohl dies 
nicht ausdrücklich ausgesprochen wird, so wie das in unserem 
Jugend als aus w entsprungen zu denken. Für einen urger- 
manischen Übergang von kwe, kwi in ku fehlt es indes ganz 
und gar an anderweitigen belegen. Und wie sollte ferner so- 
wohl auf einer inschrift als bei Plinius germ. w durch b wider- 
gegeben sein ? Diese etymologie ist also wenig befriedigend. Sind 
Cugerni und Cuberni wirklich als verschiedene formen eines 
und desselben wertes zu betrachten, so wird man vielmehr an 
einen Wechsel von g und fr, aus vorgermanischem q, wie in 
aisl. ylgr : ahd. wülpe (aus *wuibjö)^ ahd. snngen, ags. swlgian : 
got^ sweiban 'aufhören', agutn. hagri : alts. havoro haboro und 
anderen fällen bei Noreen, Urgerm. judl. 91 f. (§ 34, 1) zu denken 
haben ; allein, so viel ich sehe, ist auf diesem wege keine deu- 
tung zu gewinnen. Und da wir schon so viele, zum teil an 



158 MTCH 

einander anklingende doppelnamen germanischer stamme kennen 
gelernt haben, so ist es gar nicht unwahrscheinlich, dass uns 
auch hier zwei etymologisch verschiedene namen vorliegen. Im 
tlbrigen nötigt nns nichts, nur auf eine solche erklärung der- 
selben abzuzielen, die sie als abgeleitete worte betrachtet, zu- 

^ mal die ableitung -erno- nur durch einige wenige fälle im ger- 
manischen vertreten ist. Teilt man dagegen beide namen in 
Ou-gemi, Cu-benU ab, so kann zunächst ihr erster bestandteil 
das gleiche wort sein wie unser kuh; was den vocal betrifft, 
vgl. man ags. cü, aisl. kyr, afries. kü, saterl. ci^ gegenüber ahd. 
cuo, alts. altschw. ko und zur erklärung dieses lautwandels 
Noreen, Urgerm. judl. 19 ff. (§9); nach Brugmann, Grundr. 2 
452 kann es übrigens auch schon eine idg. Stammform gu neben 
gg'u gegeben haben. Der zweite teil, -bemi, dem germ. *bemöz 
zu gründe liegen wird, ist wohl dasselbe wie bem in den ahd. 
namen Egilbem, Girbem, IVigbem, Gundbern, Fridubem, Bern- 
hard, Bemlind u. a. m. bei Förstemaun DN. 1,223 ff. und ags. 
beorn Wir, princeps, vir nobilis, dux, miles, dives'; vgl. auch 
die Zusammensetzungen folcbeom, ^Öbeorn, sigebeom. Eine 
aussergermanische entsprechung , lit. bimas 'knabe (poetisch) 
knecht', lett. bernas 'kind\ ist von besonderem werte, denn die 
hier vorliegenden bedeutungen zeigen, dass das wort mit bairan 
und bam zusammengehört. Für den Übergang von der bedeu- 
tung 'junger mann' in die von ^edling, held' sind schon oben, 
s. 133 mehrere beispiele zusammengestellt. Andrerseits kann 
für die bedeutungsentwicklung, die uns im litauischen vorliegt, 
auf das seitenstUck von baro, degen, pius^ mago, knehfj knappe^ 
junge^ bube, bog hingewiesen werden. Dabei zeigt es sich in 
mehreren fällen, dass die- beiden bedeutungsentwicklungen sogar 
bei demselben worte nebeneinander vorkommen können. Be- 
sonders lehrreich ist in dieser beziehung degen, germ. *fiegnaz, 
das zudem eine ganz gleichartige Wortbildung wie *bernaz ist. 
Germ. *kubemöz sind demnach *kuhknechte' oder *cowbovs* 

'■ und einen solchen namen wird man sich für bevvobner frucht- 
barer weidetriften gern gefallen lassen. Cugerni dagegen erklärt 
sich in seinem zweiten teile aus germ. *gernaz, ahd. alts. gern, 
aisl. gjarn, ags. georn * begierig', so dass von der etymologie 
J. Grimms, der GDS. 529 den namen als Gibigerni 'munifici 
largi' verstand, wenigstens ein teil nachträglich bestätigung 



DIE GERMANEN AM NIEDERRHEIN. 159 

findet. Wegen got. faihugairns, ags. feohgeorn 'habsüchtig' 
könnte man versucht sein, auch in *hugemdz oder *Kügemai 
ähnliche verallgemeinerte bedeutung des ersten teiles anzu- 
nehmen. Doch ist eine solche sonst innerhalb des germanischen 
nicht belegbar. Wir werden also immerhin Cugemi als 'die 
nach kühen oder rindern lüsternen' verstehen, wobei das ver- 
wante aind. go-hara und go-harana 'stealing cows' zu vergleichen 
ist. Sicher haben wir es dabei mit einem Spottnamen zu tun, 
der die räuberischen neigungen seiner träger kennzeichnen soll, 
ähnlich wie wir Deutsch Österreicher von bosnischen 'hammel- 
dieben' sprechen. Aufgebracht wird er von den Ubiern sein,\ 
die damit den spott, der in ihrem eigenen namen lag (s. oben 
s. 33) zurückgegeben haben mögen. Auf ihre herden werden 
es die Sugambern wohl schon in der alten heimat gelegentlich 
abgesehen haben, als beide stamme noch auf dem rechten Rhein- 
ufer benachbart wohnten. Hier verdient auch hervorgehoben zu 
werden, dass Caesar von einer sugambrischen schaar, die an der 
von ihm freigegebenen plünderung des Eburonenlandes sich be- 
teiligte, B6. 6, 35 berichtet : primos Eburonum fines adeunt, mtdtos 
ex fuga dispersos excipiunt, magno pecoris numero, cuius 
svnt cupidissimi barbari, potiuntur, Invitati praeda longius 
procedimt, Non hos palus in bello latrociniisque natos, non 
siloae moraniur. Mindestens geht aus dieser stelle hervor, wie 
passend ein name Cugemi d.i. 'boum cupidi' für die Sugambern war. 

Es kommt aber westlich vom Niederrhein ausser Batavern, 
Kugernen und Ubiern auch noch eine ältere germanische be- 
Völkerungsschicht in betracht. Dass dies der fall ist, muss 
freilich erst noch sichergestellt werden, umsomehr als sich Zeuss 
und Müllenhoff in gegenteiligem sinne entschieden haben. 

Unter den stammen, die im zweiten jähre des gallischen 
krieges Caesar gegenüberstanden und B6. 2, 4 namentlich und 
unter angäbe der stärke ihrer aufgebote aufgeführt sind, lassen 
sich mehrere gruppen deutlich unterscheiden. Zunächst eine 
grosse abteilung Belgae im engeren sinne und ihr land ßelgium. 
Dass die Morinen und Nervier nicht mehr zu diesem gehörten, 
geht aus B6. 5, 24 unzweifelhaft hervor, wo deren gebiet neben 
dem der Belgae selbständig angeführt wird. Man kann aber 
schon von vornherein mutmassen, dass alle südlich dieser beiden 



1 60 MUCH 

ansäsBigen belgiBchen stamme zusammen Belgium ausmachten, 
denn auf die grosse des so benannten gebietes lässt die stärke 
der dahin verlegten besatzungen, einmal 3 (B6. 5,24), das 
andere mal 4 legionen (B6. 8, 46. 54), schliessen. Im einzelnen 
kann die Zugehörigkeit zu Belgium nachgewiesen werden von 
den Bellovaken, bei denen nach B6. 5, 46 M. Crassus mit einer 
legion das Winterquartier bezogen hat, während es von eben- 
demselben B6. 5, 24 heisst, dass er einer der in Belgis verteilten 
legionen vorgesetzt worden sei; ferner von den Ambianen, da 
in Samarobriva, also in ihrem lande, nach BG. 5, 47 eine an- 
dere von jenen legionen lageiii, und von den Atrebateu, deren 
hauptort Nemetocenna nach BG. 8, 46 in Belgium liegt. Die 
dritte der nach BG. 5, 24 zu den Beigen verlegten legionen 
muss aber zunächst zu den Suessionen gesant worden sein, da 
sonst dieser mächtige stamm, der 50 000 krieger zu stellen im 
Stande war (B6. 2, 4), ohne beaufsichtigung geblieben wäre; 
später wird diese legion allerdings notgedrungenerweise zu den 
Carnuten versetzt (BG. 5, 25). Dass die Suessionen zu Belgium 
zu rechnen sind, geht aber auch daraus hervor, dass BG. 2, 4 
eines Suessionenköniges Divitiacus gedacht wird, der nicht nur 
einen grossen teil Galliens, sondern auch Britanniens beherscht 
habe. Letzteres bezieht sich offenbar auf die nach BG. 5, 12 
aus Belgium hinübergewanderten stamme im südlichen teile der 
insel, die damals noch in politischem verbände mit dem mutter- 
lande gestanden haben werden. Von diesen ist es dann leicht 
erklärlich, dass sie unter der vorherschaft eines festländischen 
und sogar binnenländischen Staates standen, doch nur wenn 
dieser zu Belgium gehörte und dort gerade die führende stelle 
einnahm. Sind aber die Suessionen ein teil Belgiums, so gilt 
ein gleiches auch von den Remen, ihren fratres consonguinetque 
(BG. 2,3 vgl. 2, 12) und aitrihuii (BG. 8,6). Wenn es hiogegen 
BG. 5,24 heisst: quartam {legionem) in Remis cum TUo Labieno 
in confinio Treverorum hiemare iussit, tres in Belgis coUocavil, 
so folgt daraus für die Remen selbst noch gar nichts; denn 
diese legion ist nicht zu ihrer Überwachung, sondern der 
Trevern wegen aufgestellt, wie die weiteren ereignisse beweisen. 
Ueberhaupt nehmen die Remen seit ihrem anschlusse an Caesar 
eine Sonderstellung ein. Natürlich müssen wir uns auch die- 
jenigen Stämme, welche zwischen den bisher genannten sesshaft 



DIK tJKUMANKK AM XIKDKKKIIKIN. 161 

waren, als zu Belgium gehörig yorstcllen, da sich dieses nur - 
als ein geschlossenes gebiet denken lässt. Alles in allem um- 
fasst dieses also die Bellovaken, Ambianen, Atrebaten, Ka- 
leten, Viromanduer, Suessionen, Veliocassen und Kernen, von 
nach Caesars zeit erst hervortretenden, vielleicht nur Unter- 
abteilungen bezeichnenden namen abgesehen. 

Offenbar ist von diesem engeren bereiche aus der Beigen- 
name ausgegangen und auf andere stamme ausgedehnt vrorden, 
die sich dem bunde der eigentlichen Beigen anschlössen; ob 
erst damals, als dieser sich in kriegsbereitscbaft gegen Caesar 
setzte, oder früher schon, bleibt ungewiss. 

Beigen in diesem jüngeren und weiteren sinnQ sind die 
Nervier sammt ihren dienten, ferner die Aduatuker, endlich 
die Menapier und Morinen. Diese stamme zusammen mit den 
bewohnern des eigentlichen Belgium sind B6. 2, 3 als Belgae 
bezeichnet, wenn es daselbst heisst: omnes Beigas in armis esse^ 
Germanosgue, qui eis Rhetium incolani, sese ciun his coniunxisse. 
Zugleich geht aber aus dieser stelle hervor, dass Caesar die 
Germani cisrhoiani von allen Beigen — dieses wort schon im 
weiteren sinne verstanden — als eine besonderheit unterscheidet. 
Und dem steht es nicht entgegen, dass im folgenden capitel 
(BG. 2, 4) Condrusi, Eburones, Caeroesi und Paemani, ^qui uno 
nomine Germani appellantur^ unter denen aufgeführt sind, die 
an dem gemeinsamen kriegsrat der Beigen {in communi Belgarum 
concilio) sieh beteiligen, weil dieser a potiori so genannt sein 
kann. Und wollte man aus der schematischen einteilung Galliens 
in einen von Beigen, einen von Kelten (Galliern) und einen von 
Aquitaniern bewohnten teil (BG. 1, 1) den schluss ziehen, dass 
Caesar die Germani cisrhenani doch den Beigen zurechne, so 
niQsste man folgerichtig auch behaupten, dass er die Vangionen, 
Nemeter und Triboken mit unter die Kelten einbeziehe. Ob er 
den namen Belgae auch in einem dritten sinne noch gebraucht 
hat, ist Übrigens belanglos; auf jeden fall wird es deutlich, 
dass wir es bei Caesar mit einem besonderen stamme oder 
einer gruppe von stammen namens Germani zu tun haben. 
Und damit steht es auch im einklang, wenn Tacitus in der 
vielbesprochenen stelle seiner Germania, in der er das auf- 
kommen des Germanennamens erörtert, diesen als namen eines 
Stammes, einer natio, und zwar der nachmaligen Tungri erkläii;, 

Üeiträgo zur geBchiohto der duuUclien Bpraolio. XVII. \\ 



162 MUCH 

\ der dann auf die gens, auf das gesammtvolk, übertragen 
worden sei. 

Wir haben es also im nordosten Galliens auf der einen 
Seite mit einer abteilung zu tun, die Germani heisst und nicht 
oder nur in uneigentlichstem sinne zu den Beigen gerechnet wird, 
ausserdem den Beigen oder sagen wir den übrigen Beigen gegen- 
über gering an zahl ist: sie stellen gegen Caesar nach B6. 2, 4 
etwa 40000 mann, die eigentlichen Beigen ohne die Remen, die 
von ihnen abgefallen waren und deren heerbann auf 50 000 mann 
veranschlagt werden darf, zusammen 266000 mann. Es ist aber 
etwas ganz anderes, wenn Caesar von den Remen nach B6. 2, 4 
erfährt, dass die meisten oder ein grosser teil der Beigen 
von Germanen, und zwar ttberrheinischen, abstammen: pleros- 
que Beigas esse orlos ab Germänis Rhenumque antiquitus tradüctos 
u. s. w., und durchaus lässt es sich nicht einsehen, warum, wie 
MOllenhofl' s. 197 f. will, die Germani cisrhenani den 'ganzen, 
eigentlichen inhalt der behauptung' der Remen hergegeben haben 
Hollen, zumal ja auch nach Tacitus, Germ. 28 nebst den Trevern 
die belgischen, aber nicht zu den Germani cisrhenani Caesars 
gehörenden Nervier sich germanischer abstammung rühmen nnd 
von Strabo p. 194 vollends zu den germanischen Völkern ge- 
rechnet werden; vgl. Müllenhoff s. 2(U. 

Demgemäss werden wir, nach dem germanischen elemente 
im nördlichen Gallien fahndend, ein doppeltes zu nntersuchen 
haben; erstlich, was es mit dem Volkstum der Germani cis- 
rhenani für eine bewantnis hat, und zweitens, wie es mit der 
germanischen abstammung der plerinue Belgae bei Caesar, der 
Treveri und Xerrii bei Tacitus sich verhält. 

Während Zeuss s. 190 f. daraus, dass Caesar BG. 2, 3 die 
Germani cisrhenani von den Beigen trennt, den schluss zieht, 
dass er sie für eigentliche Germanen vom geschlechte der Ober- 
rheinischen gehalten hat, behauptet Müllenhoff s. 197. nach 
Caesars ansiebt und darstelluog habe weder eine solche Stammes- 
tremeinsehaft noch der srlaube daran bestanden. Aber auch aas 
mehr oder weniger vorgeschrittener keltisierung oder Verbindung 
eines irermanisehen mit einem keltischen bestandteil kann e« 
erklärt werden, wenn Ambiorix, der Eburone, um sein vorgehen 
gegen da» römische Winterlager zu entschuldigen, sich auf die 
pdiehteu gegen die gallische gesammtnation berutt ^BG. 5, 27). 



DIE GKUMVXEX AM \[KI)KUUIIEIN. 163 

Darauf ist ja auch darum schon wenig gewicht zu legen, da 
die Eburonen, selbst wenn sie noch reine Germanen waren, 
was wir gar nicht behaupten wollen, gegen die Römer mit den 
Galliern gemeinsames interesse verband, und sie in politischem 
und geographischem sinne jedenfalls als Gallier gelten konnten, 
gerade wie die pannonisch redenden Osi von Tacitus, Germ. 28 
eine Germanorum natio genannt werden. Auf der andern seite 
fällt es sehr ins gewicht, dass Caesar BG. 6, 32 von den Segni 
Condrustque ex gente et numero Germanoriun redet, wobei wohl 
das wort gens auf das germanische volk im allgemeinen, nu- 
mernis hingegen auf die abteilung der Germani cisrhenani sich 
bezieht. Man vgl. Tacitus, Germ. 2: ita nationis nomen, non 
genfis, evaluisse paulatim u. s. w. Hier würde natio dem numerus, 
gens dem gleichen werte bei Caesar entsprechen. 

lieber jeden zweifei erhaben steht die tatsache, dass Ta- 
citus an der angezogenen stelle die linksrheinischen Germanen 
für stammesgenossen der übrigen ansieht. Denn seine natio 
Germanorum muss er doch als einen teil der gens Germanorum 
gedacht haben, und wenn er von dem stamme der Germani- 
Tungri sagt: quoniam qui primi Rhenum transgressi Gallos ex- 
pulerin/, sie also in ausdrücklichen gegensatz zu den Galliern 
stellt, so ist dies nur bei Stammesverschiedenheit von diesen 
zu verstehen. 

Die Übertragung eines sondernamens auf eine höhere ein- 
heit, wie sie Tacitus für den Germanennamen voraussetzt, ist 
nichts ungewöhnliches. Man braucht nur der bezeichnung der 
Griechen als "EXXTjveg und Graeci, der anwendung des namens 
der Volcae für die gesammten Kelten und Romanen, oder jenes 
der Alemannen, beziehungsweise der Schwaben und Sachsen 
für alle Deutschen sich zu erinnern. Auch das umgekehrte 
begegnet uns nicht selten, so z. b., wenn die Holländer bei den 
Engl.lndein Dutchmen oder die Alpenslaven bei den Baiwaren 
Windiscbe heissen. Von einander unabhängig sind der artuame 
Germani {cisrhenani) und der gattungsname Germani gewis nicht, 
während der name Germani Oretani allerdings selbständig auf- 
gekommen sein kann. Sicher ist dies ja auch hier keineswegs, 
denn die annähme, dass die hispanischen Germanen auf eine 
verschlagene abteilung wirklicher Germanen zurückzuführen 
seien, enthält nichts unwahrscheinliches, freilich auch nichts 

11" 



164 MlTll 

Dachwoisbares. Aber gerade bei nachbarvölkern musste sich 
das bedürfnis, sie durch namen zu auterscheideo, am meisten 
einstellen. Wenn uns daher an der seite der Germanen im 
weiteren sinne auch noch eine besondere abteilung dieses namens 
begegnet, so werden wir hier einen Zusammenhang vermuten und 
voraussetzen müssen, dass wir es mit verschiedenen Stadien 
ein und derselben begriffsentwicklung zu tun haben. Wie 
sollte jedoch eine Übertragung eines namens von der einen auf 
die andere Kheinseite stattfinden, wenn nicht die Germani eis- 
rhenani durch Stammesgemeinschaft mit den Ueberrheinern ver- 
bunden waren ? Ein geographischer oder politischer grund war 
dabei nicht massgebend, und wenn es nicht ein ethnographischer 
gewesen sein soll, so käme nur etwa noch ein cultureiler in 
betracht 

Auf den ersten blick scheint die letztere möglichkeit nicht 
ganz ausgeschlossen und in der bedeutung des Germanennamens 
eine stütze zu finden. Dass dieser keltischen Ursprunges ist, 
steht bereits völlig fest; die bisher unternommenen zahlreichen 
versuche, ihn zu deuten, sind indes kaum der anfUhrung und 
Widerlegung wert. Dies gilt auch von seiner auffassung als 
^nachbarn' oder ^schreier^ die abgesehen davon, dass dabei 
kein ansprechender sinn herauskommt, die länge der ableitungs- 
silbe aus lateinischer Volksetymologie erklärt, was doch ein 
recht bedenklicher notbehelf ist Bei der immer mehr zu tage 
tretenden nahen verwantscbaft des keltischen und italischen 
liegt nichts näher, als dass das keltische wort "^germänos eine 
entsprechung zu dem lateinischen germünus ist. Dagegen spricht 
es gar nicht, wenn uns innerhalb des keltischen neben Ger- 
manos, Germani auch Garmanos, Garmani begegnet, da ähnliche 
Vertretung von e durch a auch sonst noch im keltischen vor- 
kommt: s. oben s. 31. Die bedeutung des voiksnamens Ger- 
mani ist also durch die des lat. adj. germanus gegeben; nur 
dass man dabei nicht an die junge und bloss in der poesie be- 
legte Substantivierung dieses wortes mit dem sinne 'bruder* 
wird denken dürfen. Die ursprüngliehkeit der sitten und lebens- 
weise und die reinerbaltung der rassc könnte gewis auch 
einem teile der Gallier selbst einen namen eingetragen hai)en, 
der ihn als die 'stammbaften, echten, unverfälschten', als die 
ytf/jOioi bezeichnete; und wenn dieser teil in dem, worin er 



PTE OEKMAXKX AM NlKDEinniEIN. 165 

sich von anderen Oalliorn unterschied, mit den Deutschen 
Qbereinstiinmte, so wäre es sogar nicht unerklärlich, wenn man 
in einem weiteren sinne auch diese unter die ^GermanV ein- 
gerechnet hätte. Doch weit eher noch als ein fremdsprachiges 
voik hätten dann die anderen auf älterer entwicklungsstufe 
verharrenden keltischen stamme wie die Volken, ein teil der 
Britannier oder die maxime feri unter den Beigen (Caesar B6. 
% 4), die Nervier, als Germanen bezeichnet werden müssen. 
Aber nicht einmal bei letzteren ist dies wirklich der fall, da 
ihnen nur noch germanische herkunft zugeschrieben wird. Mit 
der auffassung des namens GermanidX^ eines von der abstammung 
absehenden 'culturnamens* kommen wir also nicht gut aus. 

Dass MQllenhoifs gründe für das Keltentum der Germani 
cisrhenani, die er in ihren keltischen volks-, personen- und 
Ortsnamen sowie darin findet, dass die heutigen Wallonen nicht 
gut romanisierte Deutsche sein könnten (s. 198), nicht zwingend 
sind, ist schon von Kossinna im Anz. fda. 16, 31 anm. 1 mit 
recht bemerkt worden. Bei den Wallonen ist doch auch von 
keltischer nationalität heutzutage nichts mehr zu erkennen. 
Was ihre Ortsnamen betrifft, deren uns übrigens aus alter zeit 
recht wenige überliefert sind, so ist in einem ursprünglich von 
Galliern bewohnten lande, in dem wir uns Germanen auf jeden 
fall nur als ein erobernd eingedrungenes dement zu denken 
haben, etwas anderes gnr nicht zu erwarten, als dass sie keltisch 
seien. Wäre ein schluss aus den Ortsnamen einer gegend auf 
die nationalität ihrer bevölkerung berechtigt, so müssten beispiels- 
weise auch die bewohner Obergermaniens, wo in römischer zeit 
ausschliesslich keltische Ortsnamen vertreten sind, von haus aus 
Kelten oder die Westgoten in Spanien Romanen gewesen sein. 
Und wenn selbst auf dem rechten Rheinufer ein germanischer 
stamm, die Usipetes, keltisch benannt ist, und von den seit 
höchstens 14 jähren in Gallien ansässigen Germanen Ariovists 
die Triboci und die Nemetes keltische namen führen, so wäre 
es noch weit weniger auffallend, wenn ähnliches bei einem 
Volke vorkäme, das gewis schon ungleich länger dem einflusse 
der keltischen nachbarschaft ausgesetzt war und gewis auch 
einß keltische Urbevölkerung in sich aufgenommen hatte. Auch 
auf keltische personennamen ist so viel nicht zu geben, denn 
sie begegnen neben germanischen überall bei den Rhein- 



106 aiucu 

germanen. Excingus heisst beispielsweise der vater eines Ubiers, 
also wohl selbst ein solcher, nach dem Zeugnisse einer inschrift 
aus Ghälon sur-Saöne (Cauat inscr. de Chälon p. 33; Eph. ep. 
5, 2. 36). Aus ganz Obergermanien wird es schwer halten 
überhaupt noch einen germanischen personennamen aufzutreiben. 
Selbst Ariovisius trägt einen zweifellos keltischen, denselben wie 
ein britannischer augenarzt, dessen sigill zu Kenchester in 
Herefordshire gefunden wurde (CIL. 7,1320). Ebenso ist i¥a- 
roboduus wenigstens in der form in der es uns überliefert ist, 
keltisch. Es darf überhaupt nicht ausser acht gelassen werden, 
dass die nachrichten der alten meistens zunächst aus keltischer 
quelle geschöpft sind. 

Uebrigens verdient der germanisch-cisrhenanische namen- 
bestand nochmals nachgeprüft zu werden. Die Unterabteilungen 
des Volkes heissen bei Caesar: Eburones, Cotidrusi, Segni, Cae- 
roesi und Paemani, wozu aus späteren quellen Ttmgri, Stmuces 
{Sunuci Sunices Sunici) nebst einigen nebenformen zu Caeroesi 
(oder, wie man wohl besser schreiben dürfte, Caerösi) hinzu- 
kommen. Davon ist der name der Paemani, nur an einer stelle 
bei Caesar BG. 2, 4 belegt, zuerst von Zeuss s. 213 mit dem 
des gaues Falmenia, jetzt Famenne, zusammengebracht worden. 
Müllenhoff, der diese Zusammenstellung billigt, denkt deshalb 
s. 197 au ein Verderbnis von PAEmani aus FAEmani oder FALmanL 
Jedenfalls muss die form mit f, wenn die namen zusammen- 
gehören, die älteste sein, da sie, wie Müllenhoff s. 196 mit 
recht bemerkt, weder im romanischen (wallonischen) noch im 
deutschen in diesen gegenden aus der mit p hervorgehen konnte. 
Damit ergibt sich aber eine namensform als die ursprüngliche, 
die entschieden unkeltischen, wohl aber germanischen Charakter 
hat Doch braucht dann Paemani bei Caesar nur in Palmani, 
nicht weiter, geändert zu werden, da p keltischer lautersatz fttr 
/* sein kann, geradeso wie in dem s. 33 besprochenen falle, wo 
es sich um eine entlehnung aus dem lateinischen handelte. 
Völlig den eindruck eines deutscheu macht auch der name 
Tungri, denn der ansatz eines germ. *tungruz, idg. grundform 
*dnkr6s, als nebenform von *tangraz, grundform *do7ikr6s, (ahd. 
zangar, mhd. za^i^^r *beissend, scharf, bissig*, md. /a^i^er ^frisch, 
munter', andl. tangher 'acer, acris, asper, asper gnstu, alacer, 
gnavus\ afrz. langre ^hartnäckig', itaL tangher ^ungeschliffen, 



DIE GERMANEN AM NIEDERUHEIN. 167 

grob') ist um so unbedenklicher, als die dabei geforderte ablaut- 
stufe derselben wurzel in griecb. öaxvco, aus *dnknö, tatsächlich 
vorliegt, und ähnliche doppelformen ron adjectiven innerhalb 
des germanischen etwas ganz gewöhnliches sind ; vgl. ahd. mu- 
rufvi neben maro, maratvi, ahd. rose neben rase u. a. m. Sicher 
keltischen stammnamen bei den Germani eisrhenani und einigen 
unbestimmbaren stehen also auch germanische gegenüber. 

Von den eburonischen königsnamen bei Caesar ist der eine 
Ambiorix, allerdings keltisch, was ja, wie das beispiel des 
Ariovist gezeigt hat, nichts beweist; der andere, Caiuvoleus, 
kann ebensogut in seiner grundlage germanisch sein, denn es 
ist nicht zu bezweifeln, dass auch ein germ. *Hapurvalhaz Caesar 
in keltisierter gestalt als *A^aiuuolkos zu obren gekommen wäre. 
Nicht gerade den eindruck eines germanischen macht der name 
eines Tungern Tausius bei Capitolinus, Pertin. cap. 11. Von 
den namen einer Mainzer inschrift (Brambach CIRb. 1231), auf 
der ein Freioverus Veransati f{ilius) eive(s) Tung{er) genannt 
wird, ist der des vaters keltisch, der des sohnes aber sicher 
germanisch, wie sein erstes compositionsglied erweist Das 
zweite wird wohl dasselbe sein wie das in Audovera, Leubovera, 
Leudovera, Gunthivera\ man vgl. darüber Wrede, Spr. d. Ostg. 
123. 152. Zum Freioverus gesellt sich ein von Th. Bergk, Bonn, 
jabrbb. h. 57 s. 28 mit ihm verglichenes namenpaar Freio et 
Friatto auf einer von Beger veröffentlichten, aus dem Lttttich- 
sehen stammenden, also auch wohl tungrischen inschrift. Zwischen 
diesen beiden namen, die sogar in engerer beziehung zu ein- 
ander zu stehen scheinen, hält der ubische Freiatto von dem 
Saitchamims-steine die mitte, soferne er mit dem ersten die 
Stammform, mit dem zweiten die ableitung gemein hat. Was 
letztere betrifft, so vergleiche man die namen der Franken 
Charietio und Nevilta, des Goten FravUia und die lateinisch 
weitergebildeten inscbriftlichen namen Ascattinius (Brambach 
CIKh. 48), und Gumattim (ClUh. 66), bildungen, die sich späteren 
kurznamen wie Heinzo, Cuonzo an die seite stellen: s. Kluge in 
Pauls Grundr. 1, 305. JJ als Clement einer deminutivableitusg be- 
gegnet allerdings auch im keltischen (s.Zeu8s-£belGC. 274) und in 
ausgedehntem uiasse im romanischen, wo es vielleicht germanischer 
herkunft ist. Wie Freio und Freiatto im übrigen zu beurteilen 
sind, wird sich vorläufig nicht mit Sicherheit entscheiden lassen. 



168 Mucu 

Friatto scheint entweder eine ablautende nebenform desselben 
namens zu sein oder nur eine andere widergabe eines lautes 
ei zu enthalten, der im begriffe stand, zu t zu werden; und 
jedenfalls wird man germ. vollnamen wie Friobaudes, Friliub, 
Friulf u. a. m. zum vergleich beiziehen dürfen. Da zu beginn 
der Römerzeit in Deutschland noch Segi- gesprochen wurde, 
so dtlrfte es uns nicht wundern, wenn damals auch idg. ei im 
germanischen noch als ei erhalten war. Und dafür spricht wohl 
auch der name der göttin Alaleivia, deren denkstein, derzeit im 
Bonner museum, bei Xanten, also auf kugernischem boden, ge- 
funden worden ist. Von meinem versuche, sie nach got. galiw- 
jm als ^die allordnende' zu deuten (Zs. fda. 35,322) wird man 
absehen müssen, da hierbei das dem e folgende i unberück- 
sichtigt bleibt. Eher haben wir es mit einer germanischen 
navöla, einer * allleuchtenden' zu tun. Man vgl. die idg. wurzel 
div und besonders lat. deivos diims, lit. devas, preuss. deiwas 
<gott' (= aisl. Tyr, pl. Hvar, ags. Tig, ahd. *Zio in Cymiari, 
deshurg, Ziestac); wegen der ableitung auch lit deivys ^SihgoiV 
und deive 'gespenst'. Vielleicht kommt die Alaleivia nicht nur 
in ihrem namen mit der Ilavöla d. i. ütXi^vTj (Preller, Griech. 
myth. 1,363) Qberein, sondern ist etwa auch gleich dieser und 
der lat. Dfäna eine mondgöttin : ihr altar ist, wie seine Inschrift 
bezeugt, ex iussu von einem medicus namens Divo errichtet, und 
beziehung zur geburtshilfe und zu heilzauber verschiedenster 
art gehört bekanntlich zum wesen aller mondgöttinnen ; was 
Diana und Artemis betrifft, welch letztere sogar den beinamen 
2!ojTeiQa führt, vgl. man Preller, Köm. myth. ^ 1,31 2 ff. und Griech. 
myth. 1,248. 

Erscheint uns somit das Volkstum der Gemiani cisrheriani 
schon in einem ganz anderen lichte, so werden wir gut tun, 
auch was die Beigen betrifft, uns Müllenhoffs ansieht nicht 
blindlings anzuschliessen. 

Dass die Kernen in Caesars zweitem kriegsjahre der mei- 
nung waren, dass ein grosser teil der Belgae von den Germanen 
^cis Rhenum* abstamme, konnte Müllenhoff füglich nicht ab- 
streiten, er glaubte jedoch s. 197 ihre behauptung aus ihrer 
damaligen Stellung zu den übrigen Beigen zum guten teil er- 
klären zu können. Allein zu Caesars zeit sowie später — 
vgl. BG. 6, 24 und Tacitus, Germ. 28 — galt es für ehrenvoller, 



DIE OKKMAXEN AM NIlODKKKHKrX. 109 

ein Germane als ein Gallier zu sein. Das was die Remen von 
den übrigen Beigen aussagten, ist also ein lob und nicht aus 
ihrer damals feindseligen Stellung zu diesen erklärlich, wohl 
aber um so glaubhafter, da es trotzdem ausgesprochen wird. 

Auch nach Tacitus, Germ. 28 waren Nervier und Trevern 
übertrieben stolz auf ihren germanischen Ursprung; ebenso 
galten dem Strabo (p. 194) nicht nur Nervier, sondern auch 
Trevern — s. Mttllenholf s. 201 — als germanische Völker. Da 
muss man doch fragen, was denn zu dieser ansieht anlass ge- 
geben haben könnte, wenn sie ein Irrtum wäre, und was uns 
überhaupt veranlassen kann, an ihrer berechtigung zu zweifeln 
und über die herkunft der in rede stehenden stamme besser 
unterrichtet sein zu wollen als diese selbst. Im gründe wird, 
wenn wir auf den ausdruck reQf4avt7c6v eß^voc bei Strabo nicht 
mehr gewicht legen, als er verdient, von ihnen auch gar nicht 
behauptet, dass sie Germanen seien, nur dass sie von solchen 
sich herleiteten. Sie haben demnach schon als keltisiert zu 
gelten. Und gegen die annähme eines ursprünglich germanischen, 
jedoch bereits keltisierten dementes unter den Beigen im all- 
gemeinen, den Nerviern insbesondere und unter den gallischen 
Trevern lässt sich nicht der geringste einwand erheben. Wenn 
die Beigen im allgemeinen von den übrigen Galliern durch 
grössere tapferkeit sich unterscheiden, die Nervier zumal nicht 
nur als die rauhesten unter allen Beigen gelten — s. BG. 2, 4. 
15 — sondern auch den ruf ihrer tugend in ihrem helden- 
kampfe gegen die Kömer durch die tat bewähren, und wenn 
ihre Staatseinrichtungen die erziehung des volkes in der richtung 
auf ein männlich kriegerisches ideal anstreben (s. BG. 2, 15), 
gerade wie bei den Germanen, und sie deshalb ihre grenzen 
gegen die einfuhr ausländischer waren absperren, ebenso wie 
die Sveben (s. BG. i, 2) in derselben absieht, der Verweichlichung 
vorzubeugen, wenigstens die weineinfuhr verbieten; wenn end- 
lich BG. 8, 25 auch die kriegstüchtigkeit der Trevern hervor- 
gehoben und von ihnen berichtet wird, dass sie ciilfu et feritate 
wenig von den Germanen verschieden seien, so sind das alles 
umstände, die zwar für sich allein die annähme germanischen 
Ursprunges der betreffenden stamme nicht begründen könnten, 
die aber, da dieser von ihnen selbst behauptet wird, allerdings 
aus ihm miterklärt werden dürfen. 



170 MITH 

'Dass die meisten Beigen von den Germanen trans Rhenutn 
abBtammen, also von den übrigen Beigen verschiedenen Ur- 
sprunges sein sollen und doch mit ihnen demselben volksstamni 
angehören', ist noch kein innerer Widerspruch, wie Müllenhoff 
8. 197 meint, da ja der name Belgae, wenn nicht von anfang 
an bloss ein politischer begriff, doch deutlich zu einem solchen 
geworden war und, wie wir gesehen haben, in verschiedenem 
sinne gebraucht wurde. Uebrigens braucht auch das plerique 
oder doch jener ausdruck, der diesem worte Caesars in dem 
berichte der Kernen entsprach, nicht. so verstanden zu werden, 
als ob ein teil der belgischen stamme germanischen Ursprunges 
gewesen sei, der andere nicht; vielmehr kann es sich auf eine 
in den einzelnen stammen vorhandene und zwar in manchen, be- 
sonders den näher am Rheine wohnenden, stärkere germanische 
Schicht beziehen. Eine solche kann aus eroberndem eindringen 
von Germanen ebenso wie aus friedlicher ansiedlung ger- 
manischer Söldner erklärt werden; wahrscheinlich fand eines 
wie das andere statt. Dabei würde sich auch, wenn die Ger- 
manen unter den Kelten verstreut lebten, eine rasche keltisierung 
am leichtesten begreifen lassen. 

Ganz ähnlich erklärt sich wohl die geschichte von der 
kimbrisch- teutonischen abkunft der Aduatuker. Fabel (wofür 
Zeuss s. 191 sie hielt) ist sie gewis nicht, da es ja zu Caesars 
zeit noch leute genug gab (vgl. BG. 1, 13), welche den einfall 
der Kimbern und Teutonen mit erlebt hatten. Andrerseits aber 
können sämmtliche Aduatuker, ein volk, das gegen Caesar 
19 000 mann ins feld stellt, unmöglich von den 6000 abstammen, 
die zur bedeckung des kimbrisch -teutonischen lagers zurück- 
gelassen worden waren, und ehe sie ruhe fanden, sich noch 
eine weile mit den nachbarvölkern herumschlagen mussten. 
^Die Wahrheit wird sein*, um mit Müllenhoff zu sprechen, ^dass 
der rest der zurückgebliebenen Cimbern und Teutonen mit ihrer 
bagnge endlich bei den Aduatukern oder den altern bewohnern 
der gegend aufnähme fand und mit ihnen verschmolz*. Es ist 
aber gar nicht einzusehen, warum eine hypothese, mit der sich 
Müllenhoff — obwohl er doch nicht nur die Kimbern, sondern 
auch die Teutonen noch für Deutsche nahm, — bei den Adua- 
tukern zufrieden gibt, nicht auch mutatis mutandis auf andere 
Beigen angewendet werden soll. 



DIE OEKMANEX AM NIEDEKKIIEIN. 171 

Das schlagendste seitenstttck zu den belgischen Germanen 
sind indes die Fenier Irlands nach dem was Zimmer Zs. fda. 
35 über deren Ursprung und bedeutung nachgewiesen hat Auch 
hier haben wir es mit einer art kriegerkaste zu tun, deren an- 
gehörige allmählich keltische namen und keltische spräche an- 
nahmen, aber die erinnerung an ihre herkunft fortbewahrten. 
Die alte politische und Stammeseinteilung Irlands bleibt dabei 
unberührt, abgesehen davon, dass in der gegend von Dublin 
ein eigenes selbständiges germanisches Staatswesen sich bildet. 
Mit diesem könnte man die Germatii cisrhenani vergleichen, 
wiewohl es auch von anderen stammen nicht ausgeschlossen 
erscheint, dass ihre bildung von Germanen ausgegangen sei. 
Keltische namen beweisen nicht das gegenteil; und wer könnte 
es auch mit voller bestimmtheit ausmachen, ob ein name wie 
Belgae oder Nervii nicht von haus aus germanisch ist? Was 
Belgae bedeutet, wird Kelten und Germanen bewusst gewesen 
sein, da es sowohl ein air. bolgaim 'ich schwelle', als ein ahd. 
belgan, mhd. beigen 'schwellen, zornig sein' gibt; vgl. Kluge 
EW.* 17 unter Balg, wo auch ein aind. barh 'gross, stark sein* 
angezogen ist. Aehulich verhält es sich mit dem namen ^er- 
vii. Dieser ist aus der uns bereits aus einer reihe germanischer 
volksnamen bekannten wurzel ner ebenso abgeleitet wie das 
gegensätzliche ahd. marawi, mvruwi aus der wurzel mar, mr. 
Die Nervii heissen also ^die tapferen', was sie ja auch sind, 
wie ihr todesmutiger widerstand gegen die Kömer zeigt, und 
wofür sie gelten; vgl. Caesar BG. 2, 15: reperiebat: .... esse 
homines feros magnaeque virtuiis. So ohne weiteres wird man 
darnach schon nicht mehr bestreiten dürfen, dass es germanische 
stammnanien unter den Beigen gebe. 

N^ Noch verdienen aber die Grudii, einer der von den Ner- 
viern abhängigen stamme, die uns Caesar BG. 5, 39 namhaft 
macht, in besonderem masse unsere aufmerksamkeit. Denn 
ihr name gehört doch wohl zum got. adj. usgrudja, das in der 
redensart wairpan asgrudja axxaxetv, 'mutlos werden, mut und 
kraft verlieren' belegt ist. Leider ist von diesem worte nicht 
bestimmt auszumachen, ob darin das us- verstärkende od»r 
ausschliessende bedeutung hat, was beides möglich ist. Wenn 
ersteres wie beispielsweise in usfilma wairpan (foßetod-ai eben- 
so hier der fall ist^ kommt auch einfachem grudja- die be- 



172 Mucii 

deutuDg 'kraftlos, mutlos' zu. Grudii : Nervii wären dann 
wideruni gegenstUcke, wie uns ähnliche schon widerholt unter- 
gekommen sind. 

Damit sind wir bei einem punkte angelangt, von dem aus 
uns der Germanenname selbst erst ganz verständlich wird und 
sogar Qber ort, art und Ursache seines aufkommens ein un- 
erwartetes licht sich verbreitet. Gegen seine deutung aus gall. 
*germänos yi^i^oiog wird von berufener seite kaum ein einwand 
erhoben werden. Es handelt sich nur noch um die frage, wieso 
die Gallier dazu kamen, ihre nachbarn mit einem derartigen 
namen zu bezeichnen. Als ein volk unvcrmischter rasse sind 
die Germanen allerdings auch den Kömern aufgefallen; vgl. 
Tacitus, Germ. 2: Ipsos Germanos indhjenns crediderim mini- 
meque aiiarum gentium advenUbus el hospHiis mLrtos\ und Germ. 4: 
Ipse eorum opinionibus accedo qui Germaniae poptiios nulUs aliis 
aiiarum nalionum conubiis infectos propriam et sinceram et tantum 
sui similem gentem extitisse arbitrantur. Vnde Habitus quoque 
corporumj quamquam in tanto numero, idem omnibus . . . Die bc- 
zeichnung 'die stammechten' wäre also auf sie ganz zutreffend, 
nur verlaugt sie naturgemäss einen gegensatz, wie denn auch 
Strabo, der p. 290 das wort Germani, dabei immer noch nicht 
so weit irre gehend als die modernen etymologen, für das 
lateinische adjectiv hielt, die namengebung also den Römern 
zuschrieb, als solchen die Gallier sich dachte. Es steht indessen 
unuinstösslich fest, dass der name von den Römern bereits vor- 
gefunden wurde. Und den Galliern wird man es doch nicht 
zumuten, dass sie sich selbst gewissermassen als die unechten 
hingestellt hätten, dadurch, dass sie für die überdies von ihnen 
stamm verschiedeneu Deutschen den namen 'die stammechten' 
aufgebracht hätten. Mau sollte also wegen seines inhaltes ver- 
muten, dass die Deutschen selbst sicli den namen beigelegt 
haben, wenn dem nicht wider der umstand zu widersprechen 
schiene, dass seine form eine undeutsche ist. Aber alles erklärt 
sich aus den belgischen Verhältnissen. Hier hatte eine unter 
die alte keltische eingedrungene deutsche bevölkerung der 
herschaft sich bemächtigt und gab nach und nach infolge des 
Verkehres mit den unterworfenen die deutsche spräche auf; 
der stanmiesgegensatz zu diesen blieb jedoch bestehen, ebenso 
die erinnerung an die eigene abstammung. Gerade dann aber 



DIE (JKUMAXKN AM xVIKDKKKIlRIN. 173 

lag fQr die eingewanderten Deutschen im nordosten Galliens 
ein grund vor, ihre Verschiedenheit von den Galliern zu be- 
tonen, als sie durch das allmähliche aufgeben des äusserlichen, 
S))rachlichen Unterschiedes in gefahr kamen, mit ihnen ver- 
wechselt zu werden. Fühlten sie sich gegenüber den Galliern 
als etwas besseres und galten sie es vielleicht diesen selbst 
— vgl. Caesar BG. 24: paulatim (Galli) assue facti superari multis- 
que vidi proeliis tie se quidem ipsi cum Ulis virtute comparant — , 
glaubten sie, wie ja noch die Nervier und Trevern zu Tacitus' 
zeit, durch ihre deutsche abstammung einer gloria sanguinis 
(Germ. 2S) teilhaft zu sein und bildeten sie tatsächlich den 
adel, das herschende dement im lande, so lag für sie nichts 
näher, als sich als Gennani, d. i. yvi]0ioi, von ihrer Umgebung 
zu unterscheiden. Von selbst musste sich dann dieser name 
auf die Ueberrheiner übertragen, die ja alle der gleichen ^un- 
verfälschten' abkunft waren, und er konnte auch für ein noch 
nicht keltisiertes dement auf dem linken Rhein ufer stammname 
werden, der sich dann, als solcher, selbst bei nachträglicher 
teilweiser kdtisierung desselben erhalten konnte. Zugleich mit 
dieser Übertragung des namens Germani auf alle, aucli die 
überrheinischen stammverwanten und mit dem augenblick, da 
Germani ein wirklicher volksname geworden war, man also 
auch von germanischer spräche im gegensatze zu gallischer 
geredet haben wird, musste natürlich aus der germana origo 
der plerique Delgae und der Treveri eine Germanica origo werden. 

Man sieht, wie viel doch von Tacitus' hypothese über den 
Ursprung des Germanennamens bestehen bleibt. Und gerade 
das was Müllenhoff s. 200 an ihr unwahrscheinlich fand, dass 
nämlich 'eine einzelne, siegreich vordringende volksschaar 
ihren eigenen namen auf ihre stammesgenossen übertragen und 
allmählich als gesammtnamen zu allgemeiner anerkennung bei 
freund und feind gebracht hätte' entspricht, wie sich nun heraus- 
stellt, doch dem Sachverhalt. 

Zur bestimmung der zeit, wann die germanischen nieder- 
lassungen in Belgien und im nordöstlichen Gallien überhaupt 
erfolgt sind, gewähren uns Caesar und Tacitus keine sicheren 
anhaltspunkte. Dass das nuper (Germ. 2) nicht auf ein erst 
vor kurzem vorgefallenes ereignis deuten muss, hat J. Grimm 
GDS. 7SG an beispiden gezeigt. An jener stelle ist der aus- 



174 Mvru 

druck recens et nuper addiium, womit der Germanenname be- 
zeichnet wird, überdies nur im zusammenhange mit dem vorher- 
gehenden zu verstehen. Den frQher aufgezählten alten namen 
{anüqua nomina) gegenüber, die nach Tacitus' meinung von 
göttersöhnen sich herleiten und somit in mythisches dunkel 
zurückreichen, konnte ein anderer als recens et nuper addiium 
gelten, wenn er nur überhaupt erst in geschichtlicher zeit auf- 
gekommen war. Auch könnte man ja annehmen, dass zwischen 
dem einfall der Germani-Tungri und der Übertragung ihres 
namens auf das gesammtvolk ein längerer Zeitraum verstrichen 
sei. Das recens ei nuper bezieht sich aber nur auf letzteres 
ereignis, könnte uns also im besten falle auch nur für dieses 
aufschluss gewähren. Zieht man andrerseits den ausdruck an- 
ilquHus in betracht, den Caesar mit bezug auf das eindringen 
der belgischen Germanen gebraucht, so werden wir dieses 
immerhin ein par Jahrhunderte vor beginn unserer Zeitrechnung 
zurückverlegen dürfen. Da übrigens der naroe Germanen erst 
auf der linken Kheinseite aufgekommen ist und die einwan- 
derung der Deutschen bereits voraussetzt, so muss diese vor der 
zeit erfolgt «ein, aus der uns der älteste beleg für ihn vorliegt. 
Bekanntlich werden uns von den römischen triumphalfasten 
Germanen als bundesgenossen der vom consul Marcellus (im 
jähre 222 v. Chr.) besiegten insubrischen Gallier namhaft ge- 
macht. Es geht nicht an, gegen den wert dieses Zeugnisses 
mit dem hinweis anzukämpfen, dass sowohl der von Livius 
und Polybius benutzte annalist, als auch der gewährsmann 
Plutarchs statt der Germanen nur Gacsaten nenne, denn in 
diesen beiden quellen erschöpfen sich doch wohl nicht die nach- 
richten, welche von den kämpfen des Marcellus der nachweit 
künde brachten. Auch schlicssen sich die bezeichnungen Gae- 
saten und Germanen keineswegs aus, ergänzen sich vielmehr, 
da ja anerkannter massen ersteres kein volksname, sondern ein 
appellativum ist, das eigentlich den 'speerträger* bezeichnet 
(Zeuss-Ebel GC. 52), weiter aber denjenigen, der mit dem Speere 
seinen erwerb sucht, den soldkriegcr: ein sinn, in dem das 
wort Polybius (2, 22) bekannt wurde und den Orosius bestätigt; 
vgl. MuUenhoft' s. 19'). Wenn Strabo p. 212. 210 den namen 
als volksnamen nimmt, so ist dies gewis nur ein — übrigens 
begreifliches — misverständnis. Es ist aber ganz in der ord- 



DIK OKRMAXKN AM NIKDKKRIIHIIN. 175 

nuDg und entspricht dem Charakter dieses denkmals, wenn uns 
gerade die fasten den eigennamen des besiegten Volkes nennen 
und nicht mit der bezeichnung der gegner nach dem gewerbe 
sich genügen lassen. 

Auch in der quelle, die Diodor benutzte, muss der name 
Germanen vorgekommen sein. Gelegentlich seiner kurzen er- 
Zählung (25, 13) der von Polybius ausführlicher geschilderten 
ereignisse vor der schlacht bei Telamon berichtet er uns nämlich 
von einem bündnisse der Kelten mit den Galatem: KeXrol öe 

[ihxä FaXaKüv xaru Poofiaicov jtoXsfiov dd^Qolcat^TSt; 

Galater bedeutet aber nach dem sprachgebrauche dieses Schrift- 
stellers soviel als Germanen, wie ganz bestimmt ans 5, 32 
hervorgeht, wo es heisst: ^XgrjOi/iotf ö'iötl öiOQloai xo jraga 
jtoXXolg ayvooviitvov ' xovg yaQ vxiQ MaoöaXlag xaxoixovpxag 
iv xdj fjisooyflcp xal xoig jraQa xäq jlXjftiq Ixt de xovq im 
xdöe xoiv IlvQTjpalcor oqcov Kekxovg ovofia^ovoi, xovg d'tjrtp 
xavxtjg x7]g Kfkxtxijg elg xd JtQog voxov (1. Ttgog agxxov: p. 
Niebuhr, Rom. gesch. 2^ 587 f. Zeuss s. 62. MQllenhoff s. 178) 
t^svovxa fUQi] naga xs xov cixtavov xal xo ^Egxvviov ogog 
xafhiögvfiivovg xal jrdirrag xovg i^fjgiiixgi x^g 2Lxvfhlag FaXdxng 
jrgogayogsvovöip ' ol de "^Pmfialot ndXtv jtdvxa xavxa xd f^i^y 
övXX/jßÖTjP fziä jrgogfjyogia ytegiXafzßdvovoiP, opofzd^opxsg FaXd- 
xag djtapxag. Und wenn auch Diodor an einigen stellen die 
bezeichnung Galater, dem gewöhnlichen gebrauche entsprechend 
als synonym mit Kelten anwendet, so kann dies doch nicht 
der fall sein, wo beide namen neben einander aufgeführt sind. 
Hier denkt Diodor sicher an leute aus dem von ihm früher 
beschriebenen gebiet der Galater, aus Germanien also. 

Endlich weist auch Properz 5, 10, 39, wenn er die feinde 
des Marcellus mit dem Rheine in beziehung bringt und ihrem 
führer Virdomarus eine Belgica parma zuschreibt, darauf hin, 
dass sie ihm sein gewährsmann als Germanen namhaft machte. 
Dies hat auch Müllenhoff nicht bestritten. 

Es ist natürlich möglich, dass die fasten, Diodor und 
Properz alle aus derselben quelle schöpften; es ist auch mög- 
lich, aber keineswegs ausgemacht, dass die quelle der fasten 
die annalisten der sullanischen zeit gewesen sind, wie Müllen- 
hoff 8. 195 will; aber dass diese aus den Gaesaten Germanen 
und aus der Rhone den Rhein gemacht hätten 'aus keinem 



176 MUC'ii 

anderen gründe als um des reizes der neuheit willen', ist denn 
doch unglaublich. Wir werden die Germani der fasten um so 
eher für echt halten, als auch später, wo immer uns sold- 
truppen in keltischem dienste begegnen, diese regelmässig Ger- 
manen sind. Von den Galliern haben ja auch die Römer 
durch Caesar die Verwendung germanischer söldner gelernt 
Und wenn Polvbius die Gaesaten von der Rhone statt vom 
Rheine kommen lässt, so ist ein solches misverständnis in einer 
zeit, in welcher der Rhein noch so gut wie unbekannt war, 
begreiflich genug. 

Wertvoll für unsere Untersuchung ist auch die Schilderung 
der Schlacht zwischen den verbündeten Gaesaten und Galliern 
und den Römern. Während die keltischen Insubern und Boier 
mit hose und sagum bekleidet in den kämpf gehen, entkleiden 
sich die Gaesaten völlig und treten so in die vorderste schlaeht- 
reihe: Ol /lev "jöOfjßQtg xal Bolot xäq dva^vQiöag txovrsg xai 
rovg tvjtsretg rcov öaymv jtsqI avrovc i^era^av ' ol de Fat- 
öatai, öid TS ttjp g)iXo6o^iat> xal t6 (hagoog ravt djto()Qliimi^' 
reg, yvfzvol (ler cwtqjv xojV ojcXcor, jtQonot rfjg dvrdfisoK 
xariartjOap (Polybius 2, 28). Nun lässt sich der gebrauch, 
nackt zu kämpfen, den wir bei den Germanen so häufig an- 
treffen, allerdings auch von Kelten belegen. Wenn es aber 
hier die Gaesaten durch das ablegen der kleider und durch 
die aufstellung im ersten gliede iliren keltischen waifen- 
gefährten zuvortun, die selbst anerkannt tapferen stammen 
angeboren, so sprechen diese beweise eines überlegenen helden- 
mutes für ihr germanisches Volkstum. Beachtenswert, wenn 
auch für ihr Germanentum nicht entscheidend, ist die aus- 
drücklich hervorgehobene Schönheit und jugendkraft der nackten 
Vordermänner, sowie ihr goldener arm- und haisschmuck, ofi'en- 
bar der riuggeldlohn für ihre kriegsdienste: 'KxjtXtxrixf) 
()* //i' xai TGjr yvf/vojv jtQOtoxcovxov dvÖQoJv i'jTt ijnq:dvtia 
x(u xirtjOtg (etwa ein wafl'entanz?), wg ilv öiafpsQomwv xaJg 
dxfiat^ xal xoTg tidtoi . lldvxeg d' ol xug JtQOJxag xaxixovTtg 
öJttiQug XQVöolg fzartdxaig xa\ jreQixslQOig ifiui> xaxaxtxoöfif]- 
fiiroi (Polybius 2, 29). 

Gewis sind die Gaesaten, von denen Polybius hier er- 
zählt, die im jähre 225 v. Chr. unter führung des Ariovistus 
und CoucolitanuK in Italien fochten, von denen unter Virdo- 



DIE QERMANKN vVM NIEDKUHHEIN. 177 

marus aus dem jähre 222 nicht stammverschiedeD. Und während 
die letzteren von den fasten, waren erstere, wie wir gesehen 
haben, von den quellen des Diodor als Germanen bezeichnet 
Aber germanische söldnerscharen kamen wohl früher schon 
nach Italien, da Polybius an einer stelle (3, 48), die sich auf 
die vorher erzählten GaesatenzQge ausdrücklich zurückbezieh t, 
von mehr als einem oder zwei AlpenUbergängen der Kelten 
von der Rhone spricht: ovx lOTOQ7]OavTsg yaQ öxi övfißalvsi 
Tovg KtXzovg xovq naQo. xov ^Podavov ytorafiov olxovvrag ovx 
cijtag ovdh 6ig jrgo rfjg l4vvlßov JiaQOvölag, ovdh fJTjV JtaXai, 
nQ00q>dxa}g 6i, ^ityaXoLg oxQaxomdotg vjtsgßävxag xäg üiXjtsig 
TiaQaxtxaxd-ai fiev * Pajfialoig , ovptjycovlo&ai dh KsXxotg xoTg 
jtSQl xov ndöov Jisdla xaxoixovöi, xad-äjitQ rj/ielg Iv xotg jtQO 
xovxcov iötjXmöafitv, Vielleicht sind also auch die von den 
Boierfürsten Atis und Galatas herbeigerufenen hilfstruppen, 
deren auftreten in das jähr 236 v. Chr. fällt — Polybius 2, 31, 3 
bezeichnet sie allerdings als ix xc5v jiljtscop Fakaxag, was 
indes aus seiner Verwechslung derBhone mit dem Rheine sich 
erklären wird — in Wahrheit Germanen. 

Ob aber die Gaesaten- Germanen aus Belgien oder un- 
mittelbar aus überrheinischen gegenden kamen, ist nicht 
gut auszumachen. Die belgica parma, welche Propertius 
ihrem führer beilegt, würde man doch höchstens für die 
meinung dieses dichters ins feld führen können, und selbst das 
kaum : denn hätte er diesen ausdruck in der absieht gebraucht, 
damit die herkunft aus Belgien anzuzeigen, so wären die 
werte Claudius a Rheno traiecios arcuit hostes nicht verständlich. 
Propertius wird doch gewusst haben, auf welcher seite des 
Rheines Belgien liegt Jedenfalls aber wurde Germani in der 
zweiten hälfte des 3. vorchristlichen Jahrhunderts schon als 
stamm- oder volksname gebraucht; man wird daher den einbruch 
der Deutschen in Gallien entsprechend früher ansetzen müssen. 
Und noch bevor sie den Rhein überschritten, werden sie sich an 
dessen rechtem ufer häuslich eingerichtet haben. Zu dem, was uns 
oben schon für ihre frühzeitige ausbreitung bis zu diesem 
Strome zu sprechen schien, gesellt sich damit ein neuer gruud. 

GROENINGEN, mitsommer 1891. RUDOLF MUCH. 



B«itrftge sur gMohiohte der deattohen ■prftohe. ZVU. 12 



GOTEN UND INGVAEONEN. 

INacb der Stellung, die Tacitus sowohl als ihre eigene 
stammsage den Goten einränmt, waren diese ursprfinglich die 
nächsten nachbam der Rügen nnd der lugischen stamme, standen 
aber auch von den nördlicheren Bastarnen nicht allzu ferne. 
Die bedingungen gleichartiger Sprachentwicklung waren also 
hier gegeben, umsomehr als von der grenze Mährens her durch 
lugisches gebiet hindurch zu den Goten und der bemsteinkdste 
ein lebhafter handelsTcrkehr bestand. Auch nach ihrem auf- 
bruch aus den alten Stammsitzen waren, von den westwärts 
abziehenden lugischen Burganden abgesehen, die Lugier, Goten, 
Rügen und Skiren in engerer Verbindung, zudem galt bei ihnen 
allen das gotische des Wulfila als kirchensprache und ihr 
Christentum war arianisch. Man sieht, wieso Procopius dazu 
kam, sowohl Vandalen (De b. Yand. 1, 2) als Skiren (De b. 
Goth. 1,1) und Rügen (De b. Goth. 3, 2) yorixä Idvri zu nennen. 
Grösseres gewicht ist aber auf diesen ausdruck schon deshalb 
nicht zu legen, weil derselbe gewährsmann, De b. Goth. 1, 1 
und De b. Yand. 1, 3 sogar die iranischen Alanen — doch 
höchstens wegen ihres gotischen Christentums und ihrer engen 
politischen Verbindung mit den Yandalen — mit unter die 
gotischen stamme rechnet. Dass in Wahrheit weder die Yan- 
dalen, noch die Skiren, noch die Rügen unter den begriff Goten 
fallen, liegt so klar zu tage, dass es gar nicht erst nötig ist, 
die gründe dafür besonders aufzuzählen. 

Es ist sogar fraglich, ob wir berechtigt sind, von einer 
vandilischen Völkergruppe zu sprechen und dabei Rügen und 
Goten mit einzubegreifen. Die eigene sagenQberlieferung der 
letzteren stellt sie schon in ihrer urzeit und in ihrer alten 



GOTEN UND INGVAEONEN. 179 

heimat an der unteren Weichsel zu den Ulmerugen und den 
Vandalen in gegensatz. Nachdem eben Ton ihrer einwanderung 
aus Scandza die rede war, heisst es von ihnen bei Jordanes 

c. 4 weiter: unde mox promoventes ad sedes ülmerugorum, qtd 
iunc Oceani ripns insidebant, castra melati sunt eosque commisso 
proelio propriis sedibus expuierunt eorumque vicinos Vandalos iam 
iunc subiugantes suis applicavere vicioriis. Nachbarn der Rügen 
waren die Vandalen in dem späteren eingeschränkten sinne 
dieses namens gar nicht^ und umsoweniger empfiehlt es sich, 
hier schon diesen vorauszusetzen. Auf der anderen seite steht 
freilich das Zeugnis des Plinius, der UN. 4 § 99 die Guiones als 
einen teil der Vandili aufführt. Was dagegen Rügen und 
Lemovier betrifft, wird sich gar nichts beibringen lassen, was 
fQr ihre zugehör zu den Vandalen sprechen könnte. Auch die 
Goten bilden mindestens unter diesen eine besondere gruppe; 
denn zu den Lugiern gehören sie auf keinen fall: vgl. Tacitus, 
Germ. 43: tUtra Lygios Gotones regnaniur. Und wenn ihre 
stammsage Scandza als ihre älteste heimat angibt, aus der sie 
zu schiflf über das meer gekommen seien, so verdient sie um- 
somehr glauben, als in Skadinavien selbst — gegenüber der 
Weichseim Qndung — ein stamm namens Goten, altn. Goiar^ 
fortbesteht, derjenige, von dem die insel Gotland, altn. Gotland, 
Goiaveidi, den namen hat. 

lieber die bedeutung des Gotennamens weiss Wrede, Spr. 

d. Ostg. 44 nichts besseres zu sagen, als dass, wer die Zeuss- 
Grimmsche deutung der * Wandalen' als der 'umherziehenden' 
annehme, auch gegen die 'Goten' als die ^ausgebreiteten' kein 
bedenken haben werde. Wir haben indes jenen 'umherziehenden 
Vandalen' schon ein für alle mal den laufpass gegeben und 
können uns daher auch mit den ^ausgebreiteten Goten' nicht 
weiter befassen. Aber schon Lettner KZ. 5, 154 war auf dem 
richtigen wege und irrt nur, wenn er durch aisl. goti 'hengst' 
verleitet für den namen Goten sowohl als auch für das aisl. 
appellativ gofnar, das in poetischer spräche ^männer, beiden' 
bedeutet, eine ältere bedeutung 'hengste' voraussetzt und für 
das gleichnis an aisl. jgfurr ^ fürst' erinnert. Der hengst ist 
möglicherweise als der 'besprenger' ^oa' genannt: vgl. aisl. ^o/a 
in dem sinne 'to spawn', got n. 'spawning', gota, u f. 'spawn', 
gotrauf f. ' the spawn hole in female codfish or salmon ', goiungr 

12* 



180 MÜCH 

m. 'youDg fish, fry' (Cleasby-Vigfüsson 202. 209); wahrschein- 
licher aber ist das wert, das nur bei skalden belegt ist, wie 
Bugge, TolkniDg af runeskriften pä Rökstenen 136 f. annimmt, 
von haus aus der eigenname Ton Gunnars ross und als solcher 
vom Yolksnamen ausgegangen. Aber auch wenn die andere 
erklärung die richtige sein sollte, wird dasselbe wort unmittel- 
bar zur bedeutung 'zeugungskräftiger mann' gelangt sein, wie 
denn auch norweg. gut 'junger mann, bursch' und aisl. gaiüar 
unter anderem 'viri' (Egilsson 226) bedeutet; und wenn 05inn 
nicht nur Gautr Gauti allein, sondern so wie aldafatiir so auch 
aidagauir heisst, worin der erste teil der gen. plur. von old ist, 
bezeichnet ihn dieser name wohl als den 'schöpfer', den 'er- 

; zeuger der menschen'. Somit sind sowohl Goten als Gauten 
durch ihren namen als die .^ zeugungskräftigen' gekennzeichnet, 

' sofern ihnen derselbe nicht etwa erst in dem sinne 'männer, 
beiden' beigelegt wurde. Eine namensform got. Gudans oder 
Gupans hat es nie gegeben; aisl. Goöpjöb ist, wie Heinzel 
Hervararsaga 76 (WSB. 1887, 490) gezeigt hat, in folge von 
tonlosigkeit der ersten silbe aus GotpjdÖ entstanden. 

Wenn uns Ptolemaeus2, tl, 16 als die beiden südlichsten 
Stämme der grossen Uxavöla die Povrai und die Aavxlcavec 
namhaft macht, so wird man dabei an die Gauten und Dänen 
zu denken haben. Zeuss s. 158 hat kühn genug Aavxlcoveq in 
2xa7>6la>vBq ändein wollen; allein dieser name, dem got. ga- 
dauka 'hausgenoss' zur seite steht, ist zweifellos sehr gut über- 
liefert. Umsomehr kommt es in frage, ob man rovrai unter 
Voraussetzung eines nicht recht begreiflichen fehlers in Povrai 
ändern darf. Wenn es neben dem appellativ *gauiaz (=aisl. 
gautr, ahd. -göz und ags. -geaf in namen) ein gleichbedeutendes 
*gütaz (= norw. gut) gegeben hat, wird eben auch ein volk 
^Gauiöz und * Gütöz geheissen haben können; ja selbst die 
möglichkeit eines parallelnamens *Gulöz neben *Gautöz kommt 
in betracht Für die festländischen Goten ist es mindestens 
wahrscheinlich, dass sie * Gutatis und ^ 6^u/c)^ geheissen haben ; 
aber freilich lässt sich die letztere namensform nur mit Sievers 
in Pauls Grundr. 1, 407 aus den in späteren griech. und lat. 
quellen herschenden formen FotO^oij Fod^ot und Goti, Gotti, 
Gothi, keineswegs aber mit Wrede, Spr. d. Ostg. 46 auch aus 
got Gutpiuda und aus dem neben Gotna vorkommenden genitiv 



GOTEN UND INGVAEONEN. 181 

Goia von aisl. Gotar erschliessen. Wenn wir aber auch fbr 
jene Povrai bei *Gütöz stehen bleiben, so zeigt sich doch 
damit schon, dass es hier so wenig wie bei den *Puronez, die 
auch *Ermnndtiröz und *Ptiringöz hiessen, oder bei der gotischen 
Unterabteilung der *Greufungds, * Grauiungös oder *Grutungds 
(s. Wrede, Spr. d. Ostg. 49) auf eine feste form des namens, 
sondern dass es vielmehr auf den begriff desselben ankam. 
Und sollten nicht sowohl * Gautöz und * Güiöz als auch * Gu- 
tonez und * Guföz ursprünglich alles namen ein und desselben 
Stammes gewesen sein? Als sich teile desselben, von den 
übrigen durch das meer geschieden, selbständig entwickelten, 
konnte die mehrheit der vorhandenen namen leicht verwendet 
werden, um unterscheidende bezeichnuDgen zu schaffen. Diese 
erwägungen führen darauf, dass es nicht notwendig die Goten 
auf Gotland, sondern dass es möglicherweise die Gauten waren, 
von denen die Weichselgoten ausgiengen. Und vielleicht stehen 
gar die gotischen Greutungi mit den Evagreoiingi des Jordanes 
in Zusammenhang, die Müllenhoff, der (s. 63 f.) ihren namen 
aus dem verderbten Evagre (Hingis der hss. hergestellt hat, im 
Süden des Wettersees ansetzt. 

Dies hätte allerdings zur Voraussetzung, dass das gotische 
gosammtvolk schon in seiner skadinavischen Urheimat in 
mehrere stamme zerfiel und zwar ganz oder teilweise dieselben, 
die uns nachmals an der Donau und am Pontus entgegen- 
treten. Plinius, Tacitus und Ptolemaeus sprechen allerdings 
nur von Goten schlechtweg; aber wer wollte daraus schon 
folgern, dass die Stammeseinteilung dieses volkes zu ihrer zeit 
noch nicht bestand? 

Wie viele Gotenstämme wir zu unterscheiden haben, lehrt 
die sage, wenn sie von drei fahrzeugen erzählt, auf denen die 
überfahrt aus Scandza erfolgt sei und aus deren einem, das 
zuletzt das ziel erreichte, die trägen Gepiden hervorgegangen 
seien. Aus den beiden anderen schiffen hat man offenbar die 
Tervingen (Visegoten) und Greutuugen (Ostrogoten) hergeleitet 
Der bestand eines vierten Gotenstammes ist aber dadurch aus- 
geschlossen. Keinesfalls wird man also die Taifalen (oder 
Thaifalen?) mit Müllenhoff s. 91 als solchen zu betrachten 
haben, vielmehr als eine lugische oder bastarnische abteilung. 
Auch die a.a.O. vorgetragene erklärung ihres namens, den sie 



182 MÜCH 

ohne zweifei nach ihrer niederlassung in der 'dakischon ebene' 
erhalten haben sollen^ ißt in hohem grade bedenklich. 

Wenn uns Jordanes c. 17 den namen Gepidoios A.,\.'aujds 
(MüUenhoff 8. 365) überliefert, so sind wir dadurch über die 
sitze der Gepiden wenigstens einigermassen unterrichtet. Ueber 
die Stellung der Ostrogoten und Yisegoten würden uns ihre 
namen aufklären, wenn es sich nur erweisen Hesse, dass sie 
schon an der unteren Weichsel aufgekommen sind. Auch die 
frage y wie weit sich dort der germanische bereich nach osten 
hin erstreckte, bleibt vorläufig unerledigt, bis uns etwa funde 
eine aufklärung bringen. Von den Aussen im osten der 
Weichsel ist Guthaius bei Plinius 4 § 100 entschieden von den 
Goten benannt, ^wenn auch nicht gerade nach ihrem volks- 
namen', wie MüUenhoff s. 209 mit recht betont Der name 
setzt ein zu giuian gebildetes adjectiv got. ^guials, germ. ^gut- 
alaz voraus, bis auf den unwesentlichen suffixablaut dasselbe, 
das dem isl. guila 'to gurgle, used of tbe noise made by a 
liquid when shaken in a bottle' (Cleasby - Vigfüsson 221) zu 
gründe liegt. Den namen ÄQOvog bei Ptolemaeus 3, 5, 1 hat 
MüUenhoff s. 351 durch hin weis auf aisl. hrynja 'herunterfallen' 
von gewässern 'herabstürzen, strömen', ahd. runen, mhd. rünen 
befriedigend erklärt. Er ist entweder ebenso wie Guthaius ein 
deutscher name für den Pregel oder Gulhalus und Xgovog 
verteilen sich auf Pregel und Alle. 'Povöojv, bei Ptolemaeus 
der name des nächst östUchen flusses nach dem XQovogy 
also ohne zweifei der Memel, bedeutet so viel als 'der rote'; 
doch ist es nicht entscheidbar, ob das wort gotisch oder aistisch 
ist; vgl. lit. rudas ^rotbraun' und das seiner gestalt und seinem 
Ursprünge nach mit 'Povöcov völlig zusammenfallende lit rudü 
'herbst', anderseits aber mhd. rot 'rot', roten 'rot werden' 
(neben rot und r6ten\ ahd. rutichön 'rötlich sein', ags. rudu 'röte' 
rudig 'rot'. Wenn der rechte und bedeutendste mündungsarm 
der Memel lit. Rusne heisst, darf man deshalb ^Povöoiiv nicht 
in 'Povccov ändern wollen. Gleichwohl wird zwischen beiden 
namen ein Zusammenhang bestehen, denn auch Rusne ist kaum 
etwas anderes als 'der rote' oder 'der rostfarbene'; vgl. lett 
rüsa 'rost', ahd. rosamo 'ruber, aerugo, lentigo' und got *W- 
rusnjan 'verehren' (Kluge EW.* 284), das ist wohl 'rot werden 
vor jemandem'. Wenn aber auch von den Goten vieUeiebt 



GOTEN UND INGVAEONEN 183 

aU8 ihrer eigenen spräche verstanden, sind Rusnc und ^Povöojv 
von haus aus wohl eher aistisch; befand sich doch die bern- 
steinkttste nach Tacitus , Germ. 45 in den bänden der Aisten, 
nicht in denen der Goten; vgl. MQllenhoff 8.19. 



Grenze der Goten gegen westen ist bei Ptolemaeus die 
Weichsel. Ueberschreiten wir diese in der angegebenen richtung^ 
so stossen wir bei ihm an der meeresküste zunächst auf das 
Volk der 'PovxlxXeioi, dessen sitze er (2, 11,9) als zwischen 
Oöiadova und Oviarovka gelegen bestimmt Wenn andrerseits 
die gotische wandersage bei Jordanes c. 4 von kämpfen der 
Goten mit den Ulmerugi, d. i. Inselrugen auf den Weichsel- 
holmen (MQllenhoff s. 5), berichtet, und Tacitus, Germ. 43 nach 
den Goten längs des Oceans Rugii et Lemovii aufzählt, so 
leuchtet es ein, dass unter jenen ^PöxrclxXeioi Rügen zu ver- 
stehen sind. Dazu kommt, dass Ptolemaeus in ihrem gebiet, 
wenn auch hart an dessen westgrenze, einen ort ^Povyiov an- 
setzt. Wenn dagegen Zeuss s. 154 die Rügen in den Ueiöipol 
{^idivol) des Ptolemaeus widererkennen möchte, die doch an die 
Goten gar nicht hinanreichen, hat dies lediglich darin seinen 
grund, dass er den namen 'PovrlxXeioi mit dem der später neben 
den Rügen auftretenden Turkilingen verbinden zu dQrfen glaubt. 
Aber die dabei vorausgesetzte zweimalige buchstabenumstellung, 
durch die ^Povtlxkeioi aus * TovqIxXbioi und dieses aus 
* TovQxlktioi entstanden sein soll, ist wenig wahrscheinlich; 
und wie wäre zudem der auslant in *TovQxlleioi gegenüber 
Turcilingi zu beurteilen? POYTIKAEIOI ist doch sicher aus 
POYriKAElOI verderbt und zeigt uns den anderen gebräuch- 
licheren namen des Volkes mittels eines deminutivsufSxes weiter- 
gebildet: zu germ. *Bugiz verhält sich *Rugikliö gerade wie 
alts. nessikR 'wttrmchen' zu nesso 'wurm' oder ahd. gensiin)- 
kii{n) 'gänschen' zu gans; über die ableitung s. Kluge, Nom. 
Stammbild. § 63. Dass die antike Umschrift dem namen nach 
dem vorbilde anderer volksnamen masculine endung gab, ist 
nicht auffällig. Durch das Verständnis seines Suffixes ist uns 
auch seine deutung insoferne erleichtert, als er, wenn er der 
Verkleinerung fähig ist, nur substantivischer, nicht adjectivischer 
herkunft sein kann. Ags. JIoimry{g)um Widsi5 21 (dem freilich 



184 HUCH 

Rugum 69 gegenttberstebt), altn. Rygir, langob. Rugiland sebeinen 
auf eioen f-stamm *Riu/i- biDzuweisen. Der volksDame in 
seiner einfacberen gestalt würde sieb dann völlig decken mit 

ftgs- n/S^9 ^°S'* n/^> ^^^^' ''^^ 'roggen', aber aueb aliein mit 
diesem werte. Dadurch wird er frei lieb nocb nicbt verständlicb, 
allein das verwante lit. rug^s bedeutet 'roggenkom' und erst 
im plural {rüget) 'roggen', so dass auf germ. und slav. seite 
— vgl. slav. ruzi *roggen' — eine bedeutungsentwickelung 
äbniicb wie bei unserem körn vorliegen dürfte. Ein volksname 
des Sinnes 'die körner' und 'die körnlein' ist allerdings nocb 
immer sonderbar; aber vielleicbt bat eine gescbicbte dazu ge- 
hörty die ihn uns verständlich machen wttrde. Je seltsamer er 
übrigens ist, desto unwahrscheinlicher ist es, dass er in Deutsch- 
land und in Norwegen selbständig aufgekommen ist; vielmehr 
werden die Rugii an der Weichsel und die Rygir am Bukke- 
Qord nur durch Wanderung getrennte teile eines und desselben 
' Volkes sein, über dessen ältere sitze wir freilich ganz im un- 
klaren sind. 

An die ^Pov{y)lxXBioi scbliessen sich auf der ptolemaeiscben 
karte in der richtung gegen westen die 2l6ivoI und weiterbin 
die ^agaöeivol oder ^oqoöeivoI an. Beide stamme sind unter 
sich und von ihren nachbarn durch fltisse geschieden: fzträ ök 
tovg Ud^orag dxo xov Xakovoov jtotafjiov fitXQ^ ^^^ Sovt)- 
ßov Jtorafiov ^aQaöeivol, elra Stöivoi (iBXQi tov Oviadova 
j€OTafJoi, Tcal fier^ avrovg ^PovtlxXeioi (lixQ^ ^^^ OviCtovXa 
jtorafiov. Sowie der letztgenannte fluss ist auch der 2oüijßog 
jtorafiog sofort bestimmbar, und zwar als die Oder, da seiner 
2, 11, 8 als des grenzflusses zwischen Semnonen und Burgunden 
gedacht wird, was nicbt gut auf einen unbedeutenderen kttsten- 
fluss passen würde. Auch die gradangaben für seine mündung 
im Verhältnis zu denen für die Weichselmündung und für die 
einbucbtung an der ostseite der kimbrischen halbinsel sowie 
seine ins 'AoxißovQyiov OQog fallende quelle erweisen ihn als 
die Oder. Sein name macht jedoch Schwierigkeiten. Denn 
die Oder ist gar nicht ein Svebenfluss xar' igo;^^r, weit eher 
noch ein vandalischer, da nur an ihrem mittellaufe, dort wo 
sie das gebiet der Silingen verlässt, etwa von der mündung 
des Bober an, svebische Semnonen ihre anwohner sind, übrigens 
nur an ihrem linken ufer. Auch dass es 2!ovfjßog und nicht 



GOTEN UND INGVAEONEN. 185 

2Jovi]ßixdg Jtorafiog hcisBt, befremdet auf den ersten blick und 
bringt uns fast dabin, den namen unmittelbar aus dem verbal- 
adjectiv *swcehiz, also als 'den schläfrigen', zu verstehen, was 
ja kein unpassender sinn viräre. Allein, wenn uns auf 
der Tab. Peut ein fl. Patdbus an stelle der Waal begegnet, 
werden wir an der form des namens Uov^ßog Jtorafiog schon 
nicht mehr anstoss nehmen, und was die irrtümliche benennung 
des flusses nach den Sveben betrifft, so ist an das mare Suehi- 
cum, d. i. die Ostsee, bei Tacitus, Germ. 45 und an den Otk- 
veöixog xokjtog bei Ptolemaeus 3, 5, 1 zu erinnern. 

Oviadova und Xakovcog dagegen waren auf der ptole- 
maeischen karte sicher nur als küstenflttsse eingetragen, da sie 
nirgends bei bestimmung der läge weiter landeinwärts wohnender 
Stämme benützt sind und auch über ihre quellen nichts ver- 
lautet. Beide namen sind wohl nur, weil sie grenzflUssen zu- 
kamen, den alten bekannt geworden. Und zwar wird man 
bei der Oviadova^ deren mündung nach den gradangaben 
zwischen die des 2!ovijßog und des OviöxovXa jcovafiog, aber 
etwas näher bei letzterer angesetzt ist, an Grabow, Wipper 
oder Persante zu denken haben. Dass sie widerum die Oder 
selbst, oder gar deren name aus älterem Viadua, ^Wiadwü von 
den Slaven umgeformt sei, wie unbegreiflicher weise MüUenhoff 
8. 209 und Zeuss s. 16 vermuten, ist bestimmt abzuweisen, weil 
nicht die geringste spur vorhanden ist, dass die angaben des 
Ptolemaeus über die germanische Ostseeküste und ihre Völker 
mehrere ineinander geschobene diathesen darstellen, üer name 
des XaXovoog ist an zwei stellen überliefert und hat, verglichen 
mit flussnamen wie Filusa^ Suulmusa, ein allzugut germanisches 
aussehen, als dass man dabei mit MüUenhoff s. 212 an Ver- 
derbnis aus *Xaßovkog denken möchte; ja vielleicht ist er 
geradezu eine entsprechung zu dem italischen flussnamen Calore, 
lat. Calor, d.i. 'der warme fluss'. Seine gleichsctzung mit der 
Havel würde aber auch allem widersprechen, was wir sonst 
von ihm wissen. Das gilt übrigens ebenso von den versuchen, 
ihn für die Eider oder die erst nach dem ort Haie benannte 
Halerau auszugeben: mündet er doch bei Ptolemaeus in die 
Ostsee. Da sein name eine anknüpfung an einen fortlebenden 
flussnamen des in betracht kommenden bereiches nicht gestattet, 
sind wir ausschliesslich auf die gradangaben angewiesen, durch 



1 86 MUCH 

die Ptolemaeus seine mündung beBtinimt, wobei aber in betracht 
kommt, dass diese in den verhältnismässig am besten ge- 
zeichneten teil seiner karte von Germanien fällt Nach diesen 
gradangaben aber, oder vielmehr nach ihrem Verhältnis zu 
denen flir die 2!ovrjßog, d. i. die Odermündong, und die 
jTQoc; drccToXag ijtiöTQo^rj an der basis der kimbrischen halb- 
insel ist der XdXovaog Jtoxanoq unschwer als die Wamow zu 
erkennen. 

Die Wohnsitze der ptolemaeischen ^löivol und ^oqüösivoI 
sind also recht gut bestimmbar. Es fragt sich nur, wie sich 
die Lemovli des Tacitus zu ihnen verhalten. Von vornherein 
kommen dabei verschiedene möglichkciten in betracht* Ent- 
weder sind die Lemovü dasselbe wie die ^aQadeivol oder sie 
umfassen auch die ^idivol oder gar auch noch die kleineren 
Stämme, die Ptolemaeus im norden der Semnonen namhaft 
macht, wobei natürlich von den Tevroveg abzusehen ist. Welcher 
von diesen fällen vorliegt, wäre leicht zu entscheiden, wenn 
sich für die ^aQaöeivoi bei Tacitus anderswo ein unterkommen 
fände. Von seinen Nerthusvölkem hat freilich keines mit ihnen 
etwas zu tun, wie eine eingehende Untersuchung über diese 
noch ergeben wird. Es könnte aber sein, dass sich das macht- 
gebiet der Semnonen zu Tacitus zeit bis an die Ostsee aus. 
gedehnt hatte, und dass er deshalb die Völker im norden von 
ihnen unter ihrem namen mit cinbegreift, gerade wie die 
Farmen, Ädraben, Rakaten und Baimen unter dem namen der 
Markomannen und Quaden. Schliesslich kann auch ohne solchen 
grund ein stamm übergangen sein. Sind doch auch die Tu- 
bauten, Chattuarier (Marsen) und Ampsivarier in der Germania 
des Tacitus nicht erwähnt, von Dänen und Gauten nicht zu 
sprechen. 

Dass die namen ^aQadeivol bei Ptolemaeus und Suardones 
bei Tacitus und auch die beiden stamme selbst trotz Zeuss 
s. 154 und J. Grimm GDS. 470 f. nichts mit einander gemein 
haben, bedarf wohl keiner längeren auseinandersetzung. Nicht 
viel besser freilich steht es mit Möllers versuch, Ae. volksepos 
27 f. die ^agaöeivol als die Headobearden des WidsiÖliedes 
und eine Unterabteilung der taciteischcn Langobarden zu er- 
ym^fJUHl^ Der name der HeaSobearden ist nur im gen. plur. 

(WidsiÖ49. ßeowulf 2032. 2037. 2067) über- 




GOTEN UND INGVAEONEN. 187 

liefert, woraus uDbodenklioh ein nominativ Heabobeardan zu 
folgern ist, schon darum, weil ^ Beardan 'die bärtigen' be- 
deutet, also einen annehmbaren sinn gibt, während eine bildung 
Beardnas nicht recht verständlich wäre. Offenbar aber glaubt 
Möller durch ansetzung des nominativs ffeabobeardnas den 
^aQadeipol auf halbem wege entgegenkommen zu können. 
Diese selbst nimmt er für BaQÖit^ol, da Ptolemaeus auch 
^Qovyovvöicoveg für BovQyovvöicoveg schreibe. Darauf dürfte 
man sich aber nur berufen, wenn gezeigt werden könnte, dass 
dies wirklich der fall ist. Nach dem was bereits oben s. 40 ff. 
bei besprechung dieser namen gegen die möglichkeit einer 
Umschrift von germ. ^ durch lat./; griech. 9) vorgebracht wurde, 
kann auch ^aQaöeivol nur germ. * Faradinoz widergeben, es 
sei denn, dass dabei ein fehler der Überlieferung vorliegt 
An die möglichkeit eines verderbnisses ist aber höchstens bei 
dem inlautenden A zu denken, das für A verschrieben sein 
könnte. Und neben ahd. wanchaHn, luogaiin, folgdUn, ags. hellen 
und zahlreichen anderen ähnlichen bildungen (s. Kluge, Nom. 
Stammbild. § 200), wäre in der tat ein germanisches ^faralinaz, 
oder — da neben ^aQaöeivol eine gleichwertige lesart ^agoöeivol 
vorkommt — *farultnaz mit derselben bedeutung wie das l 
einfachere 9A%\.foriUl, d. i. M-ambling, strolling about', sehr wohl/ 
möglich. Aber auch einer bildung *faradlnaz wird man schonj 
wegen got. Uuhadeins gut germanisches ausseben nicht abstreiten/ 
können. 

Die beobachtung, dass namen von nachbarstämmen mittels 
desselben Suffixes gebildet sind, die wir schon bei den Teurisci : 
Cherusci, 2ovÖHVoi : Bateivol, Tenet eri : Bructeri, Baiavi: 
Chamavi gemacht haben, bestätigt sich bei den ^agadeivol und 
2i6ivol aufs neue. Und offenbar entspricht auch hier wie in 
den vorgenannten fällen, soweit wir zu einem Verständnis der 
namen gelangen konnten, der formellen eine bedeutungs- 
beziehung. Wer darum mit Zeuss s. 154 Siöivol von Ma 'seite, 
küstenstrich' ableitet, wird auch in ^aQaöeivol den hinweis 
auf einen ortsbegriff suchen müssen. Dass sich ein solcher in 
einer ableitung aus der wurzel far leicht entwickeln kann, 
zeigt unser /urt und aisl. fjqrbr, ja selbst das holländische 
vaart, das unter anderem ^kanal, graben, fahrwasser' bedeutet 
An Qordähnlichen meeresarmen sassen die <^aQaÖ€ivol zwischen 



1 88 MUC-H 

Warnow und Oder in der tat, und das könnte uns noch mehr 
in der Vermutung bestärken, dass ihr name wesentlich dasselbe 
ausdrticke wie der norwegische rolksname Firöir. Allein zwei 
namen, von denen der eine ^kQstenanwohner', der andere 
*anwohner des fahrwassers' bedeutet, sind schlechte gegenstücke. 
Zudem fehlt es innerhalb des germanischen nahezu vollständig 
an anderweitigen belegen f&r eine Verwendung des sufSxes 
'Ina', um örtliche Zugehörigkeit auszudrücken, denn von Peucini 
üevxlvoi Otvxn'oij dessen sinn gewiss 'bewohner der insel 
Peuke' ist, steht es, da der name dieser insel selbst sieberein 
fremder ist, bei weitem nicht fest, ob wir es dabei mit einer 
germanischen Wortbildung zu tun haben. Einzig die Xaidsivol 
bei Ptolemaeus 2, 11, 16, aisl. Ueitinir Hemir sind zweifellos 
bewohner der ffeibmork oder Heiiir und müssen diesen namen, 
wie sein d gegen /> in got. halpi zeigt, sogar schon vor durch- 
fübrung des germ. accentes erhalten haben. Ganz sicher ist 
aber der fall auch nicht, denn HeiÖnir Helnir und *Haidinöz 
stimmt nicht gut zusammen: vielleicht gebt also Xaideivoi 
zunächst auf lat. Chaedini zurück, das selbst wider an stelle von 
Chaednii getreten sein könnte, geradeso wie Dulguhini bei Tacitus 
an stelle von DulgubniL — Wenn aber gegenüber diesem 
zweifelhaften und jedenfalls vereinzelten falle zahlreiche germ. 
adjective auf -m und -atin moralische bedeutung zeigen, so 
wird man auch in gleichgebildeten germanischen volksnamen 
zunächst eine solche in anschlag bringen müssen. Und sind 
wir nicht etwa irre gegangen, wenn wir oben s. 136 in *^- 
donez den sinn Mie friedfertigen' vermuteten, so dürfen wir 
auch *Sidinöz ebenso verstehen. * Faradinöz *Farudinöz (oder 
* Faraiinöz * Farutinöz) aber kann leicht *die reisigen, kriege- 
rischen' oder 'die reisläufer' bedeuten: nach was für fahrten 
sollten sie auch sonst benannt sein als nach raub- oder kriegs- 
fahrten ? 

Schwierigkeiten bereitet uns auch der name Lemovii bei 
Tacitus und zwar zumal seines Suffixes wegen, das in dieser 
form nicht wohl gerraaDisch sein kann. Ein ausgang -evii oder, 
was aufs selbe hinauskommt, 'ivii, wäre dagegen nicht be- 
fremdlich; man vgl. Gamhrivii und Hilleviones; denn auch 
letzteres ist wohl nur ein schwachformiges adjectiv, germ. 
* ületvjonez , das sich zu aisl. illr * schlecht' verhält wie Garn- 



GOTEN UND INGVAEONEN. 189 

brwii zn SLhd.gambar: der gesammtname fUr die skadiDavischen 
Germanen stellt sich damit als Spottname den namen Ltigii, 
Vandali, Suebi unmittelbar an die seite. Ihren ausgang nimmt 
die ableitung -ewja- {-iwja-) vermutlich von t^-stämmen; man 
vgl. die griech. movierung yXvxsTa *yXvxi/ia zu yXvxvg. Da- 
neben konnten aus anderen formen des ursprünglichen paradig- 
mas der adjecti vischen u-stämme, etwa einem nom. acc. plur. 
gen. neutr. auf -e/vö auch formen wie got. Itisiws 'schwach', 
also it^-ableitungen mit mittelvocal e ohne secundäre/a-ableitung 
entspringen. Deshalb brauchen übrigens nicht alle derartigen 
bildungen wirklich auf u-stämme zurückzugehen, da das suffix 
innerhalb gewisser bedentungskategorien prodnctiv geworden 
sein kann. Viel zahlreicher als im germanischen sind ver- 
wante ableitungen im keltischen, wo indessen -etiiO' durch 
'OuiO' vertreten wird, geradeso wie uns hier neuio- *neu' in 
der regel in jüngerer gestalt als nouio- begegnet: vgl. Brug- 
mann, Grundr. 1,57. Ist also auch Lemovii in seinem snffixe 
gallischen namen wie Lexovii, Segovii u. a. m. (Zeuss-Ebel GG. 
784) angeglichen und sollte es eigentlich Lemevii lauten? Wenn 
germanische compositionsglieder in eigennamen wie Hapu-, 
Baja-, -rtk in lateinischer Umschrift durch gallisches Catu-, 
Boio-, -rtg- ersetzt wurden, warum nicht auch einmal eine 
germanische ableitung durch die ihr entsprechende und ge- 
läufigere gallische? Was die Wurzelsilbe betrifft, sei an kilämo 
'frequenter' Pa. 190, 23 und manlämi 'menschlichkeit' N. Bo* 
102^ erinnert, aus denen Eögel , Zs. fda. 33 , 24 mit recht auf 
eine ablautende nebenform zu ahd. -luomi geschlossen hat. 
Aus einem werte, das 'frequens' bedeutete, ist ein volksname 
allerdings noch nicht gut zu verstehen; der in einer reihe von 
Zusammensetzungen wie ags. andloman 'utensilia, vasa', ags. 
geloman 'suppellex, instrumenta', ags. gelöme, ahd. glluomo 
^frequenter', 2^\lA. gasiliLomi 'gastlich', ^ca/Wuomi * schattig', suht- 
luomi 'pestilens' u.a.m. erhaltene germ. adjectivstamm *lömu', 
*lömja' ist aber vielleicht von haus aus derselbe wie in mhd. 
lüeme 'matt, schlaff, mild'. Denn von dem begriffe 'milde' 
kann die bedeutung 'nicht kärglich gebend, nicht kärglich vor- 
handen' zu der in obigen Zusammensetzungen entwickelten 
hinüberfahren: s. Schmeller BW. 1, 1473. Ist aber mhd. lüeme, 
das mit lahm verwant ist und ursprünglich 'gliederschwaeh' 




äaiijf*M» -vre 'varr.ksiimss 




iecr. n» mr ua 



•ri 




n USB 



de «^n^irtuiiies. lu^ «9TniiÖRiaitc9SL «■»«. 

um ^ÜtSit »p L U i^M mj» m. -jingsuMSBL ii>a 
Mnrigff# ^•-irTfiimiiifsi ^Tiüär «ca. zstmus: we^ 
«aiüSL n le» i»in#!rir?u£ HTsf nm ia^imrci'r 
ZßSttUfrysi «nuiiiisL i> {^Tmne «i^ iük* wcu. 
i neaii l Mi mlü: T-iue-im im ^-'(il finammr 
üsmuiesi uaucjsn. ^T«r uih» de mt^amiü 
tMsr ikicxL mitr^tsuiftSL rirsüinissL iasroL id& 
Iähh^ht «niL w ui uui Itr wn ^Kum m-ir 

ifVBL *. '."^^ tüsnienr T^iiniin. smbum. öu» sf m 



GOTEK ÜKB mOVAEONEN. 191 

ihre Zugehörigkeit zu den Vandilen durchaus gebricht. Mit min- 
destens ebensoviel recht wie zu diesen, dürfen wir sie zu den 
Ingvaeonen zählen, zumal Plinius die Teutonen (unter deren 
fälschlich verwendetem namen er die kttstenvölker der Ostsee 
bis zur Weichsel versteht, da sie an anderer stelle bei ihm 
angeblich nach Pytheas als nachbam der Goten auftreten) als 
einen teil der Ingvaeonen aufifiihrt Oder tut er dies nur, weil 
die Kimbern Ingvaeonen waren und er die Teutonen zur ge- 
sellschaft der Kimbern rechnet? Wenn die Rügen und Le- 
movier bei Tacitus nicht einen teil der Nerthusvölker, sondern 
eine gruppe fUr sich bilden, so ist das kein grund gegen ihre 
Zugehörigkeit zu den Ingvaeonen im allgemeinen; denn die 
Nerthusvölker bilden doch innerhalb dieser einen engeren kreis, 
aus dem einige stamme bereits herausgetreten sind: auch die 
Chauken, die Plinius den Ingvaeonen beizählt, rechnet ja 
Tacitus nicht zu den Nerthusvölkem. Und ebenso besteht der 
cultverband, dessen mittelpunkt der Semnonenhain war, zu 
Tacitus' zeit nur noch aus Sveben, nicht auch aus Chatten und 
Cherusken, die doch nach Plinius auch Erminonen waren. 
Rügen und Lemovier dürften bereits ihr besonderes stamm- 
heiligtum der erdmutter gehabt haben und sie gerade mögen 
jene pars Sueborum sein, bei der nach Tacitus, Germ. 9 die 
Isis verehrt wurde, d. i. die Nerthus in einer äusserlich ab- 
weichenden auffassung: vgl. Zs. fda. 35, 327, wo nur noch un- 
gerechtfertigter weise dem namen Vandilen die herkömmliche / 
falsche ausdehnung gegeben wird. 

lieber Vermutungen kommen wir bei all dem freilich nicht 
hinaus; und ebenso bleiben wir über die äussere abgrenzung 
der Ingvaeonen nach westen noch sehr im unklaren. Dass 
die Angrivarier, Ampsivarier, Chasuarier und Friesen zu ihnen 
gehören, kann bei jedem dieser stamme weder mit bestimmt- 
heit behauptet noch in abrede gestellt werden. 

Viel besser sind wir über den bereich des cultverbandes 
der Nerthus unterrichtet oder doch an der band der quellen 
uns zu unterrichten in der läge; und ein gleiches gilt bezüglich 
der Stellung der einzelnen stamme, die ihn bildeten. 

Wenn Tacitus, Germ. 40, nachdem er von den Langobarden 
gesprochen hat, fortfährt: Reudigni deinde et Avianes ei Anglii 



A a ^ 



HliH 



f' rflmi f{ Euäi'ses et Snaniunes ü XuHAonts flwmmähts aut 
AJTijr Munmnnr. ^^ weii^t $ofl«>a vias äemde darauf hin, dass 
ixr biei ier autE^Iun^ eine ^^isse i^rdniiiie eingebalteii ist 
I>Be ReuäU^ dnd danuu als aürdnacabani der Langobarden 
X2 lenken and :$omit Jai$i$eibe T^lk wie die ^Tc^carf,; des Pto- 
jcnaen^ die sich nach de$)»en leojmi:^ 2. IL 7'> Tom I4a^ bis 
xam XjLAtßK'*jo^ .tucxuiia: 3 Jer den aa^au der kimbrechcn halb- 
isfiei ixi riir i^vx^m nf^ Aü.A^^cxrJ^ ^i-^^uorffüoi*- hinerstrecken. 
R^iäitpu, T.>n det^^n end'in^f daätiel!)e ^c wie Ton Marsi^ 
^ löen 5w : l : « lissr aar ^enn. * cU^äirufoz sehüeüsea und hat 
aur -?««i. aid. '^or, üufr >r!tf4 . alfiSw kr^^jä . x&. tnw^ sehen 
ies» lalaute» vecen niehc» S3 nn. Mic ziieo: ha* man da^eegen 
^ic fftnu^^i -ieiijruc. jtiniuit vMiurur?)^. /'jntui/f} ia\vuc lar er- 
iidnoiT läicesviiren: aJer treilich war es Tertehlz. daesen worten 
:a jjdiie üe .i<?suÄ^ xL» Mtixu* sa Tersceäen. denn dieser sinn 
£.immr ;srsc iwrA £U:$aiuazeii:$et3un^ a:: /»<- sa sciji»ie: f^aimps 
Hsseiconer äoen. der Jrb»* r.'C wird, ind daäer einen sekam- 
iiuiesL. ±ariar^Hi. >eoi T^ksoamen i&^^sen laben wir us 
la lUfi^ «inciüde ^:^*nn. * r.-«<A£c X2 ialfien. Dieses ^ eine ai^ 
auciinL ~ in "-'r. .^em. *-a<a<c. ^cftemc a~)er eine ei^encSBlkhe 
jesQfncm^ jutieeoüdec lu. la^en: denn wv*na ier Om^ den 

3i*n«^ :im *-:i*.7.^ -nia ier rJce ie* ÄKoaa» ^«4»iiaät iaben^ 
lad eöeoÄf >r a»^. -vV Ä».:e{ jl;s -iddj s. CleasÖT-Yi^- 
ri!«*'a ;•?•' . iliz :ea>:-i:s» :esuauer* ii^a ajäumck ^av\ci m 
-...*.ffi iier rc^^wiA. 1: ^.DL Karl ieai <^iiae ie* Ai md 4er 
A1I3I.L ÄJ-^nc-i* wr-i. ^ jiie: iji> e*>ce hiiwirt aar >äe fai^ 
ies ij^^^^tk Li* üicen» Aof £x ie* jKwuofs. somal ier wa3;£em. 

:*r'i**r it i.nänier xf*;car:KiirJe ra. "^ü^osüea laje«. 

I^iea U'te-^a 1.-.Ü1 looieii ier Sicoisea Xf^vaarr im^ das 
«"iL>;*:.f;. Vi«: rvi.- t?r fies ier laoie t*irr/i.r*s. oai saa 
jiSxie- * — :ijii:»a u.r Liijn ler 3la L-u-pa 7J29aJiaien0eörat.*ac 
imn ~lr itsi üiier --iiiis-' ..2a x-JOüiiUiT ps-Jüilxfa iac Tust 
liis T"sin-: Uli* "^.'Ls'^tM rüi ?K* 1,1. oä^ rsfiÄ'Jen. r^mi ▼ena 

r-ji.- in. ' ni ■! jur iissieii.uiir in Lis^ r:^aiÄS ieossc« 



GOTEN UND INGVAEONEN. Id3 

forti sippan Engle and Swdfe stvä hit Offa gesldg^ BO scheint 
die gleichsetzuDg der Swdbfe und Myrgingas gerechtfertigt, ja 
sogar geboten. Allein Saxo Orammaticus (ed. P. E. Müller 1, ! 
170 ff.) berichtet uns von einem kämpfe des Uffo mit den | 
Sachsen, der unbestritten derselbe ist wie derjenige mit den \ 
Myrgingas, auf den das WidsiSlied anspielt und im selben ^ 
locale ausgetragen wird: wie im ags. liede Fifeldor, so wird 
bei Saxo die Eider (ftuvius Eidorus) genannt, was ganz auf 
das gleiche hinauskommt Die Sachsen können aber unmöglich 
als Sveben bezeichnet werden. Auf der einen oder anderen 
Seite muss daher ein irrtum vorliegen, und auf welcher dies 
der fall ist, kann auch sofort als ausgemacht gelten, da an 
der Eider niemals Sveben, wohl aber Sachsen nachbam der 
Angeln waren und mit ihnen krieg fahren konnten. Die Sachsen 
sind zudem im ersten katalog des WidsiS gar nicht genannt, 
was doch sehr auffallen müsste, wenn sie sich nicht hinter 
den im v. 22 aufgeführten Myrgingas verbergen. Wenn es 
ferner v. 22 f. heisst: Witta weold Sw&fum, Wada HSsingum 
(ffcelsingum?) , Miaca Myrgingum, Mearcheaif Hundingum, so 
können Sw&fe und Myrgingas nicht dasselbe sein, es sei denn, 
dass von diesen beiden benachbarten versen der eine unecht ist 

Engle and Sw&fe im v. 44 muss nun notwendig in En^e 
and Seaxan gebessert werden. Die Verwechslung der Sachsen 
und Schwaben ist nicht allzu auffällig, wenn sonst im ger- 
manischen epos Eruier und HeaSobearden, Langobarden und 
Goten verwechselt werden. Noch dazu liegt bei diesen seiten- 
stücken der grund des Irrtums bei weitem nicht so klar zu 
tage als in unserem falle. V. 61 lautet nämlich: Mid Englum 
ic rvcBs and mit Sw&fum and mit jEnenum; und waren hier 
Angeln und Schwaben in stehender Verbindung, so konnte diese, 
so lange das lied mündlich überliefert wurde, leicht auch im 
V. 44 das ursprüngliche Engle and Seaxan verdrängen. 

Myrgingas und Mauringa unter einen hut zu bringen, werden 
wir uns nun nicht mehr bemühen. Ohnedies hat alle an- 
strengung in dieser richtung bisher nichts gefruchtet Man 
sieht nicht ein, was es helfen soll, wenn man mit Müllenhoff 
s. 97. 99 Mprgingaland und M^rging schreibt: das g bleibt dabei 
immer noch unerklärlich. Auch von einem grammatischen Wechsel 
von w aus gw vor -ing für die starken casus mit g vor -ung 

B«itrlge BOT geiohioht« der dmtMheii ■praoh«. ZVn. 13 



194 MÜCH 

fUr die obliquen , wie Möller will (Ae. volksepos 28), kann hier 
nicht wohl die rede sein, da das w in marawi, muruwi schon 
ein vorgermanisches ist, wie die keltischen entsprechungen 
zeigen: vgl. s. 112. Heinzel, der die Unvereinbarkeit von Maur- 
ing und Myrging richtig erkennt, vermutet deshalb, Ostg. beiden- 
sage (WSB. 119 [1S89]),25, dass ags. Miermg volksetymologisch 
zu mirige 'merry' gestellt wurde; und da nunmehr von einem 
zusammenbange mit Mauring abzusehen ist, wird es in frage 
kommen, ob Myrgingas nicht von- haus aus als eine Weiter- 
bildung aus myrge mirige zu gelten hat. Allein dieses wort 
weist ebenso wie ahd. murg 'mutabilis', murgfäri 'caducus, 
fragilis, transitorius* und got gamaurgjan 'kürzen' auf germ. 
^murguz = griech. ßQoxvg zurück (s. Kluge, Nom. stammbild. 
§180. Noreen, Urg.judl. 7), heisst also ursprünglich 'kurz', 
dann 'kurzweilig', aber auch im ags. noch nicht 'munter, fröhlich' 
von Personen, geschweige denn in der zeit, da der name Myrg- 
Ingas aufgekommen ist. Neben germ. *murguz ßgaxvQ scheint 
es aber noch ein ähnliches, mit lat. marcere, marcescere, mar- 
cidus verwantes germ. wort gegeben zu haben. Man vgl. mhd. 
murc 'morsch, faul' das allerdings nur im nom. (im reim auf 
bare) belegt ist: s. Lexer, MW. 1, 2250; vor allem aber mittel- 
deutsch morgen, morghen 'saft- und kraftlos, schlaff, mager' 
(Weigand DW. 2, 77). Aisl. morkinn 'putridus' zeigt dagegen 
andere abstufung des gutturals, die vielleicht aus einer vorgerm. 
Stammform mrknd- zu erklären ist. Man beachte übrigens die 
gleichartige ableitung in md. morgen, aisl. morkinn und in norw. 
mauren 'spred' (Aasen 484). 

Es scheint also hier widerum ein namenpaar nach art von 
Varisti : Naristi, X)fiavol : Manim, SovXcovbq : Sciri, MaQovivyoi 
: Juthtmgi vorzuliegen. Zu den beiden letztgenannten namen 
stimmt Myrgingas : Reudigni zudem in der bedeutung: wie jene 
'die schlaffen' und 'die jugendfrischen', sind diese 'die satl- 
und kraftlosen' und 'die mit blühender gesichtsfarbe'. Ver- 
mutlich ist der Spottname den Sachsen von ihren mit ihnen 
verfeindeten nordnachbam, den Angeln, aufgebracht, jedenfalls 
aber viel länger festgehalten worden, als man ihn in seinem 
ursprtlnglichen sinne verstand. Wenn bei Saxo (ed. P. E. Müller 
1, 387) dem könige Sigurd Ring die werte in den mund ge- 
legt sind : ex parte adversa perpaucos Danos esse^ Saxones com- 



OOTEN UND INGVAEONEN. 195 

plures aliasque effoeminatas gentes in acie stare, so ist hierbei 
der Vorwurf gegen die Sachsen nicht so zugespitzt, dass man 
ihn mit einem geläufigen auf sie gemQnzten scheltworte in 
Verbindung bringen dürfte. Die stelle ist aber mit ein zeugnis 
dafür, wie gerne gerade Völker, denen kriegstüchtigkeit als das 
höchste galt, ihren gegnem diese abstritten; vgl. auch Saxo 
p. 300. 303. 

Von dem festen grund, den wir bei den Reudigni des 
Tacitus bereits gewonnen haben, ist es nun ein leichtes weiter 
fortzubauen. Zunächst folgen diesen in seinem Verzeichnisse 
die Avianes und dann gleich die AngliL Da wir aber die 
Angeln bereits aus dem WidsiS als die nordnachbarn der 
Sachsen auf dem fcstlande kennen gelernt haben, kann es 
uns nur willkommen sein, wenn uns der wortsinn des namens 
der Avianes gestattet, ja sogar nötigt, mit ihnen auf die inseln 
hinauszurücken. Denn klärlich sind die Aviones germanische 
*Awjonez, gotische * Aujans Inselbewohner': vgl. J. Grimm 
6DS. 472. Es fragt sich nur, ob sie nach westen oder osten, 
ob sie auf die nordfriesischen oder dänischen inseln gehören. 

Die ersteren kommen wegen ihres geringen umfanges als 
bereich eines besonderen volksstammes von vornherein schon 
weniger in betracht, und man wird sich daher lieber für die 
anderen entscheiden; zuversichtlich aber dann, wenn gezeigt 
werden kann, dass sie noch zum gebiete der Nerthusvölker 
gehören, und dass uns ein anderer volksname, den wir auf sie 
ansetzen könnten, von Tacitus nicht zur Verfügung gestellt 
wird. Macht doch dessen Verzeichnis der Nerthusvölker durch- 
aus den eindruck der Vollständigkeit 

Die frage, die wir uns hier gestellt haben, hängt aufs 
innigste zusammen mit der nach der läge der Nerthusinsel 
selbst Wenn wir auch diese hiermit neuerdings aufwerfen, 
soll damit nicht gesagt sein, dass sie nicht schon da und dort 
richtig beantwortet wurde; aber, wo dies der fall war, geschah 
es nur ganz zußllig und ohne dass man die wirklich stich- 
haltigen gründe vorgebracht hätte. Und doch liegen diese 
nahe genug. 

Wenn es heute nicht mehr möglich ist oder nur durch 
funde ermöglicht werden könnte, die stelle des svebischen oder 
lagischen stammheiligtumes zu ermitteln, so liegt der haupt- 

13* 



/ 



196 MÜCH 

grund hierfür darin, dass das eine wie das andere in einer 
gegend lag, die von Germanen in der völkerwanderungszeit 
verlassen wurde und an ihrer statt slavischen einwanderem 
zufiel. Im bereiche der Nerthusvölker dagegen trat lediglich 
ein germanischer stamm an stelle von anderen, von denen 
überdies reste genug mit der neueingedrungenen nordischen be- 
völkerung verschmolzen, um dieser die alten Überlieferungen zu 
vermitteln. Auch erhielt sich das heidentum hier so lange, dass 
wir über seine formen und seine cultstdtten gut unterrichtet 
sind. 

Von vornherein aber und aus ganz allgemeinen gründen 
ist es die insel Seeland, die hier unsere aufmerksamkeit auf 
sich lenkt. Denn wo sollten sich die Germanen die emtesegen 
spendende erdmutter besonders heimisch gedacht haben, als in 
dem fruchtbarsten lande, das sie von haus aus besassen? Das 
ist aber unbestreitbar Seeland. Mit recht wird diese insel von 
Adam von Bremen in der Descriptio insularum aquilonis 7, 370 
als opuleniia frugum celeberrima und von Saxo in der vorrede 
seines geschichtswerkes (ed. P.E. Müller 1, 11) als conspicua ne- 
cessariarum rerum ubertate iaudanda und amoenitaie cuncias 
nostrae regionis provincias antecedens gerühmt: sie ist auch 
heutzutage weitaus die blühendste provinz des dänischen 
Staates. 

Mit dieser natürlichen beschaffenheit des landes wird es 
wohl zusammenhängen, wenn von der sage Seeland als der 
eigenste erwerb der göttin GeQpn hingestellt wird, in der wir 
Zs. fda. 35, 327 bereits die Nerthua erkannt haben. Freilich hat 
Müllenhoff s. 362 den Schauplatz der ganzen sage von GejQon 
und Gylfi nach Schweden verlegen wollen, wegen der angeblich 
nur aus einer falschen etymologie herstammenden Verbindung 
Seelands (das als ' Seeland' gefasst wurde, wogegen es ur- 
sprünglich Selund d. i. 'die an Seehunden reiche insel' hiess: 
s. Bugge, Arkiv 6, 237 ff.), mit dem Mälarsee. Doch findet sich 
eine anspielung auf die sage schon in einer Bragi dem alten 
zugeschriebenen Strophe, die dann falsch und diesem erst sehr 
spät untergeschoben sein müsste, da zu seiner zeit der name 
der insel noch nirgends volksetymologisch entstellt war. Zu- 
dem bedeutete sdr im aisl. gar nicht und auch im altdän. nicht 
in erster reihe 'see' in unserem sinn, d. i. 'stehendes binnen- 



GOTEN UND INGVAEONEN. 197 

f[^ewä8ser'. Aber weDn man Mttllenhoff schon zugeben wollte, 
dasB die rerbindung Seelands mit dem Mälarsee nur die folge 
einer Volksetymologie sei, so ist damit noch gar nicht aus- 
gemacht, ob der see oder ob die insel der sage ursprünglich 
angehört. Es würde vielmehr erst darauf ankommen , welche 
Vorstellung natürlicher erscheint, die des lospflQgens einer insel 
vom gegenüberliegenden lande, von dem sie nur durch einen 
sund getrennt ist, oder die von Mttllenhoff vorausgesetzte des 
herauspflügens eines gar nicht natürlich begrenzten landstriches 
aus einem see, noch dazu einem rings von felsigen ufern ein- 
geschlossenen und mit inseln übersäten, wie es der Mälar ist. 
Freilich konnte, wenn die ursprüngliche gestalt der sage die 
war, dass Seeland durch Gefjon von Schonen abgepflttgt wurde, 
das land nicht von haus aus als einem Schwedenkönig Gylfi 
abgenommen und nicht als dem Dänenreiche erst zugefügt er- 
scheinen. Aber hier kann leicht eine Verschiebung stattgefunden 
haben, indem an die stelle der Ingvaeonen in der herschaft 
über Seeland und damit auch in der sage, die gleichfalls ursprüng- 
lich ingvaeonisch gewesen sein wird, die Dänen traten : notwendig 
musste dann, weil Schonen auch dänisch war, der könig, dem 
Gefjon das land abnimmt, nach Schweden hinausgerückt werden. 
Auf diese art erklärt sich sogar ganz einfach und ungezwungen 
die gewiss aufTällige und anstoss gebende Verbindung der insel 
mit einem so ferne liegenden local. Eine Übertragung Gylfis 
von einem nichtschwedischen volke auf die Schweden muss 
doch auch Mttllenhoff annehmen, ohne dass er indes einen grund 
für sie anzugeben weiss. 

Wenn uns in der Ynglingasaga c. 5 erzählt wird, dass 
OSinn die GeQon dem SkJQldr, dem ersten könige von Däne- 
mark, vermählt habe, so haben wir allein deshalb, weil die 
übrigen quellen dieses umstandes geschweigen, auch noch nicht 
grund genug, dabei an eine erfindung des Snorri zu denken. Da 
vielmehr Skjgldr, der in der Fms. 5, 239 als Skdnunga gob be- 
zeugt ist, in den ags. genealogien als Sceldwa oder Scyld mitten 
unter Frey- und NjgrShypostasen seinen platz hat und an der 
spitze der HleiSrkönige ebenfalls Stammvater eines Frey- 
geschlechtes ist, nur NJQrSr selbst sein kann, und andrerseits 
Gefjon die Nerthus ist, so tritt uns hier deutlich das ehever- 
bnndene göttliche geschwisterpaar und zwar in beziehnung zu 



198 MÜCH 

Seeland und den HIeiÖrkönigen entgegen. Dass diese so viel- 
fach Vertreter von Vanengöttern sind — man denke nur an 
die verschiedenen FröSi — weist schon darauf hin, dass vor 
allem den Vanen zu ehren in HleiÖr (Lederun) jene grossen 
opferfeste gefeiert wurden, von denen noch Thietmar von Merse- 
burg 1, 9 berichtet: sie sind auch gar nichts anderes als das 
Fröblod, das nach Saxo (ed. P. E. Müller 1, 50) von Haddingus, 
selbst einem deutlichen verti*eter des NjgrÖr, eingesetzt wurde. 
All das lässt uns HleiSr als eine alte und zwar als die im 
ganzen bereich der üänenherschaft weitaus bedeutendste Vanen- 
cultstätte erkennen. Und da der ort auf einer meeresinsel 

— auf Seeland — gelegen ist, ja sogar der see in seiner 
nächsten nähe nicht fehlt — es ist der Videse bei Ledreborg, 

— so ist nicht zu zweifeln, dass wir dort an der stelle des 
ingvaeonischen Nerthustempels stehen. Ja auch der name 
Hleibr, der als appellativum im nordischen nicht belegt, aus 
dem ablautenden got hleipra öxfjv^ jedoch in seinem sinne 
verständlich ist^ stammt wohl noch aus vordänischer zeit und 
erhält uns die ingvaeonische bezeichnung fUr das gebäude, in 
dem wagen und bild der göttin verwahrt wurden. 

Dem ansatz der taciteischen Avionen auf den dänischen 
inseln steht also nichts mehr im wege. Wir werden aber so- 
gleich widerum fragen^ wie sich Ptolemaeus zu ihnen verhält. 

Wir finden bei diesem gewährsmanne als nordnachbarn 
der Ua^mveg drei stamme verzeichnet: im westen IJiyovXmveg, 
weiter östlich SaßaXLyyioi , am östlichsten KoßavdoL Es ist 
aber recht befremdlich, dass die kimbrische halbinsel gerade 
dort, wo sie am schmälsten ist, drei Völkern neben einander 
räum gewährt haben soll. Andrerseits spricht Ptolemaeus von 
drei kleineren Skandien, d. i. Seeland, Fünen und Laaland- 
Falster, die indessen auf seiner karte auf einen bruchteil ihres 
umfanges eingeschrumpft sind; und vielleicht hängt es damit 
zusammen, dass er aus ihrem bereich keinen volksnamen über- 
liefert. Aber sollte ihm oder seinem gewährsmanne von dort 
in Wahrheit keiner zugekommen sein? Setzte er namen die 
auf die inseln gehört hätten auf das festland, so machte er 
sich nur desselben fehlers schuldig wie Tacitus, der von seinen 
sieben Nerthusvölkem , die inselbewohnenden Aviones einge- 
schlossen, Germ. 40 sagt: fluminibus aut süvis muniunttir. Wenn 



GOTEN UND INGVAEONEN. 199 

wir bei beiden dieselbe folge in der aufzählung voraussetzen, so 
müssen wir mit den drei nach den Sa^mveg, d. i. den Reudigni 
des Tacitus, aufgeführten namen gegen osten ins meer hinaus- 
rücken: ihre dreizahl entspricht dann nicht nur den drei Skan- 
dien des Ptolemaeus sondein auch der tatsächlichen gliederung 
des landes. Aviones bei Tacitus dagegen ist der alle drei 
Stämme umfassende gesammtname. 

Siyovlcoveg scheint schwache form eines germanischen 
adjectivs *sigulaz zu sein, das wie got sakuls zu sakan, aisl. 
gj(ffull zu ge/'a, ahd. ezzai zu ezzan (s. Kluge, Nom. stammbild. 
§ 192) zu ahd. alts. sigan, ags. sigan, aisl. siga gehören wird. 
Abgesehen von der hier nicht verwendbaren ursprünglichen 
bedeutung des wortes heisst ndl. ztj'gen auch 'hinfallen, in Ohn- 
macht fallen', ebenso mhd. seiger nicht nur 'langsam tröpfelnd', 
sondern auch 'matt, marcidus', ahd. ^^^/tA 'languidulus'; norw. 
sigin 'sunken, lidt falden eller sammentrykt' und daneben 
'trset, modig, udmattet' (Aasen 643). 

Ziehen wir die übrigen germanischen volksnamen zum 
vergleich bei, so fällt uns der anklang an MovylXooveg bei 
Strabo p. 290 auf, und dieser ist um so merkwürdiger, als sich 
uns für *SigiUonez eben die bedeutung 'die hinfälligen, ohn- j 
mächtigen', für *Mügil<mez früher (s. 51) gerade die gegenteilige,/ 
nämlich 'die mächtigen, starken' als wahrscheinlich ergeben^ 
hat. Sollte hier etwa ein ähnliches Wortspiel vorliegen wie 
bei Varisii Narisii, durch beide namen also derselbe stamm 
bezeichnet werden? Bestätigte sich das, so würde damit unsere 
Vermutung über die weite erstreckung des machtbereiches des 
Maroboduus — denn zu seinem anhange werden die Movyi- 
Xcoveg gerechnet — einen starken rückhalt gewinnen. 

Und wirklich lässt sich auch HaßaXlyyioi bei Ptolemaeus 
mit Sißivol bei Strabo vereinigen, zu dem es sich etwa so 
verhalten kann wie Sibeke zu Savulo Seafola Sabene. Saßa- 
Xlyyioi setzt ein aus der verbalwurzel sab saf (in ahd. in-, 
M-seffen, alts. ö/-, an-sebbjan = lat. sapere) gebildetes adj. 
*sabalaz 'verständig, scharfsinnig' voraus (vgl. MüUenhoff, Zs. 
fda. 6, 459), aus dem dann mit dem so vielfach verwendeten 
Suffix 'inga- eine Substantivierung erfolgen konnte. Dass der 
volksname patronymischen Charakter habe, wie Henning, Rnnen- 
denkmäler 124 vermutet, scheint mir eine ferner liegende mög- 



200 MUCH 

liebkeit zn sein, die sich gleichwohl nicht ganz abweisen lässt. 
Das i der ableitang ist wohl zu streichen; oder soll es eine 
zwischen gemeingerm. -inga- und nord. -ingjan- (Kluge, Nom. 
§27) mitten inne stehende gleichbedeutende ableitung 'ingja- 
gegeben haben? £ißivol dagegen kann zu einem germ. ad- 
jectiv *sebinaz (got. *sibeins) gehören, das zu *sebö{n), alts. 
seio, ags. sefa, aisl. sefi ebenso gebildet wäre wie etwa alts. 
nidm 'feindselig' zu md; vgl. Kluge, Nom. stammbild. § 199. 
Der einwand, dass es bei Strabo dann Seßivol heissen mttsste, 
ist nicht stichhaltig, da wir auch schon bei Velleius Paterculus 
Sigimerus und bei Ptolemaeus OviößovQyioi angetroffen haben 
(vgl. oben s. 133). 

So wie statt SaßaXlyyioL SaßaXlyyoi, so erwarten wir 
umgekehrt statt Koßavdol Koßavöiol; vgl. ahd. aranäi 'rauh' 
und barranti 'starr' (Kluge, Nom. stammbild. §235). Eine Ver- 
derbnis wäre aber hier sehr leicht aus dem Cubandi = Cubandii 
einer lat. vorläge zu erklären. Was die wurzel betrifft, darf 
man vielleicht an norw. kübbe (und kubb) m. 'klods^ blök, kort 
stump af en trsestamme' (= isl. kvbbi^ kubbr, schwed. kubb, norw. 
kubben {kübbut, kubbel) 'but, stump, rundagtig'), noget tyk og 
kort' erinnern, denn germ. *kuban^'az 'stumpf, kurz' würde 
derselben bedeutungskategorie wie ahd. arandi, barranti an- 
gehören. Und widerum lässt sich auch Bovxovsq bei Strabo, 
wie es überliefert ist, in einem ganz ähnlichen sinne verstehen: 
isl. butr und kubbi, kubbr, norw. buU und kubbe, kubb ist durch- 
aus gleichbedeutend und ndl. bot, ndd. but, dän. but, span. 
boto, franz. bot in pieä-bot 'klumpfuss' soviel als 'kurz, stumpf, 
plump'. 

Als die östlichsten in der den taciteischen Aviones ent- 
sprechenden Völkergruppe bei Ptolemaeus sind die Koßavdoi 
auf Seeland anzusetzen, also dort, wo uns nachmals Eruier 
begegnen. 

Die hindeutung auf die Wohnsitze dieses Stammes bei Ma- 
mertinus Paneg. Maximiniano Aug. dictus (a. 289) c. 5 {viribus 
primi, locis Ultimi barbarorum) und ebenso die bei Sidonius 
Apollinaris in seiner epistel aus Burdegala 8, 9 (ffic glaucis 
Uerulus genis vagatur, Jmos oceani coiens recessus, Algoso prope 
concolor pro/undo) wäre allerdings auch zu verstehen, wenn 
sie vom sttd- oder nordufer der ostsee kamen; dass aber das 



GOTEN UND INGVAEONEN. 201 

nicht der fall ist, ergibt sich aus der nachricht des Jordanes 
c. 3, dasB die Dänen (die ursprünglich in Schonen sassen) die 
Eruier aus ihren Stammsitzen vertrieben hätten: Dani ex ipsorum 
(Scandzae ctdtorum) stirpe progressi, *qui Herülos propriis 
sedibus expulenmt. Das alte Eruierland muss darnach einen 
teil des späteren Dänemark ausmachen. Ueberdies hat MttUen- 
hoffy Beoyulf31ff. durch eine lichtvolle Untersuchung gezeigt, 
dass auch noch die dänische königssage, vor allem im Beowulf 
und Widsi8, die erinnerung an siegreiche kämpfe der Dänen 
mit Erulern auf Seeland bewahrt, wenn auch die letzteren 
nicht mehr unter diesem namen bekannt sind. Selbst die zeit, 
in die ihre austreibung fällt, lässt sich einigermassen bestimmen, 
wie dies ebenfalls schon Müllenhoff, Beovulf 30 f. versucht hat 
Denn im jähre 459 und zuletzt unter der regierung des west- 
gotischen königs Eurik werden noch Eruier aus der Ostsee er- 
wähnt (s. Zeuss s. 479), im jähre 512 aber, als ein teil der von 
den Langobarden besiegten Donau-Eruler nach norden zurück- 
wandert, sitzen sogar am Kattegat bereits Dänen und ein selb- 
ständiges Eruierreich im norden besteht damals nicht mehr, 
wie aus dem berichte Prokops über jene rück Wanderung, De 
b. 6oth. 2, 15 (s. Zeuss s. 481) deutlich hervorgeht. — Dar- 
nach ist es, wie ich beiläufig bemerken will, gar nicht aus- 
geschlossen, dass erulische runendenkmäler auf uns gekommen 
sind, und es verdient gewiss beachtung, dass das Bariso der 
Spange von Himlingeje auf Seeland sonst als germanischer 
name nicht belegt ist, ausser gerade als erulischer auf einer 
inschrift, CIL. 5, 8750. 

Wenn im WidsiÖ und Beowulf die Eruier unter dem namen 
der HeaÖobearden auftreten, so wird dieser irgendwie von den 
Barden im Bardengau, den ßardi bellicosissimi Helmolds, auf 
sie übertragen worden sein. Werden sie nebenbei WidsiÖ 47 
Wicmga cynn genannt, so lässt dies allerdings noch einen zweifei 
zu, ob dabei ein anderer eigentlicher volksname vorliegt. Wenn 
es aber v. 59 heisst : Mid Wenlum ic wces and mid Wcprnum and 
mid fVicingum, so wird es schon (trotz Müllenhoff, Beovulf 97) 
völlig klar, dass Wkinias in der tat ein ags. name für die 
Eruier gewesen sein muss. Und zwar stimmt derselbe sehr 
wohl zu der tatsache, dass diese vom ende des 3. bis in die 
zweite hälfte des 5. Jahrhunderts hinein als äusserst verwegene 



202 Mucn 

Seeräuber die küsten des Römerreiches verheeren: vgl. Zeuss 
s. 477 ff. Vielleicht hat gar zur ausbildung des begriffes wikiug 
der umstand mit beigetragen, dass das voIk der Wikinge ein 
seeräubervolk xat k^ox^v war. Oerm. wlkingaz scheint von 
haus aus weitere bedeutung gehabt zu haben. Wenn MttUenhoff 
Beoyulf96 (Bugge, Studien 1881 s. 6 folgend) der meinung ist, 
dass die Angelsachsen die bei ihnen einbrechenden und in festen 
lagern sich einnistenden nordleute nach ags. wie als wicingas 
Magerer' bezeichnet hätten, so widerspricht dem schon die rer- 
wendung des wertes als name f&r die Eruier; ausserdem war 
das aufschlagen von lagern doch nichts für die nordischen See- 
räuber im gegensatze zu anderen, die in fremdem lande krieg 
IfQhrten, charakteristisches. Aber die herleitung von wie kann 
man gelten lassen: *wJkingaz wird ursprünglich derjenige sein, 
der sich im lager — im gegensatze zum hause — aufzuhalten 
pflegt, der also den krieg als beruf gewählt hat; man vgl die 
werte, die Caesar BO. 1,36 dem Ariovist in den mund legt: 
intelleclitrum , quid invicti Germani, exercitatissimi in armis, qui 
int er annos XII II tectum non subissent, vir tute possent; ferner 
Ynglingasaga 34: vdru margir sdkonungar peir er rit5u litfi 
miklu, ok äitu engi Ignd] pötti sä einn met5 fiiliu heita mega 
sdkontmgr, er kann svaf aldri undir sötkum dsi, ok drakk aldri 
at arinshorni. Unter solchen umständen fällt es auf, dass die 
nachbarn der Eruler-Wikinge, die Dänen mit älterem namen 
bei Ptolemaeus /lavxlcovBg heissen, worin wir bereits eine ab- 
leitung von germ. ^dauka- * haus ' erkannt haben. Es liegt nicht 
ferne, hier an einen gegensatz der im hause zu den im lager 
lebenden zu denken. Aber besser noch wird man germ. ^Dauk- 
jonez als olxBloi in dem sinne ^die freundlichen, die ver- 
trauten' verstehen. 

Auch auf die möglichkeit eines anderen gegensatzes zwischen 
Dänen und Erulern sei noch hingewiesen. Wenn es bei Jordanes 
c. 3 heisst: Suetidi cogniti in hoc gente corpore eminentiores: 
quamvis et Dani, ex ipsorum {Scandiae cultorum) stirpe progressi 
Herulos propriis sedibus expulerunt, qui inter omnes Scandiae 
nationes nomen sibi ob nimia proceritate affectant praecipuum, 
so erfordert hier der ganze Zusammenhang eine Verschiebung 
des qui an die stelle unmittelbar vor Herulos, es sei denn, dass 
wir einem so schlechten Stilisten wie Jordanes eine nicht sinn- 



GOTEN UND INGVAEONEN. 203 

gemässe ausdrucksweise zumuten; sicherlich wird nur von den 
Dänen ausgesagt, dass sie sich auf ihre körpergrösse etwas 
besonderes zu gute taten. Und war das der fall, so konnten 
sie sehr wohl ihre kleiner gewachsenen nachbarn als ^knirpse' 
bezeichnen. Nichtsdestoweniger möchte ich auf die früher er- 
wogene etymologie von Koßavöol und Bovroveg kein besonderes 
gewicht legen, so lange es an älteren belegen fttr eine wurzel 
ktib und but 'kurz, stumpf gebricht. Auch sind die germa- 
nischen Stammnamen bei Strabo dort, wo wir sicher wissen, 
um welche es sich handelt, zum teile so entsetzlich verunstaltet, 
dass wir f&r die übrigen nichts gutes voraussetzen düifen; ja 
es müsste uns fast wunder nehmen, wenn uns irgendwo eine 
ganze gruppe von wohl erhaltenen aufstiesse. Was oben über 
die MovylXcovsq, Sißivol und Bovroveg gesagt wurde, kann 
deshalb nicht als mehr denn eine möglichkeit gelten, neben der, 
wie ich denke, als am meisten in betracht kommend diejenige 
bestehen bleibt, dass der herschenden annähme gemäss Bov- 
roveg und Sißivol für rovtoveg und ^löivol verderbt ist; das , 
mitteninnestehende MovylXcDveg brauchte man dann nur in ] 
7h)VYlka)veg zu ändern, um an die zwischen Goten und Sidinen j 
sesshaften Rügen anzuknüpfen; denn wenn diese *Rugtz und 
daneben *Bugikliö hiessen, warum nicht auch mit einem dritten, 
nur mittels eines anderen deminutivsufBxes gebildeten namen 
*Rugil(me2? 

Um nun wider zur kimbrischen halbinsel zurückzukehren, 
so müssen dort die XdXoi des Ptolemaeus den Angiii des 
Tacitus entsprechen, falls wir recht hatten, die SiyovXmvsgy 
JSaßaXlyyioi, Koßavöol des einen zusammen den Aviones des 
anderen gleichzusetzen. Sicher sind die Angeln nicht ^be- 
wohner des winkeis'; vielleicht aber ayxvXofiiJTOi und mit dem 
namen XdXoi vom hehlen als 'die verschlagenen, listigen' be- 
zeichnet: vgl. norw. haal {= aisl. hall, ahd. häli, mhd. hmle)^ das 
nicht nur 'glat, slibrig' sondern auch 'slu, listig' bedeutet (Aasen 
272) und neben dem gleichbedeutendes schwedisches Ao/ auf eine 
ablautende nebenform mit kurzem vocal hinzuweisen scheint, 
da man als entspreehung zu aisL hall im schwedischen häl 
erwartet 

Weiterhin stehen sich Xagovösg und 4>ovvöovoioi bei 
Ptolemaeus und Varini Eudoses bei Tacitus g^enüber. Grsterer 



204 MÜCH 

stellt die ^ovvdoioioi in den westen, die Xagovöeg in den 
Osten. Damit stimmt es freilich nicht, dass das land, das den 
namen der letzteren fortbewahrt, BgrÖ ä Jdilandi (Fomald. 1, 
1 14), dftn. ffarthesyssel, jetzt ffarsyssel, zwischen dem LimlQord im 
norden und der Sksernaa im sQden, an der Westseite der jQtischen 
halbinsel gelegen ist (s. Nielsen, Bidrag til oplysning om syssel- , 
inddelingen i Danmark 64. Bugge, Beitr. 12, 10). Allein das 
braucht uns nicht zu beirren, da in jQtland in folge der aus- 
wanderung eines teiles seiner ingvaeonischen bewohner und 
des eindringens der Dänen eine Verschiebung der stamme nach 
Westen hin erfolgt sein kann, wie uns eine ähnliche vielfach 
anderorts begegnet: man denke nur an die läge des gaues Borahira 
oder ffaUuaria im vergleich zu den alten sitzen der Bruktem 
und Chattuarier. 

Ob die namen Varini und Xagovöeg zu einander in irgend 
welcher bedeutungabeziehung stehen, ist schwer zu sagen, da sie 
sich unserem Verständnis überhaupt nicht voll erschliessen. Von 
dem ersteren lässt sich wenigstens mit einiger Sicherheit be- 
haupten, dass er von haus aus eine participialbildung sei zur 
germ. verbal wurzel war 'sehen, achten auf, sorgen für', die 
uns schon im namen Varisti in veränderter bedeutung unter- 
gekommen ist. Das später vielfach begegnende Vami Ovdgvoi 
(s. Zeuss 36 1 ff.) zeigt dieselbe ableitung ohne mittel vocal , ist 
also als germ. ^War-nüz neben "^War-enüz anzusetzen, sofern nicht 
ein got plural * fVamös, gen. *^am^_mit synkope wie in haipno 
^heidin' (s. Kluge in Pauls Grundr. 1,381) anlass zu dieser 
j üngeren Schreibung gegeben hat. Was den namen der Haruden 
betriflt, so stimmt derselbe in seiner bildung auffallend zu der 
unseres held. Man vgl. Harudes bei Caesar, Charydes auf 
dem Mon. Anc, Xagovösg bei PtoL, Harudi in den Ann. Fuldens., 
Arodus bei Paulus Diac, üigovd' bei Prokop und Agathias, 
Harud Haruth im Necr. Fuld. (Förstemann DN. 1, 636), Arochi 
statt Arothi Harothi (s. MttUenhoff s. 66) bei Jordanes, altn. 
BgrÖir (auf dem Kökstein noch gen. sing. Harups) mit aisl. 
hgldr; jioQÖog bei Prokop mit aisl. kauidr (Noreen, Urgerm. 
judL 44); Ucerebaland in der Sachsenchronik, *Hceretias im 
WidsiÖ, Hcereti im Beowulf und ahd. Harid, Harido (Förstemann 
DN. 1, 637) mit ags. hcelebas, ahd. helid, alts. helip. Wegen 
des wechseis von germ. d und p im suffixe muss dessen dental 



GOTEN UND INOVAEONEN. 205 

vorgerm. / gewesen sein. Lägen einzig die formen mit mittel- 
voeal u vor, bo dürfte man unbedenklich verwantschaft mit 
griech. xovQtftBq, KovQfjteg annehmen. Da das tj in diesen 
werten doch wohl erst aus dem nom. sing, eingedrungen ist, lässt 
sich für sie eine grundform xog/eteg erschliessen und zu dieser 
könnte sich germ. *harwupez *harnmdez, das lautgesetzlich zu 
*harupez *harudez werden musste, ebenso verhalten wie aisl. 
hgiör hgldr (aus haiupr) zu kelt caleh in Caletes u. a. m. (s. 
oben 8. 15). Oriech. xovQtftsq bedeutet ^junge mannschaft'; 
das wort wäre also auch vorzüglich geeignet, einen volksnamen 
abzugeben; und Kov(yfixsQ heisst in der tat nicht nur ein priester- 
geschlecht des Zeuss auf Kreta, sondern auch ein alter volks- 
stamm in Aetolien. Allein ags. Hcerebas ist aus einer grund- 
form *Koruetes schlechterdings nicht zu erklären. Es bliebe 
also, wenn man die in betracht gezogene etymologie dennoch 
aufrecht halten wollte, als einziger ausweg die annähme übrig, 
dass die in der tat in alter zeit auch bei den Ingvaeonen nicht 
belegte namenform mit e der ableitung einer jüngeren an- 
gleichung an das ähnliche und bedeutungsverwante hceletias 
ihren Ursprung verdanke; und das liegt durchaus nicht ausser 
dem bereich der möglichkeit, wie zahlreiche verwante Vorgänge 
zeigen. 

Von dem einklang der namen der norwegischen ffgröir 
und der ingvaeonischen Charudes gilt dasselbe, was früher 
über die den Hgröir benachbarten Rygir und die südgermanischen 
Rugii bemerkt wurde. Wir haben widerum eher an ethno- 
graphischen Zusammenhang als an eine zufällige gleiche be- 
nennung zu denken. Die Harudi der Ann. Fuld. werden wohl 
ein an den Harz versetzter bruchteil der jütländischen Haruden 
sein und identisch mit den Warnen der lex Angliorum et 
Werinorum und des Fredegar c. 15. Wenn ihr name nur 
antikisierte benennung der 'bewohner des hardtes' wäre, 
so müsste man Harudes erwarten; denn so lautet der name 
bei Caesar und auch bei Orosius (6,7) Amdes. 

Hat sich bisher für die gleichung der Xagovöeq und Varini 
kein unmittelbarer beweis ergeben, so wird sie doch in hohem 
grade wahrscheinlich, wenn gezeigt werden kann, dass die 
^ovpöovöioi des Ptolemaeus dasselbe sind wie die Eudoses des 
Tacitus. Und das ist in der tat möglich. Unter den hilfssehaaren 



206 MÜCH 

• 

des kÖDigs Ariovist werden ud8 nämlich von Caesar BGk 1, 37 
Sedusü und Harudes genannt. Da aber das anlautende S in 
Sedusü leicht erst aus dem vorausgehenden Nemetes angeschleift 
ist, und die handschriften des Orosius (6, 7), der die stelle nach 
Caesar widergibt, Eduses, Edures, Eudures bieten, haben schon 
Zeuss s. 152 und Mtlllenhoff, Z8. fda. 10, 563 den namen be- 
richtigt Was dessen fiexion betrifft, meint letzterer wohl mit 
recht, dass sie bei Orosius dem vorangehenden Vangiones, 
Nemeies gleichgemacht sei. Statt Sedusü hat es also *Eudusii 
zu heissen, und das ist wesentlich derselbe name wie Eudoses 
bei Tacitus. Die *Eudusii und Harudes Caesars entsprechen 
aber doch wohl den ^ovvöovCioi und Xagovöeq des Ptolemaeus, 
und daraus ergibt sich sofort die gleichheit der ^owdovöioi 
und der Eudoses und in zweiter folge die der ^owöovöioi 
Xagovöeg und der Eudoses VarinL 

Freilich ^ovvöovöioi mit Zeuss s. 151 f. J. Grimm ODS. 
738 und MQlIenhoff, Zs.fda. 9,242 in Evöovöioi zu demän, 
halte ich f&r viel zu gewagt. Und warum sollten hier nicht 
wider zwei verschiedene nur an einander anklingende namen 
desselben volkes vorliegen? 

Eudoses bei Tacitus hat Möller, Beitr. 7, 505 f. fttr Eudoses 
genommen und als einen eigentümlichen nom. plur. eines a- 
Stammes erklärt. Davon wird aber wegen des *Euäusii bei 
Caesar nicht mehr die rede sein dürfen. Vielmehr ist o hier 
— wie in Gotones Gothones bei Tacitus sogar in der Stamm- 
silbe — f&r germ. u geschrieben. Der name ist also wohl von 
haus aus ein adjectivischer ^-stamm, wobei die form mit zu- 
tretender ya-ableitung vom femininum ihren ausgang nehmen 
wird. 

Gewis hat MttUenhoff, Zs. fda. 1 , 562 nicht mit unrecht 
Eudusii mit aisl. jW n. 'proles' zusammengestellt. Wenn da- 
gegen Möller, Beitr. 7, 506 dessen Stammsilbe mit der in Jade 
(mit fries. iä aus eu) gleichstellt, so möchte ich doch auch dies 
nicht zurückweisen, vielmehr scheinen mir beide ansichten ganz 
gut vereinbar zu sein. Der name Juthungi im verein mit Eu- 
tharicus erweist zur genüge, dass wir von vorgerm. eut, 
nicht eudhj wie Eremer, Beitr. 8, 437 wollte, auszugehen 
haben. Das ist aber offenbar dieselbe wurzel, aus der lat 
üter 'schlauch' entsprungen ist, und auf eine andere ablaut- 



GOTEN UND INGVAEONEN. 207 

Stufe derselben wird man üierus 'bauch, mutterleib', besonders 
'trächtiger mutterleib' zurückfahren dürfen. Was die bedeutungs- 
entwickelung anbelangt, ist an das seitenstttck von ags. codd 
'schlauch, sack, hülse', aisl. koddi 'polster' und got. qiptis, aisl. 
hnbr, ags. cwib, ahd. quid 'bauch, mutterschoss', ahd. quqden 
'femina, interior pars coxae', got. lausqiprs 'nüchtern', aisl. 
kotfri 'tierhode', mnd. koder 'wampe' zu erinnern. Auch der 
Übergang von dem begriff 'schwangerer mutterleib' zu dem 
von 'kind' ist leicht begreiflich. Jade bedeutet also 'sack, 
schlauch' geradeso wie Codanus, das schon MüUenhoff s. 284 
mit ahd. quoden und seiner sippe verglichen hat und nur den 
lauten nach nicht ganz correct als germ. *queffn ansetzt; und 
um so passender ist ein solcher name für einen an der seite 
der breiten Wesermündung gelegenen aber selbst nicht mit 
einer flussmündung verbundenen meerbusen: vgl. unser stick- 
gösse. Es fragt sich nun, an welche stufe der bedeutungsent- 
wicklung des zu gründe liegenden Stammes die ableitung Ew 
doses Eudusii anknüpft Es könnte in ihr sehr wohl derselbe 
begriff enthalten sein wie im namen Juthungi, den wir wegen 
seines gegenstückes *Maurungi MaQovlvyoi auch jetzt noch wie 
oben 8. 85 als 'die jugendfrischen' verstehen werden. Allein 
germ. *Eudusez *Etidusjöz zeigt nicht nur eine sehr alter- 
tümliche ableitung, sondern erweist sich auch durch sein d 
gegenüber dem p in Juthungi und Eutharicus, womit 
auch ti\e\. j6S unmittelbar zusammengehören dürfte, als eine 
schon in der zeit vor durchfUhrung des germanischen accentes 
erfolgte Wortbildung, und unter solchen umständen ist es wohl 
gestattet, von einer älteren bedeutung des Stammwortes aus- 
zugehen. Die *Eudusez *Eudusßz erscheinen uns dann als 
'utennV, als 'die leiblichen, echten sprösslinge', als '/i^fjd^oc' 
oder ^germani\ Dabei beachte man, dass sich in allen diesen 
Worten der begriff des Ursprunges aus demselben und dem 
echten stamme, demselben uterus, mutterleibe, yivoq oder 
germen festgesetzt hat. — Was es nun mit den ^ovvdovaioi 
für eine bewantnis hat, bedarf keiner langen auseinandersetzung: 
sie sind germanische *Fundusjöz d. i. 'findelkinder'; vgl. ahd. 
fundaiing, mhd. fundelinc oder funtkini, engl, foundlmg. Denen, 
die als besonders stammecht gelten wollten, hielt man ent- 
gegen, dass sie leute unbekannter herkunft, von den eigenen 



208 MUCH 

eitern nach der gebart ausgesetzt und von fremden gefunden 
und aufgezogen worden seien. 

Und nun Iftsst es sich gar nicht mehr verkennen, welche 
bedeutung gerade bei Ptolemaeus den spott- und ttbemamen 
zukommt, ja dass dessen berichterstatter sie regelmässig bevor- 
zugen , wo mehrere namen einer Völkerschaft zur Verfügung 
standen. Das wird vielleicht nicht so sehr in einer tendenz 
als in der socialen Stellung derselben ihren grund haben. Es 
ist gewis nicht gleichgiltig, ob ein germanischer fürst, ein hoher 
adeliger, ein heldensftnger die quelle ethnographischer nach- 
richten ist, oder ob sie dem munde eines fahrenden possen- 
reissers, eines händlers, eines Soldaten entstammen. Wenn sich 
heute ein fremder durch einen niederösterreichischen bäuerlichen 
Viehhändler über die nachbarländer unterrichten lassen wollte, 
würde er vielleicht auch statt von Oberösterreichem und Steirem 
von Mostschädeln und Kropfjodeln zu hören bekommen. — 

Für verwant mit Ettdoses hat man ursprünglich allgemein 
auch den namen Juten genommen: so Zeuss s. 146. J. Grimm 
ODS. 738 und MüUenhoff, Nordalb. studieu 1, 119; wogegen 
später der gedankc an eine solche verwantschaft, da diese den 
lautgesetzen widerspräche (s. Möller, Beitr. 7, 506), ebenso all- 
gemein und unbedenklich wider aufgegeben wurde. Und gar 
nicht mit vollem rechte. Denn zwischen germ. eud- und eut- 
kann ganz gut dasselbe Verhältnis bestehen wie etwa zwischen 
isl. bläutir, ags. bliad, ahd. blddi einerseits und mhd. bl6z, ags. 
hliat, aisl. hlautr andrerseits, wobei die form mit tenuis auf 
einer n-ableitung bei suftixbetonung beruht: aus vorgerm. eulnd- 
musste germ. eutio und weiterhin euto- euta- werden; vgl. Noreen, 
Urgerm.judl.§37,2. §39,3. 

Dass der name Jtlten ursprünglich nicht einen dänischen 
stamm bezeichnet, sondern einen den Angeln verwanten, erhellt 
daraus, dass Beda 1,15 (vgl. Zeuss s. 497) neben Angeln und 
Sachsen auch Juten unter den germanischen eroberem Britan- 
niens nennt und ihnen die besiedelung von Kent, Wight und 
Hampshire zuschreibt, wo doch überall später altenglisch ge- 
sprochen wurde. Dieser umstand veranlasste Möller, Ae. volks- 
epos 88 ein von den skadinavischen Jotar (deren namen er 
als germ. Jeuto-z im nom. sing, ansetzt) verschiedenes volk der 
Juten in Britannien anzunehmen, das er von den Saxones Eucn 



GOTEN UND INGVAEONEN. 209 

(d. i. Eutii) und Euthiones herleitet. Letztere sind ihm eine 
chaakische abteilung, deren reste er ohne weiteres an die nieder- 
ländische k liste setzt, von wo die übrigen nach Britannien 
hinübergezogen seien. In Wahrheit aber gibt es gar keine 
Saxanes Eucii, da beide namen an der betreffenden stelle in 
dem briefe des Frankenkoniges Theodebert an kaiser Justinian 
selbständig und einander beigeordnet sind (s. Zeuss s. 387), wie 
schon daraus hervorgeht, dass sonst der Sachsen daselbst, ob- 
wohl sie in einem abhängigkeitsverhältnis zu den Franken 
standen, gar keine erwähnung geschähe. Ags. Ziotas 5Sotas 
aber, dem zu liebe Möller den namen der dänischen Jdtar im 
altgermanischen mit j anlauten lässt, ist, was seinen anlaut 
betrifft, entweder so wie geormen für eormen yrmen zu beurteilen 
— wie dies Mttllenhoff s. 206 und ten Brink, Beowulf 205 
getan haben — oder es ist in dieser gestalt ein lehnwort 
aus dem dänischen. Jdtar braucht also beileibe nicht aut 
altes *Jeutöz, sondern kann ganz wohl auf *Euiöz oder *Eut- 
onez zurückgehen, wozu jene Eucii (= Eutii) und Euthiones^ 
d. i. *Eutjöz *Euifonez, und die F'tasy F'te oder ytan des Wid- 
si8 trefflich stimmen, da der unterschied der ableitung doch kaum 
von wesentlicher bedeutung ist. Es werden also Zeuss s. 501 und 
J. Grimm 6DS. 738 im rechte bleiben, wenn sie die Juten für einen 
ursprünglich deutschen stamm halten. Nachdem ein teil desselben 
nach Britannion übergesiedelt war, haben die übrigen den 
Dänen sich unterworfen und mit dänischen einwanderen! ihr 
land geteilt. Von diesen haben sie nach und nach die nor- 
dische spräche angenommen, wogegen sie ihren stammnamen 
auf ihre neuen herrn übertrugen, doch so, dass diese deshalb 
den namen Dänen nicht aufgaben, der nur fortan als der 
weitere erscheint. — Um so grösser ist unter solchen umständen 
die Versuchung, den namen der Juten als den eines vordänischen 
Stammes mit dem der Eudoses in Zusammenhang zu bringen. 
Wie uns dann deren andenken der name Jütland forterhält, so 
finden wir das der Angeln im namen des landes Angeln, das 
der Haruden im namen des Harsyssel bis auf unsere tage 
bewahrt. 

Aber auch im WidsiSlied zeigten sich alle ingyaeonischen 
Stämme der kimbrischen halbinsel, soweit wir sie bisher kennen 
gelernt haben, vertreten: die Reudigni Sd^opsq als Myr gingas, 

B«ltrftge cor getohiohte der ctoatMhan ipraohe. XVII. 14 



210 MÜCH 

die Angin XdXoi als En^le, die Varini Xagovdsq als Wcemas, 
die Eudoses ^^ovvöovcioi als F'ias (oder V'te, Y'tan?). Doch 
bewahrt das ags. epos mindestens noch einen namen der nach 
Jütland gehört. Wenn man nar zu dem gen. plur. Wendla im 
Beownlf 348 und dem dat. plur. Wenlum im WidsiS 59 einen 
nom. Wendle, nicht, wie man bisher getan hat, Wendlas ansetzt, 
kann dieser name genau dasselbe ausdrücken wie Wendilenses 
bei Saxo, aisl. Vandilsbyggj'ar , Vendilfolk, nämlich bewohner 
von Vendill, dem nördlichsten teile von Jütland bis zum Lim- 
fjord: vgl. den norw. yolksnamen Firtfir 'anwohner des 
Qords', ags. Myrce 'bewohner der marken'. Auf das einmal 
bei Saxo rorkommende Wandali wird man sich dabei freilich 
nicht berufen dürfen, weil das nur antikisierung ist Natürlich 
kann Wendla, Wenlum auch zu einem nom. Wendlas b- lat. 
Vandili gehören, also eine form des Yandalennamens sein. 
Aber was MüUenhoff gegen die seit Grundtvig im norden 
herschende auffassung der angelsächsischen Wendlen vorbringt, 
ist kaum stichhaltig. Einen 'amtmann des Yendsysser werden 
wir uns unter dem am hofe des Dänenköniges HroSgar 
weilenden Wendla liod Wulfgar nicht vorstellen dürfen. Aber 
kann es nicht der fürst eines von den Dänen unterworfenen 
und noch nicht in ihnen aufgegangenen ingvaeonischen Stammes 
sein? Das liegt doch wohl näher, als dass er von den Wan- 
dalen gekommen sei, die zu HroSgars zeit längst aus dem ge- 
sichtskreise der Angeln ausgetreten waren. Warum die auf- 
fassung der Wendeln als bewohner des Vendsyssel, wie MüUen- 
hoff, Beovulf 89 meint, voraussetzen würde, dass Vendill schon 
zum dänischen reiche gehört habe, ehe die Angelsachsen ab- 
zogen, ist mir nicht verständlich. Gegen die Müllenhoffsche an- 
nähme spricht auch v. 59 des WidsiÖliedes: Mid Wenlum and 
mid Wcernum and mid Wicingum] denn mit Warnen und Wikingen, 
d. i. Erulem , zusammen ist doch eher ein drittes von den 
Nerthusvölkern genannt als ein so entferntes, wie es die Van- 
dalen waren. 

Für die Wendle des Beowulf und WidsiÖ erwarten wir 
aber bei Tacitus und Ptolemaeus eine entsprechung, und es ist 
nur in der Ordnung, wenn bei diesem über den Xagovdeg und 
^ovvdovoioi als nördlichstes volk der halbinsel noch die Klfißgoi 
genannt werden. So viel ist auch jetzt schon klar, dass man 



GOTEN UND INGVAEONEN. 211 

diesen namen bei ihm gar nicht beseitigen könnte , ohne dass 
eine lücke zarückbliebe , dass er also nicht erst in folge einer 
falschen localisierung, wie MQllenhoff dartun wollte, an seine 
stelle gelangt ist. Im gegenteile muss der eine name Klfißgoi 
den zwei namen Suardanes {Suarines) und Nuit{h)ones bei 
Tacitus die wage halten. Und das mag sogar auffallen. Aber 
werden nicht auch umgekehrt die Mattiaci des Tacitus durch 
die 'injQlcDVsg und 'ivrovsQyoi des Ptolemaeus vertreten, die 
ffermunduri des einen gar durch die TsvQioxalfiai, Ova(fyla>VBq, 
KovQloDVBq und XairovtoQOi des andern? Und sind die Bruktern, 
Friesen, Chauken je in zwei Unterabteilungen geschieden, warum 
soll ähnliches nicht auch bei den Kl/ißgoi der fall sein? Tacitus 
und Ptolemaeus lassen sich hier sehr einfach in einklang bringen, 
wenn man die Suardones (Suarines) und NuUQCjones fQr gau- 
Yölker der Klfißgoi nimmt. Die sache kann sich freilich auch 
anders verhalten, da es doch nicht völlig ausgeschlossen ist, 
dass bei Ptolemaeus ein volk übergangen ist. Zuversichtlicher 
lassen sich daher nur die sfttze aufstellen : alle NuU{h)ones sind 
Kimbern, alle Wendle sind Kimbern, alle Nuit{h)(mes sind fVendle. 
Ueber das Verhältnis der Suardones (Suarines) zu den Kimbern 
sind zweifei möglich. Und wenn sie selbst zu diesen gehören, 
ist damit noch nicht gesagt, dass sie auch ein teil der Wendle 
sind, denn diese können sehr wohl mit den Nuit(h)(mes ganz 
und gar zusammenfallen. 

Wenn Möller, Ae. volksepos 6 vorschlägt, statt Auiihones 
Vithones zu lesen, und den stamm dieses namens an die fFtdau 
(älter fFithä) in Schleswig rückt, Hesse sich das nur unter der 
Voraussetzung rechtfertigen, dass die aufzählung der Nerthus- 
völker bei Tacitus eine ganz ordnungslose ist Zudem lässt 
sich der name eines flusses fFtthä allerdings verstehen, jede 
stütze aber fehlt für die annähme, dass nach einer *Wtpahwö 
deren an wohner einfach *Wtponez geheissen haben können. 
Will man aber umgekehrt den fluss nach dem volke benannt 
sein lassen, so müsste der volksname selbständig erklärt werden 
können. Was aber sollte *Wtponez bedeutet haben? Auch 
scheint es mir gar nicht die beste art zu sein, sich des ver- 
derbten Nuithanes oder NuHones zu entledigen, wenn man das 
anlautende N einfach streicht. 

Mit Verderbnissen werden wir ja hier sicher rechnen müssen. 



^12 ifucEt 

Und wer kühn genüg ist, mag aus Stuurdones und Nuitones 
kurzweg Suarlanes und Huitones herstellen. Als *Swarlonez 
und *ffmi(mez, 'die schwarzen' und 'die weissen', so etwa nach 
der verschiedenen färbe ihrer schilde oder ihrer tracht benannt, 
wären die beiden stamme als gauTölker der Kimbern ein- 
leuchtend gerechtfertigt. Und wenn ein par mindere band- 
Schriften in der tat huitones bieten, so zeigt das, wie leicht N 
und H verwechselt werden konnten. Aber Tacitus, der germ. 
*Hrößafiks durch Cruptorix widergibt , hätte wohl auch für 
germ. *Hnntonez nicht Huitones sondern Quitones geschrieben. 
Und schon gar nicht Suardones für *Swartonez; denn auf Abv- 
66qi§ bei Strabo oder ^govöig statt ^Qomiq bei Ptolemaeus 
(s. Glück s. 35) oder Badaus auf einer Inschrift (CSL 6, 3240) oder 
das schwanken der hss. zwischen Aduatuci und Atuatuci darf 
man sich nicht berufen, weil in sachen der rechtschreibung 
jeder Schriftsteller und jede Urkunde aus sich selbst heraus be- 
urteilt werden muss. Wenn dagegen J. Grimm, GDS. 472 die 
Suardones unter der Voraussetzung als 'die schwarzen' gelten 
lässt, dass dabei, wie übrigens auch in Eudoses gegenüber 
Jdtar, d noch der dem got t vorausliegende unverschobene 
laut sei, so wird ihm darin niemand mehr beipflichten. 

Eine andere erklärung, die er s. 47 1 vorträgt, knüpft nach 
dem vorgange von Zeuss, s. 154. 476 an got *swaird, ahd. 
swert an, nach dem die Suardonen so benannt wären wie die 
Saxonen nach dem sahs. Die Sweordweras des WidsiÖ 62 kämen 
dieser erklärung natürlich sehr zu statten. Allein für die wider- 
gabe von germ. er durch ar findet sich sonst kein beleg, da 
Arminius lateinisch und Arpus ein germanischer *Arpaz nicht 
*Erpaz ist : s. Zs. fda. 35, 365. Die Zusammenstellung mit ahd. 
eidswart bei MüUenhoff, Zs. fda. 11,287 ist schon mit rücksicht 
auf die grundbedeutung von ^schwören* und auf den mangel 
des zu erwartenden präfixes ga- wenig ansprechend. Endlich 
hat gleichfalls aus gründen der bedeutung auch unser schwarte 
aus dem spiele zu bleiben; denn was wäre mit einem namen 
des Sinnes 'leute mit behaarter haut' anzufangen,? 

Uebrigens ist es sehr fraglich, ob Suardones die richtige 
form des namens ist, da die hss. B C c einstimmig Suarines 
bieten, dem nur in b vom corrector ß dones übergeschrieben 
ist, von den geringeren hss., die zum teil Suardones haben. 



GOTEN mW INGVAEONEN. 213 

abgesehen. Freilich trägt Suarines den Stempel der Verderbnis 
deutlich an sich, da latinisierungen germanischer n-stämme 
nach dem vorbilde von homo hominis nicht üblich sind und es 
Suarini heissen mttsste, wenn eine fna-abloitung wie in Charini 
oder eine ^a-ableitung wie in Varini vorläge. Die Verschieden- 
heit der lesarten bereitet hier deshalb besondere Schwierigkeiten, 
weil es auf den ersten blick gar nicht begreiflich ist, wie die 
eine aus der anderen oder beide selbständig aus einer dritten 
entsprungen sein können. Vielleicht aber verhält sich die sache 
so, dass Suardiones das ursprüngliche war. Daraus konnte durch 
überspringen des t beim abschreiben einerseits die lesart Suar- 
dones entstehen. Eine in einer hs. angebrachte correctur in 
gestalt eines zwischen d und o übergeschriebenen t konnte 
andrerseits leicht als eine correctur für die lautgruppe da auf- 

gefasst, Suardones also bei neuerlicher abschrift durch Suarines 
widergegeben werden. *Suardiones aber Hesse sich als germanisch 
*Su'ardjonez fassen , das heisst als die schwache form eines 
bahuvrihiadjectivs, bestehend aus der partikel su 'wohl' und 
einer ya-ableitung, sei es von einem unserem art, mhd. ort oder 
von einem ahd. art f. 'ackerung', alts. ard m. ' Wohnort', ags. 
eard m, * Wohnort, heimat, läge', aisl. grb f. 'ernte, ertrag' ent- 
sprechenden urgerm. worte. Die *Suardjonez sind darnach 
entweder 'die wohlgearteten', wobei als an ein gegenstttck an 
die keltischen Anartes zu erinnern wäre; oder sie sind 'die 
gutes ackerland besitzenden'. In letzterem falle würde sich 
*Su-ar(^'onez, was form und inhalt anbelangt, keltischem Su- 
essiones an die seite stellen, das bei Zeuss-Ebel GC. 10 als 
'beno statuti, locati' erklärt wird: eine deutung, zu der als 
schlagende bestätigung der hinweis auf Caesar BG. 4 nach- 
zutragen ist, wo die Kernen von den Suessionen, ihren nach- 
bam, berichten : latissimos feracissimosque agros possidere. 

Einfacher liegt die sache bei den Nuithones. Mit nurtones, 
das allein in der hs. b sich findet, und dessen r noch dazu 
durch den corrector ß in i gebessert ist, ist nicht viel zu machen, 
denn den begriff 'die nördlichen' hätten die Germanen sicher 
nicht durch *nvrponez ausgedrückt; eher noch dürfte man 
dahinter eine ablautform zu dem s. 73 angezogenen aisl. njarb 
vermuten. Man wird aber von dem weit besser belegten Nui- 
ihones oder NuHones auszugehen haben. Die frage ob / oder 



214 Mucu 

th das richtige ist, wird nicht so sehr durch den stand der 
Überlieferung als vielmehr erst durch die etymologie entschieden 
werden können. Wenn wir im übrigen an dem namen, wie er 
auf uns gekommen ist, nichts ändern wollen, müssen wir, da 
es einen germanischen diphthong tu nicht gibt, Nu-ithanes ab- 
teilen. Das wäre dann eine bildung nach art von got *6ibida, 
*Gipida, Darida, gepid. Fastida^ ahd. leitido *führer', was die 
ursprüngliche betonung anbelangt allerdings nur mit letzterem 
übereinstimmend. Zum wortstamme halte man ahd. nHum, aisl. 
nüa, gnüa neben got. bnauan 'zerreiben'. Aber mit *Miponez 
'zerreibern' ist doch nichts anzufangen. Und ein Verderbnis 
liegt hier allzu nahe, freilich keines von denen, die man bisher 
in anschlag gebracht hat Allein NVITONES kann auf die 
leichteste weise der weit aus NVTIONES verschrieben worden 
sein. Germanische *Nutjonez würden sich aus got. nuts (in 
unnutjans)^ unserem nütze, mhd. nütze ^ ahd. nuzzi, ags. nytt 
erklären lassen, und um so besser, als das ablautende aisl- 
n^tr nicht nur *utilis', sondern auch 'benignus, beneficus, strenuus^ 
bedeutet und widerholt als auszeichnendes beiwort für personen 
gebraucht wird. Ob diese erklärung das richtige trifft oder 
nicht, ist übrigens für den gang unserer Untersuchung nicht 
von belang. 

Wohl aber ist ein wort über den namen Kimbern hier 
am platze, denn wenn dieser in der tat keltisch^wäre, wofür 
MüUenhoff s. 117 und andere ihn halten, so könnte natürlich 
ein stamm dieses namens an der nordspitze Jütlands niemals 
bestanden haben. Wie sich indes aus einem worte cim oder 
richtiger cimh, das zuerst silber bedeutet haben soll, nach dem 
glossarium von Cormac aber von dem silber, das den Fomori 
(Seeräubern, Wikingen) als zins {ds) gegeben, auf jeden zins 
übertragen wäre, ferner aus cimbid 'vinctus', cimbith 'captivus', 
cimbidi 'custodias' ein altkeltisches *kimbros 'rauher' mit einiger 
Wahrscheinlichkeit erschliessen oder rechtfertigen lassen soll, 
ist mir unerfindlich. Wenn übrigens der name Kimbern nach 
Festus p. 43 und Plutarch, Marius 11 im gallischen oder ger- 
manischen rauher bedeutet haben soll, ist darauf doch nichts 
oder nicht viel zu geben, weil der name eines Volkes, das 
vielleicht in der heimat schon mit seeraub sich beschäftigte 
und später durch jähre hindurch Gallien brandschatzte, leicht 



GOTEN UND INGVAEONEN. 215 

erst nachträglich diese appellative hedeutung angenommen hat 
Aus ags. cimbmg 'comissura' und seiner sippe, die eine mit 
komm und griech. y6(ig)oq vorwante germ. wurzel kemh voraus- 
setzt, wird germ. *Kimbröz freilich nicht eri^lärt werden dürfen, 
vielmehr müssen wir uns hiefür um eine wurzel kimb um- 
sehen, die natürlich nur durch uasalierung eines in die f-reihe 
gehörigen kib entstanden sein kann. Wohl aber entspricht 
eine Zusammenstellung des volksnamens mit isl. kimbi 'spötter', 
kimbing ^spott' allen anforderungen, da dies zu aisl. kifa 'zanken', 
kif 'zank', unserem keifen, mhd. fdben, mnld. kiven, ndl. kijven 
'rixari', mhd. Idp Jdbes 'zänkisches wesen, trotz, Widersetzlich- 
keit' gehört Und auch die bedeutung 'die zänkischen, die 
streitsüchtigen', die sich daraus für den volksnamen ergibt, ist 
so annehmbar, dass ich so wenig wie Tomaschek 66 A. 1888 
301 einsehen kann, warum Müllenhoff diese etymologie, die er 
s. 118 selbst in erwägung zieht, zu gunsten jener so proble- 
matischen erklärung aus dem keltischen zurückstellt Dass der 
name Cimbri aus dem deutschen, nicht aus dem keltischen zu 
deuten ist, lehrt auch der name des Svebenherzogs Cimberms, 
der bei Caesar B6. 1, 37 zusammen mit seinem bruder Nastia 
namhaft gemacht wird. Nach Müllenhoff s. 117 f. soll dieses 
Cimberius allerdings nnr beweisen, dass der volksname der 
Kimbern in Deutschland nicht unbekannt geblieben war. Allein 
Cimberius ist doch unmöglich erst eine ableitung aus dem 
volksnamen, der bei den 6ermanen nur *Kimbröz gelautet 
haben kann, selbst wenn er, was wir damit nicht zugeben 
wollen, in ihrem munde ein lehnwort gewesen wäre. Vielmehr 
haben wir es hier mit einer ganz selbständigen bildung aus 
der Wurzel kimb zu tun; und man wird wohl nicht fehl gehen, 
wenn man deren ableitung für die urgerm. entsprechung zu 
ahd. -äri nimmt, zumal auch das aisl. -eri, -ari durch sein er- 
haltenes e, a auf vorausliegendes ce, also auch auf eine von 
gotisch 'Oreis abweichende gestalt des suffixes zurückweist 
Sichtbariich handelt es sich hier um einen beinamen, und ^Kim- 
becrjaz 'der zänker' kann um so eher einer geheissen haben, 
wenn sein bruder 'der fröhliche' oder 'der ausgelassene' hiess. 
^asuüy wie es überliefert ist, weiss ich allerdings nicht zu deuten, 
denn sicher ist dabei nicht mit Wackemagel, Kleinere Schriften 
3 , 350 an nase zu denken, und das ebendort verglichene ^as- 



216 MÜCH 

ualdus auf einer gQrtelschnalle, gefunden bei Lavigny im Waadt- 
land, ist ^as-uaidus abzuteilen und in seinem ersten teile mit 
nisan, nasjan, nara u. s. w. zusammenzustellen: vgl. den ubiscben 
mannesnamen Gasti-nasus oder Gasti-nasius (Brambach, CIRh« 
275: Lauba Gastinasi filia Ubia). Mit rücksicbt auf den Nasua 
bei Caesar wollte J. Grimm 6DS. 493 aus dem Mäövoq o 
Usfivovcov ßaCiXsvg bei Dio Gassius 67, 5 einen Näavog machen, 
ohne doch dafür eine etymologie beizubringen. Dass aber hier 
wenigstens M das richtige ist, entscheidet der ahd. mannes- 
name Maso (bei Förstemann DN. 1,917). Ich wage deshalb 
umgekehrt fttr IVasua bei Caesar Masua in Vorschlag zu bringen. 
Seine erklärung findet germ. *maswaz durch kymr. masw 'hilaris» 
lascirus, levis'; vgl auch die keltischen namen Masuco, Ma- 
siicia, McLsuonia, Masunnius, Mtisuinnus (s. GlQck s. 5). Ein 
lehnwort aus dem keltischen braucht deshalb das germanische 
wort nicht zu sein; noch weniger ist natürlich bei dem bei- 
namen eines Semnonenköniges an eine echt keltische benennung 
zu denken. 

Aus der Übereinstimmung der namen Kl/ißgoi und Xagov- 
öeg bei Ptolemaeus mit Cimbri und Charydes auf dem Monu- 
mentum Ancyranum lässt sich widerum das hohe alter der 
jenem zur Verfügung stehenden nachrichten erschliessen. Die 
quellen des Tacitus sind hier wider die jüngeren. Und fand 
dieser in dem ihm zur Verfügung stehenden und von ihm wider, 
gegebenen Verzeichnisse der Nerthusvölker von Kimbern nichts 
mehr, sondern nur andere namen; war ihm aber aus ander- 
weitigen nachrichten der fortbestand des Volkes bekannt und 
wollte er auf ihre erwähnung wegen ihrer geschichtlichen be- 
deutung und eines dabei anzubringenden excurses nicht ver- 
zichten, so ist es ganz begreiflich, wenn er aufs geratewohl 
sie irgendwo unterzubringen suchte und dabei nicht die richtige 
stelle traf. Ein beweisgrund gegen die glaubwürdigkeit der 
übrigen und älteren berichte ist aber daraus bei weitem nicht 
herzuleiten. 

Und was sollte uns sonst wohl bestimmen und berechtigen, 
alle die Zeugnisse vom fortbestehen des kimbrischen volkes zu 
verwerfen, ja eines davon vom gewichte eines staatsdocumentes 
geradezu der fälschung zu beschuldigen ? In Wahrheit zerfliesst 
alles, was gegen dieselben vorgebracht wurde, in nichts. Denn 



GOTEN UND INGVAEONEN. 217 

als keltisch lässt sich, wie wir gesehen haben, der name Kimbern 
nicht rechtfertigen, und der schluss, dass sie, die neben den 
Teutonen auftreten, nicht auch vom meere kommen können, 
weil der name Teutonen schon eine keltische gesammtbezeichnung 
fQr die nordseevölker sei, hat eine Voraussetzung, die sich selbst 
durch nichts beweisen, wohl aber leicht widerlegen lässt 
Letzteres ist auch bereits geschehen: vgl. oben s. 5 ff. 

Wenn die Vorstellung von den sitzen der Kimbern in jQt- 
land sammt den aus ihr entspringenden namen KifißQix^ 
XSQOovfjöog und Promontorium Cimbrorum auf einem Irrtum be- 
ruhte, so mQsste sich doch ein grund der falschen localisierung 
angeben oder vermuten lassen. Das ist aber nicht der fall. 
Denn die keltische flutsage, wenn sie auf die Kimbern über- 
tragen wäre, wie Müllenhoff s. 166 annimmt, hätte nur zur 
Vorstellung von der herkunft vom ocean im allgemeinen führen, 
nicht aber die von der herkunft aus einem bestimmten, eng- 
begrenzten bereiche begründen können. Ist aber eine Über- 
tragung der flutsage von den Kelten auf die Kimbern über- 
haupt wahrscheinlich? Wenn uns von meeresfluten erzählt 
wird, die ein nordisches volk zur auswanderung nötigen, so 
haben wir dabei in anbetracht der bekannten furchtbarkeit der 
nordseesturmfluten zunächst gar nicht an sage zu denken, und 
am wenigsten dann, wenn die nachricht von Zeitgenossen stammt, 
oder doch aus einer zeit, in der noch tausende von augenzeugen 
aller erzählten Vorgänge am leben waren. Ueberschwemmungen, 
zumal solche durch Sturmfluten, mochten in der vorzeit mehr 
als einmal Völker zur auswanderung nötigen; dass flutsagen 
verschiedentlich auftreten, braucht darum nicht oder doch nicht 
immer aus einer Übertragung sich herzuschreiben. Selbst der 
langobardischen und der nenrischen flutsage, die einstimmig 
bedrängnis durch schlangen, die hier nur das bekannte mythische 
bild des wassers sind, als grund der auswanderung angeben, 
möchte ich nicht kurzweg einen kern von Wahrheit absprechen. 
— Dass im vorletzten Jahrzehnte des zweiten vorchristlichen 
Jahrhunderts ein volk aus dem nördlichen Jütland auswanderte, 
ist um so weniger unwahrscheinlich , als im jähre 58 v. Chr. 
widerum jütländische Eudusier und Haruden im beere Ariovists 
in Gallien stehen. 



218 HUGB 

DasB die Kimbern auch wirklich Deutsche waren, wird 
man nach dem, was sich uns über ihre heimat und herkunft 
bereits ergeben hat, nicht erst zu beweisen brauchen. £s wäre 
sehr verfehlt, wegen des Eeltentumes der Teutonen auch die 
Kimbern zu Kelten stempeln zu wollen. Im gegenteile müssen 
sie dann um so eher Deutsche gewesen sein ; woher wäre sonst 
die Vorstellung gekommen, dass jene wanderschaaren ganz 
oder teilweise aus Germanen bestanden haben? An ihrem 
germanischen Volkstum hat auch MttUenhofF nicht gezweifelt 
und seine bemerkungen über die erhaltenen kimbrischen königs- 
namen s. 119 ff. sind in allem wesentlichen zu billigen. 

Dazu kommt nun noch das zeugnis eines Ortsnamens, den 
man bisher in seiner bedeutung nicht gehörig gewürdigt hat, 
und zwar des namens TevtoßovQytov (Ptolemaeus 2, 15, 3) oder 
Teutiburgium (Itin. Anton. 243, 4) in Pannonien. Ein keltischer 
name, wofür Müllenhoff s. 115 ihn hielt, kann das unmöglich 
sein, weil die keltische entsprechung zu idg. r nicht ur, sondern 
ri und altir. borg ^stadt' erst aus dem altnordischen entlehnt 
ist. Wir haben es also sicher mit einem germ. *Peudaburgja(n) 
zu tun, einem namen, dessen wortsinn uns schon an die un- 
geheuren lagerplätze der Kimbern gemahnt, die sich nach 
Tacitus, Germ. 37 bis in seine zeit erhalten hatten. Denn 
*Peudabtirgja{n) kann nicht nur 'die volksburg', sondern auch 
'die grosse bürg' bedeuten (vgl. oben s. 74), und es ist wohl 
auch kein blosser zufall, dass die andere Teutoburg, die, 
von welcher der Teutoburgiensis salttis den namen fahrt, zu 
einer Grotenburg, d. i. 'grossen bürg' geworden ist Um so 
eher aber werden wir bei dem pannonischen TevroßovQyiov 
Teutiburgittm an ein Kimbernlager denken, als dieser ort hart 
an der nordgrenze der Skordisken gelegen ist, ebendort also, 
wo in der richtung des kimbrischen wanderzuges eine Wendung 
eintrat Man braucht sich den verkehr zwischen den nord- 
leuten und jenem Keltenstamme gar nicht mit Müllenhoff s. 291 
als einen feindlichen vorzustellen. Was die Germanen zur 
Umkehr bewogen hat, ist eher als ein für die Kelten günstiger 
kämpf (von dem uns ja wohl etwas berichtet würde)^ die bei 
diesen eingeholte künde über macht und machtbereich der 
Römer. Sehen wir doch, dass die Germanen selbst nach ihrem 
siege bei Koreia es vermeiden, in römisches gebiet einzubrechen. 



GOTEN UND INOVAEONEN. 219 

Auf jeden fall aber setzt der entschluss zur umkehr ein längeres 
verweilen voraus; und wenn nun eben in der gegend, in der 
diese rast gebalten worden sein muss, ein germanischer Orts- 
name uns aufstösst, der ' das grosse lager ' oder etwas ähnliches 
bedeutet, so liegt es nahe genug, gerade an der stelle, die er 
bezeichnet, den Wendepunkt der kimbrischen Wanderung zu 
suchen. War der aufenthalt an diesem orte ein längerer, so 
begreift es sich, dass der name, den die Germanen ihm gaben, 
auch der einheimischen bevölkernng bekannt wurde. Doch 
hindert uns auch nichts in der annähme, dass zurückgebliebene 
reste der nordischen wanderschaaren ihn der Umgebung und 
den eigenen entnationalisierten nachkommen überliefert haben. 
Erst nachdem die nordjtttländische heimat der Kimbern 
als erwiesen gelten kann, mag zuletzt noch der name Morima- 
rusa hier berührt werden. Plinius berichtet uns HN. 4 § 95 : 
septentrionalis Oceanus. Amalcium eum Hecataeus appellai a Para- 
paniso amne, qua ScylMam adluit; quod nomen eins genüs lingua 
significat congelattm. Philemon Morimarusam a Cimbris vocari, 
hoc est moriuum mare, mde usque ad promunlurium Rubeas, ultra 
deinde Cronium. Wenn hier, wie MüUenhofif DA. 1, 413 an- 
nimmt, a Cimbris mit inde zu verbinden und bloss örtlich zu 
verstehen wäre, so hätte sich Plinius schlecht genug ausgedrückt, 
da jedermann in dem ausdruck a Cimbris vocari zunächst ein 
gegenstück zu dem unmittelbar vorhergehenden eins gentis lingua 
suchen wird. Freilich sagt Solin 19, 2 bloss: Philemon a Cimbris 
ad promunturium Rubeas Morimarusam dicit vocari, hoc est mar- 
tuum mare; ultra Rubeas quicquid est Cronium nominal. Und 
somit wird es in der tat fraglich, ob Philemon von einem 
kimbrischen werte gesprochen hat. £in solches kann aber 
trotzdem vorliegen, da es sich um eine örtlichkeit handelt, deren 
grenze einerseits durch ein zweifellos germanisches, andrerseits 
durch ein gänzlich unbekanntes local bestimmt wird. Damit 
soll nicht behauptet werden, dass die Kimbern bereits ausser- 
halb des gesichtskreises der britannischen und nordgallischen 
Kelten gelegen haben, dass es also einen keltischen namen für 
ein meer, das bis zu den Kimbern hinanreichte, nicht gegeben 
haben könne. Man bedenke aber, dass Philemon die Kimbern 
als einen anfangs-, nicht als einen endpunkt namhaft macht 
Die möglichkeit, dass wir es bei Morimarusa mit einer ger- 



220 MUCH 

manischen bezeichnnng zu tun haben, hält somit der, dass 
der name keltisch ist, mindestens die wage, es sei denn, dass 
die etymologie ftlr die letztere entscheidet Wirklich fällt Mori 
mit kelt. mori in MoQixanßij, Moridunum, Moritasgus, Morini, 
Aremorici, ir. muir, kymr. m&r 'meer' vollständig zusammen. 
Das beweist aber noch gar nichts, da die namen Mainz, Maas, 
Wasgenwald gegenüber kelt. Moguniiacum, Mosa, Vosegus — vgl. 
auch got alSw : lat. olivum, über das oben s. 34 gehandelt ist — 
zeigen, dass der Übergang von idg. o zu germ. a ein verhältnis- 
mässig später ist, und wir voraussetzen dürfen, dass im zweiten 
Jahrhundert v. Chr. statt ahd. mari, got. marel noch mori, mori 
gesprochen wurde. Jedenfalls kann über die bedeutung von 
Mori' ein zweifei nicht bestehen. In -marusa muss dann der- 
jenige begriff liegen, den das lat morttmm widergibt, ja es muss 
sogar wie dieses ein adjectivum sein, weil es als bestimmangs- 
wort einer Zusammensetzung an erster stelle zu stehen hätte. 
Morimarusa ist also für mori marusa zu nehmen, und daraus 
ergibt sich sofort auch die bedeutungsvolle tatsache, dass mori 
hier nicht wie ir. muir neutrum, sondern wie got marei und 
alts. meri femininum ist Sicherlich ist marusa mit ir. marb, 
kymr. marw Hot' verwant, ist aber doch auch ein ganz anderes 
wort als dieses. Dagegen haben wir auf germanischer seite 
bereits ein adjectiv *marsaz und *marzas kennen gelernt, das 
uns im namen der Marsi und Marsigni sowie in got marzjan 
XL s. w. erhalten ist Wenn es nun neben got marzjan ein 
aisl. merja gibt, ganz mit der bedeutung unseres mhd. zer- 
mUrsen, und wenn uns neben mnl. merren, nnl. marren gleich- 
bedeutendes mnl. meren, nnl. meren begegnet, so zeigt sich da- 
bei, dass das s oder z hier geradeso wie etwa in got ialzjan 
neben untal-s nicht zur wurzel gehört, sondern das einer ad- 
jectivischen ^-ableitung ist, deren übertritt zur a-declination 
übrigens schon im volksnamen Marsi vollzogen ist Zu dem 
diesem zu gründe liegenden adj. *marsaz aber verhält sich 
*martisaz wie ags. ear (lat acus) zu got ahs, ist also eine 
nebenform desselben wertes. Wir haben oben s. 112 f. gesehen, 
dass Franck EW. 614 für den germ. stamm mars mit recht 
die bedeutung ^roerloos, talmend, verward' vorausgesetzt hat 
Und damit können wir uns auch in dem vorliegenden beson- 
deren falle vollständig zufrieden geben. Denn wenn auch 



GOTEN UND INGVAEONEN. 221 

Morimamsa eigentlich nur 'das bewegungslose meer' bedeutete, 
konnte es sehr wohl auch durch mare moriuum üersetzt werden. 
Neben mare moriuum und vbx^ ^dZaööa finden sich ja auch 
die ausdrücke ütBJtrjyvla ^dXaaaa, prope immotum mare, mare 
pigrum (s. MüUenhofif DA. 1,410 ff.), die, obzwar nicht aus- 
drücklich als Übersetzungen von Morimarusa bezeugt, doch 
offenbar alle auf denselben barbarischen begriff und namen 
zurückgehen, oder allenfalls auf einen germanischen und einen 
sinnverwanten keltischen. Wenn das mit germ. *marwaz ur- 
verwante ir. marb, kymr. mar/v Hot' bedeutet, so ist es übrigens 
gar nicht ausgeschlossen, dass auch das derselben wurzel ent- 
stammende und mit germ. *marwaz, wie wir s. 112 gesehen 
haben, synonyme germ. ^mor^az von der bedeutung ^unbeweglich' 
aus diejenige von leblos' erreicht hatte. Umgekehrt darf man 
wohl für das kelt. *maruos in älteren Sprachperioden neben der 
bedeutung 'tot' auch noch die beim germ. ^martvaz festgehaltene 
voraussetzen. Germanischem *mori marusa, jünger ^mari ^ma- 
rusö, kann also sehr gut ein gleichbedeutendes keltisches *mori 
*maruon entsprochen haben. 

WIEN, im Winter 1891/92. RUDOLF MUCH. 



Berichtigungen und nachtrage. 

S. 3 z. 20 ist zu lesen Ptolemaens. S. 6 z. 11 v. n. Twvyivoi. S. 7 z. 4 
V. n. namen. S. 8 z. 19 noch. S. 17 z. 4 Gesoriacum, S. 19 z. 6 iaaßaXs. S. 19 

z. 13 V. n. § 170 [statt: § 67]. S. 21 z. 14 magnitudine haric. S. 25 

z. 7 der mittelpnnkt des. S. 32 z. 7 v. n. lü^ (ans *l^ii). S. 33 z. 10 
(wie MüUeDhoff. S. 35 z. 10 gradangaben. S. 38 z. 17 v. n. ist. S. 40 
z. 20 stelle [statt: stelle des]. S. 40 z. 14 v. n. Angliorum, S. 43 z. 12 
im Beownlf. S. 55 z. 19 v. n. v<p\ S. 61 anm. z. 16 v. n. von germ. h. 
S. 09 z. 4 kann. S. 73 z. 12 dvegsc^. S. 73 z. 9. 10 v. n. Kannenefaten 
[statt: batavischen Seeräubers]. S. 74 z. 19 v. n. TsvroßovQyiov, S. 
76 z. 1 onwq, S. 81 z. 17 Ita. S. 83 z. 10 der Sachsen. S. 85 z. 8 
V. n. *Mauringdz, ebendort *NarisWz. S. 88 z. 10 v. n. Quorum, S. 89 
z. 2 y. n. ThxBQOi, S. 94 z. 12. 13 Codex Vaticanns 191. S. 109 
z. 13 Gesenke. S. 113 z. 15 v. n. zwischen. S. 117 z. 5 isl. [statt: aisl.] 
S. 120 z. 8 Bondingas. 8. 122 z. 20 ^" [statt: g\ S. 124 z. 5 Bacu- 
sium. S. 142 z. 18 iXdrxoveg, S. 145 z. 9 v. a. skadinavischen. S. 147 
z. 20 Friesen. S. 147 z. 1 v. n. ROmerzeit. S. 157 z. 19. 20 etymologien 
des namens. S. 157 z. 22 unternahm. S. 168 z. 5 y. u. ^irans Bhenum* 



222 MÜCH 

[statt: 'eis Rhenvm']. S. 171 z. 12 auBgegangeo ist S. 175 x. 19 v. n. 
ngoaayoQsvovaiv. 8. 175 z. 18 y. n. ngoariyoQia, S. 176 z. 5 v. n. ^<jav. 
S. 1S3 z. 13 oceans. S. 186 z. 5 Zov^ßoq-. S. 196 z. 2 von den Ger- 
manen. S. 196 z. 13 wo anders sollten. S. 199 z. 18 y. n. MftgUonez. 
S. 206 z. 17 ändern. 

Beizufügen habe ich zn s. 26: Mit dem yolksnamen Manimi ist der 
Personenname Menimo (F(5rstemann DN. 1,928) zusammenzustellen, wie 
dies bereits Mone, Heldensage 91 getan hat. Damit erledigt sich auch 
die frage, ob uns der mittelvocal in ersterem richtig Überliefert ist oder 
nicht 

Zn s. 41: Da dem namen Avagivol fZrer vorausgeht, könnte sein 
anlaut allerdings angeschleift sein. Dass es nicht kova^ivol heisst, stünde 
einer solchen annähme nicht im wege; denn ans kova^ivol konnte bei 
neuerlicher abschrift leicht AvaQtvol Äßagrivol werden. 

Zu s. 42. 43: In der auffassung der namen Burgunden und Chauken 
begegne ich mich mit A. Erdmann, Ueber die heimat und den namen 
der Angeln 94. 95, welche schrift mir jetzt erst zu gesiebte kommt. 

Zu s. 57: Fosi^ germ. *Fös\z, ist yielleicht besser als (poßhQoi zu 
verstehen : vgl. schwed. fasa 'schaudern, sich entsetzen', fasa (aisl. /an') 
'Schauder, gransen, entsetzen', engl, (bei Halliwell) fese 'tQ frighten, to 
make afraid', affesed 'frightened', ags. fdsian{?) 'fugare', fcps (Beownlf 
2230) 'grausen, entsetzen', dSin.faas 'heftiger anlauf um schrecken ein- 
zujagen '. 

Zu s. 60: Die kürze des e in Cherusci bestätigt Claudianus an zwei 
stellen, abgedruckt bei Zenss s. 383 f. 

Zu s. 73: Was germ. ^narja- betrifft, ist jetzt anf KOgel, Anz. fda. 
18,53 zu verweisen. 

Zu s. 8^: Morra ist von Maur- besser zu trennen: s. Kögel, Anz. 
fda. 18,55. 

Zu s. 97: Der ansatz *Alamannez erscheint mir bei eingehenderer 
erwägung bedenklich, da uns nirgends Alamannes oder Marcomannes 
belegt ist. 

Zu s. 151: Falls jüngere Schreibungen wie ^Qiaaovsq bei Prokop 
wirklich auf germ. *FrUonez ohne y-ableitung zurückweisen sollten, was 
mir zweifelhaft zu sein scheint, kann dabei eine bildung wie Bardo, 
Saxo vorliegen. Das Vorhandensein einer solchen nebenform würde also 
der vorgetragenen etymologie nicht widerstreiten. 

Es scheint aber noch eine andere völlig abweichende bezeichnung 
für das in betracht stehende volk gegeben zu haben, die freilich nur in 
verderbter gestalt Überliefert ist Ich denke dabei an den namen CRHEP- 
STINI, der auf der Tab. Peut. im nordwestlichsten winkel Germaniens 
zwischen CHAMAVi • QVI EL PRANCI d. i. Chamavi qui ei Fronet (s. 
Zeuss s. 326) auf der Rhein- und UACI * VAPll • VARII auf der meer 
Seite mit anderer sehrift eingetragen ist Haci ist sicher mit Zenss s. 
380 in Chauei zu bessern. In den beiden folgenden worten steckt aber 
kaum verderbtes Angrivarü, wie Zeuss s. 326, oder Ampswarüf wie Müllen- 



BERICHTIOÜNGEN UND NACHTRAGE. 223 

ho£f DA. 3, 216 annimmt. Sicher ist aach Vapü zunächst in Vorn herza- 
Btellen, nnd Varü , Varii wird aus zwei mit varii zusammengesetzten 
namen verstümmelt sein (vgl. MQlIenhoff DA. 3, 314 f.): neben Angrivarn 
kommt dann Ampsivarii, Chasuarii oder Chatiuarn in betracht. Die 
Crhepsiini nahm Zenss s. 380. 382 fttr Cherusci, worin ihm MUIlenhoff 
DA. 3,216. 314 gefolgt ist Doch haben sie mit diesen nicht mehr als 
ein paar bnchstaben nnd noch dazu in verschiedener stellang gemein, 
gewiss viel zu wenig, um allein daranf hin die einen fttr die anderen zu 
nehmen. Die Cheruslsen wird man zudem auf der Tab. Peut. nicht suchen 
dürfen schon wegen der zeitstellung dieses denkmals; und was sollte 
ihr name zwischen denen der Chamaven und Chauken? Andrerseits 
würde es sehr befremden, wenn ein so bedeutendes volk und noch dazu 
eines ans der nächsten nachbarschaft der Römer, wie die Friesen es sind, 
auf der Tab. Peut fehlte. Und diese müssen wir gerade dort suchen, 
wo die Crhepstini stehen. Wie dieser name im germanischen gelautet 
hat, ist schwer zu sagen. Vielleicht *Hrefs(lnOz, da CRH aus CHR ver- 
schrieben sein kann. Wahrscheinlich aber gehOrte das C, worauf mich 
Kossinna aufmerksam macht, in einer älteren gestalt der in der Tab. 
Peut erhaltenen karte zu HACI {Chauci)\ es bleibt dann Rhepstini übrig, 
dessen Rh sich wie das in Rhenus, Rhaeii, Rhedones aus griechischem 
einflusse erklären wird. Die Verbindung fsi, wofür pst steht wie sonst 
pl für ft, ist, wie z. b. got haifsls zeigt, gut germanisch; doch kOnnte 
es sich in unserem falle möglicherweise auch wie bei den aisl. Schreibungen 
ofsty krafstr, afslr (Noreen, Aisl. gr. § 226, 2) um eine Sonderentwicklung 
aus /V handeln. Ausser germ. *Refsnnöz ist also auch noch *Reft%nöz 
in anschlag zu bringen. 

Zu 8. 1 58 f. : Cugerni Hesse sich noch in einem viel schlimmeren als 
bloss feindseligen sinne verstehen. Der name ist vielleicht ein seiten- 
stück zu der an der wende des 15. und 16. Jahrhunderts bei den Schwaben 
geläufigen bezeiohnung der Schweizer als Kueghur. In neueren geschichts- 
werken wird diese in der regel als Kuhgierer widergegeben, was um so 
mehr an ^Kn-gernüz erinnern würde; doch geschieht dies nicht aufgrund 
von belegen, sondern lediglich einer falschen etymologie zu liebe. Mit 
gier hat der name keinesfalls efcwas zu tun, ist vielmehr in seinem zweiten 
teile nom. ag. zu mhd. gehlwen, gehlen in dem auch sonst widerholt be- 
legten sinne von ^coire\ also völlig synonym mit älter deutschem kue- 
serte, kuesorte (Schmeller, BW.' 327) und lit karpisys, eig. karwpisys 
(Knrscbat, Lit W. 169). lieber die art des Schimpfes, den er enthält, kann 
übrigens auch mit rücksicht auf die ihn begleitenden reden und hand- 
lungen ein zweifei nicht bestehen. Und ähnliche Spottnamen von Völkern 
gibt es noch etliche. So soll ritter Hans Dietrich von Blnmenegg, dem 
es nach den Eidgenössischen abschieden 300 vorgebalten wird, dass er 
im Venetianerkrieg 1487 einen Schweizer einen ^ k'ühghyer' gescholten 
habe, sich auch geäussert haben, *wenn dieser krieg aus sei, so wolle 
er lieber zu dem Bayer gehen, als zu den Schwitzern; ein Bayer sei 
besser, denn ein solcher mache neun förlin auf einmal, während ein 



221 MUCII, BERICnTIOUKGBK ITKD NACHTRAGE. 

Schwltser in einem ganzen jähr nur ein Icalb'. Man sieht lii0ia«|,.ji 
wHohtMu sinne der tiroliache Schimpfname BaairYgkyJn (BaierlarcbeX iv 
xugicioh ein Wortspiel zu 6cfi(rl/\)A7n *bärfarche, Zuchteber' ist —a 
Sohöpf, 'UrDÜsches idiotilion ^ 20 — und wohl gar diesem seinen nnpiai 
veniankt, vorstanden oder doch gelegentlich gedeutet wurde. Wdm 
stellt sich auch der in Oesterreich sehr gebräuchliche name Katz^mmtkr 
für die Italiener, statt dessen man freilich, wenn er sich mit dem rufe» iitei 
diese bei ihren naehbarn stehen, im ein klänge befinden soll, ^Eiizelwmdm 
erwartet. Uie übliche form wird daraus infolge einer umdeutnng entapnuga 
sein, weil Aicc* sowohl *junge ziege* als auch *katze* bedeutet: a. Kligi 
KW.« 171. Aehnliches wurde den Erulern nachgesagt nach ProkopDek 
t)olh. 'i. 14: xn\ ftut-i^ ovx <^><i''a> rekovaiv, i:kka^ Tf xal avSpiSy xal Ji w r , 
und |>Xderastie wenigstens auch den Taifalen bei Ammianus Mareellia« 
ni,it und den tialliorn bei Dii>dor 5.32; vgl. MüUenhoff s. ISI. DiH 
alle derartigi«u anklagen im wesentlichen und in der ausdehnuuif, in -dir 
sie au»gespnH*hen werden, unbegründet sind, bedarf keines beveiiM. 
Immerhin aber werden vereinzelte Vorkommnisse zu ihnen an lata gegebei 
haben und diese widerum haben ihre Voraussetzung iu der lebeasveiM 
der botn^ifenden stamme, hass m.in gerade gegen die Cuba^i *Ä'H'b€rmÖZj 
*die ktthkuoehie\ den vormurf ausgespriKhen hätte, dass sie corpore in- 
f9»mfs in der angedeuteten art seien, wäre gan£ begreiflich, ebenao vie 
es der gleiche Vorwurf gegen die zumeist von rindenucht lebend« 
Soh^» eiser ist. Aber ^kn-hermoz Hesse sich auch als * kuhsöhne' deuten 
und «ärt» dann ein »eilen-, beiiehuncs weise gegenstiick zu schisKpfnamen 
wie ahd. m^WAmn san , ags. My^iin junm. aisl. mrrarsom, apitmhd. 
UNnNjtMi«, :%^\mthn, aisl. K^i::^"/- h. Auoh den khisorttn fcn mns« man 
sieh als kuhm^hn ce«Uoht haVn. l nd die v<.>r$te'.ung von den Schweiiern 
als kuh söhnen findet sich bei l.i'.iencr\>r.. Die r.i*:-ir. Volkslieder der 
IVwtsohen ^. no ?»u» »tr^^he 6 ^s r*> '\. Mi: al. des: s^Ii indes nur auf 
luCVgbehkeiien hingewiesen wen'.er.. Vor a-.ieDfr- a^pes*hen fallt gut 
■ ■<! 1 1 ay».n'H»x . sg* ''a' VC <"• •*•» s :a: k s u £ uv. *: er. li e r iVü he r s. 1 5!* f. ror- 
g>^rag^tten deutungrn in» gv«io'r:. 

7« s. '.:• .\u» %W: >»ur:e" :../ ;»'.}:. :\i;\ Kr-Wt-'e-" erk'^irt den 
uamen .*\. . / 4 * aiso h U o* »•.;': . A '. : i " :. ^ r r* .■ : * v- : *:: : n: i- *>: :.". -*s* an Diefen- 
!v*oh S*Mr e ;; >er*ej s '.in jk * *: t* ors^.- : » o". .;T.f ~ * :*: 4". ; r « -; r "g ansprechend : 
d:e Be^,jtv« s;r.»l ent^CNi«*: "d.i *:A:k;*T. " kxLt '»:.e i-.^rzJXiz' 

\MjN. *v.' : ;;*: :»: K^L^LF MICH. 



Die RheiiQande um. 60 v Chr. 




< 



ZUR 

GESCHICHTE DER VERBINDUNGEN EINES 5 
BEZ. SCH MIT EINEM CONSONANTEN IM 

NEUHOCHDEUTSCHEN. 

I. 

§ 1. Die alten coDsoDaDtenverbindungen sl, sm, sn, sp, st, 
sw werden wortanlautend im nbd. als il, sm, in, sp, st, Srv ge- 
sprochen und auch die sebrift sucbte dieser ausspräche wenig- 
stens bei sohl, schm, sehn, schw gerecht zu werden, lieber die 
zeitliche und örtliche ausdehnung dieser Schreibung soll die 
folgende Zusammenstellung einen überblick gewähren. 

Als zeitliche grenze nach rückwärts ist^ wie aus den 
grammatiken (Weinhold, Mhd. gr.^ § 206. AG. § 190) erhellt, 
das ausgehende 13. jahrh., als zeitliche grenze nach vorne, wie 
es aus den bestimmungen bei Eolross,^) Fab. Frangk,^) 

^) In seinem Enchiridion (Müller 80 ff.) sagt er: *By difser kürtzwig 
solt du ouch wissen / das offt der büchstab s, atiein für seh. geschriben 
würt I vnd dasselbig geschieht gemeingkiich in den Worten j in welchen 
nach dem seh, difse büchstabenj nämlich l. m. n. r. und w von stund 
an volgend / wie du in nachgesetzter figur söllichs eigentlich vnd heyter 
sähen würst,' 

slahen (slemmeti) 

u. s. w. 
s für seh 



n > 



*) In seiner Orthographia (Müller 104) heisst es: Widderumb aber 
ist dis kein abbruch / sondern für gnug j vnd ein zierd angenohmen j 
so weiland s ettliche buchstaben vb er sehen werden j als das cli jnn diesen 
vnnd dergleichen / sprach / Sprech / storch / straus / für schprach / schprechtj 

Beiträge rar getohlohte der deoteehen fpraGbe. XVII. 15 






226 ARON 

und Jo. Hei. Meichssner^ hervorgeht, das begiDiiende 16. jh. 
anzusetzen. Dureh den begrifif 'hochdeutsch' ist auch die ört- 
liche begrenzung erschöpft. 

Von vornherein mahnt die orthographische manier der 
nhd. Schriftsprache die erwähnten Verbindungen in zwei grup- 
pen zu scheiden, einmal sl, sm, sn, stv, die als sckl, schm, sehn, 
schw geschrieben werden, zum andernmal sp, s(, bei denen an 
der Schreibung zäh festgehalten wird. Hiezu kommt noch, dass 
die Verbindungen der ersten gruppe im gegensatz zur zweiten 
im Inlaute fast gar nicht erscheinen. 

A. sl, sm, sn, sw. 

I. sL 

1) In OberdeutschlaDd: 

a) In Alemannien. 

1. Urkandliche belege: 

§ 2. G larns. Hofslang 12S9; keiner schlachte 1302; besiossen (3) 
1340; loischlag (2), iotslag 1850; ab seh lag 1359; erslagen 1386; be- 
siossen, stachen 1393; dry schlagkne 1412 no. 144; todsieg 1419 no. 160; 
fürslahen, abzeschlahen 1419 no. 170; n. pr.: Schlipföwer, Schlipf fouwer 
Schlüsse neben Slüsse 1421 no. 167; ussgeslossen 1424; stachen (ü), ge- 
stagen (ü) 1425 no. 175; sloss, bestiessen 1425 no. 176; verschlicht, be- 
schlossen 1428; todschlag 1429 n. 185: geschlagen, abschlag 1429 no. 
186; Schlössern (ö) 1437 no. 201; sloss (0), besiossen, besliessung, tod- 
steg, verricht und versticht 1437 no. 202. 205; schloss (2), slössern, 
schlössen, slossen ((5), absch Iahen 1437 no. 206; schlössen, schloss, 
ufschlag 1437 no. 207; schloss ((5) 1437 no. 209; sloss (2) 1437 no. 212; 
sloss (2) 1438 no. 216; schlichten, beschliessung , besch Hessen , ab- 
schlachen, verschlicht 1438 no. 218; beschlossen, ent s c h lachent (2), 



s(ch)t(h)raufs. (Hier bat die Frankfurter ausgäbe schtraufs, die Wittem- 
bergische und die Kölnische sthraufs. lieber dieses sth s. unten § 2S, 
anm.). Fnd ist Ein gemeine Regel, Wenns p odder t nach dem seh / 
von rechte gefordert! so wirds ch vermieden / vnd das p odder t schlechts 
zunehst ans s gesalzt / wie jtzt gesehen. Des gleichen hatdens ettlich 
auch i mit dem l und w wenn sie nach dem seh gehen / das sie das ch 
meiden / vnd schreiben also Slesier / Sweidnitz / Sweitzer / für Schlesier / 
Schweidnitz / Schweitzer etc. / Welches aber nicht so passt als Jens / jnn 
vbung ist, 

^) In dessen *HandbUcblein' heisst es (MUller s. 163): Es mag ouch 
vilmaln ch ver mitten vnd geschriben werden j Swalbachj Swytzer j slagj 
slafftrunck / vnnd nit Schwatbach / Schwytzer etc. 

') Ueber die seltenen sl, sm, sn, sw im inlaute s. unten § 32. 



Ä-VERBINDÜNGEN IM NHD. 227 

ent schlagen 1439 no. 221 ; ussge schlössen 1440 no. 224; slossen (2) 1440 
no. 225; beschlossen, heschliessen, verschlichli sach, todschleg, ver- 
slagen oder verspert 1440 no. 233. — Basel: ^) von SUengen 1284 no. 157; 
von Sliengen, zem Slüssel 1382 no. 29^; gesUigen 1334 no. 297; von SUengen 
1337 no. 303, 1842 no. 817; von Schlierigen 1847 no. 335; Slopen 1348 
no. 337 lat. nrk.; slaht 1350 no. 344; von Sliengen 1356 no. 364; ge- 
schlechten 1357 no. 367; slahen 1359 no. 377; slahen 8.406, 3; abeslag 
8. 406, 5. 1371 no. 412; geslagen s. 411, 24. a. 1371 no. 415; am sl^e 8. 415, 
15. 16; am sliphe 8. 416, 3. a. 1371 no. 416; einheinrslahte 8. 425,34; ab- 
siahen 426,6. 1373 no. 420; abslag 8.437,8. a. 1374 no. 428; ent schlagen 
8. 446. a. 1880 no. 438; Heinrich von Schleyten 8. 467, 19; schlechter 8. 
468,4. a. 1384 no. 455; dem sleyrun 8.472,12. a. 1384 no. 457; totsiege 
8.481, 14; absiahende s. 481,28. a. 1386 no. 468; Sluppe 1390 no. 475; an 
dem schliff 8. 527, 26, ze Schlugken 8. 528, 5, ze Slugken 8. 528,6. 8. a. 
1392 no. 486; abslag (2) 1393 no. 489; geslagen 8.548,8. a. 1395 no. 496; 
Schlegel 8. 544,21, entschlage 8. 544, 38, entfchlahen 8. 550, 12, ent- 
schlagen 8. 550, 13. a. 1396 no. 499; ufge schlagen 8. 555, 2, ufgeslagen 
(3), ufzeslahende 8.555,17. a. 1397 no. 502; entslahen 8.571,6, entsla- 
hende 8. 571, 7, a. 1399 no. 512; uf dieselben schlösse 8. 589, 87, geschla- 
gen ib. a. 1400 no. 525; slosse, slossen, schlössen 8.594. a. 1400 no. 526; 
uffschlahen 8.621,29. a. 1406 no. 548; beslossen 8.703,10. a. 1417 no. 
601; geslicht 1417 no. 603; slahen 8. 720, 14. a. 1421 no. 616; verslossen, 
todslag s. 734 a. 1422 no. 627; slacht 8. 736, 15, todslag 8. 737, 16 n. ö., er- 
slagen s. 739,3 a. 1422 no. 628; beslagen 8.748,29 a. 1422 no. 637; ersla- 
gene 8.756, 18, todslage 8.753,35 a. ö., tod schlage 8.754,13 a. 1428 no. 
640; in den Schlatthof B,7QS,21 a. 1424 no.645; geslicht 8.787,7 a. 1431 
no. 661; die slosse 8.788,14, ze slahende e. 791,4, zuslahunge 8. 791,9, 
abeslag 8.792,2 a. 1431 no. 664; todstagk 8.806,36 n. 0., geslagen 8.807, 
2, uf slahen 8. 808, 6, beslossen 8. 808, 9 a. 1435 no. 677 ; geslagen 8. 812, 27 
a.1436 no. 682; Sluzz 8.818,29 a. 1437 no. 687; abeslag 8.820,28 a. 1438 
no. 689; sleyffin 8. 826, 31 a. 1438 no. 692; geslagen, versluge 8. 858 a. 1445 
DO. 722. — Weisttimer: Eigen (Rochholtz 8.4) nur sl (vor 1313); er- 
schlagen (öffonng von Berkon 1848 ib. 8.21); nur schl im wei8tam v. 
ErmatiDgen (Grimm 1, 239 ca. 1350); slahen (Birmenstorff 1363, Roch- 
holtz 8.44); schlüeg (Öffnung von Kndolf8tetten nach 1408, ib. s. 59); 
nur schl im weiatum v. Altorf (Grimm 1,11, a. 1439). 

2. Belege au8 literarischen denkmälern:') 

§ 3. a) Mainauer naturlehre: Nur W; siecht 8.1; besluzit 2'^ 
slafene 2. — Basier Nibelungenbruchstiicke: Nur schl, vgl. 
Wackernagel 8.45. — Der mag et kröne: 5 sl: slafen 2,46; geslacht 
4,24; slofs *4, 394; beslafen 5,68; slahen 5,285 gegen 14 scM: schlofen 
3,2; schlahen 3,27; erschlugen '''8,128; schlug 4,211. 4,486; geschlagen 
4,246. 4,474; schleif 4, 291; beschlossen 4,299; erschlagen %343; ge- 

^) Bei benutznng der Urkunden wurden nur originale beachtet. 
') Die anordnung ist chronologisch (wenigstens ungefähr). 

15* 



228 AROK 

schlagen by 2^9 \ schlos%2il; schlug 5, S\A\ schUcs by^S2. — Hugo von 
MoDtfort: Schreiber A: 9 sl: slachte ♦1,11. ♦4,34. ♦5,351; verslossen 
♦1,83; umheslossen 1,66. 5, 143; siechte 3,71; slechter 4,44; slichen ♦8,2 
gegen 1 scM: geschlichen 5,71; Schreiber B: 4 sl: zerslagen *13, 5; be- 
slossen 27,28. 31,152; sieht ^28,235 gegen 49 schl: beschlossen 13,58. 
28,542. 36,6; beschlossen 18,5. 176. 26,12. 27,10. 40. 34,28; geschlossen 
28,240; beschliessent 21, 16; besclUüst 35,20; geschlaffen 15,2; schlaffen 
29, 127. 22, 100. 34, 40. 35, 21 ; entschlaff 18, 5; entschtieff 25, 13. 47. 85. 
147; schlaff 2SylOS', Schlacht 15, 16; schlecht 27, 83; schlechst 27,71; 
schlahent 26,41. ^29, 19; schluog ♦lö, 96. 25, 27. 94; beschlagen 28,27; 
geschlagen 2Sy 1A2\ erschlagen *2A,2A. ♦60. ^76; schlach 29,45; schliemen 
27, 114; ^cMc/r/ 28, 176. 31, 28; schlichte 29, 4. 32, 152; schlichten ♦ai, 143; 
schlecht ♦29,95. 31,44. 52. 35,11; schlichen 31,203; geschlecht 33,145; 
Schreiber C: nur schl: schlichen lSf2A\ schliessest ib. 100; schlaffen ♦ib. 
1 04 ; schlaff ib. 1 80. — K u c h i m e i s t e r : 22 sl: erslagen ♦(17); zersingen t 
s. ^106; sl^en 193. 2S9; zersl&g s. ^204; slahen 289 gegen 2 schl: be- 
schlagen 139; Schlitten 331. — Stretlinger chronik: fast nar sl: 
slofs 11, 13,15. 21. 14 ö., 19; geslichi 2,122 u. o.; ^/ö/" 9, 2. 3\ entslief 
9,3; slafen 9, 13; ^/a/Vn 28, 5; ^/o^^ 8, 10 u. s. w. gegen 1 schl: die 
schlüfsel s. 105, 20. — Richental: nur schL 

ß) Merswin: 1 sl: siecht s. 41, gegen sonstiges schl (19 mal). — 
Elsässische predigten (hg. von Birlinger, Alem. 1, 60£f. 186 ff. 
225 ff.): sl: fürslinden ^69; fürslinde *11 gegen sonst schl: schlössen 187; 
entschlaffen, schlafen ib.; schloses ib.; beschlossen 188; schlangen, 
schlaugent 191; schlahent ib.; geschluogen ib.; schluog 192; schlag 
228 n.8.w. Das Elsässische arzneibach, die Erläuterung der 
regel des hl. Augnstin (hs. 2966 der Wiener hofbibliotbek , von 
1459?), das Hl. namenbucb: nur sl, 

y) Augsburger stadtbuch: nur sl, — Wackernagels pre- 
digten: überwiegend schl (vgl. Weinhold, Die spräche in W. Wacker- 
nagels altdeutschen predigten s. 7. 10. 15. — Ingold: 1 sl: slilf B,hO\ 
unsslicht s. 25,10. — Conr. von Weinsbergs einnahmen- und aus- 
gaben-register : nur schl: schlos s. 16; beschlagen s. 17. — Ott Rulands 
manuale: 8^/; bestachen s. 1; utnslahen s. 16 (2); umgeslagen s. 17; 
umbslag s. 21. 26 (2); umbslagen s. 32 gegen 2 schl: beschlachen s. 1. 17; 
umbschlagen s. 18. — Hermann von Sachsenheim, Murin: 27 ^/; 
entslieff' y. ^S; uffslag 848; hersluog *\^\9\ siecht ♦1196. ^1252. 1506. 
1542. 2202. 2407. 2530. 3458; bestiessen 12S4; psUefs 2072; verslossen 
♦2165; sluog 2702. 1793. 4106. 4961; stachen 2648. 2714. 2817; geslagen 
2722. 4637; gesiecht 3207. 4053; slief 3250; stos 4034 gegen 56 schl : 
Schlüssel 121; scMüfs 138. 3138; entschlauffen 173; schlofs 191; 4944. 
entschlieffen 209; schlach2'lA. 381. 1956. 2404. 4998; schluog ♦501. ♦4500. 
4531. 4851; schlahen 543. 3269. 3244. 4187. 5607; geschlagen 813; be- 
schlossen 1108. 4287; abschlahen 1719; beschliessen 2u42; schlust 2050. 
4789; schlauffens 2856; uf Schlüssen 2946; schlauffle 3027; schlauffen 
3053. 3243. 3623. 4547. 4743; geschlauffen 3239; beschlos 3765; schlichen 
3870. 4064. 5637; schlechten 3878; geschliffen 4209; beschliesst 4352. 



^-VERBINDUNGEN IM NHD. 229 

b2Aß; schlecht ASi9. A990.bb2Q',überschlahen*AlAb', schlaff {y.)\'lh\\ schle- 
wem 5006; schlie/fen 5214.; schlauff hllX'^ schlie/f bSbA; verschlossen 
*G053. — Der goldene tempel und Jesus der arzt: nur schL — 
Kaufrioger: 64 sl: heslagen 1,139. 152. 232. 305; erslagen ♦2,95. 16, 
115; slag 2,254. 11,278. *16, 45; swerlzsleg A, 172; stachen 3, 581; slahen 
♦14,132; slach 16, 188; siecht 14,748; stuog ♦S, 100. 452. 17,281; sldgen 
3,505. 14,408; slagprugg 14,193; absleg 16,432; ^^^^^<m 3, 483. 642. 
695; underslagen *14, 258; geslichen 2, 127; sleicht 4, 178; heslaffen 2, 
\Z1.b,\^b\heslauffen 15,639; &<?WiV^ 5, 311.450; j/a^^n 1 1 , 403 ; slauffen 
15, 25; slauffens ^2, 214 ; slauffen 1. pl. *8, 214; slieff^, 579. 14, 594; slieffen 
b,lb%\ slauff \A,2b\. blA\ entslauffen 14, 263. 629; entslaffen 14, 585; ent- 
W/Vyf 11,304; beslos'l, 188. 7,236.8, 186. 11,216. 14,598; bestossenXQ.U'.ge- 
slossen 16,98; verstos ^4, 285; stos 8,364; slüssel 14,190; siecht 12,56; 
geslächt 4, 6t. 99. 123. 139. 8,20. 14,21; gesiecht 4,865. 383 gegen 22 
schl: schlauffen 1,71. 304; schlaffen 8,240; schlauffens ♦5,396; schlauf- 
fent ♦U, 336 ; schlieff 1, 91. 11, 313; schlauff ♦U, 539; schlau/fgeld 1, 219; 
schlos 11,226. (V.); schlos (B.) 5,634; schlecht 1,384. ♦395. ^5,562. 15,96; 
schleicht 2, 2%^ \ schleichen 16,602; geschldcht A, VIS. 8,318.391; entschleift 
10,232.. 

b) Im bairisch-österreichischem Sprachgebiet. 

1. Urkundliche belege: 

§ 4. Oltenslage 1305, Urkdb. des landes ob der Enns bd. 4, 495 
no.531; SUerbach 1306 ib. s. 499 no. 535; Neitschlag 1312 ib. 5, 74 lat. 
urk.; Neilslag 1322 ib. 5, 346 no. 329, lat. urk.; Otlen dez Siegels 1359 
ib. 7 8. 625; gesch/echies 1361 ib. 8 S..28 u. 31, no. 30; siechten 1361 ib. 
8 no. 42; gesiecht 1364 ib. s. 194 no. 191 ; slahen, geslagen 1369 ib. s. 419 
no. 423; geslossem (castellis) 1370 ib. s. 456; inbeslossen 1370 ib. s. 473; 
lodsleg 1371 ib. 8.510. — Aus weistUmern: todtslag 1342, bergrechte 
in der Gastein und Ranris Ö. w. 1 s. 200; totschlach ib.; durchsieg ib. 
8. 106; iolslag 1358, Lungau ib. s. 238; totschlag 1462, Tiroler w. 1,53, 
Frauenchiemsee im gebirg (ö); totstag (ö) 1462 ib. 8.253, Axams; er- 
slagen, slaff enden, slüg 1487, landrecht im Zillertal Ö. w. 1,317; ge- 
slagen (ü), slahen, furslahten, erslagen, siecht, sing, sl achrecht, für slag, 
fürs ch lacht, schlagen (2), geschlouss 1497 und 1498, Mittersill Ö. w. 
l,283flf. 

2. Belege aus literarischen denkmälern: 

§ 5. Oswald von Wolkenstein: überwiegend sl: im ganzen 
130, wenn man auch die in den niederdeutschen liedem vorkommen- 
den mitrechnet, wie slapp 56, 1. 7 gegen 2 schl: schlegel 5, 5. 13; 
schlicklin 27,2. 1.— Peter Suchenwirt: nur sl. — Hans Schiit- 
berger 1 sl: schlofs 8. 111,21 gegen sonstiges schl. — Nürnberger 
polizeiordnungen (13. u. 14. jh.) Wechsel zwischen sl und schl. — 
Tucher: erste band 159 sl: beslossen lg, 9. 297,3; besloss 211,2. 15; 
geslossen 267,34; Verstössen »287,29; slofs 111,17. 158,10. 27. 159,11. 
160, 13. 21. 161, 2. 4. 11. 21. 25. 31. 162, 1. 16. 20. 23. 25. 26. 30. 33. 34. 
35. 248,20. 22. 33. 249,1. ♦?; slossen 150,1. 159,4. 160,7. 20. 161,26. 
246,5. 248,28; mahelslofs 211,9. 15. 26. 212,2. 16. 21. 28. 213,7. 24. 35. 



230 ARON 

214, 6. 32. 215, 2. 266, 9; keitenslofs 292, 26; slosser 97, 25. 248, 10. 
♦19. *26. *249, 5; slossem 242, 20; slo/s/vein »40, 28; slussel 221, 25. 
222, 10. 223, II. 224,31. ♦248, 19. 25. 257, 26. 31. 258, 5. 265, 7. 15. 266, 
10.287,33; slussel en 248, 29; Slussclfelderin *259, 32; Sluss elf eider 
264, 17. 31; abgeslagen 38, 3. 200, 31. 231, 33. 244, 7; abslagen 210, 
29. 221,13. 232,5; absiahen 218,8. 230,5. 6. 232,34; abzuslahen 218,18; 
abslechi 216,24. 239,4; anslechl 147i 21. 26; anslahen 262, 17; aufslach 
256,33; f ursiahen ^251, 24; überslahen *236,36; versiahen ♦267.26; sla- 
gen 40,\A. 45,33. 94,9.217,6; 5/ö/i<?m 234, 15. 256, 9; slachen *20l, SO; 
siecht 216,27. 235,2. 256,13. 275,23; slugen 255,6; gcslagen 64,17. 94. 
8. 5. 230, 14. 287, 24. 297, 14. 289, 7; slnch ^245, 30; slachglocken 246,2; 
slachhaus 199,32. 200, 1. 2. 19; ofterslegen ♦77,30; durchslcg 288,36; 
huntslaher 267,24. 271,1; messingslaher 95,23. 152,7. 153,33. 154,3. 7. 
19. 161,4. 17; 191,8; peckslaher 157,6; slegel 217,30. 31. 218,5. 219,29. 
220,3. 8. 16. 233,25. 35; slegelziehens 234,2; Stegeis 193,10; geslicht 
59,25; slechl ♦291,21; slechtz 45, 7; siechten 211, 6; snurslechtz ^166, 12; 
slechtliches ^291, 27; sleiffern 206, 13; slott 292, 27; Sleipfenketten ♦lüO, 
14; Slemel ♦162, 16 gegen 433 schli geschiossens 96,\S; schleust 128,21. 
129, 14; verschliefs ^128, 15; schlofs 96,5. 9. 21. 29. 97,2. 101,10. 127, 

12. 128,26. 150,2. ♦4. 5. 6. 7. 9. 10. 11. 13. 15. 16. 18. 20. 150,22. 24. 26. 

28. ^30. 151, 1. 3. 5. 7. 9. 11. 13. 15. 17. 19. 21. 23. 25. 27. 29. 31. 33. 
152, 1. 3. 5. [shlofs] 7. 9. 10. 12. 14. 16. 18. 20. 22. 24. 26. ♦28. 30. 31. 
33. 35. 37. 153,1. 3. 5. 7. 9. 11. 13. 15. 17. 19. 21. 23. 25. 27. ^29. ^31. 
33. 154, 1. 3. 5. 7. 9. 11. 13. 15. 17. 19. 21. 24. 26. 28. 30. 32. 34. 155, 1. 3. 

5. 7. 9. 11. 13. 14. 15. 17. 19. 20. 22. 24. 26. 28. ^30. 32. 84. 156,1. 2. 3. 
4. 5. 6. 8. 10. 11. 13. 15. 17. 19. 21. 23. 25. 27. 29. 31. 33. ♦35. 157, 1. 4. 

6. 8. 10. 12. 14. 16. 18. 20. ♦22. 24. 26. ♦28. 30. 32. 34. 158, 3. 4. 6. 8. 12. 
15. 17. 19. 20. 21. 23. 25. 29. 31. 38. 35. 37. 159,^1. 3. 5. 7. 9. 13. ♦15. 
19. 20. 22. 24. ♦26. 28. 80. 32. 84. 36. 160,1, 3. 5. 8. 11. 15. 17. 19. 25. 

29. 31. 33. 161,6. 7. 8. 13. 15. 17. 19. 23.27. 29. 33. 85. 162,3. 5. 7. 9. 11. 

13. 17. ^18. 28; schlössen 98,11. 27. 118,29. 128, IS. 151,16. 153, 16. 155, 
18. 157,3. 27. 161,6. 8. 18. 17. 162,5. 7. 13. 28; mahelschlofs 127,3. 18. 
212, 10. 213, 1; schlofsgatlern 249, 14; schlusselAl, 27. 69, 1. 97, 9. 9S, 12. 99, 
10. 110,14. 28. 117,29. 119,10. 127,4. 128,26. 131,2. 3. ^142, 22. 218,31. 
88. 219,2. 288,17. 250,29. ^257, 29; Schlosser *^6,SL 97,5. 17. 27. 31. 35. 
98,8. 12. 14. 18. 99, 3. 11. 14. 16. 18. 100, 25. 29. 32; Schlossermeister 
97, 12; abschlagen 68,31; anschlagen 97,28. 128,3; aufschlagen 85,22. 
91, 7. 149, 9; aufschiecht 98, 33; beschlagen T2, 17. 19, 31. 33. 100, 13; be- 
schlahen 99, 30. 100, 1. 3. 14; verschlagen ^215, 25; schlagen 45, 13. 87, 17. 
81, 1. ^127, 13; schlahen 50, 10. 65, 10. 99, 17. 101, 20. 128, ?4; geschlagen 
65,11; anschlagen 97,33. 101, 27; schlecht 45, 17. 60, 1. 5. 6. 7. 8. 9. 11. 
12. 13. 14. 15. 17. 18. 61, 1. 2. 4. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 
17. 18. 19. 21. 22. 28. 29. 275, 19. 29; schlug 51,9; schlachglocken 109, 
28; schlachhaus 76,21. 120,3; abschlahung 229, 33; a f (er schlag *7A, 1. ^3. 
♦75,26. ♦SO. ^32. ^76, 32; durchschleg 288, 37; schlaher 56, 15; goltschlaher 
174,12; huntschlaher \0Z,112, 105,28. 112,1; mes sing schlaher s 138,32; 
peckschlaher 157,4; achleg el 164, 18. 20; Schlegel 100,5; schleift 112, 24; 



S-VERBINDUNGEN IM NIID. 231 

Schlei ff en 112,32. 113,6; gescMIfen 113,2. 128,24; durchschliff enden 
248,35; schlei/fer 112, 2Ü. 21. 24. 27. 33; schleufmewern 200,28; schleiff"- 
mM//ll3, 6; schlei/freder 200, 24 \ schliff stein 113,4; schleiffin [schlaiffen, 
schleipfen] ISO. 10. 141, 25. 27. 33. 142, 1. 4. 6. 12. 17. *145, 29; abschleich 
46,26. 130, 13; schlaifsholiz\\% 8; schlöit [schleU] ♦93,21. 111, 25. 30. 32. 
112,4. 7. 17; schielten 111,26; schlötifeger 111,23. 30. 112,10. 16. *2o; 
schlicht 59,32; geschlechler 71,10; schlechlz 88,12. 186,4; schlechten 
99,10. 106,2; schlecht 110.21; ungeschlacht 92, 19; Schleyer ^133, 12. 
*27, *189, 15; Schleicher 56,21; Schlusselfetder 146, 15. 150,24. 172,19; 
zweite band 30 sl: beslossen 297, 3; slofs 296, 18. 20. 25. 30. 297, 1. 310, 10; 
slossen 296, 25; fei slofs 298,1; mahelslofs 297, 2. 15. 24; slussel 296,26. 
326,27; Slussel f eider 332,29; sleipfen [sleyffen, slayffen] 296,8. 328,28. 
329, 15; Slot [slet] 296,20. 298,22. 301, 23. 25; steuch 307, 17; aufslagen 
303, 1; aufgeslagen 297, 31. 301, 21; abgeslagen 331, 8; ^/aA^/i 321, 2t; 
siecht 322,37; geslagen 297,14 (j^egeo 3 schl: schloss *307, 20; schlussel 
308,9; schleifmül *310, 10. 

c) Im mitteldeatschen Sprachgebiet. 

1. UrkuDdliche belege: 

§ 6. intschlichinde 1389, Cod. dipl. Sax. 2, 4. Meissner arkdb. no. 210 ; 
usgeslofsen 1477 ib. no. 72; in das schlvfs 1448 ib. no. 73: uzgeslossen 
1423 ib. no. 75; anslan 1433 ib. no. 79; beslyssung 1457 ib. no. 115; ge- 
siecht, geslossen 1463 ib. no. 287; schlos, slos recbnung von 1477/78, 
ib. 8.96; gesiechte 1506 ib. no. 328. — Slesia^ slesisch heisst es nach 
Pietsch-KUckert, Entwarf s. 145 noch fast durchweg in schlesischen Ur- 
kunden des 15. jh. 'doch begegnet ^^^/^Wa schon (!) 1428, Scriptor. rer. 
Siles. 6,91 und 1434, ebd. 196.' 

2. Belege aus literarischen denkmSlern: 

§ 7. Joh. von Frankenstein: ^öfters' schl (Ferd. Khull, lieber 
die spräche des Johannes von Frankenstein. Progr. Graz 1880 s. 9). — 
Buch von guter speise und J. Rothes Ritterspiegel: nur 
sL — Stolle: stets sl gegen 1 schl\ schlofsen subst. 8.57. — Miscel- 
lanhs I. duod. 41 1 seht-, schlagen (vgl. Pietsch-RUckerf, Entwurf s. 18). 
Luther: nur schl (das von MOnckeberg angeführte ratslahen ist nach 
Franke, GrundzUge s. 76 § 89 zu streichen). 

II. sm. 

1) In Oberdeutschland. 

a) In Alemannien. 

1. Urkundliche belege: 

§ 8. Glarus: Ruodolf den Smit 1289; von Smitten 1302 no.S3; 
Hug der smit 1320 no. 44; smitz (2) 1322 no. 46; Wernli Schmit 1411 
no. 141; kupfersmit 1421 no. 167; goldschmid 4; smeltzen 1425 no. 175; 
Goltschmid 1425 no. 776; kupfferschmid 1427 no. 180; Goldschmid (2), 
Hartman Schmid 1428 no. 182; Goldschmid (A) 1429 no. 185; Smerikon, 
Goldscmid (2) und Goldschmid (dieselbe person) 1437 no. 202; Goltsmit 
1437 no. 207; Goldschmid 1440 no. 224; Goldsmit und Goldschtnid 
(dieselbe person) 1440 no. 238. — Basel: Smidin 1348 no. 337, lat. urk.; 



232 ARON 

Johans der Smit 1356 no. 360; smilzei (2) 1363 no. 390; Smid 8.409,6. 
a. 1371, no. 414, lat urk.; Smidin (2) s. 437,35 u. 438,6 a. 1375 no.424; 
#mtV/ 1385 no. 458, s. 473, 13; smacheit 1397 no.502, s. 558,30; schmUtzei 
1422 no. 628, s. 736, 9; Smiiz 1430 no. 658 8. 780,26. — St. Gallen: 
Goldschmit 1307 do. 1169; Gollschmid nviiioA2\%\ des s c htnides IUI 
no. 1441. — Vorarlberg: Schmidt Schmäklin 1452, Mone 10,433. — 
Hohenzollern: kloaterWald: Schmerlin 1350, Mone 10,477; Schmit 
1356 ib. 483; kupferschmid, Schmid 1462, Mone 11, 113; Habsthal: 
schmalz 1394, Mone 11, 224. — Augabnrg: aus der Smuler 1290 no. 
124; zusmekke 1293 no. 193; chezzelsmid 1296 no. 160; smidhus 1325 no. 
277; schmit 1345 no. 410; kesselsmits 136S, erster zanfcbrief, no. 612; 
Hans der smit (ein kesselacbmied) 1368, zweiter znnftbrief, no. 612; 
schmid (3) 1374 no. 654. — Ans weistüinern: smertzen (2) vor 1313, 
amt Eigen, Rochholtz s. 4; smeltzet 1351, Erlinsbach ib. s. 29; ger schmid 
14.jh.£rmatingen (Thnrgau) Grimm Weist. 1,239; schmaltz und smaltz 
anfang des 15. jb., hofrodel von Einsiedeln, Grimm 1, 151. 

2. Ans literarischen denkmälern: 

§ 9. a) Mainaner natnrlehre: nur sm: gesmide s. 12; ver- 
smahteni 8.14.— Maget kröne: 5 sm: smack 4,9. 14; 6,17; smaichen 
3,63; versmehet '^4, 337 gegen 4 schm: schmacheit 4, 201; verschmächt 
"^5,79; schmecken 5,330; schmdrck 11,13. — Hugo von Montfort: 
Schreiber A: nor sm\ smertzen 1,27. % 14; smigen 4,133; smiegen 5, 
306; unversmogen % 169; Schreiber B: 11 sm: smertzen 14,44. 26,16. 
♦43. 27, »80. 33, »87; smeh 14,11; unversmogen ^16, 22. »33,125; smel 21, 
27 ; smacht 28, 20 ; gesmeltzet 28, 545 gegen 2 schm : schmacht 1 5, 67 ; 
schmaragden 28, 552 ; Schreiber C sm : smertzen *38, 4.— Knchimeister: 
2 schm: schmeckend b. 108; Goldschmid^) s. 224 gegen 1 sm: gesmack 
113. — Stretlinger chronik: 1 sm: smerzen 907 gegen sonstiges 
schm (8); ungeschmack 19,11; schmerzen 2S, 11. 89,21. 140,7. 141,18. 
155,12; verschmächt 125,24; schmach 126,13.— Ulrich von Richen- 
tal: nur schm: goltschmid 32. 182. 215; schmach 62; schmachk Sl; 
schmack 81; schmecken 81; schmak 84; schmid 182. 215. Auch bei 
eigennamen: im den Schmerlinen hufs 38. 48; Schmerliko 152; Schmo- 
lentzgi 136. 139. 158. 191. 207. 209. 

/?)Mer8win, Elsässische predigten, Dankrotzheim, Er- 
läuterung der regel des hl. Augnstin: nur sm. 

y) Augsburger stadtbuch: nur ^m.— Wackernagel: xrAmo^A 
29, 12 (8. Weinhold s. 7). — Ingold: \ sm: versmächen *75 gegen sonstig. 
schm (30): schmachayt 3. 4. 32, 1. 2. 21; geschmeyd 6. (2) 7. S; ver- 
*cAM<M:Ä«rii*12.*32.(*2). *35; verschmdchlich*\^\ geschmdcht 17; schmutz 
17; verschmach *2S; schmak 29. 73; schmidet 29; schmid 39. TS; für- 
schmeckender »40; verschmächt *45. *65. *6S; schmecken 49; verschmd- 
chung *53; schmiten 78; schmotzot SO. — Conrad von Weinsberg: 
1 sm: smyde 41 gegen stetes schm im worte schmid , das fast auf jeder 
Seite vorkommt — Hermann von Sachsenheiui, MGrin: IS sm: 



^) So liest Z, aber V (die jfingere hs.) hat Güldswäd. 



^-VERBINDUNGEN IM NIID. 233 

smiert *154; smitien 285; ungesmieri 868; smcig 482; smidknecht 551; 
versmahen ♦ööS; versmachi *1062; smoezt 1571; smach *1632; kupffer- 
smid *1952; smehel 2514. 2525; ^ma/ 3032; gesmakt 8374; versmauchi 
*3540; ^m^icA 3714; gesmecht 5234. 5560 gegen 12 ^rAm: schmal 115; 
verschmit *2S7; schmeher 1805; schmog 1839: geschmeckt 3848; schmicz 
4229. 4231; schmakst 4440; schmcr 4663; schmid 4903; schmoczt 5805; 
schmerz 5996. — Der goldene tempel und Jesus der arzt: nur 
^(;/im: a) schmal 866; verschmacht ^1281; — b) verschmach *99; schmal 
121, 185. — Kaafringer: nur ^rAm (23): schmächlich 1,327; p^- 
schmachi *2, 31 ; schmackes 3, 551 ; schmachlichen 8, 665; schmückt 8, 698. 
15,69; Schmielen 4,185. 195; ^^Am^ 5,132. 9,216. 16,725; schmachlich 
7,190. 13,45; verschmolzen *9, 107; schmukt 11,88; schmerzen 11,103. 
144. 14,449; schmachait 11,271. 12,183; schmack 13,56.61; schmach 
14, 673. 

b) Im bairisch-österreiohiscben Sprachgebiet. 

1. Urkundliche belege: 

§ 10. /0r«fait derSmide 1311, Urkdb. d. L o. d. £.5 no.44; CAun- 
ra^ Smuchenpfeninch 1322 ib. 5 s.322 no. 335; Goltsmid 1327 ib. 5 s. 492 
no. 498; 5mt7 1332 ib. 6 s. 59 no. 43; Ertsmit 1384 ib. 6 8. 114 no. 106; 
Smit, Chaltsmid 1361 ib. 8 no. 29; ^mi^ 1863 ib. 8 no. 120; pei der 
Smelczer stainhauffen 1867 ib. 8 no. 322; Stephan der Smyd 1369 ib. 8 
8.4063 no. 411. — Aus weistttmern: schmaliz, geschmelert 14. jh., 
Pillerseo T. w. 1,90; schmer^ schmelert 1405, Nonnberg bei Salzburg Ö. 
w. 1, ilO; Friedrich der Smicher (2) 1411, Trins T. w. 1,292; goltsmid 
14.34, Brandenberg T. w. 1,185; smalz 15. jh., Innsbruck T. w. 1,231; 
schmach 1487, Zillerthal Ö. w. 1, 317; Lienhard Smid 1497 und 98, 
Mittersill 0. w. 1,283 ff. 

2. Belege aus literarischen denkmülern: 

§ 11. Oswald von Wolkenstein: 77 (76) sm: smal 1, 6, 2. 8, 1, 
32; smecken % 3, 6; smale ib. *8, 13; smutz^) 5, 1, 56; gesmissen ib. 1, 79; 
ungesmach*) 6, 98; smertz *7, 3, 11 ; smer 14, 4, 17 ; smalen 16, 2, 5; smucken 
ib. 3, 16; smiegen ib.; goltsmid 17, 3, 24; smal 17, 2, 4. 31; 18, 8, 1; 
smiereti IS, 2, ^2; smetzen 24, 2, 7; gesmech 25, 4, 8; smucken 29, 1, 
34; smirbt 30, 1, 15; versmogen ib. 1, *9; smutz ib. 8, 9; smucken 82, 

1, 10; smelhlein 88, 2, 15; smucken 85, 8, 37; smertzen 36, 3, 10; smach 
ib. 6, 3; s/nti/z 39, 1,26; smal ib. 2, 24; smertzen AA, 3, 2; smutz 45, 17; 
smel 47, 3, 6; smuck 48, 1, 11 ; smutz 49, 2, 6; smal 50, 2, 6; smertzen 
51, 3, 19; smiel 52, 1, 8; smal ib. 1, 6; smutz ib. 1, 12; gcsmogen 63, 3, 
14; smuckt 65, 3, »5; smel 66, 2, lü; smutz 67, 2, *11; smirb ib. 3, 
12; versmächt ib. 4, *11; versmahen 68, 1, *12; unversmacht 69, 1, *7; 
smertz 70, 1, 30; ^m^^ 71, 1, 8; smielich 72, 1, 8; ^mu(;^ 70, 1, ^85; 
smertz 11, 4, 10; 78, 1, 5; smal 79, 3, 5; smertz 88, 2, 7; gesmuckt 90, 

2, 9; smucken 93, 2, 6; smercz 94, 2, *11; ^mäcA 95, 4, 5; smecken ib. 



M X liest schmatz, 
') I liest ungeschmag. 



/ 



234 



ARON 



5, 2; versmähen 106, 7, "^10; smechlich ib. S^ 6; smer Izen ib, % 2; smaeh 
107, I, *14; smutz ib. 1, »lO; smuck 108, 6, *16; gesmitt 109, 4, 14; 
versmächt 110, 2, ^3; smertzen ib. 3, *4; versmilt ib. 3, ♦O; smecken 
111, 2, 8; 5;wt/«^^ ib. 2, 18; smertzen 1J6, 2, 15; smecken 118, 6, 4; 
smertz 119, 1, ♦H; versmach 121, *112; [versmdch 122, 4, ♦b nur in 
W] gegen 10 (8) schmatz [nur X] 5, 1, 56; ungeschmag [nur I] 6, 93; 
Schmitzens) 29, 2, 32; schmerizeti 33, 1,8; schmertz 37, 1, *3; schmucken 
64, 1, 6; schmatz 73, 2, 2; schmertze 87, 2, 5; schmertz 117, 4, 1 ; schmertzen 
119, 1, 3. — Schilt berger: 4*) sm: Stephan Smicher 6, 11; ^maM 32, 
23; ^^^uta^A 80, 21 ; smähe*\\\^h gegen S schm: geschmack 79,3; schmä- 
hen 88, 4; Schmach 98, SO. — Tuch er: erste band: 27 smi smide 96, 
31; 5iwi7j 99,26; smiden 242, 20; negwersmit ♦162, 19; scher smit »101,5; 
plechsmit 190, 20; klingensmide 270, 24; Smitgassen *190, 19. 285, 33; 
Pfandsmitgassen 225, 16. 226, 1. 10. 234, lo; smeltzhütt 270,26; smeitz- 
hutten »144, 16. ♦156,21. ♦162,24. »211, 25. »219, 24. »222, 19; smeltzt 270, 
25; versmeltzen ♦253,33; smiren 249,13; gesmiret 249,16; wagensmire 
11 6, 28 ; smaitz 270, 26 ; sweinensmaltz 249, 1 2 gegen 62 schm : schmiden ^99, 2 ; 
schmid(t) 41,23. 97, 5. 18. 25. 27. 98, 5. ♦6. 18. 99, 2. 21. 25. ♦ 100, 23. 101, 12. 
124, 12. 128,3. ♦159, l. 9; schmide 41, 15; der schmiten ♦41, 18; Schmitten 
84,17; goltschmit SA, n , 146,30. 155,20. 156,5. 31. 158,6. 242,1; klingen- 
schmit 161, 21. 268, 86. 269, 5. 9; Pfantschmit 136, 24; Pfantschmit^dy 
gassen 136, 25. 137, 24. 36. 188, 3. 194, 5. 225, 17. 236, 2; Pewlnschmidt 
49,7; plechschmit 154,23. 285,31; rotschmit 157,12. 160,11; Schmit 156, 
19. 158,38. 209,26; 5<?Ämtrf/ ♦lOI, 13; Schmidmam%,U, +226, 26; schmi- 
ren 248,21; wagenschmir 116,16. IS. 27. 292,29; schmeltzhutten ♦156,23. 
269,1; schmaltzkessel *288,29; schmektWb, 11. 239, 2. 2; schmeket 236, 
16; zweite band nur sm: Pfansmitgafs 294, 14. 295,2; klingensmide 313, 
28. — Beschreibung einer seereise: nur sm: smirt z. 11; smyd 
z.40.~ Nürnberger polizeiverordnungen (13. u. 14. jh.): nur ^m. 
n. Im mitteldeutschen Sprachgebiet. 

1. Urknndliche belege: 

§ 12. schmalz 1287, Henneb. urkd. 3, 1550 (vgl. Weinhold, Mhd. 
gr.* § 208); Pelir Smyd 1401, Meissner urkdb. St. Afra no. 336; Maihis 
Mezzersmid 1444, ib. no. 273; Mattes Smid 1453, ib. no. 279; Hanfs 
Smidigen,vorsmirt 1477, ib. Schlossbaurechnung s. 95; schmide (2) 1477/78, 
ib. Schlossbaurechnung s. 97 ; smiren 1479/80, schlossbaurechnnng ib. s. 97; 
Matys Smyd 1480, ib. no. 142. 

2. Belege ans literarischen denkmälern: 

§ 18. Job. von Frankenstein, dasBuch von guter speise, 
die Übersetzung der Offenbarung Johannis, Rothes Ritter- 
spiegei: nur sm, — Miscellanhs: auch schm: schmerczin 1,40; vor- 
schmehunge 1,150 (Pietsch-Rückert, Entwurf s. 144). 



M Weber gibt irrtümlicher weise im glossar smitzen an. 

*) Nicht gerechnet sind versmähen DH ♦Ol, 15 und smainst 84, 7:. 



^-VERBINDUNGEN IM NHD. 235 



III. SU. 

I. In Oberdeatschland. 

a) Iq Alemannien. 

1. Urkundliche belege: 

§ 14. Glarus: abgeschnitlea 1438 no. 218. — Basel: in dem 
SnaU] des Sniders 1360 no. 380; sehne (2) 1363 no, 390; Snider 1371, 
8.416,27; Rudolf Schnider 1375, 8. 438, 23 no. 429; Rhdi Schnider 1390, 
no. 475; Schnider 1391, lat. urk. 8.509, 8 no. 477; snider 1400, 8.599, 3 
no. 529; sehne 1422, 8. 736, 9 no. 628; Claus Schniders ib. 737 (ö); 
schnider \A2A, 8. 768, 32 no. 645 ; Henmans Schnewlin 8.812,17; Snewlin 
813,17; Heini Snider 8. 812,18, 1436, no.682; Heini Snider 1437, 8.816, 
37 no.685; Henny Snider 1437, no. 687 8.818,30; Schnider 1442 no. 716; 
Schnider 1444, 8.854, 25 no. 720. — St. Gallen: In schnail 1302, 
Wartmann 3, 8.319; ze sneita, (derselbe ort) 1304 ib. 336; snewisse (3) 
1320 no. 1259; ähschnilter 1342 no. 407. — Vorarlberg: schneherg 
1548, Mone 10,430; Schnider 1452 ib. 433). — Künigsbrnnn: (Mone 
10, 120flf.): Schnabel, snabel, schnür \^'lb. — Villingen: schnöd, 
schnell 1459, MoneS, 476. — Augsburg: S/t^^a/^ 1283no. 76; fVernher 
der Snelman 1284 no. 88; fVernher Snelman 1290 no. 124; Snellen 1299 
no. 174; zerschnittens 1368 no. 612; schnider 1374 no. 659. — Aus 
weistUmern: sniden vor 1313, Eigen, Roch hol tz 8.4; die snursleipfe 
ca. 1322, Elfingen ib. 8.9; sncy Ulli Schnider 1351, Erlinsbach, ib. s. 29 
und 34; abschniden mitte d. 14. jh., Ermatingen (Thurgau), Grimm 1, 
239; Rudi Snider 1412, Bersikon, ib. 1, 49; snur 1417 Winkel (Zürich), ib. 

1. Belege aus literarischen denkmälern: 

§ 15. a) Mainauer naturlehre: sni sne s. 14. — Basler 
Nibelungenbruchstücke: sehn: schnelle U()2,^. 1367,2. *1371, 4. 
♦1643, 1. — Der maget kröne: sehn: sehne 2, 12. *5, 268. 5,305; 
schneiden *5, 488; geschneit 5,268. — Hugo von Montfort: Schreiber 
A: 8 sn: sne *2, 35; sneller 4, 11; snell 4, ♦124. 164. 5,58. 60. 63. 226; 
gegen 1 sehn: verschneiden *5, 8; Schreiber B: 1 sn: snell *27, 38 gegen 
16 sehn: verschneiden ♦15,41. ^26, 35. ^60; abschniden 28, HO; beschni- 
den 28,43; 5CÄntf// ♦ 15, 45. ♦28,41.33, 25. ^55; ^<:Än^ 15, 141. ^19, 81. 27, 16;" 
schnöde 24,130; schnöd 2%yA^2. 652; schnuck 'i\^\Ah\ Schreiber C: sehn: 
schnuore 88, 116. — Kuchimeister: nur sehn: schnaid s.41; ange- 
schnitten 42; Schneggenburg 138; sehne 242. 244; Schnabelburg 816. — 
Stretlinger chronik: nur sehn: schnell 6,11; abgeschnitten 100,28; 
abschnitte 155,13; schnellen 162,3. — Riehen tal: nur sehn: schnider 
♦32. 182. \%Z\ fürschnider ^58; verschnittent ^120; schnetzly ^40; sehne 
64 (2); schnitzt 120; schnUren 159. 

ß) Merswin: nur sn: snede 33(2); 120. 123; snident 53; sniden 
129. 136. 139. — Elsässische predigten: nur sn, — Dankrotz- 
heim: nur sn: besnitten v, 43; snee 61. 82; snider 482. — Regel des 
hl. August in: nur sn: sneiden 51«. 

y) Augsburger stadtbuch: nur sn. — Wackernagel: sn in 
no. 42—52 (vgl. Weinhold 10), seltener sehn: schniden 35,58; geschniten 



236 ARON 

29,31 (vgl. Weinhold 7). — Ingold: nur sehn: dbschnitend 19; schneli- 
kait 23; schnellen ib.; schnegg 29; schneidet 82; Schneider ^ vir Schneider 
♦40; schnell *41; schnöd, schnöden 44; schnell *45; glokschnhr 62; schnöden 
63 ; schneidend 66 ; schneiden 67; schnaleren ^68 ; schnallen, schnatertafel , 
schnür 68; verschneident ♦Tl; schnell "tb; schneit, erabschneyderin 81. — 
Ruland: ^rAn: gwandschneider 18. — Conrad von Weinsberg: nur 
fcAit: schnyder (6) n. pr.; schnürlin 4; abzuschniden 18. — Hermann 
von Sachsenheim, Mörin: 22 ^n: snahel 401. 548. 685: snoder 539; 
5/i<yrf 580; ^n<yrf^n 981. 1089. 1537. 3276; xntfrft ♦657; fM^//4?r 881. 3158. 
3450; 5FiW/ ♦1054. ♦2452. ♦2870. 4021. 4038. 5648; snöder 2904; snuor 
♦3246; *«J^tf 3487 gegen 19 sehn: schnabel ^250; schneit 284. 3687. ♦4561. 
♦5346. 5872. 5987. 5947. ^5980; schnitten 710; schnöder 1648; beschniden 
1991; schnöden 2008. 4798 ; Schnecken 2097; schnede ^2683 ; 5^Ani7r (subst.) 
2882; schnellen 4227; schnöde 5898. — Der goldene tempel: nur 
ff An: schnuor 67. — Jesus der arzt: nur ff An: schniderstuol 75. — 
Kanfringer: nurf^An: fMnW/« 2, 82; ff/inW/8, 282. 16,451. 111; sehne- 
weifsen 4,192. 9,212; schnelliclich 12,242; sehnaid 13,239. 14,278. 732; 
schnall 13,403. 568; abgeschnitten 14,295; schnüren 16,123; schnöd 16, 
858. 485. — Reimchronik des Joh. Kurtz: nur sehn: schnell v. 33. 
72. 572; schnödikait 851; schneggen 919. 

b) Im bairisoh-ÜBterreichischen Sprachgebiet. 

1. Urkundliche belege: 

§ 16. Wemhart der Snöde 1321, ürkb. d. 1. o. d. E. s. 290 no. 
302; snir 1330 ib. 572 no. 575; Reicher der Sneider 1344 ib. 6, 467; Chun- 
rats dez Sneider 1359 ib. 7,625 no. 615; Görig der Sneider 1362 ib. 8, 
61 no. 59; Peter Snabel 1865 ib. 211 no. 208; snell (2) 1366 ib. 278 no. 
281. — Ans weistttmern: sne bergrechte in der Gastein und Rauris 
1(1300—1350), Ö. w. 1, 196 ff.; Schneider (2) 1398, T. w. 1,294 ff. Pfons; 
sneibt (2), aufsneiden Innsbruck 15. jhd., T. w. 1,231; schneflüfsl 24,3; 
abschnitt 25,43 Oberinntol, Flaurling 15. jhd., T. w. 2,23; schnee St 
Valentin auf der haid, 1489, T. w. 2, 352. 

2. Belege aus literarischen denkmäiern: 

§ 17. Oswald von Wolkenstein: 60 sn: snftr 1,4, ^19; snee 
ib. 5,16; snell 2,1,^14; sneüem ib. 1,20; gesnuret 2,3,11 : snee 3, 1,25; 
snelien 4, 1, 27; gesnitten 6, 1, 12; snur 12, 4, ^4; snellet 13, 5, S; versnuret 
ib. 6, *4; snareht 13, 10,^3; snee 16,1,9; snäbel 18,3,*6; sneid ib. 8, 
♦6; snöden 24,2,7; versnürt 25, 3, ^16; snödetn ib. 4,3; sneyden ib. 4, 
♦18; versnait 26, ^150; snödes 29, 1,30; snödem ib. 2,22; snees 30,1,8; 
snuren ib. 2,36; snattert 31,4,40; snee 33, !,♦?; 35,1,42; sneblein 37, 
1, 5; snell 40, l, 8. 44, 3, 18; snäggel 45, 20; snell 57, 3, 4; snäggl 58, 1, 1; 
snurra ib. 4,5; godersnal 60, 3,^8; snell 67,2,8; versnorpffen 70, 3,*9; 
gesneude ib. 3, 19; snurlin 71, 2,5; gesneud ib. 3,4; snee 76, 3, ^31; snee 
75, \y*\b; snell 88, 2, 15; sne 90, 1, ^2; snür 9U 2,^9; snöden 9S, 2, ^7; 
snurr 106, 11,^7; ubersneUet 108,8, ♦lO; snee 109, 2, ^3; snell 112,2, 13. 



^) So mit Martin; die handschrift hat schnken. 



Ä-VERBINDÜNGEN IM NHD. 237 

115,5, 12; snöder 117, 5, 10; snallet ib. *6, 8; snöde 118, 1, 1; snee ib. 4, 
*12; snöden 119,2,16; besnaid 121,2; sneU ib. 13,187. 122,1,3; besniten 
118, 1, 1 gegen 2 sehn: schneller 103, 1, 11; beschnaid 122, 1, 1. — Schiit- 
berger: 2 sni sneckenHby 11; besneyden 86,21 gegen 11 sehn: schneilt 
48,8; schneytt 94,19; schneyden 52,14. 62,8. 92,7; sehnabeü 69,28. 70, 
25 ; besehneyden 86, 21. 22. 94, 12; sehneydens dingk 87, 6.') — Beschrei- 
bung einer seereise: 1 sn: snur 61,11 gegen 2 sehn: sehnyder z. 41; 
sehneyt z. 291. — Nürnberger polizeiordnnngen (13. u. 14. jh.): 
nnr sn, — Tucher: erste band 84 ^n: snur 110,4; snur 264, "^15. 15; 
snurlein 236,27; rebsnür 111,16; snurmacher 158,81; Snürer 95,3; snur- 
lechtz 166,12; gesniUen 241,16; snehe 252,24, snee 252,26. *26. 253,28. 
32. 32. *36. 254, 4; Snödin ♦165, :<2. »166, 5. ♦13. ♦82. 178, ♦15. ^24. ♦25. 179, 
♦7. 210. ^29. 31. ♦217, 21. ^218, 10. ^222, 8. ^270, 18; Snaltzer 156, 8; Snitzers 
172,9; Snigling 205,13 gegen 60 sehn: sehnur 263,7; rötelschnür 110,3; 
schneiden 72,25. 76,18. 79,19. 112,23. 26. 32. 116,7. 120,19. 24. 121,14. 
19. 28. 122.32. 33; schniden 121,26; schneit \dt] 72,23. 112,84. 120,25. 
35; schneidet 121,5. 13; geschnitten 75,33. 78,8. 20. 120,20. 121,1; aufs- 
geschnitten 123, 1. 269, 7; schnit 112, 32. 34. 120, 26. 28. 34. 121, 1. 20. 22. 123, 
10. 292,30; Schneider 151,9. ♦34. ♦152. 156,^8. ^25. 160,23. 161,27. ^162, 
18; Schneiders 146,13. 151,32; Schneider 209,32; sehne ^234, 24; Schnö- 
din 206,^4. *7; schneller 130,86. 181,21. ^210, 28; schnellern 109,28. 215, 
24; Störchschnabel 100,11; zweite band \ sn: sneüer 296,14. 15. 16. 298, 
27 gegen 16 sehn: schneiden 3t 7,^1 4. 14. 322,30. 35. 36. 823, 2; geschneiden 
323, 15; schnaid (schnait) 304, 10. 323, *9. ♦lO; geschnitten 305,37. 322,27; 
aufsgeschnitten 317,19. 325,2; schnit 322,26. 323,9. 

IL Im mitteldeutschen Sprachgebiet. 

1. Urkundliche belege: 

§ 18. sneidewerk 1277, Nassauer urkdb. no. 930; in Sneithaue 1280, 
ib. no. 974; Alheid Snellens 1300, ib. no. 1300. Bans Snyder 1418, Meissn. 
u.no.73; Michel Snider 1477, schlossbaurechnung ib. 95; Michel Schneider 
(2) schlossbaurechnung von 1477—78, ib. 96; Caspar Sneider 1480, ib. 
no. 180. 

2 Belege ans literarischen denkmälern: 

§ 19. Johannes von Frankenstein, das Buch von guter 
speise, Übersetzung der Offenbarung Johann is, Stolle haben nur 
sn. — Miscellanhs. v. 1440 sehn in schnaucze (vgl. Pietsch-RUckert, 
Entwurf 144). 

IV. 8W. 

1) In Oberdeutschland. 

a) Im alemannischen Sprachgebiet 

1. Urkundliche belege:*) 



M DH bieten noch: schnitt 91,3; ab schniden 91,8; schniden 92,7. 

^) Hierbei lasse ich die so häufigen pronomina und pronominal- 
adverbia: swer^ swaz, stvie, swenne etc. einstweilen bei seite. — lieber 
diese Wörter und ihr sporadisches auftreten mit seh s. weiter unten. 



238 ARON 

§ 20. Glarus: swande , srvelen 12S9 do. 31; geschwornen (2); 
snmoren (2), gesrvesteran, swester, srvander 1302 no. 33; Srvilz (ö) 1316 
no. 38; Schrvyz 1316 no. 39; SrvUz{lj) 1318 no. 41, 1819 no. 42; swesler, 
swantz, besweren 1322 no. 46; sweslern 1322 no. 47: gesworn, Switz 1328 
no. 49; swester 1833 no. 56, 1340 no. 59 (ö); Schwitz 1350 nö. 66; 5w//2 
(ö); gesrvorn (ö) 1352 no. 69; ^«f^worn (3), sweren{^Ay\ verstvigen 1359 
no. 76; gesworn 1367 no. SO; swöstere, schrvagere 1370 no. 86; gesrvoren 
(2), Äwi/z, stveren, gesrvistergil 1387 no. 105; geswtioren (2), geswornen 
1393 no. 121; gesweret^ geschworn, geswornen 1395 no. 126; gesworn (ö), 
swerrin 1400 no. 131; ^werit 1402 no. 132: gesworn 14Ö6 no. 137; 5wi7z, 
Heinrich Swander, Swarlz 1407 no. 138; gesworn, geswornen (ö), swerren 
(2) 1408 no. 139; swanden, gesworn {2) 1411 no. 141; Schwandegg, schwin 
(2) 1412 no. 144; ^/t^t^z 1415 no. 155; swerren, geswecht, geswornen 1419 
MO. 159; 5w/7z 1419 no. 160; gesworn (2), swerren (2) ib.; gesworn 1419 
no. 162; 5n;iVz, Swanden 1419 no. 170; ^/z^iVz (0) 1421 no. 166; Swilz (8. o.); 
gesworn (s. o.) 1421 no. 167; ^n^7z (0) 1421 no. 168; geswornen 1422 no. 
169; gesworen, swerend 1424 no. 178; 5i»iVz (0), geswornen (3), swerren 
{2\ swechem, geswechert 1425 no. 175; /Sn;y/z (s. o.), sweren 1425 no. 176; 
geswornen 1425 no. 195; ^ n*i7z (2), gesworen, sweren 142S no. 182; Switz, 
gesworen (2) 1420 no. 185; swager (8. o.). swösier 1429 no. 186: ^n;i/z (ü), 
gesworn neben geschworn, swerren neben schwerren (3) 1437 no. 201; 
5n;t7z (Ö), gesworn (ö), geschworen, schwere (verb.), swerem 1437 no. 
202); Schwager, schwöster, geschworn, Schwytz (2), ^a^^/z [5wi7z] (3) 
1437 no. 207; swager, swär, swOrer, swerrint, Swilz (2) 1437 no. 209; 
Switz (2) 1437 no. 212; swester (2), Swi/iz (ö) 1438 no. 216; Midischwand, 
Schwitz (8. o.), be schwärt (3), geschwornen (4) neben geswornen (4) 
1418 no. 218; Swy(z (ö), geschworn 1439 no. 220; 5wf7z (ö) 1439 no.221; 
^ivi7z 1410 no. 224. 225. 226; Swytz, swerren {1), gesworn {2), geswornen 
1440 no. 227; Swytz (s. o.), geswornen (o), gesworn, gesworner, beswärung 
(o) 1440 no. 2**8. — Basel: swester 1319 no. 251; gesworn, swin 1324 no. 
272; swester, geswistergide 1332 no. 293; swester 1334 no. 298; swester 
(2) 1887 no. 303: geschworen 1342 no. 321; geswornem 1343 no. 322; 1347 
no. 332; geswornen 1848 no 338; swerer 1850 no. 344; 1353 no. 352; 
sweren, gesworn 1355 no. 359; swager 1356 no. 360; swerer {2), gesworn 
1356 no. 364; swach, swester 1358 no. 369; swerer, gesworne (2), swerent, 
geswerent 1359 no. 377; Swaben 1360 no. 379; Nortswaben (2) 1360 no. 
380; swert verb., swttr, swerer 1360 no. 881; geswechert, gesworn, swern 
verb. (2) no. 383; schweren 1363 no. 389; sweren no. 391; Swaben no. 
398; swerer 1365 no. 399; gesworn (4), geschworn 1366 no. 400; swester 
(2) 1369 no. 404; fw^r^r (3) 1.371 no. 412; swingelt (2), swester 1371 no. 
415; swester (2), geswistern, swüer 1871 no. 416; swager no. 417; swerer 
(2) 1372 no. 419 >); 5W<T^ 1373 no. 421; Swaben 1374 no. 428; swester 
1377 no. 433; geswisterigen 1382 no. 449; swester, geswistergyd (o) 13S4 
no. 455; geswornem (2) 1385 no. 458; swerer no. 461; swerer (3), swerent, 



1) Hier sei auch O^ra^o// ib. 422, 22 erwähnt 



^-VERBINDUNGEN IM NHD. 239 

gesworeti 1386 no. 463; swinger 1388 no. 463; srver er y gesrvorn no. 469: 
stvester (2) 1390 no. 474; no. 475; stvingelies 1392 no. 482; srver er no. 484; 
srverer, Srvobes, Srvabes (2) no. 486; srver e% gesrvorn^) (2) 1393 no. 489; 
srverer 1395 no. 494; srverer (2), gesrvorn (2) no. 496; srvester 1396 no. 
497; srvester, srveslem (2) no. 498; gesrvornen, gesrvorn^ Srvartz no. 500; 
gesrvorn, swecliert 1397 no. 502; volsrverer 1399 no. 509; srverer (3), ge- 
sworn (2) no. 519; srverer (8) no. 520; swerlichen 1400 no. 526; gesrvomen 
(2), sweren verb., ze srver e 1406 no. 548; srvin^ srverer, gesrvorn no. 550; 
geswornen 1411 no. 575; gesrvorn 14)6 no. 592; hesrvern, gesrvoren no. 
595; gesworn 1417 no. 60 t; srvin (2) no. 603; gesrvomen (o) 1418 no. 606; 
srveren 1420 no. 616; gesworn, Srvartzenburg (2) 1422 no. 627; gesrvomen 
(s.o.), gesrvistrides, sweren verb., no. 628; 5wöft, Swartzenburg no. 629; 
geschwornen (5) no. 630; sweren no. 631; swellen snbst, no. 637; ^tf- 
swornen (3) no. 639; geswornen (o) 1423 no. 640; gesworen 1425 no. 646; 
Swingelt 1430 no. 660; swerer 1432 no. 670; geschworen (o) 1435 no. 674; 
gesworn no. 678; 1436 no. 682; schweren verb. 1437 no. 686; gesworne 
no. 687; ^n^op, //«/i5 Swebili no. 688; geswechert 1438 no. 689; sweher, 
sweren verb. no. 692; geschworn 1489 no. 699; gesworn, swerer 1440 
no. 707; schwechert no. 708; swester 1442 no. 711; ^n;t/t^ (2), gesworn 
1445 no. 722. — St. Gallen: Swarzinstein 1307 no. 1169; swester (2) 
1315 no. 1225; swager, swester no. 1229; Swigger no. 1235; Swarzeribach, 
Swiger 1319 no. 1249; ^^*wij/«rrn no. 1250; swagern (2), fn^a^^(3), swester- 
man, swester 1820 no. 1259; beswerin no. 1261; ^7t;i^^(ü) no. 1262; swester 
no. 1263; 1321 no. 1272; 5tt?wr no. 1275; sweret, gesworn (2) no. 1276; ^tf- 
j/vorn no. 1279; swester 1822 no. 1285; Swegler no. 1289; swuoren, ge- 
sworen 1324 no. 1296; gesworen, swerren 1327 no. 1314; Swigger no. 1818; 
swester no. 1319; gesworn 1328 no. 1322; geswisiergide, gesworn 1329 no. 
1332; swestir (ü) 1330 no. 1835; besrveren beschweren 1335 no. 1361; ge- 
sworn 1387 no. 1377; 1340 no. 1395; geswornen 1342 no. 1403; swester 

1344 no. 1416; gesworn no. 1421; geswecht no, 1422; Swaben, Swannitigen 

1345 no. 1431; gesworn, Swenningen 1346 no. 1489; sweren, gesworn 1347 
no. 1447; beswdren 1318 no. 1456; gesworn, geswecht 1351 no. 1476; 
swestren, Swaigaip 1358 no. 1497. — Vorarlberg: swdher, geschwornem 
1448 Mone 10, 430; gesworen, geswornen, swager, schwigen 1452 ib. 438. 
— Kloster Waid (Hohenzollern): swester (2) 1811 Mone 10, 454; 
1331 ib. 464; (o) 1338 ib. 467; Swigger (2), sweher s 1334 ib. 468; Swigger 
1338 ib. 473; swester (s. o.) 1342 ib. 478; swuor 1345 ib. 475; swester (2) 
1350 ib. 476; Swiggcrs 1859 ib. 483; swester (s. o.) ib. 484. 485; swester 
(8). sweslran, swestren, swechsten (2) 1388 Mone 11,88); schwehers (3), 
schweher 1392 ib. 92; Schwaindorf 1397 ib. 97; swester {1) 1408 ib. 102; 
swöster ib. 104; swöstran 1411 ib. 105; Swaindorf (2) 1438 ib. 108; 
seh westerman, seh Wäger, seh wiger 1 467 ib. 1 1 5. — Augsburg: swester- 
gun 1801 no. 184; Swaben 1312 no. 221. 222. 223; swester 1316 no. 242; 
swigger 1817 no. 248; swester, gesworn ib.; Hainrich der Schwap 1818 



*) So lesen beide exemplare der Urkunde. 



240 ÄROK 

no. 248; swaben, swigger 1319 no. 257; gestvie (sabst.) 1320 no. 259; 
swange 1322 no. 263; swesier^ geswisiergid 1324 no. 270, swesier, swager 
1327 no. 284; heschrvüsret^ swcer adj. 1329 no. 290; srvester^ swager 
1830 no. 292, 294; srvester (fi) 1330 no. 297; Swaben^ gesworen, sweren 
swerent 1830 no. 299; gesworen (ö) 1331 no. 802, 311; beswcerty swoeren 
adj. 1332 no. 316; Srvauben^ gesworen^ sweren \^^^ no. 324; geswesiergen 
1383 no. 825; swaulmüle 1334 no. 331; Swaben 1336 no. 839; swester 
no. 848; gesworner 1337 no. 348; swalmfilner 1338 no. 354; sweher, 
swager 1889 no. 862; swecher b., sw&ren no. 366; beswdren 1340 no. 368; 
sweher 1843 no. 898, 1345 no. 408; geswester 1345 no. 410; gesworen 1348 
no. 437; besweren^ swere adj. 1848 no. 448; swester (ö), geswester no. 450; 
Swawen no. 454; Swoben no. 455; beswerung 1349 no. 462; Swigger^ be- 
sweren, gesworn no. 468; swin no. 472; swester 1350 no. 479; beswceren 
1351 no. 485: gesworn (ö) 1852 no. 492; gesworen^ swerlichen 1353 no. 
494 a. 8. f. BW. — Aus weiBtUmern: swere l vor 1313, Eigen, Rochhol tz 
8. 4; Swartzenbrunnen ca. 1322, Elfingen ib. 9; swerren^ gesworen 1348, 
Berkon ib. \^\geswomen (2) 30; swin 32 (2) 1351, Erlinsbach \h,\Schwin' 
ton (2) 1363, Birmenstorff ib. 46; schwerren^ schweren, schwartz, 
schwantz mitte deB 14.jhd., Ermatlngen (Thurgau) Gr.W. 1,239; Schwende 
schwenden (7) ca. 1408, Badolfstetten Rochhoitz b. 59); Philipp Swerler 
geswistegit neben geschwistergit, swinen 1412, Bersikon Gr.W. 1,49; 
swantZy swerte 1417 Winkel [Zürich] ib. 86. — swere anf. d. 14. jh., 
Heinesbrann Gr. W. 4,93; gesworen, sweren, swester {2), Schwager anf. 
d. 14. Jh., AltenBchwiler ib. 9 n. 11; schwin 1882 [?], Niederbamhanpt 
ib. 75; verswigen, sweighoffe, schwecher anagang d. 14.jhd., RicBpach, 
\h.^a,\gesch woren, seh wacher (2) 1 420, Preutzingen i\),9\gesch womer, 
schwacher, schwachr 1420, Werenthausen ib. 1 ff . 
2. Belege ans literariBchen denkmälern: 
§21. et) Mainauer n atariehre: nnr^it^: swarzir \', swinde%*^\ 
swerer 3; swendet 9. — Maget kröne: 1 sw: swebet 3,101; gesworn 
8, 180; swert 4, 244. 526; swuer 4, 273; sweb 5, 367; verswant *b, 328 gegen 
8 schw: beschwere 2, 48; geschwind 3, 8. 4« 144; schwur 4, 374; Schwestern 
5,211; Schwester 5, *185. 324; schwarz 5,45. — BaBler Nibelungen- 
brnchBtücke: um sw, vgl. Wackernagel a. a. o. — Hugo von Mont- 
fort: Bchreiber A sw: verswigen 8, ^58; swer s. ib. 68; swartze 5,59; 
swtaren ib. 102; swer adj. '*'5, 129; swigen 9,6; Bchreiber B sw: swebt 
12, 15; swer v. *13, 3; swigen 16, 46; swert 18, 137; swigen ib. 280; switzen 
19,26; swigen 24,102; swert 25,116; swer adj. *26, 51; swers v. 27,55; 
swer adj. ib. 56; swer b. ib. *208. ^235; swer v. ib. 111,151; swer s. 
28, 95. 99; swigen ib. 28; swers ib. 123; verswunden ib. *176; swer adj. 
ib. ♦392. 530; swebende 30,1, swers v. ib. 40; geswuer 31,82; swarizer 
ib. 94; versweren ib. ^121; swer 32, »16 a.; swebst ib. 32; verswigen ib. 
♦76; sweren 33,4; swarzwald ib. 11; swer v. ib. 107. 34,34. 37,53.*) — 
Knchimeister: lii sw: gesworn 6, 1 25. 268. 324 ; Swilz 22 ; beswert 73 ; 
swöster *74. ^164. 176; geswigen 101; verswigen *'105; geswand 107; 



>) Ebenso C sw: swer 38, 131. 142; swers ib. 159. 



S-VERBINDUNGEN IM NHD. 241 

s/vnrent\3S.^\A\stvösirenUb', Swarzenhach(^) 193. 194. (2) 241. 252; ^^xit^- 
ren 214; swür 219. 255; sweren (verb.) *219 geg.in 13 scir. schwur 10,247; 
schweren (verb.) 22, 212; schwamm(yeTb.)h\\ schwhrent 122; Schwaben 133, 
198 ; verschweren *155; Schwär zetib ach 187; schweren 2\2'^ schwenket 220; 
schwand22S, — Stretlinger Chronik: fast nur ^iv: swanz 1, 1; swert 8, 
2f). 9, 19. 56, 9. 14. 70, 17; sweifs 9,5; swanger 12,5; besweren 15, 17. 58,3. 60, 
30; beswur 15,28.56,16; verswand *\^, 2^, *33,5. 43,29. 73,27. 137,11; &<?- 
5«;örw<f«33,29; beswernifs Sb,29. 38, 10. 48,20. 49, 17(2). 116,7; swarzen 37, 
1. 39,21. 79,22; swiir 42, 8; swlgen 45, 16; swfireni 49, 22. 80, 25. 88, 19; 
swester 54,19; ^^5Wfl/ 55,20; besworn 56,9. 102,24. 103,16. 104,28. 127, 

17. 128,10; sweig 69,4; sweigte 69, 14; X7t*<ir 81, 17; swetzen 85,8; &^- 
sweren S5, 9; ^}V^ 110,12; ^n;<irz 112,16; swimmen 122,4; swuren 132, 
28; swende 149,8; swendi 158, 2o; swerreni 163,27 gegen nur 2 schw: 
vei'schwand ♦20,21; schwimmen 121,20. — Ulrich von Richental: 
56 swi Switz 18; Swilzer 66; swarizen 28. 80. 85. 100. 101; swär 38; 
s weher 38; swinis 40; in der Swarizen hof ^44; Swegen 51; Sweden 53. 
162. 201; swftrend 54; gesworen 66. 69. 72. 89; 5W^w 68. 70 (2). 105. 
106; swur 68; swerent 70. 116; Swartzburg 66; Swarizach 91; Swaben 
69. 184. 208; Swauben 79; fw<fr/ 93. 97. 99. 105(2) 107. 109. 200; ^waw/z 
100; swigen 105; Swedur Kobin 184; Swalbach 194; Hanns Swartz 197 
(2); Swosfery 201; Swidwa202; sworn2\\; Swager 2\\', Swiger 2\\.2\2; 
Swelher 213») gegen 65 jcäw: schwur 14. 55(2). 70(2). 71. ^94; geschworen 

18. 70. 148; geschwomen 135; geschwiir bb; schwi'tren bS. 66. 71. 106. 107. 
110; schwurini 56. 71. 102. 110; -rf 96. 135; schweren 71(2). 158; schwerl 
16. 78, 80. 106. 108. 134. 144. 146. 190; ^^/iit^elr 17. 102; Schwarizach 34. 
38; Schwänzen 37. 45. 48. 83. 199; Schwartz 48; schwartz 124; Schwartz- 
bürg 145; Schwartzenburg 193(2); am /6. schwinis 40; oi'yi /6. schwini wilprät 
40; schwecher 40; schwechern 102; schwechrend 141; überschwenklich 
♦42; schwlgen 55. 137; schwitzen 131; Schweden 154. 207; Schwaben 159 
(2). — Legende von S. Idda von Toggenburg: nur^cAn;: Schwaben 
AI. 12, 173; schwänz ib. 174. 

/9) Merswin: nur 5w: swerliche 29. 67. 132; ^w^r^ 80. 84. 87 (2). 97; 
besweret 133; swigende 32; geswinde 41. 53. 6ü (3). 71. 80. 81. 85(2). 88 
(3). 89 (4). 91, 94. 98. 101; 5WiW^ 118 (2); swarme 69; uberswenkende 
113. 124. 127. 128. 129. 132. 135; fn^^rc 130. 131; geswechet 136. Aber 
daneben schreibt er in nachstehenden fällen z;t; fUr 5»;: zwarc 16. 17. 70; 
zwarcer 16. 17; zw^r^? 58(2). 67; furzwigen 26; furzwiget, -ent 58; zwigen 
64; zwerende 52; zwach 64; zwerliche 68; z/z^^r^ 69. — Elsässische 
predigten, Dankrotzheim, Kegel des hl. Angustin: nur 5;t7. 

y) Augsburger stadtbuch: nur ^n;. — Ingold: 23 sw\ swert 
24(2). 51, 66(3). 71 (3). 78; swerter, swertern 71; swären 34. 55; 5wJr 
73 ; versweren *53. ^55 ; sweren 55 ; rokswantz 67; swantz 67; swester 68 ; 

») Ich habe hier und in der folge die oben befolgte Ordnung der 
belege aus den denkmälem mit rUcksicht auf III insoweit verlassen zu 
miissen geglaubt, dass ich mit möglichster berücksichtigung ihrer folge 
im denkmale die Wörter derselben sippe zusammenstellte. 

Ueiträge zur geaohlohte der deattohtn spräche. XVII. Jg 



242 ARON 

swayfstuch 69; gesweig 81 gegen 40 schw: schwär Izer 6; schwartz 9 (2). 
68; schwer ten 7; schwert 9. 24. 29. 30. 31. 34; Schwester 12. 24; schwäre 
8; schwärer ^\ schwär 16. ^54; schwären 39. 78; schwärlichen 50; schweygel 
10. 18; geschweyget 10; geschweigend 18; verschweigen *59; geschwigen 
81; schwer 14; schweren 53; schwach *22; schwachen 05; schwaniz 25. 
32. 67 (2). 72; schweinmisl 40; schwein 41; Schweinen 49; verschwand 
♦52; fc/wam 69. — Conrad von Weinaberg: nur *«;. — Ott Ruland: 

5 5«;: swager 4; swebischem 6; ^it^arz 6; Sweller (n. pr.) 11. 16 gegen 

6 ^(;^it;: Schwindenbach 7 (n. 1.); schwartz 20. 24. 33; schwecher 'seh wager* 
35 (2). — Hermann von Sachsenheim, Murin: 106 ^/t^: 5»;^ 24. 
848. 1190. *1671. 2198. 2494. 2844. 2947. 3150. 3328. 3910; 5it;<?r (snbst.) 
1027; 5W^^ 1894. 2716; besweren 1397; beswerl 1410. 2465; Swiczer 153. 
434. 2490. 2770; 5wfV?z 497; beswuor 167; 5WMör ♦1002. *1539. *1546; 5«'<fr^« 
2659. 3556; swieren 2487; gesworn 1612. 1724. 1911. 2011. 2395. 2469. 3632: 
^it;<T/ 236. 332. 459. 1096. 22o4. 4116; swerten 1081; a/lerswerczsien *29:i'y 
swarcz *304. 903. 907. 1224. 3415. 3750. 3773. 5116; swarczes 2172; 
swarczen »5261; iWfli^ 316. 720. 2540. *39I8; swig 380. 701. 1576. 1707. 
2996. 3579. 3880. 3912. 8956. 5406. 5772. 6012; swigen 1219. 1823. 2059. 
2363, 2861. 3883; geswig 2051; swigt 2422; verswant NOO. ♦2994. ♦4033; 
Swab 529; Swaub ♦1771. ^1851. 2014. 2017; Swaben pl. 2367. 3489; Swaben 
land 1661. 1865; Swauben 2344. 3537. 46^98; ^n^rmn ' cygnus * ^684; ^n'«?^/ 
684. 874. 2848; swebet 2854; wider swaiff (subst.) ^994; fwf/i 1357. 4160; 
geswind 2614. 3798; ^/vi/^ 2180 (adj.); Swarczwald 3726; ^n^^ic^ 3842. 
4135 gegen \\schwi schweren 145. 5268. 5396. 5673. 5715. 5749; schwur 
(verb.) 5758; geschworn 5696; schwer (adj.) 3812. ^5078. 5197. 6065; be- 
schwer 2656; Schwiczer 2485; schwarcz 704 (sc). 5046. 5717; schwarczen 
5213. 5616; schwigen ^549; schwaig 244; Schwaigen 5809; schwig 1011. 
1984. 4215. ^4349. 4575. 4616. 4662. 5780; Schwaben 4748 (land); Schwaben 
(volk) 4748. ^5456; Schwebschn 1850. 3848 ; ^ <;^it;<?6^<;^^r 5955; Schwauben- 
land 5694; schwan 890. 5618; schwalb 4422; schwach 4987; Schwester 
1016. 4582; Schwapelrüfs. — Der goldene tempel: nur x^rAn^: 
schwach 466. 831; schwarczer 1258; schweben (Inf.) 126; schwebt 274; 
-^/ 789. 804; schwebent 23. 515; 5<?Äu;<?r 593. 641. 758. 838. 1057; 
schwär 450; schwer (subst.) 619; schwere 794; Schwestern 637; schwig 
798. 863; schwigen 873. 1039; geschwigen 1217; schwingen 54; Schwicz 
1284. — Jesus der arzt: nur xw: 5^;^ (subst.) 14; xn'^r (adj.) 
30; *w^r/ 126. — Kaufringer: 104 fw: xwefr (subst.) ^♦öO. ♦355. 414. 
3,1. 186. 306. 534. 4,263. 5,43. 198. 225. 266. 442. ^658. 7,250. 8,408. 9, 
♦63. 10,48. 11,41. *181. 500. 557. 12,155. 13,95. 426. 14,^4. 95. 231. 412. 
705. 753. 761. 15,97; 5WJr (adj.) 3,^107. ♦399. 477. 499. 4,330. 13,167. 14, 
574. 16,107. 708. 794; sware 14,299; beswären 16,84; beswer 16,204; 
beswärt 5,643. 10,41; swach 3,188. ♦656. 8,395. 11, ♦230. 14,410. 16,184. 
383. 434. 656; swachen 13,262; geswacht 6,16. 26; ung es wacht h,Tl\ un- 
beswacht 13,128; verswach 7,*72; swanger 14,87. 127; swank 16, 592; swebt 
3,700. 4,34. 7,382. 8,24; swaif 1 , 126. 15,65; swert 6,141. 238. 11,291. 
947; swertzsleg 4,\12; swester 14,361. 421. 426. 432. 470. 17,93; sweigen 
7,243. 17,257; swaig 1,119. 3,199. 719. 13, ^187; verswant 1,^322; ver- 



5-VERBINDÜNGEN IM NHD. 243 

swendei 17,265; stvang 3,606. 13, ♦227. 14,341. 363; gesmzet ^^^\\ srveifs- 
päd 9,89. 119. 189; gesworn 7,134. 164. 9,107. 10,46. 11,417 gegen 15 
schwi schwär (subst) 2, 242. 3, 116. 4, 48. 482 ; geschwachei 14, 293; schwaif 
(verb.) 5, »116; schwleff 14,*596; schweig 6, ^249; verschweiget 17, »251; 
verschwand l,*43; verschwinden 10, ♦46; verschwendt 17, *259; schwuor 
9,57. 11,443; schwär 15,11. 

b) Im bairisch-österreichiscben Sprachgebiet. 

1. Urkundliche belege: 

§ 22. Friderich der Swantz 1304, ürkb. d. I. o. d. E. 4,454 no. 
495; Swager, swester, geswistereiden 1340 ib. 5 no. 88; swester 1340 ib. 
no. 350; Heiureichs des Swartzen 1346 ib. 6,534; sweren (adj.) 1354 ib. 
7,358 no. 34S; ze Swammem, swager 1356 ib. no. 453; Schwester neben 
swester (3) 1361 ib. 8 no. 14; sweyn 1361 ib. no. 24; Swans, geschwom 
neben geswomen 1361 ib. no. 30; Seyhots des Sweinpekchen 1361 ib. s. 
49; swager, Swerperg 1362 ib. no. 61; beswerung 1362 ib. s. 107; beswert 
8. 226. 22b; beswernuss s. 226; sweren (verb.) s. 227, 1365 ib. no. 223; 
schwecher (subst.) 1365 ib. s. 233 no. 229; ungeswom 1366 ib. no. 281; 
geswistriden 1369 ib. s. 410 no. 411; swein 1369 ib. s. 437; sweher, swester 
l.'i69 ib. no. 450; gesworn 1370 ib. 8.455. — Aus weistUmern: swerz- 
vehen 'angri£f mit dem Schwerte* 1342, bergr. y. Gastein Ö. w. 1, 199; 
swaidler 1346, Gastein bergr. ib. s. 201; schwein, Schwaigen, schwenten 
aber rersweigest 14. jh., Pillersee T. w. l,90flf.; swein 1887, Telfes ib. 
1,279; Peter Schwertz 1398, Pfons ib. 1,294; gesworen 1411, TrinsT.w. 
1, 292; swein, Swent, swenten 1434, Brandenberg ib. 1, 135; swimmet, 
Schwaiger ca. 1440, Wildschünau ib. 1, 133; schwär, swaiger, Swertan 

15, Jh., ib. 1, 88; schwaig (2), beschwärt ca. 1440, Stumm ib. 1, 139; swar 
unbeswärt, swaiger, dienstswein 1462, Azams ib. 1,253; ver s c hwige 15.jh., 
Abram ib. 1,201; sweiti (o,)^ sweinanger 15. jh., Innsbruck ib. 1,231; 
SwartzenthaiSf schweinbern ib. s. 25, 15. jh., Flaurling T. w. 2,24; be- 
swäret{4), sweren, swein 15. jh., Zillerthal Ö. w. 1,317; swarzwild, swein 
(3), swärlich \ß), beswärt, beswärung, swaiger n, swaig 1497 u. 98, Mittersill 
ib. 1,283 ff. 

2. Belege aus literarischen denkmälern: 

§23. Oswald von Wolkenstein: 168 ^ii;: swerer \,\,\0'y swer 
(adj.) ib, 1,24; swam ib. 2,28; swais ib. *5, 4; sbere ib. 6,5; swert 2,2, 
32; swymmen ib. 3, 1. 3, 14; Sweden 3, 1,9; sbartz ib. 2, 17; swer ib. 3,7; 
geswecht ib. 3, 19; swach 4, 3, 10; swein ib. 3, 3; swartze ib. 3, 18; sweren 
ib. 3, 20; swacher^ swancz ib. ♦4,2; Swäben ib. 4,4; swert 6, 1, 111; swantzen 
ib. 1,167; swer (adj.) 7,2,14. 8,2,10; gesworen 10,5,2; ^tr^r (adj.) 11,3, 
24; sweren Vi, 3, 34; Swab 13, *7, 1; swere ib. 4, 2; swaig jb. 4, 3 ; versbellt 
ib. ^7, 9; switzen ib. 9,2; geswaigen ib. 10, 2; swach 15,3,9; versweigen 

16, ♦l, 5; gesbechet \h. 1,8; versbunden ib. ♦!, 16; Swongau ib. 4,8; swach 

17, 3,7; versbigen ib. 3, ^37; sbartz ib. 4, 27; sbem ib. 5, 7; sbartz ib. 5, 
18; sbeimen 18,4,8; sbaigen 19,2,13; swer 20,1,18; swert 21,3,1; swig 
23,1,1; sweren ib. 3,6; swachen ib. ^5,4; sbachlich 24,2,6; sberlich ib. 
3, 6; swach 25, ^2, 3; beswert ib. 5, 11; swere 26, 44; swachen ib. 48; swer 
(subst.) ib. ^96. ♦165. ♦316; swacher ib. 103; swerer ib. 115; swert ib. 

16^ 



244 AROK 

147; swachen 29, *1,39; verswigen ib. 2, *29; ungeshechet\b.1\\ shartzer 
30, 2, 28; versbunden ib. 2, *39; swank ib. 3, 17; swere 31, 1, 21; erswetzen 
ib. 4, *3I; verswunden 83, 1,*7; tweren 34,3, 1 1; swartzer 35, 2, 36; sbammen 
ib. 3,1; peswOri 36,6,4; ^IP^^ 39,2,20; swachen 45,1,3; geswaigt 47, 1, 
2; swer 48,3,3; verswigen 51,1,*19; swer (sabBt.) ib. 3, 1; geswulst 52, 
2,6; swert 54, 1, 3; geswind 56, 1, 14; swindi 61, 1, 7; sweig ib. 1, 9; 62, 1, 
1; swer (Bubst.) 65,2, 10; 66, 3, 15; swer 68,2,9; sweig 69, 1, 1; swartzer 
72, 1,2; swartzen ib. 1,8; swer (subsf.) ib. 2, 13; swestern 75, 1,3. 12; 
swebt 76, 2, 15; sbammen , swemmelein 77, 2, 11. 12; swester ib. 3, 14; swer es 
(adj.) 77,4, 15; ungeswacht 83, 1. 12; sweren (adj.) 86, 1, 6; swach ib. 6, 
♦19; sweriicher 87,2,21; swer (subst.) 88,2,2; Swaben 89,1,8; Swebin 
ib. 21; versbunden 90, 2,*1; Swaben 91, 2, 14; geswier ib. 3, 12; verswunden 
94,2,*2; Sweden 95,1,3; swantzt ib. 1,16; swär (adj.) ib. 4,8; beswäre 
ib. 5, 10; swebt 100, 1, 1; swach ib. 2,3; swer (Bubst.) 101, 1, 16. 102, 1,8; 
geswymmen 103, 1, 13; swer (verb.) 105, 1, 10; beswer ib. 3, 10; swert 106, 
3, *16; swer (sabst.) ib. 4, 12; swertten ib. 5, 9; swachen 106, 10, 10; swanck 
ib. 10, 12; swerlich ib. 10, 12; geswindlich 107, 3, 9; swerlich ib. 4, 5; sber- 
lieh ib. 4,12; sbaisWi, 5,6; swanger 108, 1,3; swerlich ib. 3,8; ^it^^Cadj.) 
ib. 5, 18; swindt ib. 7, 1; swer (adj.) ib. 7, 13. 14; swer (adj.) 109, 1, 17. 
ib. 3,15; swecht ib. 4,16; geswechet 110,2,10; swantz ib. 3, *16; swennt 
111,3,17; swirt 112, 1,*13; swecht ib. 1,15; swartz ib. 2,3; swach ib. 2, 
18; swucher 114,2,7; swer (adj.) ib. 3,3; geswUt ib.; umbeswaif ib. 3,7; 
sweren (adj.) 115, 4, 7; swer (adj.) 116, 1, 2; ^w^r (subst.) ib. 2, 7; swachen 
ib. 5,2; swartz 117,2,7; swester ib. 4, *I2; swachem ib. 5,8; sweigen ib. 
7,11; fiviicA 118,1,3; swachs ib. 1,17; swester ib. 7,* 17; swerleich 119. 
2, 10; swachlichem ib. 2, 18; sweren (adj.) ib. 3, 10; swerlich 121, 50; ^n^^Srr- 
/fV/i*) 122,2,5 gegen 4 ^^Äw: schwäntz 6, 1,*49; schwacher 25,4,2; ^<r- 
^^Awa^Ar 91,2, 4; erschwillt 114, 3, •5. — Schi! tberger: lA sw: swager 
9,9; x/t^acA 18,9. 17; sweher 18,29. 34; jw<2r<r 37, 15; swertM,\^. 90,17; 
geswelten 50, 2 ; swartzen 54, 30. 63, 7 ; swartz 69, 29 ; swangern 89, 26 ; 
patswam 102,23 gegen 50 fcAu;: schwur 5,20; schwuren 13,8; geschworen 
27,5. 111,2; schweren 61,36. 93,13; schwerdt 11,16; schwert 21,1. .^7. 
14. 17. 43, ll.*15. 61,35. 85, 15. 86, 12. 90, 19. 98, 10. 11. 18. 101,21; schwertt 
21,2. 23,6, 28,7; Schwester 12,8. 15; schwartzen 43,27. 44,9. 46,9. 54,26. 
55,5. 63, 1. 22. 26. 84, 18. 85,22. 91,3. 12S,32; schwarlz 57, 10. 69,30. 80, 
♦11. 84, 33. 85, 10; schwertz ♦SO, 17; schwei/'s 71,12; beschweren S\ 7; ft^- 
schwert 89,8; icÄwa«^^ 91,29; Schweine fley seh 92,9; schwein 100,33(2). 
— Beschreibung einer seereise: nur ^ft;: gesworner 16. 225; 5it^'- 
pogen 26S. — Nürnberger polizeiordnnngen (13. n. 14. jh.): nar 
sw. — Tu eher: erste band 77 sw\ gesworen (rr) 71,12. 79,4. 11. 17. 
90,19. 131,38. 147,27. 277,26. 281,3; sweren 90,12. 23. 216,34. 272, *21. 
274,2. 270, ♦IS. 286,26; swere 217, ^5; sweU(ll) 198, ♦22. 234, ^25; geswtll 
74, 13. 283,24; geswelle 258, 12; swdle 222, ♦IS; sweUen 229, '28; aufswell 
231,11; 5W<?r(adj.) 116,21; beswert 199,6. 201,32. 272, 15; swartze 68,1; 
Swartzen 68,*36. 296,84; Swartzverber 159,36; Swartz 152,5; Swartz- 



») Nur in W. 



5-YERBlNDUNGEN IM NHD. 245 

heinz 15*2,37; richtswert 119^20'^ swarten 77,21. 31. 32. 121,17; swipogen 
157,22. 28. 166,23. 167, 1. «4. 5. 7. 19. 179,14. 21. 22. 25. 32; W^Ä^ 264, 
14. 265, 18; swein 267, 34; sweinen 270, *27; sweinensmaliz 249, 12; swem- 
stall 267,33; Sweinmarckt 113,30. 143,22. 200,29. 203,16. 251,3,14. 267, 
25. 290,23. 33. 291,5; Sweinaw 206,11. 208.22. 210,4; Swoben 141,33. 
145,18; Sfvan 155,32; Sweicker 157,14; Swygershoff 210,2 gegen 14 
schwi schweren 70,13. ^72,15; schweigen 67,23; schwig ib.; slillschweig 
ib:; schweissen 100,19; geschwungen 100,16. 19; Schwingsherlein7.^^^,\^\ 
schwipogen 128,17. 150.36. 178,35; Schweinmarckt 76,13; Schweinaw 
206, 11. Zweite band nur swx swereti 312,7. 17; gesworen, gesworn 311, 
19. 320,13. 328,36. 332,2; sweher ^{0,23-, swynbogemS\, 12. 13. 18. 333, 
4; Swingsherlein 314,7; swachen 313,29; Swab 333,28; swemschen 324, 
5; Swobach 316, 1. 

II. Im mitteldeutschen Sprachgebiet. 

1. Urkundliche belege: 

§24. gesworn 1329, Meissner urk. no. 34; gesworyn 1352, ib. nq. 
41; besweren 1357, St. Afra no. 210; 1367, Meissn. urk. no. 50; gesworn 
1380, ib. no. 55; geschwornen 1386, ib. no. 57; gesworn 1387, ib. no. 59; 
swestir 1391 ib. no. 61 ; gesworen, sweren 1403, ib. no. 67; Swemicz^ be- 
sweren 1427, St. Afra no. 264; gesworne 1433, Meissn. urk. no. 79; 1441, 
ib. no. 92; sweren (adj.) 1447, ib. no. 102; gesworne 1456, ib. no. 113; 
gesworn 1457, ib. no. 115; sweren (Ad},) 1474, St Afra no. 296; schbert 
gr.i) Schlossbaurechnung Ton 1477, Meissn. urk. s. 95; Swertfeger 1480, 
ib. no. 138. 142; 1485, ib. no. 146; swestern 1506, St. Afra no. 328; Schwed- 
ler, Schwert feger 1508, ib. no. 329. 

2. Belege aus literarischen denkmälern: 

§ 25. Johannes von Frankenstein, das Buch von guter 
speise, Offenbarung Johannis, Ritterspiegel, Stolles Thür.- 
Krfurt. Chronik: nwr sw. — Miscellanhs. (Pietsch-Rückert, Entwurf 
144) hat in folgenden fällen ^^^n;: schwankil, beschweren 1,107. 108; 
schwer 1,105; verschwenden 1,132. 

B. sp, st, (sk). 

§ 26. Hier bandelt es sieh um diejeDigen Verbindungen 
eines s mit einem consonanten, bei denen die neuhochdeutsche 
Schreibweise die ^-ausspräche anbezeichnet lässt und die im 
gegensatze zu den unter A behandelten nicht nur anlautend 
sondern auch inlautend auftreten.^) 



') Münze. 

3) Hier werden nur belege der Schreibung mit seh vorgeführt; es 
möge sich dieses verfahren rechtfertigen in hinblick auf das starre fest- 
halten der sp, st in der heutigen Orthographie im gegensatze zu der nhd. 
Schreibung von schl, schm, sehn, schw. 



246 ARON 

I* schp* 

§27. Anlautend: Die Stäfner öfnung (15. jh., Grimui, Weist. 
1,45 fr.) bietet 5 schprechen gegen 7 sprechen, fürschprechen gegen un- 
uersprochen, — OttRuland: cz^ Schpir * zu Speier 'ß. 2. — Inlautend: 
Ehingen: Ischpanien 12,14. 16,23. 17,3. 7. 21. IS, 19. 20,16. 26,1. 8. 
18. 27,28. 28,16. 20; Ischpanisch 27,34. 

n« seht« 

§ 28. Anlautend *): Fab. Frangk 8. oben 8. 225. ~ Inlautend: 
Urkunden von Ba8el: ernschlich s. 530,4; geischlich 532 a. 1393 no. 
489; exemplarA. — St. Gallen: gaischUch 1340 no. 1386. 1344 no. 1421. 
^ Schwäbi8che Urkunden: gaischelich 1850, Mone 10,254. 1401, ib. 
11,217. 1411, ib. 105; ernschlich 1447, ib. 110. Hierher vielleicht das 
engesclicher (K. Hofmanns text: engestlicher) der handschrift von Lutwins 
Adam und Eva v. 2532.') ~ Wirklich seht geschrieben finde ich bei: 
Ott Rn land: in der faschten mes 8. 1 neben fasten ib.; umb acht mischUn 
baier noschter 'rosenkranz aus mistelholz'; herschtmess s. 2 (die fol- 
genden einschrei bungen weisen durchaus mistiin pater noster und her st- 
mezz auf.) — Ingold: fierley mischt, das was schau fmist, leomist, 
affenmist und schweinmist 40; vertuscht 50. — Wackernagel: hie- 
schischt 142 (Weinhold s. 15). — Wittenweiler, Riog: we, min hord 
tötscht du mich 12«, 46. — Richental: grauf von Diescht K {Tiest A) 
194. — Konrad von Megenberg, Buch der natur: der nebel ist alter 
schadescht A(U.jh.)B. 9iij\2;gesundi seht A 104,5; zeletscht 161, 12A; 
letscht A 185, 10; vor froscht A 224, 16; geröscht B (1377) 350, 18. 351, 
11; röschtkZh^.lA, 381, 12. — Oswald v. Wolkenstein: 4,3,3 faiste 
sweinf gerne seht von Eyb W, gerne seht von Kleyb X. • 

in. sk. 

§ 29. Hier können natürlich fast nur fremdwörter in be- 
traeht kommen, da sk schon lange zu seh {§) geworden war, 
wenn auch die Schreibung sc noch in unserer zeit fortlebt. 

a) als schk\ Register: Muschkatblül 18,7 (Mu s l k atblüt Id). — 
Urk. V. Oberüst. 8 s. 393, a. 1368: hundert phunt und dreyschk phunt 



1) Neben seht findet sich (vgl. s. 225 anm. 2) sth geschrieben ; wohl 
in ähnlicher weise zu beurteilen wie die Schreibung in unreth (unrecht), 
die schon in spätahd. denkmälern sich findet (vgl. Weinhold, Mhd. gr. 
§ 202). Demgemäss wird auch bisihum (bistum) Stolle s. 91. 132. 146 zu 
beurteilen sein. 

') Beizuziehen wäre auch Basler urk. s. lljlff. anno 1422, Oetlingen : 
€Us denn gefragt ist von der vischentzen wegen, spricht er, daz er in 
dem obgenanten zyte einem knechte , ,lih die vischentzen . . . . , also daz 
er davon alle wuchen einen dien seh visch geben söUe, Vgl. auch 
dynschedagh Lac. 3, 965 (Weinhold, Mhd. gr.» § 210). 



Ä-VEBBINDÜNGEN IM NHD. 247 

wicnner phetining (2). — Otswalt v. Wolkenstein: 95,4,2: tomaschk 
(W X ohne k). — Suchenwirt: Gaschkonien 18,143. — Buch von 
^nter speise: muschatTl^, — Stolle 63, 10: sundern er tvolde seihest 
korfurstCj konnig, keiser und hobist sin, vnnd alle korfursten vnd ouch 
andere fursten worden sine knechte vnd schkleueti, 

b) als schg: Ehingen: Damaschgo 13,24. 26. 30. — Katzen- 
ellenbogen: {wir) q warnen in parte Fischgardo^) 369, aber Fischardo 
369,5. — Richental: der cardinal von Flischgo 127. 128; her Woschga 
von holabrat 152; dominus Blasius iusinensis episcopus in Tuschgania 
161; Tuschgan 201, doch Tuschan 50; Mollischgo, Sawoschgi, Progne- 
wischgi 202; ICarwischgi, Kalischgi 186 (poln. namen). 

§ 30. Im allgemeinen können wir aus dieser Zusammen- 
stellung vor allem nur das bestätigen, was die grammatiken 
(oben 8. 225) lehren, nämlich die zunähme der Schreibung mit 
seh gegen das 15. jh. hin. Es wird aber auch aus der Obersicht 
deutlich, dass diese Schreibung um 1300 begonnen hat (s. oben 
§ 2. 4. 0. 8. 10. 12. 14. 16. 18. 20. 22). Wir sind jedoch im stände, 
durch vergleichung der entwicklung dieser Schreibung in den 
einzelnen dialekten und bei den einzelnen Verbindungen eines 
s mit einem consonanten untereinander dieses resultat nach 
beiden seiten hin zu ergänzen. 

§ 31. Es lehrt nämlich ein vergleich in dialektischer be- 
ziehung, dass im md. und eis. 2) die alte Schreibung mit s viel 
beliebter ist als in den andern dialekten (vgl. § 9,/}. 15/9. 21 ß) 

§ 32. Vergleicht man die consonantenverbindungen unter- 
einander, so kann man mit bezug auf ihre Stellung im worte 
(anlautend oder inlautend) drei gruppen unterscheiden, bei 
denen die Schreibung mit seh stattfindet: 

a) Nur im anlaute finden vf ir sehl, sehm, sehn und sehw; 
es liegt in der natur der geringen zahl und des seltenen ge- 
brauches der Wörter, die diese Verbindungen auch inlautend 
aufweisend, dass sich keine belege mit inlautendem schl, sehm, 



^) Porto Viscardo an der nordspitze von Kephalonia. 

^) In bezug auf die Schreibung des schl (vgl oben s. 228) weicht dieses 
allerdings vom gebrauch des mitteldeutschen ab. 

') Eine superiorität des alem. mit ausnähme des eis. hinsichtlich 
der Schreibung mit seh vor dem bairischen kann man vielleicht auch 
vermuten (vgl. sn s. 23 5 f.), der unterschied ist aber nicht so klar wie der 
oben erwähnte. 



248 AfiON 

sehn und schw bieten.*) Doch überwiegt die Schreibung von 
stv statt des modernen schw auffallend gegenüber den im Ver- 
hältnis weit häufiger geschriebenen schl, schm, sehn, wobei ganz 
abgesehen wird von den sw der verallgemeinernden pronomina 
und pronominaladverbia, die mit sehr geringer ausnähme {sehwaz 
Augsb. stb. 24; schwelieh Wack. pr. 34,21; sehtver Zur. jahrb. 
47, 12; sehtvo M. S. A. 267, 12; vgl. Weinhold AG. § 190) durch- 
aus sw zeigen.^) Es ist selbstverständlich, dass entsprechend 
den heutigen Verhältnissen — die heutige Orthographie kennt 
ja kein sehp, seht, {sehk) — die sehl, schm, sehn und schtv 
gegenüber den andern Verbindungen weitaus überwiegen« 

b) Nur im inlaute findet sich seht, wenn wir von den 
ganz späten belegen für den anlaut absehen. 

c) Sowohl im an- als auch im inlaute finden sich 
sehp, sehk. 

§ 33. Es ist wohl selbstverständlich, dass die Veränderung 
der Schreibweise auch eine Veränderung des lautwertes voraus- 
setzt, dass also in unserem falle in der zeit, wo die ersten be- 
lege mit se?ü etc. auftauchen — und wenn wir der Orthographie 
eine gewisse trägheit im nachfolgen der sprachlichen entwick- 
Inng zuerkennen, schon früher — die ausspräche s couform der 
heutigen in geltung kam. Wenn eine änderung in der Schreib- 
weise bei sl schon im ahd. (vgl. Braune § 169 anm. 3) insofern 
eintrat, dass wir hier zwischen dem s und / ein c oder A' ein- 
geschoben finden (3 sciäf, sclahan, sclahiiu, kasclactöt, sclecter, 
sclehtem Hymnen ; skluoff Ludwigslied 52 ; piscluoe Erstes Reiche- 
nauer glossar; scläphun Mainzer beichte; sclahda Physiologus), 
so wird dies mit Scherer, zGDS. 127, dem auch Braune, Ahd. 



>) Es kommen fast nur wOrter mit -sl-, -sn- aas -sei-, -sen- in be- 
tnicht: so auch -sm- fismen ^sich unruhig hin und her bewegen' Schw. 
id. 1, ICSI; flismen * flüstern' ib. 1212; frismen, chrismen 'erbeben' ib. 
1329; üsmen 'stricken' Schm. Wb. 1,1513 {glifsmet Voc. Archon. f. 2u; 
giismet Cgm. 690 f. 15S\ Cgm. 82t>f. 159«) und -sh- in fisner 'hirtenknabe 
ftir Schafe nnd ziegen' Schw. id. 1, lOSl; iusnen, lisHen 'horchen' Schm. 
1, 1515. Lexer 1, 1991; überall weist das heutige 5, nicht i\ dieser wOrter 
darauf hin, dass einst ein vocal hinter dem s stand. 

*) Aasgeschlossen wurden hierbei noch die sw, die in der compo- 
sition entstehen, wie bei den Ortsnamen auf -wil, -tviler, -nrang, wenn 
ihnen ein genitiv auf ;? vorausgeht (vgl. unten s. 206, anm. 1). 



5-VERBINDUNGEN IM NUD. 249 

gr. § 169 anni. 3 folgt, wohl noch immer am besten dadurch 
erklärt, dasB das / durch assimilation an das s stimmlos wurde, 
wobei das explosivgeräusch des l im k seinen ausdruck fand. 
Dieses sei (skl) darf also nicht, wie es Weinhold, Mhd. gr. ^ 
§§ 206. 208. AG. § 190 und neuerdings Leitzmann, Beitr. 14, 514 1) 
tun, mit unserem schl in Zusammenhang gebracht werden. 
Ucber einen analogen einschub eines k zwischen s und / im 
slavischen vgl. Miklosich, Gramm. ^ 283. Beiläufig sei auf die 
sei, scm, scn des ags. hingewiesen (Sievers^ § 210, 1). 

§ 34. Wie misslich aber immerhin die Zeitbestimmung 
einer lautlichen Veränderung nach dem kriterium der Schreibung 
ist, lehren uns ja deutlich die Verhältnisse wie sie z. b. beim 
sc vorliegen. Hier sind schon aus sehr früher zeit, aus dem 
8. und 9. Jb., Braune § 146 anm. 2, seh nachgewiesen. Es ist 
möglich, dass wir hierin eine Vorstufe des mhd. il haben, seh 
aufgefasst als s + eh = nhd. eh in ieh , aber dann ist die be- 
stimmung der zeit, in die wir den Übergang des s + eh (= ieh- 
laut), der Vorstufe, in i setzen wollen, eine sehr vage. Doch es 
wäre auch möglich, dass wir in diesen seh nur eine ortho- 
graphische Variante zu sehen haben, sowie wir (auch in den 
denkmälern die seh bieten) im ahd. in fränk. quellen neben c 
auch eh und in obd. eh neben c finden (Braune § 143 anm. 



^) In dem uns hier interessierenden passus des Leitzmann ischen auf- 
satzes : *s vor /, r und iv hat schon den lautwert i angenommen, wie die 
massenhaften (!) 5^ beweisen (Weinhold § 190)* — sc habe ich die ersten 
50 Seiten der predigten des 1. nnd 2. bd. darauf prUfend nur vor / ge- 
funden — ist vor allem zu berichtigen, dass das deutsche (sowie über- 
haupt das germanische, vgl. Brugmann, Grundriss § 578. 5S0) die laut- 
verbindung sr nicht kennt (wohl entstehen sr in der composition von 
auf s auslautenden stammen mit Suffixen, die mit r beginnen oder mit 
solchen, von denen nach ausfall des vocals nur r (f ) übrig bleibt. Ueber 
diese Verbindung und deren weiteres Schicksal im ags. und nord. vgl. 
Sievers' § 180. Noreen § 200,2) und dass, wenn die lautgruppe scr ge- 
meint sein sollte, diese Schreibung (5^) schon im ahd. (Braune § 146 anm. 
1) * besonders beliebt* war. Ferner ist daraufhinzuweisen, dass die xcit;^ 
schw bei Weinhold AG. § 193 (es sind dies: scwen Griesh. pr. 1,85; 
scwierunt ib.; schwene 1, 168) gegen Weinhold gewiss als zw aufzufassen 
sind. Es liegt ein rein orthographischer Wechsel des c und z vor; man 
vgl. das umgekehrte in der Basler urk., B. u. s. 1381 no. 292: guszhaden, 
Shilling^ ib. 1296 8. 134 twiszent Mnter'; zismatici Richental 158,4 (vgl. 
auch Weiuhold, Mhd. gr. > § 203. 205). 



250 AROK 

2, 3). Am wabrscheinlicbBteD 8cbeiut mir dies z. b. beim Frei- 
singer Otfrid (Braune § 144 anm. 2), der sebr bäufig ch für ein 
k der vorläge einsetzt.!) Wir sind nun freilieb wenigstens bei 
seht und seht durcb zuziebung anderer kriterien in der läge, 
fQr das seh den lautwert S zu erweisen und dadurcb auch 
manebes für die datierung des lautwandels zu gewinnen. 

§ 35. Beweisend fQr schl sind die scbreibungen mit sl an- 
statt schl, wo es auf sei zurückgebt (Weinbold, Mbd. gr.^ § 206. 
210. AG. § 190. B6. § 154; Birlinger 135.)^) Den an diesen 
orten gegebenen belegen seien noeb hinzugefügt: Meinauer 
naturlebre*); menslieh 17, 13. 35; Stretlinger chron*): möns' 
lieh 4,20. 45,22; Merswin«^): m^wr/icA 25, 27 etc. sebr bäufig. 

§ 36. Beweisend für seht sind einmal analog dem obigen 
die Schreibung a) st statt seht < sei und zum andemmal die 
reime von Wörtern b) mit seht < st auf solche mit seht < sct 
(zu vergleichen sind die schon oben angezogenen stellen aus 
(Braune, Weinhold und Birlinger). Dazu füge ich ad a): In- 
gold: mist (für miseht) 37, r/emist 52 (aber gemiseht 40). — 
Herm. v. Sachsenbeim, Mörin: rvunstich 502, wunsten 3353; 
wüst 2077 'wischen'.«) — Hätzlerin: wunst 11,284. 2,2580. 
5, 22; envünst 2, 7. 16, ad b)') Herm. v. Sachsenbeim, Mörin: 
mit grossen knütteln als die füst. leh mein sie habeti rofs ge- 

^) Interessant in dieser beziehung ist ein schreibervers in Philipps 
Harienleben, Wiener hs. 2709, Hoffmann 1211»: ^mercedem po s cho laboris* 
(14. jb.) 

') Doch schon im althochdeutschen zeigt sich sl für schl -^ sei wie 
auch st für seht -^ sei \ vgl. Braune, Ahd. gr. § 146 anm. 5. 

3) Hat sonst durchaus sl^ s. oben s. 227. 

*) Hat bis auf ein schl durchaus sl^ s. oben s. 22S. 

^) Hat bis auf ein sl durchaus schl, s. oben s. 22S. — schl entstehen 
bei ihm in den Wörtern geischliche 16, 19 n. ö. (daneben etwas häufiger 
geislich) und in erneschliche 47 (aber emeste) als Stellvertreter von schtL 
S. oben § 2S. Lieber sonstige orthographische Varianten dieses denkmals 
in beziehung auf s resp. seh s. s. 241. 

«) der hübste, pulcherrimus, v. 2223 ist wohl ein Schreibfehler. 

^) Unsicher, ob hieher zu ziehen, weil neben formen mit seh auch 
solche mit 5, w, z vorhanden sind: 0. v. Wolken st: kreisten : reisten 
14,5. 16. 18, gelust : vertust 119,2. 18. — Hätzlerin: tust : vertust 27, 
350, Verlust : vertust 4t, 16. Ich glaube nicht, dass man freisten : leisten 
Wernh. 205,19 bei Weinhold, B.gr. § 154 hierher ziehen soll. 



S-VEBBINDUNGEN IM NUD. 251 

tuscht V. 3574 flF. — Hätzlerin: 28,19 glast wast : erwascht. 
Demnach ist dem s in der Verbindung sl (wegen fleislich Mar- 
tina, menslich Mein, nat., Mersw.) wohl schon für den beginn 
des 14.jh8. der lautwert s zuzusprechen; damit stimmen auch 
die ersten belege für schl (Alem. 1302, Bair. 1312). Die alem. 
ausspräche der inlautenden st als St muss wegen Erec v. 17S0: 
laste : glaste] Bari. 323, 25: erlaste : glaste; Lanz. 2208: nniste : 
gelüste, ib. 3152 wunsten : kunsten spätestens am ende des 12. jh. 
in Qbung gekommen sein. 

§ 37. Nach analogie des schl werden wir für schin, sehn, 
schp, schw im anlaute, da ihre ersteu belege (vgl. noch ausser 
oben §§ 8. 10. 12. 14. 16. 18. 20. 22. 24 schmalz 1287 H. U. 
3, 1550; geschprochen 1317, Schreiber, Urkb. d. st Freiburg und 
Weinhold, Mhd. gr.^ §208. AG. 190. B6. 154) auch auf das ende 
des 13. jhs. hinweisen, auch dieser zeit zumindest die ^-ausspräche 
zuerkennen müssen. 

§ 38. Für anlautendes seht war es nicht möglich, einen 
beleg aus dieser zeit zu bieten; aber die analoge ausspräche 
dieser consouantenverbindung in Ober- und Mitteldeutschland 
mit der der obigen Verbindungen machen diese zeit auch fUr 
diesen lautwandel wahrscheinlich. 

Der grund, weshalb wir trotz der analogen ausspräche 
doch sp, st geschrieben finden, mag wohl darin liegen, dass in 
den gegenden, in welchen diesen consonantenverbindungen der- 
selbe lautwert sowohl im an- als auch im Inlaute zukam, wegen 
dieser gleichheit kein grund vorlag, die Schreibung zu ändern, 
und dass dort, wo eine verschiedene ausspräche im an- und 
inlaute herscbte, die inlautenden sp, st hemmend auf die ent- 
wicklung der Schreibung von schp, seht im anlaute wirkten. 
Diese annähme der bemmung scheint in dem umstände ihre 
bestätigung zu finden, dass sich wohl anlautende schp, bei denen 
im vergleich zu den Verhältnissen, wie sie bei st vorliegen, nur 
sehr wenige sp des Inlautes dem sp des anlautes gegenüber- 
stehen, aber keine seht anlautend finden. 

§ 39. Bezüglich der auffallenden tatsache, dass sw sichtlich 
überall beliebter ist als schw, sei auf s. 264 anm. verwiesen.^) 



^) Ueber sl etc. im mittelniederdeatschen vgl. LUbben b. 49, § 38, 



252 AKON 

9 

IL 

§ 40. Ferner ist s in der Stellung nach r zw i geworden. 
In der Bchriftsprachc sind es nachfolgende Wörter, die uns 
diesen wandet zeigen: arsch nihd. ars, barsch mhd. bars, bir^ 
sehen mhd. birsen, afrz. berser, bursche, rahd. barse f. *börse', 
dorsche^) f., mhd. torse 'kohlstrunk', herscheu mhd. herseti, 
hirsch mhd. hirz^\ kirsche mhd. kirse, knirscheti mhd. knirsen, 
küf'schner mhd. kürsetieere, morsch zu einer verbalwurzel murs. 
Kluge, Etym. wb.^ 237^ 238*, (wirsch aus mhd. wirs comp.?)^), 
wirsching neben wirsing m. (zu gründe liegt lombard. versa 
'kohl, wirsing', Kluge 358^). Oefter finden, wir diese assimila- 
tiouserscheinung in der Umgangssprache und in der mundart 
(s. unten s. 262 anm. 2). Conform der Zusammenstellung in I gebe 
ich hier eine Zusammenstellung eventuell in betracht kommender 
Wörter und Wortverbindungen zur illustrierung der entwicklung 
der Schreibung rsch. 

I. Im alemannischen. 

1. Urkundliche belege: 

§ 41. Claras: anderswa 1380 no. 104. 1400 no. 137; Rapreswile 
1402 no. 132; Rapper schmil er (2) neben Rapper swil (2), Rapper swylen 
1429 no. 185; Raperswil 1437 no. 207; Raperschwil 1438 no. 218; Rapre- 
schrvil 1442 no. 230; Ganderschwil 1440 no. 227. — Basel: anderswa 
1279 no. 139. 1299 no. 196. 1339 no. 309. 1359 no. 377 (ü). 1395 no. 496. 
1416 no. 592. 595. 1431 no. 661; ander swannen s. 595 z. 4; anderswannen 
ib. z. 10 a. 1400 no. 526; Birse (Aussehen) 1295 no. 183. 1302 no. 205. 132H 
no. 267. 1328 no. 286. 1355 no. 359. 1392 no. 480; xiff die Birs matte 1415 
no. 588; Birs 1432 no. 609. 1435 no. 674; Birsze 1355 no. 359; Birsz 1424 
no. 045 (3). 1435 no. 074; Birsiche 1335 no. 298. 1343 no. 323. 1371 no. 416; 
Birsbrugge 1348 no. 339; Birsegg 1373 no. 420 (s. o.); -egke 1404 no. 543; 
kirsegarlen 1299 no. 190; kirszbom 1450 no. 749; ürsulej Ursel {h\ Ur- 
sulen{2) 1371 no. 415; kursener 1390 no. 474. 1392 no. 482. 483. 1390 no. 
497; Mörsperg 1411 no. 572. 1410 no. 592; die mit -wiler znsammen- 



*) Natürlich gehört dorsch m. (nach nd. dorsch entsprechend 
anord. porskr, engl, torsk aus dän. torsk) nicht hierher; doch sei der 
merkwürdigkeit halber des Smaragdus (abt um 800) dursus erwähnt. Es 
heisst bei ihm, Du Cange 2, 900^: ^ Piscis species sunt hce, esox, Dursus , 
alausa, tracta, lampreda et reliqui\ 

^) Mhd. 2, ist schon im 13. jh. mit s zusammengefallen (vgl. Panl, 
Mhd. gr.3 § 29). — Die dem mhd. hirz entsprechende form lebt noch 
mundartlich (alem. und md.) fort: Regel 73. Heusleri Conson. d. ma. y. 
Baseist. s. 0. 

3) Wenn nicht aus {un)wirdesch entstanden, vgl. Kluge EW.« 365. 



5-VERBINDÜNGEN IM NHD. 253 

gesetzten Ortsnamen des typus -rswiler stets mit rs 1356 no. 360. 1382 
no. 449. 1396 no. 497.») — rsch nur in herschel 1444 no. 720 s. 850 z. 13; 
Birsch 1500 no. 974 s. 1107,15. — Königs hofen: bursierer (amt eines 
klosterbriiders) 1422, Mone 10,121. — Augsburg: rs und rss: in hirs 
cervus im n. pr. SlolzMrs, das in den Urkunden sehr häufig vorkommt 
(vgl. das register im urkb. v. Augsburg). — Aus weis tUmern: ander- 
schrva mitte des 14. jh. Ermatingen (Thurgau) Grimm Weist 1,239^); 
15. jh. RoggwU ib. 177; ander schtvo s. 13 neben anderswo s. 14 ib. 4. 
2. Belege aus literarischen denkmälern: 

§ 42. Meinauer naturlehre: herschen: do si (die Römer) vor 
gewaltic rvarent, daz si herschetent . . über alle riche ... s. 12 z. 12. — 
Hugo V. Montfort: birssen 9,22; wirser 17,2. 17,183. — Kuchi- 
meister: Merspurg 16; HaperswUe 28; wirst (superlat.) 27; getorsl^^\ 
fürsten, anderswa 104. — Nenjahrsspiel (Munc Schausp. 2, 378): rsch 

in ander schwa v. 420 gegen rs in arsioch 135; ein gantzi bursami 170; 
w/r5 44S; persönlich 584. — Heinrich Wittenweilers Ring: rsch in 
herschen: eniphßlhst du ir das haus mit sampt, so wyl sey herschen in 
dem smpi 18^,12. Sogar das genitiv-i nach r als seh geschrieben: ist 
sey arm, nu hin, daz sey! Dannocht lebt sey noch däbey, sey schlaft 
dest bas und furcht ir nit vor teupen und vor feursch geschieht 22, 37; 
rs in ärs (podex) 3«», 34. 4^,9 u. ö.; phersisch 27>>,27. 37^,27. 37d,35; 
wirser (peior) 5, 14; hirs (milinm) 31 c, 44; rss in kerssen 27*>, 21; kerssen- 
paum 51d, 13; hyerssen (cervus) 52»>, 34. 52^, 29. 52c,34; hyerss 52«, 17; 
hierssen 52^,24. — Ulrich v. Richenthal: rs in Kürsiner 32. 182. 
215; gehorsam 69; anderswa 51. 141; ars 109; rfs in Peter fshusen 72 
u. ö. — Strctlinger chronik: rsch in b er schaftig ^), bresthaft', do tet 

*) Entsprechend Heusler, Consonantism. d. ma. v. Baseist. s. 4 hat 
die Urkunde no. 517 v. j. 1399 Hirtzbach s. 573 z. 15, s. o. § 40 anm. 2. 

*) Hierher gehört nicht erschatz ib., dazu das verb. vererschatzen 
ib., da es gewiss nicht vom verb. ersetzen abgeleitet ist (hierzu ursatz 
'entgelt, recompensa"). Der zweite bestandteil ist sicher schaz 'geld- 
summe*. Verfehlt ist die zusammenbringung des ersten bestandteils mit 
her *exercitus'; gewöhnlich wird er als ere * bonos' erklärt (DWB. 3,954), 
eine leistuog, die pro laude et consensu domini ^ causa honoris^ einmal 
beim wandel der band vom neuen besitzer (käufer, erben) geleistet wird 
(laudemium) Zöpfl, Altert, d. d. reichs u. rechts 1,§33, 158 ff. Es bleibt 
aber gewiss, da bekanntlich die technischen ausdrücke deutschen rechts- 
Icbens misverständlicher Übersetzung ins lateinische ausgesetzt waren, 
auch der Vermutung räum gegönnt, dass wir in er- vielleicht ir, ^ früher, 
ehe, bevor* zu suchen haben. Man vgl. in der Stretlinger chronik eeschatz 
40 neben erschatz 132. Demnach gäbe erschatz etymologisch den sinn, 
dass eine Zahlung von selten des meiers an den dominus vor der leistung 
des Zinses zu geschehen hatte (?). 

3) Für bersthaftig — vgl. birsthaft^ Monumenta Zollerana 1,510 
(schwäb. linie), Lexer 1, 350 — ans bresthaftig; keineswegs gilt Bächt- 



254 AROK 

der ber schaftig man nach der !er des alten 74,2; rs in mörsel mörser 
1S5, ]].*) — Legende v. 8. Idda v. Toggenburg (Altm. 12, 173 ff.): 
rsch in RaperschwU 8. 176; rs in hirs s. 175. — Prologus zum elsSsB. 
Parzival: rschx u forschen v . U^^. — Klsäspisches arzneibuch (AI. 
10, 219 ff.): rs in Kirsen, 

ß) Ingold, Goldenes spiel: rsch: geherschot 6 (doch rs-. person)\ 
anderschwa 58'); auch das s des nentrums des geschlechtlichen pro- 
nomens wird seh geschrieben nach r: pricht er seh alles 53; ich wUl dir seh 
sagen 68. — Conradvon Wc i n s b e r g : rschy rzsch ') : mir umb bürzschet 
zu Ermein ij gülden 70, 13 {bürschet^ burschat halbseidenes zeug); rss: 
kürssen 13(2). 26. 45. 47; kürssner 30. 52(2); rs: kürsner 26. 57. 88; 
kirsner 26; hans von hirshorn 73; Wickershein 52 (ö); Otlerswiller 68. — 
Hermann v. Sachsen heim, Murin: rsch: nur in murschel v. 3535 ff.: 
*nattch tülschen sitlen manigvalt safs wir zuosammen über tisch. Da 
truog wan her die murschel frisch, des allerersten rösch und wifs\ Für 
Berschen (gen.) v. 3369 wird wohl Bertschen oder Berschen (adj. auf 
-isch) zu lesen sein; rs: wirs v. 42; kürsin 2S81; anderswa 2985. — 
K a u f r i n g e r : rs: hirsen 5, 633 ; kürsen 1 0, 75. 1 5, 1 7. 68 ; rvirser 1 1 , 99. 
193. 12, 117;<ir* 13,238. 241 (: war*) ib. 333 ; rss: hirssen 5,592. — Georgs 
von Ehingen reisen: rsch: perschon: er ist och von der perschon 
gantz wolgeslalt und lidmessig gewesen s. 4 z. 2; bey des forsten per- 
schonen 8 z. 9. 38; rs: forderst 4 ; fürsten 8 (also wenn t folgt); rsz in 
ander sz s. 1. — Ueimchronik d. Johannes Kurz^): rsch: Urschin v. 
1. 2. 65. 194. 250. 478. 1010; Crschin 264. 270. 319. 403; Kelerschwang 
675.*) — Meichssner, Orthographie: rsch: Der hirsch würdt gebürscht 
Zs. fdph. 13,369. 

II. Im bairisch-üsterreichischen. 

1. Aus Urkunden: 

§ 43. Uyrs des Rodlers purchlehen, Schaup der Hyrs 1329, Urkb. 
d. 1. o. d. E. s. 554; Ott Wirsinch 1304, Urkb. d. 1. o. d. E. no. 493; 
Chersperger sehr häufig, z. b. 1306 ib. 4,515. 1327 ib. 5,488 etc.; Cher- 
spach 1325 ib. 5, 413 (ö); Wyersing von Pottendorf 1335 ib. 6, 187; bürsen: 
wir schulten auch von unser bursen raichen joerlich . . ain phund phen- 
ning 1361 ib. 8 s. 10; rsch: vielleicht gehört Murchenhof (bei St. Peter 
in der Au N.-Ö.) 1360 ib. 7 s. 102 hieher. 



holds erklärung in der anmorkung zu diesem wortc: berschaftig umstellt 
aus breschhaflig. 

*) hirz (cervns) 3, 19 u. s. o. wurde ebensowenig hier wie bei andern 
denkmälern berücksichtigt, wenn es mit z oder gar mit tz geschrieben war. 

*) Hierher vielleicht auch noch verluscht 50 '««^ verlurseht ^ verlurst, 

3) Diese Schreibung zseh für seh hat dieses denkmal auch im worte 
dützseh deutsch s. 77. 

*) Aus Irsea (im bair. Schwaben bei Kauf heuern). 

'^) Doch auch Ramschwang v. 600 neben Ramswang 449. 



5-VERBINDÜNGEN IM NHD. 255 

2. Ans literarischen donkmälern: 

§44. Hadamar v. Laber: rs: hhrs 43,2; birsen 46, 1. 510,5; ge- 
hirset 426,2; hirscer 543. — Oswalt v. Wolken stein: rschi merschy 
(merci frz.) 57,1,12. — Schilt berger: rsi hirsen^\^l\ rfs\ ander fstvo 
102,34; rssi Wurssa 8,11. — Tucher: rsi kärsner 151,12; kursner 
155,9. 266,20; morser 289,5; Bans Mörser 162,18; rfs im namen Birfs- 
vogel 159,30 etc. sehr häufig; Berfspruck 252,25. 34; rss\ hirssen 160, 
22; tiirsselgasse 144,8(ö); rsch in erbfor schier 93, 8; hxr sehen 123, 16. 257, 
10. — Tetzel hat s. 170 rs in hirs (milium). 

III. Im mitteldeutschen. 

§45. Buch von guter speise: rs\ mursell^\ morsel^O] kirsen 
8. o. ; kirsenmus 9, 82 ; hirse grütze 47; mörser s. o. ; bersich (fisch , vgl. 
8chm. 1,201) 55. 62. — Stolle, Thüring.-erfurtische chronik: rsch: zwene 
wagen mit ruchem wisfsen korschen wergk s. 107,24; rfsch: geher/sche 
(inf.) vber land und lute 4, 10; rssch: regereti (regieren) und hersschen 
77, 10; rs in personen, personlich, forste, fursten\ rfs in ander fs 36; 
Ingerfsieuben s. o. — Bei Luther wechselt rs mit rsch bei hirsch 
(Franke, GrundzOge § 89). — Aus Schlesien weisen Pietsch-RUckert, 
Entwurf s. 144 folgende rsch nach: herschm Psalterinm per hebdom., 2. 
hälfte des 14. jh.; hershin abschrift einer psalmenlibersetzung in pghs. 
1 duod. 26, vollendet 1340; vurschte princeps, handschrift des Nicolaus 
V. Cosel, aus dem anfang des 15. und ende des 14. jh.; kurschner neben 
kursener im Cod. dipl. Sile^iae 8, 79; zu dem yrschten mal (2), ja sogar 
dyrsch = dir ez Scriptores rerum Silesiacarum 6, 18. 

§ 46. Hieran mögen sieb nachweise früher r^cA-sebreibung, 
welche die Wörterbücher liefern, anreiben: 

her sehen: dem da her sehet ^) met unde win Wäisch. gast v. 4290; 
wan in ze herschen geschiht über dt siben ib. 9068; herschen (hershin) 
Fundgr. 1,376» bei Conr. v. Heinrichau 1340 (DWB 4,2. 1155»); her scher: 
Berth. 4169. Myst. 2,639. 1.2. Walther v. Rheinau, Marienleben 274,36 
(8. Lexer 1,1262 u. 1263); herschnier (mhd. hersenier subst. n.): duo 
herschnier 1316, Freys, salbuch f. 29b(Schmeller 1,1166); hirschgewige 
im mitteld. arzneibuch (Fundgruben 1, 376) a. d. 14. jh.; kur sehen Cod. 
dipl. Sil. 3, 122'). Korschen Kothe, DUring. chronik 99, der auch 430 
Hirschen herschen und 674 hirschte hat; murschel mhd. murseU Helden b. 
B 220,32 (Lexer 1,2254); morsch: daz alle stn hat und stn vleisch zu- 
morschtt was D. Myst. 1, 185, 16 (14. jh. md.; DWB. 6, 2590; zersch mhd. 
zers Cgm. 589 (v. j. 1377) hinterdeckel, Cgm.713 (v. j. 1476) f. 7, 17 (Schmeller 
2, 1152). 



') So die handschriften A um 1300 und 6 1340; RUckert setzt 
herscht ein. 

•) V. j. 1387 DWB 5,2821: mit einir kurschin. 



256 ARON 

§ 47. Die frühesten r^cÄ-Bchreibungen {anderschwa s. 253, 
herschen Meinauer naturlebre 253, Psalterium 255, PBalmenüber- 
setzuDg ib., Wälsche gast ib., Conrad v. Heinrichau ib., herschnier 
Freys, salb, ib.) berechtigen uns, für diese zeit auch die ent- 
sprechende ausspräche anzunehmen und spätere rs nur als 
historische Schreibung aufzufassen. Zwei weitere stützen für 
diese annähme bieten einmal das vorkommen der Schreibung 
rs für etymologisches rsc (vgl. den analogen fall menslich für 
mmschUch § 35, z. b. Elisabeth 5032 gor unerforshere sint 
godes ordenunge und Stolle s. 42 erforfser : der selbe Jude was 
em Apels vnnd em Bossen Vitzthum, des jungen hem reihe, 
heymelicher rath, vnnd alle ore heymeikeit eyn ufstreger vnd er- 
forfser), zum andern mal reime von Wörtern mit ursprünglichem 
rs auf solche, deren rsch auf rsc zurückgeht (es liegt in der 
natur der sache, dass sich nur wenige finden lassen): örsch 
equus: (cers stultus; Heinrich v. Beringen, Schachgedicht v. 2064. 
9316 und rosseti : gedrvschen Ottokars Reimchronik v. 60709 
(letzteres gütige mitteilung des herrn professor SeemUller mit 
der bemerkung: Mie lesart ist sicher'). Wir können demgemäss 
diesen lautwandel als im 13.jh. vollendet auffassen. 

III. 

§ 48. Der wandel eines s zu a* begreift sich wohl am 
leichtesten im zuletzt besprochenen falle. Denn das r (zumal 
das stimmlose) hat grosse physiologische verwantschaft mit 
dem s, Sweet, A Handbook of Phonetics 39 beschreibt an- 
schliessend an Bell das s folgendermassen (Sievers § 152 b, 
anm. 4): 'das s ist dem s sehr ähnlich, hat aber mehr von 
dem point-element, d. h. stärkere beteiligung des zungensaumcs; 
dies hat seinen grund in der annäherung an stimmloses r; das 
S ist in der tat ein s das auf dem wege zu stimmlosem r an- 
gehalten ist. Dies geschieht, indem man die zunge aus der 
^-lage ein wenig zurückzieht und mehr nach oben wendet, was 
den zungensaum mehr in action bringt' (vgl. übrigens auch 
Sievers s. 106 § 12 b.) 

Schön stimmt zu dieser beschreibung des s die tatsacbe, 
dass r vor d, t, z am Inn, Lech und an der Salzach geradezu 
wie s lautet: fusi fort; kusz kurz u. dgl., vgl. Schmeller, Gr. 
§661. BWb. 1,139. 1155. DMa2,344. 4,44. Weinhold BG. § 155. 



5-VEBBINDÜNGEN IM NHD. 257 

Wenn wir abgesehen von den oben s. 252 erwähnten Wörtern 
den Wandel von rs zu r^ in der 'Schriftsprache* nicht vorfinden, 
so haben wir darin — abgesehen von fremdwörtem wie börse, 
discurs u. dgl. — das resultat mannigfacher ausgleichungen zu 
sehen, die immer eintraten, wenn nach dem r ein mit s be- 
ginnendes wandelbares element (suffix) auftritt, z. b. -st der 2. sg^ 
des Superlativs, -s des genitivs, die sufGxe -sc, -sam u. dgl. 

§ 49. Schwieriger ist das s in den consonantenverbindungen 
zu begreifen in denen es als erster bestandteil auftritt. 

Eine assimilatorische einwirknng der folgenden consonanz 
ist, da wir es mit dem waudel eines s zu s, d. h. mit dem 
Wandel der tonlosen dentalen (alveolaren) spirans zu einer ton- 
losen Spirans zu tun haben bei der jedenfalls die zungenarticulation 
stets weiter rückwärts liegt als beim s ('mindestens 1 cm.', GrQtzner 
s. 220), ohne weiteres begreiflich bei lauten, die entweder die 
gleiche articulationsstelle wie das s besitzen oder eine weiter 
rückwärts liegende. 

§ 50. Sicher gilt diese erklärung also bei ik für sk in 
fromdwörtern, wie es die mundarten bieten. Also in Wörtern 
wie : Skandal (hierbei ist mit ausnähme der uns interessierenden 
S die phonetische Schreibung vermieden, da diese ausspräche 
für das ganze obd. Sprachgebiet gilt), skamiizel diXie] diskurim 
reden, diikurs rede, streit, s. m. g. (vgl. Schm. 1, 549), muskel, 
musketen muskete, muikaielier muscateller (über die letzten 
Wörter vgl Nagl, Roanad s. 200 zu v. 2377).!) 



*) Ein secnndärer Vorgang ist es, wenn das k dieser Verbindungen, 
durch das i palatalisiert, weiter nach vorne geschoben als palatales t er- 
scheint, z. b. ktarnizl ' papierdüte * , ital. scarnuzzo (Schm.), Stattel aus 
ital. scatola 'schachteP (Schmellers Mundarten, nachtrage hierzu in 
Herrigs Archiv 37, 374); Uuapiau 'skorpion* (Nagel a. a. o.). FUr das 
alter dieser entwicklung scheint es zu sprechen, wenn eine hohenzollersche 
Urkunde (kloster Wald) v. j. 1430 den tag ihrer ausstellung mit den worten 
^nach sani Stolastican tag * angibt; vielleicht ist auch damast n. (zu gründe 
liegt der name der Stadt Damascus) hierherzuziehen, doch sprechen ital. 
damasto und nl. damast dagegen, wenn diese nicht deutsche lehn- 
würter sind. — Belege für schk aus früher zeit s. o. § 29. — Eine par- 
allele zu der Verschmelzung der alten ^/r-verbindungen bietet das mund- 
artliche neusirig * neugierig', entstanden aus /t^u^^tVn^ (Vilmar, Kurhess, 
idiotikon 283. Scbmeller 1, 1711. Bonsdorfer ma., Zs. fdph. 19,362). Hält 
man zu obiger erwägung die tatsache, wie oft sich die palatalen i-laute 

Beitrftge aar geachiohte der deatoohen ipTiusb«. XVIL 17 



258 ARON 

§ 51. Wahrscheinlich gilt die annähme einer solchen as- 
similierenden einwirkung des folgenden consouanten bei der 
erklärung einer grossen zahl der inlautenden -ii der aleman- 
nischen mundarten. Denn es wird wohl nicht als reiner zufall 
zu betrachten sein, wenn ein grosser teil dieser Wörter nach 
declinationsschemen geht, die ursprünglich in gewissen casus 
ein t in der endung besassen. Ich erinnere hier nur an Wörter 
wie mhd. ast, hast, brunst, bnist, ernst, vüsi, geisf, gerüste (Jo- 
decl.), gesnnUst, gespenste n. (^o-decl.), daneben gespanst, gespenst 
fem., gumt, last, list, lust etc. etc. In allen den fällen, in 
denen bei diesen Wörtern und ihren ableitungen palatalisierung 
des stammsilbenvocals (' Umlaut') — wenn er nicht schon selbst 
ein palataler war — eintrat, hätten wir auch das s als eine 
Wirkung des folgenden t zu betrachten, wie man ja auch jetzt 
die palatale affection des vocals durch folgendes t als durch 
die zwischenstehenden consouanten vermittelt erklärt, welche 
zunächst palatale färbung (^mouillierung') annehmen mussten, 
und dann ihrerseits die palatalisierung des vocals bewirkten 
(vgl. Sievers, Phonetik ^ 237 f. Braune, Ahd. gr. § 51 anm. l).t) 

§ 52. Ausser nach r wäre somit st entstanden: a) ur- 
sprünglich wechselnd mit st bei der i-declination (jgast pl. geste) 
und im präs. der sw. verba I, b) ohne Wechsel, durch bildungs- 
sufGx veranlasst, z. b. nomina mity-sufßx mc gerüite] adjectiva 
wie veste, abstracta auf -t wie reite ruhe, rast, wobei bei den 



im klänge den palatalen cA-lanten (f^A-lauten) nähern (Sievers, Phonetik 
§ 15 anm. 5) — man vergleiche das hinterwäldlerische gweisch 'geweih* 
(Birlinger, AI. spr. s. 134. Weinhold, Dialektf. s. S2) — so hat man sich 
die entwicklnng des sc zu i vielleicht folgendermassen vorzustellen: 
x/r^^^iAr^a-i-cA ^a^i. Hierher zu stellen ist die eigen tiimlichkeit der 
Ruhlaer mundart (Regel s. 73), fUr stammauslautendes s vor dem dimi- 
nuierenden -chen s zu bieten, z. b. gleschen *gläschen', müschen 'mans- 
chen', Lüchen 'Lieschen*, gänhcheti, henichen 'Häuschen' etc. 

^) Natürlich musste der vor dem palatalvocal stehende consonant, 
das ^, seiner articulation nach ein palatallaut sein (vgl. Kraszowski, 
Internation. zs. 2,267). — Ueber t-ableitung bei mhd. gester, swester b. 
Kauffmann, Beitr. 13, 393. 14,163 gegen Luick ebenda 13, 5S8f. — Die 
Umlauts Wirkung des ^ aus s vor palatalem / fände eine schöne parallele 
in derselben Wirkung des s aus sc in der lautverbindnng -asch (= asi 
'^ asc)f das regelmässig in den alem. mundarten zu ^ss wurde, z. b. ess9 
'asche', w^iie 'waschen'. Vgl. Brandstetter § 19. Heusler, Oerm. 34, 117. 



5-VERBINDÜNGEN IM NHD. 259 

unter a) angeführten das st durch Übertragung verallgemeinort 
worden wäre. Für eine gesonderte entwicklung dieser inlautenden 
st scheint es auch zu sprechen, dass sich Zeugnisse, welche die 
^-ausspräche in consohantenverbindungen beweisen, am ehesten 
bei st finden (vgl. oben § 36). 

§ 53. Schwieriger ist es, mit den andern ^-Verbindungen 
zurecht zu kommen. Denn bei diesen ist eine assimilierende 
Wirkung des folgenden consonanten nicht recht glaublich, schon 
aus phonetischen gründen, da ja bei den labialen {p, w, m) die 
zunge gar nicht articuliert und die dentalen {t, n) dieselbe al- 
veolare articulationsstelle wie der ursprüngliche laut, das «, 
besitzen, und sie ist auch wegen der inlautenden bewahrten 
st, sp des mitteldeutschen bezw. der st im bair.-österreichischen 
vollkommen ausgeschlossen. 

Man kann aber auch nicht vermuten, dass eine verschieden- 
artige Silbentrennung an diesen Verschiedenheiten zwischen mittel- 
und oberdeutsch schuld trüge, sonst mttssten wir für das bair.- 
österreichische einmal etwa ka-ipar und zum andern etwa 
klO'Ster^) ansetzen. 

§ 54. Lässt sich nun das s in diesen Verbindungen kaum 
durch einwirkung des folgenden consonanten erklären, so war 
vielleicht ein vorhergehender laut die Ursache dieses lautwandels, 
und der wäre aus phonetischen gründen und wegen des oben 
s. 252 ff. auseinandergesetzten das r. 

Es wären demnach unsere ^cA-verbindungen im wortanlaute 
sandhierscheinungen , hervorgerufen durch die Stellung der 
Wörter mit ursprünglichem sl, sm, sn, sp, st und srv nach Wörtern 
die auf r endigen. An solchen mit -r schliessenden Wörtern 
ist aber unsere spräche sehr reich. Hierher gehören: die sub- 
stantiva auf -er; die adjectiva im nom. sg. m. starker declina- 
tion, im gen. sg. und pl st. decl. fem., im dat. sg. f. st decL 
(eine kategorie, in welche die so häufig gebrauchten wortclassen 
wie der artikel und die demonstrativpronomina gehören), die 
comparative, die personalpronomina mit ihren : meiner, mir, wir, 
unser; deiner, dir, ihr, euer; er, seiner, ihrer, ihr] die praepo- 

1) Singnlär steht da -it in huastar 'tassis' (Nieder-Oesterreich), vgl. 
Nagl 8.201 zu V. 231. 

17* 



26») ARüS 

weü^mta: amster, fir, vA^er, wufr, v>r a. ». w.: die pracdxe: 
wr-, rar- a. Il w. 

Uad an diesen am^lBMe an ein ToraosfeiLeBdes mit r 
fcUicaKada wort trtge die dem # folgende «««soaau die 
iefcaid: üt trennte da« t ron den träeer de» fSbeBanesteK. 
TOB den ikr folgenden sonanten, weil ihr eise £erin£ere fckalL 
fkDe innewohnt die bei ^ nnd i bi< auf denn nnllpcnkt riakt: 
diese bedinzen sopar eine paose! 

I 55l Anf dic»er tattache der laatptväok^ iSiercffa^ 
Fhcmeük ' § 35. 16. 27) Ausea ja aacfa die ver^kk-bnn^a der 
ind<igennanwtfii fpraeheiL bei welchen wöner de^ typne # + 
ecAMpcant .-im anlaot * mit wertem, die das # eotbehrcs. xa- 
aammenpebraeht werden: rgL Bni^mann. Gmndiitf i. § 55ff. 
G. Meyer, GrieeL p.- § 245 £ und nenes^Tens K. F. Jokaiiw<A, 
Beitr. I4.2SÖ£ Znr illnetrieninf feien die Mchereren Alle an- 
£cf&hrt: 

Fir sJ—h It. &«zA staa^. iftd. 2ax:« f. l&ne. bm. •«:. — G«c. 
aäd. aa. s.:«4aL aaoffd. «kr. jlo. s./«a, iber fr. «jcrx^c!. Isx. imerrm-t^ — 

S.M«» fg«*y Bbd. sIbi. SIL icJ», &:«r I&t. .«akcrr feien, rüxxea. Zbm 

Fcr ^a — ■: AnBier p. cu^(»<-z nttten iiijr(»('Z. cut(»^. ux^pa, 
Cf/Ti g^. Ciitl/^'« taxBi'liULB. uiäjc^. i/ZIo«. <:i/f/«.;i bon-idL *n,(»*i c. — Afad. 
#in^:«» stber er. i/Ei.(W». dAza a^ wtrÖMn, lü. »o^ir lüv : rerfft&lu abd. 
BiXid. mob cäzibCLibtliiebd. veiclL, ttcr'aff — Gi«*. rauiV. kbd. smuaL ags. 
swuti, u. im««' kjei&. periif . &t«r &6l. »«/£ klein. £t. i/^«.e kkiiiTiefa, 
ijtir. au Tifr dic^!« bedentsng htx tnord. n»«^ kjdsrieb: T^rl. aocb 
&kd. jm«^.«ei^r. nvoik: nirw kjessriek). — Gr. m^i^eo' liekie <doek ft- 
ijtfij f/.ti^,i}^ ftber len. smejv, uL smr-je sf Iftcbe. ai. jraur.i^-«-!/. daxo 

Für fib — »: At. snarialftt. lir. jntrr^z«. pcit. «««rtf/. ür. giugAS. asL 
«»f'^v ftcbuee rc^«> p »f'V«'.- ''V^ Ui»er c; ci r.^^«;. l*t. «m^ici;. — Ahd. 
tnuor. Mir. gfäihr f»Q«i rcs^en l»t. •rf». er. ife* rj'tfc faden, aber fi-rr^ 
ftfto. — Aiid. smura 1 »cbvieferutchier. acs. morv, afr. m/irr. an. Atr>r. 
gn*fT zu aäd. rrnui//, a^L snüchü fre^n laL «fv^-ic/. jir. n^»^. — Ahd. 
smttfvJ m.. ndi. snat'Ci M:iiiiar*ei. rcsael. jn^W' »e-iinaSel afr. «narr/ mnnd 
^t:^n nd^ »^/ f. »ciinaiKrl. ar&. fiel*h »c^abel. (r^sictt. an. nr/* n. nase 
f neben snafT^ ftünrieicbendr. öazn auch dfcs irerm. lehnwon ital. iu;7^ 
acLuauzi;. rfiwel. 

Für tj* — //: Got. jj^rivpan.. ahd. f;iiff'Ait »]>6ien m ÜL rpidtiJM speie, 
ai. fffuo eegen fr. wrru». — Ai. fp^r spaher. wächuer. iai. -«intm», ahd. 



S- VERBINDUNGEN IM NHD. 261 

spehön spähen, anord. spakr verständig gegen ai. pä^yämi sehe, asl. 
paziii attendere (reflex. mit s^ cavere). — Got spinnan, ahd. spinnan 
spinnen gegen lit pinti flechten (päntis strick) und asi. pfii spannen, 
von der darin enthaltenen wz. pen- lat. pannus sttlckcben tncb, läppen, 
asl. o-pona Vorhang, ponjava fem. segel, zu welcher sippe auch unser 
fahne (got. /ana tuch, zeng, läppen, ahd. fano tnch [ougafano schleier, 
halsfano halstucb, gundfano fahne] masc. gehört. — Idg. wnrzel sprek, 
spreg gegen prek, preg in isl. sprekla, schwed. spräkla kleiner fleck, 
mhd. spr ecket {sprünkeleht adj. fleckig) gegen engl, io freak sprenkeln, 
freckle Sommersprosse und weiterhin gr. uBQxvoq^ ai. piqni gefleckt, 
bunt 

Für $t—t\ Ai. sihägämi verdecke, verhülle, gr. ateyog dach, lit. 
stoga-s dach, aksl. o-siegü toga gegen gr. riyoQ dach, lat. (ego, aisl. pak, 
ahd. dah dach. — Got. sldutan, ahd. stdzan stossen gegen ai. tudämi 
stosse, lat. iundo. — Gr. axiyfxa stich, punkt zu axCC,(o mit einem spitzen 
Werkzeuge flecken machen, lat. instigare anstacheln, reizen, ahd. stihhan 
stechen gegen ai. iij scharf sein, schärfen (tigmd spitzig, scharf). — Ai. 
sthära gross, mächtig, zend. staora zugvieh, got siiurf ags. stdor, ahd. 
stior stier gegen as). turU stier, gr. xotvQoq (lat. taurus)^ an. pjörr (dän. 
tyr, schwed. tjur)\ aber anord. störr^ ahd. slüri adj. gross, mächtig, air. 
tarh. — Ahd. siinchan stinken gegen gr. tayyog ranzig. — Lit. strdzdas 
drossel (vogel) gegen asl. drozgü, russ. drozdü, lat turdela (ahd. dro- 
scela, baier. dröschet), mhd. drostety an. prgstr masc. — Ahd. drozza, 
ags. protu fem. kehle gegen mhd. strozze, andd. strota kehle, luftrühre. 
— Mhd. nhd. strotzen, engl, strut anschwellnng, schwellen, gegen anord. 
prütinn geschwollen. 

Das fehlen des ursprünglichen s der grundformen in manchen 
indog. sprachen wird als Wirkung eines sandhi zu erklären sein, 
der durch die dem s folgende consonanz erleichtert wurde. 
Dieses moment der erleichterung des sandhi ist aber, wenn 
auf das s unmittelbar der sonant, der träger des silbenaccentes, 
folgt, nicht vorhanden. 

§ 56. Ein anderes moment der erleichterung des sandhi 
liegt in dem Stärkeverhältnis der einzelnen silben zu einander, 
da sich ja minder betonte silben einer stärker betonten silbe 
unterordnen und sich so zu einer grössern phonetischen einheit, 
dem Sprechtakte, zusammenfügen. Die starken silben in solchen 
Sprechtakten bilden die stärksten silben der Wörter, und das 
sind die Stammsilben. Hiernach (dazu vgl. Sievers § 33) würden 
die s und / im anlaut der Wörter und silben zu erklären sein. 
Es blieb nämlich I) (stets vorausgehendes r vorausgesetzt) s 
vor dem sonanten der starken silbe des Sprechtaktes, also im 



262 AKOX 

aulauto der »taninisilbeu i), wunle aber II) zu i im anlaute der 
uiittelstarkeu und schwachen silben desselben ty pus, also a) in 
uebeusillieu und b) bei eucliüois. 

So haben wir: 

Ad 1. sagen^ sfhn^ sinffen, suchen u. dgl. 

Ad 11. 9l) Die oben s. 252 erwähnten werter in ihren zwei- 
silbigen formen, wenn dem ursprQngrliehen s ein vocal fol^*) 
^hierher kann man auch rechnen die Wörter des typus j? + eon- 
sonanz« v^l. oben § 54") : diesen schliessen sich an mundartliches 
fikf}rstim. korsam gehorsam (besonders häutig in der grusstormel 
kSiMMst^r äi^Her, stimster diktier Üir gehtyrsnmsier diener) ^M^hmeller, 
Ma.§<>51. D. Ma.o.loT. Bavaria 3. 2o9. Albrecht Sw 15. Bronisch 
s. t2l^« WeinhoIdL Dialektt*. SO^ and ursach . > Birlinger. AL spr. 
13:S: hrscktwh legende des hL Aureliusw hs^ d. 17. Jh.\ 

b"^ Hierher gehören mundartliche Verbindungen wie un'isic^ 
adv. tl unter sich. *nach unten*: /vr« adv. f. l'är siei. -vor- 
wirts': \i.\:frsi adv. f. hinter sich, 'röckwirts*: M/^:frrf.f\rii 
adv. f. hinter sich tar sich* 'vorwirts-rftckwirts* also: •verkehrt' 
y^Wittieler, C cap. I. § 4. l b: Srbmeller. Ma. § «joi Bavaha 3. 2«.»^. 
Han\{schttchheimer Glossar. Mundart des barr^ratenamre«. Herrifs 
Anrhiv 4^>, IT^. Krasscir <• 3-\ — Ferner: /:. i^ miiiidÄrtlieh 
llr das pensonalproiionwii fif ic verrincac^n wie: »•£- y> "war 
*ie\ KT Ä^ 'ivce sie*. Ji'^^ if iber sie", y.d w^r If. d.r *^ 
'Wir. dir sie'. Srhuu Sül § rvl. L\Ma. >. :».»:. li^. Ee«i T;;. 
Hlerier sxie iv'i aiiccl ca* riiris^Jsciie ^rö ietie:er-xiseie 



-^tt;j«fr Ä : * Ait«a 7».cJ N/rjK. -.•^jk i/.-s^ wwi's».'^ /iW^c-i I -*-. 
V "^^i ;w 'i's rrvT/uy -Ali >"■.':. fL.xü. '".. >i:if. Zvu.:i i»:ca ine 

syiU- ■• -.5», >cr-- ::itCic :zr':il. ;?- i«/t-s r -r«r >;««i' >:Jin. Wj. ■ ^^ 
^ ?. '11/l- V Ulli UV .-^r:ini'i3-c i::«;'3 ^ it;:«!- \ Ir^^c nir itai lum. 



S-VEKBINDUNGEN IM NHD. 263 

goirse 'gar so' in Wendungen wie goirh Slömm 'gar so schlimm ', 
goirse gäni 'gar so gern', vgl. D.Ma. 3, 129, Regel 73. 

§ 57. Wir können also ganz allgemein die regel aufstellen : 
In der Stellung nach r wurde s zu .9, wenn ihm un- 
mittelbar ein den hauptaccent nicht tragender laut 
folgte. 

Unsere lautverbindungeni+consonant wären also entstanden, 
wenn dem ursprunglichen f+consonant ein r vorhergieng; ein 
satz, wie d^r vaifrs pilt ^der vater spielt' ist in seinen takt- 
Verhältnissen conform einem df s doktgrs rech[nung]^^t% AocXor^ 
rechnung'. Die nach r entstandenen ^+consonant- Verbindungen 
hätten dann ihr geltungsgebiet erweitert. Diesen wandel möge 
folgendes schema veranschaulichen: 



I. 


II. 


HI. 


ich spile 


ich spile 


ich ipile etc. 


du spilst 


du spilst 


(durchaus hp) 


er spilt 


er ipilt 




wir spiln 


wir ipiln 




ir spilt 


ir ipilt 




si spiln 


si spiln 





I stellt die Verhältnisse vor, II während und III nach der 
Wirksamkeit des gesetzes dar. 

Da nun -r§ > rs mindestens für das 14. jh. anzusetzen ist, 
so wäre auch die Wirksamkeit dieses sandhi in jene zeit zu 
verlegen, und damit stimmten auch die oben nachgewiesenen 
Schreibungen von seh -f consonanz.^) 

§ 58. Gegen diese hypothese lässt sich aber folgendes 
geltend machen: 

1. Der mangel eines directen nachweises des sandhi aus 



Folgende Zusammenstellung möge eine Übersicht von diesem 
gesichtspunkt {seh nach r) ausgehend gewähren. Hierbei sind kürzere 
denkmäler, aber auch Urkunden und weistUmer, naturgemäss nicht in 
betracht gezogen, und von den grossem denkmälem die nicht übergangen 
worden, die untermischt s- oder «r^-schreibung in irgend einer der hieher- 
gehörigen consonantenverbindungen aufweisen: 



264 



ABON 



den denkmälerD. 1) Aber dieselbe trägheit der Orthographie 
finden wir auch bei den Wörtern mit rs. 

2. Dass wir auch Bonst nicht nur nach r inlautend ii, ip, 
iw u. 8. f. besitzen. 



Denkmal: 


sl : schi sm : schm 
Ubh. n. r Ubb. n. r 


sn : sehn sw : sehw 
libh. n. r übh. d. r 


1^ 


9:1 


5:0 


sm 


8:1 


2:1 


sw 


H. V. Montfort ) B 


4:49 


2:7 


11:2 5:0 


1:16- 1:7 


sw 


|c 


0:4 


0:1 


1 sm 


1 sehn sw 


Kachimeister 


22:2 ,10:0 


1:2 — 


sehn 26: 13 j 4:1 


Ingold 


scIU 


schm 


sehn 


23 : 40 


2:4 


MOrin 


27:56 4:4 18:12 0:1 


22:19 5:5 


106:44 15:4 


Kaufringer 


64 : 22 9 : 6 schm 


sehn 104:15 13:7 


0. V. Wolkenstein 


sl 11 1 10 21 :1 60:2 


23:0 168:4 25:2 


Schiltberger 


schl 1 4:3 ! 1:0 ; 2 : 1 1 


1:0 


14:50 0:3 


f A 

Tucher { g 


150:431 19:29 


27:62 10:8 34:60 


16:9 


77: 14 iOsw 


30:3 \lschl 


sm 


4: 16 


'S sehn 


sw 


Kichental 


schl 


schm 


sehn 


56:65, 1:2 


Tristrant 

» 


seh 


\l 


schm 


sehn 


4:S$ 


0:18 



Die fälle, in denen unsere consonantenverbindungen nach r auf- 
treten (in der tabelle je die zweite spalte) sind vorne in der beleg- 
sammlung durch Sternchen bei der selten- oder verszahl ihres Vorkommens 
gekennzeichnet 

^) Wenn auch demgemäss ein directer beweis aus den denkmälem 
nicht zu erbringen ist, so müchte ich doch die aufmerksamkeit auf zwei 
tatsachen lenken, die uns vielleicht noch leise spuren von der Wirksam- 
keit unserer regel aufweisen. Erstens: unter den Wörtern die mit sw 
anlauten, nehmen eine hervorragende Stellung hinsichtlich ihres gebraaches 
die verallgemeinernden pronomina und pronominaladverbia {swer, swaz, 
swie, srvo etc.) ein. Diese Wörter, die sich bis ca. 1400 im gebrauch be- 
haupten (vereinzelt noch im 15. jh., so swas Kaufringer 8, 6, 10), finden 
sich regelmässig mit sw geschrieben: ausnahmen sind sehr selten (man 
findet dieselben aufgezählt cap. 1 § 32, a). Der grund hierfür mag darin 
liegen, dass diese Wörter, die immer zu anfang eines satses gebraucht 
wurden, gar nicht unter unsere regel fallen konnten, d. h. die consequenta 
5-schreibung in diesen Wörtern bewiese indirect einen sandhi. — Dann 
erklärt sich auch ungezwungen, dass dem sw gegenüber den sl, sm, sn 
ein längeres leben gegönnt ist, wenn man eine beeinflussung der Ortho- 
graphie durch die sw der verallgemeinernden pronomina und pronomfaial- 
adverbia annimmt. Zweitens: tabellarisch sind nachfolgend die Ver- 
hältnisse bei Scheidung der mit sw (sehw) anlautenden Wörter nach Wort- 
arten dargestellt: 



Ä-VERBINDUNGEN IM NHD. 



265 



§ 59. Ein grosser teil der alem. inl. // MM hier allerdings 
ausser betracht (s. oben § 51). Bei weitem der grösste teil 
der alem. st aber mtlssen als Übertragungen von Wörtern in 
denen sie berechtigt sind (d. i. in der Stellung nach r) auf- 
gefasst werden. Es sind dies die §( welche als flexionsendung 
oder Suffix auftreten; hierher gehört vor allem das -st der 2. 
pers. sg. Ein warst, wärSt, wirst des verb. subst lassen ein biit 
(dem sich nach der proportion lauscht 2. sg. pr. v. verb. lauschen 
: tauscht 3. sg. pr. = bist : x iSt anschloss*), begreiflich er- 
scheinen. Kurz dieses st, welches bei yerben wie gebären, dörren, 
ehren, fahren, führen, begehren, hören, kehren u. ä. sich not- 





I 


II 


m 


Denkmal : 


sw : schrv 


sw : schw 


sw : schw 




verbum 


adjeet.(adv.) 


Substantiv 


Kucbimeister 


14:0 


— . 


12:4 


StretÜDger ehr. 


3(5:2 


6:0 


17:0 


Riehen tal 


14:33 


7: 10 


35 : 22 
8 swert : 9 schwert 


Ingold 


4:7 


4:13 


15 : 20 
VI swert i U) schwert 


Murin 


47:20 


27:13 


32:11 
7 swert 


Eaufringer 


30:10 


23:0 


51:5 
5 swert 


Sehiltberger 


1 :8 


7 : 19 


6:23 
2 swert: \S schwert 


l'ucher 


25; 8 


4:0 


48:6 


Tristrant 


schrv 


schw 


4:41 
2 swerl : 22 schwert 
1 swager : üschwager 



Man sieht bei vergleiehung der drei gruppen untereinander, dass 
schw beim verbum beliebter ist als beim adjectiv (ad verb) und Substantiv. 
Und dies kann vielleieht auch als eine spur des sandhi gedeutet werden, 
insoferne als bei dieser Wortklasse eine häufigere, beziehungsweise festere 
Verbindung mit auf r auslautenden Wörtern und partikeln (ich verweise 
nur auf die präfixe er-, ver-, zer-) vorkommt. 

>) Das entgegengesetzte bietet die ma. an der mittleren Altmtthl 
in der 2. sg. verb. subst is, 3. ist, in der sonst st durch st vertreten ist 
(D. Ma. 7, 389). 



266 AROX 

weDdigerweise als flexionsenduDg der 2. sing, ausbildete, wurde 
als die 2. pers. charakterisierend empfunden und verallge- 
meinert. Auf ähnliehe weise wäre auch das -§t des Superlativs, 
ursprünglich nur berechtigt bei Wörtern die auf r auslauten, 8o 
in Superlativen wie erste, ungeheuerste, teuerste, vorderste u. a., 
auch auf anders auslautende werter übertragen worden. 

§ 60. Dieser erklärung aber entziehen sich die andern 
inlautenden j- Verbindungen des alem. bezw. bair.-österr. Es 
sind dies vor allem die Wörter mit inl. sp (bei Sw kommt wohl 
nur Oswalt in betracht). In anbetracht ihrer geringen anzahl 
könnte man vielleicht lautliche analugie^) annehmen. 

Dafür würde es sprechen, a) wenn sich in mundarten die 
sonst §t bieten, etwaige st zeigen, und b) wenn sich in 
mundarten die sonst st bieten, etwaige St zeigen. Jene würden 



^) Die alem. Ortsnamen auf -schtvil^ -schwang liessen sich als Über- 
tragungen des snffixes von Wörtern, in denen es regelrecht stand, er- 
klären. Also nach Rapperschrvil, GanderschtvU u. dgl. auch Ättenschwil 
u. dgl. 

>) Ueber das wesen der lautlichen analogie spricht sich Schucbardt, 
Ueber die lantgesetze s. 7 ff. folgendermassen aus: '(Andrerseits) lassen 
sich nicht selten erscheinungen bei denen durchaus begriffliche be- 
ziehungen im spiele sind, auf ideelle nebeneinanderstellung zurückführen, 
und da können wir von einer niedrigeren Ordnung von analogiebildungen 
reden. So begünstigt die häufigkeit gewisser lautcomplexe die neubildung 
identischer (z. b. ie = ie in ital. pietd) oder die häufigkeit eines gewissen 
lautwandels wird zur allgemeinhett. Ich habe vor langen jähren den 
gedanken geäussert, dass im ital. (und im romanischen überhaupt) ie, uo 
-B vulgärlat. e, o ursprünglich , wie noch jetzt, in manchen dialekten, 
an ein folgendes t oder u gebunden war: vieni, buonu, öuoni. Zunächst 
würde es durch begriffliche analogie ausgedehnt worden sein: viene, huona^ 
dann aber auch ohne eine solche: pietra, ruota und formen wie hene, 
bove (plur. buoi)^ nove (gegenüber nuovo) würden eben die letzten un- 
eroberten platze bedeuten*. Vgl. auch Easton im Am. joum. of philol. 
5, 174. Hinzuweisen ist auch auf die analogien welche die fremdwOrter 
bieten. Bei diesen sind auch lautsubstitutionen (so nennt diesen Vorgang 
Gröber) zu beobachten, die ihre Ursache darin haben, dass *■ der sprechende 
mit denselben bewegungsgefühlen, mit denen er seine muttersprache 
hervorbringt, auch das wort aus der fremden spräche erzeugt (vgl. Paul, 
Principien' s. 340. 341. Kruszewski, Intern, zs. 3, §22,2, §30; gesets 
der lautcombinationen ib. anm. 2, § 32; Intern, zs. 5, § 78. Jesperseu, 
Intern, zs. 3, 194. 211. 212). 



S-VERBINDÜNGEN IM NHD. 267 

die uoch unerobertCD positionen darstellen, diese den beginn 
jener dort vollzogenen bewegung andeuten. 

Zum ersten fall kann man vielleicht rechnen das part. prät 
gewest der Handschuchheimer ma. (Lenz s. 54^), die sonst inL 
§1 hat. So auch in der Rheinpfah (Bavaria 4, 242). Bei dem 
Präteritum und participium der verba reisen, wissen, müssen 
u. dgl. mag — wenn nicht formen auf -et zu gründe liegen — 
der ^-laut der andern formen eingewirkt haben. Ferner könnte 
das unerklärte aister 'immer' der Schweizer ma. (Brandstetter, 
Gescbfr. 38, 250) hierher gehören. Vgl. auch s. 265 anm. 

Zum zweiten falle wären zu rechnen die §p des bair.-österr. 
und die sonst sporadisch auftretenden §t wie geweit^) ^ver- 
dorben' neben gewest (Bavaria 4,242), das bereits erwähnte 
niederösterr. huastnj ferner paäiur in der Ronsdorfer Ma.^) 

§ 61. Der dritte einwand der erhoben werden kann, stützt 
sich auf die Verhältnisse in der ma. von Baselstadt. Es setzt 
nämlich die oben aufgestellte hypothese alveolares r voraus, 
das dieser ma. aber nicht oder nur selten eigentümlich ist. Es 
herscht vielmehr neben dem zitterlaut des Zäpfchens der stimm- 
lose Velare reibelaut ohne jede mitwirkung des Zäpfchens vor, 
welcher oft zum reduciertcn laute ohne hörbares reibegeräusch 
wird (Heusler s. 82). Conform diesen Verhältnissen heisst es 
auch in Baselstadt btxs f. der Birsfluss u. dgl. Daraus folgt, 
dass diese ausspräche des r eine ziemlich alte ist. 3) 

Wie aber auch noch heute daselbst die ausspräche des r 
eine verschiedene ist (es kann nämlich nach Heusler a. a. o. 
als reducierter laut ohne reibegeräusch eintreten im wortanlaut 

>) *Am KönigBdorf im Grabfeld (b(5rt man) gewascht ^ aber ist* 
Schmeller, Nachträge. Herrigs Archiv 37, 374. 

'^) SubtttitutioD der lautcomplexe begünstigt durch die gleichbeit des 
erdten bestand teils and darch das Übergewicht des complexes in den 
sich der alte wandelt, ist bei hasti neben haspel (dazu das verb. hastnen, 
Schmeller Wb. 1, 1185) anzunehmen, wenn beide Wörter identisch sind 
(ein Zusammenhang mit hd. hast fem., hasten, die dem md. ndd. ent- 
stammen, Kluge, Etym. wb. 132 b, ist natürlich abzuweisen). — Auch auf 
die mundartlich oft vorkommende vertauschung von mistet und mispel 
sei hier hingewiesen. 

^) Die belege aus den Urkunden (s. oben) mit rsch in herschen und 
Birsch können an and für sich nichts gegen das alter dieser ausspräche 
beweisen. 



268 AKON 

und zwischen zwei vocalen oder zwit«chen vocal und folgendem 
sonorconsonanten auch in den wortanlaatenden Verbindungen 
PX» ^X> ^X> fX* ^L deren erster bestandteil gleichzeitig zur reinen 
lenis herabsinkt; niemals jedoch im freien auslaut oder vor 
stimmlosen consonanten) so wird wohl schon frflher für r irgend 
ein unterschied je nach der erwähnten Stellung bestanden 
haben. Andrerseits ist es ja auch leicht einzusehen, dass der 
wandet von einem alveolaren r (ein solches haben ja auch 
die Basler einst besessen) zu einem, sagen wir ganz allgemein 
rUckwärtsarticulierten r zunächst eintrat, wo rückwärtige arti- 
culation der nachbarlaute bestand. 

Obige hypothese kann nur bestehen, wenn zur zeit der 
Wirkung des sandhi die auslautenden r noch vorne articuliert 
wurden. 

Irgend eine ähnliche erklärung scheinen mir auch arsch, 
hirsche (Seiler s. 244) zu fordern. Bei herschm könnte man 
allerdings auch noch beeinflussung durch das nomen herschaft 
annehmen. 



Anhang. 

§ 62. Der Vollständigkeit wegen mögen auch die i berück- 
sichtigung finden, die nicht in den behandelten consonanteu- 
verbindungen vorkommen und auch nicht auf sc zurückgehen. 
Die Wörter, welche derartige & besitzen, sind entweder dem 
heutigen hochdeutsch oder der mundart eigentümlich, oder sie 
treten sporadisch in früherer zeit auf; bei diesen letzteren ist 
das seh gewiss oft nur als orthographische Variante für s zu 
betrachten. 

§ 63. I. § wird ausserdem gesprochen : 

1. In der 'Schriftsprache' in groschm m., mhd. gros, grosse 
aus mlat. ^o^^t^; grosch neben gross (Tucher s. 102 bezw. 101; 
im 15. jh. überhaupt schwanken zwischen diesen zwei formen, 
vgl. Lexer 1, 1093. Schmeller WB. 1, 1014.i) 

2. In den mundarten: abgesehen von allgemeinem Übergang 
des f in i in Wallis (Kapp, D. Ma. 3, 67), Davos, Vorarlberg 

*) Hieher auch schimmel C bureaukratiscber Bchimmer), das wohl 
auf das simüe der amtssprache zurückgeht 



^-VERBINDUNGEN IM NHD. 269 

(Birlinger, AI. 8pr. 132)i) in: schunst sonst {^und sol schunsi nicht 
daraus prechen^ Mod. Boica 10, 191 ad 1472) Scbmeller, Wb. 2, 
433. Scbm., 6r. § 650 Ostlecb ; — felS fels Salzungen (wegen 
fdsspaiteT) — am§l amsel (Scbm., 6n § 655 Ostlecb. Kassl, 
Tepler ma. 14. Koe, Iglauer ma., D. Ma. 5,515) wobl dureb suffix- 
übertraguDg von droSl drossel bewirkt ; vgl. die Übertragung des 
Suffixes 'Uldr -aldr vom germ. apludra-, ags. apuldre, an. apuldr 
' apfelbaum ' auf ags. mapuldre, abd. hiufaltar, Kluge, Nominale 
stammbild. § 94. (hierzu Wiuteler, Eerenzer ma. s. 411 ff. Beitr. 
14, 455 ff. k + ^azz = got. atj > zk > tsch). — i bei * sollen^ 
(oberpfälziscb. Sette communi, Scbm. 3, 349. Cimbr. wb. 166, 
vgl. Weinbold, Mbd. gr.« §411. AG. §379. BG. § 327; zur er- 
klärung s. y.Fierlinger KZ. 27, 190 ff. Johansson Beitr. 14, 290 ff.) 

§ 64. II. seh findet sieb geschrieben und vielleicht auch 
gesprochen : 

a) bewirkt durch ein seh, das im werte vorkam : a) wenn 
es vorausgieng: sehussehiln = schusseln-) Breslauer urk. no. 289; 
geschossche = gesehosse Cod. dipl. Sil. 4, 258. 259; sehosschen 
= schössen Stolle 67; sehisehel = sehüssel im fränk. kochbuch 
bs. 18909 d. germ. mus. f. 6. 7. 10* (Birlinger, AI. spr. 133 anm.; 
Pietsch bei Rflckert 144); — ß) wenn es nachfolgte: Schalmen- 
schlier Voc. lat. teut. bs. 57 (Birlinger 132); slesehischem silesiaco 
Script, rer. Sil. 6,71 (Rückert 144); reusehisch = reussiseh Osw. 
V. Wolkenstein 1,2. 6; das ruschifs land Richental 50; geschel- 
Schaft Ringk 7 °, 7. Stolle 2.») 

b) in sonstigen fällen: Elschi n. pr. Basler urk. no. 455 
anno 1384; möschin messing, Glamer urk. no. 160 anno 1419; 
mösching Hugo v. Montfort 31,98 (Mbd. wb. 2,1. 159^, seh 



*) Dazu vergl. anch noch Bavaria 3,210: 'In WUtfertshansen und 
Mellricbstadt werden s und seh wie das englische sh gesprochen und 
es ist ein unverkennbar leichter Zischlaut. Bdsh, hat shi mein shuh net 
geshähn *base! hat sie meine schuh nicht gesehn* (regiernngsbezirk Unter- 
franken und Aschaffenbnrg). 

') Hier sei auf den analogen Vorgang des indischen und litaui- 
schen hingewiesen (Brngmann § 557, 4. § 587, 2), z. b. ind. qvdqura- ans 
*sva^ra-, lit. szSszura-s ans *seszura-s 'Schwiegervater'. 

') Hieher gehOren anch ans heutigen ma. paschasche passage Weinhold, 
D. dialektf. 81, ummsckuscht umsonst Schmcll. Wb. 2,333, dem sich das 
oben erwähnte ostlechische iunit anschliessen dürfte. 



270 ARON 

wegen seh in ' mischen' 'f)] losch Iob: ledig und losch Zs. f. gesch. 
d. Oberrh. 9, 186 a. 1342; schuochent quaerimup, Eis. pred., Alem. 
1,281; geschendet gesendet Alexander B. v. 825; mit schulchim 
vndirscheyd Meissner urkb.no. 34 anno 1329; Mathiasch, waisch 
Sendersche cbron. 1530 — 40 (Birlinger, Augsburger ma. s. 19); 
grossehem Stolle 64. 

Hierzu kommen noch : heischeyi für heissen '):... da wonden 
, . . zwene gebroeder . . . der eyne hcysche Hoderich Karl Meyoet 
30 ; ein riler . . . hisch zu sammene sine man . . . vnnd hisch sy 
by liebe vnnd by fuie, das sy alle ore habe sulden trage . . . 
Stolle 15; der bischof . . . habe dem herzogen vorheif sehen tmd 
gelobet ib. 66; die selbe porte heischet Policastro Katzenellenbogen 
368; eptischin für äbtissin^) (ungemein häufig, z. b. Basler urk. 
1335 no. 298. Glarner urk. 1303. 1330. 1340 etc. St. Gallen 
1317. 1320 etc. Oberrhein 10,471. 479 etc. Wackernagel, Altd. 
pr. 122. Boner, Benecke 48,20; eptisschin Stolle 138. Vgl. 
ausserdem Weinhold, Mhd. gr.^ § 110 A § 193 B § 154).3) 

§ 65. Andrerseits findet sich für seh aus sc öfters s ge- 
schrieben. 

1. Vor r: Dietrich der Sreiber Urk. v. Oberöst. 5, 164 a. 1316; 
sri/'t Wackern., Altd. pr. 13,23. Vgl. auch Rückert 142. Wein- 
hold a. a. 0. 

2. Vor 'heit: wenn kusheit, mensheit Kückert 142, mennisheit 
Wack. pr. 2, 7, födiesheit Register 48. 56. 57. 72. 74. 78 nicht 
als kuscheit tiQ. aufzufassen sind; sh für seh oft vorkommende 
orthographische Variante. 

3. vleis für vleisch (wurde [noch heute flass und friss frisch im 
nassauischen, Kehrein no. 171] gewiss auch in einigen gegenden so 
gesprochen, vgl. auch ndl. vleezig ^fleischig' ohne Ar-ableitung) 
Rückert a. a. o., Augsb. stadtb. 198, 26, fleifs Stolle 95. In der Zu- 
sammensetzung in: fleishackel AvLgsh. stb. 31. 32. 34. 198. 199 etc. 



1) An der Blies wird lu'schp sogar fUr haifsen gebraucht, Schmeller 
Wb. 1, 1184. 

') abschiischn bei Oryphius, elsäss. abtischin^ ndd. ebbedische Wein- 
hold, D. dialektf. 81. 

') s bezw. 2 für * zeigt sich im Wiener Jargon in wii?rln , vgl. 
ißiseln, wis wis machen, wissern Schmell. BV^. 2, {039. Vilmar, Kurhess. 
idioticon 456; za visel, stm. memhrum visile? 



5- VERBINDUNGEN IM NHD. 271 

vielleicht analog wie oben in 2) aufzufassen , vgl. fleischaker- 
zech Urk. v, Oberöst. 8, 37 anm. 1367; zur orthographiscLen Ver- 
schmelzung zweier ch vgl. nachomen für nachchomen 1370, ib. 
8,471; Erlachlohter für Erlachchloster ib. 8,327. 

4. -es, is für -eschy isch: hubes hl. Elis. 167; kindes ib. 1543; 
romes ib. 7870. 

Ferner: sachare Wack., Pr. 37. 39; sulmilch Dankrotzh. 
319; chusir Wack, pr. 75,2; menfsin ib. 2, 53; mzwissen 1,103; 
hamafs Stolle 141; fis piscis hl. Elis. 1109; disse dat. v. tisch 
ib. 2519. 2719. 3647 im reime auf gewisse certe 1717. 2123; 
dissegader m. üschgenosse ib. 2727; hlamemier, -sir^ -ser für 
hl&menschir blanc- manger (vgl. hl. Georg v. Reinbot v. Durne 
1913 ^swie doch ein fürst e da was gast, blämenschire was da 
liure\ Buch von guter speise 3. 76. 77. Es ist wohl in vielen 
dieser fälle (hl. Elisabeth: Wetterau) wie in den mnd. Schreib- 
ungen vals, valsk, valsch, vis, vles (?), hamas, Riges, Rigisch, 
Lives (Livisch) etc. (Lübben, Mnd. gr. § 35) das s eine ortho- 
graphische Variante des seh. 

WIEN, 2. September 1891. OTTO ARON. 



GRAMMATISCHES. 

XVlIl. Zur geschichte der den gotischen -Ss, -dm, 

'6n und -6 entsprechenden endsilbenvocale in den 

andren altgerman. dialekten und verwantes. 

Wegen der bisherigen versuche die im wgm. zu beob- 
achtende Spaltung der gotischen -ds, -dm, -ön und -6 entspre- 
chenden laute zu erklären s. Jellinek, Beiträge zur erklärung 
der germ. flexion s. 1 ff., und unten anm. 2. Die bisher aufge- 
stellten fassungen der entsprechungsregeln unterscheiden sich 
nach zwei kategorien, in sofern die Verfechter derselben ent- 
weder von einem urgerm. einheitlichen laute = got. -^(-) als 
dem reflexe von europ. -ö- und -ä- ausgehn, oder, zum teil 
unter berücksichtigung der europ. Verschiedenheit, die existenz 
urgerm. verschiedener laute annehmen. Dass sich nun im 
urgerm. gegenüber dem zusammenfall von europ. 6 und ä in den 
Wurzelsilben die ursprüngliche Unterscheidung von 6 und ä in 
den endsilben erhalten hätte {-ä- als -(i^- oder -^''-), dürfte von 
vorne herein auf grund der im germ. öfters zu tage tretenden 
abweichenden behandlung desselben lautes in den end- und 
den Wurzelsilben an sich nicht für unmöglich gelten. Andrer- 
seits aber wäre auch wegen des got. -ß(-) = europ -4- und 
-£- die berechtigung der annähme einer völlig gleichen ent- 
wicklung des ä in beiderlei silben von vorn herein nicht in 
abrede zu stellen. Eine entscheidung Hesse sich hier nur für 
den fall erzielen, dass es gelänge die genesis der wcstgerm. 
vocale mit der einen oder mit der andren hypothese in ein- 
klang zu bringen. Dieses aber ist, wenigstens nach meiner 
Prüfung, unmöglich was die ä°- (o"-) und ö-theorie betrifft: es 
stellen sich solcher annähme gänzlich unlösbare, resp. nur mit 
hilfe willkürlicher hypothesen zu beseitigende Schwierigkeiten 



GRAMMATISCHES. 273 

in den weg. Hingegen verträgt sich die annähme eines ein- 
heitlichen *'d', wie ich im folgenden darziitun hoffe, ganz gut 
mit der deutung des betreffenden wgerm. lautstandes. 

Nach Pauls grundlegenden ausführungen (s. diese Beitr. 
4, 343 ff. und 372) ist dem wgerm. -a (-4) gegenüber -e {-€e) 
(beides got -ä(-) entsprechend) unbedingt die priorität zuzuer- 
kennen, und gilt dasselbe für wgerm. -o(-) gegenüber -a (eben- 
falls beides = got. •d[-]). Bei der annähme eines einheitlichen 
urgerm. *-ö- müsste also von den wgerm. reflexen dieses vocals 
hinsichtlich der quäl i tat 

-o(-) (-Ö-) für den ungeschwächten, 

-a(-) {-&-) für den primär geschwächten, 

-e (-^) für den secundär geschwächten laut gelten. 

Nun haben die gotischem -6s entsprechenden wgerm. en- 
dungen mit -s oder -r normales -o- {-o-) bez. -a-, während die 
gotischem -ds entsprechenden wgerm. suffixe, deren schluss- 
consonant apokope erlitten hatte, in der regel -a (-4) bez. 
-e (-/z?) lauten: 

nom. acc. pl. der o-substantiva: as. -os, ags. -o^, aofr. 
'ar\ die 2. sg. praes. ind. der 2. schw. kl.: ahd. 'ds{t\ as. aonfrk. 
'OSj ags. afr. -ast (für *'a$)\ die 2. sg. praes. opt. der nämlichen 
verba: ahd. -ds{t)y as. -os (man beachte auch die 2. sg. praet. 
ind.: ahd. 'ds{t\ as. aonfrk. -os < *-& für ♦-^*); 

nom. acc. pl. der o-substantiva: ahd. aonfrk. -o, as. (Freck. 
heb., Ess. heb., Hom., Oxf. gl.) -a; nom. acc pl. der ^substantiva: 
ahd. -^1), as. aonfrk. -a, ags. (in den ältesten quellen) -oe (Beitr. 
8, 325); nom. -acc. pl. fem. der st. adj.-flexion: as. aonfrk. -a 
(ags. afr. -e^ sind selbstverständlich nicht beweisend); gen. sg. 
der ^-snbstantiva: ahd. as. -a (im aonfrk. begegnet nur unur- 
sprUngliches heribergo Gl. L. 567; man vgl. aber die dative 
ertha Ps. 72, 9, stimma Ps. 67, 35, etc.), ags. -e (-öp), afr. -e^); gen. 



1) Ans diesem -ä gebt hervor, dass die primäre qualitative schwä- 
cbang des -o älter ist als die quaDtitative (vgl. auch Beitr. 4, 348). Für 
die erhaltnng der länge ist hier wol das bestreben, den plur. vom sing, 
zu unterscheiden, verantwortlich zu machen. Das seltene -ä des pl. masc. 
(Beitr. 2, 135) dürfte als analogiebildung nach dem masc. zu fassen sein. 

>) Hinsichtlich dieses und der folgenden afr. -e sei bemerkt, dass 
der laut in der historischen periode nicht mehr als -e, sondern als -p ge- 
sprochen wurde. 

Beltrftge lor gMohlobta der deatMhan ipzaohe. XVIL ]S 



274 VAK HELTEK 

Bg. fem. der st adj.-flexion: ahd. as. -era (im aoDfrk. begegnet 
nur -ero Ps. 57, 5. 67, 14; man vgl. aber die dative -era, -ora 
Ps. 62, 2. Gl. L. 306), ags. '{e)re (north. -r(e\ afr. -{eye. 

Diese verschiedene behandlung hängt offenbar mit der er- 
haltung und der apokope des schlussconsonanten zusammen: 
in den dialekten welche überhaupt nur primäre Schwächung 
aufweisen, blieb der gmndvocal vor consonanten qualitativ 
intaet, erlitt aber sonst Schwächung; in den dialekten die in 
der überlieferten periode secundäre Schwächung zeigen, wurde 
der vor consonanten anfangs intaet erhaltene grundvocal 
*-o- zu -a-, erlitt also primäre schwächuug, während das ^-o, 
welches zuvor durch primäre Schwächung aus dem durch con- 
sonantapokope nicht gedeckten *'d hervorgegangen war, durch 
secundäre Schwächung in -e {-ce) übergieng. Folglich muss 
das ehemalige nach *-^ stehende -r (oder -z) in der periode 
geschwunden sein, wo sich die qualitative Schwächung zu ent- 
wickeln anfieng. 

Ausnahmen von dieser regel finden sich zwar: im nom. 
acc. pl. fem. der st. adj.-flexion hat das ahd. -o^), das ags. und 
und afr. -a neben zweideutigem -e; in demselben casus der 
^substantiva begegnet alem. (und fränk.) -o (Ahd. gr. § 207 
anm. 6) neben normalem ahd. -äj ein für älteres -w eingetre- 
tenes ags. -a (Sievers, Ags. gr. § 252 anm. 3) 2) und afr. -a 



1) Das selten für o begegnende -a (Ahd. gr. § 248 anm. 9) kann 
natürlich nicht — dem as. aonfrk. -a dieser casus sein; es ist offenbar 
als 'ä zn fassen und als solches auf gelegentliche entlehnung aus der 
subst.-flexion zuriickzufUhren. Vgl. das sporadisch im adject nom. acc. pl. 
m. Yorkommende -a (Ahd. gr. a. a. 0.), welches in den quellen auftre- 
tend^ die kein phonetisch aus -e entwickeltes -a aufweisen, ebenfalls aus 
der Bubst.-declination herzuleiten ist 

*) [Da die hier angezogene stelle Öfters so ausgelegt wird, als sei 
-a im ags. die jüngere, -es, -e die ältere endung, so möchte ich mir er- 
lauben darauf aufmerksam zu machen , dass es sich wohl eher um eine 
dialektische, als um eine chronologische Unterscheidung handelt. Im 
mercischen ist -e für alle zeiten fest geblieben: fiir das westsächs. fehlen 
gleich alte quellen oder belege; sie würden aber aller Wahrscheinlichkeit 
nach, wenn sie vorlägen, die endung -a zeigen, wie denn auch die älte- 
sten datierbaren kentischen texte bereits das -a haben, vgl. z. b. in den 
Urkunden bei Sweet, O.E.T. 440,40 (a. 805— 831) saula, 447, 12 (a. S35) 
tSearfa. Sollte nicht doch — trotz der abweichenden behandlung des 
gen. sg., der dunkel bleibt — ahd. alem. (und allgemein adjectivisches) -o 



QKAMMATISCHES. 275 

{-e, d. h. -p, ist hier jüngeren datums, also Schwächung des -a). 
Jedoch gestatten diese formen eine auf der hand liegende 
(kürzlich auch von Hirt in den Indog. forsch. 1,214 f. vorge- 
schlagene) erklärung. Altes aus urspr. proklitischem *pdz 
hervorgegangenes *p6 musste sich nach verlust des urspr. nicht 
proklitischen *pds und nach eintritt der qualitativen vocal- 
schwächung in der endsilbe in zwei formen spalten: in pro- 
klitisches *pä (woraus ahd. thia^) durch *peä, *pea oder durch 
*M *pea, vgl. Beitr. 16,288; as. thöT, s. ib. 290, und thia) und nicht 
proklitisches *pd (woraus ahd. theo, thio durch *ped, *peo, oder 
durch *po, "^peoj s. ib. 288; in der proklisis ags. Öa', afr. iha). 
(Man vgl. ahd. zwä, as. iwä als die urspr. mit schwachem ton, 
und ahd. zwo, as. iwd als die urspr. mit hauptton gesprochenen 
formen). Durch anlehnung an die urspr. nicht proklitische 
pronominalform konnte sich nun im vorahd. im nom. acc. pl. 
fem. der adj.-flexion neben lautgesetzlichem *'ä (woraus -a) 
ein *'6 (woraus -o) entwickeln (nach *p6) oder neben laut- 
gesetzlichem *-a ein *-o (nach *po); im vorags. und vorafr. 
entweder ein gleiches *-ß (woraus *-Ä, -o) oder *-o (woraus -a) 
oder, wenn die analogische genesis hier jüngeren datums war, 
ein (nach ba gebildetes) *-a, welches für lautgesetzliches *-öp 
eintrat. Nach dem muster dieser adjectivsuffixe entstanden 
dann die gleichen endungen der Substantivflexion. 

Der verschiedenen behandlung von ^-ds, *-ör (*-öz?) und 
*'d (aus *'dz) steht die wesentlich nicht verschiedene behand- 
lung gegenüber, welche die wgerm. reflexe vom urgerm. *-ö+ 
nasal (zum teil = got. -dm, -oma, -dna) und *-ö (zum teil = 
got. 'S) < *-ß" hinsichtlich der qualität aufweisen. In beiden 
fällen entsprechen hier ahd. -o- und -o, as. aonfrk. -o- und -o, 
ags. afr. -a- und -a: 

gen. pl.: ahd. -o, -ßno (-owo), -ero, as. aonfrk. -o, -ono^ 
{-ano etc.), -{e)ro\ nom. sg. m. der schwachen nomina: ahd. as. 



«== wsäcbs. koDt. -a die nrspr. circnmflectierte form des nom., gemeinabd. 
-a = merc -cb, -e die 'gestossene* form des acc. (vgl. lit. mergösimergäs) 
repräsentieren können? E. S.] 

Bei T nnd (Ahd. gr. § 287 anm. Ih). Der nom. acc. pl. fem. 
dhea Is., dea B (s. ib.) kann diesem thia entsprechen oder die ans dem 
masc. eingedrungene form sein (für dhea, dea nom. acc. pl. masc. in Is. 
und B s. ib. 0* 

18* 



276 VAN HELTEN 

aonfrk. -o; 1. sg. praes. opt. nach der 2. schwachen conjugation: 
ahd. as. -o (aonfrk. tvise 61. L. 104,4, Uke Ps. 55, 13 sind ana- 
logiebildungen); — dat.pl. nach der 6- und der n-declination: 
ahd. -dm, -dn, as. -on {-un stammt aus der o-flexion, s. Germ. 
31, 390 f.; aonfrk. -on dieses casus, wofür ausnahmsweise 
-tin, kommt nicht in betracht, weil es die aus den andren 
flexionsklassen entnommene endung -on, selten -t^n, für älteres 
-u^m sein kann); 1. sg. praes. ind. der 2. schwachen conjuga- 
tion: ahd. -om, -dn, as. aonfrk. -on; 1. pl. praes. ind. dieser 
conjugation: ahd. -^ (im aonfrk. ist die betreffende form nicht 
belegt); 1. pl. praes. opt derselben klasse: ahd. -öm^ -6n (aonfrk. 
nicht belegt); 3. pl. praes. opt. der nämlichen klasse: ahd. -tm, 
as. -an (aonfrk. bRthin, lovin, scamin, -an Ps. 69, 5. 68, 33 und 
35. 68,7. 69,3 sind analogiebildungen); inf. dieser flexion: 
ahd. 'öriy as. aonfrk. -on; 1. und 3. pl. des schwachen praet 
ind.: ahd. (alem. und bei Is.) -dm, -on; 

gen. pl.: ags. afr. -a, '{e)na, '{e)ra; nom. sg. m. der schwa- 
chen nomina: ags. afr. -a — (der dat. pl. der 6- und n-stämme 
kommt nicht in betracht; die reflexe der andren oben ver- 
zeichneten endungen fehlen im ags. und afr.); gen. dat. acc. 
sg. und nom. acc. pl. fem. der schwachen declination: ags. -an^ 
north, afr. -a, welche nicht als analogiebildungen nach der 
masculindeclination zu fassen sind (Beitr. 4, 370; 15, 463), son- 
dern als die lautgesetzlichen aus altem *'dn (dem urspr. suffix 
des gen. dat. sg. und nom. pl.) hervorgegangenen endungen zu 
gelten haben, die mit den aus *'on entstandenen sufGxen des 
masc. (Beitr. 15, 460 f.) zusammengefallen waren: einfaches ein- 
dringen der masculinen flexionsformen in das fem. würde sich 
zwar erklären als die consequenz einer formengleichheit, welche 
sich im plural in folge von zuvor im gen. und dat. dieses 
numerus entwickelter uniformität entwickelt hatte; wie Hesse 
sich aber bei solchem Vorgang die tatsacbe begreifen, dass den 
obliquen casus des sing, gegenüber der nom. sg. fem. conse- 
quent die alte endung erbalten hat?i) 

^) Desgleichen ist das as. -un des fem. nicht als analogiebildung 
(Beitr. 4, 370. 15, 463), sondern mit Behaghel (Germ. 31, 392) als die 
regelrechte fortsetzung von *-ün zu fassen, während hingegen die -on, 
-an desselben genns auf rechnung der vom masc. und (was den gen. dat. 
sg. betrifft) vom ntr. ausgeübten einwirkung stehen bleiben müssen. 



GRAMMATISCHES. 277 

Hieraus ergibt sich also die folgerung: zu der zeit wo sich 
die Schwächung des durch consonantapokope auslautend ge- 
wordenen *'d einstellte, wurde der auf *-ö + urspr. auslauten- 
den nasal zurückgehende laut, grade wie das *'d- vor nicht 
geschwundenem consonanten, vor Schwächung geschützt, und 
zwar durch einen factor, der, weil er kein voller consonant ge- 
wesen sein kann, als das nasalelement des nasalierten vocals 
anzusetzen ist; in den dialekten mit secundärer Schwächung 
wurde der urspr. intact erhaltene vocal in folge von primärer 
Schwächung durch *-d(-) zu -a(-), grade wie in *-6s, *-ör (oder 
*'dz) > -as, -ar (s. oben s. 274). 

Indessen finden sich auch hier fälle, welche beim ersten 
anblick zum zweifei an der richtigkeit des erschlossenen be- 
rechtigen könnten: die statt des zu erwartenden -o bez. -a 
begegnendem ahd. as. aonfrk. -a, ags. afr. -e im acc. sg. der 
subst., adject. und pronom. o-stämme und in der 1. sg. des 
schwachen praet. ind. Doch hält es nicht schwer diese wider- 
sprtlche unsrer regel als nur dem schein nach existierend dar- 
zutun. 

Der aus nasal + consonant hervorgegangene nasalklang 
schwand früher bei den kurzen vocalen als bei den langen. Man 
beachte got. gibö gen. pl. neben ftsk acc. sg., ahd. as. aonfrk. 
ftscOf ags. afr. fisca gen. pl. neben fisc acc. sg.: vorgot *geid 
neben *fiska (aus *get6^, *fiska^) hätte got. giba neben fish er- 
geben, und aus vorwgerm. *fiskd neben *fiska wäre historisches 
fisca resp. fisce neben fisc hervorgegangen; nur vorhistorisches 
*geid'^ neben *fiska erklärt die historischen flexionsformen 
(vgl. den nämlichen Vorgang im aslov., Germ. 17, 376). Dem- 
nach ist für das urgerm. in einer bestimmten periode als acc. 

Zu dem Beitr. 15,460 ff. ausgeführten sei hier UbrigeDS noch folgen- 
des bemerkt. Die Verteilung des -on und des -un im dat. acc. sg. und 
nom. acc. pl. maac. sowie im daf. sg. ntr. (Germ. 31, 891 f.) verbietet es, 
in dem -o- nnd dem -u- die wechselnden bezeichnnngen eines -uo- zu er- 
blicken; das '0' des normalen -on repräsentiert hier den aas -uo- ge- 
schwächten laut (vgl. das aonfrk. constante -o- dieser flexionsformen), 
das (mit ausnähme des nom. acc. pl.) seltene -un ist die ans dem fem. 
und (was den nom. acc. pl. angeht) aus dem ntr. eingedrungene endung. 

Die erhaltung des -u- (d. h. -«<>- < *'0' vor m) im as. pronom. dat. 
sg. masc. und neutr. und im dat pl. -un (-um) (wofür seltenes -on, -om) 
rührt offenbar von dem einfluss des labials her. 



278 VAN IIELTEN 

Bg. neben *fiska, *gasli, *ansii, *stmu, *tnatinu, *;^awöwM etc. 
*gei>d'^ anzusetzen, d.h. eine isolierte flexionsform, deren Um- 
änderung nach dem muster der anderen accusativen sing, 
kaum unterbleiben konnte. Aus solchem *get6 aber musste 
im got. giba (woneben heildhun mit geschütztem -^), im ahd. 
as. aonfrk. giba, geba, geva^ im ags. afr. g^efe, ieve hervor- 
gehn.^) In der flexion des starken adj. und der pronomina 
hätte der acc. sg. fem. auf *'6*^ zwar gewissermassen einen 
halt finden können an dem ^-an, *-and (s. Beitr. 15, 473 fiT.) des 
acc. sg. m., doch dürfte es mindestens ebenso begreiflich sein, 
wenn zu der zeit, wo sich beim subst. neben altem ^-o" des fem. 
*'d eingebürgert hatte, nach diesem muster auch beim adj. und 
pron. neben *-d'^ ein ^-ö in schwang gekommen wäre und in der 
folge, wie beim subst., die lautlich von haus aus berechtigte endung 
verdrängt hätte; also *anwo" > durch analogie *arm6 > *armä > 
got. artna (woneben noch ainöhuti mit geschütztem -ö-) ^), ahd. as. 
aonfrk. arma, ags. afr. earme, erme; *sid'*>*sid>*siä>*sia> 
durch contraction ahd. as. aonfrk. sia mit diphtbong; */t/o"> 
*hid>*hiä>*hia>*hie> durch contraction ags. hie (afr. hia 
erklärt sich aus dem umstand, dass in diesem dialekt die 
contraction noch vor der Schwächung des ^-a zu -e erfolgte 
durch anschluss an den diphthong ia); *pd^>*pd, das sich 
wie *pd aus *pdz (s. oben s. 275), in zwei formen spaltete, in 
proklitisches *pä (woraus as. thä", ahd. thea, dea, th'ia, dia, 
as. aonfrk. thia'^), s. Beitr. 16,290 und 288) und nicht prokli- 
tisches */»ö (woraus got. >ö, ags. öö", afr. tha). Auf das sufF. 
der adverbia mit altem ^-dm (aus *-dm acc. sg. fem. oder instr.? 
vgl. Kuhns zs. 23, 90 fr. Morph, unters. 1,271. Streitberg, Die 
germ. compar. s. 37. Brugm. Grdr. 2 § 275 und 276) konnte 
natürlich der erwähnte factor nicht einwirken; daher ahd. an. 
aonfrk. langoy ags. dearnunga etc. Für die deutung der endung 
in ags. afi\ lange, longe etc. ist zu vergleichen was Streitberg 



*) Diese deutung des got. giba, arma etc. hat gegenüber der nahe- 
zu allgemein acceptierten fassung des casus als urspr. noui. eineu eut- 
schiodenen vorzug, weil sie nicht wie letztere zur erbebung von be- 
denken auf grund von bändig bandja, si^ ija etc. berechtigt. 

'^) Es sei denn dass die alterierung durch -t!:- noch vor der primären 
Schwächung stattgefunden hätte, in welchem fall die entwicklungsreihe 
*p6, *pc6j *pcä, *pca^ thea gewesen wäre. 



OBAMMATISCHES. 279 

a. a. 0. über das nebeDeinandergehn von urgerm. adverbialen 
*-ö (aus -dt) und *-o" (aus *-dm) bemerkt hat (als stützen von 
S.'s fassung beachte man auch die lat. adverbia der art und 
und weise auf 'd(d) und -am). 

Für die 1. sg. des schwachen praet. ind. ist zunächst ein 
Vorgang ins äuge zu fassen, der in diesem tempus im an. gleich- 
sam vor unsren äugen stattfindet und fttr das vorgotische mit 
voller Sicherheit zu erschliessen ist, nämlich das durch die 
formengleichheit der 1. und 3. sg. des starken praet. ind. ver- 
anlasste eindringen der form der 3.3g. in die Lsg.; vgl. got 
sökida 1. sg. fttr ein bei rein phonetischer genesis zu erwar- 
tendes *sdkidd<*s8kit5d'^, neben lautgesetzlich entwickeltem 
sokida 3. sg. <*sdkiÖe<*sdkibep 0- Sodann aber ist für das 
abd., as. und aonfrk. zu beachten, dass das Verhältnis der en- 
dungsvocale, welches mit rücksicht auf an. -a, -er, -e im sing« 
des schwachen praet ind. und auf analoges europ. -o- in der 
1., '€(') in der 2. und 3. sg. der conjugation als das ursprüng- 
liche zu gelten hat, d. h. altes ^-ö- in der 1., altes *'$- in der 

2. und 3. sg. praet. ind., in den zuletzt erwähnten dialekten 
zerrüttet war: die 2. sg. hat hier einen altem *-^- entsprechenden 
vocal, abd. -os, as. aonfrk. -o^^), wonach auch fttr die 3. sg. 
die nämliche neubildung zu vermuten ist. Also statt *'ip oder 
*-(5 in letzterer person *'dp oder *-ö>(wie aus *'6 für *'dz) 
*'ä> ahd. as. aonfrk. -a; durch analogie, dem an. und got. 
congruent, in der 1. sg. -a fttr *-o oder eventuell schon *-4 für 
*-d, resp. *-3 für *-ö». Die betreffenden ags. endungen sind 
doppeldeutig: die -e (alt. -^) der 3. und 1. könnten den ahd. 
as. aonfrk. -a entsprechen und -est Hesse sich erklären als die 
folge von anlehnung an -e, grade wie das nur im M des Hei. 
begegnende -es neben häufigem -e dieser quelle fttr das -a der 

3. und 1. sg.; doch könnten auch -est und das -e der 3. sg. die 
regelrechten entsprechungen sein von altem *-ß^, *-^ (aus *-£p) 
(vgl Beitr. 9, 561. 16, 294). Für afr. -e ist dasselbe non liquet 



^) Ungeachtet Collitz' scbarfsinniger deutang des schwachen praet. 
glaube ich einstweilen an der alten vnlgatansicht festhalten zu müssen. 
Man beachte n. a. die 2. sg. ahd. -ids, as. aonfrk. -dos und den alem. pl. 
'tom (-tön), 'tot {'tönt), -tön, deren -o-, -ö-, auch wenn urgerm. *-ai = 
ahd. as. aonfrk. -a wäre, Collitz' theorie hinfällig machen würde. 

') lieber -tas und -ius im ahd., -das im as. s. Beitr. 9, 561 fussnote. 



280 VAN IIELTEN 

auszusprechen (die endung der 2. ist in den quellen gar nicht 
belegt). 

Von den übrigen f&r unsere Untersuchung in betracht kom- 
menden endungen begreifen sich -a, -e des acc. sg. masc. as. 
-a/ia, -ena, ags. '{e)ne (in den älteren quellen -wa?, Beitr. 8, 325), 
afr. '{e)ne, und des aofr. (hete nach dem Beitr. 15, 473 ff. 
ausgeführten als die reflexe von altem *'6j das entweder nach 
oder etwa schon vor der consonantischen apokope, jedenfalls 
aber nach der kürzung ursprünglich ungedeckter vocale an die 
pronominalform antrat. Für abd. -mo wird nach dem was 
oben betreffs des durch frühzeitige consonantapokope auslau- 
tend gewordenen *'d erkannt ist, die annähme einer alten 
ablativform auf *'mdt (s. Jellinek, Beitr. z. erkl. der germ. 
flex. s. 62 f. und Beitr. 16, 313 fussnote) hinfällig: letztere hätte 
-ma ergeben, und es empfiehlt sich demnach für das -o von 
-mo die Branne-Behaghelsche fassung (Beitr. 2, 158. Pauls Grundr. 
1,571 f.) gelten zu lassen, zumal wo constantes bez. schwan- 
kendes -TU neben constantem -mo sich ganz leicht erklärt als 
die folge einer einwirkung von selten des -u im dat. sg. fem. 
der substantivflexion.^) Hingegen lässt sich lautgesetzlich mit 
altem *'dt das sporadische ahd. -a des dat. sg. masc. ntr. 
(Beitr. 14, 109) vereinigen sowie auch das häufige as. -a der- 
selben casus (für welches dann keine analogische genesis, s. 
Beitr. 16, 291 fussnote, anzunehmen wäre). Als ausnahmen der 
lautgesetzlichen entwicklung verstehen sich ohne weiteres ahd. 
as. '0 in der 3. sg. praes. opt. der 2. schwachen conjugation 
(das aonfrk. hat hier wie in der 1. sg. analogisch entwickeltes 
-e: bede, rvone Ps. 65, 4. 68, 26) und ahd. as. aonfrk. -o im 
imper. sg. der nämlichen klasse. Eine ausführliche besprechung 
erfordern aber die wgerm. suflßxe des nom. sg. fem. und nom. 
acc. sg. ntr. nach der schwachen declination. 

Nach Möller in diesen Beitr. 7, 543 und Jellinek in dessen 
Beiträgen zur erklärung der germ. flexion s. 10 sollten ahd. 
as. aonfrk. -a, ags. afr. -e des schwachen nom. sg. fem. auf 
altes ^-en zurückgehn. Hinsichtlich der berechtigung dieser 



Auch 80 (vgl. Beitr. 16, 313 fussnote) möchte ich iDdessen an 
Schmidts -mu *'Zmd{i) sowie an einer chronologisch nicht verschiedenen 
behandlung des -t und -p (-9) bei der apokopierung festhalten. 



GRAMMATISCHES. 281 

hypothese sind wichtige bedenken zu erheben: erstens hält es 
schwer zu glauben, dass sich in einem paradigma> wo alle 
andren casus ein suffix mit *-ö- oder *-ä- (vgl. Beitr. 15, 463 ff.) 
hatten, im nom. sg. ein *'en festgesetzt hätte; zweitens ist die 
ehemalige existenz eines nom. sg. fem. *'d der n-declination 
zu erschliessen aus formen wie got. airpa neben ags. eorbe, 
ags. meord neben got. mizdOy ahd. im, halb neben an. visüy ags. 
wise, an. hal/a, ags. ialu, sagu neben an. tala, saga. Für die 
Vorgeschichte dieses *-6 nun wäre zweierlei behandlung denk- 
bar: die endung wurde entweder durch anlehnung an die obli- 
quen casus zu *'dn oder sie blieb vor der band intact. Ersteres 
ist fUr das vorgotische und vornordische anzunehmen auf grund 
von got. iungd und an. tunga. Nicht aber fQr das vorwestger- 
manische, denn altes ^-o?i hätte nach dem oben erörterten in 
historischer zeit wgerm. -o bez. -a ergeben. Demnach ist der 
wgerm. prototypus als *tungd i*lungd) anzusetzen, woraus 
*iu7ig{u)y das aber in der folge, vor oder nach der t<-apokope, 
von den casus auf *-öw(-) oder *-öw(-) (s. Beitr. 15, 463) beein- 
flusst und durch eine neubildung ersetzt werden konnte, für 
deren suffix a priori *'6n, *-Ä^i, *-ö oder *-ö zu vermuten 
wäre. Mit *tungdn und *iungün ständen die tiberlieferten for- 
men im Widerspruch. *Tungd mUsste aber regelrecht tunga, 
zunga bez. (unge (in den älteren ags. quellen auf -^, Beitr. 
8, 325) ergeben. Einem *-ü könnte allenfalls das -u des nom. 
sg. fem. der ags. schwach flectierten kurzsilbigen lufu, hosu, 
swiopu, nnccu etc. (Sievers, Gramm. § 278 anm. 1) entsprechen 
(deren endung schwerlich als die folge von analogiebildung 
nach der schwachen declination zu fassen ist, indem sich das 
starke und das schwache paradigma lautlich nur im gen. und 
dat. pl. bertlhrten); doch dürfte mit rttcksicht auf das unwahr- 
scheinliche einer verschiedenen analogischen entwicklung bei 
den kurz- und den langsilbigen eine andere annähme, d. h. die 
fassung des -u als residuum des *'U aus dem urtypus *-o, den 
Vorzug verdienen.*) 



>) [Hiergegen spricht jedoch der umstand, dass die ältesten texte 
auch bei den karzsilbigen ausschliesslich noch die endung -es, -e bieten, 
die erst später, and nicht einmal ganz, durch -u verdrängt wird (Beitr. 
9, 247 f.). E. S.] 



282 VAN UELTEN 

Für den wgerm. nom. acc. sg. wird von Möller (Beitr. 7, 
540) wie für den nom. sg. f. vorhistorisches *'£n postuliert 
Auch diese hypothese stösst auf bedenken: erstens weist die 
für ahd. -un des nom. acc. pl. ntr. feststehende urform ^-and 
(Beitr. 4, 370. 15, 463) durch das anorganische -o- entschieden 
auf ein ehemaliges *^-d(-) im nom. acc. sg. n. hin; zweitens ist 
die annähme einer ehemaligen formengleichheit des nom. sg. 
n. und nom. sg. m. unabweisbar wegen der berührung zwischen 
got. namd (lat. nomen) und wgerm. yiamo, nama, noma^ lat. 
seinen, lümen, (wfia und ahd. sämo, as. Homo, ahd. riomo, aslov. 
slemf und as. selmo, an. nyra ntr. und ahd. 7üoro (vgl Pauls 
Grundr. 1,389 f.). Auf grund der fQr den nom. sg. m. anzu- 
setzenden vorhistorischen endungen *-ön oder *'d (=» lat. -o in 
homd etc.) ist also fUr die endung welche im nom. acc. sg. n. 
auf veranlassung der formengleichheit im gen. dat. sg. \n, und 
n. für urspr. •-wn = idg. *-g eintrat, *-ön als möglich anzu- 
nehmen oder resp. *'d, welches später einerseits nach Vorgang 
des masc, andrerseits unter dem einfluss des nom. acc. pl. auf 
*'6nd zu *-&i wurde. Zwar hätte solches *-dn bei regelrechter 
entwicklung nicht die historischen wgerm. endungen ergeben, 
doch liegt die annähme nahe, dass hier ein der genesis des 
acc. sg. f. auf *-ö für *-o'* zu vergleichender entwickelungs- 
gang (s. oben s. 277 f.) vorgelegen habe: durch den abfall des 
nasalklanges im starken nom. acc. sg. n. ^-a'* geriet *-d" als 
neutrale endung in eine isolierte Stellung und konnte demzu- 
folge auf analogischem wege das " aufgeben; also augd^> 
durch analogie *aw^ö> ahd. ouga etc., ags. ea^e, afr. äge. 

Mit dem für das ags. afr. beobachteten Schicksal des altem 
*-ö- entsprechenden lautes vor Sj -r und " stimmt die beband- 
lung dieses vocals im an. übereiu: überall ein durch primäre 
Schwächung aus urspr. intact erhaltenem *-ö-, *-o" (im umor- 
dischen z. t. noch belegt als -ö, Pauls Grundr. 1, 491 f. § 172, 
4, 5 und 6. s. 516 § 231b), auch im schwachen nom. acc. sg. 
f. (vgl. Pauls Grundr. 490 § 170, 1). Hingegen findet sich vom 
ags. afr. -e abweichend an. (wn.) -a für auslautend gewordenes 
*-o in den praeteriten sera, rera, grera < ^sezö etc. (der reflex 
von urnord. -o im acc. sg. der pronominalflexion fehlt im 
an., 8. Beitr. 15, 480; das -a des imper. sg. der 2. schwa- 
chen conjugation hat selbstverständlich für die lautliche be- 



GRAMMATISCHES. 283 

handluDg keine beweiskraft; die 3. sg. praes. opt. der 2. 
schwachen klasse ist analogiebildung). Demnach ist es fraglich, 
ob das *'d'^ des acc. sg. f. der pronominalflexion und des nom. 
acc. sg. n. der schwachen nomina, wie im vorwestg., auf asso- 
ciativem wege das ^ einbüsste und so an. -a ergab, oder für 
dieses -a ungestörte entwicklung aus -^ö* anzunehmen ist, wie 
im gen. pl. -a < -ö'* (vgl. got. -ö im schwachen nom. acc sg. n. 
< '^-o'*). Und ebenso waltet auch Zweideutigkeit ob in betreff 
des adverbialen -a : aus *-ö'», wie got. -6 etc., oder aus *-ö für 
*-o/, wie ags. -ce etc.? 

Das got. stimmt mit dem ahd. as. und aonfrk. (iberein in 
der primären Schwächung des ungedeckten *'d, einem process, 
der hier nicht nur das durch consonantapokope auslautend ge- 
wordene oder relativ spät angetretene *-d trifft, sondern auch 
das '*3 welches von haus aus ungedeckt war und im vor* 
gotischen die für die andern dialekte feststehende kürzung zu 
'U nicht erlitten hatte: acc. sg. f. der ^-nomina (s. oben s. 278); 
acc. sg. m. der pronominalflexion -ana (Beitr. 15, 479); mena 
(Beitr. 16, 311 ff.) und -a im nom. sg. m. der schwachen flexion; 
woneben durch anlehnung erhaltenes -o im imper. sg. und der 
3. sg. praes. opt. der schwachen verba 2. klasse. 

Das gesammtresultat unsrer Untersuchung wäre also fol- 
gendes. Es sind, mit ausschluss des an., im altgerm. hin- 
sichtlich der nach der Wirkung des consonantischen auslaut- 
gesetzes eingetretenen qualitativen Schwächung des ^-o(-) zwei 
deutlich ausgeprägte stufen zu unterscheiden: 

eine gewissermassen conservative, mit primärer Schwäch- 
ung des in den auslaut getretenen vocals, neben erhaltung des 
durch consonant oder nasalelement gedeckten vocals ; auf dieser 
stufe stehen das got., das ahd., das as. (die vereinzelt auf- 
tretenden jüngeren -a(-) und -e für -o(-) und -a abgerechnet) 
und das aonfrk.; 

eine gewissermassen radicale, mit secundärer Schwächung 
des aus auslautendem *'d hervorgegangenen -a und primärer 
Schwächung des zur zeit der genesis des letzteren -a erhalten 
gebliebenen, durch consonant oder nasalelement gedeckten vo- 
cals; auf derselben stehen das ags. und das afr. (die vereinzelt 
auftretenden jüngeren -^(-) für -a(-) abgerechnet). 

Das an. nimmt mit seinem -a aus ungedecktem und au9 



284 VAN HELTEN 

gedecktem *'6{') eine absonderliche Stellung ein, die mit rück- 
sicht auf die anderwärts beobachtete schützende kraft eines 
consonanten oder des nasalelements schwerlich für die folge 
des umstandes zu gelten hat, dass die Schwächung zu gleicher 
zeit im absoluten auslaut und vor consonant bez. nasalelement 
stattfand, vielmehr darin ihre erklärung findet, dass die noch 
vor der Schwächung gedeckter *'d aus ungedeckten *'6 ent- 
wickelten *'ä mit ausnähme der kürzung keine weitere 
Schwächung erlitten haben. 

Anmerk. 1. Ob das vorwestg. auch einen schwachen nom. aoo. 
sg. n. auf *-d für *'Un gekannt hat, liess ich oben nnennittelt, weil mir 
die anhaltspnnkte znr entscheidnng, speciell die belege für eine vor- 
historische berUhrnng zwischen schwachen neutren nnd femininen fehlen, 
denn das fem. ags. heorte, afr. herte kann ja auch durch den znsammen- 
fall des -a bez. -e des fem. und ntr. entstanden sein. Als beweise für 
vorgot. *'ö im nom. acc. sg. n. (woraus *'dn durch anlehnung an den 
nom. acc pl. auf *'dnd) dürfen hingegen gelten : primo got hliuma, Stoma 
neben zd. sraoma^ aid. sthäma (vgl. Pauls Grundr. t,390}; secando wahr- 
scheinlich das ntr. kaumo als ursprünglicher nom. acc. pl (zu AratimX 
der irrtümlich als sing, aufgefasst wurde (unsicher ist die gfeichung 
'daurd in augadaurd acc sg. n. 2. Cor. tl, 88 = altem dual ^urd\ die 
form könnte verschrieben sein für -dauron, vgl. das vielfach belegte 
plur. tant. daurons zu * daurd = ahd. tura^ -un, aus gedachtem dual.^) 

Für vorwestg. *'d im nom. Hg. m. der schwachen declination (woraus 
*-dn durch anlehnung an den nom.pl. auf *-()mz) sprechen die vielfachen 
berührungen zwischen schwachen masculinen und femininen, wie z. b. 
ahd. rahho und ags. hracu, hrace, as. spado und ags. spadu, ahd. brunno^ 
ags. burna und ags. bumct ahd. stemo und got stairnd, ags. gealia und 
ahd. ga/la, ahd. biuomo, gidingo, giloubo, scincho, scoUo, scözo, sunno 
etc. und btuoma, gidinga, gilouba, scincha, scolia, scoza, sunna etc. (vgl. 
Pauls Grundr. 1,389 f.). 

Auch beachte man an. pkli, simi neben okla^ sima ntr. (vgl aid. 
slma und s. Noreen, Gramm. $817), an. vangi neben ahd. wanga^ ags. 
tvon^e ntr. (s. Pauls Grundr. ], 389), sowie an. müli, moskvi, fglski 
neben ahd. fem. müla^ mifscaf falarvisca (a. a. o.), als die Zeugnisse für 
ein gleichlautendes vornordisches snffix im nom. sg. m. und n. bez. im 
nom. sg. m. und f. (= *-()«? vgl. finn. mako = um. *magd mit *-d oder 
*-(?« aus*-ön, Pauls Grundr. 1,494.)«) 



1) Dem auch andrerseits das ntr. got. daur, as. dor, ahd. tor und 
vielleicht auch ags. duru die existenz verdanken. 

*) Die richtigkeit von Noreens fassung dieses *'dn als prototypus 
von um. -d (-4" ?) möchte ich indessen mit rUcksicht auf ^ati^t^o, t<7or€^^ 
etc. (mit -^••?) u. dgl. bezweifeln. Wie dem aber sei, jedenfalls dürften 
sowohl die oben erwähnten doppelformen als auch der umstand, dass 



GRAMMATISCHES. 285 

An merk. 2. Die neuerdings von Hirt, Indog. forsch. 1, 195 ff. vor- 
gebrachte theorie Über den einflass einer ehemaligen gestossenen bez. 
schleifenden beton nng auf die behau dlung urgerm. langer vocale in den 
endsilben empfiehlt sich nicht wegen der reihe vermuteter grundformen, 
welche diese annähme zu erfordern scheint. Gegenüber (s. ebenda 204 ff.) 
ahd. gebüy ags. ^tV/)p etc. : xt/jii^v; ahd. zunga, ags. tunge etc. : dijöwv\ 
got. giboj ahd. iago, ags. daga etc. : ^6cJv (und got dagS:*'en)\ got. 
iuggd, wato, ahd. hano, ags. hana : lit. akmiT, vandtT, sowie den auf s. 
208 B a, b, c, d und s. 211 § 23 B erwähnten -{ü) : *'ö, -(t) : -l stehen die 
z. t. schwach, z. t. gar nicht begründeten, z. t. unmöglichen postulate 
*bandjen =^ got. handja\ noi/ai^v : got. hana, an. hani (man vgl. das oben 
über die endung dieser flexionsformen bemerkte und beachte neben 
notfir^v got. mena^^mind für mind/>)\ *x(ißt'n (mit secundärer personal- 
endung !)==>- got. haba; *dagen ^^^ got daga, ags. dcp^e (also mit -e fUr 
umlautbewirkendes -r^*-?n!); *-ön, *'dm (gestossen ?)=^-a, -e in herza, 6age 
etc., ahd. neriia, ags. nerede etc., ags. hearde etc.; *'di (prototype von 
-cue?) der adverbia: got. -^, ahd. as. -o, ags. -a; *-o(0 (?)=*• -^ in hraprd 
etc.; *-^(0(?)=* -^ in Ärarfre etc.; *-? (gestoss. ?) ^ got. -a, an. i- in 
nasida, safnatfi etc.; '^'^ti^Arrfi (gestoss. ?):::>> ahd. swigar. Ausserdem be- 
achte die sich schwerlich nach der a. a. o. 22. 213 vorgeschlagenen fassung 
erklärenden Widersprüche: got. ittggo gegen ahd. zunga etc., got gibos 
gen. sg. und nom. acc. pl. gegen ahd. geba, gebä etc., got. dagds gegen 
ahd. iagä etc. 

Zu Hirts satz : auslautendes -at blieb in einem bestimmten falle er- 
halten (a. a. o. s. 199 ff.), sei bemerkt, dass es nicht einzusehen ist, warum 
altes *watd bez. *wotdn nicht zu *walon hätte werden künnen (^^ got 
waid)'^ dass der übertritt von *ne/'d, *mend in die schwache flexion sich 
für das wgerm. ganz gut begreift als die folge der formalen ähnlichkeit 
dieses isolierten nom. sg. m. *-o und des *'d* im schwachen nom. sg. 
m.; dass nach Streitbergs recht plausibler deutung der adverbialendung 
'd, -pro (Compar. s. 37) diese suffixe schwerlich als die beweise gelten 
dürfen für das unzulässige der vulgatansicht über die behandlnng von 
auslaut. *-ö. 

XIX. Zur geschichte des -att(-) im altgerm. 
Was in XVIII über die Schicksale des alten *'d{') ermittelt 
wurde, ermöglicht auch einen richtigen einblick in den wgerm. 
entwicklungsgang des *-5(-) aus *-««(-) = got. -aw(-). Während 

das urn. im schwachen nom. sg. m. constantes -ä (oder -ä*^) hat, die be- 
rechtigung, für diesen casus altes *'en zu postulieren, in frage stellen 
(demnach wäre auch für an. nefi, mdni, s. Beitr. 16, 313, die annähme 
eines ^nefep, *menep nicht geboten). 

Bei der gleichung (Indog. forsch., anz. l,32)germ. -dm (s?) = mn. 
-a (wiwila, tawida) = altn. -e, -i (hani, idtSi), germ. -öm = run. -o (run. acc. 
sg. runo, worahto u. s. w.) = aitn. -a (Idtia) ist übersehen worden, dass 
die normale endung für die 3. sg. im omord. -e war. 



286 VAN HELTEN 

erstereSy wenn es durch apokope in den auslaut trat^ zu -a (-ä) 
bez. -e {'ce) wurde, erfuhr letzteres, wenn es von haus aus 
oder durch apokope auslautete, die nämliche behandlung wie 
das zeitweise durch den nasalklang oder -s, -r geschützte alte 
*-d'y d. h. es ergab ahd. -o (und -ö?), as. -o, ags, afr. -o (die ein- 
schlägigen formen sind im aonfrk. nicht belegt). Vgl.: 

nom. acc. pl. der t^-substantiva ags. suna, dura, honda, aofr. 
apostola, suna, freiha (Aofr. gr. § 179* und 181) aus ^sunau etc. 
für *sunawiz (Beitr. 16,314); gen. sg. derselben deelination abd. 
/ridoo (einmal belegt, Beitr. 1,440; Schreibfehler?), -o, eiS. stmo, 
ags. suna, wuda, dura, honda, aofr. suna, fretha, awfr. ferda 
neben ^Qi.sunaus\ dat. sg. dieser k lasse ags. suna, wuda, dura, 
honda, felda, forda etc., aofr. suna^ fretha, honda, felda, ongosta, 
forda, awfr. fielda, freda, ferda ^) neben got. sunau\ ahd. as, 
ahto, ags. eahia, aofr. achta neben got ahtau\ ahd. eddo, odo^ 
as. eftho Hei. C 27. 28. 45, CM 223, M 1422. 1542. 1664. 4289. 
4399, ettho Hcl. M 1329. 1661. 1664. 1696. 1721. 1830, ohtho 
ib. 3629. Greg. Hom. (nach Gall6e, Alts. gr. § 31), north. etStSa, 
oöba, merc. (?) eöba, eba, oöba (Beitr. 4, 376. 6, 258), aofr. ieftha, 
ioflha, awfr. iefta, oftha, ofta neben got. aippau. 

In den dialekten welche überhaupt nur primäre qualitative 
Schwächung aufweisen, war also zu der zeit wo sich dieser 
lautprocess einstellte, der altem auslautendem oder auslautend 
gewordenem "^-au entsprechende laut noch verschieden von 
altem auslautend gewordenem *'6, es sei, was ich einstweilen 
unentschieden lasse, weil die contraction noch nicht erfolgt 
war oder weil die Qualität des contractionsvocals eine andere 
war als die des alten *'6 (ersterer *-6^, letzterer *-d*'?). In 
den dialekten wo sich auch secundäre Schwächung entwickelt 
hat, war zur zeit der primären Schwächung derselbe unterschied 
vorhanden; erst später änderte sich hier die Qualität des 
contractionsvocals in der art, dass derselbe mit dem aus ^-6", 
*'ds, *'dr, (*-öz) hervorgegangenen laut zusammenfiel und wie 
letzterer zu -a wurde ungefähr zu der zeit wo das durch primäre 
Schwächung entstandene -a in -e {-ce) übergieng. (Für die dia- 
lekte ersterer kategoiie ist demgemäss auch phonetischer zu- 
sammenfall der beiden *-ö resp. -o zu vermuten). 



^) Von den afr. formen sind einige zum teil oder ganz in die schw. 
flexion übergetreten (Beiti*. 15, 481). " 



GRAMMATISCHES. 287 

Dem -a im ahd. oda (Graff 1, 147), ap. efiha H£I. C passim, 
M 1742. 2392. 2393. 2434. 2876. 3941. 4143. 4424. 4427. 5007. 
5011. 5069, etlha Hgl. M 1484. 1530. 1548. 1750. 2608. 3408, 
und dem -e im ags. north, (aueb mere.?) obbe (Ueitr. 6,258) 
kann also nicht *'au zu gründe liegen : die vocale müssen auf 
*'d zurückgehen, m. a. w. es ist hier das zweite compositions- 
element als *pd mit der bedeutung 'dann' zu fassen = ahd. 
thö, dö, as. ihd < *J?6t = aid. täd >) (vgl. wegen der erwähnten 
bedeutung ahd. do dann, sodann, Graff 5, 67). Im aofr. iefie 
E^E. Sgr. und ieft (Gramm. § 82 d), aofr. ofie, oft, ieft können 
'ie und -/ auf *'pd oder auf ^-pau beruhen, denn statt -a findet 
sich in den jüngeren aofr. und in den awfr. quellen auch -e 
(d. h. -p) oder (in enkl. formen) sogar apokope (vgl. fUr das 
aofr. Gramm. § 59). As. ofthe (Prud.-gl. 93) erklärt sich aus 
anlehnung an die partikel the oder. 

Das -e des as. neben ahto Freck. heb. und H£l. be- 
gegnenden ahte Freck. heb. und Ess. heb. ist nicht als die 
regelrechte fortsetzung von *ahiau zu fassen. Es erfordert 
eine andere, mir übrigens noch dunkle erklärung. 

Für das -a des ahd. wüla (Beitr. 4, 380) gewinnen wir durch 
das oben erschlossene wenigstens so viel, dass die Unmöglich- 
keit, dasselbe auf ^-au zurückzuführen, als feststehend zu 
gelten hat. 

Die in Beitr. 15, 472 vorgeschlagene deutung von as. wUa 
aus "^witau < *witowe wird jetzt ebenfalls hinfällig; es ist, wie 
sich schon ohnehin mehr empfehlen dürfte, in wUa eine unter 
dem einfluss der interj. rvola age, agite, entstandene Umformung 
des nicht mehr als verb. empfundenen *wiium, -un (= ags. 
wuion) zu erblicken. Wegen as. rvola age vgl. Ps.-comm. 62 
^Wola thu droht in ülhlidi mik an ihxnemo rehte. thuru nünafian- 
da ... rvola thu drohtin gereko r/An Ixf tiu>te thineru hSderun 
gesihti/ 

Wegen as. lusta s. unten s. 298 fussnote 2. 

An. -a(-) < *-««(-) in sunar, handar, dtta, et5a, gefa (vgl. 
Pauls Grundr. 1,516 § 232), gcefa steht auf einer linie mit ags. 
afr. -a < *-aw(-); vgl. an. -a, -ar und ags. afr. -a, -cw, -ar < 
*-o», *-ß^, *-«r (*-dz). 



^) Pauls gleichung ah(La^Y/i^, doy ags. M = got. />ati (Beitr. 4, 384) 
ist zu verwerfen wegeo^jofifi^. thuo, mbd. duo, mnl. doe (gespr. du9). 




/ 



288 VAN KELTEN 

XX. Ueber die erhaltung des -u in 
drei- und viersilbigen formen im abd., as. und aonfrk. 

Bekanntlicb gibt es im abd., as. und aonfrk. eine bedeu- 
tende zahl formenkategorien, deren -u dem bisher allgemein für 
die u-apokope angenommenen gesetz zum trotz nicht ge- 
schwunden ist und nach der vulgatansicht als die folge von 
associativer neubildung oder erhaltung zu gelten habe. In 
einzelnen ßlllen nun könnte man sich zur not mit dieser fassung 
zufrieden geben. In den meisten jedoch hält dies schwer, in- 
dem die muster welche die analogische behandlung veranlasst 
haben sollten, entweder gänzlich fehlen oder dermassen in der 
minorität stehen, dass gerade die umgekehrte entwickelung zu 
erwarten wäre. Demnach empfiehlt es sich, den versuch zu 
machen, auf andrem wege zu einer mehr befriedigenden deu- 
tung zu gelangen; und, wie ich glaube, ist die erreichung 
dieses ziels nicht unmöglich, wenn man Sievers' regel für das 
ags. 'II der dreisilbigen formen (Gramm. § 135) und die aus 
licgendu etc. nom. sg. fem. und nom. acc. pl. ntr. (fttr licgendiu 
etc.) ^) zu erschliessende behandlung der viersilbigen auch fUr 
die anfangs erwähnten dialekte gelten lässt, also von der 
thesis ausgeht: mit ausnähme der fälle wo die annähme 
von analogischer einwirkung auf der band liegt, blieb 
-u im ahd., as. und aonfrk. in dreisilbigen Wörtern nach 
langer Wurzel- und kurzer tonloser mittelsilbe, in vier- 
silbigen nach kurzer (tonloser) paenultima erhalten.^) 
Das eine und das andre zu begründen wird die aufgäbe dieses 



') Vgl. einerseits y feine, ^otnelra für *t/fiiane, *gömelerä, andrer- 
seits heafodu, toerod für *hiafodü, *rvthrddu, 

*) [Seit einer reibe von jähren fasse ich die zuerst Beitr. 5, 138 ff. auf- 
gestellte regel vielmehr so: urspr. -u bleibt unmittelbar nach 
kurzer betonter (haupt- oder nebentoniger) silbe, schwindet 
aber nach langer (haupt- oder nebentoniger) und nach unbetonter silbe. 
Es heisst also ags. dryhtticu^ ldngsümu\ uletenu, heafodu, häle^u; /(egitu; 
urags. *rici-u, *i{cgendi'U, *slr^n^ipu etc. (histor. ricu, licgendu, streng' 
pu etc.) nach derselben regel, welche formen wie gifu, z^^du, faiu er- 
klärt. In formen wie *rici-u, *strengipu fiel das i später infolge secun- 
därer accentverschiebung aus; der Vorgang bei riciu :^ riciu ^^ ricu ist 
nicht auffallender als die ganz entsprechende entwicklung des ahd. obd. 






GRAMMATISCnES. 289 

aufsatzes sein. Bevor wir indesBen zur musteruDg der einzelnen 
einschlägigen fälle schreiten, ist es geboten, einen für die Ver- 
wertung von Sievers* gesetz äusserst wichtigen, in letzter zeit 
mehrfach angefochtenen satz zur spräche zu bringen. 

Dass die regel im allgemeinen das richtige trifft, dafttr 
sprechen nun einmal die facta, deren beweiskraft von Jellinek 
(Beitr. z. erkl. d. germ. flex. s. 47) ohne genügenden grund be- 
anstandet wird, denn seine fassung heafodu < *hiafod < *hea' 
fodu wird hinfällig durch die norm recedy tverod : heaf{p)du, 
nietenu im nom. acc. pl. ntr,, monig, coren : häl{i)gu im nom. sg. 
fem. und nom. acc. pl. ntr., und der deutungsversuch *streng% 
> *strengWi > *strengbi > *strengt5i > *^irengbe > strengtSu 
dürfte schwerlich beifall finden. Nicht so günstig jedoch scheint 
es zu stehn um den satz, dass auch bei den betreffenden formen 
der langsilbigen stamme mit idg. -fo- dasselbe princip zu be- 
obachten sei als die folge einer Spaltung der alten endung in 
'ia- {'iO') und -ja- {-jo-). Zwar wären dem von Kluge (Pauls 
Grundr. 1, 333) gegen -ia- vorgebrachten die fragen entgegen- 
zuhalten: weshalb pridja mit iriiya und nicht mit tertivs 
identisch sein müsse und warum für die synkope des p (oder 
/*?) im prototypus von nipja-^ und für die genesis von nn aus 
nd in synti etc. absolut ein folgendes j verantwortlich zu machen 
sei? Aber eine nicht abzuleugnende tatsache ist es, dass rice 
gegenüber cynn, sibb in der Beitr. 5, 132 ff. vorgeschlagenen 
weise nicht mehr als stütze für die in rede stehende annähme 
zu verwerten ist (s. Beitr. 12, 539 anm. 14, 184 anm. 1); und auch 
die im Zusammenhang mit letzterer fassung für hairdeis an- 
genommene entwickelung aus *herbüz (Beitr. 5, 129) dürfte 
vielleicht jetzt (vgl. Beitr. 16, 281) nicht mehr aufrecht zu er- 
halten sein. Indessen sind wir dennoch m. e. nicht genötigt, 
Sievers' theorie aufzugeben, denn die richtigkeit derselben er- 
gibt sich für das westg. aus der folgenden erwägung: 

so lange kein stringenter beweis für die ehemalige exiatenz 
eines nom. acc. sg. masc. und ntr. der lo-stämme auf *-fs, *'fm 



plinliu (nach diu, vgl. besonderB bei-diu) :^ fränk. blintiu, blintu (und b^- 
diu, beidu). Die DotweDdigkeit, betonungen wie Mafodu, häligu anzu- 
setzen, folgt aus der nichtsynkope der mittelvocale dieser formen im 
gegen satz zu lUafda, hälzvm etc. (Zeuner, Eent. ps. 65 f.) E. S.] 

Beiträge zur geMhiohU dar deattolieii spraohe. XVII. 19 



290 VAN HELTEN 

geliefert ist (Beitr. 16, 280 ff.) ^\ ist es angezeigt, für die deutung 
dieser casus von urgerm. formen mit *-o- > *-a- im suflBx 
auszugehn ; 

wenn sowohl die prototypen mit langer als die mit kurzer 
Wurzelsilbe im urgerm. das suffix -ja- gehabt hätten, wären die 
beiderlei formen, was die Schwächung oder kürzung der endung 
betrifft, der gleichen behandlung ausgesetzt gewesen, d. h. es 
wären aus *sagja, *babja, *x^^J^f ^rikja die formen *se^ 
{*saii), *bebi (*baÖi) > *secgi {sacgi), *beddi {*baddi) neben 
*hirt5i, ^riki, ags. *secge, *bedde neben hierde, rice, as. *seggi, 
*beddi neben hirdi, riki hervorgegangen oder eventuell ags. 
secg, bedd neben *hierd, *ric, as. segg, bed neben *hird, *rik\ 

dieweil dieses aber nicht der fall und die endung der 
kurzsilbigen anerkanntermassen auf -Ja- zurückgeht, kann die 
abweichende behandlung nur mit einer Verschiedenheit der 
Suffixgestalt in Zusammenhang stehn, m. a. w. muss die endung 
letzterer, da tertium non datur, mit -t- gesprochen worden sein.^) 

Wenden wir uns jetzt nach dieser notwendigen absch weifung 

[») Vgl. jetzt auch Beitr. 16, 567 f. E. SJ 

') Zar näheren begründung der Beitr. 16, 273 f. vorgetragenen thcorio 
sei es mir gestattet hier noch folgendes zu bemerken: 

die fassung von ags. sec;^, bed, as. segg, bed als analugiebildangen 
aus *sec^i {*sac^i)f *beddi {*baddi) ist auf grund von as. beddiu, fleitic 
etc. neben bed, fiel etc. a limine abzuweisen (a. a. o. s. 272); demnach 
muss das -i von *seczi {*sacgi), *beddi (*baddi) auf lautgesetzlichem 
wege geschwunden sein; 

als das -i von *seczi abfiel, blieb, wie aus ags. hierde, rice, as. 
hirdi, riki hervorgeht, bei den langsilbigen das -t erhalten : ein umstand, 
der entschieden auf die gleichzeitigkeit eines *sec^i {^sacgi), *beddi 
Cbaddi) und *x^rt(i' (event *hir75i' oder ♦Aw'rff-) + voc, *ri/ri + voe. hin- 
weist ; 

dieser voc. kann mit rUcksicht auf *secgi etc. nicht als -a angesetzt 
werden, denn abfall oder Schwächung von *-a in zweiter silbe neben er- 
haltung dieses vocals in dritter silbe stände mit dem bis jetzt erkannten 
Charakter der vocalischen apokope im widersprach; 

es bleibt also nur die möglichkeit eines *xirt!fi' etc., *riki- 4- «'' '^ *-a; 

zu der zeit aber, wo es noch ein *xirtfi9etc,j *r\ki9 gab, kann apokope 
des -9 nicht als der factor der genesis von ♦^^jt {*sazi)f *betfi (*batfi) 
gewaltet haben. 

Einen einwand gegen die a. a. o. s. 275 ff. vorgeschlagene theorie 
über die consonantendehnung vor j könnte man vielleicht erheben auf 
grund der formen mit doppelconsonanten nach langer tonsilbe (s. Beiträge 



GRAMMATISCHES. 29 1 

zur prüfuDg der ahd., as. und aonfrk. fälle, für welche die oben 
über die erhaltung des -u aufgestellte regel in betracht kommt. 

Das 'U im dat. sg. der 6-^ iö- und y^-substantiva. Die zahl 
der kurzsilbigen dstämme, wo sich die endung nach der vulgat- 
ansicht lautgesetzlich erhalten hätte, ist nicht sonderlich gross 
(vgl. die Verzeichnisse in 6r. Gramm. 1,617 und 634, sowie 
Cosijn, Oudnl. ps., ä- en jd- stammen), ja sogar verschwindend 
klein im Verhältnis zu der erdrückenden majorität der lang- 
silbigen ö' und der id-, yd- stamme; herstellung des -u bei den 
letzteren nach der analogie des ersteren wäre unbegreiflich. 
Hingegen erklärt sich die entwicklung der historischen formen 
ganz gut aus dem Verhältnis: ahd. gebu, beiu etc., spdhidu, sal- 
bidhu etc., minniu, bhtbiu, *suntiu (woraus suntu) etc., as. gebu, 
bedu, ahu etc., diurbu, mdr&u etc., minniu, stemniu etc. als rein 
phonetisch entwickelte formen neben ahd. slahtu, 6ru etc., chebiso, 
ahtnngo etc., helliu, *sippiu, *crippiu, *maginniu (woraus sippu, 
crippu, maginnu) etc., as. bäru, qtutlu, foldu etc., ebbiungu etc., 
helliu, relhiu, fastunniu, rvöstinniu etc. (wegen reste der alten 
form auf -i s. Beiträge 16, 279 fussnote, sowie as. wdsiunni Hei. 
M 800. S64. 935. 2503, MC 2812 neben rvöstinniu C 860. 864). 
Die aonfrk. quellen haben nur einen dat. auf -u: saiethu 61. 779 
(1. selethu). 

Was über diesen dat. bemerkt ist, gilt auch fUr den 
instr. 8g. des adjectivs: in anbetracht der geringen zahl der 
kurzsilbigen (vgl. für das ahd. Gr. Gramm. 1, 724, für das 
as. die in unsern quellen belegten bar, dol, gram, hol, -hwat, 



7, 109 iT. und Pauls Grundr. 1, 367): nach meiner fassung fiele die dehnung 
in die Periode wo die Spaltung in -ia- und -ja- noch vorhanden war, und 
wäre demgemäss rein phonetische genesis eines gedehnten consonanten 
nach langer silbe ein gradezu unbegreiflicher Vorgang, wenn man nicht 
die wenig plausible annähme gelten lassen wollte, dass sich nach dem 
Übergang des sonantischen -t- vor vocal in -j- noch eine zweite lautliche 
dehnung eingestellt hätte. Aber was, möchte ich fragen, zwingt uns, 
das 'tt{j)-f -ggijy etc. der langsilbigen auf die rechnung einer allgemeinen 
phonetischen entwickelung zu schreiben, deren folgen später bis auf 
einige dürftige reste geschwunden wären? Liegt es hier mit rUcksicht 
auf die verein zelten falle nicht viel näher, an einen Vorgang zu denken, 
der erst zu der zeit wo das alte -i- zu -j- geworden war, auf analogischem 
wege stattfand, indem sich nach dem muster von -ttj-, -ggj- etc. (neben 
-/}(-), -jt(-) etc.) der kurzsilbigen sporadisch bei den langsilbigen aus 

-(/-, 'Zj' etc. (neben -ri(-), 'ZK')) ei"» '^^h '99 j' bildete? 

19* 



292 VAN HELTEN 

quik, lat^ sod, smaly stim, tvan^ war nebst den nach dem mnd. 
anzusetzenden *frum, *glad, *hrad, *nat, *slap, *tam, *flak) 
könnte man nach der bisher acceptierten fassung das -u im 
gedachten casus höchstens bei diesen stammen erwarten; dass 
sich dasselbe tiberall findet, ist offenbar wider die folge von 
anlehnung nicht nur an formen wie *gramu, *holu etc., sondern 
auch an solche wie ahd. eigenu^ heilegu, *hreiniu etc., as. ifiigu^ 
db{d)ru, mildiu etc. Die Lips. gl. haben einen instr. auf -u, lu- 
den (mfrk.) 651; sonst begegnet die endung -a in rechta Kar. 
ps. 2, 12, nnna ib. 65, 14. 

Auch bei den Substantiven wären die instrumentale der 
nicht grade zahlreichen kurzsilbigen ahd. *grabu, as. klWu u. dgl. 
schwerlich im stände gewesen, die Verallgemeinerung eines 
bei den lang- und mehrsilbigen der apokope verfallenen -u zu 
erwirken ; auch hier aber wird der historische stand der formen 
begi'eiflich durch die annähme: ahd. kindu, fiuru, ubilu etc., 
bettu etc. nach *grabu, *gitvä(iu (woraus gitvälu), houbitu etc.; 
as. goldu, fingru, uiilUf webbiUy gitvittiu etc. nach klibu, biiidiu, 
mäkiUf hotdu etc.^) In den aonfrk. quellen begegnet kein 
instrum. des Substantivs. 

Als sichere zeugen für ein ehemals nach unserer regel er- 
haltenes -u im nom. acc. pl. ntr. der o- und io-substantiva finden 
sich sodann im ahd. die nachzügler ostfräuk. giwätiu, gibehüu, 
ftnstamessiu, alem. stucchiu, meremaymiu mit den analogic- 
bildungen ostfränk. cunn{i)u (fUr altes *cunni, Beitr. 16, 280) 
und alem. chindiiiu, chusseliu, orchussiu, eimberiu etc. (Ahd. gr. 
§ 198 anm. 5. 196 aum. 3), im as. die nachzügler nötüu beluas 
Prud. Pass. Rom. 333 «), ofligeso Freck. heb. 472 und 478, und 
die auf früheres ^rikiu hinweisende analogiebildung nettm. 
Sonst hat sich hier die form ohne flexionsendung festgesetzt: 
ahd. büidi, giwäti, rieht, houbit etc. und sogar tal, iohy grab etc. 
nach peiti^ chunni etc. (Beitr. 16,279), wort, iär^ legar etc.; as. 
bilibi, artidiy gisiuni etc. (für formen wie hd^id etc. fehlen mir die 

^) Im as. mid wädi Hdl. C 379 neben tnid wädiu M liegt keine 
apokopierte form eines io-Bt. vor: wädi ist dat. sg. fem. zu wäd {= ahd. 
wät, gen. dat. wäti)\ wädiu neubildung, wie brüdiu, idisiu M 298. 301. 274 
(vgl. unten s. 296 fussnote). 

') Das citat wurde mir freundlichst von meinem coUegen Gall^e 
mitgeteilt. 



GRAMMATISCHEM 293 

belege) nach muddi, netti etc., word^ n%f, tvater^ weder etc. 
(doch dalu, fatu, clithi etc.). Das aonfrk. hat ausser dale und 
den bildungen mit -?r nur unflectierte formen: rehnussi^ riki, 
hovit etc. und sogar gescot^ gebot wie cunnij kinty tvatir, uvel etc. 

In ähnlicher weise hat im as. nom. sg. fem. und nom. acc. 
pl. ntr. der starken adjectivdeclination die unflectierte form 
den sieg errungen: bei attributiver und bei prädicativer Ver- 
wendung im nom. sg. fem. neben hiüd, ihin, mikil etc. auch 
hilag, dbar etc. fttr *MlagUy Ht5aru etc. {anthSti etc. hat ana- 
logisch gebildetes -i, denn der urtypus auf *-% musste hier 
lautgesetzlich eine sufGxlose form ergeben), im nom. acc. pl. ntr. 
neben wreti^ min, manag^ mikil etc., auch hlödag, langsam, derti 
etc. für *bi6dagu, *langsamuj *dertiu etc.; doch finden sich noch 
vereinzelt im nom. pl. ntr. managu H61. M 1732, minu ib. 4348 
(neben sonstigen manag, min), die als archaismen auf einen 
ehemals weit über die einzelnen kurzsilbigen *gramu etc. sich 
verbreitenden gebrauch- des -u hinweisen (vgl. auch gramo n. 
pl. ntr. Hei. 5310, den einzigen beleg fttr die flexion der kurz- 
silbigen) und ausserdem als schlagender beweis fttr die auf- 
gestellte regel constantes bSthiti^ das in folge seiner Verwendung 
als Partikel («= ^beides zusammen') von dem t^-vemichtungs- 
process unberührt blieb (belege fttr die casus nach der jo- 
flexion fehlen). Im aonfrk. begegnen als nom. sg. f. al, giwt, 
mikil etc. und heilig, idil, undirthüdig etc. {tvösU etc.), als nom. 
acc. pl. ntr. nAn, ihin (statt deren häufiger sina, mina, alla, 
rehta etc. mit analogischem suffix). 

Das ahd. hat in den betreffenden casus neben den in prä- 
dicativer Stellung verwanten suffixlosen formen (und unursprüng- 
lichem nmosti etc.) attributive durch anlehnung an die flexion 
des demonstrativpronomens entwickelte formen auf -(f)u (fränk.) 
und diphthong. -m (obd.). Wie blint (oder * blind) n. sg. m. 
und n. a. sg. n. zu blintir, -az (oder *blindSr, -ai) wurde, 
konnten die suffixlosen nom. sg. f. blint (oder *blind\ manag 
etc. und *w6st aus *wdsti) etc. erweitert werden durch diph- 
thongisches -iu, wenn der associative process zu der zeit 
eintrat, wo thiu (vgl. Beitr. 16, 286) schon einsilbig gesprochen 
wurde, oder durch zweisilbiges -f|u, wenn die entlehnung zu 
der zeit stattfand, wo noch *pi \ u in schwang war. In letzterem 
fall aber war zweierlei möglich; es blieb in der folge, als *pi\u 



294 VAN HELTEN 

ZU thiu wurde, die adjectivendung als zweisilbiges -i|u erhalten, 
woraus später -u durch synkope des aus -<- hervorgegaDgenen 
halbvocals, oder es wurde das adjectivsuffix wie die pronominale 
form behandelt; auf ersterem wege entstand das fränk. {i)u, 
auf letzterem das obd. -iu, es sei denn, dass dieses (was weniger 
wahrscheinlich) als eine jüngere bildung direct auf contrahiertem 
thiu beruhe. FQr den n. a. pl. ntr. der oben gemeinten o-stämme 
gilt natürlich auch das für den n. sg. fem. bemerkte: zuerst 
regelrecht entwickelte suffixlose form, dann -(t)u bez. -iu; nicht 
aber für den n. a. pl. ntr. der to-stämme, dessen lautgesetzliches 
•i\u mit dem entlehnten -i\u zusammenfiel, also im fränk. zu- 
nächst keine änderung erlitt, im obd. aber durch einwirkung 
des einsilbigen thiu durch -iu ersetzt wurde. Die -{i)u bez. 
'iu im n. sg. f. und n. a. pl. ntr. der /o- stamme und der 6- 
Stämme, deren -u der regel gemäss erhalten bleiben musste, 
stehen selbstredend für älteres lautgesetzliches *'i (vgl. Beitr. 
16,279) und *-w. 

Man beachte ferner die archaismen ahd. (fast ausnahmsloK 
fränk.) nähiu, maneghiu, nuhsamiu etc. nom. sg. (Beitr. 9, 320) : 
die formen sind, wie ags. meni^^ yldu etc., entweder zu der 
zeit entstanden, wo die u-apokope noch nicht erfolgt war, oder 
sie haben sich nach dieser periode entwickelt, in welch letz- 
terem fall die verhältnismässig kleine zahl der kurzsilbigen es 
kaum vermocht hätte, das Sprachgefühl für einen n. sg. fem. 
auf 'U aufrecht zu erhalten ; im einen sowohl wie im andern 
falle also ist die annähme einer nicht auf die kurzsilbigen be- 
schränkten erhaltung des -u unabweisbar. 

Auch die endung der 1. sg. praes. ind. gewinnt durch unsrc 
regel eine mehr befriedigende erklärung als zuvor: ahd. bintu, 
singu, *zelliu (woraus zeilu\ sezziu etc. nach gihu^ nimu, horiu^ 
*suohhiu (woraus suohhu) etc., as. gibiudu, seggiu etc. nach gihUy 
gilötiu etc. Die Kar. ps. haben keine form mit -u, sondern 
tverthe^ wirthon, biddon\ von den schwachen verben 1. kl. ist 
hier keine 1. sg. praes. ind. belegt. 

Mit der beurteilung der ebenfalls hier in betracht kommenden 
formen für den nom. acc. pl. und dat. (locat.) sg. der tz-sub- 
stantiva steht die frage nach der Chronologie der /- und u- 
apokope in directer Verbindung. Auf grund der bildungen suni, 
puogi nom. acc. pL, suni dat. sg. etc. und des genuswechsels 



GRAMMATISCHES. 295 

von kinni glaubte ich Beitr. 15, 456 ff. die poBteriorität des u- 
scliwuüdes annehmen zu mttssen. Nach dem oben flir die en- 
dung des nom. ace. pl. der neutralen lo- stamme erschlossenen 
wird *kinniu als beweismittel für diese theorie hinfällig; altes 
*kinniwiz hätte sowohl bei gleichzeitigem als bei nicht gleich- 
zeitigem abfall des -t und des -u *kinniu neben den neutren 
auf *'iu ergeben. Aber auch die andren a. a. o. zur spräche 
gebrachten formen dürften m. e. nicht mehr zur besagten fol- 
gerung berechtigen. Ob -i vor oder zugleich mit -u schwand, 
aus dem nom. plur. *scilbitviz wäre auf phonetischem wege 
nur *scUdiu, nicht scildi entstanden. Suni^ siii, megi nom. acc. 
pl. aus *sunifviz etc. Hessen sich zwar zur not auch jetzt noch 
als beweise fQr die beregte Chronologie verwenden; wenn je- 
doch, wie ich seitdem erkannte, die pluralia scildi etc. ganz 
gut als analogiebildungen zu fassen sind {scildi pl. : scild sg. 
anstatt *scildiu : scild nach gasii : gast in folge der ähnlichkeit 
der isolierten endung *'iu mit -t und ungeachtet der in andren 
fällen für den verlauf der langsilbigen t^-stämme massgebenden 
einwirkung von Seiten der numerisch überwiegenden o-stämme), 
dann läge die annähme viel näher, dass zu der zeit wo *scildiu 
noch neben scildi im gebrauch war, nach diesem muster neben 
*suniu etc. eine doppelform suni etc. aufgekommen wäre, die 
später wie scildi die alte m-form gänzlich verdrängte. Als 
beweise gegen die theorie möchte ich jetzt vielmehr die dativ- 
locative ahd. suniu^ hugiu^ sigiu, sitiu^ fridiu (Zs. fda. 28, 112 f.), 
as. "^suniu (nach sunies, -ie) gelten lassen: dass sich hier -iu 
durch anlehnung an das -u, -iu des instr. der o-, jo- und io- 
tiexion erhalten hätte, ist von Jellinek (Beitr. z. erkl. d. germ. 
flex. s. 106) mit recht beanstandet worden, und da, soweit ich 
sehe, auch eine andere möglichkeit analogischer beeinflussung 
ausgeschlossen ist, dürfte es geraten sein, suniu etc. wie ahd. 
'/'urtiu, Waidiu, Feldiu (Zs. fda. 28, 113. Beitr. 14, 119 f.) als die 
regelrechten phonetischen fortsetzungen einer grundform auf 
*'iwi^) zu betrachten, zumal wo die vereinzelten formen mit 



^) StreitbergB sinniger deutung von suniu aus *sunSu (Comparat. 
8. 25) kann ich nicht beipflichten; altes diphthongisches *-rti hätte nach 
der bei den andren im anslant stehenden diphthongen zu beobachtenden 
behandlung, d. h. contraction, dann kürzung (Beitr. 16, 287), historisches 
'ü ergeben, das der ahd. Schreibung gemäss durch -ti oder (seltener) -t 



296 VAN HELTEN 

-t, ahd. as. suni, ahd. Waldi, Furti, amfrk. Weldi (Beitr. a. a. o.) 
dieser annähme nicht sonderlich im wege stehen: das jüngere 
-t in Waldi etc. kann ja auf analogiebildung nach dem locat 
-t der t- und o-stämme (Beitr. 14,121) beruhen, Isidors suni 
steht vermutlich im satzsandhi fttr suniu (Beitr. 14, 119 fussnote), 
und das einmal belegte as. suni HSl. M 1998 neben sunu^ -Oj 
'ie desselben casus könnte Schreibfehler sein.^) 

Mit unsrer regel stimmen ahd. bliniemo, heizero, managemo, 

-eru etc., as. gddumu, /astoro, manegumu, hilagaro etc., aonfrk. 

(amfrk.) horscomo, düero^ heligemo, mikiliro etc. als phonetische, 

ahd« smalemo, flahheru etc., as. *gramumu, -oro etc., aonfrk. 

*natomo, -iro etc. als analogische bildungen. Dieselben erfordern 

also nicht die annähme von anlehnung an die pronominalformen 

(wie dieses wohl der fall ist beim st acc sg. m. auf -an nach 

*pan, vgl. Beitr. 15, 474 ff.). Dem as. dat. sg. m. und n. godun 

{-um) liegt *g6tiümmu < ^göbommu zu gründe mit *'Ommu nach 

*pommu (vgl. got pammä) = histor. them (aus *pemmu für 

*pammu < *pommu oder für *pamm aus *pammu < *pommu). 

Anm. Im anschlass an die hier besprochenen fälle sei auch be- 
treffs des westg. locativs auf -i, -e bemerkt, dass die erhaltung der endung 



dargestellt wäre. Auch widerspricht der fassung wgerm. -m -«c *'iu der 
ags. afr. dat sg. suna etc., dessen -a auf älteres *'au hinweist. 

^) Aus diesem dat. loc. auf -tu nach der u-declin. erklären sich die 
dat. - locative und dat. -instrumentale auf -tu der masc. t-stämme Bachiu, 
Wangiu etc. und faliiu, slegiu, lougiu, serviu (Beitr. 14, 120 f. Zs. fda. 
28,113), welche keineswegs mit Brugmann (Grundr. 2, 633) als analogie> 
bildungen nach dem muster der to- stamme zu fassen sind, mit deren 
flexion das t-paradigma im sing, zu der zeit, wo das -j- (aus -t-) noch iu 
vollem gebrauch war, keine berUhrung hatte (die paar kurzsilbigen, deren 
-t des nom. acc. sg. mit dem suffix der t-stämme zusammenfiel, kommen 
hier nicht in betracht): beim eintritt der langsilbigen u- stamme in die 
t-declination brachten dieselben ihren dat. -loc. auf -tu mit, der in folge 
dessen einerseits als solcher auch für die ursprünglichen t-nomina bah, 
watig in gebrauch kam, andrerseits durch beeinflussung von seiten des 
instr. auf -u der andren klassen auch als instr. verwant wurde (vgl. auch 
KOgel, Zs. fda. a. a. o.). 

Die vereinzelten dat.-locative ahd. kiwalliu, steico etc. (Zs. fda. 2S. 
113), as. wädiu, brüdiu, idisiu (s. oben s. 202 fussnote 1) repräsentieren 
kaum etwas anderes als kiwalti etc. mit angehängtem -u (-ö) aus der d- 
declination, welches für das Sprachgefühl der typus des dat-loc. sg. fem. 
geworden war. 



GRAMMATISCHES. 297 

schwerlich allein von dem einflnss der kurzsilbigen o-stämroe herrührt. 
Es ist neben diesem factor noch ein andrer ins äuge zu fassen, die be- 
trächtliche zahl der io - stamme, für deren locativ -t als das resultat von 
ungestörter phonetischer entwiokelung zu gelten hat: durch jiingere 
kUrzung -«:= ♦-!, durch contraction -«:= *'i(j)i, durch ältere kUrzung -«:= *'i(j')t. 

XXL lieber die westgerm. entsprechungen von altem 

*'nassuz, *'X^^^^^9 *'Skapi. 

A« lieber die entwieklung der westg. sufiixe -nassi, -nessi, 
nessi etc. haben Sievers und Kögel (Beitr. 4, 140 f. 7, 181 fiF.) ge- 
handelt. Ersterer geht bei seiner deutung aus von einer hy- 
pothetischen grundform ^-nassi, letzterer denkt an die möglich- 
keit eines vorhistorischen ^-nassm. Selbstverständlich würde 
sich diesen erklärungsversuchen gegenüber eine fassung em- 
pfehlen, wobei ein dem gotischen -{rijassiis entsprechendes suffix 
zu gründe gelegt würde. Eine solche aber ist m. e. wenigstens 
für das ahd., as. und aonfrk. glaubhaft zu machen, und ich 
wage es hier deshalb dieselbe den fachgenossen zur prüfung 
zu unterbreiten. 

Voran gehe eine Übersicht der in unseren quellen vor- 
liegenden Varietäten: 

ahd. (Gr. Gramm. 2, 321 flf. Graff 2, 947. Braune, Ahd. gr. 
§ 201. 210 anm. 1 und 2. 213 anm. 1. Kögel, Ker. gl. 150 f. 
Hench, Monsee fragments 127) 

feminina nach der i^flex. auf-n^^, '{ji)iss{{)a, '{n)uss{t)a^ 
feminina auf -nasA, -nessi, -nisst, -nussi, 
neutra auf -nessi, -nissi, -ntissi; 

as. (Hei. M 2085, CM 987. 3843. 3852, M 3826, C 3270, 
Beichte 35, Ps. C 73, Prud.-gl. 405) 

feminina auf -nissia ('nissea)^ -nussia, 

feminina auf -yiessi, -nissi, -nussi, 

neutra auf -nessi, -nissi] 
aonfrk. (Cosijn, OudnL ps., ja-st neutra, yd-st tweede kl.) 

feminina auf -^issi, 

neutra auf -nissig -ntissi. 

Was zunächst den vocal der vorletzten silbe angeht, so ist 
für -M- an das Beitr. 15,460flF. erörterte gesetz -u- (d. h. -ü-) aus 
*-o- vor *'U der ultima zu erinnern ; also -{n)uss- aus dem nom. 
acc. sg. (und dat acc. pl., vgl. s. 298) ♦-(n)o*«i-. Sodann be- 



298 VAN HELTEN 

achte luaD, dass Dach dem was Paul (Beitr. 6, 226 ff.) über den 
Wechsel von -o- und -e- in der paenultima der endungen aus- 
geführt hat, neben *-(w)öw- (= got. '{n)assu-y ahd. -nass- in 
-nassi) auch altes *-(ny^f- anzusetzen ist; woher in gl. E und 
Ka, wo von e-umlaut eines -a- nicht die rede sein kann, die von 
Kögel (Ken gl. 26) hervorgehobenen formen thicnes, indechnes 
und die in Pa und gl. K sich vorfindenden auf -nessi (Beitr. 
7, 183), sowie as. -yiessi^^ mit erhaltung des -e- durch anlehnung 
an die formen auf -nes, *-ness (das -e- von diesen -nes, -nessi, 
-nessi weist zu gleicher zeit auf die Unmöglichkeit einer grund- 
form *'(n)asst hio). In ahd. -nessi, -nessi der jüngeren quellen 
mit umlaut in der ableitungssilbe ist der vocal natürlich doppel- 
deutig. Das -t- der paenultima begreift sich als die folge von re- 
gressiver durch ein -f (-) derfolgesilbe hervorgerufener assimilation. 

Für das Verständnis der genesis von femininen wie den 
ahd. auf •{n)uss(i)a, -{njissia, den as. auf -nissia, -nussia und von 
neutren wie den ahd. as. auf -nessi, -nissi, -nussi, den aonfrk. 
auf -nissi, -nussi genügt ein blick auf das paradigma der formen 
auf *-{n)assuz, wie dasselbe fttr die vorhistorische periode nach 
der Wirkung der apokopegesetze zu postulieren ist (zur Ver- 
meidung von unnötigen widerholungen bezeichne ich den vocal 
der vorletzten silbe mit x): 

sing. 1 — *{n)xss pl. — *{n)xssiu 

2 — *{n)xss6 (-au?) — *{n)xssiw6 (? vgl. got. suniwe) 

3 — *{n)xssiu — *{n)xssum 

4 — *(n)xw — *{n)xssun (resp. *(«)xwm). 
Wegen *-(w)xw < *-(ji)xssuz, *-(n)xssiu < *-(w)x^jwi, 

*'{n)xssiwiz s. oben s. 288 ff. 

Im nom. und dat. sg. fielen hier die flexionsformen mit den 
für die nämlichen casus des i- (/^)-paradigmas anzusetzenden 
*minn, ^minniu etc. zusammen 2), im nom. acc. pl. mit den für 
diese casus nach der ntr. lo-declioation zu postulierenden 
^rikiu etc. (vgl. oben s. 292). Als reste des alten suffixlosen 

>) Für das unterbleiben des umlauts in der endung im as. siehe 
die participia und gerundia auf -andi, -anniaSy -anne. In brinnendi, bid- 
diendi, huggieridi, /ibbiendi, bidernienne M steht das -e- auf einer linie 
mit dem -e- des infin. auf -en M (vgl. wegen dieser formen und wegen 
iibbendi, hettendi C Beitr. 4,36Hf. und Germ. 31,389). 

>) Durch die annähme des nämlichen Vorgangs erklärt sich auch 
as. lusta acc. sg. oder pl. f. für *lusUa. Der Beitr. 15, 481 für den über- 



GRAMMATISCHES. 299 

Dom. 8g. sind die oben^^citierten^nominative thicncs, indechnes 
aufzufassen, deren nicht'belegtes genus höchst wahrscheinlich 
als fem. anzusetzen ist. 

Die Überführung der^*-(n)x^^- formen in die schwache t- 
flexiou erfolgte augenscheinlich durch die annähme der in den 
zahlreichen ab8tractbildungen]|auf-r vorliegenden endung: *-(n)xw 
> -niLss%\ sie findetjsich auchyn den ahd. derivaten auf -iseli 
(Gr. Gramm. 2, 108) aus -wo/ ntr., in den neben gimarkida^ fir- 
leilida etc. begegnenden gimarkidiy firieiUdi etc. (Kluge, Nom. 
Stammbild. § 125), mit -tVft für *-it5u (vgl. auch im ags. die 
gelegentliche ttberschwenkung ,der abstracta auf 'b{u) nach der 
schwachen f-flexion, Sievers § 255,3. Cosijn, Aws. gr. 2, § 17), 
wahrscheinlich auch in ahd. minni, wunni, färl neben minna, 
wunna, färä; sie hat als parallele die bildung von erweiterten 
formen wie ahd. füintissidOy firlorannissida etc. neben fülnissi, 
ferlomissi etc. zur seite. 

Für die ags. feminina auf -nis, -nes^s)^ flectiert -nisse, -nesse^ 
ist die obige deutung nicht anwendbar: ein dat. sg. der u-flexion: 
auf *'iu lässt sich fQr das vorags. nicht nachweisen, und für 
den dat. sg. der fo-stämme ist altes *-i(ß anzusetzen (vgl. Beitr. 
8, 326). £in andrer weg, auf welchem alte masculina auf *'{n)nssuz 
in die /^-declination übergetreten^sein könnten, ist mir nicht 
ersichtlich ; vielmehr würde man mit rttcksicht auf die abstracta 
auf -(w)öÖ, -(n)aÖ und -häd = got. -opus, hmdus als den ags. 
reflex von ^'(rCjassuz masculines -ness, flect. -nesses etc. er- 
warten. Es bleibt demnach, soviel ich sehe, nur die möglich- 
keit der ansetzung eines vorags. Suffixes *-(n)a5«, flectiert *'{n)es' 
siot etc., woraus historisches -nis, flect. -nisse resp. jüngeres -nes^s), 
-nesse. Dieselbe fassung ist auch geltend zu machen für die afr. 
feminina auf -nisse, nesse, denn auch in dieser dialektgruppe 
findet sich kein auf altes *-iu zurückgehender dat. sg. der u-flexion. 

Die nämlichen feminina *'{7i)ess% waren natürlich möglicher- 
weise auch im vorahd. und voras. vorhanden; in diesem fall 
mussten die direct daraus hervorgegangenen und die auf in- 
directem wege^j^aus *'{n)essuz entstandeneu feminina *'(7i)issia 
zusammenfallen. 

tritt dieses substantives in die o-klasso angenommeDe factor *lus(ir wird 
hinfällig durch das oben s. 13 über die entwicklung der aus ^-au und 
*'d hervorgegangenen vocale erörterte. 



300 VAN HELTEN 

B. Gegenüber ags. häd (noch zum teil nach der u-decl. 
flectiert, Taalk. bijdr. 2, 140), -hdd begegnen als nach der i- 
flexion gehende formen ahd. heit masc. und fem., -heit fem., as. 
'hSd fem. (die declination des masc. hSd Hei. M 461 ist nicht 
belegt). Für die eutwicklung des fem. des nomens gewährt 
die fassung 'dass die Casusgleichheit des nom. und acc. der 
masc. und fem. i-nomina das auseinanderhalten der ursprüng- 
lichen genera erschwerte' (Beitr. 15,457 fussnote) keine be- 
friedigende erklärung: einmal fällt es auf, dass der gen us Wechsel 
sich nur hier, nicht bei den andren urspr. u-stämmen wie piioff, 
hög etc. findet (die feminina ftuot, lust etc. stehen unter dem 
verdacht, auf anderem wege in die i-klasse hinUbergetreten zu 
sein, Beitr. 15, 458 und 482 ff.); dann aber wäre auch nicht 
einzusehen, warum ein masc u- stamm beim eintritt in die t- 
declination, wo es doch eine stattliche zahl nomina masc. generis 
gab, ohne weiteres zum fem. geworden sein sollte. Es ist hier 
demnach nicht einfache Übersiedelung aus der u-klasse anzu- 
nehmen, sondern an denselben entwicklungsgang zu denken, 
der Beitr. 15, 484 für den neben masc. got. histus, an. kostr^ 
ahd. kost begegneuden fem. i-stamm ags. cyst, aofr. kest vor- 
geschlagen wurde: mit genuswechsel aus '^histiz (vgl. das 
Beitr. 15, 484 auf anlass vom fem. lyst bemerkte), das durch 
Verwechslung von -uz des nom. sg. mit dem -uz der uz-, iz- 
Stämme aus *kustuz (= lat gustus) entstanden war; in gleicher 
weise konnte ja auch altes *;faiÖM2 (= aid. kitus) ein *xaibiz 
ergeben, woraus fem. heit, -heit etc. 

Zu derselben fassung nötigt auch das mit ahd. -heit, ap. 
•hed übereinstimmende afr. i-fem. -he de, -heit] von einem di- 
recten übertritt aus der u- declination in die i-klasse könnte 
hier überhaupt nicht die rede sein wegen des in dieser dialekt- 
gruppe herschenden -a < *-au im nom. (acc.) pl. der u-sub- 
stantiva. 

Dem '7iessi aus -ness etc. (s. oben s. 299) vergleicht sich 
ferner sporadisches ahd. -heiti für -heit im ahd. gomaheiti acc. 
sg. 0. 1, 27, 3. 3, 15, 19, theganheiti acc. sg. 0. ad Lud. 45, rfitac" 
heti nom. sg. (nach Graff 4, 145) und aonfrk. -heide nom. acc 
sg. fem. (woneben seltenes wärheit nom. acc. sg., vgl. Cosijn, 
Oudnl. ps. § 5). 

Im ahd. begegnen ausnahmsweise neutra auf -heite wie 



GRAMMATISCHES. 301 

daz kewmieheite (Graff 1,871), hiscofheitis Tat. 2,3; im mnl. 
auf awnfrk. *-heidi ntr. hinweisende nomina wie dat scoenheide, 
dat kerstenhede, dal menschedey tgerechtecheide elc. (s. meine 
Mnl. gr. § 258 und 265 opm. 2). Die form und das genus begreifen 
sich als parallelen zu neutralem -nessi etc. (s. oben s. 298). 

C« Auch bei den compositionsbildungen mit urspr. *'Skapi 
finden sich sowohl in der form als im genus beachtenswerte 
Varietäten : 

masc. ags. -scipe^ as. -scepi, -scipi (in ambaht-^ brober-, druht-^ 
friund-, thegan-, werd-, tvirdscepi, -scipi); 

femin. ahd. -scaf, flect. sce/fi, as. *'scap, flect. ^-scepi und 
*-scipi (vgl. die mnd. fem. bröder-^ eigen-y nut-, vröt-y vrimt-, 
?varschap)f awnfrk. *'Scap, flect *'scepi und *'scipi (vgl. mnl. 
die vrient-, bli-, gheselscap etc., flect. slere vrienscepe, groler 
hliscepein) etc. und siere vrient-, bli-, geselscap etc. als neu- 
bildungen nach dem nom. acc, s. meine Mnl. gr. § 277 c), aonfrk. 
-scap (vgl. urcuntscap Ana acc. Ps. 54, 22 ; flect. formen sind 
nicht belegt), aofr. -skipi (Gramm. § 179); 

neutr. awnfrk. *'scap, flect. *'scep{i)es, -{{e), *'Scip{i)es, -i(e) 
(vgl. mnl. dat paepscap, tridderscap, dat geselscap etc., flect. 
len, van, enen paepscepe, ridderscepe, geselscepe etc. sowie j^a^jt?-, 
ridder-, geselscqps etc. und paepscape etc. dat. als neubildungen, 
s. meine Mnl. gr. § 271), as. -scepi, -scipi (in that, thit folc-, 
gum-^ heri-, lant-, gibodscepi, -scipi), aofr. 'Skip{i) (Gramm. § 174), 
awfr. 'scip (vgl. dat boed-, eerf-, burger-, orken-, maester-, 
wytscip, gen. -scypes, -schips). 

Die ausserordentlich kleine zahl altgermanischer neutraler 
/-stamme macht es sehr unwahrscheinlich, dass urspr. masc. 
oder fem. i- nomina zu den neutren übergetreten waren, nötigt 
im gcgenteil zur annähme eines ursprünglich sächl. *'skapi 
(aus *'Skapiz^) Aus solchen neutren mussten sich laut- 
gesetzlich formen auf -scap (scaf) entwickeln, die entweder dem 
alten genus treu bleiben oder auch in folge ihrer isolierton 
Stellung wie flöd, frist, friö etc. (Beitr. 16, 482 01) in die klasse 
der weit zahlreicheren masc. oder fem. /-stamme übergeführt 
werden konnten. Daher awnfrk. ^-scap ntr., as. awnfrk. *'scap, 
aonfrk. -scap, ahd. -scaf fem. 

Erhaltung bez. herstellung des -i im nom. acc. sg. nach 
analogie des simplex, wie z. b. im ags. upcyme, as. mägwini, 



302 VAN HKLTEN, ÜKAMMATISCHES. 

aofr. wilkere etc., ist hier nicht wahrscheinlich mit rQcksicht 
auf den umstand, dass in unseren quellen Ton einem simplex 
scepi < scapi keine spur begegnet Auf indirectem wege aber, 
durch die bildung auf -scap hindurch, konnte sich *'scapi oder 
-scepi, 'Scipi (mit -/- durch assimilation) entwickeln, indem sieh 
angesichts der kurzsilbigen t-stämme auf -t gegenüber den lang- 
silbigen ohne Suffix für das Sprachgefühl die Vorstellung eines 
durch kürze der Vorsilbe bedingten nom. acc. sg. auf -i fest- 
setzte. Daher die oben verzeichneten mase. fem. und ntr. formen 
auf -scepi, -scipi, -scipe. 

Die mnl. neben -scap begegnenden -scep, -scip fem. und 
ntr. (s. meine Mnl. gr. § 271 und 277) sind natürlich neu- 
bildungen nach dem gen. dat. auf *-scepi, *-scipi, *'scep{i)es etc. 
Ebenso die mnd. feminina -schop, -schup (vgl. blide-, hode-, 
hröder-, gevadder-, gram-, greve-, her-, kopman-^ laut-, mage-, 
sei-, viant-y warschup, -schop) mit -o- und -u- zur bezeichnung 
eines für -e- vor labial eingetretenen fi. Der mnl. nom. acc. 
sg. 'scepe (Mnl. gr. a. a. o.) geht entweder zurück auf altes *-scepi 
oder er ist jüngere neubildung nach dem gen. dat. -scepes\ -e 
nach dem muster der ntr. /o-stänmie rike-, -es, -e, 

GRONINGEN. W. VAN HELTEN. 



NACHTRAGE. 



Zu s. 274 und 275. Wenngleich aus Sievcrs* dankenswerter er- 
läuterung hervorgeht, dass von einer in der historischen periode 
stattfindenden Verdrängung von älterem ags. -ce des nom. acc. pl. ilor 
o-substantiva durch -a keineswegs die rede sein kann, so dürfte dennoch 
der s. 275 vorgeschlagenen annähme räum bleiben, nach welcher ahd. -o, 
ags. afr. -a im nom. acc. pl. der r)-nomina als scheinbare ausnahmen der 
regel * ahd. -a, ags. afr. -<? = altem *-ö{z) ' einer anlehnung der adjectiv- 
flexion an die pronominale ihre cxistenz verdanken. Einen wichtigen 
fingerzeig gewährt hier übrigens der umstand, dass ahd. -o offenbar als 
die eigentliche endung der adjecti vflexion gelten rouss. 

Zu 8. 2bl. Der von Sievers in der fussn(»te horvorgehobenen tat- 
sache zufolge sind selbstverstiindlich die wortc *Einem *'ä kiinnte — 
den Vorzug verdienen* zu streichen. W. v. U. 



zu v. riciithofens altfriesischem 

wöri^p:rbuch.») 

Irotz aller trefflichkeit ist v. Richtbofens Wörterbuch docb 
beute zum grossen teil veraltet. So lange wir noeb kein neues 
altfriesiscbes Wörterbuch besitzen — und für die nächste zeit 
ist dazu keine aussieht vorhanden — ist es notwendig, dass 
wenigstens die tatsächlichen irrtümer berichtigt und die fehlenden 
artikel nachgetragen werden. Es ist in dieser richtung bereits 
manches getan ; besonderiä steckt in van Heltens Aofries. gramm. 
viel, leider nur schwer auffindbares material. Was im einzelnen 
hier und da beigebracht worden ist, kommt der fries. lexiko- 
graphie nicht eher zu statten, als bis dies material in alpha- 
betischer reihenfolge im anschluss an y. R.*s artikel geordnet 
ist. Im folgenden gebe ich sowohl derartig verstreutes als 
eigenes. Ich hoffe in ersterer hinsieht Vollständigkeit erreicht 
zu haben. Ausgeschlossen habe ich natürlich die alphabetisch 
geordneten nachtrage und besserungen von Buitenrust Hettema, 
Bijdragen tot het oudfriesch woordenboek, Leiden 1888, s.XII — 
XVIII und 1 — 79 sowie diejenigen von van Helten, Beitr. 14, 
232 — 278. Desgleichen habe ich — abgesehen von gelegent- 
lichen bemerkungen — darauf verzichtet, den überreichen schätz 
zu heben, der in der materialsammlung von van Heltens Aofrs. 
gramm. verborgen ist. Ich bemerke nur, dass das Wortregister 
(s. 253 — 255) bei weitem nicht alle Wörter enthält, *die in v. R.*8 
Wörterbuch falsch oder gar nicht erklärt sind und für welche 
der Verfasser dieser gramm. oder andere eine deutung gefunden 
oder versucht haben'. Für fast jeden artikel zu v. R.*s Wörter- 
buch bietet diese grammatik eine bereicherung. 



^) Offene länge: ~, geschlossene ; ä liegt in der mitte zwischen 
reinem ä und offenem ö, F eitlere ich nach Hettemas Fivelingoer en 
OUiampster Landregt (o. = oben, m. = mitte, u. = unten). Die übrigen 
zahlen beziehen sich auf v. Richthofens Afrs. rechtsquellen. 



304 BREMER 

ä, e, ewe, ewa hat v. R. nur in der bedeutung 'gesetz'. 
eouen 'eternum' Ps. 2^, 11. euuan 'eeteraa' Ps. 2^, 13. 

alikna. Vielmehr alihiia 'gleich gelten', auf grund der 
3. sg. aiiknat. GQnther, Die verba im aofries. 58. 

an und ana sollten in einem artikel vereinigt sein. Die 
belege für ana sind alle rUstringisch. 

arbeida. Vielmehr arheidia, auf grund der 3. sg. arbeidefh. 
Günther 56. Vgl. nwfrs. arbeidsje. 

avel übersetzt Kern, Taalk. bijdr. 2, 188: ^Übertragung von 
gutem durch jemand bei lebenszeit'. 

avend, aiund, iovnd u. s. w. 'abend'. Der ganze artikel 
gehört nach Buitenrust Hettema, Tijdschr. v. Nederl. taal- en 
letterk. 8, 70 anm. zu evenä (v. R. ervende). 

barna, berna 'brennen'. Wiewohl v. R. sonst alle mög- 
lichen orthographischen Varianten mit als Stichwort anführt, 
hat er in diesem falle übersehen, eine sehr wichtige nebenforni 
anzugeben, die nur rüstringisch belegt ist: büma. Die belege 
sind: 3. sg. ind. praes. bumi R^ 131,2, plur. bumath R^ 130, 
16, verbaladj. urbumen R * 69, 8. Die letztere form zeigt, dass 
wir das starke aoristpraesens germ. *brunnanj eine nebenform 
zu *brinnan ^), vor uns haben. Afrs. bäma oder berna (d. i. 
bccmä) — bäma ist auch rüstr. die gewöhnliche form — ist (trotz 
van Helten, Aofrs. gramm. § 270/) schwach und geht auf 
*broennan < germ. *brannjan zurück. — Vgl. renna, 

basafeng 'unzüchtiger griff' stellt J. Grimm (s. v. R/s 
wb. s. 1163) zu unserem böse. Ebenso nahe scheint mir sat 
ba^zje ' rasen, phantasieren ' zu liegen, z. b. un badzjende kronk- 
heid 'eine krankheit, in der man phantasiert', vgl. unser nord- 
deutsches verbasL 

bedehüs. bedehuse 'templo' Ps. 2^ 

beia 'beugen'. Einziger beleg ft^y^ E^ 243, 40. Wir müssen 
wohl begia ansetzen; denn es heisst heute im sat. beje oder 
begje. Es liegt hier einer der fälle vor, in denen übertritt der 
schwachen verba auf -Jan in die klasse derer auf -o/an erfolgte; 
daher der umlaut. Grundform germ. *bangjan. 



^) Ueber das Verhältnis von brinnan : bruntutn vgl. Zs. fdph. 22, 
495 f. 



ZUM ALTFttlES. WÖRTERBUCH. 305 

bclda,balda' ausstatten '. Letztere form ist zu streichen, 
weil ä nur in der 3. sg. ind. praes. und im verbaladj. vorkommt 
und hier ganz regelrecht aus S verkürzt ist 

b6nde, bände. Letztere form ist zu streichen. Der zwei- 
malige beleg bände S 497, 32 und 499, 33 kann gegenüber den 
40 belegen für bende nur ein Schreibfehler sein oder, was wahr- 
scheinlicher, das plattdeutsche wort. 

benedia 'benedeien'. ^^^^laM 'benedicet' Ps.2\ bndiada 
*benedictus* Ps. 2*. 

b^nsechtich 'mit knochen Verletzung verbunden'. Nach 
Kern, Glossen in der Lex Salica 101 nicht zu entscheiden, ob 
zu sechi = got. saühts oder zu *secht = salfrftnk. sieht, seeht, 
einem verbalabstractum von afrs. sia. v. Richthofen fragt im 
wörterb. 'knochen-sichtig, sodass man den knochen sehen kann? 
oder knochenverletzend?' Kern antwortet a. a. o. auf diese 
frage: 'keines von beiden; das erste nicht, weil es gar nichts 
ist. ^Knochen verletzend' könnte es auch nicht gerade sein, da 
'Verletzung habend' nicht = 'verletzend' ist.' 

berna 'brennen' s. bäma, 

beva 'beben'. Vielmehr bevia, bivia {vgl. irihbivinge 'erd- 
beben'), nach der 3. sg. ind. praes. beuath. Günther, a. a. o. 56. 
Vgl. wang. Wirf, sat. biufe. 

b i g r e V a 'begraben' fehlt bei v. R. Belegt ist das verbaladj. 
bigrewen F 154 m. 

bihöf wird von v. R. zweimal angeführt: einmal als 'be- 
huf, hülfe', dann als 'behufsam, behülflich'. Beide mal haben 
wir dasselbe wort: ein subst., das auch als prädicatives adj. 
gebraucht wurde. Entspräche das adj., wie v. R. will, dem 
ag8. behefe, so würde vielmehr *bihefe zu erwarten sein.*) 

bihreppa s. bireppa. 

bihroria. he berorith 'commouebit' Ps. 2^ Zu hrdria, 

(biien), bigin, begin 'beginn'. Die eingeklammerte 
form, die v. R. nach biienna ansetzt, ist zu streichen. 



[^) In Wirklichkeit handelt es sich wol am einen alten adj. -ti-stamm, 
der später auch substantiviert wird ; vgl. ags. behöflic and hehöfiany neben 
denen nur behefe (mit übertritt in die yo-flexion), aber kein subst. *behöf 
steht. Zu bildungen wie behöflic vgl. parallelen wie söflness : sifle , 
swöl-mete : swite u. ä. E. 8.] 

Bfiträge der geachiohte iler dentschen «pntohe. XVH. 20 



306 BItEliER 

biienna, biginna, begiDna 'beginnen'. Das verbum 
wird (trotz van Helten, Aofrs. gramm. § 270, 8. 207 f.) schwach 
flectiert, und erst im späteren wfrs. und in £. Sgr. kommen die 
im nwfrs. durchgedrungenen starken formen vor. Aofrs. biietina 
> wfrs. higinna ist = germ. Higannjati. Nur zufällig ist biianna 
nicht belegt. Ueber die lautliche entwickluug dieser formen 
s. renna. Wie nwfrs. bigjinnej so weist auch für das ostfries. 
sat. biginne auf afrs. g. 

biiota. Vielmehr biiäia 'begiessen', s. giata, 

biletha. Vielmehr bilethia 'bilden', aufgrund des verbal- 
adj. bilethad Günther 56. 

biliva 'bleiben'. Buitenrust Hettema, Tijdschr. v. Nederl. 
taal- en letterk. 1891, s. 254 macht darauf aufmerksam, dass 
das verbum ausser 'bleiben' auch die besondere bedeutung 'tot 
bleiben, sterben' hat. Er bringt hierfür die folgenden belege 
bei: aldeer die man bilyst J. M. F., Hett. 2, 47, 19, wo büyft zu 
bessern ist, = al deer een man oflyuich tvirth W 395, 25. dat 
dio berde bilerven se J. M. F., Hett. 2, 95, 12 = that thio berthe 
biletvid se ms. 4 to = dat dio berthe daed se W 75, 23. 

b i 1 k i a fehlt bei v. R. Belegt ist der opt. bilokie F 130 m. 
Zu loc 'schloss'. Günther 58. 

bim et a 'bemessen' fehlt bei v. R. Verbaladj. bimeien 
F 120 0. 

bineta 'benutzen'. Vielmehr binettia anzusetzen. S. neta. 

binieta, natürlich biniäta (so ofrs.) anzusetzen. 

biplichta fehlt bei v. R. Belegt ist der opt. bipHchte 
F40u. 

b i r e p p a. Vielmehr bihreppa, bireppa F 62 m. S. reppa, 

b i s e k a. Nach Günther 22 ist auf grund des opt bisoke 
ein starkes verbum biseka und ein schwaches biseka zu scheiden. 
Auch van Helten, Aofrs. gramm. s. 5 sondert biseka 'läugnen' 
mit kurzem e < a, von bisika (zu sSka 'suchen'). 

bisetten 'besessen, verrückt', mith bisette hei B 159,26. 

bisinga. Vielmehr bisiunga 'besingen'. Opt. bisiunge 
F 38 u. S. singa. 

biskirmgre 'protector' Ps. P. 

b i 8 1 a g i a fehlt bei v. R. Belegt ist die 3. sg. bislaghat 
El 236, 15. Günther 60 vergleicht ahd. alagdn (complodere). 



ZÜ»I ALTFRIES. WÖRTERBUCH. 307 

b i 8 1 r i d a. bistridithr eth E « 234, 27. 25. ' Die bedeutung 
jener stelle scheint nicht, wie y.Richthofen will, ein 'angefochten', 
sondern ein 'widerstreitend' zu erfordern; ich möchte daher an- 
nehmen, dass hislrideth verschrieben ist statt bistridech 'wider- 
streitend', vergl. thi bistridiga F 124 m., ch wird nach v. Richt- 
hofen's bemerkung in den handschriften oft mit Ih verwechselt' 
Günther 64. 

bitekna. Vielmehr biieknia 'bezeichnen', aufgrund der 
3. sg. biteknath, Ahd. bizeichanön, Günther 60. 

bithiöda, so nur wfrs. und auch für das rüstr. voraus- 
zusetzen. Sonst aofrs. bithiüda. 3. sg. praes. bUhiut F 2 o. 

bitimbra. Vielmehr bitimbria, auf grund der 3. sing. 
belimbrath. Günther 61. 

bivia 'beben' s. beva, 

bla 'blasen', blerem E^ 211,8 setzt v. R, = ble hi htm. 
Günther 13 bestreitet dies mit unrecht, indem er ble ther hine 
fordert. Es ist bisher nicht beachtet worden, dass für hi im 
alt- wie im neufriesischen enklitisch r gebraucht wird, das nie 
als wort für sich allein vorkommt, sondern immer dem vorher- 
gehenden Worte hinzugeschrieben wird. Natürlich ist dies r 
ein residuum der vollen form her. Einige belege findet man 
bei van Uelten, Beitr. 14, 282 und Aofrs. gramm. s. 188 (enklit. her 
B 1 180, 13 und E^ 101, 14) und 189 f. Doch ist an einen pro- 
nominalstanim i- für das fries. nicht zu denken. Auch das 
enklit. neutrale -et, das -em für den dativ, -ene für den acc. 
sing., -em für den dat. pl. (ebd.) hat regelrecht sein h verloren. 

bllndia 'blenden' fehlt bei v. R. Belegt ist die 3. sing, 
praes. blindat F 4 u. Das parallele verbum ist blenda. Günther 63. 

Ifodthing. Vgl fimel (hing. Jaekel, Zs. fdph. 20,276: 
baduthmg (bedthing) 'streitgericht'. Siebs, Zs. fdph. 24, 435: 
'das ein für alle mal vorgeschriebene ding'. R. Much, Zs. fda. 
35, 325 anm.: 'gesetzgebende Versammlung'. Am eingehendsten 
Heck, Zs. fdph. 24,435 — 437. 

borga. Vielmehr borgia, auf grund der 3. sing, borgath, 
Günther 56. 

bötia fehlt bei v. R. Günther 63 belegt den opt praes. 
böte F 1 30 0. Parallelverbum beta, 

branga, brenga, brensza, bringa 'bringen'. Ich 
bemerke, dass wfrs, bringa regelrecht aus brenga, branga ent- 

20* 



308 KUEMEB 

wickelt ist (vgl. unten s. v. renna) < genn. Hromgjan^ dass also 
germ. brivgan im afrs. nicht mehr erhalten ist. 
bürna 'brennen' s. bäma. 

daia. Hierher der von Günther 43 beigebrachte beleg 
deya F 128 o. und to deyane F 42. Einen besonderen artikel 
deia anzusetzen besteht kein grund. ai und ei wechselt be- 
kanntlich in der Schreibung. 

dathsirima s. sia. 

dava. Vielmehr dävia 'taub werden', auf grund der 3. sg. 
däkiath. Günther 56. 

deia 'töten'. Die belege im Afrs. wb. stammen sämmtlich 
aus dem westerlauerschen Friesland : inf. d^'a, deje, praes. ind. 
3. sg. dath, dat, pl. d^'eth, conj. deje. Machte uus nicht die 
3. sg. daih von voru herein stutzig, so läge es nahe, an ein 
cansativum zu got. diwan zu denken, also *danjan, wiewohl es 
sehr fraglich ist, ob diese herleitung mit den friesischen Maut- 
gesetzen' in einklang gebracht werden könnte; man sollte dann 
*d£a oder *diä erwarten. Das neuwfrs. stimmt zu unseren be- 
legen: inf. deye, praes. dei, daetst, daet, pl. deye, praet. daeiie^ 
verbaladjeetiv daei. Afrs. daih weist, in Übereinstimmung mit 
der awfrs. ilexion, mit Sicherheit darauf hin, dass der alte 
intiuitiv nicht deja^ sondern deiha lautete; das wäre also germ. 
*daupjan. th zwischen vocaleu ist in Westfriesland zu j ge- 
worden und zwar, wie es scheint, um 1400. Die belege sind 
massenhaft. Vgl. snia 'schneiden', snein 'geschnitten', sney 
'der schnitt', laia iaden', schaia 'schaden' u. s. w. 'König Karl 
und Kadbod', wo 439, 13 der conj. deye steht (so auch J, M. F., 
llett. 2, 64, 24) hat 439, 2S auch layde ladete' = J. M. F. laedade 
llett. 2, 04, 12. Die übrigen belege für d^a sind aus dtr Jur. 
Fris„ wo die belege für j < th auch sonst überwiegen. 

detha * töten' s. deia. 

dommia fehlt bei v. K. Günther 63 bringt als beleg das 
verbaladj. missdonunat V 136 u. bei. Parallelverbum zu damma, 
dnnmn, 

donga ' düngen \ nach Günther 62 wahrscheinlich Blsdongia 
anzusetzen. 

dr/a 'tun*. Iki v. K. fehlen merkwürdigerweise sämmtliche 
beloire für die Schreibung dna, dnaen. so massenhaft sie auch, 
zumal im wfrs., vorkommen. 



ZUM ALTF'RIES. WÖRTERBUCH. 307 

b i B t r i d a. bisindiihr eth E « 234, 27. 25. ' Die bedeutung 
jener stelle scheint nicht, wiev.Richthofen will, ein 'angefochten', 
sondern ein 'widerstreitend' zu erfordern; ich möchte daher an- 
nehmen, dass bistrideth verschrieben ist statt bistndech 'wider- 
streitend', vergl. ihi bistridiga F 124 m., ch wird nach v. Richt- 
hofen's bemerkung in den handschriften oft mit Ih verwechselt' 
Günther 64. 

bitekna. Vielmehr biieknia 'bezeichnen', aufgrund der 
3. sg. biteknath, Ahd. bizeichanön. Günther 60. 

bithiöda, so nur wfrs. und auch für das rUstr. voraus- 
zusetzen. Sonst aofrs. bithiüda. 3. sg. praes. bithiut F 2 o. 

bitimbra. Vielmehr bitimbria, auf grund der 3. sing. 
betimbrath. Günther 61. 

bivia 'beben' s. beva. 

bla 'blasen', blerem E^ 211,8 setzt v. R. = ble hi htm. 
Günther 13 bestreitet dies mit unrecht, indem er bie ther hine 
fordert. Es ist bisher nicht beachtet worden, dass für hi im 
alt- wie im neufriesischen enklitisch r gebraucht wird, das nie 
als wort für sich allein vorkommt, sondern immer dem vorher- 
gehenden Worte hinzugeschrieben wird. Natürlich ist dies r 
ein residuum der vollen form her. Einige belege findet man 
bei van Helten, Beitr. 14,282 und Aofrs. gramm. s. 188 (enklit. her 
B 1 180, 13 und E^ 101, 14) und 189 f. Doch ist an einen pro- 
nominalstamm I- für das fries. nicht zu denken. Auch das 
enklit. neutrale -eiy das -em für den dativ, -ene für den acc. 
sing., -em für den dat. pl. (ebd.) hat regelrecht sein h verloren. 

bllndia 'blenden' fehlt bei v. R. Belegt ist die 3. sing, 
praes. blindat F 4 u. Das parallele verbum ist blenda. Günther 63. 

Ifodthing. W gl. fimelthing. Jaekel, Zs. fdph. 20,276: 
baduthing (bedihing) 'streitgericht'. Siebs, Zs. fdph. 24, 435: 
'das ein für alle mal vorgeschriebene ding'. R. Much, Zs. fda. 
35, 325 anm.: 'gesetzgebende Versammlung'. Am eingehendsten 
Heck, Zs. fdph. 24,435 — 437. 

borga. Vielmehr borgia, auf grund der 3. sing, borgath. 
Günther 56. 

bötia fehlt bei v. R. Günther 63 belegt den opt praes. 
böte F 130 0. Parallelverbum beta. 

branga, brenga, brensza, bringa 'bringen'. Ich 
bemerke, dass wfrs. bringa regelrecht aus brenga, branga ent- 

20* 



310 BREMER 

daB8 an ags. ffesian, ffsian 'scheeren, BchoeideD, die haare 
schneiden' anzuknüpfen ist. Das fries. wort würde in got ge- 
stalt *{ga)abisibtii, *{ga)abisifni lauten. Liegt hier mit stamm- 
abstufnng das got. suffix ufrii vor? Wahrscheinlich ist efsiv[e)ne 
als ein compositum zu verstehen = *e/{e)si'bSni (germ. *abüöia- 
gahainia) ^glattrasierter knochen'. Üas einmalige simie wäre 
also in efsivne zu bessern.^) 

eifna ^ebenen'. Belegt ist nur eifnad R 130,24, natür- 
lich = e-ifnad *ge-ebnet*. Folglich inf. ifiiia, ivenia. Vgl. mena, 

epenuddria fehlt bei v. R. Verbaladj. epenuddrat F llOu. 

epernbaria. hi epembarath *reuelabit* Ps. 2*». 

er s. bla. 

ergera. Vielmehr ergeria 'schlechter machen', auf grund 
des verbaladj. ergerad, Günther 56. 

ergia 'sclilechter werden' ist nicht vmx in urergia, sondern 
auch als simplex belegt. Gtlnther 56, ahd. argin vergleichend, 
belegt das praet. ergade F 1 32 o. 

eta, ita 'essen', eta ist zu streichen. Awfrs. ita wird nicht 
nur durch nwfrs. ite^ sondern auch durch sat. ite^ wang. Ute bestätigt. 

et ha. Vielmehr ethia 'beschwören' trotz des ger. to ethane 
F 48 u. Günther 57. 

ethelia 'durch heirat erben' fehlt bei v. R Belegt ist das 
verbaladj. ethdat F 140 o. Zu ithel 'erbgut'. Günther 57. 

evela. Vielmehr evelia 'beschädigen'. S. ureveia. 

faka. Vielmehr fakia. Verbaladj. fakad. Günther 57. 
feda, foda. Vielmehr 2 verschiedene verba: feda und 

[>) Einfacher ist wol folgende dentung. Die Lex Frisionum bestioimt 
im tit. XXII. De dolg § 35 ff. Si quislibet digifus ex quatuor longioribus 
tu superioris articuli iunclura ita percussus fuerit ui humor ex uui- 
nere decurrat quod liduuagi dicunt, I. solid, comp, etc.; §64 Si hu- 
mor per ariiculos digitorum decurrerit , sicut superius de manu 
scriptum est, ita et inpede componatur; ähnlich in der Additio sapientum 
tit. III, § 32; ferner § 44. Si quis alium unguibus craiauerit, ut non 
sanguis sed humor aquo sa decurrat, quod cladolg vocant, ter X, 
detiariis fresionicis componat, §45. Si quis alium in tergum aut pectus 
ita vulneraverit, ut vulnus satmri non possit, sed per fistulas sanies 
decurrat, ter XII, solid, componat. Hier handelt es sich überall uu 
eine Verschlimmerung der wunde durch abträufelndcs wundwasser oder 
eiter. Da nun ags. siwen-ieze (zu ags. scon aus sihran ^seihen', Beitr. 
9, 278) *• triefäugig ' heisst, so könnte ags. *a?fsiiven, fries. efsiven recht 
wol 'abtriefung' im sinne des humor decurrens bedeuten. E. S.] 



ZUM ALTFRIES. WÖRTERBUCH. 311 

ßdia. Ersteres muss aber nicht fida, BonderD f6tha angesetzt 
werden. Denn es heisst wang. feiti 'fbttern, ernähren'. Oft 
genug reichen ja unsere belege nicht aus, zu entscheiden, ob 
th, t oder d vorliegt, da stimnaloses th in ^, stimmhaftes in / 
übergeht und massenhaft so geschrieben wird. 

fei ich. Der beleg H 355, 3 ist zu streichen. Denn a. a. o. 
ist mit Buitenrust Hettema, Tijdschr. v. Nederl. taal- en letterk. 
1891, 8. 250 f. emmermar evelike zu lesen {evelik 'ewiglich'). 

fenda 'fangen*. Der artikel ist zu streichen. Den ein- 
zigen beleg efend ¥A 44, 27 hat v. R. missverstanden. Für efend 
se ist vielmehr mit Hettema efendse zu lesen s== efendsen, verbal- 
adj. zu fa. Günther 42. 

ferdria 'fordern' fehlt bei v. R. Günther 57 bringt das ger. 
io ferdricmne F 30 o. bei. 

fereth. Kern, Glossen in der Lex Sal. 177 hält es für 
fraglich, ob ^fereth in den gesetzen 'freveltat' heisse, wie die 
niederd. Übersetzung {misdaet) hat, . . ., aber das wort muss 
diesen sinn sonst gehabt haben, sonst würde man es nicht so 
übersetzen.' Vgl. van Holten, Beitr. 14, 246 f, der fer{e)th an 
allen 7 bez. 8 belegsteilen mit 'leben' übersetzt = ags. fertS. 

forma. Vielmehr fermia 'firmeln' mit Günther 57. 

festna. Vielmehr festniOj aufgrund des verbaladj. ifestnad. 
Günther 57. 

fetha s. feda. 

fether 'feder'. fetheran 'pennas' Ps. 1*. 

fj(äl 'rad' ist nur neutrum, nicht auch masc., wie v. R. aus 
2 belegstellen schliesst: nach van Holten, Aofrs. gramm. s. 
124 (3) ist H 30, 14 cmden offenbar in and en zu trennen; B^ 
171, 17 muss enne 'mit rücksicht auf die form des adj. unbedingt 
als Schreibfehler gelten' (in B^ steht en). Auch nwfrs. /Se/ oder 
fjil ist neutrum. 

fimelthing. Nach J. Grimm, RA. 827, Sohm, Altd. ge- 
richtsverfassung 45 und R. Schröder, Lehrbuch der deutschen 
rechtsgesch. 36 und 540 bezeichnet bod- und fimelthing den 
gegensatz teils des echten, teils des geboteneu dings einerseits 
und des after- oder nachdings andrerseits. Vgl. ferner Jaekel, 
Zs. fdph. 20,277. Heck, Zs. fdph. 24,435: fimelthing ist 'nur 
eine art des bodthing, nämlich das vom grafen persönlich ab- 
gehaltene'. Ebd. 437: susding. 439: oder rügegericht, heim- 



312 BREMER 

liches spürgericht Siebs, Zur gesch. d. engl.-irieB. spr. 416; 
anders jetzt Zs. fdph. 24, 438 f. R. Much, Zb. fda. 35, 325 edid.: 
fimeUhing 'gerichtsversammlung'. J. Grimm, RA. 838 leitete 
fimelthing von ferne ab. 

fior, fiur *feuer\ Dazu fear 'flammam' Ps. 2^ 

fira. Vielmehr firia *fem werden*. Praet. fxrade. 

fitera. Vielmehr /S/^ria 'fesseln', auf grund des verbaladj. 
efiterad. Günther 57. 

fleil, flail '(dresch)fleger. Belegt ist een yrssen flayle 
Wfrs. Chronik. Cad.- Müller flayel, Westing fleiel. 

födia 8. ftda. 

forahüre s. Jaekel, Beitr. 15,534. 

formlde s. Jaekel, Beitr. 15,534. 

forsmaga. Vielmehr forsmaia, S. ursmaga. 

forst 'forst* s. rütforst. 

framd, fremed ^fremd'. Als älteste form ist framid an- 
zusetzen wegen wang. franin&U Im wang. sind noch heutigen 
tages die vollen endsilbenvocale zum teil getreuer bewahrt als 
selbst im altrüstringischen. 

framma s. frema. 

frema. Vielmehr framma, fremma. framma F 44 m. 

gada. Vielmehr gadia. 3. sg. gadath. Günther 57. 

gara 'ein spitz zulaufendes ackerstück \ irina garum, inna 
garem urk. 1437 (Ofrs. urkdb. 1 nr. 469). super ghareti (ebd. 
1 nr. 588). Ortsname Garun im ältesten Werdener codex (Cre- 
celius s. 22). — Beitr. 15,544. 

gela *jagen' hält Günther 21 (vgl. v. R. 774») für ags. gaian. 
'Freilich muss es im fries. etwa: mit geschrei einen jagen be- 
deuten.' Diese etymologie ist nicht möglich; es müsste sonst afrs. 
*gala heissen. g steht im afrs. nur vor demjenigen e, i, das aus 
u, ü, 0, umgelautet oder germ. ai ist. gela kann somit nur germ. 
*güljan, *gdljan oder *gailan sein oder auch *gulwja7i. Auf alle 
fälle ist das e lang; falls aus *gailan: offenes e, sonst: geschlosse- 
nes ^. Ein starkes *gailan könnte nur 'ausgelassen sein' bedeuten. 
Got. gdl/an 'grüssen' bleibt der einzige positive anhält, so dunkel 
auch die bedeutuiigsvermittlung. Vgl. v. R. 1164* u. 11 19 s. v. ut- 

gerda 'gürten' fohlt bei v. R. S. unegert. [gela. 

giata 'giessen'. Vielmehr iata, d. i. iäta^ anzusetzen. Belegt 
ist nur einmal hiiuth in der hs. E ^ der Emsiger busstaxen 229, 



ZUM ALTFRTES. WÖRTERBUCH. 313 

19. Auch weDn an dieser einen belegstelle zufällig *bigiuth 
geschrieben wäre, stände die ansetzung von iäta ausser zweifei. 
Hinsichtlich der Verteilung des anlautenden g- und i- haben 
die neufries. mundarten den alten zustand getreu bewahrt: es 
heisst nun bei Westing jaten, wang. yöp/, Cad.-Müller jaaten, 
sat. jödtd, G. Jap. und nwfr. jieite. Das praeteritum und 
verbaladjectiv hatte natürlich anlautendes^ und ist mit Sicherheit 
als gät und geten (bez. gitin) anzusetzen. Vgl. wang. yot, 
yitdn, sat. göt (neben der neubildung fit), getn, nwfrs. geai, 
gelten. 

gland, gliand 'glühend'. Siebs sagt Beitr. 11,221 anm.: 
^gland 'glänzend', wo v. Richthofen (Afrs. Wörterbuch p. 776) d 
annimmt ^), hat a und ist mit mhd. glander, glinden zusammen- 
zustellen'. Diese behauptung ist, so bestimmt sie ausgesprochen 
ist, so falsch. Erstens bliebe so die form gliand unerklärt 
Zweitens heisst es altostfries. gland und nie *gl6nd, wie bei 
kurzem alten a durchaus verlangt werden müsste. Drittens 
heisst das wort nicht 'glänzend', sondern, wie v. Richthofen 
richtig angibt, 'glühend'. Es kommt nur vor: 1) als attribut 
von 'glut' und 'kohle': mith enere glander e glede^) REH 76, 25. 
28. 32; 77, 26 = gliandere F 36 m. = mit gliander coele W 77, 25 
= mei gliaender coele J. M. F., Hettema, 0. F. W. 2, 95, 23 = myl 
eenre gloyender holen im Emsiger plattdeutschen text 77, 25 = 
cum uno candenti carbone im Huns. lat. text 76,25; 2) in dem 
ausdruck thet glande riucht E 58, 25 = thet gliande riucht H 
58,26. 'Das glühende recht' ist natürlich die feuerprobe. Unter 
einem 'glänzenden' recht vermag ich mir ebenso wenig etwas 
zu denken, wie ich mir vorstellen kann, auf welche weise durch 
'glänzende glut' und 'glänzende kohle' o/ thet gdd in brand 
geraten soll, wie im 24. landrecht gesagt ist. Der umstand, 
dass an derselben stelle die eine handschrift glatid, die andere 
gliayid (bez. gliaend) schreibt, beweist, dass gland dasselbe wort ist 
wie gliand. Natürlich ist gliande zu schreiben, und die nebenform 
glände ist nur eine orthographische abweichung, welche auf 
eine mouillierte ausspräche des / hinweist. Analoge beispicle 

*) Davon steht kein wort da. 

') *glat' ist ftlr * kohle' nm der alliteration willen eingesetzt; vgl. 
im selben satze milh eine hdrnande brönde, haue an hüse, hüs and helde^ 
a were and a w^rve. 



314 BREMER 

sind sehr zahlreich, grade fttr l, r und iz. Vgl. z. b. lüde Deben 
liüde Meute', flucht neben fliuchi 'flicht*, fründ neben friund 
* freund*, hrast neben hriast * brüst', tzake neben Iziake *kinn- 
backen', tzurke und tzerke neben tzhtrke und tzierke *kirche'. 
Vgl. van Helten, Beitr. 14, 242 anm. und Aofrs. gramm. § 24 
anm. 2 und s. 243. Ich würde die behauptung von Siebs nicht 
ernst genommen haben, wenn nicht van Helten in seiner Aofrs. 
gramm. § 27 glande 'glühend' unter den beispielen für fehlen 
des Umlauts bei kurzem a vor nasal — hierüber s. v. rerma — 
angeführt hätte und nach § 275 aum. 2 das -ande von gliande 
als die gewöhnliche participialendung -ande aufgefasst hätte. 

Das aus dem participium gliande zu erschliessende verbum 
gliü 'glühen' bereitet der erklärung ernstliche Schwierigkeiten. 
Jedenfalls muss man zunächst auf ein ^glSa zurückgehn; vgl. 
*miä 'mähen', *kriä 'krähen' (zu erschliessen aus Cad.-MUller 
miahnen, sat. miöe, G. Jap. mjean und sat kiöe < kride) < *mSa 
und *krea. Man möchte jenes *glea weiterhin auf ^glfTjan < 
*glqfan zurückführen. Allein die parallelen verba haben im 
afrs. keinen umlaut: bloia 'blühen' (wang. bloi, sat. bldie, nwfrs. 
hloeye\ gröia 'wachsen, gedeihen' (wang, gröi, sat. groie\ nwfrs. 
groeye, *ör6ia 'brühen' (wang. bröi, sat. breue\ *fl6ia 'fliessen' 
(wang. /7ot), *rdia 'rudern' (wang. rdt, sat. rote). Diese umlauts- 
losen formen beweisen allerdings, dass das i unursprünglich ist; 
die verba gehen nach der schwachen d-conjugation; vgl. Amrum 
ru 'rudern', starkes verbum > Föhr rui schwach. Es scheinen 
also als grundformen ags. bldwan u. s. w. vorauszusetzen zu sein, 
welche durch *bldia u. s. w. ersetzt wurden, bevor aus altem 
da im fries. uä geworden war (vgl. duä 'tun'). Wir wissen 
bisher noch nicht, wie weit verschiedene praesensklassen den 
langvocalisch auslautenden verbalwurzeln zu gründe liegen. 
Wäre es nicht denkbar, dass neben ^bldwan, *gr6wan, *br6wafi, 
*fldwan, "^röwan ein anglofriesisches verbum glejan mit j im 
praeseusstamm gestanden habe? Das friesische ist ja auch 
sonst grade hinsichtlich der in frage stehenden verbalklasse sehr 
altertümlich. Vgl. im gegensatz zu den oben angeführten in- 
finitiven */w|ä und */rrjfa; afrs. weia, rvaia * wehen' (wang. tvei, 
sat. weie, nwfrs. waeye).^) Ich würde selbst die annähme eines 

*) *dreia, *dra%a 'drehen* (wang. drei, nwfrs. draeye) ist wegen 



ZUM ALTFRIES. WÖRTERBUCH. 315 

germ. ^glä- (> afrs. gl0) als alter ablautsform zu ^glö- der 
erkläruDg vorziehen, welche van Hellen, Aofrs. gr. § 275 anm. 2 
gibt, dasB nämlich gliä ^wahrscheinlich eine durch die formen 
der 2. und 3, s. pr. i. iglest, -th (aus *glewis{t), -ith, urspr. 
*gldwizi, -ibi\ neben *blist, -Ih, *mes(, -ih, *s6st, -th (aus *We- 
wis{i) u. 8. w.) vermittelte analogiebild. nach *blia, *mia^ *$ia 
gelten darf; die phonet. entwickelte form hätte gldrva ge- 
heissen = ags. gl6wan\ Ja weshalb denn nur grade bei 
diesem einen verbum und nicht auch bei 'blühen* u. s. w.? Und 
hätte es ferner nicht weit näher gelegen , dem vorbilde 
der viel gebrauchten verba duä und fä zu folgen, deren 2. 
und 3. sg. auch dist, deth und fSst, feth lautet, als dem der 
verba *miä und *kria^)l Also ^glyß oder *glal Und hätte 
es nicht noch viel näher gelegen, wenn unser verbum sich 
dem Stammverwanten bldia, gröia u. s. w. angeschlossen hätte? 
Eben die abweichung von dem normaltypus weist uns darauf 
hin, dass wir es nicht mit einer neubildung, sondern mit einer 
altertümlichkeit zu tun haben. Glücklicherweise liegt die er- 
klärung nicht so fern: wir bedürfen der oben gegebenen an- 
nähme gar nicht Das Verhältnis vom amr. ru 'rudern' zu führ. 
rui (einer bildung wie afrs. bldia) weist uns den rechten weg. 
Auf Amrum ist ru noch ein halbwegs starkes verbum : rui, ruist, 
ruit (auch rust), pl. rui, praet. rusi, verbaladj. run (neben der 
neubildung rusi). Auf Föhr geht dasselbe verbum schwach: 
rui, ruist, ruit, pl. rui, praet. ruid, verbaladj. ruid. Natürlich 
flectierte man das verbum auf Föhr früher ebenso wie auf 
Amrum. Ein analoger übertritt hat bei afrs. gröia u. s. w. statt- 
gefunden — und, wie ich glaube, auch bei 'glühen'. Das par- 
ticipium 'glühend' ist eine isolierte form, die man — zumal 
in den formein, in denen gliande allein belegt ist — als ad- 
jectivum empfand und somit von dem verbalsystem trennte. 
gliände ist also ein 'lautgesetzlicher' rest des alten typus aller 
dieser verba: eines ehemaligen *gliä 'glühen*, *griü 'wachsen' 
u. s. w. Diese formen sind regelrecht durch die mittelstufe 

des d statt des sonst zn erwartenden / ein plattdeutsches lehnwort, ebenso 
wie amr.-führ. drei gegenüber dem echten (re *halme drehen'. 

Dieses letztere verbnm hätte an die stelle von *bl ä nnd *siä zu 
treten, da die ansetzung wenigstens der ersteren der beiden verba mit 
lä sehr unsicher, wenn nicht gradezu falsch ist; vgl. G. Jap. blaeye. 



316 BREMER 

*gl6a, *gria aus germ. *gl8jan, gröjan u. 8. w. CDtstandeD. Der 
neue typus *gr6ia kam durch den eiDilu88 de8 praeteritums 
*grdde und des verbaladjectivs *grdd auf. Die 3. sing, greth 
H 333, 15 gehört noch zu dem alten infinitiv *griä^), groyt und 
hloyt S 491, 5 schon zu dem neuen gröia, hlöia. Sat heisst es 
heute gleue ebenso wie hreue, und wfrs. gleon, gleaun ^glühend' 
bei Gijsbert Japicx ist das neue participium = afrs. *glmde. 

Das friesische führt also zu einem ui-typus "^gröjarij prae- 
teritum *grdda, im gegensatz zu dem ags. ^dwan, praet. yreow. 
Die von mir (Niederd. jb. 13, 11 f. anm.) als 'nordsächsisch' be- 
zeichnete mundart stimmt mit ihrem ru (rui, grut)^) zum ags., 
ebenso wie das im urgerm. parallele verbum 'tun', hier du (so 
auch fu\ das ags. ddn (fön) ist und nicht das afrs. duä {fa). 
Wie der ags. und afrs. typus zu yereinigen sind, diese frage 
bleibe hier unerörtert. Ich bemerke nur, dass mir die annähme 
unumgänglich erscheint, dass zwei verschiedene praesensklassen, 
indog. langvocalisch auslautende, unthematisch fiectierte stamme 
und indog. thematisch fiectierte mit j im praesensstamme in 
dieser klasse zusammengeflossen sind (vgl. Zs. fdph. 22, 496 f.). 
Letztere hätten also im afries., erstere im ags. den ausschlag 
zu geben. Zeigt auch das afries. verbalnomen grdwinge noch 
den it;-typus, so sind wir doch nicht zu der annähme berechtigt, 
dass noch in dem altfries. verbum selbst beide tfpen neben 
einander gestanden hätten {gliä, aber grdwa). Eine derartige 
Scheidung ist, soweit ich sehe, nur in einem falle noch möglich 
und zugleich notwendig. Auf Amrum und Föhr sagt man wei 
'wehen' im gegensatz zu se 'säen', (re 'halme drehen', ble 'blasen, 
hauchen', kre 'krähen'. Afrs. weia, waia 'wehen' ist in gleicher 
weise auf urgerm. *w^jö zurückzuführen, *miä, *kriä aber (sei 
es unmittelbar, sei es durch die mittelstufe *mä'wö, ^krcewö 
hindurch) auf *mcBü, *krceö,^) 

») Vgl. mSlh *er mäht*: *miä. 

>) biöi ' blühen ' ist wohl ein plattd. lehnwort. 

[^) gliandf gland kann möglicherweise auch auf ein altes *giian 
zurückgeführt werden, von dem (nwfrs. gleij^ von sonne und luft, Wassen- 
bergh, Taalk. bydr. 1,35 f. 0. B.) ahd. glt-mo, glei-mo *glühwurm\ ags. 
^Uh'Vi (^= *^lai'mi-) etc. abgeleitet sind. Andrerseits findet sich das oben 
s. 315 vermutungsweise angesetzte germ. *^lcjan vielleicht noch direct 
in dem (freilich schwach gewordenen) altnorw. glcc{j)a^ isl. gljd, das vom 
weissstrahlenden frost und vom nordlicht gebraucht wird : oc leider fram 



ZUM ALTFRIES. WÖRTERBUCH. 317 

gll'ä ^glühoD' 8. gland. 

glisa. Vielmehr glisia, auf grund der 3. sg. glisat. 
Günther 57. 

gODg 8. ümbegung. 

grcva stellt Kögel, Zs. fda. 33, 24 zu ags. ^erefa. Un- 
möglich; sonst müsste es afries. *reüa heissen. 

ham und hamreke. Nach Stratingh, Marken in Fries- 
land, Versl. en meded., afd. letterk. deel 9, s. 52 anm., scheint 
ham^ hem 'wohnplatz, heim' ein von hcm, htm verschiedenes 
wort zu sein. Letzteres ist ein durch graben abgesondertes 
stück land, auch hamlanä genannt. Arends, Ostfriesland und 
Jever 2, 29 leitet hammer- oder hamrichland, wie der alte klei- 
boden im norden und osten von Ostfriesland heisst, der im 
Westen meedland genannt wird, wie dies von mähen, so jenes 
von kämmen ab, das im afrs. desgleichen * mähen', eigentlich 
^hauen' bezeichne — tatsächlichnur'verstümmeln'(8.A^mma). Es ist 
indessen nach Stratingh a. a. o. die frage, ob hamrichland dieselbe 
benennung ist wie hammerland. Auch ich nehme mit Stratingh 
an : 1. hem^ hemes, 2. hem {ham)y hemmes {hammes).^) Beide wiirter 
sind nach den belegen bei v. B. s. v. ham sehr wohl zu scheiden. 
Van Holten, Aofrs. gramm. s. 131, § 160, übersetzt hem oder 
hemme 'eingefriedigter, für den Zweikampf bestimmter räum'. 

handa, henda. Vielmehr allein henda. Formen mit a 
kommen bei diesem verbum nur da vor, wo Verkürzung vorliegt, 
und diese ist im afrs. regelrecht a für e und e. 



(iecqvan skima mceti glceannda froste Spec. reg. 61,85 Brenner (= 52,33 
Keyser-Mnnch-Unger, hier mit der yakT.lect. giianda, gli/janda)\ at pceita 
lios (das nordlicht) munnde skina (var. gtia) af frosti oc iaclum ib. 50, 
IS (= 48,3), af hanum sioenndr (var. gliar) gliair) poBtla lios ib. 56,23 
(= IS, 7); vom Schwerte: gljdndi (var. glöandi svert! Karlamagnüssaga 
177,20 (Fritzner 1,612). Uebrigens sind die wnrzelformen ^tt, ^lai und 
^U, ^lö vielleicht unter der Voraussetzung eines alten ablauts j/ei, ^/^i, 
^/oi, ^t\, ^li zu vereinigen; s. z. b. Fick, Et. wb. 1^416. E. S.] 

[^) Dies wort ist ohne zweifei identisch mit ags. ham{m\ mit dem 
es auch bereits von Kemble, Cod. dipl. 3, XXVII identificiert ist: 'It is 
so frequently conpled with words implying the presence of water as to 
render it probable that, like the Friesic hemmen, it denotes a piece of land 
Burrounded with paling, wicker- work, etc., and so dofended against the 
Btream, which wonld otherwise wash it away' (Bosworth-ToUer 506«). 
Vgl. auch Leo, Kectitudines 82 f. E. S.] 



318 BUEMER 

havk 'habicht', vielmehr als havuk anzusets^n. Vgl. sät 
hauük 'habicbt, falke', G. Jap. hauck. 

hei 'sinn'. Uuter den belegen fehlt, der besonders charak- 
teristische müh biseite hei ß 159,26 'mit besessenem sinn, be- 
sessen, verrückt'. 

heia, heila 'ferse'. Daneben muss notwendig rüstr. *A{/a 
bestanden haben > wang. hti. 

hemma, hamma heisst nach Kern, Glossen in der Lex 
Sal. 102 nicht, wie v. R. angibt, 'hemmen', sondern besonders 
'verstümmeln'. Salfränk. chamian 'verstümmeln, lähmen '.<) 
Vgl. homelia 'verstümmeln', hemilinge 'Verstümmlung'. Günther 
39 zieht got. hamfs 'verstümmelt' herbei. 

her s. bla, 

herta 'hirsch'. tha h^ tan 'ceruos' Ps. 2\ 

hi 8. bla. 

herbergeman findet man unter hiriberge, 

herfst 'herbst' nur einmal spätwfrs. belegt. Als ältere 
form ist zweifellos hervest anzusetzen, wie noch Wcsting schreibt. 

hersban s. Jaekel, Beitr. 15,535 f. und van Holten, Beitr. 
10,315. 

hervest 'herbst s. herfst 

hlaka 'lachen'. Nicht hlaka^ sondern hlakkia nach aus weis 
des praet hlackade und des neuwfrs. laitsje. Als älteste form 
ist hlahhia anzusetzen. Das kk ist erst im späteren altwestfries. 
aus hh entstanden, grade so wie hier ihth (z. b. in aihtha) zu 
tt geworden ist. Die von mir als 'nordsächsiscb' bezeichneten 
mundarten (Niedcrd. jb. 13, 11 f. anm.) an der Westküste Schles- 
wigs stimmen zum anglischen hlwhhan (vergl. Sievers, Ags. 
gramm.^ § 162, 1), wenn auch die flexion die der schwachen 
(7-verba ist: Amrum (und analog Föhr, Süd, Helgoland) iäxi. 
In den eigentlich nordfriesischen mundarten aber heisst ^lachen' 
läko oder iök9 {ö = offenes langes o). Wie aber verhalten sich 
hierzu die neuostfries. formen: Cad.- Müller legten, wang. /ä/, 
sat. Iayj9? Der einzige beleg für afries. hlakkia stammt aus 
Wcstfriesland. Im ostfries. ist der übertritt in die schwache 



[') In Hessels* Lex Salica 480 (§ HS). 504 (§ 159) erklärt Kern das 
wort jetzt mit *to pinch, sqaeeze', obwol auch er homelia zur ver- 
gleicbung herbeizieht £. S.] 



ZUM ALTFRTES. WÖRTERBUCH. 319 

0-coDJugatiou nicht auf dem ganzen gebiet erfo)gt. Wang. läy 
beweist für das WeBcrfriesiscbe, wenn auch nicht die ursprüng- 
liche flexiou — das wort hat umlaut und gebt schwach: läy, 
läyet, läyeien, läyet — so doch einen afries. inf. auf -a und 
nicht auf -ia. Denn wir sind nicht berechtigt fttr das wang. 
einen conjugationswecbsel anzunehmen, da sonst im wang. regel- 
mässig verba auf -t den afrs. auf -ia entsprechen. Die sat. 
flexion stimmt zu der westfriesischen. Die wgerm. geminata 
hh ist im ostfries. nach ausweis dieses einzigen beispiels 'er- 
weicht' worden. Mit der Schreibung / habe ich in diesem falle 
nicht die stimmhafte, sondern nur die lenisaussprache bezeichnen 
wollen. Also altostfries. *hlahhia (Ems), *hlehha (Weser) mit 
hh und nicht mit g, Uebrigens beweist der mangel des Um- 
lauts im sat., wfrs. und nordfrs., dass hier der übertritt in die 
schwache d-conjugation sehr alt ist und in die zeit fällt, als 
die Angelsachsen noch auf der kimbrischen halbinsel sassen. 

hlcda 'läuten' fehlt bei v. R. Günther 43 belegt das praet. 
hlette F 44 o. Vgl. nwfrs. Hede 'tönen, lauten, läuten*, praet leite. 

hleta. Der artikel ist nach Kern, Taalk. bijdr. 2, 192 zu 
streichen. Van Helten, Beitr. 1 4, 252. 

hlla. Lehrreich ist die bedeutung von sat. Ie9 'gestehen, 
wenn man vorher nicht mit der spräche heraus wollte, womit 
auch der begriff der reue über die tat, die man gesteht, ver- 
bunden ist'. 

hlidia. Vielmehr hMa 'bedecken* trotz des einzigen 
belegcs to hlidiane F 307, 32. Günther 23. 

hlöth. Synonym mit warst, aufzufassen als 'heerd', nach 
Kern, Taalk. bijdr. 2, 191. Jaekel, Zs. fdph. 23, 140: 'eine zum 
einbrechen vereinigte schaar oder bände'; vgl. ags. hldti 'eine 
zum gemeinsamen stehlen vereinte gesellschaft oder bände von 
7 bis 25 dieben' (Schmid, Gesetze der Angelsachsen s. 17).*) 

hongia muss als besonderer artikel angesetzt werden. 
Die belege verzeichnet v. R. unter hua, 

hopia 'hoffen'. Praet. hopade 'sperauit' Ps. 2*. Nwfrs. 
hoopje. 

höria 'huren' fehlt bei v. R. Nur in overhoria. 



[>) Vgl. auch ags. hlötfere praedo Wright-WUlcker 1,506 = ahd. 
landeri latro Tatian 190, 8. E. S.] 



320 nKEMEU 

hoxene, hoxne 'kniekehle'. Vgl. zu diesem artikel 
Friesche volksalmanak 1890, s. 48 anm.: 'Die boxt' komt voor 
als aanwijzing of naam van een stukje land op het Register 
van Aanbreng, op Suyrich, dl. III, pag. 419. 'Hoxe wordt in de 
Friesche taal Dog gebruikt voor de kniebuiging, alzoo vor dat 
deel van het menschelijk been, waar, bij buiging der knie, door 
onder- en bovenbeen, en hock wordt gevormd'. 

box na. Vielmehr hoxniOj auf grund der 3. sg. hoxnath. 
Günther 58. Nach Kern, Taalk. bijdr. 2, 1879, nicht 'behexen*, 
sondern eine art von lähmen'. Welche, s. hoxene.^) Vgl. van 
Helten, Beitr. 14,253. 

href 'bauch' s. rif, 

hreilmerk, wörtlich 'gewandmark', geldwertbezeichnung 
<» 4 weden = V3 Humerk. 'Seitdem man statt der wede regel- 
mässig mit metall zahlte', bedeutete reilmerk 'die summe von 
4S Pfennigen oder 4 Schillingen. Sie war und blieb aber doch 
die grosse, in der man nach alter gewohnheit die summen, die 
an die friesischen gerichtsgemeinden zu zahlen waren, aus- 
drückte, und flir die sich in dem reinen metallgeldsystem kein 
entsprechender name fand. Die reilmerk .... blieb die mark 
des inneren friesischen Verkehrs, weshalb flir sie auch, nament- 
lich und zuerst in den westlichen landen Frieslands, der name 
Volksmark ('liudmerk') aufkam. Im Verhältnis zu den vielen 
anderen marksorten, die allmählig bei den Friesen eindrangen 
und neben einander gebraucht wurden, nannte man sie dann 
auch vielfach die 'kleine' mark'. Jaekel, Zs. f. numismatik 
11 (1884), 1S9. 191 f. 200 f. und 12 (1885), 170 f. 189. Im 
gegensatz zu v. Kichthofen zeigt Jaekel bes. s. 1 7 1 anm. die Iden- 
tität von hreilmerk und liudmerk. 

hreka. Vielmehr hrekka 'reissen'. Günther 39. 

hrcne 'rein' s. rem, 

hreplik s. replik, 

hreppa s. reppa. 

hreppinge s. reppinge. 

hrif 'bauch' s. rif, 

hrither 'rind'. Kern, Glossen in der Lex Sal. 49 f.: 
'Dies allbekannte wort bedeutet gewöhnlieh rind überhaupt 

\}) So schon Bugge, Tidskr. b, 302 zu ags. onhöhsnian, E. S.] 



ZUM ALTFRIES. WÖRTEKBÜCn. 321 

oder 'koebeest', wie man im ndl. sagt'. 'Neben der allgemeinen 
bedeutung besass es auch die, welche es im nordfriesischen hat; 
das nordfries. redder oder ridder ist rind, aber ganz besonders 
ein junges, und im bauernfriesischen bezeichnet riete (aus rid- 
dere) immer ein junges rind, eine färse'. 

h r ö r i a. Günther 63 belegt die 3. plur. praes. rarat F 120 o. 
Parallelverbum mit gleicher bedeutung hrer(i. — Compos. bi- 
hroria, 

hüre s. foraMre und landhüre. 

husa. Vielmehr ^iim 'beherbergen', auf grund der 3.8g. 
hüsaih und des opt. hüsge, dazu praet. wfrs. hüsade belegt. 
Günther 58 und 68. Vgl. sat. hüzje *ein haus bauen'. 

h w 11 i a ' welken ' (?) fehlt bei v. R. Verbaladj. wilat F 272. 
Ahd. hrnlön? Günther 61. 

lata 'giessen' s. giaia. 

feldmerk ^geldmark* oder höchste mark, eine mark zu 
12 Schillingen. Dazu vgl. Jaekel, Zs. f. numismatik 12 (1885), 
178—184. 

ifnia 'ebenen' s. ivenia. 

isern, Irsen 'eisern' adj. fehlt bei v. R. In der wfrs. 
Chronik steht een yrssen flayle. Vgl. nwfrs. izeren. 

itskeddia 'erschüttern'? Zu skeddia 'stossen, schütteln'? 
/7- vor s für id-'i it skeld - enda 'concucientis' Ps. 2\ 

i venia, ifnia ^ebenen' fehlt bei v. R. S. eifna und tnena. 

kampia, nebenform zu kampa, kempa, fehlt bei v. R. Opt. 
praes. kampie FH 160 n. Günther 63. 

ked und kgthere 'instructionsrichter'. Kern, Glossen in 
der Lex Sal. 78 f — Minssen, Fries, archiv 2,191: es wählte 
'in Ostfriesland jede gemeinde ihre Vorsteher, die vorzüglich die 
polizei und militärsachen verwalten mussten, sie hiessen bauer- 
richter, kedden auch schüttemeister, in den Städten schütten- 
richter und schütten hoftlinge; schon vor dem Jahre 1567 waren 
diese zu Emden bekannt, wo sie grenzstreitigkeiten entschieden, 
die Stadtpolizei besorgten, die aufsieht über den schiessgraben 
führen und die bürger im schiessen üben mussten. S. Ostfries, 
mannigfaltigkeiten, bd. 2, s. 251'. 

keia 'behüten' fehlt bei v. R. Günther 45 belegt das 
praet. kayde F 120 m. Zu kei, kai ' Schlüssel'. 

B«itr&g6 sur gMohiohte dar danttohan iprMha. XVU. 2L 



322 BKEM£R 

keke 'kinDbacken' E226, 14 ist zu streichen. E^ ist ein 
Schreibfehler fttr beke (van Helten, Aofrs. gr. s. 108, § 133 anm. 1). 
Eine afries. form keke gibt es also nicht. Was Siebs, Zar 
gesch. d. engh-fries. spräche 1, s. 195 über das Verhältnis von 
afrs. AVAr t\x tziäke sagt, ist hinfällig: |ä in iziäke ist nicht 
aus f durch vorausgehenden palatal diphthongiert worden, ist 
vielmehr = germ. ro; vgl. ags. ceoce,^) Afrs. iziäke regel- 
recht ^ waM. sdke *wan^'. 

kolda fehlt bei v. R. Verbaladj. ekall F 100 o. Ahd. 
kaifAi = frigidum fieri. Gttnther 39. 

ki^there s. AVd 

koka 'kochen*. Vielmehr kokia. Vgl. wang. kocki^ sat 
At^;>. luidhoeksch koi^'e, landfries. koaitfje. 

kona. Nach Jaekel. Zs. f. numismatik 12 (i&S5), 151 f. 
ist der Schilling c^^na 'ein Schilling* ^d. i. eine zwölfzahl) Kölner 
pteiinige* Das wort 'cona* ist daher höchst wahrscheinlich ans 
H\dQa* zu erklären« zumal es der friesische dialekt liebt, das / 
vor dem nasal ausfallen zu lassen*. Dann ist natfirlich cöna 
tu Icos^n. Zur as»imilarion eine$ j* an folgenden nasal vgL 
«itv»r,M\ii soll man* B 176. 17. L- 146,3. ISS. 23. F 5 mal; pL 
^^^ s^^Uen* H S2r>,6. IS. ;kU\29. £ und F Ott Näheres fiber 
den ji^<.;;ri^' o,u(j Jaekel a. a. o. 147 — 152. 

korta. keria. kirta. l>er bei« ifr: E517. 1 cehort viel- 
mehr lu c^-^^« nach van Uel;ec« Aorr^k fnnun. ». SS. 

krawa. titciher Z^S serz: ir*jLw:ji a^, auf rrs»! der 3. sg. 
i*^««r^l F>6vV TUM ^-er^ieicÄi aü c'ir^xwyi "carpere*. 

kr:s:ef :a virsss wifrcec" fcÄl: *>ci v. IL Praec pL chrisie- 



lii *Io;' ier Ki*:r. >iä$:;uLe&. ü K^. 1 ^ 4 *Biii» als 
ct3: l'^H fvHC £eäi5^ w^niett. ird e* bsc ". I-.; i^.ic saefa dem 



'.V*«» '^?r*ii T^it): 4.vr ii<* si««^ «^cftfa^ 21^ iz: ier tia-e« Melle 



ZUM ALTFRIES. WÖRTERBUCH. 323 

laga. Vielmehr lagia ^bestimmen', auf grond des praet. 
lageden F 8 o und des verbaladj. elagad, 

län 8. fvifhirlän. 

1 and hure s. Jaekel, Beitr. 15, 533 f. 

landsture s. van Helten, Beitr. 16, 314 f. 

lede ist nach Kern, Taalk. bijdr. 2, 172 f. zu streichen. 
R 173,22 ist hülede zu lesen 'wie beschaffen?' 

lega, leia, ledsa, lidsia Megen'. So v. R. Der einmal 
belegte inf. legen ist schon wegen des n plattdeutsch. Auch 
leia ist nur einmal belegt und wird wohl eher auf einem ver- 
sehen beruhen, als dass eine analogiebildung nach der 2. und 
3. sg. praes. leist, leith, dem praet. leide und dem verbaladj. 
leid anzunehmen wäre, wie sie in dem mundartl. leie im sat. 
vorliegt. So bleibt allein afrs. ledsa, ledza, wfrs. lid{s)z(i)a. 
Vgl. wang. lidz, sat. lezze, nwfrs. lizze. S. liga. 

leinmerk, wörtlich ' leinwandmark ', geldwertbezeichnung 
= 3 reilmerk = 12 weden. Daflir seit dem 11. jh. die metall- 
münze 1 mark = 12 Silberschillingen. Jaekel, Zs. f. numismatik 
11 (1884), 189. 198.200. 

lema, lama 'lähmen'. Vielmehr lemma, lamma. Die allein 
belegten formen der 3. sg. ind. praes., des conj. praes. und des 
verbaladj. müssen natürlich einfaches m haben. 

lena, lenia. Vielmehr 2 verba: 1. lena, 2. lenigia. Letz- 
teren inf. erfordert das verbaladj. lengad R^ 117, 6. 8^ dessen 
g nicht, wie v. R. will, für j steht Günther 63 und 69. 

lenda 'zu ende bringen'. Opt. praes. lende E^ 146,6 (so 
statt eende zu lesen). Vgl. mnd. lenden. Van Holten, Aofrs. 
gramm. s. 224. 

lema, lirna. Vielmehr lemia, Hmia Memen', auf grund 
des verbaladj. gelemad, elirnad, Günther 58. 

lesene, *mit dem ahd. Misina' identisch, bezeichnet ebenso 
wie das ahd. Hesa', mhd. Mose' einen wollenen kleiderstoff sowie 
ein daraus verfertigtes kleidungsstttck', 4st also nur ein anderer 
name für die wede.' Jaekel, Zs. f. numismatik 12 (1885), 148. 

let. '1) im pos. . . •' bis Uha liaua aniha letha E 6, 9' ist 
zu streichen. Beide belege gehören nach Kern, Taalk. bijdr. 
2, 174 vielmehr zu leth 'leid'. Auch die unter 2)a angegebene 
bedeutung 'schlechter' kommt let nicht zu. Der einzige beleg 
hierfür littere E 99, 6 gehört eben wegen der bedeutung (gegen- 

21» 



324 ßREMfiR 

salz zu bethere) rielmehr zu iitik 'klein, gering'. So bleibt für 
let allein die bedeutung 'spät' bestehen, die auch dem nwfrs. 
let zukommt 

lethoga. Vielmehr /^^/{o^'a ^edig, frei machen' aufgrund 
des praet lethogade. GQnther 58. 

leva, lavia, liova 'zurOcklassen'. Das verbum heisst 
ofrs. lh)a > wfrs. liouyui (s. den folgenden artikel). Daneben 
steht, mit gleicher bedeutung, das denom. lävigia, das widerum 
— vgl. nhd. endigen und enden — eine nebenform lävia bat 

leva, linva, liova 'glauben'. So v. R. Der inf. ist ofrs. 
als liva anzusetzen; vgl. v^ang. leiv, ^aX. {jsi)UyLe, Im wfrs. hat 
sich bekanntlich nach jedem langen voeal vor w ein u ent- 
wickelt {leva > *ieuwa); der so entstehende diphthong wurde 
unter Verkürzung des ersten componenten auf dem zweiten be- 
tont, der gedehnt wurde {*leuwa > *leüwa > liüwa), und jedes 
lange ü ist späterhin vor w diphthongiert worden Qiüwa > 
liouwa). Eine form liova hat es sonach nie gegeben; vielmehr 
ist das allein belegte lyowa eben als liouwa zu lesen = nwfrs. 
leauwe. Vgl. die entwicklung des wortes 'abend': ewenda ist 
B. 169, 18 für das ofrs. belegt; vgl. wang. aiven. Auch wfrs. 
ist noch ewnd (jedenfalls schon eünmd zu lesen) a. 1441 Schw. 
521 belegt Schon 1463, 1474, 1479, 1481 heisst es j'ownd oder 
jound — man s. die belege bei v. R. unter ^avend\ — Gleich- 
zeitig ist iuun, iufvn belegt Ein beleg für die moderne form 
jowen stammt schon aus dem jähre 1415. Die zuidhoeksche 
mundart ist auch in diesem punkte conservativer: in dem 
Hindeloper seemanns-almanach vom j. 1679 ist noch eeond be- 
legt. Vgl. auch Leeuwarden > Ljouwert {Lewardiae 1368, Zy- 
ouwerdera del schon 1392 belegt.) 

Igva 'belieben' s. liavia, luvia, levia. 

liacht, licht 'licht'. Letztere form ist zu streichen. Es 
heisst stets liacht. Das einmal belegte lichte W 403, 6 muss 
in liachte gebessert werden, fallp, wie es scheint, das wort 
überhaupt hierher gehört 

liaga, liatza 'lügen'. So v. R. Nur liaga ist als inf. 
anzusetzen. Ueber den angeblichen opt. liatze s. van Holten, Beitn 
14,262. 

liavia, luvia, levia 'lieben'. So v. R. Es sind 3 ver- 
schiedene verba, deren jedes einen besonderen artikel für sich 



ZUM AI/fFRIES. WÖRTEKBUCH. 325 

beansprucht 1. lietvia 'lieb werden ', 2. luvia 'lieben' = ags. 
lufian, 3. liva 'belieben'. Vgl. van Helten, Beitr. 14, 261 f. 

libba, liva, leva 'leben'. So v. R. Natürlich ist als inf. 
nur libba anzusetzen, wie auch allein belegt ist. Die formen 
mit V sind nur für die 3. sg. ind. praes. und für das praeteritum 
belegt, wo sie allein grammatisch berechtigt sind; vgl. van 
Helten, Aofrs. gramm. s. 222. 

liga, lidsa, lidzia 'liegen'. Die erstere form kommt gar 
nicht vor und ist zu streichen; vgl van Helten, Aofrs. gramm. s. 222. 
lidszia, lidzia, lidsza, lidza sind gleichberechtigte Schreibungen: 
auf das d folgt ein ursprünglich mouilliert gesprochenes stimm- 
haftes s. Im nfrs. — schon im afrs. sind die ausätze dazu 
da — sind 'liegen' und 4egen' zusammengefallen: wang. lidz, 
sat. lezze, nwfrs. Uzze bedeutet beides. 

lj(ödmerk s. hr eilmerk. 

litik s. let. 

löndhüre s. landhure, 

löndstüre s. landsture. 

makia s. tnaiia. 

marteldöm 'martyrium' wfrs. Chron. 

marwey, dat sg., urkundlich 1375 bei Emden. Beitr. 15, 543. 

matia, maitia, meitia 'machen'. Der ganze artikel ge- 
hört zu makia. v. R. lässt es ungewiss, ob matia nur eine 
nebenform von makia sei. Es kann indessen keinem zwei fei 
unterliegen, wie schon Epkema gesehen hat, dass die spätwfrs. 
Schreibung matia, meythia, maytia die assibilierung des afrs. k 
darstellt; vgl. nwfrs. meitsje. Zuidhoeksch ist übrigens kj 
erhalten: in dem Hindeloper seemanns-almanach v. j. 1679 
moeoeitge\ einen modernen beleg finde ich grade für dieses wort 
nicht; wol aber zuidhoeksch köl^e 'kochen', hindel. kooilge 
= landfries. koaitsje. Im ostfries. ist k vor dem afrs. -ia (mit 
silbischem i wie im ags.) der schwachen verba erhalten : Cad.- 
MüUer macki, Westing macken und mickie, wsLUg.mackt, sat. ma9kje. 

mea. Vielmehr miä 'mähen'. Belegt ist nur die 3. sg. 
ind. praes. meth. Indessen wird der inf. miä völlig sicher ge- 
stellt durch die neufries. formen: Cad.-Müller miahnen^ sat. rniöe, 
G. Jap. mjean. Wang. mei ist eine neubildung der art, wie ich 
sie s. V. gland, gliand besprochen habe. 



326 BREMER 

mena 'vorwärts treiben'. Als einzigen beleg führt y. R. 
das verbaladj. emenad R^ 131,3 an, aus dem übrigens auch 
nur ein menia zu folgern wäre. Der ganze artikel ist aber zu 
streichen. Nach van Helten, Beitr. 14, 238 und Aofrs. gramm. 
10 (2) steht in der hs. ganz deutlich eivenad. Der beleg gehört 
also zu (venia, ifnia 'ebnen'. 

merk 'mark'. Jaekel, Das friesische pfund und die frie- 
sische niark, Zs. f. numismatik 12 (1885), 144—200. Die fries. 
mark (wie die ags.) = V2 pfund = 3^2 Schillinge = 42 pfennige; 
sie ist 14 kölnische lot schwer und verhält sich zur Kölner 
mark wie 14: 16. 'Die friesische mark ist von der kölnischen 
sehr früh verdrängt worden und hat sich nur im äussersten 
Osten Frieslands, in Rüstringen, Wursten und Wührden, neben 
der kölnischen bis ins 16. Jahrhundert behauptet'. 

merka 'merken' fehlt bei v. R. Belegt ist der imperativ 
merc F 100 m. u. 134 0. 144 m. Vgl. nwfrs. merke. Mit andrer 
flexion merkia. 

m§rn s. möm, 

mt, mei 'mag'. Im inf. als muga anzusetzen. Part, mu- 
ganäe F 52 u. Vgl. sat. müge, gegenüber den neubildungen 
wang. m%, nwfrs. meije. 

miä 'mähen' s. mea, 

missdommat F 136 u. fehlt bei v. R. Günther 63 setzt 
darauf hin dommia an, als parallelverbum neben demma. 

molka fehlt bei v. R. unsometha molka F 112 m. 

monna. Vielmehr monnia 'heiraten', auf grund der 3. sg. 
monnath, Günther 59. Das wort wird begreiflicherweise nur 
auf frauen angewendet. Vgl. wtvia. 

möm 'morgen', nur wfrs. belegt. Daneben ist mit umlaut 
mim für das ofrs. anzusetzen > Cad.-Müller meehn, wang. mSn. 
Dies mim ist, wie ich aus van Helten's Aofrs. gramm. b. 120 
§ 154, ersehe, wirklich belegt in sön a mima R^ 544, 18. Von 
hause aus kommt das i natürlich nur dem loc. sing, zu, dem 
casus, in dem das wort am häufigsten gebraucht wird.^) 

muga s. nd. 



[^) Im ags. ist die flexion morgen — merne noch restweise erhalten. 
Beitr. 8, 331. £. S.] 



ZUM ALTFKIES. WÖRTERBUCH. 327 

na mm OD u. s. w. 'niemand*, nymma Wfrs. ohron. 

nära. Dazu vgl. wang. nodr Hraurig, elend, erbärmlich, 
bemitleidenswert, gering', auch 'geizig, krank, gerührt'; es be- 
deutet überhaupt etwas verächtliches. Vgl. van Helten, Beitr. 
14, 264 f. 

naschfelden s. Jaekel, Beitr. 15, 532 — 535 und van Helten, 
Beitr. 16,315. 

nascpendinge s. Jaekel, Beitr. 15,532 — 535 und van 
Helten, Beitr. 16,315. 

nascsceldes. Jaekel, Beitr. 15, 532 — 535 und van Helten, 
Beitr. 16,315. 

nedigia, nedgia, neda 'nötigen'. Nach Günther 63 viel- 
mehr 2 verba: 1. neda, 2. 7iid(i)gia, denom. von 'nötig', netigade 
K23, 30 wird wohl Schreibfehler fflrnedigade sein; andernfalls 
müsste man eine contamination annehmen nette : nedigade, 

neta. Vielmehr netta 'nützen'. Günther 41. 

nithre. Dazu n ihre (descendit) Ps. 1%1. 

onbogia, on bogeia 'inhabitare' Ps. 2\ 

ondul 'das auf dem aussendeich wachsende gras, das der 
Überflutung ausgesetzt ist'. Nom. pl. ondlar 1356 (Ostfrs. urkdb. 
1, nr. 79). Dat. pl. ondlum 1378 (ebd. nr. 134). In Ortsnamen 
Ondelmeed 1437 (ebd. nr. 469). Ondulmadun im ältesten Wer- 
dener register (Crecelius s. 22). inna Liteka Ondlas 1375. — 
Beitr. 15, 543. 

öntasta. Ger. onthotasten F46u. 

overhora. Nach Günther 58, vielmehr overhöria. 

pas 'augenblick, Zeitpunkt, schritt'. Vgl. Buitenrust Hettema, 
Beitr. 14, 154 f. Zu den belegen op dit pas vgl. wang. fon dit 
pas 'diesmal'. 

passia 'passen, abpassen, abmessen'. Buitenrust Hettema, 
Beitr. 14, 154 f. Wang. pas 'passen'. 

paulunceo 'tabernaculum' Ps. l^ 

pendinge s. nascpendinge. 

pennega. Vielmehr pennigia 'bezahlen', auf grund des 
verbaladj. pennegad. Günther 59. 

plichta fehlt bei v. R. Günther bringt den inf. plichta 
F UOu. bei und das verbaladj. bipUchte F40u. 



328 BREMER 

pünd 'pfund'. Jaekel, Das friesische pfund und die frie- 
sische mark, Zs. f. numismatik 12 (1885), 144 — 200, zeigt 

1. 'dass die Friesen im ersten viertel des 11. Jahrhunderts 
sieben weden (oder lesenen) sowie auch die an wert sieben 
weden gleichstehende metallgeldsumme von sieben Schillingen 
(Schillingen cona) oder von 84 silberdenaren zu einem pfunde 
zusammenfassten.' 'Die friesischen rechtsaufzeichnungen, in denen 
sich das pfund zu 7 agrippinischen pfennigen und das pfund 
zu 7 weden oder 7 Schillingen findet, gehören zu den ältesten 
einheimischen aufzeichnungen des Stammes. Zur zeit ihrer ent- 
stehung kannte man diese beiden siebenteiligen pfundarten in 
ganz Friesland vom Fli bis zur Weser. Was die späteren 
friesischen aufzeichnungen anlangt, so stösst man nur noch in 
einigen Westerlauwerschen rechtsquellen auf ein sieben- 
teiliges pfund, das an metallwert von den beiden genannten 
pfundsorten widerum erheblich verschieden ist'. 'Diese pfund- 
rechnung, deren Ursprung vor dem jähre 1000 liegt', ja 'älter 
als das achte Jahrhundert' ist, war 'seit dem zwölften Jahr- 
hundert im absterben begriffen.' Sie war im 11. jh. 'zwischen 
Fli und Weser im ausschliesslichen gebrauch'. 'Bei keinem 
der andern deutschen stamme findet sich . . . eine spur eines 
derartigen siebenteiligen pfundes'. Nur in der benachbarten 
Drenthe hat dieses eingang gefunden. 

2. Das zwanzigteilige kölnische pfund, im gegensatz 
zum siebenteiligen, = 20 groschen bez. Schilling. Dies begegnet 
uns ausser in der Lex Fris. in den Rttstr., Emsg. und Huns. 
allgem. busstaxen und in den meisten westerlauerschen texten. 
Es hat sich 'von westen her' eingang verschafft, 'zuerst in dem 
westerlauwerschen Friesland', 'dann auch östlich der Lauwers 
in den Ommelanden und im Emslande', aber in Westfriesland 
'die friesische pfundrechnung erst im 15. Jahrhundert vollständig 
verdrängt'. 

Das fries. pfund war schwerer als das kölnische. Jenes 
wog 28, dieses 24 kölnische lot. 

Das pfund 'teilten die Friesen, wie die Angelsachsen', 'in 
2 mark.' 

pündemeta 'pfundmass\ Vgl. Jaekel, Zs. f. numismatik 
12 (1885), 164—166. 



ZUM ALTFBIES. WÖRTERBUCH. 329 

ran na 8. renna. 

redigia. rediegande 'preparantis' Pb. 2^. 

rein 'regen', nur wfrs. belegt, nwfre. rein. Die ostfriee. 
form ist rin > Westing rin, Cad.-Müller rien, riehn, wang. rin, 
sat rin{n). 

reknia fehlt bei v. R., belegt F 122u. 

remia 'einen räum herstellen, erbauen' fehlt bei v. R 
Günther 59 belegt das yerbaladj. remat F 42 o. — Nicht zu 
verwechseln mit rema 'platz machen, räumen'. 

renda, randa. Die letztere form zu streichen. Es heisst 
nur ritida. Formen mit a sind nur in der 3. sg. ind. praes. 
und im verbaladj. belegt, und hier ist a die regelrechte Ver- 
kürzung von e vor zwei stimmlosen consonanten derselben silbe. 

rene ^rein', natürlich als hrSne anzusetzen. 

renna 'rinnen, rennen'. Daneben runna, was v. R nicht 
besonders anführt. Letztere form ist nicht nur R75, 19. 214, 
14 und H 337,29 belegt, sondern auch in dem wfrs. ronna (opt. 
rönne mehrmals, verbaladj. rönnen W 437, 8). Vgl. das Ver- 
hältnis von bäma : büma. ronna hat v. R. als besonderen ar- 
tikel. Zu dem starken verbum runna gehört das praet wfrs. 
ran. remia kann, wenn es gleich an beweisenden belegen fehlt, 
(trotz van Holten, Aofrs. gramm. s.207, § 270 f.) nur ein schwaches 
verbum sein; vgl. das Verhältnis von bäma : büma. Und deshalb 
muss notwendig neben renna die nur zufällig nicht belegte form 
ranna angesetzt werden. Alle verba auf germ. -arnjan, -anjan, 
-aiagjan, -avkjan, -ampjan gehen im afrs. entweder auf -amma, 
-anna, -anga, -anka, -ampa oder auf -emma, -enna, -enga {-en- 
dszia)j -enka {-enszia), -empa aus. Vgl. damma und demma, framma 
und fremma, hamma und hemma, lamma und lemma, wlamma und 
wlemma; kanna und kenna, desgl. mit metathesis bäma und 
berna; branga und brenga (brensza), sanga und senga, stvanga 
und swenga, schanka und skenka (skenzia), thanka und ihenzia; 
kampa und kempa. Wir haben es hier nur mit verschiedenen 
Schreibungen für einen laut zu tun, der zwischen a und e lag. 
Dieses m ist offenbar das ags. m, f, welches statt gewöhnlichem 
e in denselben fällen in gewissen texten geschrieben wird; vgl. 
Sievers, Ags. gramm. ^ § 89, anm. 2 (auch bceman)] die Erf. gl. 
schreiben hier öfter ae, f neben e: die Ep. meist ae, f. Ebenso 
wie ags, mcen, cengel wird auch afrs. bald man bald men ge- 



330 BREMER 

schrieben, 'menBch' bald man{ni)ska bald men{ne)ska, 'enge!' 
bald angel bald enget, 'bengsi' bald hanxt bald hengst, 'länger' 
bald langer bald lenger, 'er geht' bald ganght bald gength, 
'kämpfer' bald kampa bald kempa, ^ fremd' bald fram{e)d bald 
fremed^), 'hemde' bald hamede bald hemethe% 'Ems' bald Amese 
bald Emese.^) Dagegen kommt vor 7id ein analoges schwanken 
nicht vor, wird vielmehr stets e (d. i. e) > wfrs. ei geschrieben; 
vgl. hlenda, endia, henda, pcnda, renda, scnda, wenda, bende, 
enda, wend. Dass im fries. wirklich ein solches ce in jenen 
fällen vorliegt, geht einerseits daraus hervor, dass echtes a vor 
nasal im ostfrs. unerhört ist — in beispielen wie fand, band 
ist der vocal eben deshalb lang, vgl. Sievers, Ags. gramm.^ 
§ 3S6, anm. 3 — , andrerseits aus der entwicklung des neufries. 
Im wang. und sat. steht in diesen fällen a, im nwfrs. i (so 
schon im jüngeren ai/sfrs.; man siehe die belege bei v. R.). 
Z. b. wang. ban, sa», doch sweu, l^ank > tavk, frammit, hammin, 
sat. bamj'e (paddenje), bra^ve, sae»e, ta9»ke, madnske, ha9»st, 
fra9md, nwfrs. rmne, bringe, swinge, skinke, Unke, minske. Weder 
Siebs (Beitr. 11,251; Zur gesch. d. engl.-fries. spr. 79 f.; in 
Pauls Grundriss 1, 731 und 735) noch van Holten (Beitr. 14,240 
und Aofrs. gramm. 31 — 35) haben diese erscheinung erkannt, 
nehmen vielmehr in diesen fällen teilweise erhaltung des germ. 
a an, das der nasal vor dem umlaut bewahrt habe. Ein nasal 
Umlaut hindernd! — !Nwfrs. ri7ine haben wir kein recht = germ. 
rinnan zu setzen, obwohl es stark flectiert wird. 

replik. Vielmehr hreplik. 

reppa. Natürlich ist hreppa anzusetzen. Günther 39. 

reppinge. Vielmehr hreppinge. 

rif, ref 'bauch', ist natürlich als /tr//* anzusetzen. 

rotha. Vielmehr rolhia 'roden', auf grund der 3. sg. ro- 
thal. Günther 59 fragt: gehört hierzu auch das verbaladj. vor- 
rot ad F 100 m.? 

ruda. Vielmehr rüdia 'zerren', nach ausweis des verbaladj. 
{e)rudad. üeber die etymologie dieses wortes = ahd. rülon s. 
Kern, Glossen in der Lex Salica 169. 



^) Diese formen beweisen, dass zur zeit des anglo- fries. i- umlaute 
schon framdi-, hampi-, Amsi- (vgl. Amsivarii) neben framid-, hamip-, 
Amis- vorlagen, folglich dass zur zeit des umlauts in dreisilbigen Wörtern 
Synkope des i eingetreten war. 



ZUM ALTFRIES. WÖRTERBUCH. 331 

runna 8. rerma. 

rütforst. Traditiones FuIdenBes §31: census qui dicitur 
fnltforsl. § 32 rutforsiar. Vgl. Jaekel, ßeitr. 15,532—536. 

salva. Vielmehr sälvia 'salben' nach dem E^247, 5 be- 
legten praeteritnm saluade. Doch vgl. van Helten, Beitr. 14,260, 
der hier ein besonderes verbum saluia 'färben, sieh verfärben' 
annimmt.^) 

samena. Vielmehr fam(^)n/a 'versammeln', aufgrund des 
praet. samanade und des verbaladj. samened, samnad. Die be- 
lege sind aus Westfriesland. Der artikel gehört natürlich zu 
somnia, sogenia 'versammeln' (vgl. auch somnath, sogenath 'Ver- 
sammlung). Hier stammen die belege alle aus Ostfriesland. 
Ostfrs. s(m{e)nia und wfrs. samenia entspricht sich ja genau. 
F20o. steht der plur. praes. sompniat. sog(e)nia ist aus *sou{e)nia 
entstanden ; vgl. sigun, siugun, sogon 7 < *siuun (wfrs. soven, 
saun). *sou{e)nia repräsentiert ein urgerm. *sabnöian neben 
*samnöian. Da im ofrs. o steht und nicht a, so muss das o 
von der form mit m her übertragen sein, lieber urgerm. bn = 
mn und das alter von damit zusammenhängenden analogie- 
bildungen s. Zs. fda. 37, heft 1. 

sana, sannia 'streiten'. Günther 45 setzt nach der 3. pl. 
praes. sarmaih R^ 540,34 und dem opt. sänne F 152 m. einen 
inf. sanna als wahrscheinlich an. Wegen des ostfrs. a vor 
nasal müssen wir senna, sanna (d. i. scenncL) ansetzen ; vgl. meine 
ausfühningen s. v. renna. Die bei v. R. allein angegebenen 
wfrs. belege sind inf. sana und sannia (je einmal), plur. ind. 
praes. sanet (3 mal), opt sänne (einmal), verbaladj. sand (4 mal). 
Während diese belege sonst stimmen, kann der inf. nicht richtig 
überliefert sein. Analogiebildungen der art wie *sana nach 
sanet kommen nie vor; wir müssen W 388, 18 also sanna bessern. 
Dass auch W 41 1,20 sanna einzusetzen sei, wage ich nicht so 



[>) Die ganze stelle ist nach Deut. 8,1fr. bez. 29, 2 ff. gearbeitet, 
und die werte ne hira tvede ne saluade entsprecheD den werten vesti- 
menlum tuum . . . nequaquam vetusiate defecit . . ., ^n quadragesimus annus 
est 8,4 oder adduxit vos guadraginta annis per desertumi non sunt at- 
trita vestimenta vestra 29, 5. Vgl. auch mhd. stellen wie ir gewant be- 
gonde salwen von heizen trähen Nib. 1334, ob da an schoetien vrouwen 
saiwet iht liehter wcete Kudr. 1669 (Mhd. wb. 2\ 35). Damit ist van Helten« 
deutung wol sichergestellt £. S.] 



332 BREMER 

bestimmt auBzusprecheD, weil die möglichkeit eines flbertritts 
in die e^-eonjugation, so wenig auch wahrscheinlich, doch nicht 
ausgeschlossen ist; vgl. kompia neben kampa^ kempa u. dgl. 

sansa 'senken' nur einmal belegt. Nach dem s. t. renna 
ausgeführten, müssen wir sanka, senka sens{z)a ansetzen. Die 
schwachen verba mit wurzelauslautendem k oder ng gehen im 
afrs. oft auf -ka, -^a, oft auch auf -sza bez. -szia aus. YgL 
über die analoge erscbeinimg im ags. Sievers, Ags. gramm.^ 
§ 206, 6). So wird bald rika bald re/^Oa, bald sika bald siza 
geschrieben, smekka und smeisoj werka und wirtza, skenka und 
sketizia, thanka und thenz{i)a, thinka und thms{zi)a, brenga und 
brensza. Das neufries. hat hier überall k oder v, ein beweis, 
dass die ausspräche im afrs. zwar palatal (vorn am harten 
gaumen), aber nicht assibiliert gewesen ist. Hingegen wgerm. 
gg in 'sagen', 'liegen', Megen' hat im afrs. assibilierung erfahren: 
es heisst afrs. stets seä{s)za oder sidza oder sidsa, lid{s){z{Oa, 
iedsa oder Udza oder iid{s)(z{Oa; wang. — , iidz, Udz\ sat. — j 
Uzze, iezze; awfrs. sizze, iizze, lizze. Hier hat also ein j be- 
standen, als es in jenen fällen schon geschwunden war. 

sea *8äen\ So v. R. Belegt ist allein das starke verbal- 
adj. esen. Wahrscheinlich ist als inf. *siä anzusetzen (vgl. & v. 
giand): denn Cad.>MQller schreibt ziahn und in der 2. aufl. zy- 
ohnfH 'sehen, Seminare*. Wang. ^i^, das schwach flectiert: send, 
sendfH. send^ wird wol eine neubildung sein, wiewol ich nicht 
weiss wonach, und wiewol e statt wang. ai nur im auslaut gesetz- 
mäs«ig ist ^z. b. se 'die see\ also auf einen inf. ^se <^ afrs. 
*s^ hinweist. Auch 'knlhen* und 'mähen' sind im wang. un- 
ursprünglich: krö, kröd. kroden, krod: mei. meid^ meiden^ meid. 
Im sat. entspricht, auch schwach dectierend. kriße v> kioeX krtde, 
krid und « JiV. in^^nW. me.ndrne. mepi\,d . Sat. sedj'e und nwfrs. 
sie4je 'Säen' sind denominativa von 'saat\ 

seka. se;?a. sedsa, sidsa *sa^n*. So v. R. Die ersteren 
beiden formen sind zu streichen, seka hat v. R. nach der 3. sg. 
seitk ^ ffK-'hf gebildet und nach dem ooni. y^if /r^. wof&r 
bei der unbehohecheir der afrs. ortLixcrapbie einmal sfke sre- 
schrieben ist. Eine form mi; y kommt in der dexion de$ verboms 
tt*>fr:aupt nicht vor. Ls bleibt sonach als iü bestehen ofi^ 
st^tzj und wfrsw WJcj. fid^a ^ nwfr«^ tizzf . Der einmal 
belehrte ioL se^y^ W 431. 22 ist nat^iiecL die platideiitKhe 



ZUM ALTFRtES. WÖRTERBUCH. 333 

form, wie sich solche fremdlinge ja gar nicht so selten in un- 
seren texten, bes. den westfriesiscben, jüngeren finden. 

sSknia fehlt bei v. R. Belegt ist der opt praes. seknie 
F HO u. Das wort gehört zu sikne. Günther 59. 

selia entnimmt Gttnther 59 zweifelnd dem verbaladj. 
vneselade F 112 m. 

senda, sanda, seinda 'senden'. Die mittlere form ist 
zu streichen, a wird nur geschrieben, wo kürzung des e vor- 
liegt: 3. sg. ind. praes. sani, praet. sante, verbaladj. {e)sant, 
Wfrs. seinda ist regelrecht aus senda entwickelt 

sera, sara 'anordnen, rüsten' sollte als serva angesetzt 
werden. Nur zufällig sind grade nur formen mit einfachem r 
belegt. Bekanntlich vollzieht sich der lautwandel rv > r in den 
afries. denkmälem vor unseren äugen, serva geht auf germ. 
*sartvjan zurück. Ob neben sera eine form sara zu recht be- 
standen hat, bezweifle ich. Falls die beiden belege für a nicht 
auf einem Schreibfehler beruhen, so läge es am nächsten, an 
einen laut c9 (vgl. s. v. renna) und an einen dem anglischen 
entsprechenden lautwandel zu denken; vgl. Sievers, Ags.gramm.^ 
§ 159, 1. Allein das scheint nicht zuzutreffen. Zwar von verben 
auf -arwjan kommt sonst im afrs. nur noch hwerva vor, 2 mal als 
hwarva belegt, und binera, ausser an den 4 bei v. R. angeführten 
stellen noch EMS, 1 8 und F 14 m. mit e belegt ; vgl. dazu van Helten, 
Beitr. 14, 264 f. Unsicherer ist warnet W 411, 21. Aber 'der 
erbe' und 'das erbe' ist massenhaft als erva^ erve belegt, ohne 
dass Schreibungen mit a da- neben vorkämen. 

s|ä 'säen' s. sea. 

sia 'verwunden', lieber dieses angebliche wort hat van 
Helten Beitr. 14, 269 f. gebandelt und abschliessend Buitenrust 
Hettema, Bijdragen tot het oudfriesch woordenboek 52 — 54. 
Beide haben übersehen, dass schon Kern, Glossen in der Lex 
Sal. 101 f. eine deutung «= lat. secäre versucht hatte, die sich 
freilich nicht mehr aufrecht erhalten lässt Das verbaladj. esin 
H 86, 5, in dem van Helten s. 270 ohne ausreichenden grund 
eine verscbreibung für *esSn erblickt, kann natürlich mit dem 
wfrs. schieta, syaiia 'schiessen', welches an den bei v. R. s. v. 
angeführten stellen vorliegt, nichts zu tun haben, e^n weist 
auf älteres *esiw%n oder *esigin zurück. Im ersteren falle würde 
afrs. *^a -» germ. sihwan 'seihen, tröpfelnd fliessen' vor- 



334 BREMER 

liegen *): das äuge a. a. o. würde ' ausgelaufen ' sein. Diese erklär- 
UDg liegt jedenfalls eben so nahe wie die auf dieselbe bedeutuog 
hinführende von Gttnther, Die verba im aofrs. 23: esin < *esigen 
zu siga, das im afrs. wol zufällig nur in der bedeutung 'sinken', 
nicht in der tropfen, fliessen' belegt ist. Möglich aber, dass 
e^n für ^ esnln < aofrs. esnithln verschrieben ist v. R. führt 
s. V. sia noch eseyth S 457, 13 an, das weder zu skiäta noch 
zu sia oder siga gehören kann. Es ist nicht sicher, ob a. a. o. 
off eseyth oder offeseynth zu lesen ist Da die bedeutung 'ge- 
schnitten' durch den Zusammenhang gefordert wird, vermate 
ich einen durch das unmittelbar voraufgehende peynth yeran- 
lassten Schreibfehler für offesneyn, Afries. sictma, sima bezeichnet 
eine Verwundung.^) Es bietet sich nur eine etymologie: germ. 
sihfvan > afrs. *sta. siama : sia = got. siuns : saihan. In sfßma 
haben wir die ältere form zu sehen, während sima offenbar 
nach dem verbum ^sia neu gebildet ist — Es gibt übrigens 
im afrs. ö verschiedene sia geschriebene werte: 1. ^a (< got 
sivjan) 'nähen' (belegt ist nur der conj. ^e S472n. 4. 494,29. 
498, 35. W 472, 9 und das verbaladj. Aed F 60. 74 u. 82 u.) > 
Westing seien, Cad.-MüUer zyen, wang. rf, sat sh. — 2. *|5 (< 
^iA. saihan) *sehen' > Westing sijähn, Cad.-Müller ^cÄian, schi- 
aden, wang. sj6f sat. sid, nwfrs. sje(a)n, — 3. sia (< *sehön) 'pu- 
pille'. — 4. siä (< ?) 'nachkomme'. — 5. wahrscheinlich *siä (< 
*s^an) 'säen' > Cad.- Müller ziahn > zyahnen. — 6. unser *sia 
'seihen'. — 7. sia 'genösse' (v. R. 1010^) gibt es nicht Die be- 
lege gehören zu siih, dessen th wfrs. in j übergeht (s. s. v. deia). 

sjfäk ofrs., S|ck wfrs. Daneben setzt v. R. noch sek an. 
Diese Schreibung ist nur einmal belegt und bedeutet natürlich 
siek, mit mouillierter ausspräche des s. Ein solches i wird 
nach s^ r, /, n oft nicht geschrieben, vgl. s. v. gland. 

sikringia, denom. von sikringe, fehlt bei v. R. Belegt ist 
der opt praes. sikringe F 340. 

singa. Vielmehr siufiga 'singen', mit ;t;-epenthese oder 



1) Vgl. oben die fussnote zu efsivene, 

') Vielleicht wird, trotzdem es in der hs. doppelt steht, E40, 21 
däthsiäma ^tsAt daihsirima — so bei v. R. ein eigener artikel — zu lesen 
sein. y. R.*s herleitnng von sdria scheitert an dem langen 2. Der Hun- 
singoer text hat an der parallelstelle suimea. Möglich also, dass aach 
£40,21 vielmehr däihswma zn lesen ist, zumal das letztere wort auch 
sonst belegt ist 



ZUM ALTFRIES. WÖRTERBUCH. 335 

»>-umlaut. EiD inf. *singa ist oirgendB belegt Beweisend sind 
nicht nur die awfrs. belege sionga (mit regelrechtem o < u vor 
nasal), sondern auch die neufries. formen: Cad.-MttUer siungen, 
ziong, wang. sjuv, sat. siuwe, nwfrs. sjonge. Wie ich sehe, ist 
auch aojfrs. siunga belegt in dem ger. iho siungane F 54 und 
dem von Günther s. 15 beigebrachten opt praes. bisiunge 
F38u. 

slth 'gefährte' s. sia. 

siuchte 'krankheit' fehlt bei v. R. als besonderer artikel. 
Man findet die belege s. v. sechte. siukte Jur. 2, 50. 58. 60. 76 
bedeutet wol nur eine orthographische Verschiedenheit; vgl. 
hrektQi) und brecht 'er bricht' u. dgl (van Uelten, Aofrs. gramm. 
§ 267 g). 8echie<^tvm, *suht%\ siukie (siuchte) ist eine neubildung 
< *siukpi oder *siukipi. Fraglich ist es, ob syuke 257,18 nur 
ein Schreibfehler für syukie ist, oder ob es ein besonderes wort 
siüke gegeben hat < germ. *siuki > sßik 'seuche*. 

Sjfunga * singen' s. singa. 

s|üke 'krankheit' s. siuchte. 

8j(üw fehlt bei v. R. B[uitenrust] H[ettema], Taal en let- 
teren 1 (1891), s. 249 und anm. 2 handelt Über dieses wort. 
siürvy wfrs. > sioutv ist mehrmals belegt, a. 1460: Hwasoe naet 
metj verfolget als er clocka clept wert, ieff teykai brand deen 
wert, iefft sioun (lies siourv) oppe teyn wert Schw. 1, 599. a. 1461: 
syyi toe ferfulgien mit standena fijn (ües: syu), mit docke clanck 
Schw. 600. a. 1461 : soe schelma dy duriga wrfolgia mit standena 
fynwa (lies: syuwa) ende mit docka clange Schw. 601. Bedeutung: 
korb oder pack als signal auf dem turm^ wenn die bewohner 
hülfe nötig haben. Das wort gehört etymologisch zu siü 'sehen' 
und hat mit unserem 'schaub' nichts zu tun. Ehrentraut teilt 
in seinem Fries, archiv 2 (1854), 67 folgendes über wang. sx9au 
mit: ' dait sch/iu ist irgend ein zeichen (eine jacke, hose oder 
sonst etwas), welches an ein tau gebunden und an den mast- 
baum bis in die mitte desselben hinaufgezogen wird. Uieses 
tut man auf einem schiffe, welches von einer fahrt zurück- 
gekommen ist und auf der rhede liegt, um den Insulanern zu 
vei stehen zu geben, dass jemand mit einem boote oder wagen 
an das schiff kommen müsse: dait schip tat sin schlau wei, — 
dait schip scheut oder hä al schwand. Früher war dieses mehr 
üblich als jetzt, indem man jetzt öfter die flagge aufzuziehen 



336 BREMER 

pflegt'. Auf Amram ist eine ajau (sj = mouill. s) 'eine winke, 
gewöhnlieh eine etange, an deren spitze ein tuch oder kleidungs- 
BtQck befestigt ist'. Outzen sagt in seinem Glossarium der fries. 
spr.: ^sjou, sjau, Halligen u. hoU. Ji/ouw, eine schau oder flagge, 
die zum zeichen aufgehängt wird, auch etwa mit einem ähnlich 
lautenden zum f.' 

sivene, sivne s. efsivene, efsivne. 

skelde s. nascscelde» 

skenia 'schön werden'. Praet. skenade E^ 101,4. 

sket. Bei v. R. zwei artikel 'vieh, rindvieh' und 'schätz'. 
Es ist natürlich dasselbe wort. Vgl. ßä, das sowol 'vieh' als 
'gut, habe' bedeutet. Sat. syei heisst 'abgäbe'. Vgl. sketta. 

sketta. Für die ursprüngliche bedeutung des Wortes ist 
lehrreich, was Minssen, Fries, archiv 2, 191 aus dem Saterlande 
berichtet: ^sgitte vieh einschütten; dies war eine pflicht der 
Schüttemeister {do sgitiere), die das vieh, welches in fremde 
Iftndereien gekommen war, fangen und wegbringen lassen 
mussten, wofür sie dann den eigentümer des viehes in strafe 
nahmen'. 

skilling. 1 skilling wicht goldis «= 40 skillinga cona. 
Jaekel, Zs. f. numismatik 12 (1885), 148 — 150, beweist 'dass 
der Schilling gewicht goldes der Rüstringer rechtsquellen nicht 
ein geschlagener goldschilling, sondern eine rechnungsmünze 
ist, welche die summe von 12 pfennigen gewicht goldes 
bezeichnet'. 

skillingmerk 'schillingmark'. Dazu vgl. Jaekel, Zs. f. 
numismatik 12 (1885), 177. 

skipia 'vereinigen'. Verbaladj. schipat F134o. 

skipnese kommt nur vor im Rüstringer Dömesdi: thes 
olheres dis, sä werthat se (nämlich alle wetir) lik thSre selita 
skipnese, ther se bifara weron R* 130,21. Thes tiända i& werih 
thiü wräld eivenad an there selna skipnese, ther se was er se 
üse drochten skepen hede R* 131,4. v. R. übersetzt ' Schöpfung', 
was an beiden stellen keinen sinn gibt. Das wort heisst 'zu- 
stand, beschafifenheit'. Man vergleiche für den ersten satz den 
lat. text ad statum pristinum posi hec revertetur. 

skirmere 'protector' Ps. 2*. 

skö. Vielmehr sköch 'schuh', unbeschadet des gen. plur. 
scöfia. schoech ist W 439, 14 belegt. Vgl. nwfrs. skoech, pl. skoen. 



ZUM ALTFRIES. WÖRTERBUCH. 337 

skül. scul ^atibulum' Pp. !•. 

slagia 8. bislagia. 

sliapa. Belegt ist nur die 3. sg. praot. sleph H 96, 4. 
V. R. fragt: 'lautet der altfries. iuf. sliapa oder sUpaT Eeins 
voD beideD, vielmehr slipa = got. afslatipjan, ahd. sloufen, ags. 
slypan 'abstreifen'. GQnther 44 und 50. 

smekka, smetsa, smakia 'schmecken'. Wfrs. smakia 

m 

ist natürlich ein anderes verbum als afrs. smekka, smetsa. Letz- 
teres > wang. smek, ersteres > sat. sma^HJe und awfrs. smeiisje. 

smeia. Vielmehr smellia 'schmäler machen', nach dem 
einzigen belege smellath E^ 210,20. Günther 60. 

sömia setzt Günther 62 als wahrscheinlich an, auf grund 
von unsometha molka F112m. 

somnia, sogenia s. samena. 

sönd, wfrs. sänd 'sand'. Das wort ist, wie im ags., neu- 
trum. pissia in ihat sand Chronik. 

spürna fehlt bei y. R. Inf. spurna F 128 m. 

stäta ^stossen' s. stSia. 

stemme 'stimme' s. stifne. 

stepa 'helfen' fehlt bei v. R. Buitenrust Hettema, Tijdschr. 
y. nederl. taal- en letterk. 1891, s. 252 f. bringt die folgenden 
belege bei: soe aeghen him zyn friond toe stepane (Cod. Emm. 
htm to hifpene, Cod. Isbr. und Ms. Belg. hem te helpen) J. M. 
F., Hettema, Oude fr. wetten 2, 78, 4 = soe ageti zyn fryonden 
toe scepena (in sfepena zu bessern) alter druck 25, 10. a. 1118 
wfrs. quod si aliquis, stipantibus parentibus, amicis pecuniis pa- 
eiset noluerit Schw. 1,71. Vgl. nwfrs. stypje 'unterstützen' 
sfepa * helfen' steht schon in Hettemas Wörterbuch.^) 

steta 'stossen'. Günther 13 bat darauf hingewiesen, dass. 
neben dem schwachen yerbum steta < *stautjan (wang. stait, 
sat. siele, nwfrs. stjitle) der rest des starken verbums * stäta 
noch in dem verbaladj. thruchstetefi F 68 u. vorliegt. Es liegt 
indessen näher, auch als starkes, reduplicierendes verbum *stela 
anzusetzen < *staufjan mitj im praesensstamme. Es wäre hier- 
mit ein anhaltspunkt für die Überführung des verbums in die 
schwache conjugation gewonnen. Die 3. sg. ind. praes. und 



[') Vgl. ags. stepan in gleicher bedeutung, bes. hd folce gesiipte 
sunu öhtheres beow. 2393. £. S.] 

Beitrftge snr geschiobte der deutwhen ipnohe. XVJL 22 



338 BREMER 

das yerbaladj. stat darf man natürlich nicht für ein *siäia in 
anspruch nehmen. Die Verkürzung des i zu a ist hier ganz 
regelrecht. Dass in wfrs. texten ein paar mal staei gesehrieben 
wird, beweist keine ursprüngliche länge. Wir haben hier viel- 
mehr bereits die neuwfrs. dehnung vor uns, wie in so vielen 
anderen fällen, vgl. nwfrs. die 3. sg. und das verbaladj. stciet 
Hingegen ist es möglich, dass der inf. stSia, das ger. io sie- 
tande, die 3. sg. stit und der opt. stete zum teil noch dem starken 
verbum zuzusprechen sind. 

stifne nicht ^Stiftung, Schöpfung' sondern 'stimme*. Van 
Helten, Beitr. 14,238 anm. stifne ist also dasselbe wort wie 
stemme. Letzteres ist nur in texten aus der zweiten hälfte des 
15.jhs. belegt. Vgl ags. slefn neben stemn. lieber das Ver- 
hältnis des f zum m und der t zum e s. Zs. fda. 37, heft 1. 
Wangerogisch stem ist übrigens masc. 

stiva. Vielmehr stivia 'steif werden', aufgrund der 3. Bg. 
ind. praes. stiuath E^ 87, 14. Günther 60. 

stoppia fehlt bei v. R. Ger. to stoppian F124u. 

strafia, nach dem einzigen belege vielmehr stra/fia. 

strika, striza 'streichen'. Es heisst nur strika. Der be- 
leg für z estrizen darf nicht für den praesensstamm in ansprach 
genommen werden. Vgl. nwfrs. strike, verbaladj. stritsen. 

stüre s. landsture. 

swera. Vielmehr suSria 'schwer werden', auf gnind des 
praet. swerade. Günther 60. 

swila. Vielmehr suilia 'heu trocknen', aufgrund der 3. sg. 
suilaih. Günther 60. 

swinga, swenga, swanga 'schwingen'. Nach dem s. v. 
renna ausgeführten gehen alle 3 formen auf germ. *swaogjan 
zurück. Es ist also ein schwaches verbum, was aus den belegen 
nicht zu ersehen ist. Gleichwol daneben auch das starke verbum 
suinga anzunehmen, haben wir keine veranlassung, obgleich sowol 
im wang. als im nwfrs. das verbum heute stark flectiert wird: 
wang. swev, swuv, snmven, nwfrs. swinge, swong, swongen. Wang. 
swen — eigentlich wäre stvod zu erwarten, vgl. s. v. renna — zeigt 
gegenüber spriv, pwiv, drivk, dass eine andere bildung vorliegt 
Und so hat sich auch nwfrs. swinge^ grade so wie rinne^ den 
starken verben angeschlossen, mit denen es im praesensstamme 
lautlich zusammengefallen ist 



ZUM ALTFEIES. WÖRTERBUCH. 339 

swiva. Vielmehr stnvia 'schwanken' = ahd. sweibdn, auf 
grund der 3. sg. ind. praes. swiwet, für die andeiii falls ^swift 
zu erwarten wäre. Vgl. sat. smuje 'schweben*. 

talemon. Kern, Glossen in der Lex Salica 78 sagt von 
dem letzten satze bei v. R. auf s. 1063: 'hiemit ist ihre amt- 
liche Stellung nur vag bestimmt. Aus Fr. Rq. 153 geht hervor, 
dass die talemen zur gattung der kiddar gehören, denn es heisst: 
* Alle keddar se en jer weldech, büia talemennum. And nen 
ked, and nene redjeva ni möten ketha, ni achia, ni riuchta, inna 
ene oihers fvelde\ Die icUemen sind also eine species von 
keddar, und in ihrem Wirkungskreis können sie zu k6tha, zu 
achta und zu riuchta gehört haben'. 

talia, tella 'zählen'. Bedeutung 1. zählen, rechnen, be- 
rechnen. 2. erzählen, berichten, sprechen. So v. R. tälia und 
tella sind nicht nur der form, sondern auch der bedeutung nach 
zwei verschiedene verba. tälia bedeutet 'zählen, zahlen', tella 
'erzählen'. Freilich beginnt schon im afrs. die neigung das 
eine wort fQr das andere zu gebrauchen. So heisst es S 384, 2 : 
thisse marck scelma alle tella and recknia bi fior penningen. Im 
wang. bedeutet tel sowol 'sagen' als 'zählen', aber Utaix 'be- 
zahlen'. Im sat. hat teile 'sagen, erzählen' auch die bedeutung 
von ^zählen', wiewol das alte wort für 'zahlen' noch als ta^lje 
erhalten ist. 

tek(e)na. Vielmehr tek{e)nia 'zeichnen', auf grund der 
3. sg. biteknath R^ 7, 21. Günther 60. 

tetsia. Günther 21 bringt noch eine anzahl belege bei, 
wonach der inf. in den Schreibungen tetsia, tetszia, tetzsa, tetza 
vorkommt. Es liegt also ein wgerm. *takkjan oder *tukkjan 
vor. Nach dem s. v. sansa gesagten wäre das wort als 
tekka anzuführen, wenn auch diese form zufällig nicht belegt 
ist. Wol aber ist die 3. sg. ind. praes. bitech Fl4o. belegt, 
deren ch vor dem (abgefallenen) -th der endung ein altes k 
repräsentiert. Weiteres über dies wort bei van Holten, Beitr. 
14,273, der es hd. zücken gleichsetzt 

thrirjfuchte, adj. 'zum dreimaligen reinigungseid ver- 
pflichtet'. Van Holten, Aofrs. gramm. § 201. 

thüra 'dürfen' und thürva 'dürfen'. Beide artikel ge- 
hören zusammen: rv ist nur in den älteren denkmälern noch 
erhalten, in den jüngeren zu r geworden. Dagegen scheidet 

22» 



340 ßUEMEK 

Günther 74 f. mit recht aus den belegen s. v. ihura ein von 
V. K. nicht erkanntes verbum dura < *dursa aus. So auch 
van Helten, Aofrs. gramm. § 307 y. S. dura. 

th fistern esse, ihusier , nesse, • • • stemesse 

'caligo, tenebras, tenebrosa' Ps. 1*. 

thwinga, dwinga, twinga 'zwingen'. Diese reihenfolge 
könnte den verdacht erwecken, als sei in diesem werte thw zu 
dw und weiter zu tw geworden. Allein das zwei mal in der 
Jur. fris. belegte dwingen ist jedenfalls das plattdeutsche wort 
th ist in thwinga niemals stimmhaft gesprochen worden und 
daher regelrecht zu / geworden, wie schon die awfrs. bel^e 
zeigen. Vgl. wang. pww, sat twive, nwfrs. irvinge. 

tidia 'ziehen'. Von diesem verbum ist nur der opt tidie 
einmal belegt. Ich glaube, dass hier nur eine unbeholfene 
Schreibung für tie vorliegt, so dass der beleg zu tia zu stellen 
und der artikel tidia zu streichen wäre. 

timbra, timmera. Vielmehr iimhria 'zimmern', aufgrund 
der 3. sg. ind. praes. betimbrath R^ 122, 16 und des praet 
timmerade W 436,6. 438,23; iymmerad hi Cbron.; dazu tim- 
brege 'edifficabis' Ps. 2*, mit g für j\ 

toga. Vielmehr togia, auf grund des verbala^j. tog€^. 
Günther 61. 

tor 'türm'. Auf grund des einmal belegten wfrs. thoer = 
nwfrs. toer so von v. R. angesetzt. Wang. t&n zeigt, dass viel- 
mehr afrs. turn anzusetzen ist. Auch nwfrs. toer beruht auf lüm; 
oe ist die nl. Schreibung, vgl. nwfrs. boer 'bauer'. Läge ein afrs. ö 
vor, wie man nach ags. torr vermuten könnte, so wäre nwfrs. oa 
zu erwarten, vgl. moam ^morgen', noard 'norden', hoarn 'hörn', auch 
oar 'ander', moanne 'mond' u. 8. w. Es ist also wenig wahrscheinlich, 
dass das einmalige thoer in den Magnus-küren etwas anderes ist 
als die nwfrs. schon bei Gysb. Jap. belegte form, um so mehr als 
die Schreibung oe vor r für ü auch sonst vereinzelt im awfrs. 
vorkommt: so boer S481,6 in dem nur zwei oder höchstens 
drei Jahrzehnte jüngeren Franekcr bauerbrief von 1417, stioerde 
W 440, l, boemahuys 'bruunenhaus' W 436,8. — Für das alter 
von wang. tun spricht auch die nebenbedeutuug ^kirche', Ehren- 
traut, Fries, archiv 1, 392. 

tosökia 'fordern von' fehlt bei v. R. 2. sg. sokest io F 
26 m. 34 n. Günther 60. 



ZUM ALTFRIES. WÖRTERBUCH. 341 

toth, losch, tuBch, tuBk, tond 'zahn'. So v. K. Natür- 
lich sind tdth und tusk {tusch > wfrs. iosch) zwei verschiedene 
Wörter, tond H 60, 14 ist als unfriesisch zu streichen, y, B. sagt 

selbst: Uoth und tusk kommen neben einander vor s. z. b. 

R 61, 30. 31. B 178,9. 14, und galten demnach für verschiedene 
Worte.' 

tragda. Vielmehr trachtia 'trachten', auf grund des praet 
tragdade. Günther 61. 

(trekka), tregga. Vielmehr trekka 'ziehen'. Das gh der 
3. sg. treght steht fllr ch und weist also auf Ar, nicht auf g. 

tun. Unter dem artikel tun 'zäun' führt v. R. die tunan 
in den busstaxen von Wimbritzeradeel § 28 (S 495, 17) an, eine 
bezeichnung, welche 'an wert den groschen vollkommen gleich' 
ist, wie die parallelstelle der busstaxen der Hemmen § 29 
(S 499, 24) zeigt. Diese tunan sind sonst nur noch einmal be- 
legt in den busstaxen von Leeuwarderadeel (S 457, 20) und be- 
deuten hier gleichfalls 'groschen', wie die parallelstelle der 
busstaxen von Fifdelen, Wonzeradeel und Wimbritzeradeel 
(S 473 anm. 8) zeigt. Natürlich haben diese tunan mit 'zäun' 
nichts zu schaffen. Nach Jaekel, Zs. f. numismatik 12 (1885), 
155 scheint der name tunan für tuman 'zu stehen und somit 
die tourschen groschen zu bezeichnen, die man sonst auch 
nur 'groschen' nannte', wenn auch dieser fries. groschen 'dem 
alten tourschen groschen an wert nicht mehr gleich' kam. 
Vgl. cona. Hiergegen ist einzuwenden, dass m im afries. wol 
zu r, nicht aber zu n geworden ist. Krause, Zs. f. numismatik 
15 (1887), 300 f. übersetzt tuna 'tonne' und bringt aus dem 
lande Wursten, anfang des 18. jhs., tahnbir 'tonne hier' bei, 
gradezu als mttnzbezeichnung gebraucht = 6 groschen. Warum 
aber dann nicht, wie sonst, tonne'i 

türa W. 440, 4 steht natürlich für türva, gehört folglich 
zu dem artikel turf und ist als besonderer artikel zu streichen. 

twarenna. Vielmehr iuarenda 'entzwei reissen' nach 
Kern, Taalk. bijdr. 2, 176. 

ümbegung. in da umbe gungä 'in circuitu' Ps. 1*. 

unbirepped. Vielmehr unbihrepped 'unberührt' zu hreppa. 

undhanda. Vielmehr undhenda, s. handa. Als inf. ist 
allein undhenda belegt. Alle formen mit a kommen nur im 



342 BREMER 

praet. und yerbaladj. vor, wo a die regelrechte Verkürzung von 
e ist. 

undhela fehlt bei v. R. 

unegert 'ungegürtet', verbaladj. zu gerda. vnegert F 120q. 
Y. R. hat nur ungert. 

uneselad, verbaladj. zu selia'i vneselade F li2iD. 

unewaxen, verbaladj. zu waxa: vnewaxena Fl6o. v. R 
bat nur unwaxen. 

unewlemeth, verbaladj. zu tvlemma, vnewlemelh F 44 u. 

unforwaret, verbaladj. zu fortvaria. vnfortvaret F46o. 

unhlest, onhlest 'diffamatio'. wnhlesi W 401^ 20 bessert 
Kern, Taalk. bijdr. 2, 206 in uvrhlest. Vgl. van Helten, Beitr. 
14, 252 f. 

unsömeth. unsometha molka Fl 12m. Zu somia? 

urbalia 'durchbringen' zu bcUu. GQnther 56. 3. 9g. praes. 
vrbaiai F116u. 

urbärna, schwach. Daneben urbüma, stark: verbaladj. 
urhürnen. Vgl. harna. 

u r b r 1 d a ' verschleppen *. Verbaladj .nur urbrüden. wrbroedt 
W 23, 12 ist mit Buitenrust Hettema, Tijdschr. v. nederl. taal- en 
letterk. 8,72 zweifellos in wrbrocht zu bessern; das Jus mun. 
Fris. hat an derselben stelle wrbrocht. 

urbüma s. urbänia, 

urevela. Vielmehr urevelia 'beschädigen', auf grund des 
verbaladj. ureuelat. Gttnther 57. 

urhera. Vielmehr urheria, auf grund des verbaladj. Mr- 
herath E^ 99, 9. Günther 58. 

ürhlost 'beschwerde', eigentlich 'überlast'. Kern, Taalk. 
bijdr. 2, 203 f. Van schaede ende uvrhlest W 396, 1. Ndld. over- 
last, auch in der formel van schade en overlast. Kilian über- 
setzt das wort mit 'oppressio, vis, contumelia, iniuria, violentia'. 
uvrhlest bessert Kern a. a. o. 206 für wnhlest W 401,20 und 
übersetzt 'violentia, contumelia'. S. urlest. 

urlest 'verbusst'. Der artikel ist nach Kern, Taalk. bijdr. 
2, 203 zu streichen. Vielmehr ürhlest. 

urmela E^ 28,14. Vgl. ahd. mälon aus mahalön, Graff 2, 
651. Günther 40. 

ursitta bedeutet nach Kern, Glossen in der Lex Sal. 98 
nicht nur 'versäumen', sondern auch, wie im ndl. zieh verzeiten. 



ZUM ALTFKIE8. WÖRTERBUCH. 343 

'sich gegen etwas auflehnen, sich widersetzen*; das subst. ist 
ndl. verzet 'widerstand'. 'In Afr. Rq. 14,6 hat das lateinische: 
si quis hoc contempserii, solvet etc., die Übersetzungen in ver- 
schiedener mundart: sawasa hir ursitte and thes riuchtes werne, 
sa bete a, s, /*. und : sahuasa hir versUte and riuchtes werne, sa 
betCy und: hwasa tha kininge rverth foriwemande iefta ^na rveldega 
boda, sa skil a. s. /*.' 

ursmaga. Vielmehr ursmaia 'verschmähen', wie die be- 
lege zeigen. Hierher gehört natürlich auch der artikel forsmaga, 
ursmaia bei v. R. s. 753. Der opt. forsmage H 342,9 hat g =/. 

urstönda. 116,27 'gegen einen in schütz nehmen'. 'Das 
Wurster landrecht gibt es zurück mit vorentholden, d. h. 'vor- 
enthalten', s. V. a. 'auszuliefern weigern, schützen'. Diese beiden 
bedeutungen 'hindern, hinderlich in den weg treten, prohibere, 
impedire, obstare', 'schützen' hat das ags. forstandan.^ Kern, 
Glossen in der Lex Sal. 96. Ebd. anm.: ^die person, gegen 
die man etwas in schütz nimmt, steht im ags. im dativ, gerade 
wie im altfries.; man vergleiche: hwasane eniga manne ur- 
stonde mit hine god forstöd haedhenum folce. (Andreas 1145).' 

ursuma. Vielmehr ursümia, auf grund der 3. sg. ursümath. 
Günther 60. 

urthringa fehlt bei v. R. Opt. vrthringe F 110 m. 

firwaxa fehlt bei v. R. Das wort steht Brokmerbrief 27 
(154,23): vrwaxt hir aenge monne sin hei, thet hine redieua 
berna welle er thä riuchta dei, Ahd. ubarwahsan (GraflF 1,686 f.) 
ist sowol intransitiv als transitiv, vrwaxt steht im nebensatz; 
es heisst nicht: waxt aenge monne sin hei vr. Folglich heisst 
es ürwäxa 'überwachsen', und nicht ü'rwaxa 'überwachsen' = 
got. üfarwahsjan 'übermässig wachsen' (nur 2. Thess. 1, 3 belegt). 
'Ueberwächst irgend einem manne sein sinn, sein gemüt, dass 
er . . .', bedeutet also nicht etwa 'schwillt ihm sein mut, so 
dass er', sondern 'überwältigt, überkommt es ihn . . . zu tun'. 
Der mit thet eingeleitete satz ist also das object, dessen der 
hei zum ürwaxande notwendig bedurfte, und ohne welches ein 
ürwaxan des hei gar keinen sinn gäbe. — hine ist natürlich 
als hi thene zu verstehen. 

ürwere 'Oberlippe'. Vgl. bei v, R. were, ürwere statt 
ivuxwere hs. £ 89, 24 ist mit Kern, Taalk. bijdr. 2, 198 zu bessern. 
Vgl. £218,20, WO der Ems. text thiü üre were hat 



344 BKEMEK 

urwertha. Vielmehr urwerda 'verderben' = got. /ra- 

utbelda, utbalda 'ausstatten'. Letztere form ist zu 
streichen. Mit a kommt nur das verbaladj. üthcUt vor, mit 
regelrechter Verkürzung des e zu a. Daneben erschliesst 
Gfinther 62 nach der d-conjugation: 

ütbeldia. 3. sg. ind. praes. uthedlat F 142 o. 

waga. Vielmehr tvagia 'wagen', wegen des verbaladj. 
waged. Vgl. sat. rvögje (doch wang. wdy). 

waka. Vielmehr wakia 'wachen' > wang. wac/d, sat. 
waa/^fe, nwfrs. tveitsje. 

warf, werf. Ein artikel bei v. R. warf und werf sind 
zwei ganz verschiedene Wörter. Nur letzterem (wang. werf) 
kommt die bei v. R. unter 1. und 2., nur ersterem die unter 3. 
angegebene bedeutung zu. Nach Kern, Taalk. bijdr. 2, 190 
bedeutet warf ^öffentliche Versammlung' und 'platz der öffent- 
lichen Zusammenkunft'. 

w6de, bei v. R. 2 artikel, die zu vereinigen sind. Jaekel, 
Die friesische wede, Zs. f. numismatik 11 (1884), 189 — 201, 
zeigt, 'dass bei den be wohnern der friesischen lande vom Fli bis 
zur Weser im 9. und 10. Jahrhundert, ja wol bis ins 11. hinein 
ein gewöhnliches graues, wollenes, auch teilbares gewand von 
4V2 eilen länge, welches wede (pallium) hiess und in fester, 
allgemein bekannter wertrelation zum metallgeld stand, als 
Zahlungsmittel in gebrauch war'. 'Sprachlich und sachlich' 
stimmt dazu das anord. vaSmäl, 'ebenfalls ein grobes wollen- 
zeug, das in jedem hause selbst gewoben, namentlich den 
ärmeren zur kleidung diente', und das 'nach einer bestimmten 
Schätzung in fester relation mit dem kuhgelde als tausch- und 
Zahlungsmittel verwant' wurde. 4 weden = 1 reilmerk, 12 weden 
= 1 linmerk. 'Sicher ist die friesische Verwendung der wede 
älter als das 9. Jahrhundert'. Seit dem 11. jh. fieng man an 
'mehr und mehr statt ihrer metallgeld zu zahlen': 1 wede = 
12 Silberpfennigen, also = 1 Schilling. Nach Jaekel, Zs. f. 
numismatik 12 (18S5), 147 f. wede = schillling cona. Vgl. auch 
Krause ebd. 15 (1887), 301. 

wegk. Der artikel ist nach Kern, Taalk. bijdr. 2, 196 zu 
streichen. Der betr. beleg gehört vielmehr zu wigg. 



ZUM ALTFRIES. WÖKTERHUCIl. 345 

wenia 'wohnen' 8. wofia. 

weria R2 540, 14 = as. giwäron, ahd. rvären. Günther 61. 

werna, warna 'weigern'. Letztere form ist zu streichen. 
Von werna lautet natürlich die 3. sg. ind. praes. warnt mit 
regelrechter Verkürzung des e zu a. 

wicht göldis 'gewicht goldes' s. skilUng, 

wigge, widse, widzie 'wiege'. Nur die mittlere form 
besteht zu recht. Nach Kern, Taalk. bijdr. 2, 184 — 186 ist das 
wort nur als widze 487, 1 belegt. Alle anderen belege gehören 
zu wigg 'ross'. 

wilkera, wilkara. Vielmehr rvilkeria, wfrs. rvilkaria 
'Willküren, belieben', wegen des verbaladj. wilkerad. Günther 61. 

wimpel. thi foerde ihin wimpel io Akts Chron. 

withirlän. witH'. lan 'retributionem' P8.2*. 

withirstrida. Opt. praet. witherstride F12m. 

wtvia 'heiraten', vom manne gesagt; vgl. monnia. 3. sg. 
wiwat F 140 m. Verbaladj. thet wiwade god (hs. wiweda) B^ 164, 
24. Günther 62. 

wlemma. Daneben ist wlamma (vgl. s. v. rennä) nicht 
nur aus grammatischen gründen anzusetzen, sondern auch aus 
wUHwlameUa zu entnehmen. 

wlitiwlem(m)elsa. Daneben wlitiwlam{m)elsa. wlitela" 
melsa E 214, 15. 

wona, wuna 'wohnen'. Belegt ist allein das verbal- 
adjectiv und zwar als unat £2 146,11, sonst nur wfrs. weiiat 
oder tvonaU Sonach wäre wunia, wonia, wenia anzusetzen. 
Wfrs. wonia entspricht mit seinem o ganz regelrecht älterem 
und ofrs. wunia, Buitenrust Hettema, Tijdschr. v. nederl. taal- 
en letterkunde 8, 70 anm. erklärt alle formen mit o für platt- 
deutsch, ofifenbar verleitet durch nwfrs. wer^'e < awfrs. wenia. 
Man ist aber nicht berechtigt, wonia als echtes friesisches wort 
zu streichen, da aofrs. wunia nicht nur durch unai sondern vor 
allem durch wang. wüni sicher gestellt ist. Afrs. nninia ist 
ohnehin die zu erwartende form «= ags. wunian. Auffällig ist 
der Umlaut in wenia. Die schwachen verba der o-klasse, 
auch die aus der at-klasse übergetretenen, kennen bekanntlich 
keinen umlaut Man wird wol an ein germ. ^wonjan denken 



346 BREMEK, ZUM ALTFRIES. WÖRTERBUCH. 

mttssen > afrs. *wennaj das man im hinblick auf wunia zu 
wenia umgestaltet hätte. Vgl. Günther 62 f. 

wöstnesse f. 'desertum' Ps. 2^ 

wrogia, wreia, ruogia, rueka *rügen'. So v. B. Die 
letztere form gehört zu wreka (Kern, Taalk. bijdr. 2, 177 f.). Im 
ttbrigen liegen 2 verba vor: 1. wrogia, 2. wrSia. Günther 63. 
Ersteres ist das sat. wrögje 'untersuchen, anklagen, rügen' und 
wang. wröy 'eine sache prüfen, um ein urteil darüber zu fällen; 
kosten, prüfen, schmecken'. 

wunia 'wohnen' s. wona, 

Beiträge zur altfriesischen grammatik findet man in 

dem vorstehenden s. v. bama, biienna, bla, branga, deia, dura, ge- 

la, giata, gland, hlaka, keke, leva, matia, mea, nWm, rentia, saniena, 

sansa, sea, sera, sia, singa, stela, swinga, thüra, thtvinga, tvona, 
[Nachtrag. Zu efsivene. Meine vermatang, das wort sei als 
'glattrasierter knocben* zu dentOD, muss ich fallen lassen, da diese bc- 
deutung, auch wenn man fUr efeiian die bedeutang ^ rasieren ' annehmen 
darf (was zweifelhaft scheint)^ doch nur bei umgekehrter Ordnung der 
glieder des von mir vermuteten compositums herauskommen könnte. Bei 
Sievers* deutnng ist allerdings das ef- statt des zu erwartenden of- auf- 
fallig, da im afrs. ef- als praefix sonst gar nicht belegt ist, hingegen 
massenhaft of-. Auch im Brokmerbrief selbst kommt das verbalsnbst 
oßedene vor. Aber da im ags. auch nur reste des praefixes cef- vorliegen, 
so könnte unser wort an sich wol der einzige rest für das friesische sein. 
Es wäre dann ein verbalabstractum auf germ. -inö (Kluge, Nom. stamm- 
bildungsl. § 151), wie stulina, lugina von der tiefstafigen wurzel ge- 
bildet Wie steht aber efsiven zu dem sonst in den fries. texten ge- 
brauchten lUhwei? 

Zu hlaka. Es wird orfries. *hlcehha anzusetzen sein, das aasser 
im wang. in die schwache d-conjagation übergetreten ist, mit demselben, 
bald o, bald e geschriebenen vocal, über den ich s. v. renna gehandelt 
habe (vgl. macht and mecht * macht'). Ich bin geneigt^ den gleichen vocal 
als ergebnis des umgelauteten gebrochenen a auch vor r anzunehmen, 
vgl. sera. Zweifellos ist dieses ce für amgelaatetes gebrochenes a vor 
/: falla und fella * fällen ' ^ nwfrs. feUe, wäid und tvuld *gewalt', walia 
'brunnen, qaelle* (nur mit a belegt) :::>^ wang. wel^ Gysb. Jap. weif älder 
und slder * älter', älder und l'/der 'eins der eitern', äidirmon und dlder- 
man * altermann' (vgl. Sievers, Ags. gr.^ § 159,2). Uingegen stets e vor 
// aus germ. Ij (Sievers § SO, anm. 2) in sella, tella, helle {hille), 4. 10. 92.] 



[^) Bei einem verbum der at-klasse, wie wohnen = ahd. wonen, ist 
der Umlaut als residuam alter abstufung leicht erklärlich, Beitr. 8, 92 f. 
9, 297. Ags. gr.> § 416, anm. 6. K S.] 

HALLE A.S., den 24. juni 1892. OTTO BREMER 



DIE BISTRITZER ÄIUNDART VERGLICHEN MIT 

DER MOSELFRÄNKISCHEN. 

EINLEITUNG. 

Die Stadt Bistritz^, im nordosten Siebenbürgens gelegen, 
zählt unter 9083 einwohnern 5470 Deutsche und ist der mittel- 
punkt des 'Nösnerlandes', einer deutschen Sprachinsel von ca. 
25 000 Seelen, die in einer Stadt und 35 dörfern wohnen. 

Die gründung der colonie fällt wahrscheinlich schon vor 
die zeit der grossen einwanderung von Deutschen nach dem 
Süden des landes unter Geisa II. (1141 — 61). 

Bezüglich der herkunftsfrage der Siebenbdrger Deutschen, 
die sich mangels geschichtlicher denkmäler am sichersten auf 
dem wege der Sprachvergleichung wird lösen lassen, gilt heute 
für erwiesen, dass das auswanderungsgebiet wenigstens der 



^) Bis tri tz ist offenbar slav., = *Lauterbach' (vgl. serb. bisirica, 
sc. rika f. 'der klare, sc. fluss', bez. 'der schnelle*, zu altsl. rass. bysirU 
'schnell')) nach der vorbeifliessenden Bistritz benannt. Bistritz heisst 
in der mundart nhn, Schriftdeutsch Nösen. Dieser name ist wol dat. 
plor. eines personennamens, worauf die gewöhnliche wendung: (fü)is9n\zn 
-c= (von) is9n (zu, bei den) n\zn (Nösen) deutet. Interessant ist, dass sich 
unweit vom mosel fränkisch sprechenden Wallendorf, mundartlich wg^^hn- 
darf (anch bei Bistritz liegt ein Wallendorf = vu<^bidrgf) an der luxem- 
burgischen grenze, zwischen den luxemburgischen orten Medernach und 
Waldbillig ein Niesenthai findet In diesem tale befindet sich eine 
ansiedlung namens Niesen, der angeblich die vielen luxemburgischen 
familien Nöseu und Niesen (so z. b. mir aus Echternach bekannt) ent- 
stammen. Nur nebenbei sei erwähnt, dass sich eine menge Eifler und 
Luxemburger Ortsnamen in Siebenbürgen widerfinden, z. b. Dtirrenbach 
(bei Bistritz DUrrbach), Baasen, Bell, Bungard, Kastenholz, Stolzenburg, 
Weidenbach, Reissdorf (vgl. Reussdörfel, Reussen = Szeretfalva), Boden- 
dorf, Scheuren, Sachsenhausen, Schönberg, Burgberg, Bnchholz, Michels- 
berg n, a. 



348 Kiscii 

Nichtbistritzer in den Rheingegenden, im gebiete der mittel- 
fränkischen mundart zu suchen ist; nur die eigenartigkeit, ja 
der 'entschieden oberdeutsche Charakter' der Bistritzer mundart 
ist widerholt betont worden. Zuerst hat Keintzel (s. u.) die 
herkunft aller, auch der Bistritzer Deutschen von mfr. Sprach- 
gebiete behauptet. 

Ich glaube nun, nach eingehender vergleichung der Bistritzer 
ma. mit dem mfr., dass sich die beiden ansichten eher ergänzen 
als ausschliessen. Denn einerseits steht die Bistritzer ma. 
(besonders vocalisch) dem specifisch hochdeutschen ent- 
schieden näher als die übrigen siebenbürgischen maa.; 
andrerseits teilt sie mit diesen die charakteristischen 
eigenheiten des mfr., besonders aber des moselfränki- 
schen, das im gegensatze zu dem in vielen wichtigen punkten 
schon dem ndd. zugehörigen ripuarischen von dem echt md. 
stamme der Chatten gesprochen wird, also dem hessischen 
nahe verwant ist. Es besteht also zwischen diesen beiden, 
heute gewöhnlich mit dem gesammtnamen des mfr. bezeichneten 
gebieten nicht nur ein bedeutender sprachlicher, sondern auch 
ein ethnographischer unterschied. 

Da sich ein abschliessendes urteil über die herkunft aller 
Siebenbttrger Deutschen nur fällen lässt, wenn vorerst die laut- 
gesetze aller einzelmundarten erforscht sind, so suche ich im 
folgenden die laut Verhältnisse der Bistritzer mundart klarzu- 
legen unter vergleichender berücksichtigung der lautverhältnisse 
des mfr., ganz besonders aber — soweit dies bei der unzuver- 
lässigkeit des mundartlichen materials aus jenen gegenden 
möglich war — der moselfränkischen mundarten, woraus 
sich die nähere Zugehörigkeit der Bistritzer ma. zu den 
letzteren von selbst ergeben wird. — Uebrigens sei be- 
merkt, dass alles gesagte zunächst von der mundart der Stadt 
Bistritz und nur cum grano salis auch von den umliegenden 
orten gilt (die eine in allen wesentlichen punkten der stadt- 
mundart gleiche ma. sprechen), jedoch ausdrücklich nicht von 
den in manchem eine Sonderstellung einnehmenden mundarten 
der orte : Kleinbistritz, Jaad — Mettersdorf, Treppen — Ober- 
neudorf. 

Für die richtigkeit jeder einzelnen lautform der Bistritzer 
ma., die meine muttersprache ist, übernehme ich volle bürg- 



BISTRITZER MUNDART. 349 

scbaft; für die citierten formen der verglicbenen maa. kann ich 
natürlich nicht einstehen, doch ist verdächtiges bestmöglich un- 
beachtet geblieben. Die besternten Idiotismen habe ich im 
herbste 1889, besonders in der Eifel, in Luxemburg und an der 
Mosel persönlich gesammelt. Die Orthographie der nicht be- 
sternten mfr. formen ist die der benutzten quellen. 

Fttr die berechtigung einer Sonderdarstellung der Bistritzer 
ma. mögen die worte eines der besten kenner unserer mund- 
arten sprechen: Mn seiner unbestreitbaren eigentümlichkeit hat 
auch das nösnische das recht, für eine selbständige — dem 
gemeinsächsischen nur nahe verwante — ma. zu gelten und als 
solche selbständig behandelt zu werden. Eine gründliche, vom 
physiologisch-historischen Standpunkte ausgehende Untersuchung 
des nösnischen, die nächst anderen deutschen dialekten auch 
das fränkische, namentlich das hennebergische und thüringische 
vergleichend herbeizieht ^), das wäre eine arbeit, die mancherlei 
aufklärung geben müsste und darum dem wörterbuohe voran- 
gehen sollte' (J. Wolff, Natur der vocale etc., MUhlbacher 
gymn.- Programm 1874 — 75, s. 10). 



Verzeichnis einiger abkürzungen. 

m a. = mnndart. — B. — > Bistritz, -er, -erisch. — m s 1 f r. = mosel- 
fränkisch. — rip. = ripuarisch (nach der üblicheD Scheidung des mfr. 
in mslfr. und rip., vgl. Beitr. 9, 385 flf. Weinhold, Mhd. gr.« § 149.). — 
8 8. = 8iebenbürgi8ch-8äch8i8ch. — 888. = 8Ud-88. (soll kurz die im * Nieder- 
land', d. h. im Süden und in der mitte Siebenbürgens gesprochenen ma. 
bezeichnen). — d. = deutsch. — ww. = westerwäldisch. — Ix. = 
Luxemburg, -isch. — slx. = süd-lx. (d. h. Sauer uod Moseltal). — nix. 
= nord-lx. (d. h. Elz- und Oeslinger ma.). — hunsr. = HunsrUck. — 
msl. = Museltal. — Sgl. = Siegerland, -ländisch. — eifl. = Eifel, Eifler. 
— 8 eifl. = sUd-eifl. -- neifl. = nord-eifl. — tr. = Trier, -isch. — kohl. 
= Koblenz. 

Literatur. 

Citate entstammen für sgl.: J. Heizerling, Ueber den vocalis- 
mus etc., Marburg 1871; für Ix: Follmann, Ma. der Deutsch lothringer 
und Lx., Metz 1886, oder: P. Klein, Die spräche der Lx., Luxemburg 
1855, oder: Hardt, Vocalismns der Sauer-ma., Echternach 1843, oder 



^) Statt dieser mundarten ist das meines erachtens dem nösnischen 
viel näher stehende moselfrSnkisohe gewählt. 



350 KISCH 

N. GoDDer, On serer llder a gedichfer an oDserer Letsebnrger deff scher 
sproch, Dabnque (Iowa) 1879; für die eifl. ma.: HeckiDg, Die Eifel 
in ihrer ma., Prttm 1890, oder: Th. Bttsch, lieber den Eifeldialekt, Mal- 
medy 18SS, oder: Schmitz, Sitten nnd sagen etc., Trier 1856, für ww.: 
K. C. L. Schmidt, Ww. Idiotikon, Hadamar ISOO; für tr.: Laven, Ge- 
dichte in tr. ma., Trier 1857; fUrhnnsr.: Rottmann, Gedichte in hunsr. 
ma., Krenznach 1874; und endlich fQr alle: Firmenich-Richartz, 
Germaniens Völkerstimmen, Berlin 1843 — 68. 

Von weiterer literatnr erwähne ich besonders: J. Wolff, Der con- 
sonantismns des ss. etc., Müblbach 1873; J. Wolff, Ueber die natnr der 
vocale im ss. dialekt, ebenda 1875; Fr. Kram er, Idiotismen des B. dia- 
lektes, Bistritz 1876 nnd 1877; G. Keintzel, Ueber die herknnfc der 
SiebenbUrger Sachsen, Bistritz 1887; A. Sc he in er, Die Mediascher ma., 
Bdtr. 12,118; J.Roth, Lant nnd formenlehre der starken verba im ss., 
Archiv des vereine fttr s. landesknnde, N. F. 10, 423 ff. 



I. Abschnitt. Die Toeale. 

A. Vocalsystem. 

1. Einfache vocale: ü, u, o^ o; o, q; ä, a; f, f ; t, t; p. 

2. Diphthonge: 

a) echte: ae, ao; g'f; äf. 

b) unechte: u*», i\ 

m 

B. Die vocale im einzelnen. 

1. ü (Bell-Sievers u\ vgl. Sievers, Phonetik 3 95) ist das 
lange, geschloBsene u, wie es im d. du, fz. sau, magy. rüt ge- 
sprochen wird. 

2. u (Bell-Sievers u^) bezeichnet den kurzen, etwas offenen 
u-laut des d. mund, des magy. kulya. Der geringe phonetische 
unterschied bleibt aus praktischen gründen graphisch anbe- 
zeichnet 

3. o" (Bell-Sievers o ^) ist langes, geschlossenes, dem u zu- 
neigendes 0, wie es in d. sOy fz. seau^ magy. cs6k gesprochen 
wird. 

4. (Bell-Sievers o ^) ist der laut des d. stock nach nordd. 
ausspräche, des magy. ok, kurzes, offenes vom o" qualitativ ver- 
schiedenes 0. Der unterschied zwischen den beiden lauten wird, 
da misverständnisse ausgeschlossen sind — g erscheint nur 



BISTRITZER MUNDART. 351 

als länge, o nur als kürze — bloss durch den eircumflex kennt- 
lich gemacht 

5. 2 (Bell-Sievers o^) bezeichnet nach dem muster der 
altnord. hss. den aus vielen ma. bekannten, zwischen a und o 
liegenden laut (früher mit & bezeichnet), wie er in südostd. 
hank^ magy. ad, kcdap gesprochen wird; o ist seine länge. 

6. a (Bell-Sievers a^\ länge äj ist das sog. reine a, wie 
es in nordd. ast, vater, magy. dg gesprochen wird. 

7. f (Bell -Sievers e^) ist der laut des deutschen ä in 
männer, hände, des magy. e in f ekele, te, also offenes e; seine 
länge ist durch f bezeichnet. 

8. f (BclI-Sievers e^) ist der laut des bühnendeutschen e 
in recht, des magy. e in egy^ beiydr, gyertya, geschlossenes, 
kurzes e, (^ (Bell-Sievers e^) ist vom vorigen nicht nur quan- 
titativ, sondern auch qualitativ verschieden ; nennen wir jenes 
(mit Bell-Sievers) guttural-palatal, geschlossen (mixed), so ist 
dies entschieden palatal, geschlossen (front). Es klingt wie ein 
«-laut mit starker beimischung von t und entspricht d. e in 
see, fz. eVe, magy. n^gy. Wie bei o, wo die Verhältnisse analog 
sind (o : = f : ^\ scheint auch hier eine genauere graphische 
Scheidung entbehrlich. 

9. f ist der laut des d. t in fisch, des % in magy. xit, offenes, 
kurzes i (Bell-Sievers P). 

10. { ist d. geschlossenes y langes t in ihn^ sie^ fz. ftni, 
magy. ir. 

11. 9 ist der 'stimmgleitlaut' a, s. Sievers a. a. o. 173. 

12. ae ist nhd. ae in mm, fein nach der gewöhnlichen md. 
ausspräche, früher mit ai bezeichnet (s. Sievers a. a. o. 142). 

13. ao ist nhd. ao in d. haus, laut nach md. ausspräche 
(s. Sievers a. a. o.). 

14. ä^ bezeichnet langes a mit nachschlagendem, flüch- 
tigem f. 

15. of ist f (s. ob.) mit kurzem, flüchtigem f. 

16. u^ ist kurzes u, i^ kurzes t mit einem flüchtig nach- 
schlagenden laute, der bisher mit e (d. h. 9) bezeichnet wurde; 
für B. indes ist derselbe ein dem offenen f zuneigender kurzer 
a-laut 

Anm. 1. Die haaohlaute sind im Bilbenanlaate mit h, bei der aspi- 
ration mit ^ bezeichnet, während der Spiritus lenis anbezeichnet blieb. 



352 KI8CH 

Die consonan tischen lautzeichen sind die in neueren mundartlichen werken 
gebrSnchlichen. Näheres s. unter abschnitt II und Sievers a. a. o.' 127. 

Anm. 2. Fiir den vocalanlant gilt in der gewöhnlichen rede Meiser 
einsatz ' (Sievers a. a. o. 187 f.); 'fester* (spiritns lenis) ist nur bei kräftigen 
ausrufen, nachdrucksvollen fragen n. dgl. zu beobachten; z. b. old^mdl 
(allez ein mät)y aber aosn! (mhd. üzhin!). Im innern der rede erfolgt je- 
doch kein neuer einsatz, der vocal verliert den kehlkopfverschluss ; z. b. 
fu'im {fona imu), m^d-im (mit imu). 



Cap. I. 
Geschichtliche entwicklang der 8tamin8ilbenTocale.O 

a) Kurze vocale. 

§ 1. a. 

Westgerm, a ist nirgends als reines a erhalten, sondern 
erscheint: 

la. Als u vor ursprünglich inlautendem m, n; Um- 
laut I. Z. b. sum9n {skamen\ hum9n (mhd. hame\ hum9r {ha- 
mar); hun9f {hanaf\ u {a7ia\ humbrix (nom. propr., Hahnenberg), 
gunts {ganazzo)y mun (mana), munzdl n. (füllen, zum yorigen), 
rum {rama). — Umlaut: himt^ (hemidi), int (nbf. enit), min- 
zdUxi (dem. zu obigem munzdl\ gindr (Jenir), 

Ib. Mslfr. (wenigstens ww. seifl. slx. hunsr.) ebenfalls, 

während sgl. a > 4 (-am- > -dm-), tr. a> ö hat. Z. b. slx. 

Sum9n* (s. 0.), seifl. hun9f*, hurnrix* (nom. pr.), slx. usicht (mhd. 

anesiht), — Umlaut: ww. hunsr. U.himmel, int. Dagegen Sgl, 

hämer {Jiamar)y kämer {kamara)\ tr. hdnm {hano\ on* {anä). 

Anm. Slx. ww. hunsr. vu{n) (von) -«=: altmfr. (schon tr. capitnlar) 
regeluiässigem van{ay Auch B. fu; ebenso B. g^vunt"^ (mhd. md. nbf. 
gewan\ vun (mhd. md. fvanen)\ Sgl. vä (-^vaft(a), nicht -^-o-). 

IIa. a wird zu «*»: 

la. vor inlautendem h, d, }j, g, /, s, f (ä, s. 3); umlaut 
dL Z. b. nu^bel (nabulo), gru^bm {grdban), ru^f fem. {jrabo m.) 
mv!^t (mado), Icu'^ddr (chataro)^ snu^t'^ (mhd. snate), u^tx {at{t)ah)^ 
iru^dn (pl. von trado)\ Su^'t^ (mhd. adv. schade), bu^'dn {badön)] 
mu^x (ahd. mägo — nicht wie bisher -ä- [was auch andere ma., 
z. b. Schwab., rhfr. bestätigen], vgl. Kluge, EW. unter *mohn' 

^) Die vocale der sog. en- und prokliticae, die je nach ihrer Stellung 
im Satze stark oder schwach accentuiert sein können, sind unter cap. 11 
('nebensilben') mitbehandelt. 



BISTRITZER HUNDART. 353 

und Scheiner a. a. o. § 60, anm.), vidu^xt^ f. (mhd. witage m.), 
äru^gv (mhd. schräg e\ hu^x f. {hag m., ags. haga, an. hagi [also 
g inlautend]); fuHmd§ f. (mhd. vaiwische fem.), k^u^l (chalo), 
muVn {mal(m)\ fu^znix (mhd. vasenaht)y fu^zdln (junge bekommen, 
mhd. vaselen), glu^z9r (glaser), hu^'s (haso), hu^bm (havan). Vgl. 
III a, 4. — Umlaut: gräv9r (pl. von grab), sädn (mhd. nbf. 
sche(e(we)\ vägv (pl. von wagan), k^näg9ln (zu chnagan\ ädltxl 
(dem. von scala)^ häskv (dem. von haso), häbmixi (dem. von 
havan)\ äb9§, -dri (mhd. eb{e)ch). 

Anm. 1. Aber fgt'^9r ifater)\ wgm. d ward hier anregelmässig ::»^ 
t^ daher znsammenfall mit IV, 3, entsprechend g9fät9rUaet [umlaut] 
(gevatterslente); hos9l (hasala) deutlich wegen des s = wgerm. s (statt 
des regelmässigen z)\ vgl. § 32<^ und § 2 V<^ anm. 

Anm. 2. Daher auch (s. o.) Ä«//*««« (woche, aht tagä)y fgr-^ nd- 
m^t^u<»x (vor-, nachmittag, 'iage\ bäxU*'u^ft (mhd. 6tiocA5/a6^ entspricht, 
nicht -stap) lautgesetzlich. 

Anm. 3. Nach abfall von folgendem g wird a durch *ä zu ^, nm- 
laut e, nach §6; z. b. drö {trag an) ^ hol (hagal)\ umlaut: dret^/dresf' 
(trägt, trägst). 

Anm. 4. Dagegen (s. o. umlaut): fl^g^l (flegil), bl§d9r (pl. von 
hlat)j legw (legen), Sz9l (esil), zSx (segä), wie wenn i (s. u. § 3) zu gründe 
läge; auch k^flix (chelih), 

IIb. 9 Ib. SIx. hat lu), ue, mal. (Glttsserat, nach eigener 

aufzeiehnung) p*», j*, seifl. o" ; Sgl. neifl. ä, o. Z. b. slx. nuobel, 

gncowen] seifl. mg^f*, k^o''d9r*, Sno^t*\ slx. geluogt (gelegt, B. 

g9lu^xt')] seifl. foVm9i*, slx. bezitolen (mhd. bezaln)] slx. huost, 

huot (hast, hat, wie B.). — Aber sgl. häse, räw (rabe) etc.; 

neifl. hi(ft^* (s. o.). — Umlaut f, (d?), f. Kobl. schaehi^ tr. 

blaeder (blätter, slx. blSder); (ww. schahde;) hunsr. rhfr. f'fti^*, 

eifl. e^^e^ (links, wie B., vgl. sss. ipesch), 
Anm. 1. Seifl. fat9r, tr. vadder. 
Anm. 2. (Vgl. oben anm. 3.) Tr. drd(n)f Ix. rfre/. 

2a. a>u^ vor r, r + consonant; umlaut rf. Z. b. 

k'^u^r9fraetox {chara — (mhd.)iT{/flc), du^r (dara), tsu^rix{zarga\ 

hu''rCrig9l (mhd. harttrüget), fnu'*rl9f{<,mara+alp, vgl. mediasch. 

(T//; alp), gu'*rg9l (swb. ^ar^/, begriflFlich = zarga), gu^'rts (bair. 

garzig)y gu'^r (alle, insgesammt, garo\ vu^rtn {tvartin), mu^^rk 

{mar{a)g), — Umlaut: ärb9s (mhd. nbf. erbeiT^^ am m. (mhd. 

erne\ bärt^ (pl. von bari), gärtn (pl. von gario), mär (nbf. maro), 

gärtk\m9r (mhd. gerwekamer). 

^) a bezieht sich immer auf die B., b auf die mslfr. ma. 

Baiträge zxa gMohloht« d«r dtattohen q>Taohe. XVU. 2ä 



354 KiscH 

Anm. I. Darch ableitoDfra- und flezioDBsilbeD ward oft ä zu a ver- 
kfint; I. b. f arver (färber), arj9m {argirdn), marg^ln (mergeln, 8. Klage 
a. a. o.), harf^r (comp, von hart). 

Anm. 2. Einige Wörter haben t« als umlant durch zoBammenfall 
von e mit i (s. n. § 2, 1»): i«rii (mhd. eren)^ mi«r (meri), Ici^'m {cherian\ 
rn«rm9n {w€rmen\ ents9ltJc i^rts {unslitcherza) u. a. 

Anm. 3. Zn g9mirlc (mhd. gemerke), irl (eriia) vgl. § 2, 1 anm. 2. 

2b. Mslfr. wifr Ib: six. duor, nmor {ward), fuoren {faren)\ 

mBl. go^rgdl (g. o.) woHd (warten), gg^^td {garto), iwo^C* {*swarta) 

o^'rmddde!^ (armutei DWB. 1, 562). Dagegen 8gl. (rip.) ärem 

\aram\ wärem (warm), war (spät mhd. war). — Umlaut: eifl. 

girikammery frh9a*\ Bgl. ww. ä\ am, färkel (ferkel, wie B.). 

Anm. 1. Sgl. arjem, 

Anm. 2. Auch mslfr. (s. o.) Sgl. wearme, msl. ^nis9ltslc e^rts. 

Anm. 3. Sgl. irle\ (mhd.) westmd. gemirke. 

3a. a > tt** vor ht, hs; umlaut df: mu'xi^ {mahi), vu^sn 

{wahsan), slu^'xC (falltreppe und schlacht, vgl. mhd. slaht und 

slahte), flW^s (flahs), bdnu^xin (mhd. benahten), u'xts9, -tsix (mhd. 

ahzeheny -zec). — Umlaut: näfx^n (mhd. nehten), ä^xC (mhd. 

nbf. eht), ä^xCdl (mhd. ahtet), gdm&^x^ (mhd. nbf. gemehte); 

fläisdn (mhd. vlehsin), 

Anm. 1. Schon hiemach ist der (in allem den ss. lautgesetzen 
widersprechende) Stammesname der s. 'Sachsen': spks in der ma. 
einfach fremdwort 

Anm. 2. Nach aosfall von folgendem h wird a durch *ä zu ö, 
umlaut f nach § 6 (s. o. IIa, 1, anm. 3): slo (slahan), slfC (schlägt), 
tsfr {zahar), 

3b. Wie Ib. 2b: slx. truochten {trahion), wuossen {wahsan)] 

neifl.: g; z. b. bdno^xtdn*. — Umlaut mslfr.: f, f wie 1. 2: 

nfyjdn seifl. (gestern abend). 

Anm. Tr. sch/on (s. o. anm. 2). 

III a. a > (T. 

la. Vor / + con8onant; umlaut a. — g^iber {alber), 
gg'^ldm (qualm, dunst, wasserdampf; vgl ebd. galm betftubung, 
ud. kwaim dunst, s. Kluge, qualm), Icglix (nbf. chalh\ hol 
(imperaf. von hallan), k^g^lf {kalt); fdrtsqlC (praet. von mhd. 
verzeln)f hglfCdrC m. {halftra f.). — Umlaut: sal^m (Vieh- 
seuche, scalmo, mhd. nbf. schelme), half (mhd. nbf. help) k^aldn 
(mhd. kellen), halt' (fr. hellit, obd. haltil), ald^r (fr. eltiro, obd. 
altiro)y g9valf (ßewelbe). 



BISTRITZBR MUNDART. 355 

Anm. Aber holt (halt), holvix {zvihälb\ Ao^Chalb), gglgv {galgo\ 
zplf (salba); nmlaut: hi<»lt {haldä) vgl. § 2, 1, anm. 1. 

Illb. a ward mslfr. 

Ib. Vor Z + consonant > d; umlaut f. Z. b. wäld ww. 
{fvald\ käld (kalt), salz (salz)] tr. haals {hals)j eifl. gdUdm* {quaim\ 
haal\ (s. 0.), baal (baldo). Dagegen 8gl. (rip.) a, umlaut f : 
wali, rvcUm (qualm s. o.), saiz, siaJlde {stalla, B. iCoU), — Um- 
laut f. Z. b. hfntx^* (dem. von hant, B. hantxi)y eifl. tr. 
käitver (pl. von kalp, B. k^alvdr), (f bezeichnet hier 'einen zwischen 
a und f liegenden laut\ d. h. Wintelers <S, breites ee). 

Anm. Aber seifl. hall* (s. o.), tr. haltvich, hol/', galjen, 

2a. a>g^ vor m + consonant; umlaut (/ vor -mp-) ä: 

k ^m{chamb)j lom {lamb\ Ügmfdrt (mbd. kampfer). — Umlaut: 

lämtxi (dem. von lamb)^ Icäm (pl. von chamb)\ [dimpix (mhd. 

dempfec), SCmp9l (tisch-, stuhlfuss, mhd. stempfei), tHmpdln (mhd. 

tempern)^ k'impem refl. (zu mhd. kempfenj]. 

Anm. Aber hC(^mpm {stampfdn), v^m (wamba). 

2 b. Hieftlr stehen mir nur Sgl. (rip.) beispiele zur Ver- 
fügung. Sgl. üy umlaut, auch mslfr., f. Z. b. komm; tr. 
lämmesche (lämmlein) [eifl. stämpel (fuss am tisch, stuhl etc., s. o.)]. 

Anm. Ww. kohl, rvampes {wamba), 

3 a. a > gT vor -ng > -vlc (d. h. demjenigen ng, das zu 

vk ward, vgl. §27, IIa anm. 4.), n + consonant; umlaut vor 

nff, nd : a, sonst i. Z. b. Ig'v/c {lang adj., vgl. IV a. 1.), Igvk^dt"^ 

(mhd. lancwit), plgnts (setzling, pflanza)y i^^^nts m. (mhd. schanze 

f.), sg'nt'^ (schäm, wie mhd. schände), tsont"^ (zand), g<fntndr 

(bair. gani{n)er, mhd. kantner) ^ sqntsn (hart arbeiten, mhd. 

schanzen). — Umlaut: hivlc f. (henkel, arm; zu hengen),fintsCor 

(venstar), Svinis9ln (umherstreifen, mhd. swenzeln), gditivfcdr (zu 

mhd. gestenke); iranddln (mhd. trendein), landdln (mhd. lendem), 

band9l m. (mhd. bendel\ bdhant (bihenti), frand9m (mhd. ver- 

endem)j hant (pl. von hant), fdrsanddln (zu mhd. versehenden). 

Anm. g(f«$ erklärt sich ans *gms=gense (pl. von gans) nach 
S 3, IIa; nach der obigen regel erklärt sich auch hint§ (mhd. nbf. hentsche), 
da dem gedächtnis das bewnsstsein der zuBammensetzang mit hant ge- 
schwunden war und B. (mslfr.!) altes nsc auch ^>>n(ir ward. 

3 b. Seifl. msl. lävk'* (lang adj., adv. /a»* B. lg» s. IV b), 
läok^9f* {lancwit), tsänt^, fmgdvJc (mhd. umbeganc, B. fmggvii). 
— Umlaut: tr. Äf»Ä** f. (henkel), [westmd. (mhd.) /?fw/^] ; ww. 

28* 



356 Kiscn 

irändeln (langsam geheDj, seifl. bfnd9l*, bfn9l* m. (kleine binde), 
ferfn9m* (heiraten). 

Anm. Honsr. gaese (pl. von gans), slx. h^ti^ (8. o.) 

4a. a> vor auBlautendem *, d, p, g, p, t, k (/), s^ 
h, l (//-), m {-mm-), n (-nn-). Umlaut vor g, k, (ä): ä^, 
sonst ä. Z. b. dg'x {tac), grgf (j^rab), roi^ {rat)^ }cn<fi (praet. 
von chnetan)\ sof {scaf\ dg'i^ {da^i), gs (fl;?), dox {dah), box 
(f., wie md. bah\ glgs (glas), mgs (unbefruchtet geblieben [von 
der kuh], nicht < mai, -tt-, s. Frommann, Deutsche ma. 6, 16), 
zg'x {sah), g9Sgx (giscah); Com {(am), mq (man), leg (kan), 
sfol (stal), hom (srvam, spongia, und praef. von swimman), — 
Umlaut: dä^glix (mhd. nbf. tegelich), däigdltxi (dem. von dah); 
räix^ (dem. von rat), ääfkv (dem. von scaf\ gläskv (dem. von glas). 

Anm. Aber zt^fC (saf, nach IV a. 3a, da -/ schon früh (mhd.) 
antrat); zgl zur fntaralnmschreibnng gebraachf, wie im mhd. engl. (ahd. 
sol^ gut. skal, engl, shall^ nl. zal\ -p- kann hier nur -«=: a entstanden sein, 
8. u.); za blft (blai) s. IIa. t anm. 4. 

4 b. Seifl. tr. daag (d. h. däx), graaf, raad; daad (daz^)y 
naas (na:^, B. wo"*), daach (dah), baach f., glaas ; seifl. mds* (von 
einer kuh, die noch kein kalb gebracht hat), g^idx* (ffiscah); 
tr. Staat (stall), ww. Sgl. mä (man), kä (kan), — Umlaut: tr. 
f, Sgl. f : däg (d. h. dfXy pl. von tac), männcher (d. h. mfntx^r 
pl. vom dem. zu man), 

Anm. Aber mslfr. (ww. hunsr. Ix. eifl.) wie sgl. rip. nd. sali mit 
altem a, wie anch B. (schon altss. sali (sollst), sal, s. Fr. Müller, 
Deutsche Sprachdenkmäler aus Siebenbürgen, üermannstadt 1S64, t85. 203). 

IV a. a > 0, 

1 a. Vor -ng- > »; umlaut &, Z. b. Iqv (longo, adv.), 

Igndn (mhd. langen), sfgv (stanga), tsgv (zanga), Umlaut: gävix 

(mhd. gengec), hävdltxi (dem. von mhd. hengel), zävdn (sengen), 

ävdl (engil), gdzäv9Uxi (dem. von gesenge), 

Anm. Iiv9r (comp, von lango) ist mit lautgesetzlichem Utile ^r (vgl. 
III a 3a, comp, vom adj.) zusammengegangen. Ebenso erklärt sich wol 
auch hd^^sC (hengist) ^^ * hiwst wie fd«$tn^^*pfingu$tin, s. besonders 
8 3, IIa. 

IV b. a> a. 

Ib. Seifl. Sgl. /(!»* (adv., vgl. Illb. 3b). — Umlaut: seifl. 

hfi9dltx<^ (s. 0.) 

2a. a> g vor inlautendem nn, rr\ umlaut a, Z. b. 
fgvÜ ox (xwXiA, phannkuoche), ^(2/i^^?i (bettstätte, m\i(\, spannbette). 



BISTRITZER MUNDART. 357 

tigr (narro), f^dr (pfarrärf). — Umlaut: /an9k (pfenninc), 
grandix (zu mhd, part. prs. von grennen, < ^grennendec), ran 
(rehfien), dandn (tennin), isam {zerren), blam iplerren), 

2 b. a> a mslfr. ; umlaut: f vor nn, a vor rr, Z. b. 
eifl. pan9/cüx* (pfannkuoche), hnuBr. parrer {». o.). — Umlaut: 
seifl. 8gl. männer (pl. von man), Sgl. rann* {rennen), eifl. ww. 
b/arPH* {blerren), zarren {zerren), Sgl. narrich {nerrisch). 

3 a. a> g vor Inlautendem k, t, p; kk, t(, pp; II, mm\ 
vor sl, sp, sk,f,ft. — Umlaut vor k : 4? , sonst & : mqxv {mahh6n\ 
bqxv {bahho), vQs9r {waTizar), f^rgfm (vernarren, trans. mhd. ver- 
offen), tsvgfc f. (gabelförmiger ast, bair. zwacken f.), bqkv (sich 
verstecken [kinderspiel], p. u.), smgkv {smacchen), Iqts {lat(a\ rgts 
{ratla) przqisi (versetzt, mhd. westmd. versaUit), pgtsix (patzig, 
aufgeblasen), t\p9zn (iterat. von tappen), Svgpdln (bair. schwap- 
peln schwanken [von flüssigkeiten]), grgp f. (kleines stück traube, 
fz. grappe, it. prappoio), grqpdzn (grapsen, s. Kluge a. a. o.), qll 
(mitunter, mhd. adv. üIUt;), fgl {falla), Icrgl (kralle, pl. lange nägel, 
zu mhd. krellen), hgm {hammd), ]ilqmdr (mhd. klammer), irgm (mhd. 
nbf. schramme), ggsf^ {ffO'Sf), qsp (aspa), mqs (mhd. masche), t^gS {las- 
ca\ krqfC {chraft), qbdr {avar, -b-), — Umlaut: hä^xt"^ {hehhit\ 
hä^X^ln (mhd. nbf. hecheln); äsix {es^^^ich), väsi'x (mölke, s. u.), 
k'äs9l {chez.z,U), läfdl {leffil), b9/cläk» (mhd. [be]kl ecken), bläksn 
(blöken, iterat. zu mhd. blecken), ät(9r m. {ecker), gdbäksdl (zu 
mhd. gebac), fät§ (mhd. vetsche, bair. feeischen windel), plätsn 
(klatschend schlagen, auffallen, m\iA, platzen, platschen), vätSt^S 
{rvelzstein [von unausgebackenem brote gesagt]), bä{^ {betti), 
{fdr)läp9m refl. (sich allmählich verlieren, verschwinden; bair. 
{ver)leppern), Icläpdr m. (glockenklöpfel, zu mhd. klepfen, ndd. 
Meppen kurz anschlagen), drväln (mhd. erwellen sieden machen), 
häl (balken, mhd. srvelle), Sväin {swellen), iväm {swemme), IcäsC 
{chestinna), äst^rix {estirih), v&sp9lts (mhd. wespe), väSn {wascan, 
mhd. nbf. weschen), häfm plur. tant. (plur. von hevo), häftn 

{heften), 

Anm. 1. Aber ng^sC^ (asl), 

Anm. 2. Aber tatst {lez,2,ist) neben lautgesetzlicbem fnläisn (mhd. 
vertetzen)y fast'' (festi) neben fästuitU (festung). 

3b. Mslfr. hat hier a, nur tr. hat hier meist ä. Umlaut« 
seifl. msl. ww. f\ tr. ^; Sgl. rip. f. Z. b. ww. mache (die mache), 
wasser, seifl. zwack f. (gabelförmiger ast), (sgl. backe schmollen; 



358 KI8CH 

8. 0.), batzifj (auffahrend), ww. tappche (plamp auftreteD); eeifl. 
Ix. idbI. f/rap (stück traube, eine band voll), ald (zuweilen, schon), 
mslfr. ham* (scliinken), krallen (lange fingernägel); ebenso Sgl. 
(rip.) a, z. b. sache (sahha), kachel (chahhala), falln (fallcai) etc. 
Das (sonst msfr.) tr. hat waasen, faulen, s. Laven a. a. o. — 
Umlaut: seifl. fsix* (es^^ich), ww. kohl. eifl. waessig d. h. 
wfsix mölke, auch sonst gebräuchlich?), seifl. 1c{s9t^ (s. o.), 
hlfksdn* (blöken), {/9bflc* (gebäck), eifl. flc9r (s. o.), seifl. 
pleihn* (s. 0.), n^ftSlf* ( Wetzstein und von unausgebackenem 
brote), wftsix* (unausgebacken, ww. walzig), bff* {belli), 
l(lfp9r m. (gloekenklöpfel), k^fsi" (chestinna, 8. ob.), fsCrix 
(astrich). Dagegen hat sgl. (rip.) f. Z. b. Sgl. ässich, bädde 
(belli), wälze (wetzen), geschäfU Auch tr.: mäss (mhd. me:^er), 
läffel {leffil) u. s. f. 

Anm. 1. SIx. seifl. näst* (s. o.). 

Va. 1. -aw' ward (vgl. Braune, Ahd. gr. § 114) durch 
ao > 6 nach § 12. la zu ü; umlaut t. Z. b. lü m. (16, got 
*lawa') frü (frö)\ n {ro), SM (slrö). 

2. -ew' wird zu ^V, indem es mit der gruppe -iww- (s. § 13 
IIa) zusammengieng. Z. b. ä^"« (hewi), frq^^i^ {frewita, praet 
von frouwen\ sfnfm (slrewen), 

Vb. 1. Auch mslfr. (slx. tr.): frü* (frö); — umlaut: Sin* 
(vgl. § 12 1 b), also wie H. dagegen sgl. (rip.): frö*, rö*. 

2. Msl. tr. fraai dich\ (freue dich), B. fnff dix\\ fradn 
{frouwen), slraa'n {slrewen). Dagegen sgl. äj : fräjje (frouwen), 
Sträjsel n. (alles, was dem vieh untergestreut wird, ^.gdSinf^sdl). 
Vgl. § 13. IIb. 

§ 2. Westgerm. e. 

la. e> i^ vor r, rr, r + cons., [/], ü, Z + cons. (ausser 
Iw > /, Ik > Ix), Z. b. svi^rn (swero)^ di^r {der)^ vi'^r {wer), 
hi^'r {hera)y bi^rij-pi, -aos (bergein, -aus, zu berg), gi^rn (gern 
und mit absieht, ydrno\ fi^rii^ {fersana), gi^rSC {gersla), vi^r 
(gerstenkoni am äuge, ww. wcehr), hi^rf {herd), i^rl^ {erda), 
Sui^rl^ {sweri), vl^rdmt {wermuola)^ Sm^r {smero), smi^m (mhd. 
nbf. smem\ vi^^rk"^ {werah), vi^rn {werden), si'^m {sceran\ pi^^rdl 
{perala), fi^'l {fei), Sni^l {snello), fi^C {feld), giHl' {gell), sti^lU 
{^lelza, nicht slelza [s. Kluge], was aus obd. ma. [z. b. swb.] 
hervorgeht), böxsiiHls (bachstelze), SmiHlsn {smelzan), mi^'lkv 
{m'elchaii). 



BISTRITZER MUNDART. 359 

Au in. 1. Durch zusammenfall von € mit e^ den die ma. mit dem md. 
teilt (nicht mit demobd.), erklären sich nach § 1. IIa, 2a anm. 1, III a, la 
formen wie: zaldn {s^Uan), mahm f. (mhd. miim m.), tc'ahr (chillari), 
fartshlr (formell pferdebirne, begriff 1. bofist), hixrls {hürza und mhd. adj. 
herze), 

A um. 2. ^^»-1 vor r, / in fc^irb^l (kirvola), k^iris^ln (zu mhd. kirren), 
iilk*^sn (i^erativform zu mhd. schuhen, das zu scilah gehört, [biin (billan)]\ 
iz=:>^i^=^l in fhrzfvlc (mhd. pfirsich\ ütrnmqlix (mhd. kernmiich), ivlrn 
(swiran)^ ^virix (eiterig, mhd. swiric), 

Anm. 8. hf (ir) wegen des (sehr frühen) abfalls von r nach IIa 
anm. 1. 

I b. Msl. eifl. sw^^m* (swero), d^^r (der), Ix. stets ie, ie 
(d. b. if): fielz {felisd), hierz {herzd)j bierg iperg), ierd (erdä), 
hier (hera), hie (er), gihr (f/erno) u. p. f.; Sgl. hat ea, ea (vor 
r). Z. b. stearwe {sierban\ tviart {fv'erd), giarn {ff'erno), biarch 
(berg), 

Anm. 1. Dieser zusammenfall (s. o.) gilt auch mfr. allgemein. 
Z. b. Sgl. pärd (pfer-prit, bei B. färl\ harze (hirza). 

Anm. 2. 8gl. kirwel (s. o.), eifl. iilk^s^n"^, (eifl. biUen)\ slx. pH^ii* 
(pl. von pfifrsich), ww. kirn* (mhd. kirn f.) 

Anm. 3. Mslfr. — ww. seifl. tr. — hf*, hcB. 

IIa. e > e Yor bj d, p, g, s < -hs- in mundartlich mehr- 
silbigen Wörtern, vor Ih > /, Qk > /..zO- 2. h.l^bmdix (mhd. 
lebendec)y Sfr9l (mhd. schedel), lQ9r (hefe, legar\ ts^rdl (mhd. 
zedele), v^.gdln (sich bewegen nach art eines wagebalkens, iterat. 
zu wegan, nicht = wackelnl mhd. daher wol tvegelen anzusetzen, 
nicht -e-, vgl. Lexer, Mhd. wb.), v§d9r {wetar\ f^d^r (fedara), 
lfd9r Qedar), l§dix (leer, mhd. ledic), ledig» (ausschliesslich für 
leeren, ledegen); v§sdl (wehsal), z^sts9 (sehzehan), z^stsix (sehszug), 
b9f^ln ipißlhan), v§Ux (we/c[Ä]). 

Anm. 1. Mundartlich einsilbige haben f. Vgl z. b. l^fC (libSi), 
l{fl {lebe!) mit obigem l^bmdix, bfi' (beidt)i bfrhr (beialäri), b^r^ln 
(beialön), zfs(sehs): zesisp, -Isix {sihszehan, -zug), v'fx i^ic): v^g^ln (s.o.). 

Auch gf (giban\ re {regan) nach Schwund von folgendem ^, g\ 
ebenso zfn9s (sfgansa), 

Anm. 2. ^:=*-i in Urip9s {chribiz;), 

Anm. 3. m<i/* (milu), ipfnvät (mhd. spinnewH), als ob -e- zu 
gründe läge, s. § 1. IIa, 1. 

II b. Mslfr. ww. wedder (wetar), tr. ledrig (d. h. l^drix, wie 
leder, denn f ist mit ee bezeichnet [bei Laven a. a. o.j) ; b9f^l9 
(bißlhan), [slx. welech (welch)]; Sgl. dagegen hat ce (d. h. f): 
wcerer, fcerer (ßdara). 



360 KISCH 

Anm. 1. Tr. leeft (8. o.)» heed (s. o.)» scheel {jsc^lah, B. i//); ww. 

rehn (s. o.), mal. sfnis* (sigansa). 

Anm. 2. Mal. eifl. krtbs (8. o.). 

Anm. 3. Seifl. ipanwft^* (s. o). 

III e > 4? vor k, h: tsä^x (zunft, mhd. zeche), rä^x °- 
(niedriger berg, mhd. rech s, u.), brä^x (mhd. breche), Qrläix^n 
(zu mhd. erlechen)f dä^x^f^ (familienname, mhd. dechmt), Mr^^' 
{p'eh, b-)\ fäi (ßhu), g9M( (giscehan), zäf (sehan). 

Auch hier ist e mit e zusammengegaugeu, s. § 1 IIa, 3a, 
Illa4a, IVa3a. 

Anm. Aber isä (zihan). 

III b. Msifr. f. Eifl. msl. Ix. r{x^ (abhang, lothr. in 
Ortsnamen z. b. ^Rech'; auch hess., also westmd., sonst kaum 
gebräuchlich), eifl. brfx (»• o.), tr. brähchen (brehhan), rähchen 
(rehho); vgl. Weinhold, Mhd. gr. § 103 -ehe > ei nrh. sehr be- 
liebt: sein (sehan), geschein (giscehan) s. o.; heute eifl. gescheit 
(geschieht, wie B.). 

IV a. e> d Yovp, t, pp, kk, ti; sk, st (sp, ft). Vgl. § 1, 
IVa 3a: t\6fm{tr'e/fan), f&fdrIiraoC (Bertram, zxxpßffar), fäsdrn 
(mhd. vesi^eren, s. Kluge, fessel), ^ngäsn (mhd. ungez,z,en), Stäpm 
(mhd. steppen), Späk' (schaf klauenfett, specch), stäkv (mhd. stecke)^ 
IcläC (chletta), lätn (plur. von letto), drään (dreskan), g&sCdr 
(mhd. nbf. g'estre). 

IV b. Mslfr. {, Q, Sgl. (rip.) f. Z. b. Ix. p(f9rl<raot'* (s. 

0.), tr. ähsen, ww. essen {ez,z,an^ B. dsn)^ eifl. li[t^* {letto), gfst^r^ 

(mhd. gestre), ww. drek {*drecch). — Sgl. (rip.) dräffe (treffan), 

ässe, gästem. 

Anm. Die mslfr. länge hier und III b gegen sgl. (rip.) kürze ist 
charakteristisch; ygl. B. äf, ä. 

V a. Sonst e > /. Z. b. gfl (gelo)^ mfl {melo)\ ffs {/esa), 
ifzn (lesan), gdv^st"^ (sw. part. pr. von iiv'esan)\ flfx^ (wagen- 
korb, mhd. vlehte\ Icn^^t"^ (kneht), lcfv9r (chevar), brfm (mhd. 
brem), 

Anm. 1. Aber brimix (brünstig, von Schweinen gesagt, vgl. hiezu 
und zu svtrix (srviric) Beitr. 13, 893 f. 14,163); fl^xtn {vlehtan), il^t 
(gerade, slihi), rf//' (riht)\ l^fts (Ufs), 

Anm. 2. bäs9m (*bismo) folgt deutlich IVa, da ^ hier stimmlos 
ist; vgl. besonders § 32a und § 1. IIa anm. 1. 

Anm. 3. Fremdes ^:^t in olz^bitn- (Elisabethen-), a»pn/Ori (dem. 
von Agneta), grit^i (Gretchen), saUt*'9r (mhd. Salpeter)^ pit9r (Peter), 



BISTRITZBR MUNDART. 361 

platiinC^» (pfannkuchen [Deutschland], kletite [Oesterr-Ung.], \9X, placenta)\ 
sonst z. b. ni{n)f' (nehmt). 

V b. Auch tr. geel (geh), melü {melo\ eifl. gdw^st * (ge- 
wesen); tr. kncehchd (kneht), eifl. Icetvdr* (chevar). 

A n m. ] . Msl. seifl. brimix* (brünstig s. o.), eifl. löffzen (pl. von l€fs), 

Anm. 2. Slx. eifl. bessern, köln. bessern {bßsamo) s. o. 

Anm. 3. e^^i bes. wmd. beliebt (Weinhold a.a.O.; Wahlenberg, 
D. nrh. ma., KOln 1871); nimt (nehmt), andre beispiele oben in den an- 
merkangen. 

§ 3. Westgerm. t. 

I a. I > i vor *, /, d, p, s, g, (ä), /, m, n, r, rr, r + con- 
sonant Z. b. zibm {sibun), drif (trieb, früh nbd. trip^ s. Kluge). 
vib9ln (mhd. wibelen\ bib9l (mhd. bibel)\ Sib9r f. (scivaro), StUb9l 
{sHväiy^ (nix^r [zu nihhein]); Slidn {sUto\pid9m (zupfen, s. \x),pidn9n 
(durch zupfen in fäden auflösen, s. u.), -nidn (unten, nidana, in 
Zusammensetzungen), nid9r (nidar), fridn (einfriedigung und friede, 
wie mhd. vrtde\ vid9r {widar)] vis (wisa), visbom {rviseboum [b heisst 
stimmlose media]), viz9ltxi (dem. von wisala); Svfj9r {swigar), 
St^ig9l m. (mhd. siigele f.), gigv (1. pl. des st. praet. von mhd. 
gigen)] ziln (mhd. sile), §tUl (stil), tsvilix (zwilih), him9l {himil), 
hinaltsn (sterben, zu mhd. himeln), fimdl (männlicher hanf, s. u.), 
in {im [ihnen] und in{an) [ihn]), hi ihin{d), z. b. in hidä eigtl. 
hintun, = versorgen, s. u.), irix (weissgegerbtes schaf leder, irafi), 
Uirix {chirihha\ Sirb9l n. (dem. von scirbi), firg9ln (mhd. virgelen), 

Smirk^liX (ranzig, zu mhd. smirken). 

Anm. ]. t^l vor r-lauten in mundartlich einsilbigen wOrtern: 
st'^irn m. {stirna f.), btr (bira), g9i\r (giscirri), virl"^ (unrt), mir (mir), dir 
(dir), hhi (hirsi), Mm (himi), Mrt' (hirt), tsv\m (mhd. zwirn). Doch 
hirts (hiruz,), wol wegen der dreifachen consonanz. 

Anm. 2. lof (Jigen) erklärt sich ^ mhd. lien, lin nach $ 8. la. 

Anm. 3. Aber ipf/ (spiOi trotz ipiln (spilon; imp. B. ipU\); m^lix 
(miluh, mhd. milch), ist nach III a zu beurteilen ; ebenso ^n (in), da es in 
zusammensatzungen meist vor cons. stand, wie un- :^ 9n s. § 5. 1 anm. 3. 

Ib. Auch msifr.; dagegen hat sgl. (rip.) nur nach r-lauten 
'ungeschwächtes i, sonst wie nhd. Verlängerung und Schwächung' 
(Heinzerling a. a. o.), nach *, d, (m), n, l, {s)\ {^ nach g\ f. 
Z. b. ww. siwtvezig (siebzig), eifl. wibbelich (zu tvibelen, s. o.), eifl. 
piddeln (zupfen), pitemen (leinwand zupfen), tr. nidder, eifl. (los* 
mix) ts9frid9n (eig. [lass mich] zufrieden d. h. in ruhe, wie B. 
ts9fridn\ rvidder (widdar), eifl. rviss, wisbSm* (s. o.), ww. diser 
{disSr, B. d4z9r)y hunsr. (hess.) silen m. (s. o.), silscheit n. (wage, 



362 KisCH 

hebet zur befestignng des Pferdegeschirrs, B. zilniaef n.), eifl. 
still {sUl\ fil* (filu), seifl. himdldn* (sterben, s. o.), fimdp" (männ- 
licher hanf, bair. ßmel^ s. c), hig9don (hingetan, versorgt, B. 
higddg^, s. o.), schirhel (s. o.), §mirlc9l9n* (mhd. smirken, p. o.); 
Sgl jedoch: sewe (sibun), frSre {fridu\ vel (filu) u. s. f., vor ^: 

rejjel {rigit), ejjel {igil). 

Anm. 1. Auch mslfr. z. b. hier, tr. wicri, mier, dier, hier (ihr, iru)\ 
eifl. hirz (hirschkäfer, B. hirtsg's [-ochse]). 

Anm. 2. leie{n) tr. eifl. {ligen) vgl. § 8. Ib. 

Anm. 3. Mal. tr. möüich, ön (s.o.) (wie un-:^ on); doch spül and 
Spillen. 

II a. / erscheint (nach abfall von folgendem n vor spirans) 
als ^V vor {n)s\ vor {n)f B,\^<f. Z. b. tsiffs {zins\ diffzn (dinsan), 
fffstn (< *finstn, mhd. p fingst en); fqf {finf). — Zu diesem 
höchst interessanten abschnitt vgl. Staub in Frommanns D. ma. 
7, 18 ff. 191 ff., ebenso § 5. III a und besonders § 22. la. 

Anm. 1. Vgl. besonders h^^si' und go^s § 1. IV a la anm. and 
lila, 3a anm. 

Anm. 2. (Im sss. auch d^^st*'i% (a,fr. na. dingestag, s. Klage anter 
dienstag), B. jedoch stets dpitstgx [analogienentlehnang aas dem nhd.?] 
Immer l^nti (Hnsi); hieza vgl. § 5 lila anm. 

II b. Eifl. däsen {dinsan s. o. ; dräsen reil. sich ausstrecken, 
besonders beim gähnen, gehört wol auch hieher; B. driffzn<i 
*dritisan? refl., sich dehnen, strecken, doch ist mir die Vor- 
geschichte des Wortes unbekannt. Vgl. sss. droasen). Diese 
verschiedene behandlung des i vor urspr. ns, nf gilt auch ww. 
Sgl. rip., dagegen hat schon hess. dinsen etc. 

Anm. 1. Neifl. dostig (s. o), msl. dentstix\ slx. lernen (plar. von 
linst) wie B., rip. I{z9n ; vgl. § 5, 111 b anm. 

III a. Sonst (also vor //, / + cons., iww, m + cons., nnyn'\' 

cons. [ausser ns^ nf, s. IIa], und allen mundartlich stimmlosen) 

I > f : dfl (tun), Sfl' (seilt), vqli (wildi), /c^lkv (hüsteln, bair. 

kilkezen) ; Svfm9n {swimman), Slfm (schief^ schräg, *slimb\ Sfmp9s 

(mhd. schimphhüsy euphemistisch für abort, wie mhd. kuolhüs, 

sprächhüs u. a.), hfmp9r (hintberi), gr^f {ffrint\ z^ni (mhd. 

sini), bfnd!9r (ausschliesslich für böttcher, mhd. binder), vfwlcH 

n. (winchil m.), rfvk^ f. (mhd. rinke m. f), brfVPn {*wringan), 

VfntdrgrAf (singrün, eigentl. Wintergrün), tr^nddl n. (wasser- 

wirbel, mhd. nbf. trindel\ Spfs {spi%\ d§C (diz), ({ (i;?), rfst"^ 

(rist), fs (ist), flftxdrn (iterat. zu mhd. vlittem, schallend lachen), 

tsvffdrn (flimmern der äugen infolge eines Schlages, s. u.), glftsn 



BISTRITZER MUNDART. 363 

(mhd. glitzen), glflin (mhd. glitsen, swb. glitschen), gfSn (gUchen)] 
zfxl (imp. von sehan), irffc9ln (aufspringen, risse bekommen, zu 
mhd. schricken\ hess. schrick, Sprung, riss), gfksn (mhd. ^i^^^), 
bompflcdr (blauspecht, zu ho^m [bäum] und ppkv [picken]), tsfpm 
m. (zu mhd. nbf. zipf), Vfff f. (mhd. wifi), drffC (anlauf, zu 
irifi\ Icfpfn (mhd. kippen). 

Anm. 1. Aber: ptpts (mhd. nbf. pfipfiz). 

Anm. 2. Merkwürdig t:^tt in sunlc st. f. (schinke swm.), smtüc 
(peitscheDende, mhd. smickc)\ in buntsix (mhd. winzig) hat sich -u- aus 
'W- entwickelt; vgl. /r'u = ahd. kuman -^ quiman u. a.; b. Kluge unter 
winzig. 

Anm. 8. t ward durch *i^^ae in den betonten pronominibus : aex 
(ih), maex {f^ik), daex {dih), zaex (siK)\ unbetont: ixy mixi dix, zix. 

III b. Auch msifr. f, e, a (eifl. wechselt f, a [sogar o] auf 
eine strecke von einigen meilen). Seifl. schelt (s. o.), Uflksdn* 
(hQsteln, s. o.), tr. schwömmen, schlömm (schräg), eifl. hamp9r* 
(s. 0.), ww. bender (ausschliessl. für böttcher), tr. röngg, Sgl. 
brenge, eifl. want9rgrin* (singrön), trfnd9l* (wasserwirbel), tr. 
spöss, ww. döitj tr. edd^ öss {isi)\ Sgl. zweddere (flimmern), tr. 
glöddschen (ausgleiten), Sgl. sech, eifl. bdmpptc9r* (specht, s. o.), 
tr. schöff {seif, B. sf/"), eifl. ww. tsfp9n* (zipfel, s. o.), drpftiy^ 

(mit Schwung, anlauf losgehend, s. o.), Icfp9n* (abhauen, s. o.). 

Anm. 1. Ww. tr. piebs (d. h. pips). 

Anm. 2. Eifl. ww. wunzig\ doch eifl. im^k^*, hmak* f. (s.o.). 

Anm. 3. Ebenso mslfr. (auch hess.); jedoch nicht rip. (und sgl. 
neifl. nix.). Für 'dich* s. die grenze bei Wenker, Sprachatlas 27. Vgl. 
tr. hunsr. ww. msl. eich — ich, meich — mich etc. mit rip. ech^ mech 
u. 8. f. Vgl. § 16. 

§ 4. Westgerm. o. 

la. erscheint als u vor m, n; umlaut i (vgl. § 1. la. 
§5. la). Z. b. braejum (brütigomo), hunix n. {honag n.), /cu 
(spätahd. kamen). — Umlaut: k it"^ (3. p. sg. prs. von obigem 
ku, mhd. nbf. küm(e)t\ kUst' (küm{e)st). 

Ib. Eifl. hunix (s. o.), (ww. bräum), eifl. k\(n); dagegen 
Sgl. hdnich, komme, bririjam, Umlaut: Ix. kitt (s. o.), eifl. kint, 
(köln. kütt), 

IIa. o> vor inlautendem b, f, d, p, g, l \or 1 + 
consonant, r + consonant; umlaut f. Z. b. ßcob9r (mhd. 
kobel), /cnoblQx (chlobolouh), op9s (obas;), hob9l f. (mhd. hovei 
Ol.), gbm (pvan und obana), dod9r (totoro), oddr {odar), rQg9l 



364 KiscH 

(mhd. rogetjy hogv {pogo\ holn {hol6n\ bgln (balken, mhd. boie 

[vgl. an. bolr baumstamm]), k^ol {cholo\ foln (folo), holt 9r( 

(mhd. hol{un)der), volf {wolf), Icorf (chorp), d9s morjdsi^ (mhd. 

des morgenes, 8. u.), folgv {folgen). — Umlaut: h^s (mbd. äö- 

vesch), lcnfr9l (mhd. knödel), d§d9m (cacare, zu totoro), t*^rfg9llxi 

(dem. von troc), beln (pl. von mhd. hole, 8. o.) h^ltsdr (pl. von 

holz), k §rd9r (mhd. nbf. körder), i^ris (baumrinde, ndl. schors{e) 

f., zipe. schörz), repisn (mhd. nbf. rophizen, rofzen), fepdln (mhd. 

topelen). 

Anm. Aber mur (morhd), {f9r)lf rtih9ln {strohaldn\ godi {gota\ 
börhC (mhd. horsl)\ in v^//r\ dem. v^lklxi (wolchan), liegt deutlich -ti- 
zu gründe, vgl. mhd. nebenf. timlken, umlaut -ü-, 

II b. Tr. Owen {ovan und obana\ bodem ([d. h. q, denn o 
ist besonders bezeichnet] bodamo\ bogen {pogo\ hollen (holön), 
wolf, korf {chorp), morjensd (s. o.). — Dagegen Sgl. ö^ (d. h. q): 
ägebö'^re (angeboten), bS^tte {bogo), höHn {holön) u. a. — Um- 
laut ö (d. h. ^, ^ein laut zwischen nhd. ö in können und e in 
kennen'). Z. b. ww. knöitel (s. o., ww. ist -tt- < gm. d stets = 
r, also = */cn^r9l)y tr. förchden {forahian, -m-), eifl. repsen (auf- 
stossen, s. o.). Dagegen vgl. sgl. b^jelche (dem. von bogo). 

A n m. Eifl. mur*, f9rhtruw9l9n* , Ix. got (s. o.) 

lila. Sonst (also vor mundartlich auslautendem /, vor r, 

rr, m, rd und allen mundartlich stimmlosen lauten) wird o > 

0^; umlaut f^ Z. b. äo7 (äo/), /b''/ {fol), §por n. (fussspur, 

5p(?r n.), dor {tor)y gdfrom (gefroren), fdrvom (part prt von 

ftrwerran), hom m. {hörn n.), Ä^oVn (weizen, chorn\ vort'^ {wort), 

som (mhd. schorn)\ lof {lob), tr(fx {troc), gdirofm (part. pr. 

von treffan), So'stn (mhd. schoT^z^en), po^stn (pfropfen, s. u.), Icnox 

f. (mhd. knocke m.), /'o'xt) (mhd. fochen), liop (kanne, chopf), 

{s(rop m. schlinge, vgl. Lexer, nrh. siorp schlinge), Uotsn 

(mhd. kotze), bro^k f. (das weiche des brotes, broccho m.), ro^kv 

{rocko), Spo^t {spot), ros {ros), o^s {ohso), doxCdr {tohter). — 

Umlaut: k^fptxi (dem. von choph, s. o.), sfpBln (am schöpfe 

beuteln, zu mhd. schöpf), sprfskv (dem. zu sprozi^^o), Sffßc (pl. 

von sto'k\ weinstock, mhd. stoc). 

Anm. 1. Aber (i)^gk» (scbankeln, zu tigk*^ = mhd, schoc), hgfm 
(mhd. hoffen), durt"^ (dorot\ fgrt"^ (mhd. vorf). 

Anm. 2. d^n9r, bei B. dgnd9r (donar) weist wol 9Luf*'Und- zurück 
(8. § 5); vgl. nl. donder-, engl, thunder. 



BISTRITZ£R MUNDART. 365 

III b. Auch mslfr. tr, verrvdr (verworren, s. o.), ipo^r n. 
(8. 0.) (sgl. sbdar n.), tvört"^ (s. o.), gestdch (gestochen, B. g9ät'o^xv), 
gespröch (gesprochen), B. gdsproxv\ eifl. postdn (pfropfen, s. 
§ 23, 1), hroli'^ f. (s. 0.), tr. kbhh (köpf), äbchter (s. o.). eifl. ww. 
q$^ (s. 0.). — Dagegen sgl. (rip.) o^ (d. h. j): gesto'^che (ge- 
stochen), gego^sse (gegossen), kC'bb (köpf), gno^bh (knöpf), ro^st 
(rost) u. s. f. — Nur vor r oa (d. h. o«), vor lit ö^ (d. h. gT). 
Z. b. Äöom (hörn), dö^chier (tochter). — Umlaut mslfr. /, ö 
(d. h. ^'') : tr. Icehcher (pl. von loh, B. Ifx^r), döhchder (pl. von 
tohter, B. dfx^*^^)] — dagegen sgl. (rip.) f. Z. b. lächeiche 
(dem. voa /oA), gnäbbe (plur. von knöpf). 

Anm. 1. schockein sgl. (schaukeln, s.o.), tr. /br/. 
A n m. 2. Eifl. doMr* (s. o.). 

§ 5. Westgerm. u. 

la. Altem u entspricht u Yor b, d, g, doppeltem ver- 
schlusslaut, m, n, /, r, rr, r + cons., hs, ht\ umlaut i, vor 
doppeltem verschlusslaut f. Z. b. §C^uf {stuba\ inud^m (mhd. 
snudem), CuC (düte), jui (mhd. Jude), irudn (pl. von mhd. 
truie), durdln (dudeln), flugn (pl. praet. von fliogan), t\gnts9m 
(mhd. tugenisam), zumdrlu^i f. (sumarlala, -o-), frum (mhd. i;rttiw), 
i^ntir f. (kreisel, zu mhd. snurren)^ urtm (Überreste, die das vieh 
vom futter stehen lässt, pl. zu mhd. ure:i^^ gur (stute überhaupt, 
nicht wie mhd. gurre). Iuris (mhd. lerz, nrh. lurz), bus (Schrauben- 
mutter am rade, buhsa), fus {fuhs\ fruxC (getreide, fruht\ tsux{ 
{zuht)\ Icukfi (mhd. gucken), spukv (spucken), {uCdl f. (zu mhd. 
iutie)y slup f. (schlinge, mhd. slupf m.), §updm (zu mhd. nbf. 
schupfen)^ SCupm (mhd. stupfen)^ ^i'rup f. (mhd. strupf e\ fupm 
(zu frUhnhd. tupf), liuihi (zudecken, {umbi)chuzzen), luiin (saugen, 
s. Kluge unter lutschen). — Umlaut: k^nibdl (knubil), gripds 
(kernhaus, kehlkopf, grübiz;), bU (budn), bei B. fid^rn (furdiren, 
mhd. nbf. vudem), jitxi (Judenmädchen, dem. von jude)y ligw 
Qtcgin), drimdm (poltern, zu mhd. drümen), grinal f., dem. zu 
mhd. krume)j kUn^k"^ {chuning), mmisdrgf (Mönchsdorf, zu munih), 
g9bin n. (Zimmerdecke, zu mhd. büne), pil (pfuliwi)y hü (ein- 
sattlung zwischen zwei bergen (riedname), mhd. hülwe), tUrm 
m. (eigensinn, zu mhd. türmec, vgl. tr. iörmen^ angestrengt nach- 
denken), firbm (mhd. vürbeYi)^ iirgv (mhd. schürgen\ ipirf(dl m. 
(mhd. nur nrh. spurkel, s. u.), fis (pl. von fulis), ßx^^^X (j^^^ 
vlühtec)] Iclfpdl (mhd. klüpfel), lfpvuris9l (weisse niesswurz, mhd« 



366 KiscH 

lüppenmrz), g9SCfp (pfeflFer, mhd. gestüppe), 1saoS1fp9rxi (Zaun- 
könig, dem. von mhd. zünslüpfel), §Cfkv (den Weingarten mit 
pfählen versehen, mhd. nbf. siücken)^ flpisix (einlutzig), Sfisbrft 
(mhd. nbf. schuizhret)^ §trftsdl m. (längliches gebäck, mhd. 
strüizei), dfpm n. (mhd. nbf. tupfen)^ rfk"^ {ruckt), mplc (fliege, 
mucca), §ppdm (zu mhd. schupfen)^ Sftslix (lange dauernd [von 

hartem brote], ww. schützlich. 

Anm. 1. u:i^üf i::>^l vor r-lanten oft in mundartlich einsilbigen 
wOrtem : hüri'' f. (hurt), dürt"^ m. (roggentrespe, b&ir. turt), vürst"^ (wursi), 
fürV (furche, furuh), t^üm (mhd. nbf. turn); Ir/* f. (mhd. ür(e), dir iiuri), 
Icir (mhd. kürre\ blri'' {burdi), fctm (chumin), bt (mhd. bün). 

Anm. 2. Aber for (fUr, furi), zpn (sunu, doch pl. entsprechend: 
2tii), triplsn (trOpfeln, zu mhd. nbf. trupfe\ tiC'i (weibl. brast (in der 
kindersprache), zu iulto m.); froUsn (stottern, ww. trucksen), 

Anm. 3. un'^==^on- nach IV a, da meist consonant folgte. Z. b. 
pngäsn (mhd. ungiz,z,en)y vgl. % 3, laanm. 3. 

Anm. 4. u durch *ü :^ ao in draogn (trocken werden, zn mhd. 
md. trüge adj.); nmlaut /i^: drae;[ (trüge) ^ draegn (trocken machen); 
femer k*'aod9m (schreien wie der welschehahn, mhd. kutem, s. Kluge 
unter kauderwelsch). 

I b. Auch mslfr. Z. b. seifl. Stuf* (s. o.), schmuddel (nasen- 
schleim, mhd. snudel), ßit^ (s. o.), ww. dudeln (d. h. durdln, s. o.), 
duddem; hunsr. sumdrlo^t f. (s. o.), msl. fgddumdlt^ (einge- 
schlummert, B. fng9dvmdlt\ zu dumdln, leise schlafen, einnicken), 
sum9rßg9l ww. (Schmetterling, eigentlich sommervogel, B. zum^r- 
fog9l, Schmetterling), eifl. Ion* f. {luna\ slx. urts9n^ ww. urze^ 
eifl. urzel (s. o.), (hess. gurre^ schlechtes pferd), ww. lursch, msl. 
lurts* (s. 0.), eifl. wurks9n* (iterat. zu würgen, swb. worxen, den 
rachenschleim mühevoll herauswerfen, B. vurksn), bus* f. (s. o.), 
fruxi* (getreide, s. c), fculc9n* (s. o.), §puk^9n*, fut^9rn* (schelten, 
fluchen, tr. ebenso, B, fut^9rn), Sup9m* (wegstossen, s. o.), msl. 
ilup* f. (bandschleife, s. o.), eifl. !tup9n* (s. c), msL strup* f. 
eifl. tup9n* (s. o.), kuti* (kinderbett?; windel, B. kuti f. windel), 
lutS9n* (s. 0.). — Umlaut: tr. stiffcher (pl. des dem. von stuba\ 
msl. grips* (kehle, s. o.), eifl. bit"^* (s. o.), ho^rt^rig9l (mhd. hart- 
trügel, B. hu^rCrigdl), slx. drim9ln* (s. o.), grim9l (s. o.), Icinelc 
tr. msl. kinnik, dagegen rip. kening, Sgl. kinix (s. o.), eifl. g9bin*, 
ww. gebühn (s. c), (nass. pül (s. c), ww. pöl), seifl. äiT* (hohl- 
weg, p. 0.), spirkel (februar, 'findet sich nur am Rhein, von 
Mainz abwärts' bis nach Holland; dagegen westfäl. fries., noch 
mehr aber östlich und südlich führt der februar andere namen' 



BtSTRITZBR MÜNDART. 367 

Kramer a. a. o. II. 125. iDteressant ist, dass dieses hoch- 
wichtige wort rip. nfr. spurkel, sporkel lautet und fem. ist, Sgl. 
shirkel fem., ww. sporkel m., nur seifl. dagegen wie B. Spirk^el 
m.), kUfp9l (s. 0.), eifl. glftsix (s. o.), ww. pötzchen (dem. von 
putz, potz, hitzblatter, B. pflskv), seifl. äfp^n* n. (topf, s. o., 
köln. düppen\ tr. möck (fliege). Dagegen sgl. (rip.) u> u nur 
vor r, r + cons. (Heinzerling a. a. o.). 

Anm. 1. Eifl. hürt* (s.o.), dürC* (s.o., Sgl. durt\ Ix. für (mhd. 
tum)\ tr. rfir* {turt), tr. kier (s. o.), seifl. bhrl* (s. o.), hürlxi (dem. von 
ÄÄr/'* (s.o.), B. hirtxi)\ Sgl. b\ (s.o.). 

Anm. 2. Slx. sonn (s. o.), eifl. fripts9n (s. o.), (hess. ditti s. o.). 

Anm. 3. Auch mslfr. un-^^-^on- nach IV b. Z. b. tr. otiglöck (mhd. 
utigetücke, B. gngl^lc), 

A nm. 4. Eifl. </rdi, ww. nass. kobl. treu, irei (Irocken, s. o.), treuen 
(trocknen trans.) (dagegen Sgl. drij, drijje, köln. druff e, druigeti, nix. 
drech, drecken), eifl. kaudern (nnverständlich reden, sgl. ko<^dem), 

IIa. u vor Z + oonsonant > o, umlaut f. Z. b. molCdr 
(multwurf), Sglt^ (adj. mhd. schult), $olt'9s (nom. propr. sculthetT^o), 
sold9r {scultard). — Umlaut: sflpm m. (erdscholle, s. u.), zflts 
(pl. Schweine-, kalbsfüsso, mhd. siilze\ ät^flpm (stülpen), gpld^n 
(guldin), Spldix (mhd. schul dec). 

Anm. Aber ulpix (tölpelhaft und dumm, s. u.) 

II b. Eifl. moltrew (auch molf9rshof m., wie sss. multerhüf 

= maulwurf, [eigentlich maulwurfshaufe]), scholl, ww. scholthes 

(s. 0.), tr. gedold {jgedult) wie B., goldig (golden, B. goldix zu 

gold, got. ^m//»). — Umlaut: ww. schölp f., nhess. schulpe f. 

(nach Vilmar a. a. o.), sonst nirgends gebräuchlich, bdtg.: 1. die 

schuppe, 2. was glatt und breit ist, z. b. eisschölpe (s. o.), 

eifl. ww. stölpen (s. o.), schöllig (s. o.). 

Anm. (Auch hess. ulpchy tölpel und dnmmkopf zugleich, Vilmar 
a. a. o.). 

III a. u > ä nach abfall eines folgenden nasals vor 

{s) f. Hierzu vgl. bes. § 3, II a. Z. b. fdrn&ft {fimunft), bei B. 

&s {jms). 

Anm. Aber fnts^lt^ (unslit), onts {uns), bei B. aos neben äs, fufls9, 
'tsix (finfzihan, -zuc) zu spät-ahd. fünf, mit frühem ansfall des -n-, DWB. 
4, 1,371 f. 

III b. Mslfr. hat in diesem falle (s. o.) 6, ü, (sgl. vemoft, 
s. 0.), ww. eifl. ÖS (uns), hnnsr. üs, schon mhd. mslfr. üs, s. Wein- 
hold § 454. 



368 RiscH 

Anm. Aber mal. Ix. emelt, Sgl. (rip.) helt (wie 888. (fslt\ vgl. 
§ 3, IIa anm. 2, huDsr. fufzich, kobl. fufzeh(n). Neben 6s^ üs (heute) ganz 
gewöhnlich ans (s. o.) (vgl. Laven, Gönner a. a. o.). 

IV a. SoDBt (vor /, p, k, mm, m + eonp., nn, n + cons. 
[ausser ns, nf\^ st, sp, sk. ft) w > g; umlaut f. Z. b. hgf 
{huf), kqfdr (kupfer, < mlat. cuper, nicht cuprum^ dem abd. 
chupfar entspricht, s. u. und Kluge unter kupfer; vgl nd. koper, 
ags. copor, nord. kopar), ngs {ntai), hof9r (butera), brgx (pruh), 
brgmdln (zu mhd. brummen)^ rgmp (ein gefäss, rtimph), k^gmp 
(mhd. kumpf), Vqmpds n. (mhd. kumposi), bei B. k'^rfmpir (kar- 
toffel, eigentlich grundbirne), zqnobmf (sunnun-äbani), (äi^ft)hfn 
(erster polizei- und wirtschaftsbeamte der stadt, mhd. hwine), 
sprqvk^9s (sprungweise aufwallend (von siedendem wasser) adv. 
gen. sg. von mhd. sprvnc)^ brqslifts f. (brustlatz), mqsp9m 
(knuppern, von der maus, vgl. bair. swb. musper, rQhrig), kUt^ft^ 
f. (feuerzange, chluft). — Umlaut: k^ffdrdn (kupfern, zu k^Qf9r 
8. 0.), 'bfx^l {buhil), m {tmbi), k^fmp9l m. (wasserpfiihl, tiefer 
tflmpel, dem. zu kumpf), pvdrS (ungarisch), frfnisqf (verwant- 
schaft, mhd. nbf. vrüntschaft\ bei B. M (wald, busc\ ffsn (mhd. 
zwischen, -f- entspricht mhd. -w- umgelautet < -m-, das durch 
Yocalisierung des -n^- entstand; vgl. mhd. mfr. tuschen, obd. 
zusehen. Dies gilt auch für das folgende wort, s. u.), z^stdr 

{swester, mhd. nbf. süster), Ipftn refl. (sich heben, mhd. lüften). 

Anm. ]. Aber t'^um (tumb), st^rump (mhd. slrumph)\ rif f. (mhd. 
rufe), 

Anm. 2. u^^*ü:=»-ao in: dao (du [du]), nao (nu [iiü]) nach § 10. 

lY b. Auch mslfr. ähnlich « > o, umlaut e, ö. Z. b. koff'er 
tr. slx. eifl. (s. o.), tr. noss (s. o.), sprach (spruch), stombig (stumpf- 
schneidig) B. st\mpix, zu stumpf), ww. eifl. komp m. (s. o.), tr. 
grombier (s. o.), tr. sonn {sunna, B. 2qn), Sgl. sonnb^-wend (nie 
samstag, wie B., s. o.; auch dieses wort spricht deutlich gegen 
den *obd. Charakter' der B. ma.), tr. gefon (B. gdfi^n, part. pr. 
von findan), spronk (mhd. sprunc), tanken (tunchön, B. fifwkv), 
eifl. brost {brüst), mosp9rn* (s. o.), (rip. klucht), — Auch (sgl.) 
rip. hat hier u> o, — Umlaut: eifl. ömm (s. o.), ww. msl. eifl. 
kömpel (s. o., ein echt westmd. wort), eifl. frfutMf* (verwant- 
schaft, s. 0.), tr. bösch (wald, s. o.), ww. söster, Ix. sester (s. o.), 
tr. eifl. Ix. töschen, -e- (s. o.), eifl. löften. — Auch (sgl.) rip.: o, e, 

Anm. 1. Tr. stromb, also nicht wie B.; eifl. rif* (s. o.). 

Anm. 2. Mslfr. dau, nau\ rip. (sgl.) dagegen: do (dik), vgl. § 10. 



lUSTlUTZKR MUNr>x\RT. 369 

b) Lange vocale. 

§ 6. Westgerm. ä. 

la. Wgm. ä erscheint als u'* vor hi, um laut äf. Z. b. 

bru^xC (praet. von hringari), du'^xi! (täht und praet. von denken). 

— Umlaut: udä^x^ix (mhd. andcehtec). 

Anm. Zweifelsohne liegt in la später znsammenfall von ä mit a 
(vgl. § 1. IIa, 3a) vor, wofür auch pp'xt f. (mhd. bäht\ ein altes dialekt- 
wort, spricht ; vgl. auch nhd. brächte, dächte -^ brähta, dähta. 

Ib. Msifr. hat überall, auch vor ht, westgerm. ^ > ^^ um- 
laut e, ö, f. Z. b. tr. brohchd (brähta), dohchd (dähta). 

Anm. Ww. eifl. bocht (schweinsbett, lager von Schweinen, s. o.) 

IIa. Sonst überall 4 > ö^ umlaut f". Z. b. Spro^ f. (star, 

as. sprä), k'ro (chrä), rosf f. (räz,a)^ sfromix (gestreift, zu 

mhd. sträm\ k^o'm (mhd. kam), o^mp^s (ämeiT^T^d), gq (ff an), sfo^ 

(stäri), nqCdr (nätara), dro^{ (eisendraht und bindfaden der 

schuster, drät); grq (gräo\ blo ipläo). Umlaut: grf^f (orts- 

richter, grävio), tr§m (pl. von mhd. dräm\ aosbl^'^d^m (eigentl. 

ausblättern «[vom ausschlage am munde], zu mhd. biätere), hf 

(hähan\ g^ (ffähi), bg (bäjan), drfsldr (zu drähsil), drfern (mhd. 

ervoererC), edn9n (atmen, zu (fdn, mhd. nbf. äteri), lfg9l (lägila). 

Anm. mu<*t f. (mäd n.) ist mit mu<*t f. {mado m.), zusammen- 
gegangen, wozu dann lautgesetzlich (umgelautetes) mäd9r (mädäri) stimmt. 
Vgl. § 1,11a, la. 

II b. Ww. eifl. sproh f. (star, s. o.; ausserhalb des mfr. 
gebietes noch nfr. ndd. gebräuchlich), ras* f. (s. o.), [hess. strd- 
mig gestreift, s. o.), msl. dm9s* (nix. neifl. om9s*j vgl. bei B. 
iim9s), ww. eifl. gd(n), st6(n), slx. 7idt'^9r* (s. o.), tr. eifl. dröt 
(auch bindfaden, vgl. ags. prced faden), blo, grö. — Umlaut 
[hess. grebe dorfvorstand], ww. trebm (eifl. trcef*, sg. trof*), eifl. 
aosblfd^m (s. o. zu eifl. blöder, B. blq^ddr), tr. erfahren (s. o.), 
schon mhd. md. edemen (s. o.), enffen (B. em/f", empfangen). 

Anm. 1 . Ww. mahder (s. o.). 

Anm. 2. Mslfr. (B.) gd{n)y sto(n)^^'ä' sprechen auch gegen die 
(früher beliebte) annähme, dass gän bloss alem. sei gegenüber bair. fr. 
gen (vgl. Weinhold, Mhd. gr. § 335. § 340). 

§ 7. Westgerm. e. 

I a. ^ > 4 vor /, r. Z. b. häl (praet. von haltan), fäl 
(praet. von fallan)ytsärt^ (ziarida). 

Beiträge xur gedchiohte der deutschen ipraohe. XVII. 24 



370 KLSCH 

II a. ÖoDHt 6 > äi\ Z. b. ^V4fx (mini krieche), isä^gdl f. 
{ziagal m.), ^4f/* {briaf), §lä(f (praet von släfm), lä^s (praet. 
von /d^j^on), rfr4f^ (mhd. driesch, ndd. dreesch, obd. ungebräuch- 
lich). Vgl, §13. la, Ib. 

Anm. Auch ^, e in lebnwörtern erscheinen oft als äf, ä. Z. b. 
isMpm (entspricht 'Szeppen*, nbf. zn magy. Sz^pnyir, SchOnbirk), tä^- 
Xnts (LecbDitz), tsär9(' (magy. Szeret), pät^ridrpf (Petersdorf), värm^s 
(magy. Vermes), bäl (darm, magy. b^l). 

§ 7 b. Westgerm. S erscheint eifl. (rip.) als e^ msl. als i. 
Z. b. zeech (ziahha), Spijdl {spiag(ü\ [ww. hei {hiar)]\ msl. drxs 

(8. 0.). 

§ 8. Westgerm. t. 

I a. Die Verbindungen -y-, -tw-, -ih- erscheinen vor /, r 
als 9^ sonst als ^V. Z. b. /^V/xi (veilchen), vq'r (wiwdri); hq^ 
(bia), kUq^^n (pl. tant., zu chJxwa), dg^fn {dthan). 

Ib. Msifr. erscheint in diesem falle ei. Z. b. eifl. bei (bia), 
deien {dihan, s. o.), drei (drt). 

IIa, Sonst überall i>ae. Z. b. k'aei' {chidi), raest' f 
(mhd. riste), taejn (schleichen, mhd. i%chen\ C aesdli (dihsala)^ 
k'^naest' m. (schmutz, s. u.), aezb9f m. (mhd. U{p)pe\ parddaes 
(paradisi), graen (weinen, grinari), vae {mn) u, s. f. 

Da bei B. schon 1366 ein Hussalseif (s. u. zaefm) nach- 
weisbar ist, muss t schon früh zu ae geworden sein; indes 
nicht vor der einwauderung, die ja für Bistritz sicher vor 1200 
anzusetzen ist; denn zu dieser zeit ist, wenn auch nicht all- 
gemein d., so doch höchst wahrscheinlich mslfr. noch t gesprochen 
worden. Es hätten sich dann im sonderleben zweier ursprünglich 
identischen ma. ganz unabhängig von einander dieselben laute 
entwickelt. Diese sprachwissenschaftlich sehr interessante tat- 
Sache ist gerade für % ausser zweifei. Denn engl. nfr. % ist 
jedenfalls selbständig diphthongiert worden. Vgl. gm. ck > got. 
e, westgerm. > ^, skand. auch > ä, wo auch wgm. und skand. 
von einander unabhängig sind. 

Aom. 1. Aber lixi' (schlecht, zu Hht)^ sCip f. und staep (säole, 
pfeiler als stütze, vgl. mhd. md. super ^ s.u.), v^9rC' ('^*viv9rl*^ , wtngarto), 
(ib9r)rim9ln (mhd. rtmeln). 

IIb. Mslfr. t > ae (ei) (s. u.). Z. b. msl. slx. seift, k^aet'*, 
seifen m. (mhd. sife, Sgl. siff'e f., nd. stpen sumpfige stelle, B. 
sae/m m., lässt sich bis nach der mitte des 13. Jahrhunderts 



HrSTRlTZKU MUNDART. 371 

auHHcr den) »trcng nd. gebiete nur nrb. Dachwei»en [Keintzel 
a. a. 0. 50]), raesf* f. eifl. (s. o.), Ix. t eissei , nißl. kneisi, para* 
daesapdl* (liebesapfel, e. o., wie B.), tr. greinen (weinen, s. o.), 
slx. msl. Tvai u. s. f. 

Dagegen haben sgl. neifl. nix. (also das Qbergangsgebiet) 
und rip. t > % vor r, inlautendem s und den zu halbrocalen 
erweichten labialen und dentalen, sonst i > i (Heinzerling a. a. o). 
Z. b. nnwer (weiber, mslfr. [B.] weiwer), ise (isan), Rr (lira); Sgl. 
wing (mn), köln. mitig (wm), ding (din\ nix. feng (/in), schengen 
{sdnan) u. dgl. Schroffer gegensatz zwischen rip. und mslfr.! 
(Aehnlich wie ^das Übergangsgebiet' zum mslfr. verhält sich 

hier [und sonst] das sss. zum B. Vgl. Scheiner a. a. o. § 63 — 66). 
Anm. Lx. licht (leicht), kob). stip{e) f. (stütze), eifl. s(eip{en)y tr. 
wöngert (s. o.) 

§ 9. Westgerm. d. 

Westgerm, d (ahd. > uo) erscheint als ä\ umlaut vor /, [m, n] 

r: äj sonst ä^. Z. b. St'^ät^ (herde von Zuchtpferden, mhd. stuot), 

malt (mhd. muolie\ Sl^dfix (holperig, zu mhd. stuofe), hat (huot), 

mal {muol, praet. von malan), da {luon\ fätdr (unterfutter, fuotar\ 

pläx {pßuog), rä {ruowa). — Umlaut: Icäi^ (pl. von kuo), dräff 

(truobi), räip (ruoppa), zäfkv (suohhan), bld^ (bluojan), brä^ 

(brennen, mhd. brüejen), siäl (plur. von stuol), fdin {fuolen), 

Snärxi (dem. von snuor), grdm9t' (< gräf [gruoni] + ahd. mal), 

Anm. Aber mgC9r {muotar), o^b^r (*uofar)\ dfst^, dfC (2., 3. p. 
Bg. prs. von iuony 8. u.), h^lc9l n. (kUchlelD, huoninchlin). 

§ 9b. Mslfr. ö>üj (neifl. Sgl. rip. 6 > 6\ umlaut % (bezw. 
e). Z. b. tr. pluhg (pfluog), drief (truobi)^ eifl. brit* (brennt, zu 
mhd. brüejenf, s. o.) u. a.; vgl. eifl. brinaistel, B. branäsCdl, 
brennessel. 

Anm. Ww. Ix. Sgl. rip. d^st^ det, schon mhd., eine specifisch mfr. 
lautform. Die deljdüt grenze reicht nicht weit nach Süden (schon tr. 
düf) s. o.; durch Verkürzung entstand msl. mötter (s. o.), ebenso mslfr. 
Henkel n., rhfr. hinkel (köln. aber hfntx^)* sonst md., obd., ndd. ganz 
andere bezeichnungen für küchlein (s. Kluge unter küchlein) [hpilc9l : 
huoninchl\(n) = enkel : eninchll{n)\. 

§ 10. Westgerm. ü. 

I a. Die gruppe -üw- erscheint als ä, umlaut gf, Z. b. 

bän (mhd. büwen), frän (trüwen); gdbg^i (mhd. gebiuwe), t^rgi 

{[gi\triuwi), 

Anm. ael (üwilä) erklärt sich aus mhd. iule. 

24* 



372 KiscH 

Ib. Mslfr. Ott, Umlaut ei. Z. b. bauen (s. <>.), ireilich (mhd. 
trmfvelich), sgL (rip.) gu, um laut ^'. 
A n m. Auch tr. eil (s. o.) 

IIa. Sonst ö > öo, umlaut a^: äao^r (scür), zaofm{süfan), 
iaom (scüm)j laodn (läuten, mhd. iüten\ zaol (sül), haox» (bocken, 
kauern, mhd. buchen) y fciaobm (chlübön), laosfdm (horchen, 
lüsir&i), staodn m. (mhd. stMe f.), gdbao9r (gibüro), maol (mund 
und maul, miUd), raom9n (mhd. rümen), saodm (mhd. nbf. schi)tren)^ 
k^aol (b. u.). — Umlaut: lae9r {lürra^ mhd. liure)^ paef f. (teig- 
brett, mhd. bmie)^ braejwn (brütigomo), gdkraedix (mhd. gekriute), 
gaex (suppe des eingesäuerten krautes, md. ndd. jüche), 

Anm. 1. Aber rup {rüppa\ k'^um (chümo), ^f {üf\ dum9n {dümo). 
Anm. 2. Aber fixi' (fähtt), iis (mhd. liuhse). 

IIb. Mslfr. ü> ao, umlaut a^. Z. b. seifl. sao9r* (s. o), 

laod9n* (s. o.); ww. hauche (s. o.), seifl. laost9m* (s. o., also nicht 

bloss bair., s. Kluge unter lauschen), [hess. fiebauer, s. o.], don9r- 

k^raot^* (hauswurz, B. dgn9rk^raot\ eigentlich donnerkraut), maoP' 

(stets fQr mund, s. o.), kaul (mhd. md. küle) u. s. w. Umlaut: 

msl. meischen (dem. von müs), gekreider (zu gekriute, s. o.), 

u. s. w. Dagegen sgl. neifl. nix., rip. ü>ü bez. >u, um- 

laut f, i unter denselben bedingungen wie % > i bez. i, s. o. 

§ 8, IIb. Z. b. Sgl. huss (hüs), bür ([gi]büro)] hiser* (pl. von hüs*\ 

biche (pl. von büh)\ köln. hus^ hüser etc. (vgl. sss. böch [büh]y 

um laut g^ch [md. nd. JÜche]). 

Anm. 1. Eifl. rup- (B. auffällige verkUrzupg, 8. Kluge unter raupe), 
hunsr. kum, [sgl. dumme], msl. huner. off, rip. op. 

Anm. 2. Lx. ficht (s. o.). 

c) Diphthonge. 

§ 11. Westgerm. ai. 

la. ai ward durch (*ei >) *i > % vor h, r, tv] also B. 
i = ahd. 6. Z. b. n (rSh), tsi {ziha\ Hr (eher, mhd. bir), (W^f)- 
rim {[ab]rSrjan)y k'trt" (mhd. kere\ nA {mer\ % (^r), irsf (Srist), 
Sni (snSo)y zii {sSla), % (ewa), vi {wi, wSwes\ 

I b. Auch mslfr. (rip.): tr. ri (s. o.), isif* (zSha, zur grdf. taih- 
wdn), eifl. Mr* (s. o.), /f*tr*, wt*, I*, msl. irit^^j wannieh (wann 
< wann + Sr, B. vfni)^ ihnder (kurz zuvor, comp, von t (s. o.), 
B. int^9r); schnie^ siel^ wiCj ihwig (ewig). 



BISTRITZER MUNDART. 373 

IIa. -aif' > gTf. 

Z. b. g'f (ei), iff m* (blauer schieferton, mhd. leie\ mofbp'm 
(vogelkirscbe, eigentl. maibauniy zu meto). 

II b. Msifr. 'Oij' > aai (d. h. äf) vergleicht sich wenigstens 
quantitativ B. g^^. Z. b. msl. aaiy laai f. (schiefer), eifl. mäihom 
(vogelkirsche). Dagegen Sgl. (rip.) : -öj- (»gl.), -«• (nordrip.), nix. 
-e-. Z. b. Sgl. Qj (ei)f nordrip. tfjjpr (pl.), nix. le {leie). 

III a. Sonst ai > f. 

d^sdm {deismo)y t8v§ {zwei)^ bei B. §nix (niedlich, einac\ 
ise (pfeil, ze'm\ dfl (teil\ k fsdr (keisar), br^t (breit), lfm 
(leimo)j m§sC (meisi\ l§f (leid)^ mfsn (zu mhd. meisch\ d9rhem 
(dar + keime), yes (geiz)^ Snfzdln (mhd. sneiseln), zfv9r (seifar), 

svfstn (intr. mhd. sweiT^en), 

Anm. 1. Aber IcR (chleint). 

Anm. 2. t-^ai oft verkürzt: k^'linlsix (za obig, /c'/t), vinix (zu 
v\ {wHW tsvinisix (zwanzig, za (svi [zwene]^ b. Braune, Ahd. gr. § 48, anm. 
5) ; f "^ f z. b. in hfUx (heiiac), r^l (mhd. reitet), ^t9r (eitar), z^C (sei(ä), 
ift9r (leiiarä) a. a. 

Anm. 3. Auffällig ai^^ä in gäln (pl. zu mhd. geile Bwf.), päisn 
(bei2,en), häk^'lix (heikel), fräs (s^ehimkrampf, mhd. vreise). 

III b. Hunsr. seiä. slx. ww. e, f, msl. ä. Z. b. seifl. desem, 

slx. enix^ (niedlich), delj kiser, westsgl. bret^ mest^ led, ww. 

dehem. Ix. eifl. ww. [/fs* (msl. ^äs*) stets statt rip. (sgl.) zej 

(ziga) [nur zeckel, B. tsfk'^91 (mhd. zickeRn)\ schneise (d. h. -A, 

durchhau durch den wald, s. o.), zfx^n (seihhan, B. zfx^y ww. 

*^ft^r (d. h. sfwdr\ [schwässen (auch intr.), s. o.]. 

Anm. 1. Mal. klien. 

Anm. 2. Seifl. tr. klinzig, ww. winig (s. o.); hunsr. rärl* (b. u.), tr. 
zn;ä/( (der zweite, B. tsv^('), enanner (einander). 

Anm. 3. Msl. (s.o.) stets ai^ä: fräslich (mhd. weislich) etc. 

§ 12. Westgerm. au. 

I a. au [durch *d] > ü vor Ä und allen dentalen (rf, / (2), 
^, w, r, 0, also B. zi = ahd. 0; — u miaut i. Z. b. düt' (tdd), 
it^üsn (st6z;afi)f büzn (mhd. böz,e\ üsCdni (ostarün), rüs (rosa), 
fdrbüst (boshaft, zu mhd. verboseii), lü (ldn\ ür (dr), flu f. (flöh). 
— Umlaut: risdfpm (irdenes gefäss, entweder zu rd?j;^i, mürbe 
machen, oder < rtst- [mhd. roeshen] dfpm [nbf. lüpfen], vgl. 
rdstpfayma), flits f. (mhd. vlö:^ m. n.), slHni (stören, besonders 
unbefugten das handwerk legen, mhd. sioeren [auch hindern, 
vertrcibAi]), htm (hören), drftirn (mhd. ervrcereti). 



374 KiscH 

Adid. Oft ü^>^Uj i=^i verkürzt: fluix^rn (zu vlodem), iu (scdno), 
hux (höh), bun (bötia)'^ Udn (mhd. Iceten), hix9r (comp, von hux^ b. o.)» 
hixt i*hdhida), grist^ {*grdz,idä) u. a. 

I b. Auch mslfr. (rip.), z. b. tr. düd9nfogel ( toten vogel, 

käuzchen, B. düdnfogdl)^ eifl. siüsfog9l (taubenfalk, eigtl. stoss- 

vogel, B. Siüsfgg9l), üsCdm*^ HS«*, f9rb0.st'* (boshaft), hüm9s* 

(hocbmessey B. huni9s nachkirche), Ür9nk^rfx^^ (ohrwurm, eigtl. 

ohreDkriecher, B. ümk'räfx^r), flu* f., Iü(n) (l6n). — Umlaut: 

^ [mdx9n\ (mais enthttlsen, eig. schön machen, B. ii mqam zu 

iJ* [B. fein, dünn, nicht schön], scdni)^ ww. hiren (s. o.), Ix. /R* 

(pL von flöhy B. ß\ kobl. ris-cher (pl. dem. von rösa^ B. risk'^r). 

Anm. Ww. hüDsr. schuinn) (s. o.), tr, fludem (s. o.)» kuffert m 
(hdhvart, B. huf^rt" m.); Ix. hfx^'* (höhida). 

II a. au > 0^ vor labialen und gutturalen ausser germ. h 

(fttr den auslaut lässt sich dies nicht behaupten), um laut f: 

rgm f. (mhd. roum m.), iof (bund stroh, mhd. schoup\ tsd ho/' 

(zu häuf, zusammen, mhd. ze houfe), gx {puga\ rox {rouh). — 

Umlaut: iff (gedeckter hausäur, mhd. löube), hffi^ {houhit), 

k^nffdl m. (mhd. knöufel)^ beg9l (bretzel, zu hfgv, mhd. böugen), 

k^ffm {koufen\ dffm {toufen), g^k^^l (mhd. göuchel), glfbm (gi- 

lovben). 

Anm. Aber gx (ouh), bpv^rt'' (mhd. houmgarte)\ lüfm {louffan\ 
/ifiX (mhd. iöufec), 

II b. Mslfr. hat im südlichen teile (hunsr. msl.) ä, im 
grösseren nördlichen (eifl. Ix. ww. [letzteres soweit sich aus 
Firmenichs proben ersehen lässt] au > o^ umlaut f^ (rip. auch 
ö, um laut z. b. köln. äu). Z. b. eifl. do^f* {ioub^ B. do^f)y scT/'* 
(bund Stroh, s. o.), ts9 h(ff* (zusammen, s. o.), bom* (botan, B. 
bo'm). — Umlaut: /rff/'(rhfr. (Heinzorling a. a. o.], Aachen löif), 
Ix. eifl. hetj rhfr. höft (s. o.), eifl. k'nef* (pl. von knouf), Ix. 
difm (s. 0.), slx. hifen (häufen); vgl. köln. häuf, lauf etc. 

Anm. Eifl. msl. tr. gx* (b.c.), eifl. bifVPrf* (s.o.) 

III a. -OMW- > -d-, um laut g'f: frd (frouwa), hä (houwa), 
k^rän (krouwen)y da {tou\ genä (m(h)d. {jge)nauwe), ä (purva). — 
Umlaut: hg'^ (hem), Sfrg^n {strewen), flg^Oi (mhd. vlöurveti), 
frg^n {frouwen), gdUro^sdl n. (mhd. ströurvesal\ drg'^i^n (drewen). 

III b. Mslfr. (Ix. ww. msl. tr.) d, umlaut äi (d. h. äf, 
vergleicht sich B. o^f). Dagegen sgl. rip. o*m, ou, umlaut q;\ 
öy. Z. b. frä, hä, nä {nouwe), da. — Umlaut: eifl. M, tr. 



BI8TBITZEB MUKDABT. 375 

straqfen (s. o.), fräfl (imp. von frouwen), fraajen (s. o,) Dagegen 
8gl. str^'sd (b. 0.), köln. höy (kenn). 

§ 13. Westgerm. iu. 

I a. iu vor einem (alten) a, e, o der folgenden silbe er- 
scheint als äf, vor r (/) ah ä (vgl. Braune, Ahd. gr. § 47). 
Z. b. Häm9n m. (mhd. slieme), gräfbm (pl. von griobo), fräfzn 
(fieber und frieren, ahd. friosan)^ läfgv (liogan)^ isäf {z%ohQn\ 
ddff {Hof und diob), väm (Wien), lä^x^' (Hohl); Slam (mhd. 
sliere)j fär (ftor), dar {iior)j bär (bior), näm (pl. von nioro). 

Anm. AasnahniBweiBe i'aevel (tiuval), ^ae9r (sciurra), wie obd., 
wo auch iiufel^ schiure blieb (s. III a). 

I b. Eifl. hier S (fT), hunsr., tr. i, eifl. griwen (grieben), 

fr^'^zdn* (fieber und frieren), tsfn* {ziohan\ tr. dief (Uo/), Sl%r9n* 

(sliere, s. o.) [nass. veier (ftor)]; mhd. erscheint ei (d. h. e + i). 
Anm. Aber (b. o.) tr. deiwel (d. h. daew^l), scheier (d. h. sae^r), 

II a. 'iuw- > g^, vor / (r) (f. Z. b. bliffn (bliurvan), bl(fl 
(mhd. bliuwel), brgfn (briuwan), gdbrq^sdl n. (brei fürs vieh, zum 
vorigen), k^lol {chHuweRn\ groln (mhd. griuweln). 

II b. Mslfr. ei (d. h. ae). Z. b. fr/^/en (s. o.), bleiel, 

III a. Sonst erscheint iu als ae: Ao^r (hiuru), baet' {biutit), 
fratst (2., 3. p. sg. prs. von friosan)^ tsaex (imp. von ziohan), 
haef {hiuiu\ laet {liuii\ faerdl m. (iltis, lat. viverra), nae (niun). 

Anm. Aber lixtn (blitzen, liuhten), vgl. § 10, IIa. 

inb. Mslfr. auch ae* {ei); rip. (auch Sgl. nix. neifl.) da- 
gegen iu > i bez. i unter denselben bedingungen, wie ü>üy 
«, und t > «, i, 8. § 8, II b. Z. b. tr. heier (s. o.), ww. freust 
(d. h. fraesty s. o.), tr. zeich, heid, leid, deier, eifl. feier (iltis, 

s. 0.), wtf/(w); (rip.) Sgl. dir {Huri), ning {niun) etc. 
Anm. Eifl. lichten (blitzen). 

Cap. II. 
Die Tocale der nebensilben. 

A. § 14. Die vocale der endsilben. 

la. Die inlautenden endsilbenvocale vor -n schwanden 
spurlos ausser nach nasal; vor -n nach nasal und sonst überall 
werden sie zu 9, Z. b. pftSn (nicht -»n, mhd. phetzen), ffSn 
(mhd. zwischen), k'^fpm (mhd. kippen), dppm (mhd. nbf. tupfen), 



376 KTScn 

vuf^sn {rvahsan), frq^n (frauwen)^ k^oocn (kohhSn); aber zf»9n 
(singan)f Stim9n {scamSn), u^rdm {aram), blftid^r {blintir), maen9s 
(g* 8g. von min), u. 8. f. 

I b. Von den mslfr. ma. haben die westlichen (Ix. eifl. tr.) 
überall — soweit sich absehen lässt — (auch vor -n nach 
nasal) 9; die übrigen (ww., msL [etwa von Bernkastel ab], 
hunsr.) unterscheiden sich dadurch, dass sie -n, ausser nach l, 
r, abwerfen. Z. b. eifl. pfi§9n (s. o.), (eschen, k'fp9n, Ix. kappen, 
dep9n*, nmossen, tr. frdjen^ Ix. gesangen (gesungen), uareniy 
meines. Aber ww. wase (wahsan), rvesse {wv^an)^ gcehse (ge- 
gessen); [Sgl. ähnlich wie ww., rip. wie westmslfr., s. o.]. 

IIa. Von den auslautenden (ungedeckten) endsilben- 

Yocalen erhielt sich bloss die adjectiyendung m als d; alle 

andern schwanden. Z. b. hartsd [mqf^r] (mhd. herziu [muoier]^ 

zum adj. herz\ hl^dd (blindiu), heid \hGbeschiu)\ aber hftsf 

{*hUzida\ hilf {*h6hida)y Sfuf (stuba), hu^s {hasa\ nu^'s {nasa). 

Anm. Die plurale gin» (jene), ph (alle) erkären sich als arsprÜDglich 
Bt. neatra (jetzt auch für m. f.) wie z. b. nhd. zwei. Vgl. EanffmanD, 
Geschichte der schwäb. ma. § 107, 2. b. ßj anm. 

IIb. Auch mslfr. schwanden die auslautenden endsilben- 
Tocale; -tu scheint sich auch wie B. als 9 erhalten zu haben. 
Dafür spricht wenigstens die erhaltung des 9 im nom. acc. pl. 
der st. adj. (vgl. besonders II a, anm.), z. b. alle (d. h. al9, alle, 
s. 0. anm.); gude ndhchd (gute nacht! durch Übertragung aus 
dem nom. des st. f., wie B., das hier auch -9 hat). — 

Dagegen bleibt rip. (sgl.) auslautendes -e in der 
flexion und in denen auf -ida. — 

Mslfr. hezzd (s. o.), h^t\ siuff, htu)s^ nuas, d9 deck . . (die 
dicke . .); aber rip. hitzde, hoigde, scede (sagte, mslfr. [B.] sdi) etc. 
Anm. Msl. tr. alle^ 8. o. 

B. § 15a. Die vocale der niittelsilben. 

Die vocale der schweren bildungssilben werden zu ^, ausser 
'ig > % '^^^1/ > '^P^' (doch -ing > -9k')\ die der kurzen schwanden 
unter den gleichen bedingungen wie die endsilbenvocale, s. o. 
§ 14, la. Z. b. grä^x^s (mhd. kriechisch), fn9§ (gleich, überein- 
stimmend, zu em, aus *e%nisc\ kUn9k' {kuning), fansk {pfenning\ 
lin9k^ (bohrer, mhd. lüninc), h^n9k'^ (n. pr. Henning, zu Henno 
d. h. fleinrich), Ilä^s9yi (vlehstyi) [aber flä^s^i {flioz;3iafi)l l%v9^i 



BI8TRITZER MUNDART. 377 

(lewinne\ [aber Hbm (pl. von I^we)], dan9n (mhd. temAn), [aber 

ran {rennen)] j iraev9r (scribäri), zel%x (säHg), kUzlfvk^St^S (mhd. 

kiselinc8tein)y h^^tMf (heimtioti), zibm {sibtm\ faoznf (düsunt); 

doch (8. 0.) kYz9r {cheisur\ opds {phaT^, ifk^9s {ackns), 

Anm. 1. Schwere mittelvocale werden wie kürze behandelt, wenn 
sie schon früh (mhd.) verkünt waren. Z. b. gfldn (gnlden, mhd. gülden) 
[aber gfld^n (guldin)], m^xi' (machdta) [doch mfn9t (mändd)\ 

Anm. 2. Nach $ 15 a werden auch die zweiten glieder solcher 
zasammensetzungen behandelt, bei denen dem gedächtnisse das bewnsst- 
sein der Wortfügung entschwunden ist. Z. b. Zusammensetzungen mit 
'kd^, 'teil, 'heit, -feil, -filu, -garto n. a. Z. b. zffts (seifhaus), $laef9s 
(schleif haus), 1c lg 1c 9s (glockenhaus), 1cg^x9s (koohhans, kttohe), rg"t9s 
(räthüs), bqk'^9s (backhans); dr^t9l (dritteil)\ Ulin9lc9{' (kleinecheii)\ 
volf9l (wolfeü); 9zub9l {[al\sopil, mhd.)t vab9l (wie viel), vpi9rt (nun' 
garto), bpif9ri^ (mhd. boumgarte), fflf9S n. (korb aus haselruten, *^ mhd. 
filwe-^-vaz;), bu<*rbes (barvuoz;), hgnf9i (hundahs) u. a. 

Anm. 8. Da der sonant aller schwach und stark acoentuierten 
Silben schwinden kann, ist synkope (auch gegen die obigen regeln) häufig. 
Genaueres lässt sich hier nicht sagen. Z. b. gintst^ (jensüt), hfi (mhd. 
hübesch), u<^tx (atiah), ^If (mitunter, mhd. allez;) u. s. f. 

§ 1 5 b. Auch mslfr. gilt diese regel. Z. b. katholesch (B. 
k^afgl9f)y eifl. Ix. tr. kinek (s. o.), penek, dagegen vgl. rip. (sgL) 
pännmk, kenenk] ähnlich sss. k^m9vk\ ffn9vk\ Imevk^ (s. o.), 
hfn9wk' (s. 0.) ; mal. iraew^r* {scribärijj sielig {s&Rc\ eifl. k^fwdr' 
lf»k' (maikäfer, eigentl. käferling), tr. drebbling (treppenstufe, 
B. fr^lfBk")^ Ix. hemecht {heimiioii)] tr. hözzd (*hitzidaj B. hflst^j 
doch Ix. kSser (cheisur\ [eifl. aber äks* (s. o.)], schlessel {slu^il, 
B. SlfS9l). 

Anm. 1. Vgl. mslfr. hadd {habSta). 

Anm. 2. Gilt auch mslfr. (s. o.), z. b. eifl. msl. rotes (räthiüs), hunsr. 
rares, Sgl. schd<^fess (schafhaus), backess (s. o.), [-keit aber tr. -kät. Ix. 
'kit\ hunsr. wollfel, ww. wallwel (wolfeil). Ix. eifl. wengert (s. o.), bongert^ 
hess. ww. Sgl. felwes (aus ruten geflochtener korb mit 2 griffen, s. o., 
ein interessantes wort, das sich in dieser form und bedeutung sonst kaum 
findet), msl. bo^rb9s* (s. o.), eifl. dp9r^ f. (mhd. ougebrä, auch dper, ww. 
äber^ B. pp9r)f tr. ww. scholthes (scultheiz,o, B. spU*'9s, doch nur als nom. 
propr.). 

Anm. 3. Gilt auch mslfr., z. b. ald (mitunter, schon, s. o.). Vgl. 
Kaufimann a. a. o. s. 186 fi. 

G. § 16a. £n- und prokiiticae. Zu den nebensilben 
gehören auch die sog. en- und prokiiticae, die, je nachdem auf 
ihnen der nachdruck ruht oder nicht, stark oder schwach accen- 



378 KISCB 

tuiert sein kÖDoen, wodurch natttrlich auch ein lautwechsel 
bedingt ist. Es sind meist proDomina: aex — ix O'^X ^^ — 
d9 (du\ nAr — m9r (mir), (Hr — d^r (dir), maex — fnix (fnih\ 
daex — dix (dih), nAr — nar (wir), tr — 9r (ir), gnts — 9s 
(uns), aex — iX (iuwih), zaex — zix (sih), h^ — d (er), ft — 
9(^, t' (iz), im — dm (imü), in — 9n (inan)] fplur.] zae — z9 
(siu), ir — 9r (iru). zäf (Sie < sie, sio m. f.); za^ (sie < siu) 

— z9, [%r9r] — fr (iro), pn (Ihuen), in — 9n (ihnen, m). — Ä"r 

— d9r (der), dift (das), dqC (dass) — d9t\ t' (doT^), di^s — 
d9s, s (des), di^m — d9m (d'emo), di^'n — dn (den), däf — d9 
(dia, diu), di^r — d^r (dem), däf — d9 (die, dio), di^'r — d9r (dero), 
di^n — dn (dSn); — vg^l^ — vgt (waz;); e — 9 (ein), e — 
fn (einiu), ^n9r — 9r (d. sg. von einiu). — Ferner : gädn — gan 
(ffuoian), tsä — is9 (zuo — ze), x^ — JQ (J^)i ^^^ — ^9 (^ 
am beginne der rede oft), frä — fr9 (frouwa) mg' (mann) — 
9m (man; 9m erklärt sich aus *m < *m9 (vgl. härmest' gt 
Hermannstadt und g9vid9mt < *g9vidmt'^ gewidmet u. a.), s. u. 

o 

§ 16 b. Auch mslfr. wie B.; z. b. tr. eich — ich, dau — 
de, nur — mer, dir — der, meich — mich, deich — dich, mir 

— mer, (d)ihr — (d)er, ons, eifl. ds, — Ix. es, eich tr. — ich, 
seich — sich. hcß(n) — e, edd — ei, 't, (h)im — em, *(h)in — 
en, sei — se, (plur.) sei — se, (h)trer — er (s. o.), (h)innen — 
en; msl. rff*»r, Ix. *dier — der, däd (das), dadd (dass) — ded, 
U, Ix. dies — des, *diem — dem, *dien — den. Ix, de — de, 
*dier — der, *di — de, *dier — der, *dien — den. wät'^ — 
wadd, e — e, tr. cum — en, aaner — er. Ferner: gühden — 
Sgl. gon ("dach, guten tag, B. gandgx), zu, zö — ze, tr. j6 — 
nass. ja (eija*, aejö*. Kehrein [Volksspr. und sitte im hzt. 
Nassau 208]: ija, vergleicht sich B. a^VT < *\;ä < ifä <jä\ 
vgl. Sgl. ence (nein) mit B. anf), nau — no (s. o.), tr. frä — 
[md. ver], Sgl. mä (mann) — me und 'iw (man, z. b. wafm, was 
man, s. o.). 



BI8TRITZER MUyDART. 379 



II. abschnitt. Die consonauten. 

Cap. I. 
Allgemeines. 

Im innern der rede und in Zusammensetzungen werden 
alle mundartlich auslautenden stimmlosen laute vor anlautendem 
vocal, ausser nach stimmlosen, stimmhaft. Z. b. fffv^m ! {< gff 
+ pm, gieb ihm!), Sl^^n! {<Slg'x + 9n, schlag ihn!), aejogft 
{<aex + Qx + pi\ ich und [auch] es), ddfs (< df + ps^ es ist), 
vezdt (< v^^s + di\ weiss es), vägdn^f (< vdk +dn + of^ wecke 
ihn auf!); aber fst'^d? {<fst^ +^, isst er?) 

Anlautend stimmhafte laute nach auslautenden stimmlosen 
erscheinen als stimmlose lenes. Z. b. maenes-bräd^r {mines 
bruoder), 9 hu'^tgäsn (er hat gegessen), dqtsae (< doC +zae 
das sind), tsäf! [interj.] (< IgC +zä^, lasst sehen!), /w- det"^ 
(lies dies!) — 

Beim zusammentreffen zweier verschlusslaute im an- und 
auslaute wird der verschluss fttr den zweiten in gewöhnlicher 
rede nicht — wie etwa bei langsamem syllabieren — erst nach 
der explosion des ersten, sondern schon während des ver- 
schlusses desselben hergestellt (also wie im deutschen, s. Sievers 
a. a. 0. 8. 158 f.). Z. b. dH-1c fnt-bu'^dn (< d9t'+kent'+bu'^dn, das 
kind baden), Hopd^-tsä! (< itgp [p mit leisem absatz, s.§ 23a] 
+.£/g>V + tsä, stopVe das zu!), täfk-d9m! (< zäfk' + d9r + 9n, 
suche dir ihn!), tUk-t^ak"^ (ticktack), tsik-tsak' (zickzack), 
zgk'band9l (sack band), bok-fro^x (< bok"^ + i^ro^x, back- 
trog)* nicht zäik^'d9rn etc. wie Scheiner (a.a.O. s. 117, §7) 
für die Mediascher ma. ansetzen kann, vgl. §26a. 

Von aus- und anlautend zusammentreffenden homorganen 
verschlusslauten werden fortis + fortis zur einfachen fortis, fortis 
+ lenis zur stimmlosen lenis. Für homorgane dauerlaute er- 
scheint nur ein einziger. Z. b. fn-gru^t^ aes9lf (< pn-\-gru^i 
+ taes9lt\ eine gerade deichsei), g-v^n-brfk'u (auf eine brücke 
kommen); 9'deinfsC {< 9t^ + dffY + nfsf, es tut nichts), o-v^n- 



380 KISCH 

hrf'^0 (auf eiDe brücke geheD, 8. o.), ii rum-handdl (Strumpfband); 
r-m (eiDnehmen), f-mi'r (im meer), fd-rpicv (sterben, mhd. ver- 
rükken, nicht < verrecken), f-sae {Kfs + zae^ ist sein), o-fi^n? 
{< of + vi^n auf wen?) vini-xt^^^ {< viniX'jfv9n , wenige 
jungen). — 

Hierin dürfte sich das mslfr. ähnlich . verhalten ; da mich 
jedoch in diesen heiklen dingen meine gewährsmänner im Stiche 
lassen, kann ich dies nur im allgemeinen behaupten. 



Cap. IL 

Die einzelnen eonsonanten. 

A. Sonore. 

1. Halbvocale. 

§ 17. Westgerm. w. 

la. Anlautend ist w nur in den Verbindungen [ir/-,] wr- 
geschwunden ; sonst erscheint es als die stimmhafte labiodentale 
Spirans v. Z. b. rfst' (ags. wrist)j raesn (ags. writan): vgnd9r 
{wuntar), vinix {rvinac), vu'sn {wahsan)y vu^zdmi {waso entspricht, 
nicht *wrasOf wie in nhd. raserij s. Kluge unter tvasen), 

Anm. 1. Sehr intereBBant ist die erhaltang des w- vor r als 6 in 
br^rl m. (brp'i m. janger eichen- oder buchenstamm als bindknebel, nbf. 
r^/, kurzes, dickes slück holz, *ahd. rvreileiy mhd. reiiel, vgl. Kluge unter 
rist, 8. u.), br^en (nbf. r^v^n, ags. tvr%ngan)\ wie br^^n:r^?n imd 
br^rl : r^rl, so dürfte sich auch brintsn (drehend biegen) : rintsn refl. (sich 
mutwillig und üppig bewegen, iterat. zu *tvrankjan renken, ohne irgend- 
welche lautliche Schwierigkeiten) verhalten. 

Anm. 2. mir (wir) ist wahrscheinlich selbständige form neben 
wir (s. Kegel, Die Kuhlaer ma. 95). 

Anm. 3. V':=^b auch in buntsix (winzig, vgl. besonders §3, lila, 
anm. 2), babao (Schreckgestalt für kinder, bair. wauwau), bibil (interj. 
mhd. we! we!) 

Ib. Mslfr. gilt dies auch; nur ist sein lautwert der eines 
'bilabialen weichen Spiranten', reduciert gesprochen wie md. 
w (vgl. Sievers, a. a. o. § 15, 1 und 24,2 sowie Nörrenberg, 
Beiträge 9, 386 f.). Da auch rip. 'der dem alten w entsprechende 
laut noch bilabial ist', müssten wir die B. ma., wenn wir v für 
ursprunglich hielten, auf nd. gebiet, das v hat, verweisen, 
woran ja gar nicht zu denken ist. Demnach scheint B. v 
secundär entstanden zu sein, vielleicht unter fremdem einflusse; 



BISTUITZER MUNDART. 381 

Vgl. besoDderB magy. rumän. (auch labiodentales) t;. Z. b. tr. 

reissen (s. o.), winniffy Ix. wuosem* (s. o.), nmossen* etc. 

Anm. 1. Die bewahrnng des w- vor r war zn allen zelten ein 
wesentlicheB merkmal des mfr., das dafür heute b hat (rip. jedoch v), 
Z. b. kobl. brcedel, raedel (blndknebel, s. o.)t dazu brcedeln (festbinden, 
B. br^9ln\ ww. wreddel, reddgl, hunsr. rärel (knrxe, dicke Stange; 
junge buche, s. o.), sgl. brenge (s. o.), rip. vrenge [hess. ranzen (s. o.)]. 

Anm. 2. Mslfr. m\r*^ wie sonst md., obd. (schwäb.). 

Anm. 3. Elfi, bib^ (s.o.). 

II a. Inlautendes w nach vocal und ursprünglich auslau- 
tendes rv schwand stets; mundartlich auslautendes w (also nach 
abfall eines auslautenden vocals) wird zu /*. Vor -n [-/] wird 
'W- zu 'b' unter denselben bedingungen wie -v- = germ. -2r-, s. 
besonders § 24, 11 a. Z. b. i (ewa), frq^C {frtwida\ spiffn (spt- 
wem); g^l {gelo), mär (umgelautet < marawi), Snt {snio)\ h)^f 
(swaiawa)j fu'^rf {farawa)\ isvi {zwSne), fu^rvix (färbig), forvdr 
(färber); aber farbm (mhd. verwen), Svgibm (pl. von swalawa), 

Hbm (pl. von lervo). 

Anm. 1. Aber i*^€sn neben Uvekn (zwischen, zwiskem), z^st'9r 
{srvisi€r)\ Wolff a. a. o. 40 zieht auch B. ts^1i9r, sss. zeUcer (aus röhr 
geflochtener handkorb), hierher, indem er es auf *zwikar (wie mhd. zuber 
-^ zwibar) zurückfuhrt. Doch stimmt, wenigstens für B., der vocal durch- 
aus nicht zur Wulff 'sehen ableitung. Wie in t^^ein {zwiskim) und z^si'^r 
(got swistar) mUsste auch hier -e-, nicht -e- erscheinen. Auch ist auf- 
fallend, dass sich das wort meist bei ma. gefunden hat, die dem sl. ge- 
biete benachbart sind (nordböhm., oberlaus., schles., kärnth., bair., Ostr.). 
Auch Schmeller (Bair. wb. 4, 222) schreibt dem worte fremde (böhm.) 
herkunft zu. Vgl. noch magy. sicher (aus dem slav.?) entlehntes cökör, 
handkorb aus hast. 

Anm. 2. w schwand im anlaut des zweiten teils Zusammensetzungen 
in l^1c9t (iancivii), molC^ri^ (moUwerf), laem^t^ (Unwät), hpnt'^rfk^ 
(hantwerk), m^fgx {mittewoche) und in vielen eigennamen srnf -hf {tvolf), 
z. b. b^thf {birahtwolf) u. a. 

Anm. 3. n^^^-m in fu^bMs (vaiwische), (sv^lm^r (zwölfer [geld- 
stUck]); n;=s^^ in ärb^s (araweiz,). 

Anm. 4. Erhalten ist w in l\f (läwo) und fvix {^tv\c)\ doch sind 
beide schon wegen des vocals entlehnt (aus dem nhd.). 

II b. Auch mslfr., z. b. tr. häi {hewi\ fr&jen {fretven)^ gil, 

eifl. mfr (mürbe, auch umgelautet, s. o.), iwt* aber nie w> b 

(s, besonders § 24. II b) : fartven (pl. von farawa), schmalwen 

(pl. von stvalawa) u. s. f. 

Anm. i. Eifl. tr. Ix. (eschen (s. o.), Ix. sester, ww. eifl. sösier 
[köln. süster], eine interessante form), die sich auf hd. gebiete kaum 
anderswo als mfr. findet; B. tSfUpr oder ein ähnliches wort kennt das 



382 KiscH 

mslfr. — Yun der mal. cifl. Ix. ina. weiss ich es aus eigner «rfahruDg — 
Dicht (b. u.). 

A n m. 2. Eifl. läv/c^ 9f* (s. o.), mglt9rshdf* (s. o. § 5, II ; zur bedeatungs - 
entwicklttng vgl. B. ip^nvät [spinne, eigentlich spinnewit Spinngewebe]), 
m^tix^ (s. 0.). 

Anm. 8. Eifl. fg^lmfSy färmösch (s. o.); Ix. i^rbes^ erbes (s. o.). 

Anm. 4. Sgl. liaWj tr. twig , in denen w auch unregelmSssig er- 
halten ist. 

§ 18 a. Wostgerm. j, 

AnlautoDd ist/ teils als g teils als y, d. h. palatale, weiche 

Spirans, wie sie ndd. md. gesprochen wird (also nicht = sQdd. 

jQ, erhalten. Wo doppelformen neben einander vorkommen, 

haben die mit g- eine specielle bedeutung, was ftlr die ur- 

sprttnglichkeit der ^-formen spricht. In- und auslautend ist j 

geschwunden (hiefür beispiele in § 6, 8, 9, 11). Z. b. giner {jenir\ 

gintst (mhd. jensit), gaex (krautsuppe, md. ndd. jüche) — j€U>x 

(jauche), gom^m (schmerzlich verlangen, j&marön) — jom9m 

(jammern), gpkv — jttkv (Jucchen), ^p^^na^- (Johannes), sonst 

jgvk^ adj., jt^v adv. und sbst. (mhd. juncj Junge) u. s. f. 

Anm. y-=^;|r-, also die stimmhafte spirans ist stimmlos geworden 
in x^s9s\ (Jesus! als interj.), x^ 0^)« 

§ 18 b. Der lautwert des mslfr. (rip.) y stimmt zu B. /; 
auch sonst verhält sich mslfr. j wie B. Für den wandet von 
j > g habe ich ausser Gehannes (Johannes) weder mslfr. noch 
rip. sichere beispiele finden können — denn gce (ßähi) gehört 
nicht hieher und (mhd.) rip. gel {ieht) beweist nichts, da rip. 
jedes g- = j- ist ; vgl. Wolflf a. a. o. s. 64. Z. b. tr. jor (jär\ 
ww. Jahn {Jän^ sss. g<fn), Ix. Juochi (mhd. Jagei)^ Sgl. Jifke (s. o.), 
eifl. J^fndrn*, tr. Jömem (s. o.), tr. adj. Jonk (s. o.); wichtig ist 
dass sich weder mfr. noch B. das obd. buh oder md. knabe 
findet ; in beiden ma. heisst knabe Jong bez. J(fv). 

2. Die liquiden. 

§ 19 a. Westgerm. r. 

Das B. r, ein 'gerolltes alveolar-r', ist in der regel erhalten 

geblieben. Z. b. di^r {der), vi^r {wer), vu^r (wara), du^r {dara), 
Anm. 1. -r schwindet in hf— 9 (^r), än9 (immer, mhd. iener), t {ir\ 

häf (hiar)\ ml {mir), vo (war), dg (ddr)\ aber d9rbae (dabei), d9m6 

(darnach), d9{r)hfm (daheim), d9rtsä (dazu) u. s. f. 

Anm. 2. Durch assimilation (sonst wäre der vocal gedehnt) schwand 

-r- in fft9rH (superl. von fordar), vist {wirdis), vit"^ (toirdit), mpd9r 

(jnardai), fgd9rn (fordaron), fid9rn {furdiren). 



BISTRITZER MUNDART. 383 

Anui. 3. MetathcsiB zeigt hontr^k^ (mhd. han(wifrc) und die eigcn- 
uaiuon auf -drof (-darf) und -hrix {-berg)^ z. b. vu^lndrof (WallcDdorf ), 
humbrix (Hanenberg) u. s. f. 

Anm. 4. r=a-/ in t^imp^ln (mhd. tempern), i^rppi (irtberf), brutnel 
{brämberi)f marm^lsCe (mhd. tnarmelstein) ^ olmero^ (latein. armarium, 
mhd. almerltn)y baib\rn (barbieren). 

Anm. 5. Alle deminutiva bilden den plur. auf -r, Z. b. m{l%er 
(mädchen), sCr^y9Ux9r (eigentl. stricheichen), bä^g^Ux^r (bUchelchen), 
rfsk9r (dem. von ros\ jov^Ux^r (pl. des dem. von junge)\ Icpid9rx9r 
(pl. des dem. von chind) mit Verkleinerung der pluralform. 

Anm. 6. Hier sei auch der gebrauch der st. form im g. d. sg. f. 
und g. pl. des adj. auch nach dem artikel oder einem st. flectierten adj. 
erwähnt. Z. b. m^C dpr grüs^r kloU (mit der grossen glocke), ts9r 
mqC9r nu^xt {zi [deru] mitteru naht), di<*r otd^r frä \r zpn (der alten 
fran [ihr] söhn), tsvt di<*r hes9r ap9l (zwei der schünen Spfel), d9r hfUJ9r 
drp'^f l€%n9k'dox (eigentl. der heiligen drei künige tag). Hiernach er- 
klärt sich auch sss. norst (Neustadt ^^^ \in deru] niuweru steti). 

Anm. 7. Unursprünglich ist r in bqrhfqks (entstellung -<:: mhd. 
bilwiz) s. besonders u. 

§ 19b. Mslfr. r ist in der reget erhalten; dagegen schwindet 
rip. r vor dentalen (mslfr. nicht, wie B., nach den Schreibungen 
zu schliessen). Demnach wird auch der lautwert des mslfr. 
ein andrer sein. Mag nun auch die angäbe Vietors (Die rhfr. 
Umgangssprache in und um Nassau), der für das nass. 
angibt: V ist das ziingen-r; im nordöstl. rhfr. (d. h. rip.) da- 
gegen gaumenlaut' richtig sein, so unterscheidet sich mslfr. r 
doch von B. (zwar Zungenspitzen-) r dadurch, dass es nicht 
gerollt ist. Z. b. hör {h&r\ rvuor {rvara), 

Anm. 1. Mslfr. hoe{n), hie — e (s. o.), tr. I, hei^ tni, wo, dd\ aber 
derbeij demd, derhim, -ä-y derzü (s. o.). Wichtig ist, dass sich B. aus- 
schliesslich di^r {der) findet; rip. nie r- formen, sondern ^t>. Mslfr. hat 
(nach den Untersuchungen von Busch, Zs. fdph. 10,894) nur in den nürdl. 
teilen häufiger die, südi. der (sss. und die Jaader ma. [s. die einleitung] 
haben rfJ, vi [w^r]). 

Anm. 2, Hunsr. vedderscht (s. o.), eifl. mod9r*, 

Anm. 3. Lx. Mösirof, lothr. Als troff , Albes troff , Bistroff u. a. 
(Follmann a. a. o.), eifl. Hummer ich ^ malbrix* (Malberg) u. s. f. 

Anm. 4. Lx. Srpely msl. bromel, eifl. a(()m9raey balwieren (s. o.). 

Anm. 5. Auch mslfr, ja (Weinhold, Mhd. gr. § 261) specifisch rhfr. 
mfr. Z. b. tr. ströckelchen (strickchen pl., B. sCr^k''9ltx9r)y jöngelchen 
dem. von jungo); könnercher (kindchen), mcßdercher (mädchen) etc. 
Interessant sind besonders die Verkleinerungen der pluralform und die 
(Übrigens gemeinmd.) Verbindung von -chen {-kin) und -el (-/in), von 



384 KiscH 

denen letzteres allein sowol mslfr., als B. ungebräuchlich ist, woi aber 
die entsprechnngen von -kiiu 

Anm. 6. Auch mslfr. regel (s. o.), z- b. tr. mödd semer starker 
stömtn (mit seiner starken stimme), Ix. an onserer deiischer sprSch (in 
unserer deutschen spräche) etc.; nprsi^ (s. o.) vergleicht sich ,eifl. 
Neuerburg ir^[an der] naier bürg [in diru] niuweru bürg). 

Anm. 7. Vgl. hess. berlewitz (ähnliche entstellung *^ bilrviz wie 
B.) ; B. Vilmar a. a. o. unter berlewitz. 

§ 20 a. Westgerm. /. 

Westgerm. / bleibt im allgemeinen erhalten; seinem laut- 
werte nach ist es das harte, mit tiefem timbre gesprochene 
slay. (russ. poln.) [durcbstrichene] #, das oft schwach, ja mit- 
unter gar nicht zu hören ist. Z. b. kH<fl {chliuweRn), Ifr/i n. 
(dem. von lirahha)\ ipäiiff neben -/- (spttlschaff, gefäss ftirs 
spdlicht, zu spuolen und scaf)y vu^ndrof neben -/- (Wallendorf), 
dzu (so < a/jr5), buriX'hän neben -/- (nom. pr., burghalle[n], mit 
echt frk. nd. halia)^ in denen allen / 'selbst den letzten con- 
sonantischen rest verloren hat'. 

Anm. 1. / =^ r in Iipb9r (mhd. kobel), / :^ m in kmaod9r (mhd 
slüder), 

Anm. 2. Umstellung des / mit einschub in den stamm in nolt 
{nädala, md. nälde), neben npy^t. 

Anm. 3. Die (alem.) zusammenziehungen mhd. son -^ soln^ wen -<z 
wellen kennt auch B. zin (mhd. nbf. süln\ ven {wollen), 

§ 20 b. Auch mslfr. / bleibt meist ; der lautwert des mfr. 

/ dürfte nach den angaben darüber unserem / mindestens sehr 

nahe kommen ; von dem eifl. / (z. b. bei St Vith) kann ich dies 

auf grund eigner beobachtung bestätigen. Vgl. '/ hat am Nrh. 

u-timbre', Nörrenberg a. a. o. 404, anm. 3; Ix. eifl. / ist gedehnt, 

die dehnung ist zugleich erweichung und der erste schritt zur 

Yocalisierung, sagt Busch a. a. o. und bezeichnet das eifl. / mit 

'polnischem /', wenigstens 'vor explosivlauten'. Für die tr. ma., 

'deren / sich vom hochd. / unterscheidet', vgl. Laven a. a. o. 

XXV, I. Auch Schreibungen wie Ix. kärel (Karl), kerel (kerl) 

etc. sprechen für die ähnlichkeit zwischen eifl. Ix. tr. / und B. 

/. (Hartes, tiefes / hat auch das frk.-henneb. und nordschles.). 

Eifl. kleiel (s. o.), tr. leerche(n) n. (lerche, s. o.), msl. esu (s. o.) 

Anm. 1. Mslfr. nol (s. o. anm. 2). 
Anm. 2. Sgl. sonn, wonn (s. o. anm. 3). 



BI8TRITZER MÜNDAllT. 385 

3. Nasale. 

§ 21 a. Westgerm, m, 

Westgerm. m erscheint (mit ausnähme der flexions-m, die 

zu '11 wurden) in der regel als m. Z. b. auch in bäs9m {besmo\ 

bäzdm {puosam\ tsäk%mff (zuokumft), 

Anm. 1. m^=^n auch in f^dn {phSdamo), odn(ätum\ e'^dn {eidum), 
durch aBsimilation in /cunpn (part. prs. von ckoman\ *lcun {ckoman), wo- 
raus allein sich Icu nach §22, IIa erklärt, femer n^n)^ (2. p. pl. prs. und 
imperat. von niman), *nint woraus ni {niman). 

Anm. 2. -m + ^-:=^v in bgv9rf (mhd. boumgarie), 
Anm. 3. m:^^vor/ (vgl. § 24, II a) in i<*rb9l (ertnüo, mhd. nbf. 
erblinc), drib^l (mhd. drum, drümmel), 

§ 21b. Gilt auch mslfr. Z. b. eifl. b(t*ssem (s. o.), bodem 
ipodamo), wvi^. fadem {fadam). 

Anm. 1. Eifl. ku{n) [choman)^ kui (2. p. plur. prs. und imp., B. 
k*^ut'\ Ix. kil (3. p. sg. prs., B. k^'iC). 

Anm. 2. Eifl. Ix. bongert (s.o.). 

Anm. 3. m=^b kennt auch das mslfr., so bit, bet {mit) neben m-, 
butz (kuBS, B. u. § 22, la, anm. 6). 

§ 22 a. Westgerm. n. 

Das B. n ist, soweit erhalten, 'snpradentales, dorsal-alveo- 
lares n (Sievers n^); doch wird es auslautend nach labialen 
labialisiert (> m), nach gutturalen gutturalisiert (> v). Z. b. 
obm {ovan\ räfpm (pl. von ruoppd), lüfm (louffan), rfskv (dem. 
von ros), ligv Qugin), roxv (mhd. rouchen). Im sss. verhält 
sich dies anders ; Scheiner a. a. o. schreibt z. b. dwk^n (denchen)^ 
das B. divkv gesprochen wird. 

I a. An- und inlautend bleibt n, nur vor altem /; s schwindet 
es. Z. b. /(>y (fin/), f9rn&ff {fimunft), fufisd, -tsix {finfzehan, 
finfzug)\ d(fnn (dinsan), tsgi^s (zins), gq'is (gans), bläCrfsfix 
(bluotrunsec). In nebentoniger silbe schwand n (vor s) in d9s 
morjdsC (mhd. des morgens), 9s (uns), &m9sf (ioman), näm9sf 
(tiioman), zaemdsdrqf (Simonsdorf, < ^ixrMns-drqf), 

Anm. 1. Aber ^nis9lC (unslit), l^nis (linsi), pnis {uns), bei B. aos, 
zfn9s {s€gansa)\ keine ausnahmen sind natürlich falle wie zptrfi' (sinaf), 
huti9f {hanaf), dä^ntsC (dionöst), i^rntst {irnust) etc., wo n nicht un- 
mittelbar vor f, s stand. 

Anm. 2. v vor s schwand in f^isin {*pfingustin, alem. pfiste), 
hpfst {hetigist), [sss. dp^stix (afr. dingestag, B. d^tsi'px)] ; n vor k in 
^i/rM (neben gewöhnl. g(^i9k*'\ mhd. gan€\) 

Anm. 3. Auch die subst. auf-tit^ werfen n ab. Beispiele s. § 15a. 

Ueiträt^e lur gedohlohte der deatsohen ipraolM. ZVU. 25 



386 Kiscii 

A D m. 4. Durch homorgane assimilation ward 7i^^m in vaem^r 
(whiberi), taem9t (linwät), hierzu laemdäx (leintuch), bei B. ^/ms (inbiz.), 
fm9r (einbar); auf asBimilaHon beruhen auch ip^l (spinnala), holt9rt 
(holuntar), fl {eiina)\ hfvk'^pl {huoninchiii\n]), ink'^il (eninchiHn); auf 
dissimilation zutn^ln (samanön). 

Anm. 5. Das unorganische n in nosi' (ast) erklärt sich wol aus 
dem unbestimmten artikel; das n (») in flrz^vlc' (pfirsich), r^'^C^k'^ 
{retich) [nach analogie dieser aodrptk'' (gurke -^ *üdr^{»)k -^ üdorek, 
-^ *ugorek zu magy. ugorküt poln. ogurek gurke)] durch anlehn nng an 
die Bubst auf -l^k'' -^ -ling. 

Anm. 6. Mit bezug auf das nhd. sind interessant 2^11^ (seit, mhd. 
sinl), zpst*^ (sonst), pnzosf (mhd. umbe sus). 

Anm. 7. Nach der obigen regel (1 a) wird sich auch das umstrittene 
m(^tsn küssen ^<^ *monisn -<=: *munt(az)zen (nicht ^^^ smackezen) erklären, 
worauf die vergleichung mit den rheinischen ma. fUhrt, vgl. ww. mund- 
sen^ monsen (küssen) zu munds, mons (mäulchen, kuss), ferner ww. 
mutzcfi (maulen, den mund aufwerfen), eifl. (wo gm. m- :^ b- auch sonst 
sich findet), buU (kuss) und besonders motsen*, das sich — nach der 
aussage eines Trierers — in der bedeutung ^küssen' an der untern Mosel 
findet. Zur bedeutungsentwicklung vgl. lat osculumy kleiner mund und 
kuss, auch nhd. mäulchen = kuss. Dass sowol B. als mslfr. ftir mund 
nur maol gebraucht wird, macht gar keine Schwierigkeiten. Denn die 
erhaltung eines sonst ausgestorbenen wortes in specieller function ist 
etwas in allen ma. gewöhnliches (vgl. swb. mömpfl-^ mundvoll , aber stets 
maul, nie mund). Dass der vocal nicht zum ersalze gedehnt ist, hat 
seine analogien, z. b. bläl^rest^ix (bluotrutisec), fuft$9 {finfz€han)\ — Sgl. 
moffel (mundvoll [auch hier stets mull, nie mund]). Vgl. noch Kramer 
a. a. o. B. S9 f. 

§ 22 b. Da 8icb mslfr. n (besonders im osten) ähnlich verhält 
wie B., so wird auch sein lautwert dem des B. n nahekommen. 

Ib. Genau so mslfr.; diese eigentümlichkeit — den abfall 
des n vor f, s — teilt das mfr. mit dem nd., während schon 
das hess. den ausfall nicht gestattet; ausserdem kennt noch das 
alem. (swb.) diese höchst interessante lauterscheinung. Vgl. be- . 
sonders D. ma. 7, ISAF. 191 flF. Vgl ferner sgl. vemöft (s. o.), 
hunsr. fufze^ f^f^io\ *r. Ix. eifl. däsen (s. 0.), msl. gcese (gänse), 
ww. &, hunsr. üs (neben ans, sogar noch nfr. (ms\ ww. hloul- 
röstig (s. 0.), hunsr. des morjets (s. 0.), Ix. es, ww. oeimes, hunsr. 
{n)immest^ Sgl. {n)6mes (s. 0.). 

Anm. 1. Aber msl. Ix. enzelt, Ix. lenz, msl. sfnts*\ dagegen rip. 
(Sgl.) iseU, sdes (vgl. sss. fWr", lg$)\ aber sgl. sanft (s. o.), eifl. hun^f, 
Sgl. denst etc. 

Anm. 2. Eifl. dostich, sgl. deastichj msl. d^ntstix*\ doch mslfr. rip. 
pengcslen, hengest, gankl (gehe!). 



UISTRITZEU MUNDART. 387 

Anm. 3. Auch mslfr. (rip. nicht), b. besonders § 15b. 

Anm. 4. [Krefeld. mmeHrvinberi)], Sgl. d^mes (ifüftT;}, malfr. Smer^ 
ämer (emhar)\ kenkel vgl. § 9 b, anm. 2. 

Anm. 5. Lx. näst^ allgemein mslfr. n-, wie in sehr vielen obd. md. 
und nd. ma.; hunsr. persching^ lx. p\{r^9w (pfirsich). 

Anm. 6. Sgl. sender (seit), ww. soss, sust (sonst). 

II a. Ursprünglich auslautendes n (stammhaftes und flexions- 
n) schwindet spurlos nach mundartlichem vocal, ausser o", oV 
und ä, sofern sie westgerm. -äw-, -(;'-, -w-, -ih-, -aij-, -iuw-, -ew- 
bez. "üw-, '6rv-, -ouw- entsprechen; sonst bleibt n erhalten. 
Z. b. da {tuon), bräi (brennen, mhd. brüejen\ h§' (b^an), slo" 
(slahan), hu {hdbin), mae (min), nae (niun), f\ 9 (ein), tsdf (zuh 
?ian)] — /rj^'m (mhd. vrien), d(ffn (ßhan), ng^mf^n (die letzten 
Worte eines andern im gespräche widerholen, nach kindischer 
gewohnheit, *nähsniwan), k^m (chiurvan), flofn (mhd. vlöurven)^ 
kUo'n (pl. von chläwa)] bän {büwan), k^rän {chrouwön); lig» {lugin), 
k^aldn (mhd. kelten), obm (ovan), zäfkv {suohhan), lätn (pL von 
letto), Hm (lehren und lernen, wie ahd. mhd. liren)^ fürn (nbf. 

tum), fäin {fuolen), väln {wuolen), mu^ln {tncUan), moln (mäldn), 

Anm. 1. Das flexions-n der conjugation wird mit stammh. -n-, -nn- 
synkopiert: /r^fn (chunnan), graen (weinen, grtnan), rfn (mhd. r^i^^n^n), 
9rdtfn (erreichen, mhd. crdenen\ l^ (leinen) [über nd, np^>-n s. § 29a 
anm. 5], aber maen9 (meinen), Z€ien9 fr^nd9n9 (seinen freundinnen), fitp 
(einen), Icin^g^np (könlginnen). Nach (falscher) analogie der adj. mit 
ursprünglichem -n auch ^f d9m g{n9 rä^x (^^^ ^®™ jähen [berg]), m^t 
dn grpn9 liUd^r (mit den grauen k leidem) u. s. f. 

Anm. 2. Das -n der 1. sg. präs., das sich — die praeteritoprae- 
sentia natürlich ausgeschlossen — unter den obigen bedingungen (IIa) 
stets findet, erklärt sich nach analogie der Wörter, die ahd. noch -m, -n 
'<^ -mi haben (II. III. sw. conj. und die verba auf -mi), s. u. Z. b. %% 
äsn (ich esse), ix frä^zn (ich friere), fu<^m (fahre), drffn (drohe, dräue), 
mpxv (mache, machdn), frggn (ih frägin), laedn (leide, altrbfr. [Willi- 
ram] itdon), bphp^in (altrhfr. behalton), vi^rn (werden, altrhfr. wirdon) etc., 
aber nach IIa da (tue), bf (bähe), tsä^ (ziehe), Mo (schlage) u. s. w. 

Anm. 8. Die ursprüngliche form bewahren bo^ (b\a), b\r (bira), 
gästpr (nbf. gistre), 

Anm. 4. Obige regel gilt ausdrücklich von ursprünglich einfachem 
auslautenden 7i. Z. b. r^n (rinna und -an), g^bin (Zimmerdecke, mhd. 
büne)t z(^n (sunna), d^n (dunni)^ grün {granä). Aber Icp'lsf^] (kann[st]), 
m(f {man [-nn-]), weil hier wurzel -n früh auslautend ward. In der flexion 
tritt n wider hervor; z. b. ipfnixi (dem. von ipg' [spän]), maen^i*^ (meines). 

Anm. 5. Nicht abfall des -n, sondern Übertragung der form des 
nom. pl. liegt vor in dem durchaus dem nom. gleichen dat pl., z. b. 
däfx (tage und tagen), Ic^nd9r (kinder[n]) etc. 

26* 



388 KiscH 

Anm. 6. In Ar Im (chumin) hat sich -n vorhergehendem y/i assimiliert. 

II b. Hslfr. gilt im allgemeineD euphonisches n (n schwiudet 
vor C0D8. inmitten der rede), im osten vollständiger abfall ausser 
nach i, r (w\v. nach vocal Verflüchtigung des n, so dass es kaum 
hörbar ist, zu einem nasalierten halhvoeale, wie fz.) und im sgl. 
(ausser nach ü, i, nach denen 71 > v wird). — Kip. stets nach 
üj i (in manchen gegenden auch nach andern laugen vocaleu) 
n > » (natürlich ganz verschieden vom ww. nasalierten halb- 
vocale), sonst ist n (nach Heinzerling) meist erhalten (vgl. nördl. 
vom Bodensee eine strecke weit {/an > gov als Übergang von 
südl. gd zu nördl. gao [d. h. nasal vocal], win > ww, südl. h% 
nördl. wa^ u. s. f.). Diese für das rip. charakteristische Wand- 
lung des n > » [sss. z. t n > », z. t. n > n] kennt das mslfr. 
(ww. hnnsr. msl. seifl. slx.) und B. nicht. Z. b. mslfr. mei, mein 
(dies vor vocal), rip. (auch Sgl. neifl. nix.) ming, -e-, mslfr. wei(n) 
— wing rip., brau(n) — brung, -0-, zau{n) — zung etc.; ww. 
ma^ {nnrC), sü {scöno\ aber eich (lkse(n) (ich esse, B. aex dsn), 
wem (werde, B. vi^rn)^ verdarbe{n) (verdorben). 

Das B. n steht denmach auch in diesem punkte dem mslfr. 
viel näher als dem rip. Z. b. bdb {bdjan, s. o.), älo (slaha^i), 
hu{n) (haben) j mei{n) (iwm), nei{n) (wm^^), e{n) (ein); fr&je^x 
(frouTveti), siraa*en (strengen), msl. frän (pl. von frourva), eifl. 
Pftä9n (mhd. phetzen), Ix. kukken (mhd. gucken, B. k'ukis), teschen 
(zwischen, wie B.) u. s. f. 

Anm. 1. Ostmslfr. konn (chunnau), spenn (spinnan) etc.; dagegen 
westmslfr. rcenen, greinen (weinen, s. 0.); gemein-mslfr. seine (seinen), 
grSne (grünen, s. o.), gcene (jähen, s. 0.), ir. ihnder (comp, von \ [er\, B. 
J«/'pr) etc. 

Anm. 2. Gilt von jeher 'ganz besonders rhfr.', mslfr., s. Braune, 
Ahd. gr. § 305, anm. 4. Weinhold, Mhd. gr. ' 887. Z. b. tr. ich (ehse